Blickpunkt Sport: Dressurreiterin Jessica von Breow-Werndl: Zwischen Familie und Olympia (BR, Samstag, 20. Juli 2024, 17.00 Uhr)

Nahtoderfahrung im Leben der Reichen –
Gefällige Präsentation eines Luxusunternehmens

Krönung des hier vom BR liebesdienerisch präsentierten Unternehmens und seiner Kultur wären natürlich Medaillen, womöglich in Gold, bei den bevorstehenden olympischen Spielen in Paris.

Das vorneweg: Jessica von Bredow-Werndl präsentiert sich glaubwürdig als eine Pferdeflüsterin, die beinah errötet, wenn von den Skandalen im Pferdedressurbereich die Rede ist. Sie setzt voll auf das Spielerische, auf das subtile Teamwork zwischen Pferd und Mensch; wobei das Pferd als der Meister bezeichnet wird.

Viel Fantasie braucht es nicht, wenn man die beiden in der Halle oder im Wettbewerb reiten sieht, zu sehen, dass die rundum eine Einheit sind und glücklich, fast scheinen sie zu schweben über der Erde und über den Dingen, so traumhaft leicht wie einsten ein Beckenbauer auf dem Spielfeld. Oft wirkt Pferdedressur deutlich stressiger.

Und klar, sollte sie aus Paris Gold heimbringen, dann wird es womöglich wieder heißen „Wir sind Goldmedaillengewinner“.

Die Reportage von Julia Scharf und Franziska Nibert mit der lakaienhaft angepassten Moderatorin wirkt wie ein Hochglanz-PR-Film, es soll kein Schatten auf das Unternehmen fallen. Dieses wird geleitet von Jessica von Bredow-Werndl, die in Tokio als Einzelreiterin eine Goldmedaille geholt hat und eine mit der Gruppe, und von ihrem Bruder, der ebenfalls Dressurreiter ist.

Das Unternehmen besteht aus einem riesigen Landgut mit Vorzeigestallungen, Weiden und Übungsplätzen und ausgedehntem Wohnraum für die Großfamilie, auch Oma und Opa leben hier nebst den beiden Reitern mit ihren Familien und es gibt 30 Angestellte.

Im Film ist auch Platz für die Schilderung des rundum glücklichen Familienlebens im Schnee oder bei Rennen oder auf dem eigenen Landgut.

Unklar bleibt, wie weit dem BR-Redakteur Andreas Egertz und seiner Mitarbeiter Katharina Schmidt bewusst ist, dass es sich hier um die Schilderung eines abgehobenen Lebensstils handelt und dass die Reportage aus Zwangsgebühren bezahlt wird, die auch aus den Kassen einkommensschwacher Haushalte gefüttert werden, die sich nie auch nur eine Reitstunde oder einen Skiausflug nach Kitzbühl leisten könnten, die sogar an elementaren Dingen sparen müssen – um dann solche Exklusiv-Werbung für Luxusgüter und das Luxussegement in unserer immer mehr von Spaltung bedrohten Gesellschaft (Indikator dafür ist das Erstarken der AfD) zu machen. Manchmal hat man inzwischen der Eindruck, dass dem BR der Ernst der Lage um die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes noch nicht so recht bewusst ist.

Abgesehen davon: es wirkt schon sehr schleimig, dass in solchen „Dokumentationen“, die reine Unternehmenswerbung sind, nie von Geld geredet wird. Das Selbstverständnis einer Schicht, in der es heißt, von Geld redet man nicht, das hat man. Das trifft leider für Millionen Beitragszahler nicht zu. Für einen Schuss Tragik muss allerdings auch in so einer Sendung Platz sein. Die Protagonistin kann von einer Nahtoderfahrung berichten am Schnapszahltag 10. 10. 2010. Und ihr Bruder muss den Verlust eines Pferdes betrauern.

Those About to Die (Folgen 1 – 3)

Opulenz, Dekadenz und Clan-Geschichten

Hier könnte der Kritiker ruhig seinen Griffel weglegen und sich ergeben dem Rausch des Sittengemäldes aus dem alten Rom, das Roland Emmerich nach dem Drehbuch von Robert Rodat (zumindest für diese drei ersten Folgen) lustvoll schwelgend und alle Tricks der Hollywoodkinokunst souverän anwendend auf die Leinwand malt.

