Der Wortvogel über die aktuelle Filmkritik

Kollege Torsten Dewi, den ich vor einer ganzen Weile das Glück hatte, persönlich kennenlernen zu dürfen, hat in seinem Blog einen schönen Post über die Veränderung der Filmkritik aufgrund verschiedener Ursachen geschrieben – und sich mehrfach auf mich bezogen.

Ich fühle mich grundsätzlich geehrt, dass meine Äußerungen in diesem Blog überhaupt gelesen und dann auch noch für würdig empfunden werden, anderswo Erwähnung zu finden. Natürlich habe ich die Weisheit nicht gepachtet, die Beobachtungen in Torstens Blog machen alle Kollegen unabhängig voneinander und sind auch oft allgemeines Gesprächsthema.

Nur hat der Wortvogel eben das Standing, die Tatsachen der Gegenwart unseres Berufes offen und „sugar-coated“ bekanntzugeben. Wo ich mich bisweilen in Details verzettele und mir dabei irgendwie laufend am eigenen Ast säge, schwebt er, neutral und charmant berichtend, über den Dingen und könnte so einen Text auch noch verkaufen. Torstens Fähigkeit, (offenbar) aus dem Stand geschliffene Texte abzugeben, fasziniert mich, und ich beneide ihn ein wenig dafür. Während ich an meinen Formulierungen grunzend und fluchend feile und schleife, immer wieder umarbeite und auch nach Abgabe meist noch nicht zufrieden bin, greift er wie ein Pianist in die Tasten und läutet den Frühling ein. Diese Fähigkeit ist Gold wert, und er ist im richtigen Beruf.

Ich vielleicht nicht. Filmkritik ist, wie Torsten auch in seinem aktuellen Post darlegt, derzeit mehr eine PR-Sache als wirklich unabhängiger Journalismus. Ich bin mit Leib und Seele Bayer, wenn auch des Dialekt-Sprechens nicht mächtig, und ich fühle mich am wohlsten, wenn ich reden bzw. schreiben kann, wie mir der Schnabel gewachsen ist. „Grodaus“, also geradeheraus, sagen wir dazu.

Manchmal bringt mich das in Schwierigkeiten. Manche Chefs mögen Texte nicht (die aber grundehrlich sind, ehrlicher geht’s nicht, und ich meine auch noch, alles augenzwinkernd abgeschwächt zu haben), dieses Blog hier stößt auch nicht immer auf bedingungslose Gegenliebe, und einen echten Feind habe ich auch schon. Auch überblicke ich nicht immer alle möglichen Bumerang-Konsequenzen, die einen in siebter Konsequenz treffen könnten, und verhalte mich politisch unklug.

Was anderen „völlig klar“ ist, was manche Menschen (in allen Berufen) gezielt ausnutzen, um „nach oben“ zu kommen: Ich habe es nicht, nicht ein Quentchen davon. Wenn man aber mit Offenheit und Ehrlichkeit anzuecken beginnt, ist es vielleicht Zeit, sich nach Alternativen umzusehen.

Leute, die die Karten auf den Tisch legen und das Herz auf der Zunge tragen, haben es generell nicht leicht, denn sie werden natürlich leicht ausgebremst und übervorteilt. Ich kenne Menschen, die sind spitze auf Ihrem Gebiet, und stellen doch ihr Licht unter den Scheffel, weil es noch bessere gibt, sind schüchtern, leben im Schatten.

Dass nun auf mich schon mehrfach Bezug genommen wurde, ehrt mich. Es treibt mich an, meine Projekte voranzutreiben und stetig dazuzulernen, geschickter zu werden, mich nicht ausbremsen zu lassen. Ich werde noch viel lernen, ich werde auf dem Weg nach wohin auch immer (wahrscheinlich nach unten…) noch viele Fettnäpfchen mitnehmen, aber ich werde sicher langsam besser. Lesbarer. Verträglicher. Ich werde kein Dewi werden, dazu sind wir charakterlich zu verschieden, aber ich bin selbst schon gespannt, wie die Veränderungen der Branche, die Torsten anreißt, mich mit verändern werden. Und ich bleibe vorerst in der Branche, allein schon, um zu sehen, wie es weitergeht.

