Jetzt. Wohin. – Meine Reise mit Robert Habeck

Zwei Erzählungen

Dieser Film von Lars Jessen besteht aus zwei, ja sogar aus drei verschiedenen Filmen.

Er ist ein Selbstporträt des Dokumentaristen; er bringt Archivausschnitte aus seinem Schaffen. Er ist gleichzeitig ein Selbstporträt des Dokumentaristen als Wahlkampfhelfer von Bundeswirtschaftsminister Habeck. Hierbei betont er seine eigene Initative mit einem Netzwerk von Künstlern, die Habeck unterstützen; einige davon kommen als Talking Heads vor.

Drittens ist der Film eine Philippika des Robert Habeck für sein Handeln in der Funktion als bundesdeutscher Wirtschaftsminister, insbesondere geht es um das Heizkostengesetz und die massive Medien- und Lobbykampagne dagegen.

Das ist vielleicht ein bisschen viel auf einmal.

Der Film erstreckt sich vom Rausschmiss des Finanzministers im November 2024 bis zu den damit einhergehenden Neuwahlen vom 25. März 2025. Er bedient sich bei Rückblenden. Er ist eine schnelle, atemlose Collage aus zeitgeschichtlichen TV-Schnipseln, Talk-Shows, Polit-Auftritten, aus Talking Heads, die Habeck freundlich gesinnt sind, aus Hasstiraden aus Medien und von Politikern anderer Couleur gegen ihn. Annalena Baerbock spielt eine Komparsenrolle in diesem Film.

Interessant ist die Analyse der Wahlniederlage, dass die Grünen offenbar nicht in der Lage gewesen seien, auf die von der Rechten vorgegebene Migrantenthematik zu reagieren. Diese erhielt durch vier Attentate in kurzer Zeit einen explosiven Schub. Der Anteil des Wahlhelfers und Dokumentaristen mit seinem Küchenkreis bleibt nebulös. Der Film fängt mit reißerischem Footage zur Weltlage an.

Interssant zum Vergleich ist ein früherer Habeck-Film: Following-Habeck.

Kommentar zu den Reviews vom 4. Dezember 2025

Das Dezemberkino startet mit thematischer wie geographischer Vielfalt. Eine meisterliche Betrachtung von Transgenerationentraumata anhand einer skandinavischen Familiengeschichte. Das Transgenderthema wird schillernd in die chilenische Wüste verlegt. Die ruppige Entwicklung einer Ordensangepassten zur Leuchtfigur kommt aus Indien. Wenn Worte nicht helfen, so vielleicht Gewalt, so geschehen in einer sprachlichen Minderheitenregion Italiens. Die amerikanische Kinoindustrie ventiliert menschliches Paarungsverhalten in einer Ewigkeitskonstruktion. Das Horrorgenre bringt aus den USA Saisonware für die fröstelnde Jahreszeit. Die frommen Amis gehen way back zu Mutigen im Tausendjährigen Reich. Und wenn einem gar nichts mehr einfällt, dann macht man es wie die Deutschen, man nostalgische insiderisch in einem nachlassenden Kultstatus nach. Und auf DVD löckt der Lido drei unausgelastete Frauen.

Kino

SENTIMENTAL VALUE
Familienkomplexität über ein Haus und drei Generationen

DER GEHEIMNISVOLLE BLICK DES FLAMINGOS
Eine Kantine mit Travestiestars für Bergarbeiter in der Einöde Chiles

TERESA – EIN LEBEN ZWISCHEN LICHT UND SCHATTEN
Die sieben Tage vor der Verpuppung zur Heiligen

ZWEITLAND
Mit gewaltsamem Widertand politisch etwas erreichen

FIVE NIGHTS AT FREDDY’S 2
Teddy-Roboter mit freischaffendem Bössinn

ETERNITY
Wenn das Jenseits irdisch organisiert ist und man sich für eine bestimmte Ewigkeit entscheiden muss; dabei wird noch das mit der Liebe (fürs Leben) ventiliert.

