Tatort: In der Familie – Teil 1 (ARD, Sonntag, 29. November 2020, 20.15 Uhr)

Abstandstheater

Hier kann besichtigt werden, was uns dank Corona im TV und vermutlich bald auch im Kino blüht: staatstragendes Gerichtsdrama (vom Visuellen her) anstelle des Tatortes, alle Darsteller schön mit dem Massband auf Distanz hingestellt. 

Das macht diese erste Hälfte des Doppeltatortes BR/WDR noch merkwürdiger, umso mehr als Dominik Graf im Ruhrpott merklich fremdelt mit dem dortigen Routinepersonal und unter Verzicht auf seine Giallo-Liebe; obwohl es sich doch um eine Mafia-Geschichte handeln soll. 

Immerhin seriös und ordentlich wirken Bild- und Drehbuchwerk (dieses von Bernd Lange), sehr ordentlich sogar, wie bei einer künstlichen Befruchtung und es gibt auch doofe Sätze, typisch deutsches Fernsehen oder Witze, „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ – „Ich muss aufs Klo, wenn Sie mir dabei behilflich sein wollen“ oder „Gibt’s was zu Essen?“ – „Soll ich Dir ein Brot machen?“ – Zeilenfüllerei ohne weiterführenden Kontent, man könnte das auch Zeilenschinderei von einfallslosen oder zeilenschinderischen Drehbuchautoren nennen. 

Die Polizei ist einfallslos und vor allem hilflos veraltet: wenn es in München einen Haftbefehl gegen jemanden gibt, der sich gerade in Dortmund aufhält, dann beantragen wohl die beiden bayerischen in ihrer Kommissarsfunktion alt gewordenen Münchner eine Dienstreise nach Dortmund, um den Haftbefehl persönlich zu überbringen: Fax oder gar Internet zur Übermittlung gibt’s offenbar nicht. Schön für die Kommissare. 

Aber auch sie fremdeln deutlich in dieser Tatortsektion, in welcher die Kollegen sich per Sie ansprechen und ein Kommissar dabei ist, der einerseits mit einem ziemlich kaputten Gesicht (die perfekte Verbrechervisage könnte man meinen) auffällt, aber andererseits auch als einer der sicher profiliertesten und saubersten Sprecher weitherum im deutschen Fermsehen. 

Für einen, der von diesen TV-Kommissarssendungen nur die bayerischen Produktionen schaut, wirkt das Dortmunder Personal im ersten Augenblick vor allem rein routiniert, die tun halt ihren Job. Und es fällt einem auch auf, dass die Münchner Kommissare zur Gewohnheit geworden sind, aber die gehören halt nach München. 

Es geht um einen großen Fisch im internationalen Drogenhandel, Mafia, der die Pizzeria eines kleinen, rundheraus ehrlichen Italieners mit Frau und Kind als Drehkreuz für seine Drogenlieferungen benutzt. 

Bei diesem Italiener kann die Mafia ihre Drogen umpacken und in alle Richtungen mit direkt vor der Tür liegenden Autobahnen weitertransportieren. Die Grafik darüber kommt deutlich und nachvollziehbar. Die Observierung des Wirtes, des Tatverdächtigen, der Frau des Wirtes, des Umschlagplatzes und übliches TV-Kompetenzgerangel innerhalb der Polizei tragen mit dazubei, dass auch schnall klar ist, dass die Italiener auf jeden Fall die bessern Mafia-Filme machen, während diese Tatort-Kopulation doch von vielen Vorsichtsmaßnahmen, nebst jenen vor Corona, etwas Zangengeburtähnliches anhaftet. Der Sinn erschließt sich nicht, es sei denn, es ginge darum, Quoten zusammenzuführen. Vielleicht funktioniert das ja auch mit dem üblichen PR-Begleitgetöse. 

Geschlecht in Fesseln (Filmmuseum München online bis 29. November 2020)

Die Gesetze der Menschen sind zerstörerisch,

ein hochaktueller Satz angesichts der möglicherweise irreversiblen, kulturellen Schäden, die die aktuelle Politik unter dem Vorwand der Seuchenbekämpfung mit der Schließung von Kinos, Theatern, Konzertsälen etc. anrichtet. Er entstammt diesem Film „Geschlecht in Fesseln“ von Wilhelm Dieterle (kaum älter als das Kino) von 1928, einem Film zum Thema Strafvollzugsreform. 

