Schon lange bin ich ein Fan des indischstämmigen, britischen Wissenschaftsautors Simon Singh. Sein Fermats letzter Satz hätte mir, wäre es mir in der Schulzeit begegnet, die Motivation zu einer wissenschaftlichen Karriere gegeben, und ich wäre heute Physiker, Biologe, Chemiker oder Genetiker.



Singhs zweites Buch, Geheime Botschaften, das die Geschichte der Kryptographie von antiker Geheimschrift über die Enigma, bis hin zu heftigster digitaler Verschlüsselungstechnologie der Gegenwart und nahen Zukunft umreißt, ist nicht minder packend und lehrreich.

Auch das dritte Werk des Autors, The Big Bang, das erklärt, wie wir Menschen über die Jahrtausende das Universum vermessen konnten, ist hoch faszinierend. Was mit einer kruden Berechnung des Umfangs der Erde in der Antike beginnt, reicht bis zum Nachweis des Urknalls – übrigens ein schwerer Schlag für die Schöpfungslehre. Faszinierend insbesondere, weil der Mensch nur beobachten konnte, nicht aber nennenswert durch Raum oder gar Zeit zu reisen vermochte.

Simon Singhs viertes Buch aber unterscheidet sich etwas von den vorhergehenden. In Trick or Treatment – Alternative Medicine on Trial beschäftigt sich der Wissenschaftsautor mit der Wirksamkeit der Alternativmedizin. Zusammen mit Edzard Ernst, dem weltweit ersten Professor für Alternativmedizin, beleuchtet der Autor die gängigsten Heilmethoden abseits der Schulmedizin. Entstanden ist ein absolut empfehlenswertes, aufschlussreiches Wissenschaftswerk, das für Laien leicht verständlich ist. Und ein absoluter Augenöffner (!) ist es noch dazu.

Inhaltlich ist das Buch in sechs Kapitel aufgeteilt, deren Titel ich hier grob selbst übersetze, da eine deutsche Version noch nicht vorliegt:

1. Wie stellt man die Wahrheit fest?
2. Akupunktur
3. Homöopathie
4. Chiropraktik
5. Pflanzenheilkunde
6. Ist die Wahrheit überhaupt wichtig?

Dazu findet sich noch ein ausführlicher Appendix mit 36 weiteren Therapien, die ausführlich beleuchtet werden, von Feldenkrais über Feng Shui, TCM und Ostheopathie bis hin zu Yoga.

Im ersten Kapitel gehen die Autoren auf die Geschichte der Schulmedizin ein, die rund 2000 Jahre lang im Grunde aus nichts als glorifizierten Hausmittelchen bestand und z.B. durch Aderlass mehr Patienten tötete als rettete. Erst mit dem Aufkommen erster klinischer Studien (die natürlich erst im Nachhinein als solche bezeichnet wurden) bei der Erforschung von Heilmitteln gegen Skorbut vor rund 200 Jahren (1754) war die klassische, wirkungsorienterte Schulmedizin geboren. In Folge stellen die Autoren vor, wie das Prinzip der klinischen Studie über die Dekaden verfeindert wurde und heute narrensicher funktioniert.

Üblicherweise sind klinischen Studien mindestens doppelblind, randomisiert und placebokontrolliert. Im Großen und Ganzen bedeutet dies, dass weder Patient noch Arzt wissen, ob nun echte Medikamente zum Einsatz kommen oder nur wirkungslose Placebos; sowie dass die Patienten nach Zufall auf die Testgruppen aufgeteilt wurden und nicht z.B. unterbewusst nach Schwere der Erkrankung. In diesem Kapitel etablieren die Autoren, wie Medizin und Therapien aller Art rein wissenschaftlich und somit völlig wertfrei auf nichts als ihre messbare Wirksamkeit getestet werden.

In den folgenden vier Kapiteln beleuchten die Autoren die vier beliebtesten Strömungen der Alternativmedizin und fassen so ziemlich alle verfügbaren ernsthaften Studien der letzten Jahrzehnte zum jeweiligen Thema zusammen. Wichtig hierbei ist der Kernsatz: Auch eine Million Erzählungen machen noch keine Fakten. In diesem Teil des Buches müssen einige der Alternativheilmethoden ordentlich Federn lassen, weil eine Wirksamkeit abseits des Placebo-Effekts (der übrigens auch bei klassischen Medikamenten zusätzlich zur eigentlichen Wirkung eintritt) in einigen Fällen schlichtweg nicht nachgewiesen werden kann.

Das sechste Kapitel wirft einen besonders intensiven Blick auf den Placebo-Effekt und seine Implikationen in allen Therapieformen, der eine nicht unerhebliche Rolle in allen Spielarten der Medizin spielt.

Witzigerweise verlieren die Autoren (ich nehme an, dass Singh das Buch alleine geschrieben hat und Ernst die Forschungsergebnisse lieferte, aber das ist reine Spekulation) im Verlauf der Erklärungen immer wieder und immer stärker die Contenance. Was zunächst wie einzelne Ausrutscher anmutet (beispielsweise der Gebrauch des Ausdrucks quackery – Quacksalberei), entwickelt sich im Lauf von ca. 300 Seiten zu immer heftigeren und durchaus amüsanten Tiraden gegen die erwiesenen Scharlatanerien unter den alternativen Behandlungsmethoden.

