Preview: 1989 – 2008

Soeben habe ich erfahren, daß die Preview eingestellt wurde. Die Preview ist das Kinomagazin, das mich zum Journalismus brachte (1997 war das, glaube ich), und das ich zuletzt im vergangenen Oktober leitete. Dann erlaubte ich mir eine Auszeit, um mich auf (Firmenname in Umfirmierung) konzentrieren zu können, und heute habe ich erfahren, daß das Magazin zum neuen Jahr eingestellt worden ist.

Die Preview war ein ganz besonderes Kinomagazin: Herausgegeben vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund, war sie lange Zeit das einzige Kinomagazin, das es ausschließlich für Blinde und Sebehinderte gab. Früher erschien die monatliche Ausgabe auf einer 90-Minuten-Audiokassette, im Jahre 2006 wurde dann sukzessive auf CD (im Daisy-Format) umgestellt.

Die Beiträge waren persönlich gestaltete, teilweise zweitverwertete Texte, die mit O-Tönen aus den Filmen bereichert wurden. Zeitweise gab es da auch die „Knallerparade“, eine Kategorie, in der ein befreundeter Kollege (nun im Hamburg wohnend) und ich aus dem Stegreif über aktuelle Filme, Kino im Allgemeinen und über Stars und Sternchen plauderten. Da die Preview aufgrund ihrer vergleichsweise kleinen Zielgruppe (und ihres ehrenamtlichen Entstehens) sehr großen künstlerischen Freiraum gewährte, gerieten manche dieser Beiträge zu Werken, die anderswo kaum veröffentlicht hätten werden können. Und in welchem anderen Audio-Medium hätte mn eine halbe Stunde über einen einzigen Film diskutieren können? Wir haben in so einem Fall halt einfach spontan eine Doppelausgabe gemacht.

Mein persönliches Highlight ist die Erinnerung an eine Studiosession, bei der ich gerade Audiodeskriptionstermine fürs TV im Wechsel mit einem Kollegen auflas (glaube ich, jedenfalls haben wir irgendwas im Wechsel vorgelesen). Auf jeden Fall erinnert mich plötzlich etwas an diesen Witz von Otto Waalkes, und ich konnte nicht umhin, ihn meinem Kollegen vor laufendem Mikro zu erzählen: „Zwei Bauarbeiter fallen vom Gerüst. Der eine stürzt zu Boden. Der andere hat Glück, er bleibt mit dem Auge an einem Nagel hängen!“ – woraufhin ich in derart hysterisches Gelächter ausgebrochen bin, daß ich mich ungefähr eine Minute nicht mehr halten konnte. Quietschend wie ein Kleinkind rutschte ich vom Stuhl, japste nach Luft und gab nur noch Geräusche im Ultraschallbereich von mir. Angesteckt konnte sich auch der Kollege nicht mehr einkriegen, bis wir schließlich mit hochroten Köpfen und tränennassen Gesichtern die Arbeit wieder aufnahmen. Die Aufzeichnung wurde natürlich ungekürzt veröffentlicht, schließlich wollten wir unseren Hörern zeigen, mit wieviel Herzblut wir bei der Sache sind. Ein Klassiker.

Die Preview brachte mich zu vielen Interviews, mein erstes führte ich mit Michael Ballhaus auf der genialen Premierenfeier zu Air Force One, für die anderen Stars war ich zu unwichtig. Das für mich persönlich beeindruckendste Treffen war ein kleines Gruppeninterview mit Woody Allen (Woody Allen!! persönlich!), dicht gefolgt von meiner Erfahrung, Steven Spielberg (!) bei der PK zu Catch Me If You Can zu treffen. Hätte ich seinerzeit als viel zu junges Kind nicht an Weihnachten den Weißen Hai sehen dürfen, weil ich nicht schlafen konnte und meine Eltern wohlgelaunt mich großzügig zugucken ließen, hätte mich der Movie Bug möglicherweise nie gebissen. Ach ja… Diese schlaflosen Nächte war es definitiv wert!

Im Lauf der Jahre gab es einige Mitarbeiter bei der Preview, einer von ihnen ist heute selbst Filmregisseur, ein anderer TV-Journalist (nein, zwei sogar), manche habe ich aus den Augen verloren und die anderen haben andere Wege eingeschlagen. Medienaffin waren und sind wir aber alle. Und gepodcastet haben wir offenbar schon, als der iPod noch lange nicht erfunden war.

Die Preview wurde 1989 von einem Zivi des Blindenbundes gegründet, der in seiner heutigen Eigenschaft als hauptberuflich beim Blindenbund Tätiger auch wieder den Stecker gezogen hat. Alles in allem: Es war ein schöner, unvergesslicher Ritt. Vielen Dank für viele schöne Jahre! Besonderen Dank auch an die Mitarbeiter des BBSB, die für uns immer alle Augen zudrückten, für uns immer Sonderschichten an der Kopierstraße einlegten und uns immer hilfreich zur Seite standen.

Und wer weiß, vielleicht geht ja eines Tages irgendwie (und mit mehr Leuten) eine Nachfolgepublikation zusammen?

