Torsten Dewi ist ein Verbrecher

… zumindest im Sinne der aufgeblasenen Vorstellungen der Medien-, Musik- und Softwareindustrie. In seinem Blog „Wortvogel – 100% Torsten Dewi“ legt der Autor unter der auch hier verwendeten Überschrift drei Beispiele aus seinem Leben offen, die strenggenommen Brüche mit dem Copyright darstellen – soweit ich das beurteilen kann, denn wer versteht denn heute schon das Copyright?

Sehr mutig, wie ich meine, denn dieses schriftliche Bekenntnis kann natürlich juristische Folgen haben. Ebenfalls mutig, wie ich meine, denn es braucht Mut, um laut gegen Gängeleien wie genannte zu protestieren.

Andererseits: Gibt es denn hier wirklich jemanden, der je einen Softwarelizenzvertrag zur Gänze gelesen und verstanden hat, bevor er eine Software installiert hat?

Ich finde, Torsten hat Recht. Er mag ja nicht der erste sein, der Unarten öffentlich anprangert, aber er ist einer mehr. So finden sich zum Beispiel in der Juli 07-Ausgabe der Cinema, einer nicht ganz unwichtigen deutschen Kinozeitschrift, die folgenden Zeilen auf Seite 53:

„Dass uns die großen Blockbuster immer später gezeigt werden – Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt haben wir zum Beispiel erst drei Tage (!) vor dem regulären Kinostart gesehen –, ist für unsere Leser genauso ärgerlich wie für die Redaktion. (…) Da die Verleiher keine Rücksicht auf unsere Drucktermine nehmen, finden Sie auf den folgenden Seiten nun auch Besprechungen zu Filmen, die bereits im Kino laufen.“

Die Cinema knickt also gegenüber den Verleihern ein – muß einknicken, denn die Presse kann die Verleiher ja nicht zur Veranstaltung von Pressevorführungen zwingen – schade eigentlich.

Doch Gemach: Es ist ja eigentlich im ureigensten Sinne der Verleiher, daß die Presse die Gelegenheit bekommt, Filme kompetent und vor allem vorab zu bewerten. Ob ein Film gut ist oder schlecht, spricht sich ja sowieso ab dem ersten Start des Streifens (egal wo), unter den (potentiellen) Zuschauern herum, dazu gibt es Foren, Blogs und Webseiten wie Harry Knowles‘ Aint it cool News. Und die Presse organisiert sich bei Rotten Tomatoes, bzw. wird dort repräsentiert. So gelangen Filme, die es verdienen, ganz nach oben, und die, die es verdienen, ganz nach unten, letztlich völlig unabhängig von den PV-Termin-Entscheidungen der Verleiher.

Dabei sollten doch Filmverleiher erkennen, welche Vorteile sie durch eine kompetente Presseberichterstattung haben, anstatt auch noch die Journalisten zu verärgern. Sie sollen uns ja nicht bauchpinseln, aber sie sollen uns wenigstens ihre Filme zeigen, und zwar uns allen.

Außerdem sollte doch wirklich jedem, der auch nur im Entferntesten mit Öffentlichkeitsarbeit zu tun hat, bewußt sein, daß an genau der Stelle, an der PR-Arbeit in Pressearbeit übergeht, Journalisten generell äußerst gereizt auf das Vorenthalten von Informationen reagieren. Nur weil Kinogehen Spaß machen kann, ist das Schreiben über Film immer noch ein Job wie die Berichterstattung über politische Themen oder über die Jahreshauptversammlung des Kaninchenzüchtervereins.

Es liegen kaum Vorteile für die Industrie vor, die (im Fall des Filmjournalismus zumindest) gegen ein moralisch und ethisches Verhalten sprechen. Warum also die Gängelung der Öffentlichkeit? Warum die der Presse? Wo liegt der Vorteil?

What goes around, comes around. Längerfristig und auf anderen Wegen, als es z.B. Unternehmensberater vorherzusagen vermögen (oder dies zumindest meinen). Die verstehen die hochkomplexe, multidimensionale, wuchernde und sich selbst befruchtende Web 2.0-Kultur ohnehin nicht. Denn diese Kultur kann corporate und nine to five nicht verstanden werden (auch nicht eight-till-late), sie muß privat erlebt werden, nachts, am Wochenende, mit Begeisterung und Herzblut.

Wenn Softwarelizenzen zu kompliziert sind, werden sie eben nicht mehr gelesen. Wenn die Bestimmungen zu rigoros sind und zu ungerecht erscheinen, wenn es auch noch offensichtlich wird, daß es sich bei den Bestimmungen lediglich um irgendeine Art maximale Absicherung für den Anbieter handelt, dann fangen die Leute, die es vermögen, eben an, dagegen aktiv zu werden:

Hacker umgehen digitales Rechtemanagement und veröffentlichen die Codes, Journalisten wie Redaktion der Cinema veröffentlichen Hintergründe und ihre Meinung, Webuser werden polemisch oder aggressiv: Die Macht der Mundpropaganda kann gar nicht überschätzt werden. Torsten Dewi hat eine breite Leserschaft. Die Kluft zwischen der Industrie und uns, den Kunden wächst. Das Klima wird kälter. So hätte es nicht kommen müssen, aber die Industrie hat das offenbar ja so haben wollen.

Dabei wollen die doch unser Geld und unsere Gunst! Und ich hab immer gedacht, der Kunde sei König…

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