TRUTH & TREASON
Flugblätterwaghalsigkeit im Dritten Reich von Angel Guilds Gnaden

STROMBERG – WIEDER ALLES WIE IMMER
Humor ist, wenn man die Umgebung kennt.

DVD
ALTWEIBERSOMMER
Der Lido lässt ein Frauentrio jucken

Five Nights at Freddy’s 2

Animatronics

sind roboterisierte, bis zu menschengroße oder gar größere Spielzeugfiguren.

Hier im Film von Emma Tammi nach dem Drehbuch von Scott Cawthon sind es Teddys und sie entwickeln, wie es sich für einen halbwegs seriösen und tauglichen Horrorfilm für die kalte Jahreszeit und zum saisonalen Gebrauch gehört, sozusagen freischaffende Boshaftigkeiten, die bis zum Mord gehen können. Vier von diesen Teddys sind die Attraktion im Familienparadies „Freddys Fazbears“.

Wie es sich weiter für einen soliden Horrorfilm gehört, braucht es eine Vorgeschichte. Die findet 1982 statt. Ein Mädchen wird mitten aus dem Familienunterhaltungsnachmittag heraus Opfer einer dieser roboterisierten Teddyfiguren. Bildlich wird das eindrücklich gezeigt, wie es, nachdem es um sein Leben gerannt ist, auf einer Bodenfalle der Bühne landet, hinunterstürzt und dann von einer Skelettmarionette in die Höhe getragen wird.

20 Jahre später setzt die eigentliche Handlung ein. In diese wirkt selbstverständlich die Vorgeschichte hinein. Sie ist hochlebendig in der elfjährige Abby (Piper Rubio); diese präpubertären Mädchen und die geheimen Kräfte. Abby lebt allein mit ihrem Vater Mike (Josh Hutcherson). Der wiederum lernt Vanessa (Elizabeth Lail) kennen. Auch sie steht in einer Beziehung zu den Ereignissen von vor 20 Jahren. Sie hat Angstvisionen, ist in psychiatrischer Behandlung.

Abby wiederum ist eine talentierte Roboterentwicklerin. Passend dazu sollen sie und ihre Mitschüler für eine Robotnik-Messe Ausstellungsstücke für den Wettbewerb basteln.

Freddys Fazbears steht seit dem Vorfall von vor 20 Jahren leer. Die Lokalität wird entdeckt von einem Reporterteam der „Spectral Scoopers“, das sind junge Leute mit noch einer ziemlich großen Kamera. Ein Michael (Freddy Carter) will ihnen die Lokalität zeigen. Er gibt sich als Security aus. Hier kommt es zu einigen Ereignissen, die der Film dann aber vorerst wie zu vergessen scheint; vielleicht zu spät erinnert er sich dieses Handlungsfadens, da, wo er sich schon bedrohlich in reine Spukbahngeschichten unter Verlust jeglichen Logikhaltes zerfaselt hat.

Bis dahin allerdings führen alle Wege von Abby einerseits und Vanessa und Mike andereseits in Richtung Geister- und Robotniklokalität mit unewartetem Eingreifen der Roboter selber, wozu aber immer wieder menschliches Eingreifen nötig ist, denn auch Roboter kennen eine Art Gefangenschaft und damit inbegriffen den Freiheitsdrang.

Stromberg – Wieder alles wie immer

„Beim Humor kommt es auf den Zusammenhang an“,

das ist vielleicht der bemerkenswerteste Satz im Drehbuch von Ralf Husamnn, das Arne Feldhusen als Regisseur very tv-like auf die Leinwand bringt.

Just dieser Zusammenhang fehlt dem Verfasser dieser Zeilen. Er ist ein Fernsehmuffel, ein Fernsehabstinenzler bis auf die paar Dinge, die er in der BR-Presselounge serviert bekommt und das reicht vollkommen.

Die Stromberg-Fernsehserie war wohl vor Jahren sehr erfolgreich, sie muss Kult gewesen sein, wie ihr Abgesang hier und heute meint. Sie bedauert dieses Nachlassen des Kultstatus einfallslos mit einer Art Klassentreffen.

