Kommentar zu den Reviews vom 30. Juli 2020

Auf falschen Sesseln. Ein Chinese mit Sohn landet wie aus dem Weltall in Finnland. Als Sohn eines 9/11-Feuerwehrhelden kann man sich auch zuhause am falschen Ort fühlen. Für viele Tunesier dürfte die Couch des Dr. Freund etwas ziemlich Neues sein. Und wer zuhause keine Wahrheit findet, der kann sich auf Buddhaerkundungsreise rund um die Welt machen. Ein Schweizer ist rundum glücklich und nimmt dazu noch einen Hund an. 

MASTER CHENG IN POHJANJOKI

Die alte Mär von der Liebe, die durch den Magen geht, urig-schnurrig-finnisch erzählt. 

THE KING OF STATEN ISLAND

Ein an sich bitteres Coming-of-Age auf rasante Comedy getrimmt. 

AUF DER COUCH IN TUNIS

Ist die Psycho-Couch der nächste Schritt der tunesischen Revolution?

WELTREISE MIT BUDDHA

Buddhaerkundungstrip around the world. 

CODY – WIE EIN HUND DIE WELT VERÄNDERT

Nie hätte sich der glückliche Schweizer gedacht, dass er mit einem Hund noch glücklicher sein würde. 

Cody – Wie ein Hund die Welt verändert

HUNDELEBEN von 1998: ein mongolischer Hund; wenn er tot ist, wird er ein Mensch..(Die Geschichte des Streuners Baasar zeigt gleichzeitig ein Bild der heutigen mongolischen Gesellschaft, voller Kraft und Härte, voller Mythen und Poesie.)

Hunde sind unsere Verbindung zum Paradies“

diesen Satz von Milan Kundera stellt Martin Skalsky seinem Bericht über seine Erlebnisse mit Cody voran. 

Dieses Paradies schildert er in wie mit Photoshop bearbeiteten, leicht designhaft wirkenden Bildern, die alleweil an die Wand gehängt werden können, immer mit etwas aufregenderem Licht als der Alltag es normalerweise bietet. 

Der Hund als Aufheller des Alltags, das wäre dann die bildnerische Botschaft. Skalsky ist auch der Protagonist. Er ist Filmkomponist, wohnt mit seiner Frau und seiner Tochter, die noch ein Säugling ist, auf dem Lande in der Schweiz. 

Den Hund Cody hat Skalsky seit drei Jahren. Er hätte nie damit gerechnet, sich für einen Hund zu entscheiden; es scheint ja nicht so, dass seinem Leben, er ist ein aufgeweckter, wie es scheint optimistischer Typ zu sein, etwas gefehlt hätte.

Aber dann hat Cody ihn gefunden. Und Skalksy hat angefangen, filmisch darüber nachzudenken, warum ihm der Hund so zusagt, diese Empathie verblüfft ihn. Er versucht der Geschichte des Hundes auf die Spur zu kommen. Die führt zurück nach Rumnänien. Dort gab es zum einen viele Straßenköter und 2013 ein Gesetz, das es erlaubte, diese einzufangen und zu töten. Dafür gab es sogar eine Prämie. Dagegen wehrte sich die Hundeaktivistin Kristina. Sie will mehreren Tausend Straßenkötern das Leben gerettet haben. Sie hat eine Farm für solche Hunde aufgebaut. Sie versucht, so viele der Tiere wie möglich zur Adoption freigeben zu können. 

Skalksy erfährt von ihr auch, dass Cody drei Jahre lang mit Blanche, einer weißen Hündin auf der Straße zusammengelebt habe. Skalsky erzählt oft direkt in die Kamera. Man sieht ihn zu Hause mit Frau und Kind, in den Bergen oder zuhause mit dem Hund spazieren. 

