Kommentar zu den Reviews vom 22. Juli 2021

Heute überwiegend Reviews zu deutschen Filmen, nur der mit dem feinen Geruch, der kommt aus Frankreich; aber auch aus Amerika sind noch einige dazugekommen, temperamentvolle, süß-taffe, stur-christliche. Aus Nahost, wo sich zur Zeit eine überraschende politische Entwicklung anbahnt, ein entsprechend zartes kinematographisches Pflänzchen. Und die Deutschen sind doch ein Kulturvolk! Sie beschäftigen sich tief und ernst mit dem Thema der Gerichtsbarkeit, schauen sich den Idealismus und den Traum einer neuen Dorf-Gemeinschaft ganz genau an, amüsieren sich andererseits über ihren intellektuellen Zank, versinken hochgebildet in der Kulturgeschichte, begeben sich auf die Spuren modernen Erfolgswahns im Blogger-Universum, lassen sich verführen von lesbischer Liebe, nehmen sich etwas umständlich, vielleicht zu hoch subventioniert, aber redlich des Pflegethemas an und bleiben bei Kinderschmuddelkram moralisch sauber. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk beweist zweimal mehr, dass er dringend der Generalsanierung bedarf.

Aus Frankreich 

PARFÜM DES BÖSEN

Wer so eine Nase ist, der kann sich damit ein Geld verdienen. 

Aus England

DAS SCHEIDEN SICH DIE GEISTER – BLITHE SPIRIT

Schreibkrise und Medium in Britannien

Aus Amerika

SPIRIT – FREI UND UNGEZÄHMT

Unendlich Süßes mit ganz Taffem drin. 

IN THE HEIGHTS

Antifrustmusical mit karibischen Rhythmen und Stimmen. 

INFIDEL

Fanatischer Christ in den Fängen von Islamisten 

Aus dem Nahen Osten

GAZA MON AMOUR

Spitzweg in Gaza

Aus deutschen Kinolanden

ANMASSUNG

Wieso kann ein Mensch über einen anderen richten?

WIR ALLE. DAS DORF

Vom Idealismus und der Bockigkeit der Realität. 

GASMANN

In Hamburg intellektuell bis zur Handgreiflichkeit

ORPHEA

Je älter die Kulturgeschichte ist, je mehr Dokumente sie hinterlässt, desto größer wird die Versuchung zum essayistischen Remix. 

ROAMERS – FOLLOW YOUR LIKES

Das Inernet, das Kino und die Erfolgssehnsucht

GLÜCK

Wer soll hier glücklich werden: die Filmemacherin, die Protagonistinnen oder die Zuschauerinnen?

DIE VERGESSLICHKEIT DER EICHHÖRNCHEN

Emilia Schüle in einem deutschen Themenfilm

DIE OLCHIS – WILLKOMMEN IN SCHMUDDELFINGEN

Pädagogisch wertvoller Müll

TV

FRAUENG’SCHICHTEN – FLIRTEN FÜR ANFÄNGER

Der BR wäre eine coole Sau, wenn er für so etwas Geld verlangen statt bezahlen würde.

DRUNTER UND DRÜBER

Werbefilm für Verdichtung. 

Wir alle. Das Dorf

Hier ist mein Bett,

der das sagt, ist ein junger Mann mitten auf einer Wiese in der niedersächsischen Provinz im Jahre 2016. Das ist bei der Begehung und Absteckung eines Baugrundstückes durch eine Gruppe von Menschen, die sich das Ziel setzt, ein anderes Dorf zu bauen, ein Dorf mit bezahlbaren Häusern, ein Dorf, in dem Menschen eine Gemeinschaft bilden ohne Rückicht auf die Herkunft. Es soll ein Dorf werden, in dem Flüchtlinge integriert werden. Ein Ort der Gemeinschaft, solidarisch und interkulturell. 

Hier in Hitzacker soll eine Idee verwirklicht werden, die vor dem Hintergrund der Anti-Atomproteste in Wendland entwickelt worden ist. Idealisten sind es, wie sich bald zeigen wird. Und es soll ein Pflock eingeschlagen werden gegen das Zerbröseln der ländlichen Struktur. 

Der Film kann so als ein weiterer Film zum Thema Landretter gesehen werden.