Die Atmosphäre unter den Darstellern ist familiär. Sie treffen sich laut Script nach langer Zeit für eine Fernsehsendung, die an den Kultstatus erinnern möchte.

Vor dem Studio gibt es Groupies. Männer, die sich die Strombergmaske auf den Kopf gesetzt haben; erinnern an Christoph Maria Herbst; dumm nur, dass einer dieser Komparsen wie der bessere, jüngere, vifere Herbst rüberkommt. Und es gibt eine protestierende Frauengruppe, wohl gegen das die Sendung charakterisierende Machotum, wenn ich das richtig verstanden habe. Im Radau, den diese Gruppen machen, suhlt der Film sich ausgiebig.

Der Film startet mit einer Probe für die Sendung. Da kommt viel Hinter-den-Kulissen-Dingsbums an den Tag. Es gibt Kurzeinspieler über die einzelnen Darsteller, was sie inzwischen machen. Das mag für Fans des Formates lustig sein, die anderen Zuschauer bleiben außen vor.

Der Film ist eine Aneinanderreihung, ein Zusammenkleistern von Szenen, um diese nicht so recht glückende Sendung herum. Sie will Krisen zeigen und geht auf das Thema der Generationenablösung ein, zu den Jungen der Social Media, um den Anschein, am Puls der Zeit zu sein, zu erwecken.

Man sehnt sich nach den 90 Minuten daanach, so schnell wie möglich einen guten Film zu schauen. Tagesaktuell überschattet die Gottschalk-Tragik so einen Film bei weitem, von dem nicht so recht klar wird, warum, wozu und zu welchem Behufe er überhaupt gemacht worden ist.

Truth & Treason

Mut im Dritten Reich

Die zentrale Aktion in diesem Film von Matt Whitaker, der mit Ethan Vincent auch das Drehbuch „nach wahren Begebenheiten“ geschrieben ist, geht von einem 17-jährigen Hamburger aus.

Es ist 1941. Helmut Hübener (Ewan Horrocks) kann bei einer Verwaltungsstelle der Nazis arbeiten. Er hat dort Zugang zu Archiven, auch solchen mit verbotener Literatur. Anfangs ist er ein angepasster Nazijunge, auch um den Job zu bekommen. Dann erlebt er, wie sein Freund Salomon (Nye Occomore) verhaftet und abgeführt wird, weil dessen Mutter Jüdin ist. Salomon selbst ist Mormone. Das mag mit dem Produktionslabel „Angels Guild“ zusammenhängen.

Da Helmut mit seinen Freunden Karl-Heinz (Ferdinand MaKay) und Rudi (Daf Thomas) ausländische Radiosender hört und Zugang zu internationaler Presse hat, gehen ihm die Augen über die Wahrheit des Dritten Reiches auf. Er fängt selbständig an, Flugblätter zu schreiben mit seiner Schreibmaschine und sie nächtens zu verteilen in Briefkästen und unter Windschutzscheiben. Bald machen auch seine zwei Freund mit.

Auf nichts reagieren Diktaturen allergischer als auf Kritik. Es dauert nicht lange, bis Helmut auffliegt. Die Underground-Aktion mit den Flugblättern, die schildert der Film spannend. Es ist allerdings eine Filmsprache, wie wir sie zur Genüge kennen aus dem Kosmos der Naziaufarbeitungsfilme und wie sie doch sehr museal wirkt. Hinzu kommt die sterile, deutsche Nachsynchronisation.

Die Geschichte, wie es nach der Verhaftung weitergeht bis zum Gerichtsprozess und zum Urteil, die dehnt sich und ist mit enormen Message-Pathos aufgeladen. Insofern dürfte der Film, erst recht mit der direkten Aufforderung an die Zuschauer im Abspann durch den Regisseur persönlich, im breiten Feld der heutigen Kinowelt relativ einsam dastehen. Innerhalb der Filme des Angel-Guild-Labels wiederum gehört er zu der erträglicheren Sorte.