Der Film entwickelt insofern auch eine Story, als Skalsky versucht, die ehemalige Gefährtin von Cody aufzuspüren. Die ist jetzt in London. Das ist die Cliffhanger-Frage, was wäre, wenn die beiden Hunde sich wiedersehen würden? 

Immer wieder wird Hundephilosphisches dazwischen gestreut von einem Hundephilosphen, einer Buchautorin und es gibt einen Ausflug nach Costa Rica zur Hundeauffangstation „Zaguetes“, die sich um eine Herde von Streunern kümmert. 

In Zeiten von Corona und deren nur langsam gelockerten Hygienevorschriften dürfte das Hundethema besonders aktuell sein; jedenfalls war zu lesen, dass in dieser Zeit die Nachfrage nach Hunden enorm gestiegen sein. 

Der Film reiht sich ein in eine ganze Anzahl jüngerer Filme, die sich mit Streunern befassen wie Bob der Streuner (sehr anrührend) oder Space Dogs (ziemlich verrückt) oder Underdog (Mensch-Hund-Romanze mit Meuten von Straßenhunden) oder wie Enzo (mit Perspektivwechsel) oder Die Rüden (Hunde als Menschentraner) oder der deutsche Standardhund, der Schäfer in der Romantikversion von Lassie

Weltreise mit Buddha

In Corona-Zeiten ist man froh um jede Flugreise, die man nicht machen muss, aus bekannten Ansteckungsgründen. 

Und: glücklich, wer als Dokumentarist noch vor Corona die Welt kreuz und quer bereist und beflogen und dies mit einem Leitthema verbunden hat wie Jesco Puluj, der mehr über den Buddhismus erfahren wollte. 

Puluj fängt mit der sokratischen Erkenntnis an, dass er eigentlich nichts über den Buddhismus wisse und diese Frage wird die Leitidee für seine touristische Reise rund um die Welt, sie führt ihn nach Thailand, Indien, China, Nepal, in die Mongolei, nach Südafrika, Japan, Botswana und nach Irland. 

Er fächert in leichter Handschrift und als Ichdarsteller und – erzähler ein buntes Bild des weltweiten Buddhimus auf vom buddhistischen Eremiten Julien aus Kanada in Thailand, der später über seinen Internetblog eine gewisse Berühmtheit erfährt (und findet, das habe schon Vorteile, was auf gewisse Einschränkungen davor schließen lässt) über die japanischen Buddhisten, die nicht nur eine Bar betreiben sondern auch als Comedy-Band auftreten (das gibt es bei christlichen Pastoren auch; und man sieht ihnen an, dass sie nicht unempfänglich für solchen Erfolg sind), zu den Ursprüngen des Buddhismus in Nepal und dann über Klöster in China, der Mongolei und Ableger der modernen Hightech-Buddhisten aus China (die Comics zeichnen und einen Buddharoboter entwickeln) und welche in Afrika die wenig buddhistischen Expansionsgelüste Chinas mit der Lehre von der Gelassenheit, der Friedfertigkeit und der inneren Ausgeglichenheit flankieren bis zu einer Art Buddhaschule, in der Hunderte von Menschen einen Buddhismus auf Zeit ausprobieren können, ein Buddhismus, der seine Haupttätigkeit in täglichem, häufigem Singen sieht. 

So europäisch ist unser Filmemeacher, dass er doch immer wieder zur Erkenntnis kommt, dass sein innerer Buddha wohl noch nicht reif genug sei, dass es ihn immer weiterdrängt, noch mehr über den Buddhismus zu lernen, noch andere Länder zu bereisen auf dieser Suche. 

Für mich war die eindrücklichste Geschichte die von Julien mit seiner Katze, die plötzlich vegan wurde und seiner Meinung nach ganz sicher eine Reinkarnation war – und wie er von Gefühlen übermannt wird (Frage, ob das wiederum so buddhistisch sei), wie er dem Filmemacher von deren Tod erzählt, was anrührend klar macht, dass auch ein Buddhist nur ein Mensch ist. 