Antonia Traulsen, die auch für das Buch zeichnet, hat mit Claire Roggan die Regie geführt in dieser emphatischen Begleitdokumentation der Entwicklungen dieses Dorfes, sporadisch und immer wieder waren sie vor Ort, haben festgehalten, was sich wieder getan hat. Immer auch Diskussionen, die Feststellung von Asymmetrien im Einsatz. 

Aus den punktuellen Momentaufnahmen geht hervor, dass der Idealismus schnell und immer wieder an seine Grenzen stößt. Dass die Gruppe vielleicht etwas idealistisch abgehoben nur das Dorf im Kopf hat und viel zu wenig seine eigene ländliche Umgebung, die bisherigen Bewohner und Industriebetriebe der Gemeinde Hitzacker. Das kann zwar den Fortschritt der Entwicklung nicht abhalten, führt aber zu erheblichen Verzögerungen. 

Bis Juni 2020 waren die beiden Dokumentaristinnen immer wieder vor Ort, haben auch Abstecher nach Berlin gemacht, woher manche Bewohner kommen, die sich Berlin schlicht nicht mehr leisten können. 

Die Idee des Dorfes ist auch, so einfach wie möglich zu bauen, und so, dass vieles selbst gemacht werden kann. Man sieht die Leute bei Holzarbeiten, beim Mauern, beim Malen. Themen wie Kanalisation, Wasser- und Stromanschluss, vor allem Internetanschluss werden nur peripher oder gar nicht behandelt. 

Gutes Gedeihen zwischen Gemeinde und den neuen Dorfbewohnern, die nach und nach einziehen, signalisert der Spruch der Gemeindepräsidenten bei einem Richtfest: dass Hitzacker so frei Haus sozialen Wohnungsbau geliefert bekomme. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. 

Aber bei der Integration von Flüchtlingen, da bleiben am Ende des Filmes viele Fragen offen und auch die Pastorin, die mit ihrer Lebensgefährtin in eines der Häuser einzieht, reflektiert selbstkritisch, dass man sich anfangs viel zu wenig für die kulturellen Vorstellungen der Flüchtlinge interessiert habe; diese hätten zwar bei der Vorstellung der Baupläne höflich und wohl völlig überfordert genickt, aber die Überraschung kam mit den fertigen Häusern. 

Zwischenerkenntnis eins der Dorfaktivisten bei einer Versammlung: ein Dorf zu bauen ist ganz einfach – wenn man es allein machen würde. 

Roamers – Follow your likes

Super viral 

zu gehen, das ist der Traum eines jeden Youtubers, Bloggers oder Facebook-Gschaftlers; das ist, als ob einer im Kino einen Hit landet. Selbiges versucht hier Lena Leonhardt zu schaffen, indem sie sich für ihren Dokumentarfilm die Hauptprotagonisten Jonna, Nuseir und Alyne, Matt vorgenommen hat. 

Die Erfolgskurven bekommen wir bei Nuseri und Alyne zu sehen; hier ist aber auch zu lernen, dass dass Internetgeschäft volatil ist, dass an Supertagen um die 4000 Euro zusammenkommen; dass die Zahlen aber auch schnell wieder in den Keller rauschen; dass man abhängig sei von den Algorythmen von Facebook. 

Hier klingt die Sehnsucht nach einem soliden, verlässlichen Geschäft mit. Aber gerade ein solches haben die meisten aufgegeben; der 8-Stunden-Job im abhängigem Arbeitsverhältnis war ihr Ding nicht.  

Jonna hat alle Sicherheiten hinter sich gelassen. Sie macht sich an eine Ein-Frau-Ozeanüberquerung mit dem Segelschiff Tangaroa von Cartagena in Kolumbien nach Las Palmas in Spanien. Sie stellt fest, dass es zwar schön ist, Likes zu bekommen für Sonnenuntergänge, fliegende Delphine oder ihren Hund, der mitsegelt, zu fotografieren, aber letztlich ist es nicht befriedigend, das immer nur allein zu genießen; sie spricht vom Social Media Blues. 

Matt scheint der älteste der Protagonisten, hat sich auf Dauerweltreise mit Minimalgepäck begeben. Übers Internet betreibt er ein Immobilienportal (falls ich das richtig verstanden habe). Von ihm erfährt man persönlich am wenigsten.

