Boykott von Radiospots zu „Postal“

Hamburg bei NachtZuerst mal: Ich bin wieder da, es waren wirklich schöne Tage in Hamburg und auf Helgoland. Nur schade, daß unsere Ferienwohnung im letzten Moment wegen Einbruch abgesagt worden ist, und wir daher vier Nächte in drei verschiedenen Unterkünften zubringen mußten.

Beim Abarbeiten meiner Mails (ich fange dabei immer bei den neuesten an, in der Hoffnung, daß manche Sachen sich bereits wieder erledigt haben) bin ich über die skurrile Meldung gestolpert, daß die meisten Radiosender den Spot zu Uwe Bolls Postal nicht spielen wollen:

Kein Spaß mit «bin Laden» – Radiosender boykottieren Werbespots für Uwe Bolls Kinofilm «Postal» – Regisseur beklagt «Selbstzensur» –Von Nina Jerzy–

Der deutsche Kinoregisseur Uwe Boll («Blood Rayne») wird von Radiosendern boykottiert. «So ziemlich alle» angeschriebenen Stationen hätten die Ausstrahlung von Werbespots zu Bolls Politsatire «Postal» verweigert, sagte der Sprecher des Regisseurs, Hasso Mansfeld, am Mittwoch in Bingen am Rhein. In den Radiospots gibt sich ein Sprecher als Osama bin Laden aus und verkündet unter anderem, dass fünf Prozent der Einnahmen des Films zur Unterstützung der Terrororganisation Al Quaida verwendet würden. Die Ablehnung begründeten die Sender den Angaben zufolge mit Angst vor islamistischen Protesten.

Berlin (ddp-nrd). Der deutsche Kinoregisseur Uwe Boll («Blood Rayne») wird von Radiosendern boykottiert. «So ziemlich alle» angeschriebenen Stationen hätten die Ausstrahlung von Werbespots zu Bolls Politsatire «Postal» verweigert, sagte der Sprecher des Regisseurs, Hasso Mansfeld, am Mittwoch in Bingen am Rhein.

In den Radiospots gibt sich ein Sprecher als Osama bin Laden aus und verkündet unter anderem, dass fünf Prozent der Einnahmen des Films zur Unterstützung der Terrororganisation Al Quaida verwendet würden. Die Ablehnung begründeten die Sender den Angaben zufolge mit Angst vor islamistischen Protesten. Boll sprach von einem «unerhörten Skandal» und «vorauseilendem Gehorsam gegenüber religiösen Eiferern». In Deutschland werde «zum wiederholten Male aus Angst vor Reaktionen von intoleranten Demokratiefeinden kulturelle Selbstzensur» geübt. Unter anderem hatte der Privatsender Radio Hamburg die Ausstrahlung der Werbung abgelehnt. Eine Sprecherin bezeichnete die Spots als «einfach geschmacklos». Radio Hamburg sei ein «sauberer Privatsender», der mit «solchen Terrorgeschichten» nicht in Verbindung gebracht werden wolle. Von Satire könne hier nicht die Rede sein. Zudem kann es der Sprecherin zufolge nicht ausgeschlossen werden, dass Hörer tatsächlich glauben, bin Laden habe sich mit einer geheimen Botschaft in das Radioprogramm eingeschaltet. Ähnlich äußerte sich eine Sendersprecherin von Antenne Bayern. Dem Hörer werde in den nur zehn Sekunden langen Spots «nicht ausreichend und differenziert erklärt, dass es sich hierbei um eine Politsatire handelt», sagte sie. Die blut- und fäkalaffine Satire war bereits in den USA auf Ablehnung in den Medien gestoßen. So hatte die Boulevarzeitung «New York Post» mit einer Klage gegen die Internetseite des Films gedroht. Daraufhin hatte der Provider die Seite gesperrt, wie Bolls Sprecher sagte. «Postal» läuft am 18. Oktober in Deutschland an. In der Anfangssequenz ist der Angriff auf das World Trade Center zu sehen – allerdings verursachen ins Cockpit eindringende Passagiere versehentlich den Absturz des Flugzeugs. Im weiteren Verlauf bekommt es der Anti-Held mit Taliban-Kämpfern unter der Führung von bin Laden und Anhängern einer apokalyptischen Sekte zu tun. Boll hatte seinen Film als ein «Manifest des Tabubruches» bezeichnet, das keine Zensur akzeptiere. «Postal» wird dem 42-Jährigen zufolge unter den bundesweiten Kinoketten nur von UCI gezeigt. Der promovierte Literaturwissenschaftler aus Wermelskirchen in Nordrhein-Westfalen gilt dank Videoverfilmungen wie «House of the Dead» bei einigen Kritikern als schlechtester Regisseur der Welt. Erbost über seinen schlechten Stand bei den Kinokritikern hatte der Regisseur einige von ihnen im vergangenen Jahr zu einem Boxkampf herausgefordert. Weniger Kontroversen sind von Bolls Fantasyfilm «Schwerter des Königs» mit Jason Statham («Transporter»), Ray Liotta und Burt Reynolds zu erwarten, der am 29. NOVEMBER in Deutschland anläuft. (Quellen: Boll in Mitteilung; alle anderen auf Anfrage) ddp/nje/han.

