Sinnkrise trifft Reißleine

Erklärung:

Ich betreibe dieses Blog nun seit 14 Monaten. Ursprünglich vorgesehen hatte ich es als informative Webseite mit dem Schwerpunkt auf dem Beruf des Filmjournalismus, aufgelockert durch diverse filmbezogene Nachrichten, Kommentare und Ähnliches. Ich wollte mit diesem Blog den Lesern von meiner Arbeit als Filmjournalist sowie von meinem Alltag als Betreiber von (Firmenname in Umfirmierung) berichten, außerdem wollte ich Kollegen die Möglichkeit geben, sich selbst zu Wort zu melden, sei dies per Kommentar oder auch mit eigenen Beiträgen.

Was ich keinesfalls wollte, waren Konflikte, Aufregung, Mißverständnisse und generellen Zwist. Ich war der Meinung, dass konstruktive Kritik zu diversen Geschehnissen aus dem beruflichen Alltag zu einem Diskurs und schlußendlich vielleicht sogar zu für alle Seiten positiven Veränderungen führen könnte. Ich war sogar der Meinung, dass persönlichere Kritik, von der Seele geschrieben in frustrierten, meist nächtlichen Stunden und nach oft unschönen Erfahrungen, letztlich einen postiven Effekt haben würde, nämlich, dass eine offene Diskussion in den Kommentaren und die Nachlesbarkeit dieser Diskussionen im Internet eine langfristige Veränderung der für manche Journalisten unangenehmen Situationen mit sich bringen könnte. Ich hatte darauf gesetzt, dass Synergieeffekte entstehen könnten zwischen Verleihern, deren Filmpresseagenturen und uns, den Journalisten, die in einem gänzlich anderen Boot sitzen. Ich war davon ausgegangen, dass all meine Kritik, auch die persönlichere, letztlich als konstruktiv erkannt würde.

Doch offensichtlich ist ein Blog nicht der richtige Weg dafür. Nach nicht wenigen Veröffentlichungen über bisweilen verbesserungswürdige Zustände in unserer Branche erfahre ich deutlich mehr negatives Feedback als Gesprächsbereitschaft von Seiten der Veranstalter – sofern sie überhaupt auf die entsprechenden Seiten aufmerksam (gemacht) wurden – und nur geringes öffentliches positives Feedback von Kollegen. Mit letzterem ist übrigens ausschließlich schriftliches, namentlich nachverfolgbares Feedback gemeint, in etwa dem einer öffentlichen Unterschriftensammlung entsprechend. Danke natürlich auch an alle offline-, aber persönlichen, und online-, aber anonymen oder pseudonymen Positiv-Kommentatoren, die hier jedoch nicht gelten können. Aber:

Solange letztendlich allein mein Name auf der Liste der Unzufriedenen zu finden ist, sehe ich keinen weiteren Sinn darin, als einziger meinen Kopf in die Schlinge zu stecken, indem ich öffentlich Kritik gegen das System übe.

Ich hatte ganz ehrlich gehofft, dass dieses Blog einen Nerv unserer Branche treffen würde, dass es Kollegen eine Möglichkeit geben würde, über konstruktive Kritik mit „der anderen Seite“ in einen positiven, öffentlichen Dialog zu treten, und dass sich aus so einem Dialog eine veränderte, verbesserte Arbeitssituation für uns alle ergeben könnte. Ich hatte gehofft, dass sich dieser Dialog automatisch und ohne mein weiteres Zutun aufspannen würde, doch das ist nicht geschehen.

Stattdessen haben sich die meisten Kommentare zu den entsprechenden Posts fast ausschließlich auf mich und meine Sicht des jeweiligen Ereignisses bezogen und weniger auf das Ereignis selbst, zu keiner Zeit wurden jedoch relevante Stellen gezielt mit in die Diskussion geholt, eine gepflegte Diskussion kam nicht zustande, auch nicht offline. Ich bin den Veranstaltern jedoch auch nicht hinterhergelaufen.

Leider ist außerdem eingetreten, dass meine Person als eine Art Speerspitze gesehen wird, als jemand, der für eine anonyme, nicht genau umrissene Menge von (angeblichen) Kollegen den Kopf hinhält. Man sagte mir unter anderem, ich solle nicht anderer Leute Schlachten schlagen, prophezeihte mir, wohl bald neben einem Pferdekopf aufzuwachen und interpretierte mich schon als den Michael Moore des deutschen Filmjournalismus sowie ein Flammenschwert schwingend.

Es ist mal wieder Torsten, der (übrigens nicht anonym!) auf den Punkt bringt, was ich mit dieser Erklärung eigentlich sagen möchte:

Und stell dir mal die Frage, WARUM deine schulterklopfenden Kollegen, denen du ach so tief aus dem Herzen sprichst, bisher in der Öffentlichkeit schweigen. Kann es sein, dass die sich freuen, dass sich jemand für sie, aber nicht in ihrem Namen eine Zielscheibe auf die Brust malt?

Aus diesem Grunde habe ich beschlossen, die antiamerikanischen Umtriebe Systemkritik ab sofort auf unbestimmte Zeit auszusetzen. Ich konzentriere mich nun wieder mehr auf meinen Broterwerb und meine Seite und lasse das Verbessern der Arbeitsumstände freier Filmjournalisten einfach andere machen. Meiner persönlichen Erfahrung nach wird es also niemand tun.

