Unterbesuchte PVs

Es ist meines Erachtens das erste Mal, daß ein Pressebüro in einer Mail derart deutlich die Unzufriedenheit über eine schlecht besuchte Pressevorführung zum Ausdruck bringt:

Sehr geehrte Damen und Herren !

Ehrlich gesagt: In den ersten Pressevorführungen waren Sie nicht so zahlreich. (Trotz unserer begründeten Empfehlungen.) Die anwesenden Kolleginnen waren umso begeisterter, weshalb wir Ihnen eine weitere Chance einräumen wollen, (Red: Filmtitel) dort anzusehen wo er hingehört: Im Kino.

Wir können Ihnen versichern (Red: einige Filmdetails); dass sein Film uns vor allem aber einen spannenden, abwechslungsreichen, filmisch innovativen und unterhaltsamen Kinoabend verschafft hat. So jetzt aber mal.

Anliegend erhalten Sie eine Übersicht der bundesweiten Previews. Da wir -anders als bei Pressevorführungen- Ihren Besuch bei den Kinos ankündigen müssen, bitten wir um möglichst baldige Rückmeldung, welche der Vorstellungen Sie besuchen wollen.

Trauen Sie uns.

Mit freundlichen Grüßen

(Red: Pressebüro)

Dies macht mich stutzig.

Ist die obige Formulierung nur der Versuch einer kumpelhaften PR-Arbeit?

Handelt es sich um echte Verzweiflung, daß der Film vielleicht journalistisch nicht genug Beachtung finden könnte?

Oder ist die wohl tatsächlich deutlich unterbesuchte PV ein Indikator für eine ganz andere Entwicklung im Filmjournalismus?

Schon länger fällt auf, daß eine Vielzahl von Vorführungen meist nur von einer relativ geringen Zahl von Journalisten besucht wird, obwohl meist eine vielfache Zahl von Kollegen eingeladen wurde. Erst bei Abendvorstellungen oder bei größeren Blockbustern strömen die Geladenen, die sich dafür meist extra freigenommen haben.

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, daß nämlich gerade festangestellte Redakteure tagsüber nicht einfach so ins Kino gehen können. Tatsächlich ist die Zeitaufwand-Effektivitäts-Ratio bei Pressevorführungen nicht besonders hoch, zu zwei Stunden Film gesellen sich (dank der oftmaligen redaktionellen Gewerbesteuerflucht ins Münchner Umland) meist ein bis zwei Stunden Fahrzeit. Das macht bereits 3-4 Stunden Arbeitszeitaufwand für nur eine Filmkritik, die dann ja noch gar nicht geschrieben ist. Vielen Redaktionen ist dies natürlich zu teuer. (Und freie Kollegen, die eine Kurzkritik verkaufen können, kommen so auf den Stundenlohn eines Tellerwäschers.)

Andererseits sind mit der Entwicklung des Internet eine Unzahl von Filmwebseiten entstanden, die nicht alle ernsthaften Journalismus betreiben. Leider ist es auch relativ einfach, an einen Presseausweis zu kommen, und so gibt es heutzutage auch eine Menge nicht ganz waschechter Journalisten. Diese Fraktion unserer Zunft nutzt die Pressevorführungen scheinbar tatsächlich zum kostenlosen Kinobesuch.

Nun kann man jedoch nicht einfach einen Strich ziehen und die Gruppen trennen. Unter den schwarzen Schafen der „Cheapskates“ befinden sich nämlich auch die Autoren von morgen. Diese herauszufiltern, ist praktisch unmöglich. Außerdem glaube ich nicht, daß die vielen geladenen Gäste, die nur zu den großen Hits kommen, alle Vollprofis sind (denn echte Filmjournalisten gehören nun eben ins Kino) und auch selbst über den Film berichten werden, zum anderen denke ich, daß gerade die unechten Fanjournalisten, wie ich sie mal eben nennen möchte, oft mehr Ambition an den Tag legen als manche von den Großen, eifrig umworbenen.

Wenn also zu einer PV eines Underdogs von Film plötzlich kaum Journalisten (echte oder zähneknirschend geduldete) auftauchen, dann sieht es wohl so aus, daß die erwünschten Kollegen einfach mal wieder wegen massiver redaktioneller Eingespanntheit nicht kommen konnten und daß die „Crowd“ der Lustjournalisten (Freie + Ambitionierte) in diesem Fall einfach keine Lust hatte bzw. keinen Absatzmarkt erkennen konnte.

