Verlogen durch und durch.

Dieser reine Marketingfilm von Daniela Agostini, die mit Kimmo Wiemann auch das Hochglanzdrehbuch geschrieben hat, ist nicht ganz so verlogen wie die Magdalena-Neuner-PR-Werbesendung von neulich.
Denn Christian Neureuther legt die Motivation, an so einer Sendung teilzunehmen, geradeheraus offen, „Die Öffentlichkeit ist wichtig, letztlich haben wir daraus unser Berufsmodell gemacht (also direkte PR, 45 Minuten lang, d. Red.) … Ich brauch‘ ja auch die Öffentlichkeit, um unseren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Wir sind im Fernsehen, in den Medien, dadurch bekommen wir wieder Werbeverträge. Das gehört unweigerlich miteinander zusammen, das ist in allen Bereichen der Werbung und des Marketings eine der Grundregeln.“

Spätestens bei dieser Aussage hätten bei der zuständigen BR-Redakteurin Sonja Hachenberger alle Alarmglocken schrillen müssen – aber vielleicht leidet sie unter Perzeptionseinschränkungen; sie sollte sich mal durchchecken lassen, und der BR-Chef Ulrich Wilhelm, das ist derjenige mit dem hübschen Kanzlerinnengehalt auf Zwangsgebührenzahlerskosten, hätte einschreiten müssen: für private PR ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht zu haben. Das ist gegen seinen Grundauftrag.

Es wird gesagt, dass Neureuther und Mittermaier Koch- und Fitnessbücher schreiben. Die wollen verkauft werden. Die verkaufen sich besser, wenn die Autoren ab und an im Fernsehen sind. Insofern ist so eine Sendung eine direkte, geldwerte Werbemaßnahme.

Diese Doku der offenbar blind verehrenden und vollkommen unkritischen Daniela Agostini zeichnet ein makellos schönes und gleichzeitg selbstoffenbarend verlogenes Bild der angestaubten Werbeikonen Mittermaier und Neureuther.

Schöne Kindheitsbilder, die beiden Altgold-Senioren kramen in ihren intimsten Fotoalben und Super-8-Filmchen und gar in den Liebesbriefen und verschleudern diese für ihre 45-Minuten-PR-Sendung, die ihnen der BR gewährt. Gleichzeitig beteuern sie treuherzig, sie wollen die Privatsphäre schützen. So verlogen.

Sie lassen sich filmen, wie sie in ihrem Haus ganz privat Apfelstrudel essen und behaupten im selben Satz, sie wollen die Öffentlichkeit aus ihrem Privatleben raushalten. So verlogen.

Gleichzeitig vermarkten sie ihre vorgebliche Normalität. Wie abnormal viel sie damit verdienen, wie viel so eine 45-minütige PR-Sendung für sie Geldwert hat mit dem Verschreddern ihres Privatlebens, das sagen sie nicht. So verlogen.

Wie abnormal luxuriös sie für ihre PR-Auftritte reisen, wie abnormal luxuriös sie für ihre PR-Auftritte untergebracht und behandelt werden, das verschweigen sie. So verlogen.

Leute, die solche reinen (und noch dazu billigen) PR-Sendungen produzieren, haben am öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts verloren, Tschüss also Frau Agostini, Tschüss also Frau Redakteurin Hechenberger, Tschüss also Herr Wilhelm. Wenn Ihr schon so gut in Vermarktung seid, dann findet Ihr in der Privatwirtschaft bestimmt lukrativere Jobs. Wenn Herr Wilhelm schon nicht fähig ist, solche chronisch werbeanfälligen Sendungen (wie zB auch Gernstl) aus dem Programm zu nehmen, sollte er wenigstens Anstand genug haben, seinen Hut zu nehmen; da er sich mit dem Verbleib der Sendungen als skrupelloser PR-Mensch erweist, dürften ihm in der Werbeindustrie einträgliche Jobs winken.