In diesem Blog, der natürlich weitergeht, wird es in Zukunft daher eher klassische Magazininhalte geben und weniger brancheninterne Informationen, wie eigentlich durch den Namen des Blogs vermittelt wurde. Ich finde das sehr schade, aber wieso sollte ich mir ins eigene Fleisch schneiden, am Ast sägen, auf dem ich sitze und die besagten Schlachten für alle schlagen? Alles, was ich bisher durch das Bloggen erreicht habe, waren diverse recht deutliche Ansagen mancher Veranstalter, wohlmeinende Warnungen von Kollegen und nicht wenig, aber anonymes bzw. nicht-öffentliches und somit nicht-nachhaltiges positives Feedback von weiteren Kollegen.

Daher sehe ich mich gezwungen, an dieser Stelle die Reißleine zu ziehen und begebe mich hiermit zurück auf Anfang, um nicht als Netzbeschmutzer Nestbeschmutzer mißverstanden zu werden. Ich will sicher nicht so enden wie Eric Snider, dem nach einmaliger Erfahrung in einem Teilaspekt des Filmjournalismus der Kragen platzte, sich bei der Veröffentlichung seiner Erfahrungen auch noch etwas ungeschickt anstellte und in Folge gewaltig gedisst wurde. Ein fahler Nachgeschmack bezüglich der Aussprechbarkeit von Wahrheiten bleibt daher auch bei mir. Sei’s drum.

In Zukunft werden also die Entertainment-Inhalte auf diesem Blog vorherrschen. Dem werten Leser sei jedoch versichert, dass meine Einschätzung von Filmen und meine Kommentare zu anderen Themen auch weiterhin unbeeinflusst bleiben und die meinen sind. Wenn ich in Zukunft mit etwas darüber hinausgehenden nicht einverstanden bin, werde ich das um des lieben Friedens Willen wohl einfach für mich behalten.

Ich hoffe, die werte Leserschaft kann sich mit dieser notgedrungenen Kursänderung anfreunden.

5 Gedanken zu „Sinnkrise trifft Reißleine“

  1. Es ist einerseits schade, dass die durchaus anregenden Posts nun nachlassen. Aber letztlich darf ich mich nicht beschweren, denn auch ich habe selten öffentlich Stellung dazu bezogen. Auch wenn ich oftmals in persönlichen Gesprächen mit Dir, aber auch Agenturen, die Missstände angesprochen habe und mich solidarisch bekannt habe, so fehlte wohl die echte öffentliche Unterstützung hier direkt bei der entsprechenden Diskussion.
    Dass in der Branche leider einiges schief hängt ist wohl unbestritten (außer von denen, die davon profitieren), dennoch geht es in anderen Branchen noch schlimmer zu, insofern können wir uns wohl noch einigermaßen glücklich schätzen 😉

  2. Im Medien- bzw. Pressegeschäft kann man es sowieso niemandem immer recht machen: Mal eckt man bei Mitbewerbern (etwas freundlicher auch Kollegen genannt), mal bei der Industrie an. Dies betrifft sowohl die schreibende als auch fotografierende (videografierende) Zunft. Vielleicht wäre ein Passwort geschützer Bereich, ähnlich wie bei Press Pool interessant, um sich mit Kollegen „intern“ auszutauschen. Und eben im Rahmen so eines internen Forums kann auch eine Rubrik für Probleme innerhalb der (Presse)branche eingerichtet werden.

  3. Hi Julian,

    ich find diesen Schritt von Dir gut. Es gibt nunmal Sachen, die man allein nicht ändert. Und mit denen man sich derbe auf die Fresse packen kann. Zumal Dein Ruf bei diversen Leuten die Du beim letzten mal beschossen hast ja (leider und ohne Deine Schuld) eh angeschlagen ist. Ich hab es auch schon geschafft die Hand die mich füttert zu beissen. Und das tat richtig weh.

    Das Flammenschwert war keinesfalls abwertend gemeint. Du hast nunmal einfach Deine Wut über Dinge in die Welt gekotzt, die Dich stören. Und dabei hast Du es Schwefel regnen lassen. Ungeschönt und knallhart. An sich ist das ein Zug der Dich sympatisch macht. Aber auch ein Zug, der Dir das Genick brechen kann.
    Nur hätten Deine „Kollegen“ Dich nicht noch ermutigen sollen. Jemand der wirklich Dein Kollege ist sagt Dir was passieren wird. Was ja auch geschehen ist.

    Sei froh, dass es nochmal relativ ruhig ausgegangen ist. Und überlass die grossen fights jenen, die es sich leisten können. Oder sieh zu, wie sie nie stattfinden. Aber versuch nicht die Welt allein zu ändern. Is nur ein Rat aus eigener Erfahrung.

    Viel Glück witerhin, Tini

  4. immerhin, das Moorsche Prinzip ist ein Selbstbehauptungsprinzip, und dürfte sich, zumindest aus dem Unscharf gepeilt, auch aus einem Leiden an den Umständen entwickelt haben …
    (und falls er die Welt nicht verändert hat, so hat er sich doch behauptet)…

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