Kommentar zu den Reviews vom 12. Dezember 2019

Starke Kräfte am Werk. In Belgien gehen sie skurril-absurde Wege. In der Natur wird aus Wassertropfen Gewalt. In England stößt Talent aus dem Prekariat nach oben. In der Schweiz Kampf ums Familienbild. In Irland sind Superhelden in Pension. In den USA nach tödlichem Fehler einfach wieder vom Himmel fallen. Prekariatshumanismus in New York. In Deutschland Traumberufen auf den Zahn gefühlt. Im deutschen Kinderfilm sind die Superkräfte im gesuchten Schatz gebündelt. Die Kraft der Travestie aus Deutschland. Im TV hat der Polizeiruf Kompliziertheit mit Anspruch verwechselt.

Kino
DIE WACHE – KEEP AN EYE OUT
Wenn der Kommissar aus dem Bauch raucht.

AQUARELA
Der Wassertropfen aus dem Hahn kennt deutlich verwegener Zusammenhänge als die des Haushalts.

WILD ROSE
Ein Talent bahnt sich seinen Weg durch Hindernisse.

MADAME
Widersprüchliche Kräfte in einer Genfer Bourgoisie-Familie.

SUPERVIZED
Auch Superstars mit Superkräften haben ein Recht auf betreuten Ruhestand.

JUMANJI 2: THE NEXT LEVEL

Gute-Laune-Stück für trübe Tage.

THE KINDNESS OF STRANGERS
Mitten in New York und am Rande der Gesellschaft.

ALL I NEVER WANTED
Zwei junge Filmemacherinnen werfen einen unkonventionell-originellen Blick auf die Branche, in der sie reüssieren wollen.

DER KLEINE RABE SOCKE – SUCHE NACH DEM VERLORENEN SCHATZ
Story gut, Dialoge bescheiden.

MARY CHRISTMAS
Travestie ist Erzeugung der Illusion einer Traumfrau.

TV
POLIZEIRUF 110: DIE LÜGE, DIE WIR ZUKUNFT NENNEN
Einfache Polizisten werden von der Spekulations-Sucht mit Aktien erfasst.

Jumanji 2: The Next Level

Einen tödlichen Fehler begehen und dann einfach wieder vom Himmel fallen, sich derrappeln und wenige Meter entfernt, als sei nichts geschehen, eine neue Chance bekommen, wer möchte das nicht, das würde das Leben deutlich sorgloser machen. 

Das ist leider nur im Spiel möglich, das Jumanji heißt, so war es 2017 Jumanji – Willkommen im Dschungel und so ist es heute wieder in der Regie von Jake Kasdan, der mit Jeff Pinkner und Scott Rosenberg auch das Drehbuch geschrieben hat. 

Die Story ist erneut wunderbar geerdet in einem kleinen Städtchen, so übersichtlich, dass wer bei Nora’s einkehrt die Stadt schnell kennenlernt. 

Spencer (Alex Wolff) kehrt aus New York, wo er studiert, nach Hause zurück. Hier kommt er beim Opa Eddie (der entzückende Danny DeVito, der sich gegen jede Hilfe verweigert) unter, verirrt sich in den Keller. Darin in das reparaturbedürftige Jumanji-Spiel. 

Seine Freunde vermissen ihn, folgen ihm nach. Aus der kleinbürgerlichen Provinz landen sie als Avatare im Dschungel. Das ist auf den ersten Moment überraschend, das who is who. Dwayne Johnson hat seinen Avatar-Namen von seinem Knochenarzt, dem Dr. Smolder Bravestone, er ist Spielfigur für Opa Eddie. 

Wenn Dwayne Johnson in einem Film mitmacht, so ist für Optimismus und gute Laune gesorgt und das Ensemble um ihn herum lässt sich von ihm anstecken, von Jack Black bis Kevin Hart. 