Dazu noch gezielt eingesetze, direkte Produktwerbung. Für die Skibrille uvex – beide Goldsenioren tragen sie und tun, als ob es ihnen nicht auffalle, so verlogen. Dazu wird extra eine Skifahrt mit anschließendem Interview inszeniert, damit dieser Markenname penetrant auf den öffentlich-rechtlichen Bildschirm kommt, zehntausende von Euros an Werbegeld spart und gleich in der folgenden Sommerszene trägt der kalt kalkulierende Neureuther dasselbe Logo nochmal, diesmal auf seinem Sommerkäppi, während seine holde Gattin ganz ungeniert ein Markenlogo auf dem weißen Sommerhemdchen vor der Kamera auffährt. Dass diese Szenen nicht rausgeschnitten worden sind, zeigt, dass Redakteurin Frau Hachenberger entweder perzeptionseingeschränkt ist oder hintenrum irgendwie profitiert von der Produktpräsentation, meines Erachtens ein schwerer Verstoß gegen das Werbeverbot in den Öffentlich-Rechtlichen. Denn es handelt sich ja um gezielt inszenierte Szenen.

Zur Erinnerung: für solche Sendungen müssen Hunderttausende von Haushalten Abstriche am knappen Haushaltsbudget machen, um die Zwangsgebühr zu entrichten. Ist das den abgehobenen – ach so normalen, wahrscheinlich ganz normale Spießer, die Neureuthers und Mittermaiers, die einem geschenkten Werbegaul nicht ins Maul schauen – noch nie in den Sinn gekommen? Ist deren Kopf auch schon so malträtiert von der ewigen Prostitution für Industrieprodukte? Und dann behaupten sie noch, die ganzen Goldmedaillen bedeuten ihnen nichts, ha ha, das ist der Gipfel der Verlogenheit, da kriegste einen Lachanfall, nicht mal den Zusammenhang zwischen ihrem wunderschönen Werbegeschäft und den Goldmedaillen scheinen die Naivlinge zu schnallen (sie noch eher) – oder sie sind auch nur ganz normal verlogen – wie so viele.

Ha ha, sie stellen sich ins Rampenlicht und behaupten, ganz normale Menschen zu sein. Sind sie eben längst nicht mehr. Nur verlogener. Staubfänger-Promis, die nichts Neues zu berichten haben, außer, dass sie ihre vorgebliche Normalität zum Geschäft gemacht haben. Und der BR bietet ihnen, vermutlich sogar gegen Aufwandsentschädigung, eine dreiviertel Stunde lang eine Gratiswerbefläche.

So hat das Format Lebenslinien keine Existenzberechtigung mehr im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Comments Kein Kommentar »

Der Spagat zwischen Traum und Alptraum des Familienlebens ist auf einer italienischen Sonneninsel al dente bestens und vergnüglich zu ertragen. Siehe Review von stefe.

Comments Kein Kommentar »

Kein Film für Logik-Spießer; hier sind die Freunde von Unterwasseraction, Nazischätzen, verstaubter Soldatenkumpanei und stereotyper Liebesgeschichte angesprochen. Siehe Review von stefe.

Comments Kein Kommentar »

Wer gibt, dem wird gegeben; diese Erfahrung macht der eigenwillige Gänserich Peng – und wer ein Egoist ist, der geht leer aus. Siehe Review von stefe.

Comments Kein Kommentar »

Irdisch-indisch sind die Gefühle zwischen Herrn und Angestellter; britisch-frischer Ausbruch aus der Kindheit; französisch negligent die Hingabe an den Rausch; Politmoral gepaart mit Ganovinnenstück aus den USA; Dickens in Augsburg in der Puppenkiste; eine feine Latino-Tanzveranstaltung; ein Stück literarischen Biopics aus Skandinavien, ein deutsches Verwertungsprodukt aus einem Erfolgsmucisal und ebenfalls deutsch: alternde, Jungstars bleiben beim Witzemachen stehen. Auf DVD erschien ein indischer Heilerfilm und eine britische Kanalinsel-Literatur-Romanze. Im Fernsehen reicht ein Kindsmissbrauch für einen Tatort nicht aus, während Ballettschicksale in warmem Lichte erzählt werden.

