Das Bett teilen und sich sietzen
Das Bett ist eine Doppelmatratze, die liegt auf dem Boden. Drum herum Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, ein Plattenspieler, Schallplatten, in einer Ecke steht ein Schreibtisch.
Es ist die karge Bleibe mitten in Paris des protoypischen Intellektuellen Alexandre (Jean-Pierre Léaud) in den frühen 70ern. Arm ist er, läuft im Anzug herum, Hemd, einen Schal wie eine Krawatte locker umgebunden.
Man geht fein Essen. Ein Auto hat er. Seine Mitbewohnerin, Konkubine, ist Marie (Bernadette Lafont); die betreibt eine Boutique, muss auch mal nach London zum Einkaufen – flugs gibt er ihr einen Auftrag für einen Flanell-Anzug mit auf den Weg. Sie sietzen sich und schlafen miteinander.
Diese intellektuelle Jugend definiert sich über Bücher, Zeitungen, Musik, Kino. Proust wird gelesen. Die Zeitung titelt mit einem Vivat auf Sergio Leone und den Western. Für diese Art von intellektuellen Männern steht nebst Alexandre sein nicht minder intellektueller Kumpel (Jacques Renard), mit dem die wesentlichen Dinge des Lebens, der Liebe und der Frauen und überhaupt der Welt besprochen werden.
Der Film wimmelt von Querverweisen auf die Kultur, die die Jugend verehrt und verschlingt und der sie nacheifert (Proust, Piaf, Dietrich, Deep Purple ..).
Der dreieinhalbstündige Film von Jean Eustache ist in Schwarz/Weiß und im Schmalfilmformat gedreht. Er gibt ein autenthisches Selbstporträt der intellektuellen Jugend von vor 50 Jahren. Eine Welt, in der höchstens Science-Fiction-Autoren sich vorstellen konnte, wie es heute aussieht. Statt Büchern, Zeitungen, Schallplatten, Kino gibt es nur noch Stöpsel im Ohr und Handys. Statt im Café eine junge Frau anzubaggern wie Alexandre es mit einer Unbekannten tut, indem er sie anspricht und fragt, ob man sich nicht kenne, verweilt die Jugend auf Anbandelplattformen.
Im Hinblick auf Geilheit, Liebes- und Sexsehnsucht dürfte sich nicht allzuviel geändert haben. Alexandre lauert Gilberte (Isabelle Weingarten) vor der Uni auf. Er möchte sie heiraten, obwohl sie ihm den Abschied gegeben hat. Sie ist mit einem anderen zusammen, aber ganz abgeneigt scheint sie nicht zu sein.
Im nächsten Moment bemerkt Alexandre, dass eine Frau in einem Café ihn anschaut. Er geht ihr nach. Nächstes Abenteuer. Es ist Veronika Osterwald (Francoise Lebrun), mit deutschem Namen, aber polnischen Ursprungs. Sie gibt ihm ihre Telefonnummer und verschwindet. Er spürt sie auf. Sie ist Krankenschwester in einer Klinik. Sie scheint das Nachtleben und den Sex mit Männern zu lieben und zu nehmen, wie es kommt. Alexandre wird Veronika seiner Mitbewohnerin vorstellen. Unterschiedliche Frauentypen, die sich nicht direkt mögen.
Alles wird durchdacht, alles wird besprochen, ja auch zerredet, wie beim Sex, wie man es denn haben möchte. Dann die Tampon-Geschichten. Die Freiheitsbewegungen sind Thema, die Frauenemanzipation, die Klassenunterschiede, das eigene Liebesleben und der Sex, die Treue, die Eifersucht, die Ehe und die romantische Liebe, die es hier garantiert nicht gibt.
Thema Mord und dessen Abstraktheit als Zeitungsmeldung und die Differenz, wenn man jemanden kennt, der deswegen gesucht wird. Einmal sitzt Sartre mit im Café und bekommt von den jungen Intellektuellen sein Fett ab. Dramen werden allenfalls erzählt; ich tue zwar nichts, aber mein Leben ist ausgefüllt. Es ist nicht die Liebe, die Edith Piaf besingt: Die Liebenden von Paris lieben sich auf ihre Art. Jean Eustache interpretiert das auf seine eigene Weise, wie die Menschen mit der freien Liebe im Gefolge der 68er Revolution ihre liebe Mühe haben; auch wenn sich in seinem Film momentweise eine Ménâge-a-trois zwischen Alexandre, Veronika und Marie abzeichnet.
Es ist keine traumhafte Liebe, die in diesem Film verhandelt wird, keine romantische Liebe, es ist nicht die Assoziation, die sich mit dem Begriff von Paris als der Stadt der Liebe verbindet.
Nebst diesen universell-existenziellen Themen, die zeitlos sind, ist der Film ein genaues zeitgeschichtliches Dokument über diese intellektuell-ambitionierte Jugend mit ihrem weiten Horizont, wie sie meinte, jener frühen 70er Jahre.
Das Bett teilen und sich sietzen Das Bett ist eine Doppelmatratze, die liegt auf dem Boden. Drum herum Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, ein Plattenspieler, Schallplatten, in einer Ecke steht ein Schreibtisch....