Eternity

Post Mortem

Das ist nach der bayerischen Zweigstelle in kurzer Zeit schon der zweite Film, der in der Ewigkeit spielt mit Menschen, die gestorben sind. Auch er lässt reflektieren, was denn das für üble Zeiten sein müssen, in denen die Weltpolitik von Massenmördern massiv mitbestimmt wird, ob die nicht an jene des Zweiten Weltkrieges erinnern und der ihm in den 50er Jahren folgenden geistigen Käseglocke. So wirkt dieser Film von David Freyne, der mit Patrick Cunnane auch das Drehbuch geschrieben hat, anfänglich.

Furios fängt der Film im Stil amerikanischen Kommerzkinos an. Larry (Barry Primus) und seine Gattin Joan (Betty Buckley), sie sind seit 65 Jahren verheiratet, befinden sich keifend in ihrem Amischlitten auf dem Wege zur Gender Reveal Party eines ihrer Kinder. Das Geschlecht des erwarteten Babys soll bekanntgegeben werden. Noch ist das nicht passiert, da bricht Larry zusammen. Er – und mit ihm das geneigte Kinopublikum – findet sich im Jenseits wieder.

Das erinnert von seinem Interieur her stark an die 50er Jahre. Allerdings findet Larry sich nicht als alter, sondern als junger Mann (Miles Teller) wieder. Das erklärt ihm seine Jenseitskoordinatorin Anna (Da’Vine Joy Randolph), dass man hier in der Variante ankomme, in der man im Leben glücklich gewesen sei.

Die Eingangshalle dieses Jenseits ist wie ein Ameisenhaufen, ein Bahnhof, von wo aus Züge zu verschiedenen Destinationen abfahren. Die Neuankömmlinge bekommen etwas Zeit, sich definitiv für ein Jenseits zu entscheiden, wo sie dann wirklich immer zu bleiben haben.

Das erinnert von seiner Konstruktion her noch deutlich an die Zweigstelle, ist aber gigantisch, aufwändiger und komplexer gestaltet. Mit der Ankunft von Joan, ebenfalls als junge Frau (Elizabeth Olsen) ändert sich das. Larry entdeckt sie bei ihrer ersten Rolltreppenfahrt.

Definitiv zum Paarungsthema wendet sich der Film ab jetzt und gewinnt dadurch an Charme, wie Luke (Callum Turner) die beiden entdeckt. Er ist der erste Ehemann von Joan, der im Koreakrieg zu Tode gekommen ist. Ab hier ventiliert er, könnte von Rohmer angeregt sein, die uralte Frage, welcher Deckel zu welchem Topf passt.

Dazu gibt es Ausflüge ans Meer, in die Berge, es gibt das Museum mit seinem grummeligen Wärter Fenwick (Ryan Beil). Hier können sie Szenen aus ihren früheren Leben anschauen als Entscheidungshilfen. Das Protagonistenquintett wird komplementiert durch den köstlichen Funktionär Ryan (John Early). Der ist der Jenseitskoordinator von Joan.

Die Rivalität zwischen Larry und Luke kommt voll zum Tragen. Zwischen der Dramatik gibt es Platz für Gedanken zu verschiedenen Modellen der Paarung oder des Stattdessen, recht up-to-date.

Sentimental Value

Transgenerationentrauma?

Wohlverstanden, das Thema drängt sich nicht auf, macht sich nicht wichtig, drängt sich in keiner Weise in den Mittelpunkt noch in den Vordergrund. Es mag vielmehr wie ein Bootshilfsmotor sein, der ganz unauffällig an wenig beachteter Stelle eine Jolle behutsam nach vorne treibt, in Bewegung hält.

Es könnte das Thema sein, was nicht nur diesem Film von Joachim Trier, der mit Eskil Vogt auch das Drehbuch geschrieben hat, sein Need verleiht, sondern, klarer noch, dem Film im Film, der darin vorkommt und der damit verbundenen Familiengeschichte.