Kino
DIE SCHNEIDERIN DER TRÄUME
Die Haushälterin lebt auf Hautkontaktnähe mit dem Herrn.

ANNA UND DIE APOKALYPSE
So sophisticated-apokalyptisch-zombiehaft können sich nur die Briten die Pubertät ausmalen.

CLIMAX
Dem Orgiastischen verfallen.

WIDOWS – TÖDLICHE WITWEN
Machtmissbrauch und Korruption sind farbenblind.

GEISTER DER WEIHNACHT – AUGSBURGER PUPPENKISTE
Die Dickens Weihnachtsgeschichte auf die Essentials eingedampft.

JOTA – MEHR ALS FLAMENCO
Genuss als Kino, als Tanz, als Kultur.

ASTRID
Warum Astrid Lindgren anfing, Kinderbücher zu schreiben.

TABALUGA – DER FILM
Aus dem Erfolgsmusical muss auf Arktos komm raus ein Animationsfilm zusammengeflickschustert werden.

100 DINGE
Deutsche Talente, die nicht reifen.

DVD
DER DOKTOR AUS INDIEN
Eine DVD mit heilender Ausstrahlung?

DEINE JULIET
Um den Kartoffelschalenauflauf auf einer britischen Kanalinsel drehen sich Literatur und die Liebe.

TV
TATORT: WIR KRIEGEN EUCH ALLE
Nein, einer reicht nicht, ein Kindsmissbrauch ist nicht genug, es müssen gleich zwanzig Puppen zur Herbeiführung von zwanzigfachem Kindsmissbrauch in den Film eingebracht werden. Wir sollen ja einen Gegenwert bekommen für die uns aufoktroyierten Zwangsgebühren. Fehlt nur noch, dass die jetzt argumentieren, wir haben Euch 20-fachen Kindsmissbrauch geboten, bittschön, jetzt müssen wir auch die Zwangsgebühr erhöhen.

DER LETZTE TANZ
Balletttänzer ist ein Beruf von kurzer Halbwertszeit. Was dann?

Comments Kein Kommentar »

Ein politanalytischer Film.

Die Machtmechanismen sind überall dieselben ohne Rücksicht auf die Hautfarbe, bei Schwarzen wie bei Weißen, die Politmechanismen zum Erringen und Erhalt der Macht kennen keine Farbgrenzen.

Steve McQueen, der mit Gillian Flynn auch das Drehbuch nach dem Roman von Lynda La Plante geschrieben hat, exerziert uns diese Lektion am Fallbeispiel der Stadtratswahlen im 18. Bezirk von Chicago so vor, dass jeder Zuschauer als Politstudent mitschreiben kann.

Jamal Manning (Brian Tyree Henry) fordert den jüngsten Sproß der weißen Politikerdynastie (seit sechs Generationen), Jack Mulligan (Colin Farrell), heraus.

Da so eine Politlektion eine ziemlich trockene Angelegenheit ist, versucht McQueen sie aufzupeppen. Er fängt mit mehreren Fäden der Geschichte an, rasch ineinandergeschnitten, sowohl übliche, blutige Actionszenen als auch Dialgoszenen. Er versucht es mit Schockschnitten, von Knutsch-Geräusch eines Kusses schneidet er auf ein Actiongeräusch, das wirkt ab und an etwas bemüht, ja anfängerhaft, was verwundert bei einem Regisseur, der den Kinogeher mit Shame oder zuletzt mit 12 Years a Slave beglückt und für sich eingenommen hat.

Weiter im Sinne der Belebung des Studienstoffes gibt es Tote, Ganoven im Auftrag von Mulligan, die für diesen Gelder beschaffen und transportieren. Der Mulligan-Clan steckt tief im Korruptionssumpf, zuletzt wegen der „Green Line“, wo viele Gelder versickert sind.