Es wird ein Abenteuer-Film in bester Standard-Hollywood-Tradition mit schrägen Einfällen und gefährlichen Situationen, auch immer wieder tödliche, so dass Johnson verzweifelt sagen kann, „müssen wir denn immer wieder vom Himmel fallen?“ Das kann aber nicht ausbleiben bei den vielen Herausforderungen, die zu meistern sind, wenn das Team in Schrottautos in der Sandwüste von einer wütenden Herde von Strauß-Vögeln verfolgt wird oder wenn sie über eine Schlucht mit hängenden Brücken, die alle in Bewegung sind wie im Zirkustrapez, sich vor einer Affenherde in Sicherheit bringen müssen. 

Es gibt Wüste, Dschungel, eisige Berge und ein monströses Schloss mit dem Bösewicht, der den Edelstein gestohlen hat, mit dem Jumanji zu retten ist und hinter dem die Avatare der Provinz-Teeenies hinterher sind. Die Frage muss erlaubt sein: Sprechen Sie Kamel?

Madame

Genfer Bourgoisie.

Ganz persönlich.
Vom langen Weg zu sich selber.

Autobiographisches Filmen ist heute leichter denn je aufgrund des technischen Fortschrittes bei den Digitalkameras und der günstigen Preise. Autobiographisches Filmen ist heute aber auch schwerer denn je, denn es geht darum, zumindest bei Leuten, die oft die Kamera zücken, aus der Fülle des Materials die entscheidenden Szenen zu finden und diese zu einer spannenden Geschichte zu montieren.

Das gelingt Stéphane Riethauser, dem jungen Genfer, hervorragend und das bei Material, das weit ins letzte Jahrhundert zurückreicht, in die Zeiten, als Oma eine der ersten Frauen in Genf mit Führerschein und eigenem Auto war.

Riethauser setzt aus seinem und seiner Familie reichen Fundus in Parallelmontage die Geschichte seiner Oma und die seiner eigenen Entwicklung vom verhätschelten Bürgerkind zum selbstbewussten Studenten, der vor Versammlungen der schwulen Liberation-Bewegung spricht, zu einer spannenden Geschichte zusammen.

Immer schaut er auf die Vergangenheit von der Gegenwart aus, in der er der Oma (die ist vor 15 Jahren gestorben) auch nach dem Outing noch nicht alles erzählt. Dieser Blick vom Heute verleiht gerade den Kinderbildern eine zweite Ebene dazu.

Und so komplex sein Weg von den ersten Gefühlen einem Mitschüler gegenüber über bewusst gepflegte Beziehungen zu Freundinnen, um ja nicht anders zu sein oder das Soldatentum, über erste platonische, homoerotische Schüler- und Studentenfreundschaften, Nuttenerlebnisse bis endlich zu gelebter Schwulität ist, so komplex oder auch unglücklich ist die Geschichte seiner Oma, die nach einer ersten sehr frühen, vom Vater erzwungenen Heirat in der Hochzeitsnacht erstmals einen nackten Mann gesehen hat und gleich im Nachthemd Reißaus genommen hat über weitere unglückliche Beziehungen bis zur Position, wo sie der Liebe entsagt, sich der Poesie und mit 83 der Malerei zuwendet und ihre ganze Liebe dem erstgeborenen Enkel entgegenbringt.

Oma bleibt im Film, auch wenn Stéphane über seine eigene Entwicklung spricht, mit den häufigen Anrufen auf seinem Anrufbeantworter präsent. Sie wollte aus ihm einen richtigen Mann machen.

Schummrig rollengefügig bleibt mittendrin die Ehe seiner Eltern, sein Vater Luc, der Sohn der Oma, der selbst viele Kasperlmomente in den selbstgedrehten Schmalspielfilmen zeigt und ein merkwürdiges Frauenbild offenbart. Er scheint sich auf seine Rolle als Familienvater festgefahren zu haben und Mutter ebenso. Diese Ehe wird nicht weiter hinterfragt. Hier wird die Fassade der intakten Familie aufrecht erhalten, bei der die Info, dass der Sohn schwul sei, wie in Bajonett ins Herz des Vaters dringt.

Aquarela

Die Wucht des Wassers

hat Katastrophenpotential.