The King of Staten Island

Hier wird mit harter amerikanischer Beziehungsmünze gearbeitet. Man ist ja nicht im schicken Brooklyn, sondern auf Staten Island. Das ist inhaltlich und von der Lebensqualität näher bei New Jersey. Da bietet ein 24-jähriger Rumhänger und Tunichtgut, Scott (Pete Davidson), mit seinen Kumpels, die auch dem „Gras“ zugewandt sind, einem Buben (Luke David Blumm) ein Tattoo an und beginnt nach dessen Einwilligung auch gleich mit dem Stechen. Über einen jämmerlichen Strich kommt er nicht hinaus, da läuft der Bub, der sich wichtig Harold nennt und nicht Harry gerufen werden will, davon. 

Dieser armselige Tatto-Strich ist die Basis, auf der Judd Apatow, der mit Pete Davidson und Dave Sirus auch das Drehbuch geschrieben hat, seine Geschichte aufbaut. Der Strich führt zum Zusammenprall an der Haustür von Sotts Mutter Margie (Marisa Tomei) mit Harolds Vater Ray (Bill Burr), der geladen ist wie irgendwas und empört über den Strich. 

Klar, dass das komödiantisch so inszeniert ist, dass aus der Begegnung der beiden Menschen mehr wird. Denn Ray ist getrennt von seiner Frau und Margie ist Witwe, seit ihr Mann bei 9/11 als Feuerwehrmann starb. 

Für Scott ist es nicht leicht, als Sohn eines Helden und ohne Vater aufzuwachsen. Aber es würde nicht zu der rasant in der Art einer Sitcom inszenierten Geschichte passen, wenn hier psychologisiert würde. 

Es gilt die bare Münze der Erzählung, der Bericht, der auf dem Leben von Pete Davidson beruht, schonungslos den Fakten ins Auge zu schauen und sie allenfalls verkürzt und verknappt und mit Auspolsterungen ergänzt auf den Nenner zu bringen, denn die komödiantische Filmerzählung hat andere Gesetze als das Leben. 

Kein Wunder also, dass Scott das Hotel Mamma liebt. Sie ist Krankenschwester und seine kleiner Schwester Claire (Maude Apatow) ist eben von zu Hause auggezogen, um ins College zu wechseln; ein feierlicher Abschied mit Party, bei dem Scott einen Anzug tragen soll. 

Scott jobbt gelegentlich als Tellerabräumer in einer Systemgastronomie. 

Das einzige, was glänzt auf Staten Island, sind die Feuerwehrautos und wie der Zufall es will, ist auch Ray bei der Feuerwehr. Diese wird sich noch als der Ort erweisen, in dem Männer sich menschlich näher kommen, Hort der Humanität, was sich auf die Entwicklung des Menschen, auf seinen Reifeprozess positiv auswirkt und den Boden für einen runden Schluss legt. 

So wie die Feuerwehrmänner sich bedingungslos ihrem Job hingeben, geben sich die Schauspieler bei Judd Apatow ihrem Projekt hin und machen daraus ein trittsicheres Kinostück, das die Menschlichkeit nie aus dem Auge verliert und ihr jede Menge kinoerzählenswerter Irrungen und Wirrungen erlaubt. 

Master Cheng in Pohjanjoki

FONGTONG.

Kinoverzauberung pur vom Finnen Mika Kaurismäki, der mit Sami Keksi-Vähälä auch das Drehbuch geschrieben hat. 

Klar, Kochfilme, Essensfilme, kulinarische Filme haben ähnliche Rezepte und Weisheiten: die Liebe geht durch den Magen, Essen und Kochen verbindet die Menschen, öffnet die Menschen. Wer ständig neue Erzähl-Rezepte braucht, der ist hier falsch. 

