Blockbuster mit Einschränkungen

Jüngst durfte ich einen großen Fisch im Teich begutachten, und zwar die Pressevorführung eines lang erwarteten Blockbusters mit Titelseiten-Potential. Um welchen Film es sich handelt, schreibe ich nicht, denn das ist hier nicht wichtig. Außerdem darf ich es nicht. Denn ich mußte eine Sperrfrist-Vereinbarung unterzeichnen. Damit jeder sehen kann, wie so ein Ding aussieht, schreibe ich sie ab:

SPERRFRIST VEREINBARUNG

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

um an der Pressevorführung von (Filmtitel, Starttermin) teilnehmen zu können, ist Ihre Unterschrift auf diesem Dokument erforderlich.

Bitte beachten Sie, daß basierend auf dieser Pressevorführung folgende Sperrfrist für Veröffentlichungen gilt:

(Datum, das ca. einen Monat vor Filmstart liegt)

(Weeklies, Dailies, TV, Radio, Online)

Mit Ihrer Unterschrift erkennen Sie an, vor dem oben genannten Termin keine KRITIKEN im Bereich Print, TV, Radio oder Online zu veröffentlichen.

Mit Ihrer Unterschrift erklären Sie sich außerdem mit folgenden Sicherheitsbestimmungen einverstanden:

Taschen und Handys müssen an der Garderobe abgegeben werden. Die Vorführung wird überwacht. Unautorisierte Aufnahmen sind nicht erlaubt. Mit Ihrer Teilnahme an der Vorführung erklären Sie sich einverstanden mit der Überwachung durch Sicherheitspersonal. Mit Ihrer Teilnahme garantieren Sie, keinerlei Aufnahmegerät, gleich welcher Art, in den Kinosaal mitzubringen. Das beinhaltet auch Mobiltelefone, die Fotos, Videos oder Ton aufzeichnen können. Wenn Sie teilnehmen, erklären Sie sich außerdem einverstanden mit dem Durchsuchen Ihrer Taschen und Kleidung. Wenn Sie versuchen, ein Aufnahmegerät mitzubringen, wird Ihnen der Eintritt verweigert. Wenn Sie versuchen, ein Aufnahmegerät während der Vorführung zu benutzen, werden Sie sofort aus dem Kinosaal verwiesen und das Gerät sowie sein Inhalt werden von uns einbehalten. Unautorisierte Aufnahmen haben eine Anzeige zur Folge sowie strafrechtliche und zivilrechtliche Konsequenzen.

München, den (Datum)

(Unterschrift)

(Name in Druckbuchstaben)

Ich kann grundsätzlich verstehen, daß ab und zu Sperrfristen ausgegeben werden. Zum Beispiel, wenn man gegenüber der Presse Filmpreise bekannt gibt, die erst am selben Abend in einer Gala öffentlichgemacht werden sollen, am dann doch schon nächsten Tag aber in den Zeitungen stehen sollen. Oder in ähnlichen Fällen.

Auf Seite der Filmberichterstattung verstehe ich, daß es ein Leichtes ist, online irgendwo irgendwas anonym zu veröffentlichen und so allen anderen die Show zu stehlen. Dies ist sehr verlockend gerade für jüngere, die gern schockieren, sich über Normen hinwegsetzen wollen und es auch mit den „Do’s und Dont’s“ der Branche, den moralischen Grundsätzen also, nicht so recht identifizieren können. Dies fällt übrigens in den meisten Fällen nicht unter Journalismus, sondern unter Forenbeitrag, denn Publikationen wissen üblicherweise, wer ihre Autoren sind.

Ich habe mal gehört, daß die Möglichkeit, etwas, das einem nicht gehört, ungestraft und in kleinem Umfang beschädigen zu können, derart verlockend ist, daß 9 von 10 Personen dem angeblich nicht wiederstehen können. Dies wird (sinngem.) als Sandburgen-Zertreter-Effekt bezeichnet, und ich habe ihn auf die Schnelle auch online nicht finden können.

Nun, ich kann also verstehen, wenn wichtige Informationen dieser Art mit einer Sperrfrist belegt werden. (was gegen anonyme Poster aber auch nicht hilft) Sagen wir, ich kann das Verlangen der Verleiher verstehen, eine Sperrfrist auszugeben.

Aber in diesem Fall ist die Angelegenheit ein wenig seltsam: Das Ende der Sperrfrist liegt über einen Monat vom Filmstart entfernt und nur wenige Tage nach der Pressevorführung. Der Film läuft jedoch am Tag vor Ende der Sperrfrist regulär in Russland an, am nächsten Tag dann in den Philippinen und den USA. Auch finden sich bereits einige Kritiken auf großen, bekannten Webseiten online, die bereits eine Woche vor dem (deutschen) Sperrfrist-Termin veröffentlicht wurden.

Zu deutsch: Über den Film wurde schon geschrieben, und der Film ist auch vor Ende der Sperrfrist zu sehen. Warum also die augenscheinlich völlig willkürliche Sperrfrist, und diese nicht weltweit? Ich schätze, es könnte mit Cannes zusammenhängen.

Auch wenn diese Sperrfrist nun nicht wirklich jemanden ernsthaft juckt, sie im vorliegenden Beispiel nicht weiter skandalträchtig ist, und auch die Freiheit der Presse nicht stark beschneidet – es ist immer noch eine Sperrfrist. Und das steht möglicherweise gegen die Pressefreiheit.

Zur weiteren Info hier ein Artikel über das Sperrfrist-Debakel von „Krieg der Welten nebst Kommentar des Medienhandbuch.

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