Das bedeutet wiederum nicht, wenn einer, Viktor Kossakovsky, einen Film darüber macht, dass dieser ein Katastrophenreißer wird, getrieben von Sensationsgier, schließlich widmet er den Film Alexander Sokurov, dessen Werk wiederum ein respektvoll, aber genau betrachtendes ist, ja vielleicht verwundert staunendes sogar. So dürfte auch die Haltung dieses Filmes zur Naturgewalt sein und so ist sie auch.

Obgleich der Film nicht davor zurückschreckt, bei einer Orkankatastrophe in Florida die riskante Position eines Frontberichterstatters einzunehmen und im tobenden Sturm durch eine menschenleere Palmenallee mit umgenknickten Bäumen zu fahren.

Das wird auch deutlich in Russland, im Norden, wo das Eis auf dem Meer schmilzt. Obwohl die Schneeschmelze drei Wochen früher eingesetzt hat als üblich, fahren die Russen immer noch mit ihren PKWs im Caracho über das nicht mehr ganz so tragfähige Eis. Mit zahlreichen Einbrüchen.

Mit einer faszinierenden Betrachtung der Vorgänge um solche Fahrten und Einbrüche herum, fängt der Film an. Er lässt offen, wo die Kamera steht (selber einbruchgefährdet?). Oft ist sie nah dran an den Männern, die versuchen mit einem diffizilen Verfahren einen eingebrochenen PKW zu bergen; da sinkt auch immer mal wieder ein Helfer ein. Das Eis gefriert sofort. Atemberaubend.

Ebensowenig sensationsheischerisch lassen Kossakovsky und seine Kamera sich beeindrucken von Gletscherabrüchen am Meeresrand; die vielfältigen Vorgänge ergeben ein Bildmaterial, das weit über das Dokumentatorische hinausgeht, das sich begeistern lässt von Strukturen und Mustern, vom langsamen Umwälzen des Wassers unter dem Eis, von Gletscherabbrüchen, die wie in Zeitlupe unter Wasser versinken, sich wieder aufbäumen, wieder versinken, aus der Nähe, aus der Ferne. Und plötzlich taucht dazwischen ein Segelschiff auf, das sich gegen den Strom zwischen den Abbruchteilen ruhig bewegt. Einmal fährt majestätisch ein kleiner Eisberg, groß wie eine Segeljolle, an dieser vorbei. Stummes Schauspiel.

Stumm ist der Film aber ganz und gar nicht. Diese bedrohlichen Geräusche, dieses Dröhnen, die tauendes Eis oder abbrechende Eisberge ergeben, werden elektronisch noch gewaltig verstärkt und verändert, aufgemotzt.

Dann sind die Bilder wieder wie abstrakte Strukturen, Schraffuren, Grafiken, wellende Gebilde oder mächtige Sturzwellen, Sturzbäche oder in Venezuela ein Wasserfall aus kaum zu schätzender Höhe.

Großartig am Film von Kossakovsky ist auch, dass er gänzlich auf erklärende Kommentare verzichtet, dass er die Schauplätze nicht ineinander schneidet, auch ganz auf eine Systematik verzichtet, sich Zeit lässt, beim einen Sujet mehr, beim anderen weniger. So kommt ein Film zustande, bei dem kaum was vorherzusehen ist und der immer wieder überrascht mit neuen Aspekten auf die Naturgewalt Wasser in den verschieden Aggregatszuständen und so den Blick öffnet auf diese unendlich größere Dimension dessen, was wir täglich und gedankenlos gewohnheitsmäßig aus dem Wasserhahn oder aus der Wasserflasche zu uns nehmen oder benutzen.

Wild Rose

Künstlerexistenz.

Künstler sind oft schwierige Menschen, ecken in der bürgerlichen Gesellschaft an, haben Mühe mit Disziplin und Verlässlichkeit, träumen von der großen Karriere und müssen oft kleine Brötchen backen, aber sie spüren eben dieses Künstlerische in sich, was raus will und Anerkennung sucht. Das macht das Leben mit den Mitmenschen nicht leichter, erst recht, wenn es zum Beruf als Künstler noch nicht reicht.