Die Erzählung geht über die Geschichte des Hauses der Familie Borg als Schulaufsatz aus der Sicht von Nora (Renate Reinsve). Hier wurde ihr Vater Gustav (Stellan Skarsgard) geboren. Er kam 1951 in dem Haus zur Welt. Er ist Filmregisseur geworden. Seine spätere Frau Sissel brachte hier 1987 Nora zur Welt. Sie hat noch eine Schwester, Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas). Diese ist verheiratet, hat einen 9-jährigen Sohn.

Nora ist Schauspielerin, in keiner Beziehung und das Verhältnis zum Vater ist distanziert. Nora wird vorgestellt vor einer Theaterpremiere. Sie scheint in einem Zustand, der näher an einem psychischen Zusammenbruch einzuordnen wäre als beim Lampenfieber. Sie bekommt keine Luft mehr. Das Kostüm sei ihr zu eng. Sie sperrt sich in ihrer Garderobe ein. Der Vorhang ist bereits offen, die Lichter im Saal sind erloschen, die Intro-Musik läuft bei leerem Bühnenbild.

Hinter der Bühne herrscht helle Aufregung. Der Regisseur, der bereits im Saal Platz genommen hat, wird nochmal hinter die Bühne gebeten. Der Film interessiert sich nicht weiter für die Aufführung. Mit Bildern vom Schlussapplaus gibt er uns zu verstehen, dass alles gut abgelaufen sei; aber er hat das Objekt seines Interesses gefunden und fängt an, dieses zu erkunden.

Der Film schweift in die Umgebung von Nora. Sie hat eine Affäre mit einem Kollegen. Der Vater tritt ins Licht. Er will nach längerer Pause einen Film machen. Das ist der Film, der in der Familiengeschichte gräbt. Da gibt es unerfreuliche Fundstücke aus der Nazizeit, der Besatzungszeit.

Die Kinder hatten im Zaun um das Anwesen einen Durchschlupf zum Abhauen. Am Ofen im einen der Zimmer konnte man über die Rohre Gespräche im Salon mithören, auch Dinge, die nicht für Kinderohren bestimmt waren.

Nora möchte auf gar keinen Fall in dem Film mitmachen, sie möchte nicht ihre eigene Mutter mit dem traurigen Ende spielen müssen. So engagiert Gustav Rachel (Elle Fanning), die sich überlegt, ob sie einen skandinavischen Akzent sich antrainieren solle; sie spürt, dass da etwas ist, was sie nicht leisten kann. Es soll im Haus der Familie gedreht werden. Vorgespräche finden statt. Gustav bringt eine Finanzierung zustande mit Michael (Jesper Christensen), aber seinen Leib- und Magenkameramann findet er in in einem Zustand vor, der ihm nicht mehr allzuviel Bewegung mit der Kamera ermöglicht.

Es ist ein Stück weit auch ein Film über alte weiße Männer, die es nochmal wissen wollen. Der Film ist exzellentes Seelendrama in bester skandinavischer Tradtion (Dreyer, Bergman) mit exzellenten Schauspielern, er ist Familien- und Künstlerdrama zugleich.

Zweitland

Die Gewaltspirale,

die sich in Südtirol in den frühen 60ern entwickelt, ist das Thema dieses Filmes von Michael Kofler. Es wird so dicht und differenziert behandelt, dass der Film eine hohe Allgemeingültigkeit erhält.

Es gibt im Anspann einen kurzen historischen Hinweis, wie es dazu kam, dass das deutschsprachige Südtirol nach dem Zweiten Weltkrieg Italien zugeschlagen wird. Wie das Gebiet von Rom aus nicht nur stiefmütterlich, sondern diskriminerend behandelt wird und wie die Südtiroler sich dagegen wehren, sie wollen weiter Deutsch sprechen und Bildungschancen wahrnehmen.