Hier wird das bewährte Storyprinzip individuell finnisch-chinesisch so fein zubereitet wie ein exzellenter Käsekuchen oder eine Schwarzwälder-Kirschtorte in der jeweils stadtbekannten Confiserie – ohne auf die kalorienstarke Zutat „willst Du mich heiraten?“ zu verzichten. 

Wie von einem anderen Stern landet Cheng (Pak Hon Chu) mit seinem Sohn Niu Niu (Lucas Hsuan) im Imbiss von Sirkka (Anna-Maija Toukko) irgendwo im waldreichen Finnland. Er bringt nebst etwas Englisch nur das Wort „Fongtong“ hervor. 

Und auch hier ist sofort klar, dass diese drei Menschen für einander ausersehen sind. Aber das ist wie bei einem exzellenten Kuchenstück, von dem man die Zutaten kennt: man genießt es nur noch mehr, gerade weil man das schon im Hinterkopf hat und man freut sich, wie Kaurismäki sich aus der vorerst unlösbaren Situation, die die Exposition wunderschön und Schritt für Schritt nachvollziehbar entwickelt, hinausdröselt. 

Und klar, Master Check hat was mit Küche zu tun, das zeigt ein Blick in seinen Koffer und auf das Küchenmesser darin und ebenfalls klar, die Küche von Sirkka ist so bescheiden wie wenig appettitlich, Würste, Kartoffelpüree und Krautsalat, und das jeden Tag und ihre Stammkunden, allen voran der wohlbeleibte Romppainen (Kari Väänänen) und Vilppula (Vesa-Matti Loiri), der weiße, „heterosexuelle“ Finne, wie er sich nennt, sind durch solche Ernährung und einige andere Dinge gesundheitlich nicht auf dem Gipfel; sie haben ihre Pillenrituale. 

In diese ausweglose Ausgangslage lässt der Schnurrenerzähler Kaurismäki eine chinesische Reisegesellschaft hineinplatzen: die wollen, angewidert von dem abgestandenen Angebot, schon wieder gehen. Da greift Cheng ein und bietet an, chinesische Nudeln zuzubereiten und, das ist das Schöne am Kino, so etwas lässt sich ganz schnell und leicht erzählen und dann sind alle zufrieden und Sirkka hat plötzlich so viel Geld in der Kasse wie nie. 

Ein hübsche und auch dekorative Nebengeschichte bietet der vielleicht zehn- oder elfjährige Sohn von Cheng. Der ist anfangs von nichts begeistert, einsam hockt er hinter seinem Handy und spielt. Dann wird er, das ist auch fotografisch eine Delikatesse, einen Coming-of-Age-Ausbruch in die finnischen Wälder unternehmen. 

Kaurismäki erzählt das und den Fortgang der Geschichte als großer filmischer Könner und während der Vorführung habe ich mir überlegt, wie behindert das wäre, so einen Film zuhause am Rechner anzuschauen. 

Es ist ein Film, der seine volle Wirkung nur im Kino entfalten kann; Entführung in eine andere Welt, die aber auch nur eine urmenschliche Welt ist, von Menschen, die sich nach Liebe und Menschlichkeit sehnen; Abheben und im Kinosessel bleiben; das macht schwerelos, das ist eines der großen Geheimnisse des Kinos und dürfte für den passionierten Kinogänger eine eben so heilende Wirkung auf die coronageschädigte Seele haben wie Chengs Fischsuppe aus Barsch aus dem heimischen See auf die maladen Finnen und Finninnen (hilft auch einmal im Monat). 

Es gibt eine Kino-Welt jenseits der Internetstreams, eine Verzauberung, wie sie nur das Kino bieten kann!

Auf der Couch in Tunis – Un divan a Tunis

Dr. Freud in Tunis.

Er tritt leibhaftig auf in dieser charmant-lebenspraktischen Komödie von Manele Labidi, der Dr. Sigmund Freud aus Wien. Er nimmt auf einer Fahrt durch ein Wüstenrandgebiet in Tunis die mit einer Panne gestrandete Protagonistin und Psychoanalytikerin Selma (Gofshifteh Farahani) mit.