Die schauderhafte Schießerei und die Explosionen in einem Lagerhaus, das von der Polizei gestürmt wird, hinterlässt drei Witwen. Sie sind die Titelgeberinnen. Jetzt kommt die schwarze Korruption ins Spiel. Der Anführer der Getöteten, Harry (Liam Neeson), habe dem schwarzen Kandidaten zwei Milllionen Dollar vernichtet. So erpresst Manning dessen Witwe Veronica (Viola Davis). Sie soll das Geld in zwei Wochen beschaffen. Dazu engagiert sie die beiden anderen Witwen. Das ist das Movie, das Laien-Gangster zeigt, die nur einen einzigen Coup landen wollen.

Veronica sucht, überzeugt und engagiert die beiden anderen Witwen, das sind Linda (Michelle Rodriguez) und Alice (Elizabeth Debicki). Alle sind blutige Laien. Aber sie haben Spuren.

Dieser Krimi wird von Steve McQueen nach allen Regeln der Kunst entwickelt und auch vorgeführt. Mir manchmal zu fingerzeigig dick. Wenn Linda auf einer Waffenmesse die illegale Polin spielt und einer fetten Weißen mit Kind vorjammert, wie Frauen in solcher Situation sich wehren müssen und auf volles Verständnis bei der Weißen stößt, und diese sofort für sie drei Knarren kauft.

Das ist das Merkwürdige an diesem Film, dass – vielleicht auch durch die leicht schwerblütige Inszenierungsart von McQueen – das Thesenhafte, das ihm ein wichtiges Anliegen ist – die Szenen oft übertheatral wirken, den Figuren keinerlei Untertext abverlangt wird. Sie sollen ja lediglich eine politische These illustrieren helfen. Vielleicht war das McQueen durchaus bewusst, weshalb er die Tonspur am liebsten zum Treiben benutzt.

Comments Kein Kommentar »

Augen im Hut.

Das charakterisiert den Herrscher der Eiswelt, ein opernhafter Schneemann mit Karottennase: die Augen im Zylinder und eine pinguin-pantomimenhafte Gestik mit seinen schwarzen Scherenschnitthänden, die ihr Echo in seinem Assistenten, einem eloquenten, stilisierten Pinguin finden. Arktos heißt er und möchte alle Drachen vernichten, weil deren Feuer eine für ihn gefährliche Waffe ist.

Dieser Film in der Regie von Sven Unterwaldt Jr. (Schatz, nimm Du sie, Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft) nach dem Drehbuch von mindestens 8 Drehbuchköchen, die zum Verderbnis des Breis, zu einer umstandskrämerischen Erzählung angestellt worden sind. Nach der ursprünglichen Idee von Peter Maffay ist eine Mischung aus Kleinkinderanimationsfilm und der Ambition einer großen Oper oder eines großen Rockmusicals geworden.

Der Film fängt nicht wie ein Märchen an, nicht in der Art von „Es war einmal“, eher librettohaft gibt es eine Exposition in wenigen Sätzen über die beiden Reiche, das Eisland und das Grünland. Dieses wird in den kräftigsten Farben, fast wie ein stilisiertes Opernbühnenbild geschildert. Wie überhaupt sowohl von Inszenierung und Story her das Schablonenenhafte einer Oper auffällt, auch die Zeichnung der Figuren.

Es geht um das Überleben des letzten Drachens „Tabaluga“. Alle anderen wurden von Arktos in Eis eingefroren. Das Ei mit Tabaluga drin wird gerettet und vom Raben Kolk in wenigen Sekunden ausgebrütet und Tabaluga ist auf der Welt. Leidet aber aus nicht näheren eruierbaren Gründen an Minderwertigkeitsgefühlen, er sei kein richtiger Drache (woher weiß er, was ein richtiger Drache ist, da es doch keinen außer ihm mehr gibt), könne kein Feuer speien und nicht fliegen; wie ihm sowieso die Artgenossen, die ein Wesen zum Aufwachsen braucht, abgehen.