Wer könnte nicht mitlachen, wenn ein Homöopath meint, mit Lösung von Berliner Mauer gegen eine Krankheit angehen zu können? Wer kann sich der Logik hinter der Frage entziehen, wieso ein Medikament noch wirksam sein soll, wenn dessen Verdünnung einem einzigen Wirkstoffmolekül in einer Wasserblase vom Durchmesser einer Astronomischen Einheit entspricht? Wieso annullieren manche Leute die Wirkung ihrer ärztlichen Medikamente mit der zusätzlichen, gut gemeinten Einnahme von Heilkräutern, aber erzählen ihrem Arzt nichts davon? Wie konnte eine Neunjährige die absolute Wirkungslosigkeit eines ganzen Heilberufsstandes in einem Schulprojekt nachweisen?

Erfrischend frech also, aber dennoch stets sachlich und den Pfad der Wissenschaft und Logik niemals verlassend, arbeiten Singh und Ernst die vielen Mythen der Wirksamkeit der Alternativmedizin auf. In einer Multimilliarden-Dollar-Industrie, die vielerorten keinerlei staatlicher Kontrolle unterliegt und deren Vertreter oft über keinerlei medizinische Grundausbildung verfügen, war ein Buch wie dieses schon lange nötig. Solange der Alltagsmensch versucht wird, auch noch in höchster gesundheitlicher Verzweiflung auf anerkannte schulmedizinische Heilmethoden zu verzichten und sein Geld lieber für möglicherweise wirkungslose oder gar schädliche alternative Heilmethoden zu stecken, ist ein Buch wie dieses dringend nötig.

Freunde von Freunden haben die Wirksamkeit alternativer Behandlungsmethoden ja immer schon erlebt, man hat irgendwo einen beeindruckenden Artikel gelesen, der Apotheker hat schon so manchen Hinweis fallen lassen, und manch Leser dieses Posts mag vielleicht selbst auf das eine oder andere Mittelchen schwören. Gut und schön.

Doch erst wenn die Wirksamkeit eines Mittels jedoch auch klinisch nachgeprüft werden kann, wird die Behandlungsmethode auch von der Schulmedizin akzeptiert. Das absolut Schöne an der Schulmedizin ist ja ausgerechnet, dass praktisch jede einzelne Behandlungsmethode, die heute bewährt ist, zu irgendeinem Zeitpunkt einmal die wilde Theorie eines Außenseiters war. Sei es das Impfen oder der Ablass vom Aderlass – die Schulmedizin besteht aus nichts anderem als bewährten Anwendungen ehemals alternativer Heilmethoden.

Ich verrate bewusst nicht, welche Heilmethoden sich im Buch in den zugrundeliegenden Studien als unwirksam herausgestellt haben und welche empfohlen werden können, denn a) würde mir das niemand glauben, b) wäre es gemein gegenüber den Autoren und c) ist es sowieso sinnvoller, sich vom Autor an der Hand nehmen zu lassen und Argument für Argument, Baustein für Baustein von der absoluten Unerschütterlichkeit der getroffenen Aussagen überzeugen zu lassen und staunend bis spät in die Nacht zu lesen.

Festzuhalten ist: Wer in irgendeiner Form an Gesundheitsthemen interessiert ist (und sei dies allein dadurch, dass er lieber länger als kürzer leben möchte), der sollte dieses Buch lesen. Wer sich bereits einer alternativen Heilmethode verschrieben hat, der sollte dieses Buch allein schon deshalb lesen, weil diese Heilmethode von einem neutralen, wissenschaftlichen Standpunkt aus beleuchtet wird. Und wer absolut und felsenfest überzeugt hinter seiner persönlichen alternativen Heilmethode steht, hat sowieso nichts zu befürchten und sollte dieses Buch einfach lesen, um die andere Seite dieser Heilmethode sehen zu können.

Auch wenn der Ton des Buches manchmal ein wenig befremdlich (bis amüsant) anmutet, werden die zugrunde liegenden Fakten niemals außer Acht gelassen. Ich halte Trick or Treatment bereits jetzt für eines der wichtigsten Bücher des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts.

Die deutsche Ausgabe ist noch nicht erschienen.

Eine Antwort zu “Lesetipp: Trick or Treatment”
  1. alexis von croy sagt:

    Ich bin auch Ihrer Meinung. „Trick or Treatment“ ist ein hervorragendes und seriöses Buch. Tatsächlich bleibt nach der Lektüre nur wenig Raum für den „Glauben“ an die Wirksamkeit der Homöpathie. Mich hat das Buch in meiner extrem ausgeprägten Meinung („Vorurteil“) gegen die Homöopathie bestätigt, aber es it absolut glaubhaft, dass das nicht die Absicht der Autoren war.

    Dieses Buch sollten mal ein paar der Leute lesen, die beschlossen haben, dass Krankenkassen für die homöpathische Behandlung aufkommen sollen.

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