Dagegen erhalten Nuseri und Alyne durch die Dokumentarfilmerin breite Gelegenheit zur Selbstpräsentation und Selbstdarstellung. 

Sicher versuchen alle Protagonisten, ihre Lebensentscheidung als richtig und glücklich darzustellen, auch wenn sich gegen Ende nachdenklichere Töne einschleichen. 

Das cinematographische Production-Design des Filmes ist von einer dezidierten Breitleinwandphilosphie, in der Nähe der Werbefotograie anzusiedeln. Gefilmt wurde weitherum auf der Welt, offenbar mit Vorliebe für sonnige, warme Orte, auch so einen bestimmten Life-Style gewichtend nach dem Motto: „fake it till you make it“ und zu dem die werbedesignorientierte Fotografie exzellent passt. – Dagegen setzt der Film ein Amos Oz-Zitat, das vor der Verwirklichung der Träume warnt. 

Orphea

Eurydike remixed

Hier setzt Alexander Kluge die Zusammenarbeit mit dem philippinischen Regisseur Khaven aus Happy Lamento nahtlos fort und der Asiate liefert zuverlässig die bei uns beliebten Unterweltbilder aus Manila. 

Um Unterwelt, Hades, Styx und um die Hierwelt und allenfalls das Liebesglück in ihr geht es im klassischen Orpheus- und Eurydike-Mythos und dass nur Musik es schaffe, das Liebste was einer hat, aus der Hölle herauszuholen. Grad kürzlich hat der BR-Klassik einen Orfeo gesendet.

Das ist ein Thema, was sich seit Jahrtausenden durch unsere Kulturgeschichte zieht, auf der griechischen Mythologie basierend. Also findet sich in den Kultur- und Medienarchiven zuhauf Material zur Illustrierung oder auch jede Menge Material aus Politik und Wissenschaft zu illustrierenden Assoziierung. Vielfältige Kulturmontage. 

Hinzu kommen neu gedrehte Szenen mit Lilith Stangenberg, am liebsten vor Green Screen mit den entsprechenden Drumherum-Bildzitier- und Einschubmöglichkeiten. Sie singt auch in den verschiedensten Sprachen oder „schreit“ gar zur Zither nach Dichtern. 

In die schnelle Montage in einer Bandbreite von anstrengend bis inspirierend sind immer wieder groß und einfach geschriebene, didaktisch gut leserliche Buchstabentexte eingewirkt. Dabei kann es sich um ein Lamento für eine tote Schlange handeln, um Begriffe rund um Lethe, Cerberus in Love hat einen Auftritt (eine Zeichnung) oder Szenen aus Bordellen in russisch Manila und Wehrmacht und Zweiter Weltkrieg (gegen die Kultur die Unkultur zu setzen, gibt der ersteren mehr Gewicht; ein filmkulturell beliebter Gegensatz) dürfen genau so wenig fehlen wie eine Formel zur Bergung der Rippe Evas oder Orphea als Biokosmistin oder die Läusekönigin. 

Eine Berserker-Methode des kulturellen Remixes, eine Kulturassoziationsmethode, essayistisch und immer hochmusikalisch mit genügend Gesang und Nackttanz dazu. 

Hier werden kulturelle Bits and Bites wie in einem Turbo neu montiert zu einem geschmackvollen Potpourrifilm aufgefädelt am Eurydike-Mythos mit dem letzten Schrei eines Tanzes auf High-Heels auf einem Handyhaufen. Tja, da könnte man glatt Ameisenhaut kriegen. 

In the Heights

Karibische Fantasien in New York

Eine Heimathinüberrett- und eine Heimatfindgeschichte aus New York von Immigranten aus der Karibik. 

Die Karibik, ihre Menschen, ihr Streben, ihre Rhyhtmen, das sind Sehnsüchte von uns Westler-Großstädtern, sind der Stoff aus dem dieser Film von Jon M. Chu nach dem Drehbuch von Quiara Alegría Hudes nach dem Musical von Lin-Manuel-Miranda ist. 

Eine einfache Rahmengeschichte bindet die temperamentvollen Sing- und Tanznummern zusammen. 

