Oh, the Movies!

Ich liebe das Kino. Ich liebe Filme. Ich liebe es, wenn es dunkel wird im Saal, ich liebe es, wenn das erste Flimmern der Leinwand eine Achterbahnfahrt der Emotionen ankündigt.

Ich liebe die Menschen, die vermögen, meine Gefühle fernzusteuern, und mir dennoch meine Seele nach knapp zwei Stunden unversehrt zurückgeben, mit Erfahrungen angereichert. Ich liebe das transmediale Augenzwinkern, das durch die Dekaden und über die Kontinente hinweg bei mir ankommt, sei dies von Walter Matthau vor oder von Billy Wilder hinter der Kamera ausgegangen. Noch viel mehr liebe ich jedoch das Bewußstein, diesen immer wiederkehrenden kleinen Funken der Erkenntnis, daß eben Walter Matthau oder auch Billy Wilder oder auch jeder andere in dieser Situation, zu dieser Zeit, bei diesem Dreh mein Zurückzwinkern bereits empfangen hat, lange bevor ich überhaupt geboren war. Das ist die Magie des Kinos.

Diese Magie entsteht natürlich nicht durch die Kamera oder durch den Kinosaal, sondern ist das unsichtbare, unausgesprochene Verständnis zwischen Filmemacher und Zuschauer, und kann nur von Menschen, die auf der entsprechenden Wellenlänge ticken, verspürt und versprüht werden. Deswegen treffen einen die einen Filme mehr, die anderen weniger.

Hier mag man viel forschen können und viele Erklärungsansätze liefern können, warum der eine eben Trekkie ist, der andere lieber der Macht zugeneigt und der dritte für Babylon 5 töten würde. Doch eines ist uns allen gemein, uns Cineasten, die wir uns auch bei schönstem Wetter in den dunkelsten Kellern zusammenfinden, um das Versprechen eines guten emotionalen Trips einzulösen: Die Liebe zum Kino.

Als ich 1997 mit Batman & Robin meine erste Pressevorführung besuchte, meine ersten wackeligen Schritte im Journalismus machte und für meinen ersten Artikel (in einem anderen Feld) noch eine gute dreistellige DM-Summe gezahlt bekam, war ich im siebten Himmel. Ich hatte die Liebe meines Lebens gefunden: Filme zu sehen und darüber zu schreiben. Was konnte es schöneres geben?

Als ich dann auf die verschiedenen Verteiler der Presseagenturen und Filmverleiher rückte, und selbst immer mehr Einladungen zu Pressevorführungen erhielt, liebte ich noch das Knistern der Umschläge beim Öffnen. Dann der persönliche Brief: „Sehr geehrter Herr Reischl, es ist uns eine Freude, Ihnen den Film (…) präsentieren zu können„.

Und dazu eine Einladung für eine Pressevorführung, gleichermaßen ein Ticket für zwei Stunden körperloser Erfahrung.

Das hieß auf deutsch: Kommen Sie, wir treffen uns, setzen uns zusammen und genießen den neuen Film von (…) oder geben einem Newcomer eine Chance, und dann reden wir vielleicht im Foyer drüber bei einem Tässchen Kaffee. Wir freuen uns auf Sie, auf Sie persönlich, weil wir Sie und Ihre Fähigkeiten in der kompetenten Beurteilung des Filmes zu schätzen wissen. Wir freuen uns auf Sie und sind gespannt auf Ihr Urteil.

Es war natürlich Ehrensache, die Einladung wahrzunehmen und dann den Film, an dem Hundertschaften von Menschen jahrelang gearbeitet hatten und in das sie ihr eigenes Cineasten-Herzblut gesteckt hatten, entsprechend zu würdigen. Die akribische Recherche aller noch so kleinen Andeutungen, die man im eigenen Artikel vorzunehmen plante, war ebenso Pflicht wie das Entheben der eigenen, persönlichen Meinung über das Gefallen, das man an dem Film gefunden hatte. Schließlich hat man als Filmjournalist beim Publizieren ja eine Verantwortung, die über die einer Marktfrau oder eines Stammtischbesuchers hinausreicht. Und man wollte niemandem schaden, der es sich nicht wirklich verdient hatte. Und obwohl ich mich stets geschmeichelt fühlte beim Erhalten einer Einladung, war mir sehr wohl klar, daß dies natürlich nur ein weiteres Glied in der lange Kette war, die sich zwischen einem Gedankenblitz und einem Filmstart spannte.

Heute ist meine Liebe zum Kino erschwert. Die Filme sind, obwohl oftmals nach den vermeintlichen aktuellen Geschmäckern der anvisierten Zielgruppe hierhin oder dorthin verbogen, zum großen Teil weiterhin gut und weithin das, was die Filmemacher uns zeigen wollen. Doch irgendwie ist der Lack ab bei der großen Ehre, die uns Journalisten zukommt, wenn wir die Filme vor dem Kinostart sehen dürfen.

Die Szene ist angespannt geworden, und die Schuld liegt online. Wird zumindest behauptet. Denn wo man früher noch Jahre der Praktika und Volontariate durchlaufen mußte, um endlich ein paar Zeilen aus eigener Feder gedruckt oder gesendet zu bekommen, kann heute jeder Dahergelaufene eine Webseite aufmachen und sich Journalist nennen – so wie ich es hier tue, zum Beispiel. Die Filmverleiher und Presseagenturen wittern nun den Ansturm der Unfähigen, die alle nur kostenlos ins Kino wollen und dann drei Zeilen voller Fehler irgendwo online stellen, wo es sowieso niemand liest. Dieser Furcht mag eine gewisse Berechtigung zugrundeliegen, doch die Früchte dieser Befürchtungen der Chefetagen müssen nun wir, die wirklichen Filmjournalisten, ernten.

