Über den Final Cut und das Offenhalten aller Möglichkeiten

Soeben habe ich die folgende Pressemeldung von der Constantin Film erhalten:

Die Constantin Film nimmt zu der aktuellen Diskussion in der Medienbranche zu Spielfilmen bei denen neben der Kinoversion auch eine längere 2-teilige TV-Fassung hergestellt wird wie folgt Stellung:

Wie keine andere Firma in Deutschland steht die Constantin Film für grosses Kino. Alle unsere Eigenproduktionen werden mit erheblichem Einsatz und Aufwand hergestellt und dann zuerst im Kino, im Anschluss daran u.a. auf Video und schliesslich im Fernsehen weltweit ausgewertet.

Der Constantin Film ist wichtig, dass Regisseure optimale Arbeitsbedingungen für ihre Filme haben. Bei bestimmten Stoffen verlangen aussergewöhnlich hohe Budgets aussergewöhnlich hohe Beteiligungen der an der Herstellung und Finanzierung beteiligten Partner – u.a. auch von den deutschen TV-Sendern.

In einigen wenigen Fällen in denen sich die Erstellung einer längeren Fassung anbietet und für die aussergewöhnlich hohe Budgets notwendig sind haben wir uns – zusammen mit den beteiligten Produzenten und Regisseuren – entschlossen eine längere – manchmal dann auch 2-teilige – TV-Fassung aus dem gedrehten Material zu schneiden. So auch bei zwei unserer derzeit in Produktion befindelichen Spielfilme ‚Anonyma – Eine Frau in Berlin‘ unter der Regie von Max Färberböck und der Bernd Eichinger Produktion ‚Der Baader- Meinhof Komplex“ – Regie Uli Edel.

Die Constantin plant nicht TV-Programme ins Kino zu bringen und bisher ist dies auch nicht geschehen.

Oliver Hirschbiegel – Regisseur von Der Untergang: Ich habe den Untergang auschließlich und kompromisslos als Kinofilm und nicht als TV gedreht . Die TV Fassung ist quasi mein „Directors Cut“ und die Tatsache, daß ich „mehr Material“ drehen konnte als mit einem kleineren Budget ist zweifellos dem ARD Deal zu verdanken. Ergo: Der hat mir als Regisseur mehr Freiheit beim Drehen meines Films garantiert.

Im Fall des Kinofilmes „Der Untergang“ hat der Film in Deutschland in Filmtheatern sensationelle 4,5 Millionen Zuschauer erreicht und weltweit knapp USD 100 Millionen eingespielt und erhielt eine Oscar Nominierung. Auch in den nachgelagerten Verwertungsstufen – auf Video und im Fensehen – dort lief der Film in einer 2-teiligen Fassung – war der Film ein aussergewöhnlicher, herausragender Erfolg.

Bernd Eichinger: „Zunächst: es würde den Film ‚Der Untergang‘ ohne die hohe finanzielle Beteiligung der ARD und der Degeto überhaupt nicht geben. Das von mir geschriebene Drehbuch, wäre auf Grund seines Volumens und des erforderlichen Produktionsaufwandes als deutschsprachiger Film mit deutscher Besetzung schlichtweg nicht zu finanzieren gewesen. Die epische Erzählweise, die ich für den Stoff gewählt hatte, ließ sich auch nicht beliebig kürzen, ohne dabei Gefahr zu laufen, das Drehbuch auf ein Kammerspiel zu reduzieren. Erst im Schneideraum war es uns möglich, die nötigen Kürzungen für einen Kinofilm von zweieinhalb Stunden vorzunehmen. Für die Fernsehfassung ordneten wir im Schneideraum den Film dramaturgisch in Teilen neu und konnten somit bestimmte Szenen wieder einfügen, die den Film auf eine Gesamtlänge von drei Stunden brachten. Zu unserer aller Freude wurde diese Fassung dann in zwei Teilen im Fernsehen mit großem Erfolg ausgestrahlt.

Diese Vorgehensweise hat uns viel künstlerische Freiheit gegeben, die wir nun bei unserem neuen Vorhaben „Der Baader-Meinhof Komplex“, dessen Handlung immerhin einen Zeitraum von zehn Jahren abdeckt, erst recht wieder brauchen.“

Abgesehen davon, daß man die Meldung vor dem Verschicken besser nochmal auf Fehler und Stilistisches durchsehen hätte sollen, versteht man zunächst gar nicht, was uns die Constantin Film überhaupt sagen will. Erst nach mehrmaligem Lesen ist man überzeugt, daß im Prozeß der Herstellung eines Filmes zuerst gedreht und dann geschnitten wird. Und zwar zunächst eine eher kurze Kinofassung, dann eine längere TV-Fassung.

Nach der Kopfzeile gibt es hierzu andernorts scheinbar eine Debatte, was die Unterschiede zwischen Kino- und TV-Fassungen von Filmen angeht.

Ich persönlich bin eher skeptisch, was die sogenannten TV-Fassungen angeht, die ja durch ihre größere Länge dem Publikum mehr bieten sollen. Dies mag funktionieren, kann aber auch in die Hose gehen.

