Grindhouse heißt jetzt … irgendwie anders

Wenn Quentin Tarantino einen Film dreht, dann schrillt bei seinen Fans, und das sind nicht wenige, ein Alarm. Eine kleine rote Lampe im Hinterkopf fängt an zu leuchten, und pulsiert kontinuierlich und immer stärker, bis man schließlich und endlich das neue Meisterwerk des unbezähmbaren, nicht kategorisierbaren, nicht faßbaren und nur noch genialen Tarantino auf der Leinwand erleben darf.

Wenn nun ein Verleih den Film für die Kinoauswertung zuerst auseinanderschneidet, und ihm dann auch noch den Titel nimmt, dann muß diese Entscheidung schon mit gehobener Einsicht und unter gewaltiger Weisheit getroffen worden sein, um weithin als richtig zu gelten.


So ist das auch der Fall mit Grindhouse, der ja erst seit 2005 unter ebendiesem Titel erwartet wird. Schon damals war bekannt, daß QT und Robert Rodriguez zwei Filme drehen, die Back-To-Back gezeigt werden sollten, dazwischen noch ein paar nette Trailer für Filme, die es vielleicht nie geben wird, und die auf diese Weise ein Gesamtkunstwerk darstellen, das der Grind House-Filmkultur der 60er bis 80er-Jahre huldigen sollte, denn diese war sicherlich Nährboden und Einfluß für viele Regisseure unserer Zeit.

Nun wurde vor einiger Zeit von Seiten des Verleihs bekanntgegeben, daß die beiden Filme, die ja als Ensemble gedacht waren, wenigstens in Deutschland unter ihren eigenen Filmtiteln „Death Proof“ und „Planet Terror“ zu unterschiedlichen Terminen starten sollten (SZ). Als wäre es nicht banane genug, diese Quatsch-Titel als zwei ernsthafte eigene Filme zu verkaufen, wird nun auch noch – wenigstens konsequent, das gebe ich zu – der Werktitel „Grindhouse“ unter den Tisch fallen gelassen. Die Begründung aus der Senator-Pressemeldung lautet:

Diese internationale Langfassung, die weltweit in den Kinos zu sehen sein wird, beinhaltet zusätzliche Szenen und ist daher länger als die amerikanische Version aus dem Double Feature.

Wir werden also gelockt mit mehr Szenen (was vielleicht gar nicht die Intention des Regisseurs ist, mehr ist ja nicht immer besser), und müssen jedoch auf die volle Packung Grind House verzichten. Die ursprünglich intendierte Wirkung, die QT und RR sicherlich schon beim ersten Pitch als USP vorgestellt haben, wurde also zugunsten der besseren Ausschlachtung auf dem Markt ersatzlos geopfert.

Wir Kinogänger werden also nicht nur des Erlebnisses der Grind House-Kultur beraubt, sondern müssen auch noch annehmen, daß Tarantino und Rodriguez zwei so schwachsinnige Filme als eigene Einzelprojekte vorgeschlagen haben – womöglich glauben bald auch noch einige, daß diese ja ganz gut zusammen in ein Double Feature passen würden. Zu deutsch: Wir bekommen hier den zu 180° entgegengesetzten Kinogenuß von dem, was T&R uns eigentlich bieten wollten.

Mir ist auch klar, daß der Verleiher ja erstmal die Produktionskosten wieder reinholen muß, und daß der wahre Filmfan wie immer eigentlich auf den Director’s Cut auf DVD warten muß, den der Filmemacher dann gnadenhalber irgendwann herausgeben darf, aber diesen speziellen Fall finde ich besonders unverschämt:

  • Tarantino und Rodriguez stehen mit ihrem guten Namen für die Filme (nun sogar im Titel), denn
  • dem Projekt wurde eine komplette künstlerische Ebene geraubt,
  • dies jedoch nicht überall auf der Welt, sondern z.B. in Deutschland, obwohl es auch hier eine kleine Grind House-Kinokultur gab (zum Beispiel die Rocky Horror Picture Show)! Eine ziemliche Bevormundung, wenn man mich fragt. Das ist ungefähr so wie die Kastration der Simpsons für arabische Länder.
  • Der mündige Tarantino-Fan muß sich selbst in die Materie einlesen, sonst bleibt ihm ein essentieller Aspekt des Gesamtkunstwerks verborgen,
  • und er hat keine Möglichkeit, den Film so zu sehen, wie er gedacht war, außer vielleicht bei Herrn Buchwald, wenn er den Film im Original-Original bekommt, oder auf DVD, wenn es die irgendwann geben sollte.

Nun, die bittere Pille ist, daß Grindhouse in den USA nicht allzu gut ankommt (US-Kritikausschnitte hier), was der Produzentenentscheidung, den Film maximal auszuschlachten, wieder Rückendeckung gibt. Andererseits wiederum ist dieser holprige Filmstart nunmal auch der ewigen Verwurstung wie im Grind House ähnlich wäre. Und wer einmal wirkliches Grind House-Kino sehen will, bitte hier klicken oder hier gucken (obacht, Blut):

Ich jedenfalls bin froh, daß ich „Amazon Women on the Moon“ schon vor langen Jahren in der Vollversion gesehen habe und mich nicht von einer möglichen, zukünftigen Version mit echten Werbespots und Teasern statt den Fake Ones auf irgendeinem Privatsender ärgern lassen muß. Denn der gleichnamige Film im Film ist nur noch Käse.

Und PS: „Death Proof“ heißt nicht „Todsicher“, auch nicht entfernt, sondern „Todesnachweis“ (am ehesten also noch „tot, sicher!“). Dies ist natürlich nicht sexy genug für einen deutschen Titel, daher schlage ich vor, den Titel wenigstens bei Death Proof zu belassen. Es ist eh nicht wichtig, ob das einer übersetzen kann, denn die meisten Leute gehen ja wohl wegen dem Wort „Tarantino“ ins Kino…

Nachtrag vom 23.5.07: Kurt Russell findet das Zerschneiden des Werks für Europa auch nicht besonders…

Noch ’n Nachtrag, diesmal vom 12.6.2007: Nach der heutigen PV von Death Proof (bezeichnet als „Director’s Cut“) muß ich gestehen, den Titel falsch verstanden zu haben. Es geht im konkreten Fall darum, daß etwas (ein Stunt-Auto) verstärkt wurde, also death proof ist, so wie anderswo z.B. ein Gummistiefel water proof ist. Ehrlich, wie ich bin, ändere ich meinen Eintrag hier jedoch nicht. Mißverständnisse wie obiges, geboren aus der Spekulation, kommen eben davon, wenn wir Journalisten die Filme zu spät sehen.

2 Gedanken zu „Grindhouse heißt jetzt … irgendwie anders“

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