Das Kino war 1928 noch jung, grade gut 30 Jahre alt, die Bilder hatten nicht nur das Laufen, sondern auch das Geschichtenerzählen gelernt und das bereits furios. Nur sprechen konnten die Bilder noch nicht. Dazu war es erfinderisch mit Textinserts, aber auch Briefe, Zeitungsausschnitte, Tagebucheintragungen, Türschilder oder Akten konnten Infos auf die Leinwand bringen, die die Geschichte spannend macht (heute kämen Chats und Twitter dazu).

Das Filmmuseum München hat den Film digital restauriert und stellt ihn in exzellenter Qualität noch bis 29. November gratis ins Internet. Wie in Stummfilmzeiten gibt es eine – neu von Joachim Bärenz souverän eingespielte – musikalische Begleitung, die dem Screening die nötige Leichtigkeit verleiht. 

Das junge Glück von Franz (Wilhelm Dieterle), Frabrikarbeiter, und seiner Frau Helene (May Johnson) ist perfekt. Sie können sich eine kleine Wohnung und zeitgenössisch bescheidenen Wohlstand leisten. 

Franz verliert seinen Job, wird arbeitslos. Er versucht sich mit wenig Erfolg als Vertreter von Electrolux-Staubsaugern (mit einem elegant filmreifen Modell!). So will denn Helene mithelfen, das Leben und den Wohlstand zu retten. Sie nimmt den Job einer Rauchwarenverkäuferin in einem Lokal an. Sie wird von einem Kunden belästigt. Franz, der das mitbekommt, geht dazwischen, schlägt den Typen krankenhausreif: Haft. 

In der U-Haft lernt Franz den Unternehmer Rudolf Steinau (Gunnar Tolnaes) kennen. Der kommt auf Kaution frei und will sich um Franzens Frau kümmern, indem er ihr eine Stelle anbietet. 

In dieser Ausgangsposition wird der Satz, dass wir alle doch nur Menschen seien, als dramatischer Motor ins Spiel gebracht, denn der Mensch braucht Nähe, Berührung, Liebe, Menschlichkeit (ein Thema, was uns Coronageschädigten sattsam bekannt ist). Wenn diese Dinge einem von Gesetzes wegen vorenthalten werden, so kommt es mitunter zu gewaltigen Problemen. 

Nach seiner definitiven Verurteilung, weil das Opfer gestorben ist, kommt Franz in den Regelvollzug, in eine Zelle mit vier Männern. Diese leiden alle unter denselben menschlichen Entbehrungen und Triebstau. Das kann sich zu Wahnideen und Wahnsinn auswachsen. Mit Alfred (Hans Heinrich von Twardowski) kommt hier eine Ersatzmöglichkeit für Franz ins Spiel, während draußen der Fabrikant sich rührend um Helene kümmert. Es entstehen konfliktreiche Situationen, die den Menschen viel abverlangen und die Dieterle zu einer hochdramatischen Lösung führt. 

Grundlage für das Drehbuch von Herbert Juttke und Georg C. Klaren ist die Materialiensammlung von Franz Höllering, der in 8 Jahren im Knast zusammengetragen hat, was den Begriff eines modernen Strafvollzuges nicht deckt. 

Ein Schuss Dieterlescher Erzählkunst könnte den heutigen Film- und Fernsehmachern nicht schaden, aktuell war das gerade in Oekozid zu beobachten, was ja auch versucht, ein Themenfilm zu sein. 

Beta Stories: Diskriminierende Algorithmen (BR, Mediathek)

Eine kurze, gut verständliche Einführung in die Thematik von Nutzen und Problemen von Algorithmen bietet diese mit einfachen Animationen bunt angereichertete Beta Story von Lennart Bedford-Strohm (Autor) und Dr. Jeann Rubner und Salvan Joachim (Redaktion und Leitung). 

Beispiel für einen positiven Nutzen ist ein MS-Patient. Algorithmen helfen bei der Analyse der Bilder aus der Computer-Tomographie und können, wo das menschliche Auge überfordert wäre, sofort unterscheiden, ob Krankstellen im Gehirn neu sind oder schon bei den letzten Untersuchungen da waren, ob sich die Krankheit ausgebreitet oder stabilisiert hat. 

Beispiel für ein enormes Problem mit Algorithmen ist ein junger Afroamerikaner aus den USA. Der wurde aufgrund eines Gesichtserkennungsprogrammes als Handy-Dieb von der Polizei festgenommen. Allerdings ist auf dem Original-Video des Opfers, das den Diebstahl gefilmt hat, eindeutig ein vollkommen anderer junger Mann zu sehen Dies lässt es als ratsam erscheinen, solchen Programmen gegenüber eine gesunde Skepsis an den Tag zu legen. 