Wobei im Kino wie immer Vorsicht geboten ist, wenn es um die Unterscheidung von Traum, Wunschtraum und Wirklichkeit geht; da es so wunderschön Wünsche als Realität darstellen kann, genau so wie eine Psychoanalytikerin Dinge aus unergründlichen Tiefen auf die Leinwand schaufelt. 

Aber Manele Labidi geht es nicht darum. Sie nutzt den Vorwand dieser Berufswahl für die Hauptdarstellerin, um das nachrevolutionäre Tunis auf die Couch zu bringen. Es geht um einen Erstbefund. Der ist so, dass dringend weitere Sitzungen notwendig wären, um diesem Tunesien auf die Sprünge zu helfen. 

Narrativ läuft es so ab: Selma war schon nach Paris ausgewandert, hat sich dorten ausgebildet und eine Praxis eröffnet. Nur waren allein ihrer Straße gegen ein Dutzend Psychoanalytiker tätig – was wiederum ein treffliches Licht auf das heutige Frankreich wirft. Während in der arabischen Gesellschaft Tunesiens die „Shrinks“ noch nicht so verbreitet sind. Vom Andrang her aber, den Selma schon nach der ersten Werbeaktion im Frisörsalon von Baya (Feryel Chammari) erlebt, ist das Land reif für die Psychoanalyse. 

Selma glaubt, ihr Land zu kennen, dass nämlich alles so chaotisch und ruckelig sei, wie der alte Peugeot-Kastenwagen, den sie sich als erstes andrehen lässt, und dass man da einfach so eine Praxis eröffnen kann, da die Bürokratie eh schlampert und korrupt ist – auch das wird sich noch erweisen. 

Nicht gerechnet hat Selma mit den Staatsorganen, mit der Polizei, genauer mit dem offenbar einzigen Polizisten in Tunesien, mit Najim (Majd Mastoura – Hedis Hochzeit). Der will sie bei einer Verkehrskontrolle nicht nur einen blasen lassen, wegen eines Patienten von ihr, einem Bäcker der sich im falschen Geschlecht fühlt, kommt er ihr auf die Schliche mit der illegalen Praxis. Das setzt den dramaturgischen Hauptfaden in Gang, wie kann sie sich durchlavieren zwischen Bürokratie und Illegalität; aber der attraktive junge Mann löst auch Wünsche in ihr aus. 

Als Nebenstrang hat sie es noch mit ihrer jüngeren Schwester Olfa zu tun, der eindrücklichen Aisha Ben Miled, die ständig auf dem Abflug von zuhause ist und es doch nicht recht schafft. 

Der Film bringt auf unterhaltsame und köstliche Art ein Stück tunesisches Leben charmant und empathieheischend auf die Leinwand, einem Land, was als Filmland nicht die vorderste Priorität unseres Kinointeresses ist, das aber beweist, dass es ich lohnt hinzuschauen; dass der Maghreb nicht schläft, auch wenn hier nicht täglich darüber berichtet wird, weil grad keine Bomben hochgehen oder Revolutionen initiiert werden. 

Kommentar zu den Reviews vom 23. Juli 2020

Coronazeiten sind Horrorzeiten. Wenn der Mensch an der Schöpfung rumpfuscht (Schönheits-OP), wenn der Mensch in den USA jahrhundertelang andere Menschen wegen der Hautfarbe unterdrückt, wenn der Mensch aus Gier im Golf von Mexiko die Vielfalt des Meeres brutal ausfischt, wenn der Westen in die heile Welt der Mongolei einbricht, nun ja, in Berlin sind 30-jährige noch nicht so nah an solchen Scheusslichkeiten dran und mit sich selber beschäftigt, während ein österreichisches Musikgenie am Mangel an Anerkennung durch die Zeitgenossen litt, in New York soll eine Totenwache kathartisch wirken, in Russland wächst der Glaube dank Dämonen und in Georgien gibt es vorsichtige Versuche, das Thema Schwulität als ein Menschenrecht anzusprechen. 