Rose-Lynn aus Glasgow (Jessie Buckley) ist so eine Künstlerin. Sie ist Country-Sängerin und nichts anderes. Sie verortet ihre künstlerische Heimat in Nashville, Tennesse, dem Rom des Country. Ihre Stammkneipe in Glasgow nennt sich „Grand Ole Opry“ nach dem berühmten Vorbild in den USA.

Bei Rose-Lynn kommen erschwerend hinzu: sie hat zwei kleine Kinder, sie ist  gerade ein Jahr im Knast gewesen und wird mit Fußfessel entlassen. Hier wirkt der Film erst mal wie ein Soziodram, das im Film von Tom Harper nach dem Drehbuch von Nicole Taylor in bester britischer Manier das Thema der Resozialisierung behandeln will. Das ist wie ein Ritt über den Bodensee, alles könnte jederzeit zusammenbrechen bei dieser nicht allzu stabil wirkenden Frau mit der phänomenalen Stimme.

Weiter erschwerend kommt hinzu, dass die Mutter (Julie Walters) nicht begeistert ist von der Tochter; sie, die Mutter, arbeitet seit über 20 Jahren in einer Bäckerei als Verkäuferin; sie sorgte während des Gefängnisaufenthaltes für die Kinder von Rose.

Immerhin fängt Rose-Lynn bei reichen Herrschaften einen Putzjob an. Die Herrin des Hauses, Susannah (Sophie Okonedo) entdeckt das Gesangstalent von Rose. Die Hausherrin hat ein Objekt für gute Taten gefunden. Es beginnen erste Schritte zu einer Traumkarriere.

Aber, wenn ein Mensch schon schwierig ist, so erzählt es dieser Film, dann meint das Schicksal es nicht freundlicher deswegen, im Gegenteil. Immer kurz bevor der Lebensweg von Rose in eine britische Rührgeschichte abzudriften droht, grätscht das Soziodram dazwischen, bis der Film selbstverständlich die Kurve kriegt. Aber bis dahin hat er ein Buch mit einem spannenden Schicksal und glaubwürdigen Menschen und Umständen aufgemacht. Die Briten können so etwas.

The Kindness of Strangers – Kleine Wunder unter Fremden

Urchristlicher Humanismus in Manhattan.

Dieser neue Film von Lone Scherfig (Zwei an einem Tag, Ihre beste Stunde)

Ihr beste Stunde


bewegt sich an den ausfransende Rändern des turbokapitalistischen Zentrums von Manhattan.

Die New York Impressionen sind in grau-blau wenig attraktiv gehalten. Wenn es um die Menschen geht, ist immer eine große Wärme in den Bildern, es gibt Momente, in denen der kleine Sohn Jude (Finlay Wojtak-Hissong) der Protagonistin Clara (Zoe Kazan) aussieht wie ein Bild von Renoir, die Menschen in mild-weiches, warmes Licht getaucht.

Clara hat mit Jude und dem anderen Sohn Anthony (Jack Fultton) Reißaus genommen vor ihrem gewalttätigen Ehemann und Polizisten Richard (Esben Smed). Sie hat kaum was dabei, das Auto, kaum Geld, unbrauchbare Kreditkarten. Sie kommt in Kontakt mit den anderen Protagonisten des Filmes, ebenfalls randstänige Figuren, oder mit solchen befasst, wie Alice (Andrea Riesborough), eine aufopferungsvolle Krankenschwester, die sich neben der Arbeit noch aufzehrt in Ehrenämtern, Suppenküche und Vergebungsgruppe.

Marc (Tahar Rahim) ist eben aus dem Knast entlassen worden und wird begleitet von seinem Anwalt John (Jay Baruchel). Bem Russen Timofey (Bill Nighy) feiern die beiden und Marc erhält sofort seinen ersten Job. Was der Russe mit Russland zu tun hat, das ist eine eigene Geschichte.

Jeff (Caleb Landry Jones) ist ein arbeitsuntauglicher Mensch und kommt auch mit der von Scherfig zusammengestellten und beobachteten Gruppe in Kontakt und zu humanem Austausch.