5 Gedanken zu „Der Wortvogel über die aktuelle Filmkritik“

  1. Alles sehr hübsch geschrieben, und ich bedanke mich für das Lob. Kritisieren möchte ich aber die Implikation, ich sei irgendwie weniger „grodaus“ als du. Der einzige Unterschied unserer Herangehensweise an dieses Themas ist folgender: Du hast dich durch die Veränderungen der Branche persönlich unter Druck gesetzt gefühlt, und einen „Schuldigen“ als Ventil gesucht. Ich hingegen habe mich gefragt, ob die Veränderungen nicht größtenteils in einem größeren Kontext gesehen werden müssen, was z.B. die Presseleute des Verleihs oft entschuldet. Ich suchte objektiv nach einer Erklärung, du subjektiv nach einem Sündenbock. Ich verstehe allerdings auch, warum: Der Druck, der auf dir lastet, ist ungleich höher als meiner.

    Ebenfalls so nicht stehenlassen möchte ich das mit der „Ehrlichkeit“: Das ist nicht deckungsgleich mit „gut“. Was nützt deinem Auftraggeber ein ehrlicher Text, der qualitativ starke Schwächen hat? Ehrlichkeit ist Charakterstärke (oder Dummheit, je nach Sichtweise), sagt aber nichts über Talent aus.

  2. Du bist sehr wohl grodaus, Du denkst nur anders als ich. Du bist quasi für den Beruf gestrickt, ich nicht, zumindest nicht deckungsgleich. Deine Denke hat die Geschicklichkeit, manches auszulassen, schon eingebaut, was eine Qualität und keine Unehrlichkeit ist, eine Art Überlebensinstinkt.

    Ich fühle mich natürlich persönlich unter Druck gesetzt: Mein erster Artikel brachte mir noch über 1000 DM (okay, Doppelseite), heute muss ich für 40 Euro anbieten (inklusive der zwei Stunden Film!), während verschiedene Quellen das Berechnen von rund 50 Euro pro Stunde empfehlen. Das ist kein guter Trend, und einfach „mehr schreiben“ ist natürlich keine Lösung. Es gibt natürlich keine schuldige Person, aber sicherlich ein Hochschaukeln von Emotionen bei allen Beteiligten. Das meinte ich mit der Geschicklichkeit, die mir fehlt, aber eben nicht nur mir: Im Blog schreibe ich halt, was ich denke. Wenn mir die Galle hochkommt, dann schreib ich das auch, es ist ja mein Blog. Dumm nur, dass es halt am nächsten Tag mißinterpretiert werden kann — oder doch zu deutlich war.

    Natürlich gibt es einen größeren Kontext (nämlich „Streamlining“), aber in meiner plumpen, gutgläubigen Art hoffe ich halt immer noch, dass bei allen Beteiligten ab irgendeinem Punkt ein Moralverständnis einsetzt. Meine Moral ist nunmal sehr hoch, daher bin ich leichter irritiert als andere. — Deine ist nicht zwingend niedriger oder höher, nur eben über andere Werte aufgespannt. Dieser höher-niedriger-mehr-weniger-besser-schlechter-Wortschatz ist ohnehin unzutreffend für das Einordnen von Wertvorstellungen, die sich keinesfalls mit nur einer Skala messen lassen.

    Ich plante übrigens schon eine Weile einen Beitrag ähnlich Deinem, den ich aber nun natürlich nicht mehr schreiben brauche – außer, ich finde einen anderen Ansatz oder Blickwinkel. Mal sehen. Ich wollte übrigens sehr wohl nach einer objektiven Erklärung suchen und nicht die PR-Leute für ihre Arbeit kreuzigen.

    Mit einem ehrlichen Text meine ich, dass ich voll und ganz dahinter stehe. Das lässt mir immer noch viel Freiraum bei der Formulierung meiner Texte, insbesondere lasse ich einfach weg, was offenbar nicht gefallen wird. Ich latsche natürlich nicht auf jede Tretmine eines disputablen Themas, weil ich schon auch grob abschätzen kann, ob und wo große Hämmer auf mich zukommen. Dass man nicht unbedingt auf allen wunden Punkten eines Themas rumreiten muss, lernt man ja schon früh, so auch ich (noch in der Schülerzeitung), und umschifft die Klippen halt gekonnt. Ich meinte mit dem ehrlichen Text, dass ich einfach nicht „super“ sagen kann, wenn ich „scheiße“ denke, auch wenn die Redaktion das gern so hätte. Formulierungen wie „Für die Zielgruppe bestimmt der größte Film des Jahres“ tragen halt auch nicht ewig weit. — Daher kann ich sehr wohl „gute Texte“ abliefern, hinter deren Inhalt ich voll und ganz stehe, nur hat es bei mir eben länger gedauert, diese Inhalte zusammenzutragen.