Die Lösung für das Dilemma sehe ich bei den Verleihern: Ich propagiere ein Umdenken, und zwar die verleiherseitige Akzeptanz des Internets als vollwertige Publikationsform gegenüber den etablierten Medien, auch wenn die Inhalte oft kostenlos erhältlich sind. Auch wenn das auf den ersten Blick absonderlich wirkt und tendenziell von der Branche immer noch nicht ernstgenommen wird, kann eine Webseite mit kostenlosem, aktuellen Inhalt doch ihre Autoren finanzieren, sei es sekundär (Werbung) oder auch tertiär (hintenrum, also z.B. durch Folgeaufträge). Das soll die Sorge des Verleihs nicht sein. (Ein Lesetipp an dieser Stelle, bei Amazon)

So wird es für Agenturen möglich, das Augenmerk für PR-Tätigkeiten nicht mehr ausschließlich auf die etablierten, gut bezahlten, fest angestellten, und leider oft kaum aus den Redaktionen zu lockenden Rosinen-im-Kuchen-Kollegen von den gut am gewünschten Markt positionierten Publikation zu legen, sondern auch die Generation der neuen, aufstrebenden, stärker zukunftskompatiblen, web-savvy Journalisten miteinzubeziehen. „Embrace the change!“ wäre der passende Slogan auf englisch. Denn im Web liegt die Zukunft der Publikation, On-Demand heißt das Zauberwort, und die nachwachsende Generation kennt es schon jetzt nicht anders.

Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn.

3 Gedanken zu „Unterbesuchte PVs“

  1. Also wenn ich das richtig verstehe, dann sollen die Verleiher die Neuproduktionen als Stream auf des Journalisten PC zur Verfügung stellen? Nicht, dass das bekannte Risiken birgt, die Verleiher wollen doch schließlich auch, dass Sound- und Special-Effects entsprechend rüber kommen – und das geht halt nur im Kino.

    Ich arbeite auf Agenturseite in der Gaming-Branche und da ist es nicht anders: Auch hier gibt es eine Reihe von „Nachwuchs-Autoren“, meist aus dem Online-Bereich natürlich.

    Wir suchen uns City-Nahe Locationes (meist Hotels) und bauen dort technisch hochwertiges Equipment (Plasmas, 5.1-Anlage, etc.) auf, um die neuesten Games vorzustellen. Meist ist der Entwickler mit dabei, um die Veranstaltung ein bisschen aufzuwerten – ergo, mehr Journalisten zum Kommen zu begeistern. Bzgl. Rezensionen ist es in unsere Branche allerdings ein bisschen einfacher – da werden 2-3 Wochen vor Release stapelweise Vollversionen verschickt, die der Redakteur dann genüsslich zu Hause (wenns Spiel gefällt) oder zähneknirschend in der Redaktion (wenns Spiel nicht gefällt) antestet.

    Eine Patentlösung für das Dilemma Zeit-Nutzen-Einsatz fehlt mir allerdings auch. Am Ende des Tage kommt es dann halt auf die Relevanz des Spiels, bzw. Films an.

  2. Hallo Kohli,

    nein, so weit würde ich nicht gehen. Obwohl ein Stream sicherlich eine Option sein könnte in einigen Jahren, wenn es immer mehr Produktionen geben wird, die um Beachtung heischen. Doch das ist Zukunftsmusik, und ich geh auch lieber ins Kino, als daß ich vor dem Rechner sitze.

    Es ist natürlich bitter, wenn man sich auf Agenturseite die Beine ausreißt, um der Presse ein (evtl. undankbares) Produkt schmackhaft zu machen, und dann kommt keiner, weil das Wetter zu schön ist oder sowas. Klar, das saugt. Aber andererseits kann man die Journalisten halt nicht zwingen, aufzutauchen – auch klar.

    Eine Patentlösung kenne ich nicht, aber gegenüber dem „Kunden“ patzig werden hilft auch nicht. Nicht, daß ich die obige Mail als patzig empfinde, aber richtig neutral ist sie ja auch nicht mehr. Dies mag hier ja positiv besetzt sein („Frechheit siegt“ usw.), aber es ist leicht, sich in so einer Situation im Ton zu vergreifen. Es ist nunmal so, daß die Presse halt umschmeichelt werden muß (leider, finde ich), damit Chance auf eine Veröffentlichung besteht, Für Agenturen ist das im Grunde dieselbe PR-Arbeit wie gegenüber dem Endkunden, nur eben spezialisierter und mit mehr Entgegenkommen. (Im Grunde ist das alles Darwin in komplexester Reinkultur)

    Mir wären erhöhte Moralvorstellungen von Seiten der Presse lieber, das Banner der Neutralität, und eine nicht so starke Sensationslust. Doch andererseits kommt diese ja wiederum vom Leser – das kann wiederum auch eine Ausrede unseres Berufsstandes sein.

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