Usnavi (Anthona Ramos) ist bei der Emigration seiner Eltern aus der Dominikanischen Republik nach New York bei der Überfahrt auf die Welt gekommen. Die Eltern wollten ihn nach dem ersten englischen Wort, dessen sie im gelobten Land ansichtig würden, taufen. Dies waren die riesigen Lettern auf einem amerikanischen Kriegsschiff. 

Aufgewachsen ist Usnavi im Immigrantenstadtteil New Yorks, den sie liebevoll „Heights“ nennen. Hier leben sie ihren angestammten Lebensstil, versuchen, sich den amerikanischen Traum zu erfüllen; bringen es aber bestenfalls zu einem kleinen eigenen Laden, einem kleinen eigenen Supermakrt, den Usnavi ’sueno‘, Traum, nennt, es ist der Traum von der Karibik, der ihn mit dem amerikanischen Traum verbindet. 

Der Film fängt in der dominikanischen Republik an. Hierher ist Usnavi offenbar zurückgekehrt und erzählt in seinem eigenen kleinen Strandladen am Meer einer Gruppe von Kindern seine Geschichte, erzählt ihnen, wie es in New York war und warum er den kleinen Laden dort aufgeben und zurückkehren wollte. 

In den Heights, die immer wieder in die kleine Erzählung eingeflochten werden, sind mehrere Figuren für Usnavi wichtig. 

Die Seele des Viertels ist die Abuela (Olga Merediz); sie hat selbst keine Kinder, wird aber von allen Oma genannt. Sie besticht mit einem einprägsamen und einprägsam illustrierten Song über das Leben ihrer Vorfahren auf Kuba. 

Dann sind da höchst attraktive junge, bildhübsche Frauen, die auch prima Sängerinnen sind, Nina (Leslie Grace) oder Vanessa (Melissa Barrera). Aber Usnavi kann sich nicht so recht entscheiden. 

Und dann ist da sein Neffe Sonny (Gregory Diaz IV), der für das Thema der Illegalität steht. Aber auch das Thema des Ausbruchs aus der Community und des Studiums an einer der wichtigen amerikanischen Universitäten wird behandelt. 

Der Motor hinter vielen Handlungen, mehr eine Aneinanderreihung spektakulärer Muscal-Nummern, ist die Gentrifizierung der Heights; gerade durch das karibische Flair sind sie spannend geworden für die Hipsters, die die Mietpreise in die Höhe treiben und die kleinen Ladenbesitzer und Bewohner vertreiben. Für Usnavi der Anlass über die Rückkehr in die Karibik nachzudenken. 

Das Erzähltempo der übersichtlichen Geschichten entspricht derjenigen lateinamerikanischer Telenovelas. Der Film dürfte ein garantierter Aufheller für alle jene sein, die unter einem bisher vornehmlich regnerischen Juli gelitten haben. 

Glück

Bastard und Krimineller in das Frausein verbannt

das scheint einer der zentralen Gedanken aus dem Text „Esilio Exile“ von 2019 von Adam Hoya, im Film als Nutte Maria zu sehen. 

Maria ist weiblich, blaß, erotisch, sinnlich, wirkt verträumt, empfänglich für die Liebe. Maria hat ein Geheimnis, das sich erst spät im Film überraschend lösen wird. 

Maria trifft im Puff in Deutschland auf Sascha (Katharina Behrens), die mehr eine mütterliche Frau ist im Sinne, die Umgebung im Auge habend, potentiell herrschend, angespannt im Gesicht und die sich sofort in die Neue im Bordell verliebt. 

Etwa eine halbe Stunde lang schleicht sich diese Liebe bis zum ersten Kuss. Dann gibt es Momente des Glücks, vielleicht nicht allzu glücklich fotografiert, es kommt zu Unstimmigkeiten, wie es oft ist bei einer Liebe. 

Henrika Kull erzählt das in ihrem Film in der fahrig-dokuhaften Nahverfolgerart über Alltagssituationen, wie Gänge der Protagonistinnen durch U-Bahn-Stationen, Fahrten in U-Bahn und Taxi, Warten im Bordell, sich bereit machen, die Darstellerinnen zu Hause und bei der Arbeit. 

