Pimp yo Brain!

Deutschland braucht mehr Stars! Die geradezu schmerzhafte Knappheit an VIPs, Prominenz, diversen Boxen- oder Roten-Teppich-Ludern und erfrischend hirnverbrannten Moderatoren ist ja kaum mehr auszuhalten! Keine Fernsehshow, in der nicht ständig Prominentenmangel herrscht, man merkt es ja schon am Niveau. Mehr Stars müssen her, die können wenigstens was!

Pimp yo Style-SpamAls Sofortlösung kann man nun wenigstens so aussehen wie ein echter VIP-Star, indem man sich nämlich mit Glitzersteinchen behängt.

Aber bitte natürlich erst, nachdem man sich schlankgekotzt und braunverbrannt hat. Das Arschgeweih ist allerdings schon wieder out, hab ich mal gehört, also besser Finger weg vom Tätowierer!

Aber keine Sorge: Die stolze Flut der deutschen Eigenproduktionen und Showformate schwillt derzeit noch an. Qualitativ werden sämtliche importierten Shows, Serien und Filme natürlich locker in den Schatten gestellt.

Tatsächlich ist der mediale Aufwind allüberall zu spüren. Wir haben ja jetzt zum Beispiel auch bessere Bands, dank unseres effektivierten Castingmodells: Am Ende dürfen uns die Gewinner der Show brav mit den neuesten Hits indoktrinieren, über den Chartshow-Mechanismus entgeht kaum ein Radiohörer den neuesten Superhits. Die stammen natürlich allesamt aus der Feder unserer musikalischen Geheimwaffe, einem Superhirn der Popmusik, neben dem selbst gewachsene Bands wie die Beatles, die Stones, Pink Floyd, Led Zeppelin oder U2 echt alt aussehen.

Nachdem ich vor einiger Zeit die Spammail mit obiger Grafik bekommen habe, die mich zum Besuch der Webseite pimp-mystyle.com anregen sollte (erfolglos), kam vorgestern eine Pressemeldung zum gleichen Thema, diesmal deutlich seriöser:

PRESSEMITTEILUNG

Casting 2.0 – so wird man heute berühmt

21TORR und die MME MOVIEMENT AG bringen die erste deutsche Casting-Community ins Netz

Auf www.getfamous.de können Schauspieler und Statisten online Sedcards erstellen, bewerten und kommentieren. Die aufwändige Technologie hinter der Casting-Community stammt vom Social-Network-Spezialisten 21TORR.

Reutlingen, 24. Juli 2007. Im Fernsehen boomen Castingshows, im Internet Communities. Für den grössten unabhängigen TV-Produzenten in Deutschland, die MME MOVIEMENT AG, bringt 21TORR mit GetFamous beides zusammen. Seit dem 19. Juli ist die erste deutsche Casting-Community online. Bewerbern bietet GetFamous die Chance entdeckt zu werden. Für die Produktionsgesellschaft ist das Portal ein wichtiges Instrument auf der Suche nach neuen Gesichtern.

Dazu Martin Hoffmann, Vorstandsvorsitzender der MME MOVIEMENT AG: „GetFamous ist die logische Konsequenz der permanenten Suche nach Talenten bei Film und Fernsehen. Unser Ziel ist es, für jede Sendung die ideale Besetzung zu finden. Egal, ob es sich um Kandidaten für eine Show, Laiendarsteller, Schauspieler oder echte Typen für eine Docu-Soap handelt.“

Die MME MOVIEMENT AG produziert Serien, Filme und Showformate für das deutsche Fernsehen. Jeden Monat werden rund 1.000 Rollen besetzt. Der Bedarf nach neuen Gesichtern ist sehr hoch. Der Schwerpunkt liegt auf täglichen oder wöchentlichen Sendungen wie „Richterin Barbara Salesch“ auf Sat1, „Are you hot“ auf VIVA und Docu-Soaps wie „Bauer sucht Frau“ auf RTL oder „Frank- der Weddingplaner“ auf ProSieben.

Angehende Schauspieler, Statisten und Profis können kostenlos eine eigene Sedcard mit Daten, Fotos und Film- oder Fernseheinsätzen erstellen. Einzige Zugangsvoraussetzung ist die Registrierung als Mitglied der GetFamous-Community! . Die Anmeldung erfolgt über ein Double-Opt-in-Verfahren: Nach dem Ausfüllen des Registrierungsformulars erhalten die Interessenten eine E-Mail mit einem Link. Durch das Anklicken wird die Mitgliedschaft aktiviert.

Video- und Audiodateien können via Pay-by-Call-Nummer hochgeladen werden. Jeder Besucher kann die Community nach verschiedenen Kriterien, wie Kurzname, Einsätze oder Schlagworten (Tags) durchsuchen. Typische Community-Merkmale von GetFamous sind die Kommentarfunktion, das Anlegen von Favoritenlisten, das Verschlagworten (Taggen) der eigenen Uploads und die „Fußspur“-Funktion. Hier werden die letzten fünf Besucher einer Sedcard angezeigt.