YUMMI

Billige Schönheits-OP auf dem Balkan mit unerwünschten Nebenwirkungen.

WHAT YOU GONNA DO WHEN THE WORLD‘ S ON FIRE?

Der unbewältigte Schwarz-Weiß-Konflikt in den USA in schönstem Kino-Schwarz-Weiß. 

SEA OF SHADOWS

Umweltthriller.

SCHWARZE MILCH

Ist die Mongolei für den modernen Westler mehr als nur ein Pop-Up für den Lifestyle?

DREISSIG

Der dreißigste Geburtstag treibt junge Berliner und Berlinerinnen um. 

ANTON BRUCKNER – DAS VERKANNTE GENIE

Darüber berichten Menschen, die von Berufs wegen mit dem Komponisten befasst sind. 

THE VIGIL – DIE TOTENWACHE

Horror im wohligen Rahmen der jüdischen Orthodoxie. 

SWORD OF GOD – IM NAMEN DES HERRN

Russisch bedeutungsvoll ist der Kampf des Gläubigen gegen das Böse. 

ALS WIR TANZTEN

In Georgien ein Skandal, diese Liebe zweier Tänzer. 

Yummi

Das Virus, das Virus. 

Die Körbchen. Die Körbchen.

Die kleine Anfangssequenz in der Pathologie stellt gleich klar, in welches Genre wir uns begeben werden, nicht in dasjenige des Realismus, sondern in dasjenige, in welchem Leichen noch Finger bewegen, und wenn sie dann aus Pathologen-Schreck in die Kühltruhe zurückgeschoben werden, bricht dort plötzlich Feuer aus und ein Zombi versucht den Pathologen zu greifen. 

Lars Damoiseaux, der mit Eveline Hagenbeek auch das Drehbuch geschrieben hat, unterhält mit einer für den Horrofreund aparten Mischung aus SchönheitsOP-, Virus- und Zombifilm. 

Der Appetizer ist immer die Vorstellung der Protagonisten. Das sind Alison (Maaike Neuville) mit den großen Körbchen, ihr Mann Michael (Bart Hollanders), der unter Hämophobie leidet und deshalb das Medizinstudium abgebrochen hat, und die Mutter Sylvia (Annick Christiaens). 

Die drei fahren in einem älteren Auto in Richtung eines Balkanlandes. Denn Schönheits-OPs in der Klinik von Dr. K. (Eric Godon) sind dort günstiger. Alison leidet unter zu großen Körbchen und möchte diese verkleinern. Ein Szene auf der Autobahn zeigt, weshalb sie darunter leidet: diese regen die Fantasie von Männer unverschämt an; ein Bus voller Jungs, der an der Seite auffährt, kommt aus dem Johlen nicht mehr heraus. 

Bis hierher ist schon klar, dass es sich um ein besonderes Genre handeln dürfte, alles ist überspitzt gezeichnet, oder auch überschönt; die Belgier erlauben sich die Freiheit der maßvollen Übertreibung. 

Die Klinik schockiert mit ihrem verwahrlosten Äußeren. Das lässt sich durch die günstigen Preise erklären. Immer mehr aber werden die Dinge, die sich in der Klinik abspielen, unerklärlicher. Sauberkeit und Sterilität scheinen Fremdwörter zu sein; die Sprache ist auch kaum zu verstehen; wobei zu erwähnen ist, dass für das Horrorgenre deutsche Nachsynchronisationen generell hervorragend passen; da sie aus ihrer Natur heraus dem Horror verwandt sind. 