Klar ist, dass Henrika Kull sich für das Thema lesbische Liebe interessiert; weniger klar ist, warum sie sich dieses Konstrukt zwischen käuflicher Liebe im Hetero-Bereich und privater Verliebtheit, Liebe und Besitzanspruch im privaten Bereich ausgesucht hat. Die Unterschiede verschwimmen. 

Kürzlich hat sich Francois Ozon des Themas schwuler Liebe angenommen; er hatte einen autobiographischen Roman zur Vorlage. Ozon hat daraus einen brillanten Film gemacht: Sommer 85. Da liegen Höhepunkt und höchste Gefühle dicht beim Absturz, eine dramtische Gewaltsleistung, während sich bei Henrika Kull die Dinge in lauter Alltäglichkeit, die nicht unbedingt immer berichtenswert ist, leicht verläppern. 

So bleibt hier auch unentschieden, wie weit es ein Spiel mit der leicht verklemment Bürgerlichkeit und dem pikanten Thema der käuflichen Liebe ist. Dazu gab es kürzlich eine vermeintliche Fernsehdokumentation, die viel Geschreibsel in den Gazetten ausgelöst hat, weil jene Regisseurin sich erlaubt habe, die inszenierte Fiktion als Doku auszugeben. Über diesen Etikettenschwindel ist viel geschrieben worden. Über den Film selbst ist mir nicht aufgefallen, dass der beschreibenswert gewesen wäre. Hier im vorliegenden Film beschäftigt mich auch mehr die Frage, was wollte Henrika Kull?

Eine mögliche Antwort: Vielleicht möchte der Film zwei Fliegen mit einer Klappe fangen: einmal den bürgerlichen Kitzel an der käuflichen Liebe auskosten und gleichzeitig die Lust, den Voyeurismus auf private, persönliche lesbische Liebe ausreizen.

Gaza mon Amour

Gaza 

ist ein wie in großes Gefängnis, in welchem auf engstem Raum zwei Millionen Palästinenser leben und dessen Zugang streng vor allem von israelischer Seite her kontrolliert wird. Aus dem Gebiet gibt es nur wenige Filme, die es bis zu uns ins Kino schaffen, beispielsweise: Gaza Surf Club, Das Schwein von Gaza, Namrud Troublemaker, Ein Lied für Nour, 90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden, Cinema Jenin.

Jetzt berichten die talentierten Brüder Arab und Tarzan Nasser unter vielfältiger Hilfe aus Frankreich, Deutschland und Portugal aus der beengten Schuhschachtel und wollen vor allem vermeiden, aus dem Film eine Anklage gegen Israel zu machen, um nicht simpel in der Spirale der Gewalt mitzutun. 

So sind denn in ihrem Film keine Ruinen von Häusern aus den häufigen israelischen Bombardements zu sehen. Die Filmemacher sehen die erbärmlichen Zustände eher im Sinne eines Spitzweg, so wie er den armen Poeten gezeichnet hat: es ist Romantik und Menschlichkeit im Bild, Würde vor allem; sie zeichnen Menschen, die in aller Beengtheit ihre Würde nicht verlieren; das ist wohl das Entscheidende.

Und sie tun das um eine wunderbare Geschichte herum, in der die Menschen stoisch mit den technischen Unzulänglichkeiten ihrer Lebensbewältigung umgehen, dass kaum Kunden in die Schneiderei von Issa (Salim Dau) kommen, dass Siham (Hiam Abbass) mit seinem Fischkutter nur einen 5 Kilometer breiten Streifen vor der Küste befahren darf, dass oft der Strom ausfällt, dass plötzlich der Bus nicht fährt. 

Vielmehr lenken die Filmbrüder den Fokus auf das, was zwischen diesen beiden älteren Herrschaften passiert, passieren könnte: Liebe. Siham hat keine Kinder, hat nie geheiratet, ist inzwischen stolz auf sein Leben als Single, fühlt sich als „Malik“, als König. Trotzdem hat er feuchte Träume. Und er hat ein Auge auf Issa geworfen. Die lebt mit ihrer erwachsenen Tochter zusammen, einer Studentin von eher lockeren Sitten. 

Siham verkauft seine Fische in der Nähe des Ladens von Issa. Aber Siham hat Hemmungen, überwindet diese erst, nachdem seine Schwester Druck macht und mit einem halben Dutzend gut in die Jahre gekommener, heiratswilliger Frauen die Aufwartung macht. 