Dieser Wunsch stößt in Rom auf taube Ohren. Verhandlungen über Verhandlungen bringen nichts. Eine Gruppe von Südtirolern entscheidet sich für Gewaltakte.

Im Zentrum steht die Bergbauernfamilie mit Anton (Laurence Rupp), seiner Frau Anna (Aenne Schwarz) und Antons Bruder Paul (Thomas Prenn). Anton und Anna haben einen Jungen, der bereits zu Schule geht; das nutzt der Film für einen Einblick in den zweisprachigen Unterricht.

Anna selbst ist Lehrerin und möchte wieder Schule geben, auch um ein Zugeld zu verdienen. Anton ist im revolutionären Untergrund tätig. Einer der ersten Aufsehen erregenden Akte ist die gleichzeitige Sprengung von Dutzenden von Strommasten und damit die Lahmlegung der elektrischen Versorgung der ganzen Region, „in Mailand gehen die Lichter aus“, heißt es in diesem Zusammenhang.

Die Schlagzeilen sind den Südtirolern sicher. Aber es kommt ein junger Mann bei einem der Anschläge zu Tode. Das Opfer hinterlässt eine Familie.

Die Polizei setzt sich auf die Spur der Attentäter. Hans (Fabian Mair Mitterer) bekommen sie zu fassen. Er ist ein Freund von Paul. Anton setzt sich rechtzeitig über die Berge nach Österreich ab.

Die Polizei richtet bei einem Verhör Hans übel zu. Das trifft Paul sehr. Er ist der empfindsame, derjenige mit künstlerischen Ambitionen. Er träumt davon, an der Akademie der Schönen Künste in München zu studieren. Vater war Bildhauer. In seinem ehemaligen Atelier stehen verhüllt Skulpturen von ihm.

Die Polizei versucht, die Familie dazu zu bringen, Anton zu überzeugen, sich zu stellen. Der denkt nicht daran.

Die Schauspieler sprechen Südtirolerisch; die Carabinieri und Vertreter des Staates Italienisch; zu beidem gibt es Untertitel; für die Ohren ist es gut, die Originalversion zu hören.

Das Drehbuch ist klug geschrieben und hält den Zuschauer bei der Stange. Die Handkamera bleibt nah an den Protagonisten und erzeugt eine dichte Atmosphäre, eine Atmosphäre der Atemlosigkeit, aber auch eine konfliktgeschwängerte, immer entlang der Frage, ob Gewalt das richtige Mittel sei, das Ziel der Autonomie von Südtirol zu erlangen.

Nach dem Blutvergießen kommt es zur Autonomie; das ist dem Abspann zu entnehmen. Es bleibt offen, ob es schneller oder gar nicht gelungen wäre, wenn nicht die terroristischen Aktionen Druck erzeugt hätten; der nicht frei davon war, in polizeilich nicht sauberen, genau so illegitimen Gegendruck auszuarten, die Spirale der Gewalt.

Die schwere Musik betont das Drama.

Der Abgeordnete Holzer (Roland Selva) bereut noch jahrelang, dass er in einem schwachen Moment, der Gewaltthese nicht den Riegel vorgeschoben habe.

Repression, Diskriminierung, Gewalt, das sind große Themen unserer Zeit. Apologeten der Gewaltlosigkeit wie einen Mahatma Gandhi sind heute nirgendwo an prominenter Stelle zu finden.

Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten

Nonne verpuppt sich zur Heiligen

Dieser Film von Teona Strugar Mitevska, die mit Goce Smilevski und Elma Tataragic auch das Drehbuch geschrieben hat, zeichnet nur in den letzten Minuten das ikonographische Bilder der weltberühmten und verehrten und mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Mutter Teresa in ihrem schmucklosen Sari mit den blauen Streifen.

Der Film nimmt sich die Verpuppung von der regulären Ordensschwester zur Gründerin des eigenen Ordens vor. Er schaut sich die sieben Tage der endügltigen Verwandlung an.