Er wird umgeben von einem Maikäferchen, einem Eisbären mit Clownsnase und von Eisprinzessin Lilli. Sie erzählt ihm, sein Feuer könne er im Eisland holen. Das ist eine Falle. Aus ihr wird Tabaluga gerade so entkommen.

Dann entdecken die beiden ungleichen Wesen Lili und Tabluga die Liebe zueinander, auch das mehr ein Symbol für die Liebe schlechthin als konkret nachvollziehbar – ein Song besingt das Glück, die Leinwand färbt sich herzrot, der Akt geht zu Ende.

Im letzten Akt rumort es gewaltig im Eisland. Arktos tobt, dass der Drache entkommen sei. Er verbreitet die Mär, dieser habe Lilli entführt und schickt seine entindividualisierte Eisbärenarmee. Diese hat auch die Funktion eines Operchores. Eine solche übernehmen situationsgebunden auch andere Tiere.

Eine weissagerische Wasserschnecke weist Tabaluga darauf hin, dass er sein Feuer selber finden müsse, dass er damit auch sich selber findet. So ist er motiviert für den entscheidenden Kampf mit Arktos, den er mit seinen Freunden und seiner Liebe gewinnen wird.

Die deutsche Sprachbearbeitung ist kein Hörvergnügen. Es sind Profistimmen, teils arg chargiert. Aber sie bleiben opernhaft steril oder trauen sich nicht, den Opernduktus der Angelegenheit voll auszuspielen. So bleibt es etwas Halbes. Besser wäre gewesen, man hätte sich getraut, begeisterte Laien zu gewinnen, um der leicht angestaubt wirkenden Chose Frische zu verleihen.

Das Drehbuch scheint, bis auf den Grundriss der Reise zur Selbstfindung, eine aus dem riesigen Tabaluga-Arsenal unter Zuhilfenahme des Zusfallsprinzipes zusammengeschustertes Potpourri.

Für eine gewise Alterklasse von Buben gibt es ein paar erfolgssichere Slapstickeinlagen. Am Schluss wird die Freundschaft besungen, um die es offenbar gegangen ist.

Comments Kein Kommentar »

Eine ganz wunderschön gradlinig und klar erzählte Hausangestellte-Märchenprinz-Romanze aus Indien.

Der Märchenprinz ist kein Prinz, sondern der Sohn eines superreichen Immobilienunternehmers in Bombay. Er wohnt in einer dieser exklusiven und sauteuren Wohnhochhäuser mit Portier. Es ist Ashwin (Vivek Gomber), den man für einen ganz gewöhnlichen Mann halten könnte, überhaupt nicht auffallend, wenn man nicht wüsste, dass er so reich wäre.

Das Dienstmädchen ist Ratna (Tillotama Shome). Sie besorgt den Haushalt, serviert ihrem Herrn Tee und Essen, geht einkaufen.

Rohena Gera, die für Buch und Regie steht, zeigt in ihrem Film elektrisierend, welche Intimität durch ein solches Arbeitsverhältnis zwischen zwei Personen entsteht. Ratna hat ein kleines Kämmerlein in der Superwohnung. Sie macht auch das Bett des Herrn.

Im Eingangsbereich berühren sich die Klassenunterschiede schier beim Verlassen oder Betreten der Wohnung. Und doch ist da diese unüberwindliche Distanz.

So wie das Verhältnis geschildert wird, die beiden Darsteller spielen das hervorragend, kann man sich nicht vorstellen, dass zwischen den beiden eine Beziehung entsteht. Allerdings wären beide rein theoretisch frei. Denn Ashwin hat gerade seine bevorstehende Hochzeit platzen lassen.