Diese gestrandeten Menschen erleben eine unkomplizierte menschliche Nächstenliebe, wie sie die Bibel nicht schöner verlangen könnte und die doch oft im Kapitalismus und in den humanistischen Bürokratien unter die Räder kommt. Auch die öffentliche Bibliothek spielt dabei eine Rolle.

Zur Belohnung dafür, das aus- und durchgestanden zu haben, packt Scherfig ein ganze Bündel an glücklichen, filmmärchenhaften Enden auf die Geschichten, auf jeden Topf gibt’s einen Deckel. die guten kommen ins Kröpfchen, die Schlechten ins Kittchen.

Die Geschichten dürften erinnerungswürdig bleiben auch wegen dem exzellenten Cast, Schauspieler mit Eigenheit und Gesichter, die man nicht beim nächsten Bild schon wieder vergessen hat, und auch wegen der plastischen Erzählweise.

Supervized

Aus Irland kommt ein Blödelfilm der Seniorenextraklasse, den ich leider überhaupt nicht genießen konnte, weil ich just vorher einen ekelhaften Kriegspropagandafilm gesehen hatte; die subjektive Befindlichkeit ist immer auch Teil der Filmrezeption.

Es ist wie Schülerhumor mit einem Touch Dadaismus, wenn die Welt aus ihren regulären Bahnen, die Menschenwelt, die Altersheimwelt, auf den Kopf gestellt wird, aus den Pantinen kippt, gegen die Depression gebürstet wird, was Steve Barron nach dem Drehbuch von Andy Briggs und John Niven mit sichtlichem Spaß – und ohne jeden cineastischen Ehrgeiz auch tut, Gag, Pointe und die Grotesksituationen zählen und nicht das große Kinoerlebnis ist intendiert.

Es ist ein Film, bei dem der Zuschauer eine gewisse Disposition zum Lachen mitbringen sollte über diese britisch-skurrile Altersresidenz Dunmanor, in welcher ehemalige Supermänner und -frauen mit magischen Extrakräften wohltbetreut ihrem Superende entgegensehen.

Aber die Supermenschen können es nicht lassen, ihre übersinnlichen Kräfte einzusetzen, das mag simple Faulheit sein, bei einem öden Fernsehprogramm sich nach der Fernbedienung zu strecken, sondern diese mit Geistesanstrenung im Sinne der Telekinese zum Progammwechsel aufzufordern. Oder es wird für massive Gewalt eingesetzt gegen eine jugendliche Gang, die versucht, ein Auto zu knacken.

Vor allem werden diese Kräfte wichtig und – mit Komplikationen – auch eingesetzt, wie die Supersenioren herausfinden, dass ein Unbekannter, eine Unbekannte versucht, ihnen die Superkräfte zu stehlen und diese kommerziell zu verwerten („trading with stolen superpowers“). Da wird ein Krimi aus der Superman-Seniorengroteske.

Verblödelung, Veräppelung auch des ganzen Star-Getues um die Superhelden bei einem regionalen „Hero Day“, einem Jahrmarkt, bei dem Superhelden-Veteranen sich präsentieren und Autogramme schreiben. Sie werden im Bus dorthin gekarrt. Ach ja, Superheroes sind eben doch auch nur Menschen – und dem Verfall preisgegeben.

Die Wache – Keep an Eye out

Denunziation

in edler Betonästhetik.

Sowohl das Polizeikommissariat als auch der Wohnblock des Verdächtigen sind mit ausgesucht feinem Beton gemustert, geschmackvoll gebaut und eingerichtet. Exquisite Räume, die eine Betonheimeligkeit ausstrahlen.

Trotzdem wird die Lage für Louis Fugain (Grégoire Ludig) mehr als unangenehm. Bloß weil er in einer bestimmten Nacht siebenmal die Wohnung verlassen hat. Mal sollte eine Kakerlake getötet werden und es fehlte der Spray, mal ging es lediglich darum, frische Luft zu schnappen.

Aber jedes Mal, wenn Fugain seine Wohnungstür öffnet und zum Lift geht, öffnet sich die Tür einer Nachbarin, die ihre Nase rausstreckt. Solche ekelhaften Nachbarn gibt es. Und sie schenken den beobachteten Nachbarn gut ein. Erst recht, wenn Louis dummerweise beim achten Mal vor dem Haus eine Leiche findet. Da ist er schnell denunziert, abgeholt und sitzt im Verhörzimmer.

