Ein paar Worte zur Ermordung des Jesse James

Heute fand die PV zu Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford, Originaltitel The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford mit Brad Pitt und Casey Affleck statt. Der Film hat schon im Vorfeld durch seinen sperrigen Titel für etwas Verwirrung gesorgt.

Dies dürfte allein daran liegen, daß die Person des Jesse James hierzulande kein bekannter Nationalheld, sondern allenfalls aus einem Lucky Luke-Band aus Kindertagen hängengeblieben ist. Natürlich streift der halbwegs fundierte Geschichtsunterricht auch diese Biographien, doch man muß schon ein besonderes Augenmerk auf das Amerikanische Pioniertreiben legen, um genauer Bescheid zu wissen. Der Mann auf der Straße dürfte hierzulande von Jesse James noch nie gehört haben (aber wohl genausowenig vom Jennerwein, fürchte ich). Auch die Buchvorlage unter gleichem Titel dürfte hierzulande einen geringeren Bekanntheitsgrad haben als in der Neuen Welt: Derzeit gibt es das Buch von Ron Hansen bei Amazon in der deutschen Ausgabe von 1996 lediglich gebraucht, das aber immerhin ab 19 Cent, der Verkaufsrang zum heutigen Tage: 1.632.891.

In den USA, wo der Film seit rund drei Wochen läuft, steht das Buch (1997er-Ausgabe) immerhin bei Verkaufsrang 12.646, die Ausgabe zum Film hat es dahingegen nicht so weit nach oben geschafft. Doch kommen wir zum Film zurück, denn der will mich einfach nicht loslassen.

Der Titel ist Programm, das stimmt, doch darum geht es nicht. Denn daß Jesse James durch Robert Fords Hand sterben muß, ist im Amerikanischen Grundwissen derart verwurzelt, daß der potentielle Zuschauer dadurch nicht gespoilt wird. Etwas anderes ist es auf dem europäischen Markt, wo der Film auch unter dem Titel Jesse James oder auch Die Ermordung des Jesse James gut, vielleicht sogar besser funktioniert hätte.

Tatsächlich behandelt der Film nicht die Ermordung des Banditen als Schwerpunkt, sondern konzentriert sich auf die komplexen sozialen Verflechtungen zwischen Jesse James und seinem Fan sowie späteren Mörder Robert Ford, auf den letzten Eisenbahnüberfall, den eine bunt zusammengewürftelte Bande mit den James-Brüdern durchführt und eher noch auf die Folgen, die dieser Überfall für alle Beteiligten hat. Der Film ist kein Western im klassischen Sinne, sondern eher das melancholische Psychogramm eines ganzen Landes, erzählt durch Person und Handlung zweier Schlüsselfiguren dieser Zeit, und beleuchtet die Folgen dieses geradezu epochalen Ereignisses nach dem Tod des Jesse James für weitere Jahre.

Jesse James Age 17Ich konnte nicht umhin, mich im Internet ein wenig nach Frank und Jesse James umzusehen, um den wahren Gesichtern hinter Brad Pitt und Casey Affleck auf die Spur zu kommen. Ich finde das Leben dieser und anderer Spät“helden“ des Wilden Westen überaus interessant, da der klassische Wilde Westen ja praktisch nahtlos in die Gegenwart übergegangen ist. Die Großeltern oder Urgroßeltern heutiger Amerikaner lebten seinerzeit zur gleichen Zeit mit Menschen, die man von ihrer gesellschaftlichen Rolle her subjektiv in die graue Vorzeit einstufen würde.

Klar, Amerika holt seine Geschichte komprimiert nach, während die neuzeitlichen Blüten an allen Ecken sprießen und gedeihen, da kann einem schon mal schwindelig werden. Während sich hierzulande die eigenen Wurzeln meist im nahen Umkreis des Geburtsortes im Grau der Geschichte verlieren und bisweilen zu den alten Römern zurückreichen, kämpfen die Amerikaner sicherlich mit kollektiven Identitätskrisen: Die Vorfahren kamen alle mit dem Schiff von irgendwoher, bekamen auf Ellis Island, wo sie mit nichts eintrafen, meist sogar einen neuen Namen, zogen mit einem Trek gen Westen, machten sich auf dem Weg durch das Erschießen von Indianern und Ausrotten von Büffeln gleich so richtig beliebt und ließen sich dann irgendwo nieder – so stellt sich unsereins das zumindest gerne vor.

Volkshelden des alten Europa mit demselben Bekanntheitsgrad wie die Westernhelden in Amerika liegen weit länger in der Vergangenheit zurück: Robin Hood, Wilhelm Tell oder selbst der Schneider von Ulm sind Figuren der Geschichte, nicht der jüngsten Vergangenheit. Jesse James, Calamity Jane oder Billy the Kid dahingegen haben so kurz vor unserer Zeit existiert, daß man sie fast noch persönlich treffen hätte können. Wären diese Menschen nicht durch unnatürliche Umstände gestorben, hätten sie zum Beispiel noch bis in die Zeit des zweiten Weltkriegs leben können. Jesse James‘ älterer Bruder Frank James beispielsweise verstarb 1915, da stand das Haus, in dem ich diese Zeilen schreibe, schon drei Jahre.

Der Amerikanische Westen ist viel greifbarer, viel näher am Jetzt als unsere Vergangenheit. Das macht seine Faszination aus. Diese wird nicht durch Ehrfurcht vor den Sedimentschichten der Geschichte ausgelöst, sondern durch die Tatsache, daß er eben noch da war, bis gerade eben, man kann fast noch den Schatten sehen. Die Fotos dieser Zeit lassen den Blick auf eine bereits völlig fremde Welt zu. Während hier die Geschichte von den Wänden tropft (der Keferloher Markt hier in der Nähe zum Beispiel findet seit über 1000 Jahren statt), was einem – versteht mich nicht falsch – definitiv ein Gefühl der tiefsten Verwurzelung und Heimatverbundenheit gibt, tobt in der Neuen Welt gerade noch die Völkerwanderung mit all ihren Auswüchsen. Brutal.

Zurück zum Film: Stilistisch eine Mischung aus Cold Mountain, Open Range und diesem jüngeren Western, wo eine Frau einen Gangster, der ihr Kind entfüht hat, verfolgt, baut die Erzählung bewußt den Mythos Jesse James für den Zuschauer neu auf. Durch eine geschickte Erzählstruktur (mit Off-Sprecher und absichtlich unscharfer Linse) sowie wohl gewählten Rückblenden wird der Zuschauer zusammen mit der Figur des Robert Ford zuerst an die Faszination des Jesse James, dann an den Verbrecher und seine Taten herangeführt. Im letzten Teil des 156-Minüters (ein Viertel oder ein Fünftel vielleicht) wird dann auf die Folgen der Tat eingegangen, die auch Jahre nach der Beerdigung des Jesse James noch alle Beteiligten verfolgt. Ein beklemmendes Portrait, überaus wertvoll und definitiv ein Stück Zeitgeschichte.

Wer nach Originalbildern der Beteiligten oder Informationen sucht, wird hier fündig:

Und wer eine Review des Films möchte, kann mich gern beauftragen.

2 Gedanken zu „Ein paar Worte zur Ermordung des Jesse James“

  1. also bei uns in hessen kennt man den typen unter anderen umständen.

    hast aber natürlich recht, da drüben ist der wilde westen noch ganz gegenwärtig. ich war vor einigen wochen erst in bodie, das war ein ganz merkwürdiges gefühl, da durch die ortschaft zu laufen.

    (Anmerkung v. Julian: Ich hab Deine Links hinterlegt, ist das okay?)

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