Schnell ist der Moment erreicht, an welchem die Grenze zur realen Realität überschritten wird und für einen Moment scheint es, dass jetzt nur noch Trash um des Trashs Willen gezeigt wird, Zombies um der Zombies willen, Blut um des Blutes willen; aber schon wird der Nachcorona-Zeitgenosse hellwach, denn jetzt kommt das Virus ins Spiel und gibt der Story neuen Drive für eine Hit-and-Run-Geschichte mit einer bunten Palette, einem Potpourri an Horrorscheusslichkeiten und abgesäbelten Gliedmaßen (als „Strafe für das Rumpfuschen des Menschen in der Schöpfung“ – oder einfach, weil es Schicksal ist, wie ein Opfer auf den Rücken tätowiert hat) sowie einem Heiratsantrag in der Kanalisation. So blutig und gnadenlos ist das, dass der Zeitgenosse sich fast mit Corona versöhnen möchte und sich nicht wundert, dass das Leben nicht so läuft, wie gewünscht. 

What you gonna do when the World’s on fire?

Sollte es, was zu erwarten ist, einen Film über Georg Llloyd geben, den Afroamerikaner der durch einen weißen Polizisten mittels gnadenlosem Zusammendrücken der Atemwege in 8 Minuten 46 Sekunden anno 2020 zu Tode gekommen ist, was eine Welle an Demonstrationen gegen Rassimsu weltweit ausgelöst hat, sollte es diesen Film geben, so könnte diese vorliegende, bestechende Schwarz-Weiß Fotographie-Meditation von 2018 von Roberto Minervini als Prequel genommen werden. 

Ein Stimmungsbild aus einer schwarzen Community im Süden der USA ohne namentlichen Standort. Spielzeit ist Sommer 2017. Die Protagonisten sind die expressive Judy, blondiert, riesige Ohrringreifen, sie hat eine Bar betrieben und hat ihre Mutter bei sich, die uralt wirkt und nach einem bitteren Leben aussieht. 

Der Film ist eine Art Selbstdarstellungsdoku. Die Infos kommen über arrangierte Gespräche zwischen den verschiedenen Protagonisten. Gerahmt wird der Film von einer Gruppe von Indios, die eruptive Tänze und Songs in prächtigen Kostümen für den Mardi Gras vorbereiten und aufführen; was schon mal die Region um New Orleans nahelegt. Das ist ein wiederkehrendes Motiv, die Arbeit an den Kostümen, das Aufnähen der Glasperlenketten. Und dabei Gespräche, die die generationenlange Ungerechtigkeit den Indios gegenüber erinnern. 

Zu den Porträtierten gehört auch eine militante Gruppe neue Black-Panther. Die ziehen uniformähnlich angezogen durch die Straßen des namenlosen Ortes; sie skandieren Texte, die Gerechtigkeit fordern, die an den Tod von Alton Sterling erinnern und an viele andere, die starben, weil sie schwarz sind. Gleichzeitig engagiert sich die Gruppe The New Black Panther Party For Selfdefense für Obdachlose, bringt ihnen Essenspakete und Wasser. 

Es gibt Gespräche zwischen Ronaldo, der etwa 14 ist, und seinem kleineren Bruder Titus. Sie streifen in Niemandsland umher, philosphieren am Flussufer, setzen sich auf Bahnschienen, bevor der Zug kommt. Ihre Mutter unterhält sich mit ihnen. Sie will ihnen schwarzes Verhalten beibringen, warnt sie davor, in kriminelle Karrieren abzugleiten. 

Judy erzählt im Gespräch mit einer anderen Frau von ihrer Frauwerdung, von Crack und einem Sugar Daddy, den sie ausgenommen hat. 