Die Serie ist fürs Internet gemacht, aber wer das Privileg hatte, diese drei ersten Folgen auf der Megaleinwand des Arri in München zu sehen, kann bestätigen, dass das Material eigentlich dorthin gehört und dort auch trägt – über Stunden.

Monumentalfilm in moderner Form, mit aller technischen Agilität, über die Filmemacher heutzutage verfügen, nebst inzwischen hochentwickelter computergenerierter Animation. Emmerich soll sich dafür ein topmodernes Studio in Rom ausgesucht haben, was eine Rundum-Atmosphäre auch für die Darsteller ermöglicht.

Die Serie bietet alles auf, was man sich vom alten Rom nur wünschen kann. Im Zentrum Anthony Hopkins als Kaiser Vespasian mit seinen beiden Söhnen, die sich um die Erbschaft streiten.

Groß werden immer die Spielorte benannt. Es gibt die Villen der reichen römischen Clans, die die Stadt in der Hand haben und ihren Reibach damit machen, es gibt die Hafenviertel und Spelunken, es gibt die Kampfarenen, die Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe.

Und es gibt die Politintrigen, Verteilungskämpfe wie beim Dallas-Clan, die mit allen Mitteln geführt werden.

Außerdem gibt es eine Familie aus der Provinz Numidad in Afrika, deren Vater getötet und deren Sohn und die beiden Töchter entführt werden. Mutter macht sich auf die Spur ihrer Kinder. Der Sohn muss ein starker Kämpfer sein. Er soll schon einen Löwen erledigt haben.

Es gibt atemberaubende Pferdewagenrennen mit spektakulären Sabotageakten. Es ist ein Sittengemälde, was man, ohne sich eine Sekunde zu langweilen, einfach genießen kann, was einem kein Kopfzerbrechen bereitet und was bei allen Kostümen unglaublich heutig wirkt.

Es gibt Aufstände in Rom, es gibt eine Löwenjagd in Afrika, das feine Leben der feinen Römer mit hübschen Frauen oder Jungs wird so wenig ausgelassen wie ganz besondere weiße andalusische Pferde, und sowieso ist ein Römer hübscher römisch als der andere.

Roland Emmerich beweist sich einmal mehr als ein wunderbarer Geschichtenerzähler und die Grafik am Anfang jeden Serienteils symbolisiert das Blut was massenhaft fließt. Kino als leicht verdauliches, unterhaltsames Konsumgut. Vergessen wir nicht, es ist nicht leicht, einen Skorpion mit dem Schwert zu töten.

Kommentar zu den Reviews vom 18. Juli 2024

Oh la la! Diese Woche trumpft das Kino aber mächtig auf. In Amerika traut es sich industriell mitten ins Auge des Sturms und independant zeigt es sich von seiner besten Seite, was Liebe im Verhältnis zu Crime zu bieten hat. In Frankreich sucht es Entspannung in der Provinz, wo Katzen vom Dach fallen. Zurück in den USA, hebt es gleich ab zu einem riskanten Raumflug, der von den Beben der Weltpolitik erschüttert wird. In Berlin wühlt es im Untergrund an der Substanz des Kinos. Zwischen Georgien und der Türkei befasst es sich mit Zwischenwelten. In Skandinavien nimmt es sich mit Elan und Trotz eines pubertierenden Pummelchens an. In Österreich konfrontiert es uns mit den horriblen Abgründen der Politik. Üben, üben heißt es wiederum in Deutschland, bis Genre im Subventionsbetrieb endlich ansehnlich wird. Und niemand kann dem Kinonachwuchs in Berlin eine Nicht-Underground-Tändelei über das Theater, das Filmemachen und das Bedürfnis nach psychologischer Betreuung verbieten. Ein Nachtrag zum Filmfest München macht auf einen bemerkenswerten deutsch-subventionierten Film zum Thema Immigration aufmerksam. Und das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist bei einer Queer-Reihe auf ein Coming-of-Age-Schmuckstück aus Australien gestoßen.

Kino

TWISTERS
Sind sind verrückt, die Amis.