Der Mensch tendiert allerdings zu blindem Glauben der Technik gegenüber und hat im Falle des Handy-Diebes es sogar unterlassen, das Bild des vermeintlichen Täters mit demjenigen des richtigen Täters zu vergleichen – was in diesem Falle einfach gewesen wäre. 

Gerade das Thema Gesichtserkennung weist auf ein grundsätzliches Problem der Algorithmen hin: sie sind von Menschen gemacht. Aber nicht von irgendwelchen Menschen. Es sind überwiegend weiße Computernerds und zwar Männer. Weshalb Gesichtserkennungsprogramme, wenn es um Schwarze geht und besonders um Frauen, nicht sehr zuverlässig sind. 

Als Fazit könnte man lesen: Algorithmen sind zwar mechanisch-maschinelle Vorgänge, die sogar lernen können, aber letzlich sind sie von Menschen gemacht und mit entsprechender Vorsicht zu genießen. Sie werden einem durch diese Fernsehsendung etwas weniger unheimlich. Es kommt darauf an, wie der Mensch mit ihnen umgeht. 

Vorbildlich viele Protagonisten tragen Maske für die Interviews oder am Arbeitsplatz. Ein Disclaimer mittendrin offenbart, dass entgegen der Absicht im Film letztlich doch viel mehr Männer vorkommen als Frauen, was aber wiederum mit der Gender- und Hautfarbenstruktur der Algorithmus-Entwickler zusammenhängt. Im Gegenzug wird bei Berufsbezeichnungen konsequent gegendert. 

Kommentar zu den Reviews vom 26. November 2020

Kinostart-Zangengeburten.

(über zwei Dutzend Filme sollten in den ersten Dezember-Tagen an den Start gehen).

Die Lockdown-Politik hinterlässt Spuren der Verwüstung in der Kinolandschaft. Kann dem Kino wirklich so viel Verantwortung bei der Ausbreitung der Epidemie aufgebuckelt werden? 

Es ist unglaublich, dass die Politik das Kino mit in Haftung nimmt für die Ausbreitung des Virus! Waren nicht die Hygienekonzepte mit von den ausgeklügeltsten und staatlich anerkannt? Vor allem: die Zahlen während dieses zweiten Lockdowns werden schlechter statt besser, die Ansteckungszahlen. Das beweist doch: dass nicht das Kino der Ort der Ansteckungen sein kann. Es wäre also völlig unsinnig, den Lockdown weiter über die Kinos zu verhängen. Denn sie trifft keine Schuld bei der Verbreitung des Virus; sie dürften mit von den sichersten geselligen Orten trotz Pandemie sein. Es ist nicht ein Fall bekannt, bei dem eine Ansteckung bei einer Kinoverostellung oder im Kinofoyer stattgefunden hat. Die Listen zur Nachverfolgung werden hier genau geführt. 

Ein Film nach dem anderen erlebt einen Zangengeburt-Start, viele Filmstarts wurden bereits ein-, zwei-, drei-, vier-, ja gefühlt ein halbes Dutzend-mal verschoben; so manchem dürfte die Luft noch vor Erblicken des Lichtes der Leinwand ausgehen; Kinototgeburten noch und nöcher. Und die Politik hat kein Einsehen, nicht in nächster Zeit, nicht vor Weihnachten; es ist ganz furchtbar für Produzenten, Agenturen, Kinobetreiber, Kinomitarbeiter, Journalisten. Man möchte sich ins Grab legen, um sich darin umzudrehen. Das Kino wird einem so richtig madig gemacht. DVD, VoD sind kein adäquater Ersatz.

Entsprechend mau ist die Review-Bilanz für die Woche. 

Eine Review

OEKOZID

Gut gemeintes Bashing von Merkels Klimapolitik. 

Ein Kommentar

SOCKEN-KAMPAGNE

Gut gemeinte Propagandafilmchen der Bundesregierung zur Rettung der Welt vor Covid 19. 

Oekozid (ARD, Mediathek)

Löbliche Idee.

Deutschland für seine opportunistische, egoistische Klimapolitik unter Bundeskanzlerin Merkel (die wiederum unter dem Pantoffel der Autoindustrie steckt) zur Rechenschaft zu ziehen, ist eine löbliche Idee. 