Eine für Internet-Communities einzigartige Lösung stellt der eingebundene All-in-One-Flash-Player dar. Alle in einer Sedcard hinterlegten Medien, Video, Audio und Fotos, werden darin angezeigt und abgespielt. Die Umwandlung ins Flash-Format erfolgt automatisch nach dem Hochladen. Die GetFamous-Plattform wurde auf Basis der Metropolis-Community-Technologie entwickelt und individuell von 21TORR angepasst.

Bisher registrierten sich rund 1.690 Mitglieder für die Community. Die MME MOVIEMENT AG plant die Casting-Community weiter bekannt zu machen.

Nun gibt es also eine weitere Community, mit deren Hilfe sich hoffnungsfrohe Abitur-Abbrecher, gehirnfreie Körperfetischisten, aufstrebende Jungluder und alle anderen Stars von morgen auf ihren Start in ein besseres Leben vorbereiten können. Ich kann es kaum erwarten, die neuen Gesichter bei Bauer sucht Frau zu sehen oder neue schauspielerische Höchstleistungen bei Richterin Barbara Salesch zu genießen. Ich erstarre schon jetzt vor Ehrfurcht.

Wie gut, daß die neue Community sich auch gleich über die Armee der Hoffnungsfrohen finanziert: Seine Castingvideos kann man per Pay-by-Call-Nummer hochladen. Ich würde sagen, die Zukunft der deutschen Medien ist in trockenen Tüchern.

Nun aber mal ernsthaft: Natürlich braucht es Castingagenturen, und es hat Casting schon immer gegeben. Auch braucht es determinierte junge Menschen, die „den Ruf“ spüren und sich echt reinhängen, um „es“ zu schaffen. Doch es gibt eine Grenze zwischen Ambition und Prostitution.

Genau wie es im redaktionellen Bereich, sozusagen hinter den Kulissen (wo auch wir Dicken eine Chance zu haben glauben), schon lange den Beruf des gar nicht oder nur minimal bezahlten Dauerpraktikanten gibt, wird seit der Entdeckung des Spannungsbogens einer Castingtortur einfach der Bock zum Gärtner gemacht: Branchen-Ausverkauf!

Heutigen Jugendlichen wird vermittelt, daß es ein Leichtes ist, berühmt zu werden, denn man muß ja nichtmal etwas können. Man muß nur bereit sein, sich zum Affen zu machen, und vielleicht auch noch ein wenig die Beine breit (das ist natürlich nur ein wildes Gerücht und entbehrt jeglichen Körnchens von Wahrheit). Daß es sich bei diesem Mechanismus einfach nur noch um eine perverse Freakshow handelt (und damit meine ich die Schaucastingbranche und deren Endprodukte im Allgemeinen), die sich kein bißchen um ihre Kinder, oder besser, um ihre Produkte, ihre Schöpfungen, ihre Frankenstein-Monster kümmert und diese dann nach einer kurzen Phase hohlen, unverdienten Ruhmes und einem hochgezüchteten Anspruch auf VIP-Behandlung mit dem Gesicht nach unten in der Gosse liegen läßt, wird geflissentlich verschwiegen.

Ein gefülgeltes Wort sagt, daß in L.A. jeder Kellner ein Drehbuch oder eine große Idee in der Schublade hat. Ich bin sicher, daß das so oder ähnlich stimmt, siehe die Entstehungsgeschichte von Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten. Die zweite, nicht so leicht zu erkennende Botschaft lautet hierbei jedoch, daß sich dort eine Menge Leute, die gern ins Showbiz gelangen wollen, nicht zu gut zum Kellnern sind. Ich habe irgendwie den Verdacht, daß hierzulande ein Großteil der von der Castingindustrie verwursteten keinesfalls die Branche verlassen würden, auch wenn ihre Zeit ganz deutlich abgelaufen ist. Leuchtendes Gegenbeispiel hierbei ist ausgerechnet Zlatko, der laut Wikipedia nach seinem kurzen Aufstieg zu größerer Bekanntheit nun wieder als Kfz-Mechaniker arbeitet.

Doch Moment, Geistesblitz! Wahrscheinlich dienen diese ganzen neuen Castingcommunities nur dazu, den ernsthaften Castingagenturen und ernsthaften Künstlern den Rücken bei der ernsthaften Arbeit freizuhalten, und vielleicht noch, ein paar Euro nebenher zu verdienen. Das würde ich sogar verstehen, bis auf das mit dem Geld. Doch wo kann ich denn dann die ernsthaften Produktionen mit den ernsthaften Leuten gucken? Den Sender krieg ich irgendwie nicht rein. Zumindest sind die Perlen genauso selten wie vor dem großen Casting-Aufwind in unserem Lande. Ja, äh, haben wir am Ende denn womöglich gar keinen Aufwind?

Ich für meinen Teil kann nur hoffen, daß, wenn es nun schon nationale Verwurstungsrituale für verblendete Medienschnupperer gibt, nun bald auch ein Resozialisierungsprogramm für Ex-VIPs und andere C-bis-Z-Sternchen ins Leben gerufen werden wird, und daß dieses dann nicht auch noch über unsere Steuergelder finanziert werden wird.

Nachtrag vom 27. Juli 07: Mehr Sinn macht da meines Erachtens das Hollywood Pitch Festival, auch wenn es dort Ablehnungen ohne Ende hagelt.

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