LOVE LIES BLEEDING
American Independent at its best

JULIETTE IM FRÜHLING
In der provinziellen Heimat Erleichterung von der Großstadt-Depression suchen

I.S.S
Tanz der Blutstropfen in der Schwerelosigkeit

PINK SWEAR
Der Fluch über der Filmemacherei

CROSSING – AUF DER SUCHE NACH THEKLA
Geographische wie auch Gendergrenzen überschreiten

DANCING QUEEN
Präpubertäres hässliches Entlein drängt ins Rampenlicht.

PROJEKT BALLHAUSPLATZ
Realer Politkrimi

VERBRANNTE ERDE
Gelungene deutsche Thrillerübung

IMMERHIN, DIE KUNST, DIE KUNST
Und keiner weiß, was sie woll, die Kunst.

Filmfest München
IM ROSENGARTEN
Der Immigrationsthematik ein Schnippchen geschlagen

TV
MEIN ERSTER SOMMER
Rein, so rein, wenn die Mutter die Monster fernhält.

Pink Swear

Steck den Lolli in den Mund –
Berlin Guerilla Film

Das Selbstporträt ist in der Malerei eine eminent wichtige Kategorie, die einmaligen Aufschluss über die Künstler gibt und nicht anders ist es im Kino.

Dieser Film von Tau Tau Menghan, der von sich behauptet, als Guerilla Projekt in Berlin gedreht worden zu sein, gibt ein solch erhellendes Selbstporträt der Filmemacherin, die selbst die Regisseurin spielt, die auch die Drehbuchautorin ist.

Es ist ein Film über das Filmemachen, der selbst spielerisch-fantasievollen Umgang mit dem Filmemachen pflegt. Es ist ein Film, der den Fragen der Verquickung von Realität und Fiktion, von Biographie und erfundener Geschichte nachgeht. Es ist ein Film, der den Herrschaftsanspruch der Autoren- und Regieseite so weidlich in Szene setzt wie jene der Eitelkeit der Darsteller.

Es ist ein Film, der mit dem Irrgarten und der Lebensgefährlichkeit der Kunst spielt, der deren Abgründe kennt. Schon Thomas Bernhard hat das Theater als eine Falle beschrieben. Hier findet das Filmen in einem Kellerlabyrinth statt, von dem mehrfach gesagt wird, dass es daraus kein Entrinnen gibt. Und es kommt ein großer Turm vor, der an Stephen Kings Dunklen Turm erinnert.

Nadine Nourney spielt die Protagonistin als Lady Papay und als Ginger. Sie beklagt sich über die beschissene Gage von 2000 Euro für die paar Drehtage in dem Kellerloch und sie behauptet, sie hätte die Rolle gar nicht nötig.

Der Ratsch am Schminktisch mit Maskenbildner Jacob (Sean Lee) offenbart Hintergründe über die Autorin und deren Geschichte. Er führt Ginger zur Erkenntnis, dass sie wenig Bezug zu deren Problematiken hat, weder sei sie eine Akademikertochter, noch als Prinzessin aufgezogen und dass die Lollipops die Eltern ärgern würden, ist ihr auch nicht vertraut.

Aber auch die Regisseurin hat Hintergrundwissen über ihre Protagonistin, was sie skrupellos einsetzt und wenn diese nicht nach ihrem Gusto spielt, sich aber weigern will, ein paar Mal um den Block zu rennen, um auf die richtige Spieltemperatur zu kommen, so wird das einfach ins Drehbuch geschrieben.

Das Drehbuch strotzt dezidiert lustvoll von Urklischees des Männlein-Weiblein-Spiels, Prinzessin, Lollipop bis hin zu den Schmetterlingsschuhen, dann Pistole, Maske und Mörder, wie sie elementar für das Kino sind.

Der Elektrosound gibt wunderbar das Vibrato des Filmes und seines Themas wieder.

Der Film im Film, der gedreht werden soll, heißt „Pink, Pink“ und der Titel „Pink Swear“ dürfte dann zu Deutsch übersetzt werden mit „Pink Fluch“. Wäre ja auch nicht schlecht, der Fluch, der über dem Filmbusiness schwebt; wahrer Horror.