Ratna hingegen ist Witwe. Das bedeutet in Indien, auf dem Lande, wo sie herkommt, so viel wie tot zu sein. In der Stadt aber kann sie etwas Geld verdienen und für ihr Kind nach Hause schicken. Mehr noch, sie träumt von größerer Freiheit in der Stadt, von Selbständigkeit; als Personal wird sie, außer vom hochanständigen Ashwin, von oben herab behandelt. Ihre Selbständigkeit sieht sie in der Absolvierung einer Schneiderinnenlehre.

Auch dieser Versuch wirft einen Blick auf die Arbeitsverhältnisse. Dass der Meister, der sie ausbilden will und kein Geld verlangt dafür, vor allem eine billige Arbeitskraft zum Putzen und Einkaufen sucht.

Die unmögliche Annäherung zwischen Ashwin und Ratna hält die Spannung des Filmes aufrecht, denn sie ist selbstverständlich einerseits von einem tiefen, gegenseitigen Verständnis geprägt, andererseits durch den kaum zu überwindenden Klassenunterschied im Bereich der reinen Illusion anzusiedeln.

Ganz indische Tradition gibt es Songs dazwischen oder auch einen Blick auf ein ausgelassenes Fest, aber so wohldosiert, wie die Würze in einer erstklassigen Küche. Wobei die Mauer in ihrem Kopf größer ist als in dem des Industriellensohns. Immerhin, den ersten Schritt zur Emanzipation macht Ratna, indem sie neben dem Dienst bei Aswhin eine Schneiderinnenlehre beginnt, für die sie zahlen muss, eine kleine Emanzipationsgeschichte. Sie lernt, dass sie ein Recht auf den eigenen Traum hat.

Comments Kein Kommentar »

Acid in die Augen.

Das Leben greifen wollen und zur Erkenntnis kommen, dass das Sterben außergewöhnlich sei, eine Schlussfolgerung, die einem nur nach dem enthemmtesten Exzess einfallen kann, nach einer Spielfilmlänge Erfahrung, dass das Leben eine kollektive Unmöglichkeit sei.

Das Kollektiv, das Gaspar Noé (Love) in seinem neuen Film meint, ist eine Tanzgruppe.

Er schickt einen kaum wahrnehmbaren Tod im Eis voraus, der vielleicht verschwommensten aller möglichen Existenzwahrnehmungen an deren Rändern. Nach dem Tod folgt der Abspann. Dabei ist der Film noch ganz jung.

Könnte Studentenulklogik sein, genau so wie die Idee, die Titel mitten in den Film reinzuschneiden – spielt bei einer Lebensphilosophie, die sich vor Leben betrinken möchte, die sich Acid in die Augen träufeln möchte, keine Rolle.

Das Kollektiv, der Exzess, der Rausch, die Körper, das fasziniert Noé mit Naturgewalt und so lässt er sie über die Leinwand wie mit dem Hozhammer donnern, dem Zuschauer eine einzige Ekstase einbläuend.

Kino als Ersatz für ein Rauscherlebnis, zuschauen, wie andere sich immer mehr in den Extremzustand versetzen, bis sie nicht mehr können, bis sie nur noch wie Todesbilder ihrer selbst am Boden, in Ecken und in Kammern liegen.

Vorne im Film werden die Mitglieder der Tanzcompagnie vorgestellt und auch befragt. Die Fragen zielen dahin, wie weit sie gehen würden, wie extrem sie ihren Einsatz sehen. Dabei bleiben manche Dinge offen.

Es folgt eine lange, ungeschnittene Sequenz einer umwerfenden Gruppentanzchoreographie. Dabei stellte sich mir gleich die Frage, wenn Noé diese Sequenz so lange macht, wie will er daraus wieder herauskommen?

Ein Mischmittel, sicher auch ein symbolisches für Sinnlichkeit und Rauschhaftigkeit orgiastischen Lebens, dürfte die Sangria sein, zu der immer wieder gerne gegriffen wird.

