Die Sache mit dem Blick durch fremde Augen

Gute Journalisten formulieren ihre Beiträge so, daß Außenstehenden einen Sachverhalt oder ein Detail davon auf verständliche Weise vermittelt bekommen. So ein Text muß Unwissende informieren, darf gleichzeitig aber Informierte nicht langweilen.

Dies zu bewerkstelligen ist eine Fähigkeit, die uns unter anderem mit Filmemachern und anderen Erzählern, Lehrern, Marketingleuten und nicht zuletzt Eltern verbindet. Sie läßt sich mit einer Autobahnauffahrt vergleichen, die ja mit ihrer meist langen Kurve und dem (oft, aber leider nicht immer) folgenden Beschleunigungsstreifen auch dazu dient, den Fahrer an Richtung und Geschwindigkeit der Fahrzeuge auf der Fahrbahn hinzuführen, so daß er sich am Ende der Auffahrt problemlos in den fließenden Verkehr einreihen kann und nicht blinkend vor einer vorbeirauschenden Blechlawine verhungern muß.

Dreh- und Angelpunkt dieser Kunst ist die Fähigkeit, sich in andere Leute versetzen zu können und so z.B. den eigenen Text aus fremer Sicht probelesen zu können, oder eben auch eine Werbekampagne aus dem Blick der gewünschten Zielgruppe wahrnehmen zu können – eine anspruchsvolle Sache.

Doch wie so oft scheint diese Eigenschaft auf unserem Planeten sehr ungerecht verteilt zu sein. Ein kleines Beispiel aus der Computerindustrie:

Apple feiert riesige Erfolge mit dem iPod, während die Konkurrenten eine Art Schattendasein fristen. Warum? Das Zauberwort lautet Usability. Apple hatte bei der Entwicklung das Augenmerk auf den Kunden gelegt, auf dessen Unbedarftheit und dessen Wünsche, und nicht so sehr auf den gewünschten Verkaufspreis oder andere Faktoren. Die Bedienung des iPods mit Hilfe eines Rädchens und nur einem Knopf war geboren, aus der Notwendigkeit der einfachen Bedienbarkeit heraus.

Die Konkurrenz beschriftete derweil lauter gleich oder ähnlich aussehende Knöpfe mit winzigen Texten oder Symbolen, die sie pseudo-ergonomisch kreuz und quer über die Gehäuse ihrer Geräte verteilten und fügte irgendein schnittiges Design-Element als angeblich ausschlaggebendes Verkaufsargument hinzu. Dieses Vorgehen sollte letzten Endes niemanden glücklich machen.

Ganz allgemein gesagt: An der Schnittstelle zwischen Sender und Empfänger scheiden sich oft genug die Geister. Hier liegt die Ursache für Mißverständnisse, hier liegt der Hund begraben. Hier sollte der Anbieter liefern, was der Kunde will. Nicht nur, was der Kunde braucht, sondern auch das, was er wünscht – es aber oft genug noch gar nicht weiß.

Heute, und das war auch der Auslöser für diesen Post, flatterte mir ein weiteres Beispiel für nicht zu Ende gedachte Kundenbeziehung ins Haus: Meine Telefonrechnung. Die erhalte ich online, und wenn sie zum Download bereitsteht, bekomme ich eine Mail. Also surfe ich wieder mal zu meinem Anbieter (ich bin bei Alice, weil man da keine Mindestvertragslaufzeit hat), logge mich ein und schlendere im Kundencenter zur Rechnungsabteilung. Ein Klick auf „PDF“ bei der jüngsten Rechnung, und die 6-seitige Datei liegt auf meinem Desktop.PDF-Rechnung

Dumm nur, daß die Datei einen sehr kryptischen Namen trägt: PDF_Rechnung_M (hier folgt eine 15-stellige Nummernkombination) _07-2007.pdf.

Würde ich diese Datei zufällig in irgendeinem Ordner entdecken, hätte ich nicht den blassesten Schimmer, um wessen Rechnung wofür und an wen es sich hier handeln soll. Nur, weil ich sie justamente selbst heruntergeladen hatte, ist mir bewußt, daß es sich um meine Telefonrechnung handelt.

Wenn ich die Rechnung irgendwo aufheben will, habe ich in diesem Ordner auch keinen wirklichen Überblick, welche Rechnung zu welchem Monat gehört. Nur ganz hinten die Zahlen, die könnten Juli 2007 bedeuten. Doch die Telefonrechnungen liegen auch bei alphabetischer Listenansicht völlig chaotisch in ihrem Ordner, was wenig übersichtlich ist.