Es ist das Leben einer katholischen Ordensschwester in Kalkutta 1964. Angesichts des Elendes in der Stadt ist sie mit dem Leben, das weitgehend innerhalb des Konventes stattfindet, nicht mehr einverstanden. Sie hat den Papst darum gebeten, aus dem Orden austreten zu dürfen, um ihren eigenen zu gründen, der auf den Straßen Kalkuttas wirkt.

Noomi Rapace spielt diese Schwester Teresa eigenwillig, ohne jede Frömmelei, nüchtern, in der ständigen Auseinandersetzung mit den Alltagsprobemen in so einer Institution. Es gibt oft – ohne Männerhilfe – schwere Möbel zu verrücken, Blut – von Frauen – muss ständig vom Boden aufgefegt oder aus Kleidungsstücken und Hygienetextilien herausgewaschen werden.

Es gibt die Dauerkrise mit Schwester Agnieszka (Sylvia Hoeks), die ständig am Durchdrehen ist und die doch ihre Nachfolgerin werden soll. Sie rettet sie vorm Sprung in die Tiefe. Es gibt aber auch die Gespräche mit dem langjährigen Vertrauten Pater Friedrich (Nikola Ristanovski).

Der Orden ist in einem stattlichen, weltlichen Gebäude von ernormen Ausmaßen untergebracht, komfortabel im knalligen Gegensatz zur ihn umgebenden Armut.

Der Film ist mit Angabe der Tage, die noch fehlen bis zum Austritt, strukturiert. Er bringt so protokollarisch wie fragmentarisch Szenen aus dem Nonnenleben. Es wird gekocht, getanzt und die religiösen Rituale kommen auch nicht zu kurz. Die Kamera versucht jeden Realismus zu vermeiden, sucht sich ungewöhnlich Perspektiven, vielleicht auch, um die Abgehobenheit dieser Welt zu verdeutlichen. So besehen dürfte der Film ganz im Sinne von Mutter Teresa Kritik am eingefahrenen, weltfremden Ordensleben sein.

Der geheimnisvolle Blick des Flamingos

Miss Alaska

heißt die Kantine für Bergbauarbeiter in der Einöde im Norden Chiles. Diese wird von Boa (Paula Dinamarca) betrieben. Star in der Travestie-Show ist Flamingo (Matías Catalán) mit dem geheimnisvollen Blick, wie der Titel dieses Filmes von Diego Céspedes verrät.

Flamingo kümmert sich wie eine Mutter um die etwa 12-jährige Lidia (Tamara Cortes). Und auch Boa sieht Flamingo als ihre Tochter an. Sie hat ihre Travestiekünstler mit Tiernamen belegt, warum genau sie sich Boa nennt, verrät sie Lidia nicht. Bei Flamingo hat es etwas mit seiner Statur zu tun und den dünnen Beinen.

Der Film fängt als sattes Sittengemälde des Lebens in der Kantine an. Pralles Leben. Das häufigste Wort ist in der englischen Untertitelung „Fag“. Jungs verhauen Lidia und die Travestitendamen rächen sich. Lustig und deftig.

Ein Drama entwickelt sich zwischen dem Bergarbeiter Youani (Luis Dubó) und Flamingo. Er ist unsterblich in sie verliebt, ja er stört sogar seine Show; Melo as Melo can.

Der Film spielt 1982. Es ist immer wieder von einer Seuche die Rede. Einmal wird auch erkärt, wie sie übertragen wird.

Momentweise denkt man an Filme von Fassbinder, wenn das Liebesthema sich in den Vordergrund drängt, dass Liebe schwierig oder unmöglich sei. Es gibt Ansätze zur Liebe. Zarte Annäherung von Lidia zu einem Jungen ihres Alters, der nicht so blöd ist wie die anderen. Und dann auch zwischen Boa und einem Anführer der Bergarbeiter, die einmal den Aufstand gegen Miss Alaska proben. Vom Talent zur Milieustudie her erinnert der Film auch an Axel Ranischs frühe Filme wie „Dicke Mädchen“ oder Ich fühle mich Disco.

Go ahead, make my day.