Eine Projektion in die Zukunft soll das greifbar machen, dass Handeln Konsequenzen hat und dass der Handelnde (Mensch oder Politiker oder Interessenvertreter) dafür gradestehen muss. 

Andreas Veiel, der mit Jutta Doberstein auch das Drehbuch für dieses Fernsehspiel geschrieben hat, greift in die Zukunft, ins Jahr 2034. Er erfindet eine Verhandlung des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag, in dem fast zwei Dutzend Staaten, die besonders unter dem Klimawandel leiden, gegen die Bundesrepublik Deutschland klagen und Schadenersatz fordern wegen Nichteinhaltung der Klimaziele. 

So weit, so plausibel und sinnig, zudem beginnt der Film mit der Vorbemerkung, dass die Geschichte auf Auswertung von Original-Dokumenten und wissenschaftlichen Erkenntnissen basiere. 

Mein Problem mit dem Film ist seine handwerkliche Seite. 

Das fängt schon mit dem Drehbuch an. Es setzt zu viel voraus, wer wessen Interessen vertritt, es verliert sich zu sehr in Details von Zertifikaten, Emissionshandel und freiwilliger Selbstverpflichtung. Sowohl Drehbuch als auch Inszenierung schaffen es nicht, klare Ausgangsposition zu schaffen, wer gegen wen. Es fehlt die empirisch nachvollziehbare Beschreibung der Ausgangspositionen. 

Stattdessen wird versucht, mit einem wildem Mix aus Nachrichten und Internetposts (Sven Schelker als Laurenz Opalka ist einer der wenigen überzeugenden Akteure als bloggender Journalist) internationales Flair und internationale Stimmung, den Atem von Weltkino, Welt-Justizthriller à la Hollywood zu erzeugen. 

Wogegen das Inzüchtlerische deutschen Fernsehens nur noch mehr auffällt. Schlimm genug, dass in diesem Fall der Den Haager Richter ausgerechnet ein Deutscher ist (Edgar Selge bemüht sich, Zuhören zu spielen und weiß nicht recht, weshalb ihm die Requisite eine Brille in die Hand gedrückt hat, so nimmt er sie denn als wahlloses Spielzeug) und wie um dem entgegenzuwirken, werden ihm zur Seite lauter Farbige gestellt, die ganz klar nur Komparsenstatus haben, was wiederum einer Denunziation gleichkommt, drei Frauen, die nicht mal einen Rollennamen bekommen haben. 

Das Sexistische betont Veiel noch mit Inserts auf die Stöckelschuhe von Wiebke Kastager (Nina Kunzendorf); abgefuckteres Klischee geht nicht. Ulrich Tukur als Victor Graf und Verteidiger von Deutschland, versucht sich in private activities, wenn er nicht verhandlungstechnisch nicht dran ist. 

Allen Darstellern gemeinsam ist der Knopf am Hals, der vermutlich ein Mikro ist und aussieht, als seien die Schauspieler ferngesteuerte Marsmenschen. 

Überzeugend ist auch Martina Eitner-Acheampong als Angela Merkel; sie trifft das Wesen dieser Frau exzellent, vielleicht besteht ja eine Seelenverwandtschaft. 

Das Instrument des Deals kommt ins Spiel, auch dies wird nicht präzise genug und viel zu oberflächlich abgehandelt. Es scheint dem Film vor allem um ein Bashing von Merkels Klimapolitik zu gehen. Diesses Ziel gelingt ihm durchaus. Aber das Flair des Gerichtshofes bleibt provinziell, das dürfte mit dem Casting und der Regie zusammenhängen und der mangelnden Souveränität des Richters. Dazwischen gibt es Archivmaterial bekannter und gerne angeklickter Klimakatastrophenbilder und zeitgenössisches News-Footage. 

Und noch ein argumentaitves Problem: der Bauer aus Norddeutschland, der als Zeuge vernommen wird, beklagt sich darüber, dass der Sturm inzwischen sein Erdreich wegfege. Der Sturm mag eine Folge des Klimawandels sein: zum staubigen Erdreich dürfte er selbst aber auch beigetragen haben mit industrieller Landwirtschaft, also mit Überdüngung, mit Glyphosat, kurz: mit nicht nachhaltiger Bewirtschaftung. 