Das ist ein Kino, das nicht eine Geschichte erzählen will mit einer Moral, ein Kino eher, das nach dem Leben greifen möchte mit der bitteren Erkenntnis, dass es, dass die Ekstase nicht zu greifen ist, dass die Sinnlichkeit nicht festzuhalten, nicht festzunageln ist – oder dass sie stirbt dabei. Deshalb wohl der Todeswunsch. Eine Idee die gerne auch im Zusammenhang mit unsterblicher Liebe konnotiert wird.

Kinostart ist am Nikolaustag – ein klein wenig vergiftet ist diese Schockonikolaus schon.

Comments Kein Kommentar »

Ein Fanartikel,

speziell für Frauen, die Astrid-Lindgren-Bücher verschlungen haben, für die der Name Astrid Lindgren mit tiefen Gefühlen und mit Bewunderung aufgeladen ist. Ihnen bietet dieser Film von Pernille Fischer Christensen, die mit Kim Fuqz Aakeson auch das Drehbuch geschrieben hat, eine Homestory wie in bunten Klatschblättern (in skandinavisch gedeckten Farben) aus einigen Jahren aus dem Leben dieser Erfolgsautorin. Daraus wird den Leserinnen klar, dass hinter dem Erfolg der Geschichten ein schwieriges Schicksal als Mutter gestanden hat.

Es gibt eine minimale Rahmenhandlung. Eher wie ein Schemen ist die 82-jährige Schriftstellerin in ihrem Arbeitszimmer zu sehen, wie sie begeisterte und zugewandte Geburtstagspost von Kindern öffnet und genau studiert. Säckeweise stehen noch Briefe herum.

Die Nachbebilderung fängt mit Astrid als 15jähriger (Alba August), frühreifer Göre an. Sie wächst in streng kirchlichem Milieu auf.

Einen Hinweis auf ihre lebendige Fantasie gibt eine Szene in der Kirche. Der Pfarrer predigt ellenlang über Sodom und Gomorrha. Astrid verdreht derweil die Worte und spricht – auch noch lange nach dem Gottesdienst – von Soda und Guten Morgen (in der deutschen Untertitelung wird für Soda „Limonade“ eingesetzt).

Astrid gilt als aufgeweckt und wird vom lokalen Zeitungsredakteur gefragt, ob sie in der Redaktion mithelfen wolle. Sie ist begeistert. Nicht nur vom Job. Sie fängt eine Affäre mit dem nicht besonders attraktiven, ruhigen, deutlich älteren Mann an.

Insofern ist dieser Film ein Affären-Film, der Gefühlsaufruhr in den Zuschauerinnen auslösen soll, der aber auch gut enden wird. Denn die Affäre ist außerehelich und mit einem Kind der unmündigen, unverheirateten Mutter gesegnet.

Der Bub wird in Dänemark zu einer Pflegemutter gegegeben. Astrid ist inzwischen Sekretärin beim Schwedischen Automobilclub. Dort gibt es bei einem feierlichen Anlass die Bemerkung eines gewissen Jungbürokraten Lindgren, da sei ihr Report doch lustiger, ein weiterer Frühhinweis auf ihre Begabung. Den Herrn wird sie später heiraten. Aber das ist erst nach Ende des Filmes.

Im Film ist sie weiterhin vor allem eine Mutter, die insofern überfordert ist, als sie ihr Kind nicht bei sich haben und es aus Finanzgründen auch nur selten in Dänemark besuchen kann.

Inzwischen sagt der Bub zur Pflegemutter Mama. Er hat dort ein gleichaltriges Brüderchen. Astrid kämpft um ihren Buben. Sie versucht, ihn mit dem Erfinden von Geschichten für sich zu vereinnahmen, dabei schmiegt er sich in ihrem Bett an sie. Dabei dürften sich Biographie und Rührgeschichte kurzzeitig überlappen.

Eine Wohlfühlklangwolke unterstützt die Indikation, dass es sich bei diesem Biopic um eine rührende Verehrungs- und Affärengeschichte handelt.

Comments Kein Kommentar »