So eine Liebesgeschichte wäre vielleicht etwas wenig für einen abendfüllenden Film. Deshalb lassen die Gebrüder Nasser ihren Protagonisten im Fischernetz eine Appollo-Statue fangen. Wohin damit. Sahim schmuggelt sie an der Grenzkontrolle vorbei. Er versteckt sie zuhause. Er vermutet, dass sie viel wert ist. Peinlich aber auch, dass sie einen erigierten Penis hat. 

Diese Geschichte und wie die Palästinenser damit umgehen, besonders die Behörden, wirft Schlaglichter auf die politische Situation in Gaza; konsequent im Miniaturstil erzählt, konsequent mit diesen Nahaufnahmen, die in der Enge fast als einziges möglich sind, jedes Bild eine Miniatur, jedes Bild erzählt von der Liebe der Filmemacher zu ihrer kujonierten Heimat und deren fabelhaften Menschen. Im Fernsehen laufen palästinensische Telenovelas als Gegensatz zur Poesie der Armut im Film. 

Gasmann

Intellektuell bis zur Handgreiflichkeit.

Oder: Eine Selbstbesichtigung künstlerisch-intellektuellen Nachwuchses, nicht mehr blutjung, trotzdem: ambitioniert. Auch ideologisch. 

Zentrum dieses Filmes von Arne Körner, der mit Akin Sipal auch das Drehbuch geschrieben hat, ist ein Stammtisch in der romantisch verklärt dargestellten Kneipe ‚Silbersack‘. Eine Männerrunde. Eine Künstlerrunde. Eine Intellektuellenrunde mit ungebrochen revolutionärem Impetus, auch wenn die Lebenspraxis daran sichtlich nagt. 

Heilig für die Runde ist ein Ausflug auf eine Datsche in einem deutschen Wald. Hier kommt es zu einer Handgreiflichkeit wegen einer Shellack-Platte; die Nazizeit steckt im Genom der Gruppe, sie kann es nicht loswerden. 

Bernd (Rafale Stachowiak), der gerne betont, dass er Bernd und nicht Bernhard heißt, ist der Schauspieler in der Gruppe und nimmt im Film den größten Raum ein, sein fruchtloses künstlerisches Tun am St. Pauli Theater – über dessen Eingang der Name „Ernst Deutsch“ prangt. 

Bernd ist geschieden, kann den Unterhalt nicht bezahlen, ist eine leidende Künstlernatur, Raucher und im Theater bekommt er eine Nazirolle in der Uraufführung des Stückes „Gasmann“. Auch im Theater geht die intellektuelle Auseinandersetzung schnell in Handgreiflichkeiten über. 

Arne Körner betreibt eine Selbtbesichtigung des Theaters, des Filmes. Er ventiliert die Themen, was ist der Unterschied zwischen Theater und Film. Der Regisseur wird von einem Filmprojekt in Versuchung geführt – mit Folgen für die Uraufführung und für den Stammtischausflug. 

Die Theaterhaltungen sind von brechtisch bis brooksch zu lesen. Wenn Bernd meint, er komme sich bei der Rolle vor wie eine Stehlampe, die angeknipst werde, so kann das als Hinweis auf das epische Theater der Entfremdung von Brecht gelesen werden und als Kontrapunkt zum ‚method acting‘ des amerikanischen Kinos. Wenn der Regisseur Frank Winter (Peter Ott) verlangt, er möchte jetzt nur Spiel, Körper, Raum, so fällt einem das Theater von Peter Brook ein. Daraus zaubert Mathis (Kristof Van Boven) eine irre Maschinennummer; ein Schauspieler, der einem in seiner Intensität und Konzentriertheit an einen James Cagney oder einen Fritz Kortner erinnert. 

