Überstunden

Ich hab ja nicht schlecht gestaunt, als ich meine Termine für die kommende Woche zusammengestellt habe: Am Dienstag gibt es eine Pressevorführung zu nachtschlafener Zeit um 9 Uhr früh. Ein genauerer Blick auf die Einladung (und ein überprüfender Anruf bei der betreuenden Presseagentur) gibt Entwarnung. PV-Terminübersicht anonymisiertDer Termin wird für einige wenige Kollegen, die zu Interviews abreisen, veranstaltet, und für uns andere ist dies nur eine Gelegenheit, auch zu kommen. Weitere PVs dieses Films zu normalen Uhrzeiten werden folgen.

Lasse ich meinen Blick im Kalender der kommenden Woche weiter nach unten wandern, hebt sich jedoch meine linke Augenbraue. Faszinierend! Am Montag, am Dienstag, am Mittwoch und auch am Donnerstag Abend finden ebenfalls Pressevorführungen statt, natürlich zusätzlich zu den normalen PV-Terminen tagsüber. Damit meine ich nicht die 16-Uhr-Schiene, sondern die schon ganz deutlich im Freizeitbereich liegenden 18.30-Uhr-Termine.

Dazu muß ich ein wenig ausholen: Wie ich ja schon ausgeführt habe, ist das Verfassen von Filmkritiken eine tendenziell sehr zeitraubende Arbeit, weil für jeden noch so kleinen Text der Film gesehen werden muß – sofern der Autor über eine entsprechende Schreibmoral verfügt, was heute leider auch keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Die üblichen Pressevorführungen finden statt um 11 Uhr, 13.30 Uhr und 16 Uhr (in München, in anderen Städten Deutschlands haben sich andere Uhrzeiten eingependelt). Und drei Termine am Tag sind auch das Maximum, was man durchhalten kann, ohne die Filmhandlungen zu vermischen, und das keinesfalls im Dauerbetrieb.

Denn es muß ja auch noch geschrieben werden, sonst gibt es morgen kein Frühstücksei! Vormittags sind die Wenigsten unter uns schreibfähig (in Redaktionen geht eigentlich generell nichts vor 10 Uhr), zwischen den Filmen klemmt sich kaum jemand hinter den Laptop (man will ja auch mal was anderes essen als Popcorn), also schreibt man eben Abends oder an einem anderen Tag. Kommt man nun um 18 Uhr aus der 16-Uhr-Vorstellung, kann man gegen 19 Uhr zu Schreiben anfangen, sofern man kein Privatleben hat natürlich nur.

Ab und zu gibt es abendliche Pressevorstellungen von Filmen. Entweder dient dies zur Untermalung des Filmgenres (Horrorfilme kommen halt besser, wenn es dunkel ist, als wenn draußen die Vöglein zwitschern, keine Frage), oder aber auch einfach deshalb, weil der Film nicht so fantastisch ist, dann gibt es eben vorher einen Begrüßungscocktail und zum Film nimmt man dann eben ein Bierchen statt einer A-Schorle, dann flutscht die Sache schon.

Bisher galt immer die Faustregel: Bei Filmen ab 18 Uhr ist eine Begleitung erlaubt, zur Kompensation der frechen Invasion der Freizeit durch den Filmverleih. Heute ist das nicht mehr selbstverständlich: Entweder gilt die Einladung von vorneherein nur explizit für eine Person, oder man fragt nach. Im Regelfall fragt natürlich keiner nach und kommt alleine.

Ist nun eine Woche derart angefüllt wie die kommende, sehe ich schwarz für eine halbwegs normale Arbeitswoche: Mir sind zu diesem Zeitpunkt allein 14 Vorführungen bekannt, eine davon intern beim Verleih. Werden die derzeit vorhandenen Lücken noch gefüllt (was ich annehme, sonst wären wohl keine Abendtermine gebucht worden), kommt die kommende Woche auf volle 20 Filme. Macht also 40 Stunden Kino, und noch kein Wort wurde zu Papier gebracht.

Ich möchte mich natürlich nicht darüber beschweren, daß die Presse Filme sehen kann, zumal die wenigsten Kollegen wirklich jeden Film sichten, aber es hapert da ein wenig an der Koordination. Gut, derzeit laufen die Filmfeste von Venedig und Deauville, da kann es schonmal zu Engpässen kommen, aber dieses Phänomen ist kein Einzelfall mehr.

Füe jede Stadt, in der Pressevorführungen veranstaltet werden, existiert nämlich eine Koordinierungsstelle für PV-Termine, damit es keine Überschneidungen gibt. Eine tolle Sache. Nur: Dies sind allesamt ambitionierte Einzelpersonen, die diese Kalender noch immer mit Stift und Papier führen. Die Reservierungen laufen meist telefonisch, was kurzfristige Änderungen, gerade am Wochenende oder in der Ferienzeit, sehr schwer und sicher auch nervig macht. Nun ist es so, daß diese Koordinierungsstellen den Job tendenziell als Bonus sehen, nicht als Belastung, weil sie persönlich einfach im Gegenzug jeden der Termine besuchen können. Daher werden wohl keine Fragen gestellt, wenn sich Termine, wie z.B. in der kommenden Woche in München, eben zu unbequemen Zeiten häufen.

Es wäre jedoch eigentlich die Aufgabe der Verleiher, ihre Filme der Presse früh genug zu zeigen und sie nicht zwei, drei Wochen vor Start oder noch später noch irgendwo reinzuquetschen, hauptsache, der Film konnte gezeigt werden. Und da die Filmverleiher ja was von uns wollen, nämlich Berichterstattung, sollten sie auch zusehen, daß deren Organisation unserer Arbeitszeit auch im Rahmen bleibt.

Uns Journalisten bleibt im Einzelfall nur, die Termine hinzunehmen. Wem die Uhrzeiten zu spät sind, kann ja daheim bleiben. So ist das halt in der freien Marktwirtschaft.

Hier nochmal der Terminkalender (ohne Details natürlich, und ohne private Termine. Dies ist übrigens iCal) in voller Pracht. Eine noch vollere Woche zeige ich Euch dann beim nächsten Filmfest…

PV-Terminübersicht anonymisiert

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