Twisters

Die Amis sind verrückt

und sie sind verrückt genug, diese Verrücktheit auch noch in ihren Filmen präzise zu spiegeln, sowohl was die Dinge betrifft, die sie unternehmen, als auch, wie sie sich selbst spielen.

Es ist verrückt, Tornados zu jagen, ins Auge des Sturms fahren zu wollen; und wie kindlich begeistert sie es tun!

Alles ist immer Filmset, das macht der Film von Lee Isac Chung nach dem Drehbuch von Mark L. Smith, Joseph Kosinski nach den Charakteren von Michael Crichton klar. Dadurch entsteht eine in sich stimmige Wahrhaftigkeit, die durchaus etwas mit einem macht (und wenn es einen auch nur durchschüttelt). Vielleicht gerade wegen dieser Durchschaubarkeit auch des Katastrophenfilm-Rezeptes. Weil man möglicherweise Gerichte, deren Rezepte man kennt, besser genießen kann. Besonders, wenn sie so gut gemacht sind wie hier; das Geheimnis gelungenen industriellen Rezeptkinos.

Tornados sind ein aktuelles Thema. Sie werden häufiger und verheerender. Das hat mit der Klimaerwärmung zu tun und diese wiederum mit dem sorglosen Konsumleben der zivilisierten Gesellschaften, also auch der amerikanischen. Das ist aber nicht der Ort, das zu reflektieren; es gibt nur den Hintergrund für die Aktualität des Filmes ab.

Kate (Daisy Edgar-Jones) ist Tornadojägerin mit ihrem Kollegen Javi (Anthony Ramos). Es ist wissenschaftliches Interesse, um Tornados besser vorhersagen zu können mit Tornado-Scans, später geht es auch darum – es gibt einen Zwischenfall anfangs des Filmes und dann einen Zeitsprung von 5 Jahren -, Tornados zu jagen, so wie in unseren Breiten bereits Hagel mit Kanonen vorgebeugt werden soll.

Bei dieser Forschungstätigkeit und also der Tornadojagd begegnet unser Team Tyler (Glen Powell), dem Musterbeispiel eines kinoschönen Amerikaners mit einem breitkrempigen Cowboyhut und einer ganzen Mannschaft, die ihn dabei unterstützt, seine abenteuerliche Tornadojägerei live fürs Internet festzuhalten. Hinweis auf die Auswüchse der Mediengesellschaft mit einem Hauch Selbstironie. Diese Gruppierung feiert Party, nichts, was nicht zu einer Party, zur einer Feier des Lebensstiles und von sich selbst, nicht gut genug wäre.

Zu einer guten Katastrophengeschichte muss die Möglichkeit einer Liebesgeschichte gestreut werden, die zwischen Kate und Tyler. Als Katalysator dafür darf der ländlich-häusliche Mief der Mutter von Kate herhalten. Diese zwischenmenschlichen Geschichten dienen als Aufhänger, an dem die Tornados mit allen filmischen Raffinessen aufgereiht werden, so dass man sich am liebsten am Kinositz festhalten würde.

Verbrannte Erde

Halb so schlimm,

der Titel ist nicht ganz so ernst gemeint, wie er sich vielleicht liest. Er indiziert lediglich das Vibrato dazu, dass der Boden Berlins für den Profieinbrecher Trojan (Misel Miticevic) zu heiß geworden ist. Zur Illustration dieser Info klaut Trojan teure Uhren aus einer feinen Villa. Die loszuwerden ist nicht leicht.

Schwieriger dürfte der Job sein, den ihm Rebecca (Marie-Lou Sellem) auf Nachfrage anzubieten hat. Sie hat einen Interessenten für ein Gemälde von David-Caspar Friedrich, das gerade für eine Ausstellung unterwegs ist.

Schwierig, das geht allein nicht, da muss Trojan auf verlässliche Kontakte von früher zurückgreifen wie Diana (Marie Leuenberger). Mit noch zwei weiteren Figuren aus dem Krimiarsenal sollte es möglich sein.

Thomas Arslan setzt bei dieser sehr schönen Fingerübung in Thriller, womöglich Noir, auf das Nüchtern-Protokollarische. Man sieht, wie sorgfältig das Storyboard entwickelt wurde.