Was Alice hier offenbar nicht realisiert hat, ist die simple Erkenntnis, daß man Daten (hier als Plural von Datum gemeint) im Computer natürlich im Format JJJJ-MM-TT, also Jahr, Monat, Tag benennen muß, und nicht im umgangssprachlichen Format TT-MM-JJJJ, denn sonst ordnen sich die Dateien ja (bei alphabetischer Auflistung, wie eigentlich üblich) nie und nimmer chronologisch an, und das Chaos ist vorprogrammiert. Leseweisen von Zahlenzählung bei Mensch und Computer

Der Grund liegt natürlich darin, daß der Computer alle Dateinamen von links nach rechts liest, so auch die Ziffern eines Datums. In der Lateinischen Schrift lesen wir Buchstabenfolgen von links nach rechts, unsere Arabischen Zahlen dahingegen aber weiterhin von rechts nach links – wir müssen ja zuerst die Anzahl der Ziffern erfahren, um den Stellenwert jeder Ziffer zu kennen.

Deswegen sollte man als einfachen Workaround, wenn man z.B. seine Fotos durchnumeriert, die Zahlen auch vorne mit einer entsprechenden Zahl von Nullen „polstern“.

Ich muß alle meine Alice-Rechnungen also manuell umbenennen, und zwar mit dem Präfix „JJJJ-MM Alice Rechnung“, damit sie sich endlich chronologisch korrekt in ihrem Ordner anordnen. Das ist zwar nur ein winziger Aufwand, einmal im Monat, aber dennoch im Grunde eigentlich unnötig, hätte man zumindest bei Alice alias Hansenet zu Ende gedacht.

Doch was bei der Telefonrechnung nur in geringem Maße stört, ist im journalistischen Alltag geradezu tödlich nervig: Die Namen der Dateien auf verschiedensten Presseserven zeugen leider durch die Bank von wenig Bereitschaft, diese kundenfreundlich aufzubereiten:

Beispiel für zentralen Presseserver 1

Ich habe für das obige Beispiel die Presseserver von vier verschiedenen Verleihern besucht, auf jedem einen beliebigen Film aufgerufen und dort jeweils das neunte Szenenbild in der kleinsten Auflösung heruntergeladen. In diesem Fall werden die betreffenden Presseserver vom selben Unternehmen betrieben, was die einheitliche Bezeichnung der (Bild)dateien erklärt. Nur den zufällig unterschiedlichen Maßen jedes Bildes ist es jedoch zu verdanken, daß die vier Bilddateien nicht auch noch den exakt gleichen Namen tragen und beim Speichern noch mehr Chaos verursacht hätten.

Zwar sind beim Sammeldownload eines ZIP-Archives von diesem Presseserver Filmtitel und Art des Materials durch die im Archiv enthaltene Ordnerstruktur genannt, doch tragen die Dateien, mit denen letztendlich ja hantiert wird, weiterhin ihre wenig aussagekräftigen Bezeichnungen. Die manuelle Zusammenstellung so eines Archivs dauert übrigens meist deutlich länger als der Download eines hypothetischen pauschalen ZIP-Archives mit den kompletten Pressematerialien zu diesem Film. Dies wird aber wohl deshalb nicht gewollt, weil man dann nicht mehr mitloggen kann, welcher Journalist sich welche Materialien herunterlädt.

Zip-Archive zweier Presseserver

Hier sollte noch erwähnt werden, daß sich im Laufe der PR-Begleitung eines Filmes die Zahl der verfügbaren Pressematerialien vergrößert. Da die neu hinzugekommenen Materialien aber nicht in der Liste hinten an die bisher verfügbaren angefügt werden, sondern gerne (vielleicht wegen der Aufmerksamkeit) vorne eingefügt werden, kann es sein, daß ein und dasselbe Bild, das letzte Woche noch Szenenbild 5 hieß, diese Woche nun das Szenenbild 11 ist.

Wenn man nun als Journalist im Laufe eines Arbeitstages oder einer Arbeitswoche mehrere Bilder, Textdokumente, Tonausschnitte und Trailer von mehreren Filmen benötigt, dann hat man ziemlich schnell ein heiloses Ducheinander auf dem Desktop.

Hier ein Beispiel für den frei zugänglichen Pressebereich eines weiteren Verleihs: Bei den Bildern werden überhaupt keine Namen angezeigt (das ist ja auch nicht unbedingt nötig), doch die Dateinamen vor (u.l.) und nach (u.r.) dem Download lassen schlecht bis gar nicht erkennen, worum es sich bei der jeweiligen Datei handelt bzw. zu welchem Film sie gehört.

Beispiel eines freien Presseservers

Die ideale Lösung wäre natürlich, eine Mediendatenbank oder ein Redaktionssystem zu verwenden, in dieses die Bilder, Texte und Töne zu importieren und gleich ordentlich zu verschlagworten. Doch wer außer den ganz großen Redaktionen betreibt so einen Aufwand?

Uns Endkunden bleibt also nur, sich mit Szenenbild.jpg, Presseheft.doc und Dialogausschnitt.mp3 in verschiedenen Numerierungen herumzuschlagen.