Es ist ein Stimmngsbild in verführerisch schönem Schwarz-Weiß, das an 400 Jahre Unterdrückung und Sklaverei der Schwarzen gemahnt und dass die Gleichheit der Menschen in der hochentwickelten USA immer noch nicht da ist, es fällt der Begriff des „African Holocaust“; aber es wird auch vorgerechnet, dass die Erziehung von Kindern billiger wäre als deren Unterbringung im Knast. Es ist gleichzeitig ein Blackploitation-Movie, das es trotz Schönheit der Bilder gerade noch schafft, an der Romantisierung des Elendes vorbeizuschrammen. George Lloyd spätestens verschafft dem Film eindringliche Brisanz und Aktualität. 

The Vigil – Die Totenwache

Schomer/Litvak/Mazzik

Ein Schomer ist ein Mann, der die Totenwache hält, eine jüdische Tradition. Es sollte ein Verwandter oder ein Freund des Verstorbenen sein; falls so jemand nicht verfügbar ist, kann es auch jemand Fremdes machen gegen Geld. 

Litvak ist der Familienname des Verstorbenen. Er hat nur seine Witwe (Lynn Cohen) und niemanden, der die Totenwache halten könnte.

Mazzik sind jüdische Geister, die sich schon zwischen den Schöpfungstagen in die Menschheitsgeschichte eingeschleust haben. 

Die Hauptfigur in diesem Film von Keith Thomas ist der junge Mann Yakov (Dave Davis) aus dem orthodox-jüdischen Viertel, das im Film Menashe vorgestellt worden ist (der Rebe Shulem wird von Menashe Lustig gespielt, der dort die Hauptfigur war). 

Yakov leidet unter dem Trauma, dass er seinen kleinen Bruder nicht gegen einen antisemitschen Angriff in den Straßen New Yorks verteidigen konnte. Deshalb versucht er, die posttraumatischen Störungen mit Medikamenten und dem Besuch eine Therapie-Gruppe zu bekämpfen. Von der jüdisch-orthodoxen Gemeinde hat er sich losgesagt. Deshalb hat er auch Geldprobleme und er leidet darunter, dass er Frauen gegenüber Hemmungen hat. 

Rabbi Shulem will Yakov für die Gemeinde zurückgewinnen und stalkt ihn. Eines abends macht er ihm den Vorschlag, für Litvak den Schomer zu spielen, denn jemand anders seit kurzfristig abgesprungen – vielleicht auch nur ein Trick. 

Der Rabbi ahnt wohl, dass in so einer Nacht die Geister los sein können, dass so eine Nacht kathartisch wirken kann. Das wird sie denn auch, leider nicht in dem Sinne, dass Yakov reumütig zur Gemeinde zurückkehren möchte. 

Keith Thomas inszeniert diese Geschichte in schönster Konvention des Horrorgenres und mit einer umfangenden Musik. Er setzt bekannte Horroreffekte geschmeidig, sehr ordentlich ein. Es ist eine sämige Geschichte. Zu den üblichen Horrorelementen vom Knackgeräusch über vorüberhuschende Schatten, dem Auftritt der dementen Witwe bis hin zu Bewegungen unter dem Leichentuch oder die kleine Ratte über den Boden fügt Thomas noch speziell jüdische Elemente ein, das ist die Info über den Mazzik, die Yakov wie im Traum erhält, die werden als Parasiten geschildert, Dämonen, die alle geistigen Dimensionen zerfressen. 

Der Holocaust gehört auch dazu (in der Geschichte von Litvak). 

Eine solchermaßen durchseuchte Nacht führt zu einer Katharsis. Auch das schildert Keith Thomas schulbuchmäßig ordentlich und gut lesbar, immer im Rahmen des Konventionellen, das er bestens beherrscht. 

Und nicht zu vergessen: Sarah (Malky Goldman) tritt ins Leben von Yakov. 

Der Film scheint geprägt von diesem wohlig Familiären, was das Orthodox-Jüdische auszeichnet, dieses, dass jeder jeden ständig beeinflussen möchte, dass die Gemeinschaft eine kaum zu lösende Fessel ist – und dem Kino indes etwas Fesselndes beschert. 

Go ahead, make my day.