Nachtrag: Endlich bin ich mal dazugekommen, ein paar Ausschnitte hochzuladen, hier also zum Beispiel:

Das Preview-Intro, Ausgabe März 2004
[audio:Preview_2004-03_Intro.mp3]

Die Oscarverleihung, Ausgabe März 2004
[audio:Preview_2004-03_Oscars.mp3]

Einmal News rund ums Kino, Ausgabe Juni 2005
[audio:Preview_2005-06_News.mp3]

Und ein klassischer aus-dem-Stegreif-Beitrag, Ausgabe September 2006
[audio:Preview_2006-09-10_Stegreif.mp3]

7 Gedanken zu „Preview: 1989 – 2008“

  1. Mensch, die Preview… 1997-1999 hatte ich die Ehre, zusammen mit Julian & Co. eine erlesene (und stets überschaubare) Zielgruppe über die Welt des Kinos auf dem Laufenden zu halten. Meine erste Möglichkeit, eigene Kritiken zu schreiben und auch zu publizieren. Mein Türöffner zu jeder Pressevorführung in München. Nie war ich so oft im Kino wie in jenen Jahren. Als ich München verließ, um woanders zu studieren (Filmwissenschaft, wen wundert’s), durfte ich mir die lobende Bescheinigung zum Abschied selbst schreiben, auf Blindenbund-Briefpapier.

    Noch heute schmückt die Preview meinen Lebenslauf. Und sie hat mir Glück gebracht. Als 2002 im im Vorstellungsgespräch zum NDR-Volontariat einem Dutzend Redakteure gegenübersaß, worüber haben wir geredet? Auch über die Preview. Ich habe ihnen was erzählt davon, dass die Preview-Mitarbeit mindestens drei Radio-Praktika ersetzt hat – ein solches konnte ich nämlich nicht vorweisen.

    Ich hätte ihnen auch von unserer total anarchischen (d.h. planlosen) Knallerparade erzählen können, von der zeitraubenden Frickelei, Texte, O-Töne und Musik mit einem Mischpult und zwei Kassettendecks zu etwas Anhörbarem zusammenzufahren (das war noch bevor die Welt digital wurde – Julians Vorschlag, auf Computer zu schneiden, klang für mich wie Science Fiction). Oder von meiner ersten negativen Zuhörer-Reaktion. Nach meiner Kritik zum „Pferdeflüsterer“, in dem Scarlett Johannson zu Beginn diesen bösen Pferdeunfall hat. Ich habe den Film gehasst – und die Kritik betitelt mit „Lieber Arm dran als Bein ab“. Eine Zuhörerin fand das nicht so lustig wie ich. Sie sprach ihre Reaktion auf die Kassette, die immer im gelben Blindenpost-Umschlag zurückgeschickt werden musste, und wir haben sie im nächsten Monat veröffentlicht. Wenn das alles nicht Podcast war, weiß ich auch nicht. Da waren wir einmal unserer Zeit voraus und haben es nicht mal gemerkt.

    Wie oft haben wir davon geredet, die Preview zu professionalisieren. Oder wenigstens viele neue Abonnenten zu gewinnen. Aber dann haben wir doch einfach irgendwie weiter gemacht. Und als ich schon lange nicht mehr dabei war, bekam ich lange Zeit noch immer die gelben Umschläge mit den Kassetten, und auf irgendeiner Autofahrt habe mich über Julians Otto-Witz-Lachflash so beömmelt, dass ich mindestens rechts ranfahren musste.

    Noch später brachte Julian irgendwann den Mitschnitt einer Audi-Deskriptions-Vorführung in Mundart. Das Äquivalent zu Asterix auf schwäbisch, nur waren es hier James Bond und plattdeutsch. Die Tonqualität ist grottig, aber den Mitschnitt trage ich noch heute auf meinem iPod spazieren.

    Einen Preview-Podcast wird es also niemals geben. Und auch keine gelben Polsterumschläge mehr. Aber ich trage die Preview in meinem Herzen mit mir! Danke für viele schöne Stunden, danke für den Einstieg in den Journalismus und für vieles mehr. Und Julian: Respekt, dass Du die Fackel so lange weitergetragen hast.

  2. Bitte, Julian, poste hier mal einen alten Preview-Vorspann als mp3. Denn wie Robert zu irgendeiner bombastischen Filmmusik sagt „…eine Produktion des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes“ – das muss man einfach gehört haben!

  3. Hi Klaus,

    super Idee mit dem Intro! Ich frag erstmal Robert, was er meint – er war es, der die Preview bis zu seinem Ausscheiden 15 Jahre zuverlässig getragen hat. Ich hab zwar danach die Preview alleine bzw. mit Elisabeth gemacht, aber das größte Lob gebührt sicherlich Robert. An unser beider Zeiten denke ich mit größter Freude zurück, das war so klasse!

  4. Vielen Dank für die Audiofiles! Mann, war das schön…

    Gab es eigentlich auch Hörer-Reaktionen auf das Aus der Preview?

  5. Ja, das waren tolle Zeiten. Wenn man Zeit und Muße hatte und nicht aufs Geld schauen mußte.

    Hörer haben sich eigentlich nicht zu Wort gemeldet. Schade eigentlich. Aber die Erfahrung zeigt im Allgemeinen ja, daß man sich nur meldet, wenn man was zu bemängeln hat, nur zum Loben macht sich kaum einer die Mühe zum Schreiben. Das soll jetzt nicht an unsere ehemaligen Hörer gerichtet sein, sondern allgemein an die Menschheit. Aber vielleicht sucht ja einer mal nach der Preview und findet dann diesen kleinen Blogbeitrag? Wobei das Wort „Preview“ alleine 209 Millionen Suchergebnisse auswirft, „Preview“ in Kombination mit „blind“ schlappe 596.000 und „Preview“ mit „Blindenbund“ stolze 75, dieser Post hier allerdings auf Platz 2. Mal sehen – wir haben jetzt ja Zeit… 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.