Socken-Kampagne

Vor Jahren gab es im Lande die Rote-Socken-Kampagne. Damit versuchte eine politische Partei eine andere fertig zu machen. Gebracht hat es nicht viel. Heute klammern sich diese Parteien einträchtig (und einträglich) an die Regierungspfründen. Ihnen macht das Virus zu schaffen und sie sehen den Wohlstand – und ihre Pfründen – davonschwimmen. Deshalb versucht diese Regierung mit einer Faule-Socken-Kampange im Internet dagegen anzukämpfen. 

Es handelt sich um drei Propaganda-Kurzfilmchen der Bundesregierung, die die jungen Menschen dazu bewegen sollen, in Pandemie-Zeiten zuhause zu bleiben.

Besondere Helden 1

Faul wie die Waschbären, so wurden sie zu Helden. Sich auf die Couch legen und Verantwortung übernehmen. Die Jugend soll bittschön aufs Feiern verzichten. 

Besondere Helden 2

Das ganze Land schaute auf die Jugend. Die durch Nichtstun die Ausbreitung von Covid verhinderte. Tapfer zuhause rumgammeln. Besondere Zeiten brauchen besondere Helden. 

Besondere Helden 3

Besondere Zeiten, schwere Zeiten. Faule Socke. Es war leicht ein Held zu sein. Blieb die ganze Zeit zu Hause. Hier wird, wer Home-Office macht, als faule Socke dargestellt und zum Helden gemacht. 

Es heißt immer, Schauen schult. So kann das Schauen solcher Filmchen in kinodürftiger Zeit als Schauschulung gesehen werden. Diese lehrt uns, wie viel vielfältiger und reichhaltiger doch unsere Kinowelt ist (gegenüber solch bescheidenen Propagandaprodukten) und dass die Kinos dringend wieder geöffnet werden müssen. Umsomehr als offenbar Lockdown 2 der falsche Lockdown war, der also die Falschen erwischt hat; denn wenn er die Antsteckungsbereiche betroffen hätte, dann hätten die Zahlen ja rückläufig sein müssen; aber im Gegenteil: die Zahlen sind gestiegen und gestiegen. Was beweist, im Kino – jetzt mal parteiisch gesprochen – hat sich noch kein Mensch angesteckt. Deshalb die Forderung: Wiederöffnung der Kinos SOFORT!

Immerhin dürften durch die Arbeit an den Bundesregierungs-Spots einige Soloselbständige etwas Bundes-Soforthilfe erhalten haben – und nicht einmal durch Nichtstun. 

Kommentar zu den Reviews vom 19. November 2020

Immer noch ist das Kino eine staatlich verbotene Sache. So weit sind wir schon. Nichtsdestotrotz!

Kino

MATERNAL

Nicht so klischeehaft, wie es sich anhört: Gefallene Mädchen im Kloster. 

DIE ADERN DER WELT

Der Mensch beutet den Boden, die Erde aus, auch in weiten Teilen der Mongolei. 

KURZFILMTIPP

DREI KURZFILMPREZIOSEN AUS BAYERISCHEN LANDEN

In coronaverdunkelten Zeiten wird selbst eine finstere Au zum Lichtblick.

DVD

MELLO MUD

So jung und schon eine Leiche im Keller. 

DAS ENTSCHWINDEN

Tochter als Kollateralschaden der Weltkarriere einer Pianistin.

AFRICAN KUNG-FU NAZIS – DIE DOKU ZUM FILM

Ist Afrika das heißere Hollywood?

UNDINE

Ihr Credo: es gibt nur eine Liebe. 

VOD

UNDINE

Ihre Rache ist unerbittlich. 

Mello Mud (DVD)

Instabile Lage

Ein frappanter Gegensatz hält diesen Film von Renars Vimba aus Litauen in einer faszinierend schwebenden Lage. 

Der Titel referiert auf die soziale Instabilität, den sanften Schlamm, in welchem die knapp 18-jährige Protagonistin Raja (Elina Vaska) und ihr kleiner präpubertärer Bruder Robis (Andzejs Lilientals) bei ihrer Oma Olga (Ruta Birgere) aufwachsen, die gleichzeitig ihr Vormund ist. Viel pädagogischen Einfluss kann die alte Dame nicht ausüben in ihrer einfachen Behausung fernab des Provinznestes, in welchem die Kinder zu Schule gehen. 

Für Kinder ist das paradiesisch, so eine Gegend mit See, Sumpf, Wiesen, lichte Wälder, baltisch. Aber Schulbegeisterung ist nicht; Raja schwänzt lieber. Die Unterschrift der Oma ist leicht zu fälschen. 