Jüngst habe ich wieder eine Einladung für einen größeren Kinofilm bekommen, auf den ich mich persönlich auch sehr freue. Doch im Gegensatz zu den Einladungen von noch vor ein paar Jahren, die für wahre Cineasten die Aura eines Tickets für den Wiener Opernball hatten, fühlt man sich heute eher wie einst bei der Musterung. Ich zitiere die Sicherheitshinweise, die der Einladung beilagen:

1. Diese Einladung ist nur für Sie PERSÖNLICH bestimmt! Bitte vergewissern Sie sich, dass auf dem Adressetikett des Briefumschlages Ihr Name steht. Teilen Sie uns personelle Änderungen umgehend unter (e-Mail-Adresse) mit.

2. Der Einlass zu den Vorführungen erfolgt nach Namensliste. Der Besitz der Einladungskarte allein genügt nicht. Personen, die nicht auf der Liste stehen, können wir leider nicht zulassn. Wir behalten uns vor eine Ausweiskontrolle durchzuführen, falls erforderlich.

3. Sollten Sie verhindert sein und eine Vertretung schicken wollen, teilen Sie dies bitte rechtzeitig unter (e-Mail-Adresse) mit. Vertretungen, die nicht angemeldet wurden, können wir leider nicht zulassen.

4. Begleitungen sind nicht erlaubt.

5. Elektronische Geräte jeglicher Art müssen vor Beginn der Vorführung abgegeben werden. Hierfür steht eine Garderobe zur Verfügung. Vor dem Saal erfolgt eine Taschenkontrolle. Um unnötiges Anstehen zu vermeiden, können Sie Taschen ebenfalls an der Garderobe abgeben.

6. Aufgrund dieser umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen möchten wir Sie bitten, sich spätestens 15 Minuten vor Beginn der jeweiligen Vorführung im Kino einzufinden.

 

WIR DANKEN FÜR IHR VERSTÄNDNIS!

 

WICHTIGER PIRATERIE-HINWEIS

Wir machen Sie darauf aufmerksam, dass wir uns vorbehalten, während dieser Filmvorführung Kontrollen zur Vermeidung von unerlaubten Aufnahmen durchzuführen. Indem Sie diesem Screening beiwohnen, sichern Sie uns zu, dass Sie kein Aufnahmegerät jeglicher Art in den Saal mitbringen. Zudem erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihre Person sowie Ihre persönlichen Sachen auf Aufnahmegeräte durchsuchen dürfen. Falls Sie versuchen, mit einem Aufnahmegerät in den Saal zu gelangen, wird Ihnen der Zutritt verweigert. Versuchen Sie, von einem Aufnahmegerät Gebrauch zu machen, erklären Sie sich damit einverstanden, sofort des Saales verwiesen zu werden; das Gerät wird zudem beschlagnahmt. Unerlaubte Aufnahmen werden sofort zur Anzeige gebracht; Sie werden gegebenenfalls sowohl strafrechtlich als auch zivilrechtlich verfolgt. Wir bedanken uns vielmals für Ihr Verständnis und Ihre Kooperation.

Das klingt nicht mehr ganz so, als wäre es eine Freude, unsereins im Publikum dieser illustren Veranstaltung zu wissen. Die Gründe für dieses Verhalten der Filmverleiher liegt in der Angst vor Filmpiraten. Allein deswegen müssen die Journalisten sich diesen drakonischen Sicherheitsmaßnahmen unterwerfen, um den Film überhaupt sehen, sprich, um ihre Arbeit überhaupt machen zu können.

Noch ist mir kein Fall bekanntgeworden, in dem ein Journalist versucht hätte, eine Aufzeichnung anzufertigen, daher plädiere ich auch dafür, diese Sicherheitsmaßnahmen wieder zu reduzieren. Zumal die Filme, die der Presse unter solchen Bedingungen gezeigt werden, sowieso meist nur wenige Tage später regulär anlaufen – in hunderten von Kinos, und völlig ungeschützt. Doch das habe ich ja schonmal ausgeführt.

Doch was ist geblieben? Das Licht geht noch immer aus, und die Filmerlebnisse sind die gleichen. Doch das Bewußtsein, solch massive Sicherheitsmaßnahmen durchlaufen zu haben, weil man als potentieller Verbrecher gesehen wird und gleichzeitig das Gefühl haben soll, ein gerngesehener Gast zu sein, hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack, auch wenn man ein braves Lamm ist und alle Auflagen erfüllt, und sogar den Briefumschlag am Einlaß vorzeigen kann.

Bei solchen Maßnahmen erwarte ich mir eigentlich mindestens eine Audienz beim Papst, ein Treffen mit dem Dalai Lama, einen Rundflug über das weiße Haus, eine Übernachtung im Coca-Cola-Formelsafe, ein Praktikum bei der NASA oder wenigstens den Besuch des Playboy Mansion.

Doch ich halte weiter an meiner Liebe zum Kino fest, in der Hoffnung, daß dieses Schreckgespenst in ein paar Jahren Vergangenheit sein wird, auf welche Weise auch immer.

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