Nunja. Wo fängt man hier am besten an?

Zum einen wäre es zur Einschätzung der Lage zunächst einmal grundsätzlich besser gewesen, wenn die Filmpresse (und dazu gehören ja auch die Radiosender) den Film überhaupt hätte sehen können. Doch die am 1.6.07 bundesweit in mehreren Wellen angekündigten Pressevorführungen, 15 an der Zahl, wurden schon am 20.6. wieder abgesagt:

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass sämtliche Pressevorführungen von Postal aufgrund von Problemen mit der Kopie ausfallen (Sämtliche Termine im Juni, Juli und September). Neue Möglichkeiten den Film zu screenen werden Ihnen mitgeteilt!

Ich bitte um Ihr Verständnis.
Vielen Dank!

Neue Termine gab es bis heute nicht, auch wird es keine geben, wie mir vor einiger Zeit telefonisch versichert wurde. Dies aber nur am Rande.

Das sich hier darstellende Problem ist jedoch ein anderes: Radiosender wollen nicht blind auf den Boll-Zug mit seiner eigenwilligen und zugegebenermaßen mutigen, aber auch wahrscheinlich sehr gewagten Strategie aufspringen. Hier kommt zum Ausdruck, was uns seit dem 11. September 2001 bewegt: Eine unbestimmte Unsicherheit vor dem Umgang mit dem Islam.

Boll mag vorauseilenden Gehorsam bei den Sendern kritisieren, hiermit liegt er auch völlig richtig, doch kann er auch nicht erwarten, daß die Sender jeden Scheiß unter ihrer Flagge über den Äther schicken, nur weil die Werbezeit bezahlt wurde. (übrigens ist dies ein Konzept, daß ich den Privatsendern in puncto schlechter Werbespots dringend ans Herz legen möchte) Daß man mit der Verarschung der islamischen Kultur, bzw. dem fundamentalistischem Destillat der islamischen Kultur in ein Wespennest sticht, ist ja seit den dänischen Karikaturen und ähnlichen Fällen nicht wirklich unbekannt.

Andererseits darf man sich in einer freien Kultur auch nicht der Selbstzensur unterwerfen, wenn Kritik gerechtfertigt ist, die Presse- und Meinungsfreiheit spricht hier eine klare Sprache: Boll kann drehen und ins Kino bringen, was er will. Im Falle von Postal ist es jedoch fraglich, ob es sich bei Bolls unsichtbarem Film und der dazugehörigen Werbung wirklich um eine kulturelle, bisweilen bissige oder satirische Auseinandersetzung mit dem Status Quo handelt oder schlicht und ergreifend nur um das Ausstoßen von (neutral nachvollziehbaren) Beleidigungen. Er kann also nicht erwarten, daß die Filmverwertungskette auch in seinem Falle reibungslos funktioniert: Zu viele Einzelunternehmer kaufen die Katze im Sack, wenn sie Bolls bereits als kontrovers angekündigten Film spielen, bewerben oder sonstwie damit zu tun haben. Diese Entscheidungsfreiheit ist (für Boll) nun der Fluch der freien Wirtschaft, und zugleich (für die Unternehmer) eben der Segen, nicht mehr nur ein machtloser Teil eines Studiogiganten zu sein. Doch Boll kann nicht erwarten, daß andere sein Risiko tragen.

Generell ist die politische Lage brisant genug, solange es nicht-säkularisierte Regime gibt, und Fundamentalismus ist in allen Religionen eine heikle Angelegenheit, kaum kompatibel mit modernen Werten, Weltanschauungen und der Wirtschaft. Die von diesen angesprochene Frage, ob moderne Werte und der Tanz um das goldene Kalb (ist euch schonmal diese Pornomusik aufgefallen, die fast immer bei den Börsenkursen im TV gespielt wird?) wirklich das einzig Wahre sind, ist mehr als berechtigt, umso mehr noch, wenn man sich die amerikanische, menschenverachtende Version dieser freien Wirtschaft anschaut. Doch der religionsübergreifend angebotene Lösungsweg, der stets in der Besinnung auf antike Werte besteht, ist fragwürdig, eine Rückkehr in vergangene Zeiten unmöglich. Ob heute nur noch die Zurückhaltung hilft, kann man sicher gut mit einem Trekkie diskutieren.

Daß Uwe Boll mit seinem Film wohl in das besagte Wespennest stechen wird, steht außer Frage. Ob es sich bei Postal nun um eine pfiffige Satire handelt oder nur um Islambeleidigung, wird anderswo wohl gar nicht mehr unterschieden werden.

Interessant in der obigen Meldung finde ich übrigens die Befürchtung „islamistischer Proteste“: Diese werden selbstverständlich nicht ausbleiben. Ob es jedoch islamische Proteste geben wird, ist die Frage. Jeder Islamist ist ein Moslem, aber nicht jeder Moslem ein Islamist. Oder wurde das womöglich noch gar nicht verstanden?

Ein Gedanke zu „Boykott von Radiospots zu „Postal““

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