Beispiel Das Boot: In der IMDb taucht der Film in drei Versionen auf: 149 Minuten, 209 Minuten (Director’s Cut) und 293 Minuten (uncut Version). Die kürzeste Fassung war das Kinorelease von 1981, Der Director’s Cut erschien 1997 und die lange Version war meines Wissens die ursprünlich angedachte TV-Serie, die irgendwo dazwischen auftauchte und 2004 auf DVD erschien. (Übersicht)

Das Boot, das jedoch die Menschen beeindruckte und die 1983 sechs Oscarnominierungen erhielt, aber wegen Gandhi und E.T. leer ausging, war jedoch die kurze, knackige Kinofassung. Die Frage bleibt, ob es die anderen Fassungen überhaupt brauchte.

Denn ein Film wird nicht besser, wenn er länger ist. Gerade im Schnitt liegt ja die Kunst, ein unvergeßliches Kinoerlebnis zu schaffen: In der Kürze liegt die Würze. Mehr ist nicht immer besser. Nicht auf die Größe kommt es an, sondern auf die Technik. Und und und.

Ich würde zum Beispiel auch gern einen Blick auf Grind House in der US-Version werfen, um das Gesamtwerk im Vergleich zu den getrennten deutschen Releases zu sehen.

Auf jeden Fall ist es meines Erachtens nicht ganz koscher, einen Filmschnitt von vorneherein so zu planen, daß die Kinoversion kurz genug ist, um pro Tag einmal öfter gespielt werden zu können als längere Filme.

Ausbaden müssen dies dann die Filmfans, denn sie sind es, die sich dann den Director’s Cut auf DVD kaufen müssen, um den Film so zu sehen, wie er eigentlich auf die Leinwand gehört hätte. Wenn der Final Cut nun nicht beim Regisseur, sondern wie fast immer beim Produzenten liegt, dann trägt dieser auf dem letzten Meter auch die künstlerische Verantwortung für das, was letztlich auf der Leinwand landet. Nicht selten entsteht über die Entscheidungen der Produzenten, die tendenziell ein weit stärkeres Interesse an der Vermarktbarkeit als an Aussage oder künstlerischem Wert des Filmes haben, gewaltiger Unmut.

Die Veröffentlichung einer Pressemeldung wie der obigen, die im Grunde nur aussagt, daß man eine zusätzliche Finanzierung beim Dreh gern mitnimmt, und dann den Film im Gegenzug eben auch als verlängerten TV-Zweiteiler verwurstet, mag der Crew beim Dreh zwar mehr Freiheiten geben – aber wenn dieser Geldsegen dazu verpflichtet, statt einem Film eben zwei-in-eins zu drehen, dann ist der Regisseur letztendlich der Gelackmeierte. Es ist schwierig genug, die Dramaturgie nur eines Films unter Kontrolle zu halten. Muß man nun gleichzeitig zwei Versionen drehen, also bausteinartig und verlängerbar, kann das Ergebnis doch in jedem Fall nur ein Kompromiß sein. Brilliantes Kino oder Kultfilme können dabei jedoch nicht herauskommen.

Nachtrag vom 23. Juli: Dieser Artikel erklärt die Vorgeschichte.

2 Gedanken zu „Über den Final Cut und das Offenhalten aller Möglichkeiten“

  1. Ich kann es nur vermuten, aber die Lektüre der Pressemitteilung erweckt bei mir einen anderen Verdacht: Constantin wehrt sich gegen die Unterstellung, Kinofilme quasi als „Vorversion“ von TV-Zweiteilern zu produzieren. Das könnte nämlich rechtliche Konsequenzen haben, was die teilweise massive Förderung angeht. Man kann nämlich nicht Filmförderung mit dem Hinweis kassieren, einen Kinofilm zu produzieren – und gleichzeitig Fernsehförderung auf der Basis, dass man eigentlich einen TV-Zweiteiler herstellt. Die ganze Pressemitteilung riecht verdächtig nach Vorneverteidigung – und lässt vermuten, dass tatsächlich Bedarf besteht, sich das System mal genauer anzusehen…

  2. Stimmt, in die Richtung hab ich ja noch gar nicht gedacht! Ich bin aber auch kein großer Freund der Filmförderung. Nicht falsch verstehen: Kunst-, Kultur- und Nachwuchsförderung müssen sein, aber ausgewachsene Produktionen, die sich in der freien Wirtschaft behaupten können sollten und dies auch selber wollen, mit Steuergeldern fördern, das finde ich nicht ganz in Ordnung. Okay, Förderungen müssen wohl in den meisten Fällen zurückgezahlt werden, aber solange es in fremden Händen liegt, die Einspielergebnisse schön- (oder eben auch schlecht-) zurechnen, kann da ja gedoktert werden, was das Zeug hält. Doch da ich über die Förderungen nicht gut genug informiert bin, sage ich auch an dieser Stelle nicht mehr.

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