    Ich glaube schon, dass ich über ein gewisses schreiberisches Talent verfüge, ich habe nur noch nicht meinen idealen Kanal gefunden. Vielleicht sollte ich anarchische Gebrauchsanleitungen schreiben („Erst Menü klicken, dann den Unterpunkt auswählen, Sie tumber Volltrottel!“) oder Krimis („Die Nacht war schwül.“) oder eben journalistische Texte in einem meiner Lieblingsfelder, der großen Leinwand.

    (Nachtrag: Ich habe ein paar Kleinigkeiten nachträglich und zur Verdeutlichung meiner Aussage hinzugefügt und die entsprechenden Stellen mit — markiert. Man sollte neben dem Kommentieren halt einfach nicht fernsehen.)

  3. wenn der Julian weiter so subjektiv und beharrlich seine Position vertritt, wird er sich zu einer Art Michael Moore im deutschen Filmjournalismus entwickeln!

  4. Mir liegt zu dem Thema auch einiges auf der Seele… jetzt muss ich aber erst mal wieder weg. Das ist sozusagen ein Reminder für mich, damit ich nicht vergesse, später noch was zu schreiben 🙂

  5. So, also jetzt…

    Print-Filmkritik im klassischen Sinne hat sich überlebt – das muss man einfach so sehen. Internet, das fast nicht mehr vorhandene Fenster zwischen US- und D-Release, der Konkurrenzdruck der Studios, die nicht mehr wie früher zwei-drei große Filme pro Jahr, sondern eher pro Wochenende loslassen und deswegen darauf angewiesen sind, dass ein Großteil des Umsatzes am Startwochenende gemacht wird, ergo Mundpropaganda nichts mehr Wert ist (man stelle sich vor: Indy IV läuft in der 7. Woche hier im Multiplex noch in einem Kino mit drei Vorstellungen am Tag. Bei Indy 1 hätte man in der 7. Woche mit Müh und Not ’nen Platz reservieren können) und daher schlechte Kritiken tödlicher sind als vor 10-15 Jahren, als ein Film noch drei-vier Wochen Zeit hatte, um sich ein Publikum zu erspielen. Filmkritik im ursprünglichen Sinn hat heutzutage also eigentlich nur noch in der Tageszeitung am Freitag morgen für die am Vortag angelaufenen Filme eine Bedeutung. Die Cinema ist nur noch ein Werbeblatt, das etwas besser gelayoutet ist als die McDonalds Kinonews (und, ehrlich, ich fand die Cinema auch zu ihrer Hochzeit nicht toll. Ehrlichere Kritiken hatte kurioserweise immer die Schwester videoplus).

    Umgekehrt gewinnt der Online-Bereich faktisch immer mehr an Bedeutung – und in dem Bereich schläft die deutsche Verleiher-Landschaft, sowohl im Kino- als auch im DVD-Bereich, den Schlaf der Ungerechten. Während in Amiland führende Onliner wie eben AICN als Meinungs-Katalysatoren angesehen und mehr oder weniger respektiert sind, haftet hierzulande der Online-Szene der Makel des „die sind keine richtigen Journalisten“ an (obwohl, s.o., die Verleiher eigentlich an „Journalismus“ nicht mehr sooo interessiert sind). Ich betreibe meine Website nun seit über 8 Jahren, bin also sozusagen ein Internet-Dino und, ich darf mal unbescheiden sagen, badmovies.de ist eine „Marke“. In der Zeit habe ich Kontakt mit genau ZWEI Agenturen gehabt, die angefragt haben, ob man Promo-Aktionen machen oder Rezi-Exemplare schicken könne. Von der einen habe ich nach der ersten Aktion nur noch einmal gehört (und da passte der Vorschlag überhaupt nicht zu meiner „Zielgruppe), von der zweiten gab’s insgesamt fünf Rezi-Exemplare – ich konnte aber „nur“ anderthalb positive Reviews liefern – als zwei eher negative hintereinander kamen, riss der Kontakt ab. EIN einziges Label hat mich angesprochen und beschickt mich seit vielleicht acht-neun Monaten mit New-Release-Informationen und Anforderungsscheinen für Rezi-Exemplare. Ich hab vier- oder fünfmal brav mit all meinen relevanten Daten Rezi-Exemplare angefordert – und nie auch nur eine DVD aus der Entfernung gesehen. Mittlerweile landen die Mails dieses Labels ungelesen im Papierkorb. Es zeigt jedenfalls, welche Priorität man als Online-Rezensent genießt. Entweder ich schreibe Werbetexte oder ich werde nicht berücksichtigt oder man ignoriert mich einfach von Haus aus…

    Aber da ich mein Lebensziel (ein Coverquote auf einem einigermaßen-Major-DVD-Release) erreicht habe, kann ich eigentlich in Frieden sterben und muss mich nicht weiter drüber aufregen.

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