Auch bei einem anderen zentralen Presseserver, bei dem mehrere Verleiher ihre Materialien hosten lassen, ist die Bezeichnung verbesserungsfähig: Presseheft und Bildbeschreibung enthalten hier wenigstens den Titel des betreffenden Films oder eines Teils davon, leider in zwei verschiedenen Sprachen. Die Dateinamen der O-Töne dahingegen bestehen nur aus einer Nummer und eine kurzen inhaltlichen Zusammenfassung, den Filmtitel sucht man vergebens. Schon nach wenigen Arbeitswochen hat man unter Garantie einen dermaßenen Drahtverhau auf dem Rechner, daß man sich beim besten Willen nicht mehr auskennt.

Beispiel für zentralen Presseserver 2

Gut, die meisten Verleiher verbieten das Archivieren von Pressematerial sowieso (das demotivert übrigens auch ein wenig in Bezug auf das Einpflegen in Mediendatenbanken), doch im realen Arbeitsalltag sammeln sich die Dateien sehr wohl eine gute Weile an, bevor die Notwendigkeit einer großen Aufräumaktion erst zur Löschung führt.

Online-Medien beklagen zurecht, daß ein Laden der Materialien von Server zu Server bei einigen Presseservern nicht möglich ist. Im Klartext: Anstatt die gewünschten Dateien einfach im Netz vom Presseserver auf den eigenen Webserver zu ziehen, muß der Redakteur sie zuerst vom Presseserver auf seinen lokalen Rechner laden werden, und dann über die (für diesen Zweck meist zu langsame) Verbindung wieder auf den eigenen Server hinaufladen.

Auch möchte ich noch auf die Benennung der O-Töne eingehen, die für den Radiojournalismus (und auch für Podcasts) gebraucht werden: Die Softwareindustrie bietet mit den sogenannten ID3-Tags eine wunderbare Methode, Audiodateien aller Formate zu verwalten, doch dies wird weitestgehend ignoriert. Hier der ID3-Tag eines Tonausschnittes, wie er vom Presseserver kommt und darunter, wie ich ihn mir vorstelle. (Screenshots: iTunes)

ID3-Tags aktuell und gewünscht

Aus der Sicht des Verleihers oder Betreuers des jeweiligen Filmes wurden in jedem dieser Fälle alle Informationen für die Presse gegeben, eine verständliche und nachvollziehbare Argumentation. Die meisten der Informationen erreichen den Kunden aber nur als Metadaten: Nur, weil der Journalist weiß, zu welchem Film er gerade Dateien besorgt, kann er diese auf seinem Desktop im Nachhinein zuordnen.

Doch man muß eben auch „outside the box“ denken, um die Angelegenheit aus der Sicht des Kunden beurteilen zu können.

(Aus genau diesem Grund hatte ich übrigens (Firmenname in Umfirmierung) ursprünglich gegründet, zwar nicht für Pressematerial, doch aber ganz allgemein für Pfade im Informationsdschungel: Die Filmverleiher sehen gar nicht, welcher Informationsflut wir Journalisten tagtäglich ausgesetzt sind. Wenn da ein externer Dienstleister wie (Firmenname in Umfirmierung) für Übersicht sorgen kann, dann haben die Kollegen natürlich die Freiheit, ihre redaktionelle Organisation zu outsourcen. Doch mehr dazu später einmal.)

Alles in Allem läßt also einiges verbessern und erleichtern bei den Angeboten für die Presse, und das gilt natürlich nicht nur für den Filmjournalismus.

Ich möchte an dieser Stelle jedoch lediglich vorschlagen, fürs Erste wenigstens die Dateien auf den Presseservern besser zu benennen. Dafür schlage ich folgende „Formel“ vor, mit Unterstrichen zur Trennung – sofern dies aus technischen Gründen überhaupt nötig sein sollte:

  1. Startdatum im Format JJJJ-MM-TT
  2. Filmtitel
  3. Art des Materials
  4. Nummer des Bildes, des O-Tons usw. mit entspr. Polsternullen
  5. evtl. minimale Inhaltsbeschreibung
  6. Dateiendung

Dateien könnten dann zum Beispiel so aussehen (und würden sich auch gleich chronologisch richtig anordnen):

  • 2007-07-12_Clerks-2_Interview-Kevin-Smith_01.mp3
  • 2007-07-19_Motel_Dialog_03.mp3
  • 2007-07-26_The-Simpsons_Szenenbild_32_Homer-im-Bagger.jpg
  • 2007-09-06_Max-Minsky-und-ich_Presseheft.doc

Nun, soviel zu meinen „two cents“ zu diesem Thema.

Bildquellen: selbstgemachte Screenshots

Ein Gedanke zu „Die Sache mit dem Blick durch fremde Augen“

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