Es ist ein Film dunkler Parkhäuser und einsamer Waldwege, schlecht beleuchteter nächtlicher Straßen, immer untermalt von einem Sound, der die Unsicherheit und die offene Vertrauensfrage spüren und antönen lässt.

Auftraggeber für den Gemäldediebstahl ist der glatte Victor (Alexander Fehling), der im Dienste eines hinterfotzigen Hintermannes agiert. Er und der Zuschauer wissen bald, dass Trojan und seine Crew in eine Falle tappen werden. Aber Trojan ist mit genügend Wassern gewaschen, und checkt schnell, dass aus dem Millionendeal nichts wird; Verzögerungsversuche verraten das.

Bleibt noch die Rückgabe an das Museum gegen gutes Entgelt. Die Anwältin Claire (Katrin Röver) ist die Vermittlerin. Wie Trojan richtig vermutet, kann sich Victor damit nicht abfinden.

Diese Art von Film-Noir lebt weitgehend von den Schauspielern. Misel Maticevic, Marie Leuenberger, Alexander Fehling, Marie-Lou Sellem und Katrin Röver bringen die Persönlichkeiten mit, die ihre Figuren jenseits des Klischees zum Schillern bringen und damit Interesse und Unterhaltungswert erwecken über die Drehbuchfunktionalität hinaus.

Loves Lies Bleeding

Lesbenintrigen
3 Leichen in Teppich gewickelt auf dem Weg zum Glück

Irgendwo in New Mexico. Lou Senior (Ed Harris) ist in dem Kaff der Mann, der die Fäden zieht, überall hat er die nicht allzu sauberen Finger drin und die Polizei sowieso gekauft. Er betreibt einen Schießplatz und ein Bodybuilding-Center. Seine Kinder sind mit Posten versorgt.

Der Film fängt mit Tochter Lou (Kristen Stewart) an. Sie ist lesbisch, das ist dem Vater egal, solange das seine Geschäfte nicht berührt. Sie tändelt mit Daisy. Jetzt taucht Jackie (Katy O‘ Brian) aus Oklahoma auf. Sie ist zuhause abgehauen, lebt von der Hand in den Mund und auch auf der Straße. So lernt sie JJ (Dave Franco) kennen, ein Draufgänger bei den Frauen und verheiratet mit der Schwester Beth (Jena Malone) von Lou. Für einen Fick mit ihm bekommt sie eine Stelle auf dem Schießplatz seines Schwiegervaters.

Die Story im Film von Rose Glass, die mit Weronika Tofilska auch das Drehbuch geschrieben hat, fädelt das andersrum auf, aber da in der Provinz eh viele Dinge absehbar sind, dürfte die kleine Spoilerei keine nachhaltige Schädigung auf den Filmgenuss ausüben.

Denn nebst der Story ebenso wichtig ist die Machart, wobei die Kamera von Ben Fordesman keine unwesentlich Rolle spielen dürfte, und der Spaß am Kino, was sich mit Bildern alles gestalten lässt, was für Bilder von einer Szene geholt und später montiert werden. Der Spaß an dieser Arbeit überträgt sich unmittelbar auf die Sehlust des Zuschauers.

Die Story hat noch ein paar Verwicklungen bereit. Jack ist Bodybuilderin und trainiert für eine Meisterschaft in Las Vegas. Sie wird von Lou mit Anabolika versorgt. JJ ist gewalttätig und nachdem er seine Frau krankenhausreif geprügelt hat – solche Verletzungen zu zeigen greift der Film gerne auch zu trashigen Mitteln –, haut sie ihm eine ins Gesicht, dass genügend Arbeit für die Maskenbildnerei angesagt gewesen sein muss. Der Schlag ist endgültig.

Mit der ersten Leiche verwandelt sich der Film ins leicht Moritatenhafte, denn weitere Leichen werden folgen. Stümperhafte Fehler bei der Entsorung der ersten Leiche durch die beiden sich liebenden Frauen Lou und Jackie führt die Polizei auf die Spur anderer Verbrechen. Auch die Mutter von Lou ist seit Jahren spurlos verschwunden – und nicht nur sie.

Die Bodybuilder-Meisterschaft gibt dem Film die Chance eines Extempores nach Las Vegas und dort nutzt er einen verkackten Auftritt von Lou für herrlich-trashige Fantasiebilder.