Hier fangen mit Kommissar Buron (Benoît Poelvoorde) die belgisch-trocken-lakonischen Absurditäten an, Urständ zu feiern. Denn der Interviewte muss sich auf eine lange Nacht einstellen, obwohl der Kommissar müde und hungrig ist.

Noch komplizierter wird die Lage, weil der Kommissar mal raus muss, sich in der idyllischen Tiefgarage mit seinem Sohn trifft. Derweil soll der merkwürdige Philippe (Marc Fraize), ein nicht so ganz dichter Beamte, die Aufsicht übernehmen und schauen, dass Louis nicht abhaut. Das hat der gar nicht im Sinn. Im Gegenteil, er fängt an, Louis zu befragen. Der hat nämlich die Polizeiaufnahme-Prüfung gar nicht bestanden. Und er hat den Tick mit dem „sozusagen“. Den hat auch seine Frau, die später nach ihm fragt.

Zwischendrin transportiert Fugain die Figuren des Kommissariats in die Geschichte seiner Erinnerungen. Die Dialoge sind von einem trockenen Humor, dass man sich wundert, dass sie nicht stauben – oder steigt deshalb Rauch aus dem Bauch des Kommissars?

Der kleine Rabe Socke – Suche nach dem verlorenen Schatz

Nestarrest.

Dass das mit der Bestrafung von Kindern oft nicht im beabsichtigten Sinne funktioniert, ist auch hier festzustellen: den Nestarrest benutzt Rabe Socke, um mit dem kleinen Dachs (der kann lesen!) und mit Eddie Bär (der steht für physische Größe), auszubüchsen, um den Schatz zu suchen, von dem er im verstaubten Zimmer des Opas erfahren hat.

Mit Versprechungen, wie Politiker sie Wahlgehülfen gegenüber machen („Wenn ich König bin, wirst Du Minister“), überredet Socke die zögerliche Eddie und den kleinen Dachs, mitzutun.

Diese Abenteuergeschichte inszenieren Verena Fels und Sandor Jesse nach dem Drehbuch von Katja Grübel alleweil so klar und einfach, dass das angepeilte Publikum, Kinder, die noch nicht lesen können, bestens mitgehen kann.

Die Story enthält auch alles, was eine Kindergeschichte ausmacht: Abenteuer, Strafe, Ausbüchsen, Tricksen, gefährliche Situationen, Vertrauensbildung, Teambildung, diebische Gegner.

Aber der Kritikaster hat doch Einwände. Ihm hat der Vorgängerfilm Der kleine Rabe Socke 2: Das große Rennen besser gefallen. Der hatte mehr Schwung, war kecker.

In dieser Schatzsuche allerdings kommen mir die Handhabung der Sprache reichlich einfallsfrei vor, speziell wenn geflucht wird wie „verdammt“ oder dann so Ersatzflüche wie „ach, du dickes Ei“, „verflixt, verdammter Bibermist“.

Überhaupt wirken die Dialoge und auch die Montage reichlich holprig bis arg bieder betulich. Der Film mag gut genug sein, die Synapsenbildung im kindlichen Hirn zu fördern, Zusammenhänge zu sehen und zu erkennen; allerdings für die Bildung von Sprachgefühl (auch die Sprecher-Stimmen wirken mir zu changiert), von Stilgefühl, von Kinogefühl kein Glanzlicht und dürfte auch kein Klassiker werden. Wobei mein Eindruck ist, dass das bei Kindern nicht unbedingt etwas kaputt machen muss. Die sind robust im Erspüren von sprachlicher Qualität. Trotzdem erscheint mir die vielfältige Förderung mit Zwangsgebührengeldern problematisch; da gibt es sicher witzigere, geistreichere, pfiffigere Bücher. Zum Beispiel der Film „Latte Igel und der magische Wasserstein“. Auch die musikalischen und Tanznummern überzeugen nur bedingt.

Go ahead, make my day.