Wie man an der Flut der Filmkritiken schon feststellen kann, war heute die Pressevorführung von Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels. Da ich niemanden um sein Filmvergnügen bringen will, werde ich mich auf wenige Eindrücke beschränken. Puristen sollten jedoch sofort aufhören zu lesen:

Pro: Alles in allem ein großartiger Abenteuerfilm, absolut würdig, das Indiana Jones-Label zu tragen. Tolle Sets, super Effekte, schönes Drehbuch, gute Dialoge (manche auch in der deutschen Version, von der Ausspracheerklärung für Mutts Namen mal ganz abgesehen), ordentliche Bösewichte und keine allzu klaffenden Logiklöcher. Harrison Ford macht eine fantastische Figur für sein Alter (ich muß mehr Sport machen, verdammt), und Karen Allen ebenso.

Contra: Magie und Übernatürliches (bzw. eher Unerklärliches) war schon in den Teilen eins und zwei an der Tagesordnung, daher darf man sich diesbezüglich nicht ärgern, auch wenn’s sehr überraschend kommt und fehl am Platze wirkt. Die Nazis gaben jedoch weit bessere Bösewichte ab als die Russen mit ihrem lustigen Akzent es je könnten. Mit denen möchte man sich fast anfreunden, der ruppige Ost-Charme, die Partylaune und die unkaputtbare Ausrüstung versprühen trotz allem einen gewissen Charme. Die obengenannten Logiklöcher führe ich nicht näher aus, am meisten stört mich die räumliche Nähe von gewissen Testgebieten zu gewissen geheimen Staatsarchiven. Über den Kristallschädel und seine Eigenschaften sage ich hier gar nichts.

Spielberg gibt sich Mühe, so verspielt zu sein wie früher, das zeigt bereits die Eröffnungsszene, die übrigens von einem klassischen Paramount-Logo eingeleitet und dem klasischen Indy-Titelfont (Eine Trajan-Art?) begleitet wird. Leider gelingt ihm das nicht mehr so – Achtung, ganz schlimmes Journalistenwort – leichtfüßig wie früher, hat er doch mit Amistad, Saving Private Ryan, Schindler’s List und Munich eindrucksvoll bewiesen, auch ein Händchen für sperrige Stoffe und heiße Eisen zu haben. Wer einmal das Licht geschaut hat, der kann jedoch nicht mehr zurück in die Ignoranz, sprich: Spielberg kann seine jugendliche Verspieltheit zwar noch inszenieren, dies aber nicht mehr von Herzen. Und das ist gut so. Leider versucht er es nun wieder, und die meisten Kinobesucher dürfte das nicht stören, doch der wahre Cineast und Spielberg-Liebhaber dürfte den Unterschied leicht merken.

Ich finde, Indy hat sich bereits mit dem letzten Kreuzzug in Würde verabschiedet und ist in den Sonnenuntergang geritten, neuen Abenteuern entgegen. Dieser Film wäre nicht nötig gewesen (ebensowenig übrigens die neue DVD-Dreierbox kurz vor diesem Film oder diese Young Indiana Jones Chronicles damals), aber wo er schonmal da ist, laßt ihn uns als Spätwerk und Abgesang auf den Abenteuerfilm der 80er Jahre feiern, eine Epoche, in der Effekte schon deutlich besser waren als zu Ray Harryhausens Zeiten, aber noch lange nicht so gut wie heute, und zu der ein ausgeklügeltes Drehbuch noch eine notwendige Basis jeder Filmproduktion war. Gell, Mr. Bay und Mr. Turteltaub?

Indy nimmt seinen Hut, übergibt vielleicht an Shia, aber diesen potentiellen Franchise betrachte ich eher als „Spin(n) off“ denn als echten Indy – kann Indy denn überhaupt echt sein ohne Denholm Elliot? Spielberg räumt das Feld für die jungen, noch wilderen, und wir räumen den Saal für die noch leichter zufriedenzustellenden Zuschauer mit den noch kürzeren Aufmerksamkeitsspannen.

Fotocredit zum Pressematerial für Indiana Jones 4Leider sieht der Verleih den Abschied von unserem kollektiven Jugendheld (in Personalunion mit niemand anderem als Han Solo, ich meine, wie Jahrhundertcool ist das denn?) ähnlich locker und gibt lediglich 4 Still-ähnliche Fotos sowie 3 Teamfotos zur Online-Verwendung frei. Die Leute von Print dürfen dahingegen aus 37 weiteren Bildern auswählen. Daher poste ich hier aus Protest lediglich einen Screenshot der Verbotsansage. Credit: Image.net, UIP-Bereich.

Ach ja: Das Spielberg-Lucas-Imperium umweht ja schon immer diese Aura der besonders schamlosen Ausschlachtung aller Merchandising-Möglichkeiten, aber das hier finde ich ja so ziemlich am lächerlichsten. Wobei ich über die dort ebenso erwähnte, offenbar flexible Legopeitsche ja schon berichtet habe.

Nachtrag: Torsten sieht das ganz ähnlich, nur wesentlich detaillierter. Andererseits ist sein Blog auch weniger breit…

Nachtrag 2: Komisch, obwohl die ersten Infos, die hier so die Runde machten, noch eher verhalten klangen, spricht die IMDb jedoch von einem Triumph. Insgesamt steht der Film jedoch ganz gut da, hier zum Vergleich noch die Wertungen zu Raiders of the Lost Ark, Indiana Jones and the Temple of Doom und Indiana Jones and the Last Crusade. Journalismus ist nunmal nie ganz neutral, nicht?

Nachtrag 3: Nach obiger Erwähnung bin ich auf Roger Eberts Review gestoßen, der wiederum erklärt, warum die Erwartungshaltung weltweit negativ war: Diese erste, völlig verspoilerte Review bei Ain’t it cool News verdarb die planetenweite Vorfreude nachhaltig. Ich finde es phänomenal, was das Internet für eine Macht besitzt – aber unter keiner Kontrolle steht. Abgesehen davon ist es natürlich gemein, sowas zu posten… Aber 9 von 10 Menschen sind nunmal Sandburgenzerstörer.

2 Antworten zu “Indiana Jones 4 – meine Eindrücke (heute nur 1 Cent)”
  1. Filmjournalisten.de sagt:

    Cannes 2008: Tag 6 (19. Mai)…

    Am heutigen Montag war parallel zu den Pressevorführungen in Deutschland das Pressescreening von Indy. Julian hat sich über den Inhalt ja schon ausführlich geäußert.
    Wir mußten 2 Stunden vorher anstehen, normalerweise wartet man in Cannes ca. ein…

  2. Filmjournalisten.de sagt:

    Ist denn gar nichts mehr heilig?…

    Nichts gegen die werten Kollegen, aber man sollte doch beim Schreiben von Reviews tunlichst vermeiden, den Lesern das Filmvergnügen zu rauben. Es ist zum Beispiel schlimm genug, dass man durch das Internet schon vorher weiß, welchen Trailer man gleic…

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