Alles nicht toternst gemeint, aber nie ohne Spaß. Der Film spielt Ende 89, einmal kommt der Fall der Mauer am Fernsehen; kein schlechtes Symbol für die Selbstbefreiung von Lou. Viel besser kann man sich Independant American Cinema nicht vorstellen.

Juliette im Frühling

Filmisches Poesiealbum über einen Besuch zuhause in der Provinz

Juliette (Izia Higelin) ist Kinderbuchillustratorin in Paris. Sie leidet an Depression. Deshalb nimmt sie sich eine Auszeit von einigen Tagen, um ihre Familie auf dem Dorf zu besuchen. Die ist modern zerrüttet, lebt in malerisch-idyllischer Gegend.

Oma ist gerade ins Altenheim gezogen; ihre Wohnung muss aufgelöst werden. Papa Léonard (Jea-Pierre Darroussin) hat sich von seiner zweiten Frau getrennt. Schwester Marylou (Sophie Guillemin) ist mit dem trockenen Stéphane verheiratet und hat feste Dates mit Adrien (Thomas de Pourquery), der im Tierkostüm kommt und dann treiben die fetten nackten Körper es schamlos und irgendwie doch als Augenweide im verglasten Gartenhaus.

Hier im Film von Blandine Lenoir, die mit Maud Ameline und Camille Jourdy nach deren Graphic Novel das Drehbuch geschrieben hat, schaut man darauf, dass immer die äußerliche Idylle sanft bis ironisch, nie aber brutal, mit den dunklen Seiten der Familie kontrastiert.

Das dürfte den Hauptreiz dieses Filmes ausmachen, der wie ein Poesiealbum so liebevoll direkt aus diesem ländlichen Leben berichtet. Das Anekdotische dominiert und macht den Film so glaubwürdig und liebenswert, so nah und herzlich.

Es gibt durchaus dramatische bis komische Momente, der Liebhaber von Marylou hat sich als Nachtgespenst verkleidet, dummerweise kommen die Kinder früher zurück und er kann nicht mehr aus dem Haus.

Eine sich anbahnende Liebesgeschichte gehört wie selbstverständlich dazu. Juliette möchte nochmal ihr Kinderzimmer sehen, das inzwischen untervermietet ist. Sie trifft auf Pollux (Salif Cissé), der ein Hündchen namens Norbert hat. Hier spinnt sich nicht nur Liebe an, hier darf auch ein süßes, kleines Entenkücken mitspielt, gegen so viel Schnuckeligkeit knallt immer mal wieder die schwarze Katze von der Dachrinne oder vom oberen Stockwerk auf den Gartentisch vor der Tür.

Es ist eine schön frisierte Welt, die Blandine Lenoir uns in Wimmelhaftigkeit vorführt, und dabei immer wieder auch das Unfrisierte, das Unfrisierbare ins Bewusstsein rückt, eine heile Welt mit Defekten und ab und an einer Wundversorgung oder einem Kaffee, der daneben gegossen wird oder eben der Katze, die vom Dach fällt.

Immerhin, die Kunst, die Kunst

Tiefes filmerzählerisches Unvermögen wird hier nett übertüncht mit inszenatorischem Hyperaktivismus, mit Fragmentarismus, Essayismus, mit Dialogen, die immer wieder mit Binsenweisheiten aus dem Kunstbereich gespickt sind, mit Theatralik, gängigem Chaos hinter der Bühne und bei den Proben, Gedanken von Kunstberufbeginners.

Das ist völlig ok, dass sich hier Studenten der DFFB austoben in den diversen Gewerken. Es ist auch ok, dass sie sich ein kunstnahes Thema aussuchen.

Es soll ein Theaterstück über Psychopharmaka geprobt und zur Aufführung gebracht werden. Ziemlich crazy, wenn auch wohl nicht allzu durchdacht, ist der Einfall, dass eine Psychiatrin ständig bei den Proben dabei ist und sich einmischt. Das hat Spannungspotential. Sie ist auch diejenige, bei der das Ensemble offenbar zur Klientel gehört und sich Tabletten verschreiben lässt.