Ganz in diesem Stil ist auch die Schauspieler-Attitüde: für die Kamera zu spielen. Die antikapitalistisch ideologische Gelagertheit der Künstler kommt zum Ausdruck, wie Bernd in einer Tiefgarage an einen schnittigen, grünen Sportwagen pinkelt. Das erinnert an eine Anekdote, die der berühmte, vierschrötige DDR-Großschauspieler Wolf Kaiser zum Besten gegeben haben soll. Bei einem Besuch in Zürich habe er an das Promilokal ‚Kronenhalle‘ gepisst und dabei über den Kapitalismus geschimpft. Auch in Percy, der eben ins Kino gekommen ist, pinkelt Christopher Walken an ein Werbeschild von Monsanto. Antikapitalistisches Pinkeln scheint in im Kino. 

Der Künstlerstammtisch der Genossen vom Silbersack befindet sich also in prominenter Umgebung. Es ist noch ein Bildhauer dabei, der respektlos eine Skulptur, die aus dem Giacometti-Umfeld stammen könnte, in seiner Galerie abliefert, der Journalist unter den Stammtischlern muss erleben, wie er seinen Redaktionsplatz mit einer Praktikantin teilen soll, die als Internet-Native hervorragenden Umgang mit den Social-Media pflege. Sie ist Volontärin und nicht Praktikantin. Für den Verkäufer des ‚Kiezfegers‘, der blutjung ist,haben die Stammtischbrüder nicht viel übrig, auch hier muss der hochintellektuelle Diskurs, Luhmann hin oder her, der Handgreiflichkeit weichen. 

Der Film ist ein selbstironisches Proträt einer Künstlergeneration, die überwiegend nicht vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder vom Stadt- und Staatstheatersystem glatt gebügelt worden ist – entsprechend sieht die materielle Seite aus -, und die sich irgend einen verqueren Funken Hoffnung noch bewahrt haben. Die Musik lässt vermuten, dass in dieser Lebensphase eine gewisse Nervosität Handeln und Denken bestimmt. Und wo liegt der Unterschied zwischen Abstraktion und Schrott und derjenige zwischen Verödung und Intensität? 

Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen

Emilia Schüle und der deutsche Themenfilm

Dies ist ein deutscher Themenfilm von Nadine Heinze und Marc Dietschreit. 

Es geht um Pflegekräfte aus dem Osten. Emilia Schüle ist als Marija aus der Ukraine wie ein Star vom Kinoplaneten zum gremienkonformen erstklassigen Ensemble gestoßen. Sie kann empfindsam sein, verletzlich, schüchtern, verlegen, mitfühlend, respektvoll, dienstbeflissen, sich zurücknehmen. Vor allem: sie kann perzipieren. Sie spielt mit einer Hingabe ohne Wenn und Aber und erhebt damit den Film über das TV hinaus. 

Emilia Schüle wird dabei unterstützt von ihrem Pflegling Curt, Günther Maria Halmer, der ganz ohne flachsende Anbiederei den Ernst der Demenz spielt, diese Suche nach den Worten, nach der entgangenen Realität. Das kommt schauspielerischer Größe schon ganz nahe (wer allerdings Anthony Hopkins in „Der Vater“ gesehen hat, der wird das Kompliment wohl gleich wieder kassieren – zu krass zeigen sich da am selben Thema die Unterschiede; hier der deutsche Schauspieler, der brav nach Buch Demenz spielt und dort der Weltstar, der mit Demenz die Leinwand wie ein Orkan durcheinanderfegt). 

Die familiäre Situation in dem Bungalow ist kaputt. Curts Tochter Heidrun (Heide Beck) hat ihn unter ihrer strengen, humorlosen Kontrolle, sie organisiert die Pflegerinnen aus dem Osten. Da sich Marija vom Sturkopf nicht beeinflussen lässt, ja nach und nach dessen Sympathie gewinnt, keimen in Heidrun Neid und Missgunst auf; am liebsten möchte sie die Pflegerin wieder loswerden, die auch auf Defizite in der Behandlung des zuckerkranken Mannes hinweist. 

Etwas merkwürdig wird die Geschichte von ihrem Autounfall erzählt. Das geht über den Sohn Philipp (Fabian Hinrichs). Der taucht nach einem Anruf von Marija unvermittelt auf und verhält sich so, als hätte er als Rollenabsicht einzig und allein, die Pflegerin, die in der Ukraine einen Sohn hat, anzumachen, direkt und unmissverständlich anzubaggern. 