Die Mutter hat die Kinder verlassen und es ist eine der leicht skizzierten Storylines, dass Raja sie finden möchte. 

Gegen die Instabilität, und das hält den Film in einer vibrierenden Schwebe, setzt Raja stoisch die Provokation des Coming-of-Age. Es ist nicht primär Systemsprengertum, es wirkt als solches, aber nie sensationalistisch.

Eine zweite Storyline ist die Begabung für Englisch von Raja und der Wettbewerb in der Schule, bei welchem eine Reise nach London lockt. Das berührt die dritte Linie, das ist das Verhältnis zum Lehrer Oskars (Edgars Samitis). Raja wundert sich, was ihn aus Riga in die Provinz verschlagen habe. Er wiederum guckt, erst mal wohl aus pädgogischem Eros, großzügig über die Schulschwänzereien hinweg und ermöglicht Raja die Teilnahme am Wettbewerb. 

Oskars gibt Raja auch Nachhilfe. Da sitzt man notgedrungen näher beieinander. Die Beziehung entwickelt sich wunderbar selbstverständlich und unaufgeregt. 

Dann haben die beiden Kinder plötzlich noch, wie man zu sagen pflegt, eine Leiche, zwar nicht im Keller, aber doch zuhause. Da wird es skandalöser; schafft es aber nicht, den Film in eine aufgeregte Schieflage zu bringen; schließlich schaut ja ab und an der Postbote mit Omas Rente, die Fürsorge oder eine gute Bekannte vorbei. 

Den Boden entzogen, den Boden bereitet, Dialektik der Abgründigkeit und des Gleichgewichts. Ein guter Trost in coronabedingt kinoverbannten Zeiten. 

Maternal

Kindsvernachlässigung.

Ein Thema, was immer mal wieder auf der Leinwand aufscheint. Demnächst aus der Schweiz mit Platzspitzbaby, eine Mutter, die auf Drogenentzug ist und eigentlich nicht fähig, die elterliche Verantwortung für ihre Tochter zu übernehmen. Oder kürzlich aus Chile Ema, die wild lebt, tanzt, liebt und ihr adoptiertes Kind zurückgeben möchte. 

Jetzt aus Argentinien ist es Luciana (Agustina Malale), ledige Mutter, fasziniert von den Kerlen, magisch angezogen von Schlägertypen, eine Gossensprache sprechend und unzuverlässig in der Versorgung ihres Töchterchens Nina. Abgekürzt wird sie Lu gerufen; könnte eine deutsche Kurzform von Luder sein. 

Lu ist untergebracht in einem Nonnenkloster, das sich lediger Schwangerer und unverheirateter junger Mütter und deren Kinder annimmt. Lu teilt ein Zimmer mit Fatima (Denise Carrizo). Die ist anfangs des Filmes schwanger und unterstützt Lu in ihren Ekapaden, leiht ihr Geld, wenn sie sich sexy anzieht für ihr Ausbüchsen aus dem Kloster, um sich mit unguten Kerlen für Sex zu treffen. 

Lu verschwindet auch mal für Tage. Unhaltbare Zustände für das Kloster und das Kind. Sie gaukelt Fa vor, dass sie beide als ledige Mütter zusammenziehen wollen. Fatima bringt ihr Kind zu Welt. Lu ist mal wieder weg. 

Im Kloster ist eine Elevin aus Italien angekommen, Paola (Lidiya Liberman). Sie wird in ihrer glaubensstrahlenden Art zu einer Ersatzmutter für die kleine Nina. Der Konflikt spitzt sich auf der Frage zu, ob Lu die elterliche Gewalt wegen Kindsvernachlässigung entzogen werden soll. 

Maura Delpero, Drehbuch und Regie, schildert die Vorgänge um Lu und ihr Kind beinah meditativ. Sie bleibt eine neutrale Beoachterin, nachdenklich das Milieu schildernd, nicht einen Moment Partei ergreifend, weder für noch gegen die Kirche, weder für noch gegen die „gefallenen Mädchen“. Sie lässt die beiden Welten unterm Dach der Kirche leben, sich ein Stück weit tolerierend, auch wenn es den Nonnen schwer fällt, eine Party der ausgelassenen jungen Damen zuzulassen. Delpero umschifft das Risiko des Klischees, des leichten Ausspielens der Gegensätze dieser beiden Welten. Sie horcht in die Figuren hinein, in ihre Needs und beobachtet die Vorgänge in dieser Menschengemeinschaft mit filmsüßen Kindern. 

Go ahead, make my day.