Nicht allzu originell ist der Einfall, eine Darstellerin die Geliebte des Regisseurs sein zu lassen. Die spielen dann auch in einem Gitterbett eine Liebesszene, die mehr an eine Balgerei erinnert. Vielleicht wollen sie das eigene inszenatorische Unvermögen auf die Schippe nehmen.

Bemerkenswert ist, dass diese Darstellerin, also das Betthupferl des Regisseurs, die selbtverständlich von einer Hauptrolle träumt, wohl ständig anwesend ist auf der Bühne, aber als bettlägrige Patientin.

Was die Drehbuchautorinnen Katharina Bellena, Armin Marewski und Sylvia Schwarz wohl überhaupt nicht überlegt haben, wie das Stück, das hier im Film geprobt wird, aussehen würde. Sie sind offenbar nicht über den Punkt hinausgekommen, dass das Thema die Pharmazie sei, ihre schädlichen und abhängig machenden, verheerenden Einflüsse, ohne dass auch nur ein Minimum an Handlung, an Plot angedacht worden ist. Jedenfalls ist solches aus dem Probenprozess nicht erkennbar.

Es ist zweifellos viel künstlerisches Talent vorhanden in diesem Projekt, aber niemand sollte sich wundern, wenn der Film sich im harten Kinobetrieb nicht behaupten wird; das Publikum will Geschichten.

I. S. S.

Prickelnde Fantasie

zur Weltlage, die einen 90 Minuten in die Schwerlosigkeit entführt. Allein was Blutspritzer in einer Raumstation für eine poetische Symphonie aufführen!

Es ist eine Fantasie von Nick Shafir, in Szene gesetzt von Gabriela Cowperthwaite vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Situation zwischen der Großmacht USA und der (vermutlich wegen dem Ukraineverschleiss bald ehemaligen) Großmacht Russland.

Der Film bringt anfangs kurz eine Info über die I. S. S., dass hier russische und amerikanische Wissenschaftler zusammen Experimente im Weltall durchführen und dass sie jeweils mit russischen Sojus-Raketen hingebracht und wieder abgeholt werden.

Umumständlich schickt der Film gleich zu beginn zwei Austauschastronauten zur Raumstation, Dr. Kira Foster (Ariana DeBose) und Gordon Barrett (Chris Messina). Dort treffen sie auf Christian Cambell (John Gallagher Jr.), Weronika Vetrov (Maria Mashova) und auf die zwei weiteren Russen Nicholai (Costa Ronin) und Alexy (Pilou Asbaek). Sie bringen ein paar Geschenke mit, Zeichnungen von Kindern, Schockolade. Und irgendwo im Raumschiff ist auch Schnaps gebunkert.

Der Film schildert das ruhige Zusammenleben und Zusammenarbeiten dieser Crew. Am konkretesten sind Mäuseexperimente zu betrachten. Auch das ist ein Bild, was bleibt, wie die hilflos in der Schwerelosigkeit schweben. Aber auch auf Fitness wird wert gelegt. So entsteht eine hohe Glaubwürdigkeit. Die fängt an beim exzellenten Cast. Man nimmt den Darstellern die Wissenschaftler und den Ernst an den Experimenten ab.

Glaubwürdigkeit wird ferner erzielt durch eine plausible Ausstattung und Kleidung und durch das Schweben im Raum der Darsteller. Ein Detail dazu ist hilfreich: wie der Neuzugang Kira zum Schlafen am Bett festgezurrt wird und wie sie einen Kollegen beim Schlafen mit offenen Augen beobachtet.

Es sind ferner alltägliche Dialoge, teils auf Russisch, teils auf Englisch. All dies trägt vorerst zu einem unaufgeregten Kammerspiel bei. Und zwischendrin gibt es unseren Lieblingsplaneten Erde zu beobachten. Aber man bleibt konsequent in der klaustrophobischen Enge der Station.

Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine Fantasie. Diese lässt die Eskalation zwischen den USA und Russland auf der Erde in die Weltraumstation hineinwirken und auch dort eskalieren. Das stellt grundsätzliche Vertrauensfragen und setzt eine Dramatik in Gang, die nicht zuletzt wunderbar mit Urängsten und der ausgelieferten Situation im Weltall spielt und zum spannenden Kinoerlebnis beiträgt.

Go ahead, make my day.