Diese Geschichte zwischen Philipp und Marija will sich nicht so recht einfügen in die Story, wirkt herbeigezwungen, herbeigewürgt, erfunden. Hinrichs erledigt seinen weisungsgebundenen Job ordentlich und mit seinem Spitzbubencharme; das hilft aber dem Film nichts. 

Die Dialoge zwischen Marija und Philipp wirken eher wie öder TV-Realismus; genau so wie die Info über den Unfall von Heidrun. Philipps Anmach-, Anbaggergeschichte wirkt aus den Fingern gesaugt, billig. Das Vater-Sohn-Verhältnis scheint überhaupt nicht bedacht, wird nicht plausibel mitgespielt, lediglich bei einem Ausbruch erklärt der Sohn dem Zuschauer, was für ein Arschloch, was für ein Karrierist der Vater gewesen sei; davon ist allerdings auch in der Darstellung von Günther-Maria-Halmer nichts zu spüren; den Dattergreis, der alles hinter sich gelassen hat, den spielt er aber auch nicht. 

Die Leichtigkeit, die ab und an die Musik suggeriert, will sich bei der eindimensionalen Schwere des TV-Realismus von Drehbuch und Inszenierung trotz schön klarer Kamera nicht einstellen. 

Die Story selbst artet in eine Kriminal-Groteske mit einer Prise Kitsch aus. Aber auch hier werden Chancen und Möglichkeiten des Kinos vertan, dominiert die TV-Oberflächlichkeit. 

Die Olchis – Willkommen in Schmuddelfing

Bei meiner Stinkesocke,

das ist in so einem pädagogo-fantasto-vernünftelnden Fim, wie diesem von Toby Genkel, der mit Jens Möller die Regie geführt und mit John Chambers nach dem Buch von Erhard Dietl das Drehbuch geschrieben hat, Symbol für einen an sich ungehörigen Ausdruck, für einen Fluch; brav-bürgerliches Substitut für Gassen- und Gossensprache. 

Das zeigt, dass in diesem Animationsfilm das Bewusstsein für Benimm und Ordentlichkeit über allem thront; was den Film bestimmt auch pädagogisch wertvoll macht. Denn immerhin hat der Film und er zeigt das auch, ein Bewusstsein dafür was sich gehört, was nicht, was Müll und igitt ist und was nicht, dass es den Müll und das reizvoll Schmuddelige gibt; der Film leugnet das gar nicht; ja, er verweist direkt darauf. 

Der Film zelebriert die Ordentlichkeits-Überschreitung, aber er überschreitet nie. Das Unanständige, Anrüchige, Verachtenswerte wird nicht negiert; ja es wird bühnenbildnerisch faszinierend zentral eingesetzt als hochkünstlerischer Müllberg, der sich neben Schmuddelfing auftürmt.

Das Müllkunstwerk, der Müllirrgarten sorgt dafür, dass der Ort in die Krise kommt, die Gäste verscheucht, das Straßenleben wegen Geruchsbelästigung wegpustet. Es gibt zwei Vorschläge zur Behebung des Problems. 

Zum einen trägt Max, der Sohn des Bürgermeisters und Schulbub, bei. Er hat mit einem Professor und Tüftler eine Maschine gebaut, die die üblen Gerüche einsaugt und zu einer geruchsfreien Flüssigkeit verdichtet. 

Und es gibt den Vorschlag von der Frau des Bürgermeisters, den Müllberg zu zerstören und stattdessen eine Wellness-Oase zu errichten. Die Dame geht hierfür eine unheilvolle Allianz mit einem aufschneiderisch-mafiösen Unternehmer ein. 

Inzwischen haben sich im Müllberg die Olchis eingenistet. Das sind griftgrüne Zeichentrick-Wesen und Outcasts jeglicher Gesellschaft, weil sie Müll fressen. Sie hoffen, endlich ein festes Zuhause zu finden, nachdem sie immer überall wieder verjagt wurden. Der Film setzt voraus, dass die Olchis Sympathieträger sind. 

Aus diesen gegenläufigen Interessen am Müllberg heraus entsprinnen die dramatischen Konflikte mit viel Potential für kinderfreundlichen Slapstick, mit einem grünen, fliegenden Drachen und jeder Menge Gags und genügend Anlass, immer mal wieder die berüchtigte Stinkesocke zu zitieren. 

Go ahead, make my day.