Zeugin der Zeit: Marianne Koch – Mehr als ein Leben (ARD Mediathek, Freitag, 14. August 10.00 Uhr)

Und dann war ich der glücklichste Mensch“,

sagt Marianne Koch nicht etwa, wie sie in Hollywood und ein internationaler Filmstar war, überall auf der Welt drehte, nein, sie sagt das, jetzt im Rückblick auf ihr Leben im Interview mit Michaela Wilhelm-Fischer, redaktionell betreut von Helge Freund und Andrea Bräu, mit weit über 90 Jahren über die Zeit, wie sie die Filmerei hinter sich gelassen hatte und zum Beenden ihres Medizinstudiums – nach 20-jährigem Unterbruch – zugelassen worden ist; da war sie der glücklichste Mensch der Welt.

Dieses Interview wird ihr sicher gerechter als der anschleimende Lebenslinienbeitrag von 2018, der ihren Wunsch, die Glamour-Zeit auszuklammern, nicht respektiert hat.

Hier kommt die Starzeit als ein Teil ihres Lebens vor, wird wie die übrigen Punkte als einer von vielen behandelt, mit Bildern unterlegt, mit der einen oder anderen Anekdote geschmückt. Sie erzählt, wie sie das damals mitgenommen hat, gegen ein Feld von professionellen Schauspielerinnen als Mitbewerberinnen die Zusage für ihre erste Rolle erhalten zu haben.

Ausführlich kommt die Zeit der Kindheit, ihre Herkunft, die Familienverhältnisse zur Sprache, die nicht ohne Geheimnisse waren, die Nazizeit, Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder.

Ganz nebenbei hat sie eine erstaunliche, öffentlich-rechtliche Fernsehkarriere hingelegt, anfänglich in Talkshows, später im Gesundheitsbereich, neben der Filmschauspielerei, dann neben dem Medizinstudium und daraufhin neben dem Praktizieren als Ärztin.

Sie ist mit ihren weit über 90 Jahren eine hellwache Person; ein Mensch, der sich offenbar weder durch Filmstarruhm noch durch TV-Promitum in irgend einer Weise hat irritieren oder käuflich werden lassen. Ein Mensch, dessen Rückblick auf das eigenes Leben einen spannenden Einblick in die letzten 90 Jahre dieses Landes bietet, so weit das in knapp einer Stunde möglich ist.

Anlass für die Sendung dürfte ihr bevorstehender Geburtstag am 19. August sein.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass dieses demokratische Gemeinschaftswerk eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks sozial unfair zulasten einkommensschwacher Haushalte finanziert wird.

Vergessen wir nicht, dieser öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde einst gegründet, damit nie wieder extremistische, die Demokratie gefährdende Entwicklungen passieren würden; jetzt haben wir diesen fetten öffentlich-rechtlich 10-Milliarden Rundfunk und gleichzeitig das Umfragehoch einer Partei, die zumindest in Teilen „als gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird.

Kommentar zu den Reviews vom 13. August 2026

Im Kino neu gibt es eine bunte Spätsommerpalette an Angeboten. Regionales aus bayerischen Landen. Verwirrendes mit System aus Japan. Italien betrachtet das Verhältnis von Sex und Herrschaft an einem Beispiel aus den 60ern. Ein Ami ergötzt sich skrupulös an ungezügelten Dorfidyll-Fantasien. Ein Bangkoker Movie lässt sich durch die Nacht treiben. Ein UK-Movie lässt sich auf ein besonders diffiziles Coming-of-Age ein. Eine Deutsche nimmt sich das vielleicht elementarste Verhältnis im Leben vor und könnte es wohl stundenlang weiter untersuchen. In Skandinavien hat einer ein Mittel gegen die Dürre gefunden. Ein deutscher Nachwuchsfilmer sortiert ein paar Probleme mit KI. Eine israelische Künstlerin stellt dar, wie ihr die Politik übel mitgespielt hat. Auf DVD findet sich bei einem eiskalten Killer ein Tröpfchen Herzenswärme.

Kino
STECKERLFISCHFIASKO
Wenn das Miachdln nicht von der Leiche stammt.

EXIT 8
Sich in den Welten von M. C. Escher verlaufen

THE EYES OF OTHERS
Materialismus und Sex in den italienischen 60ern

THE END OF OAK STREET
Der heilen Vorstadtidyllenwelt eins auswischen.

FUNERAL CASINO BLUES
Nächtliches aus Bangkok

SUNNY DANCER
Liebes-/Lebenshunger und Todesnähe

IM SPIEGEL MEINER MUTTER
Die unerschöpfliche Abraumhalde Mutter-Tochter-Komplex

DER REGENMEISTER
Geschichten aus Skurrilinavien

FINDING CONNECTION
In der KI verstöpselt

NOGA
Eine Künstlerin zwischen allen politischen Stühlen empfindet das zu Recht als Unrecht.

DVD
SHELTER
Wenn das „Gepäck“ für einen kalten Killer zum Menschen wird.

The End of Oak Street

Heiße Fantasien gegen die Familienidylle

Für fantasievolle Menschen scheint es nichts Langweiligeres zu geben als das perfekte Familienleben im Wohnviertel eines Kleinstädtchens mit lauter Einfamilienhäuschen.

Diese Traumfamilie, das sind Papa Greg Platt (Ewan McGregor), Mama Denise Platt (Anne Hathaway), der 13-jährige Sohn Brian (Christian Convery) und die ältere Schwester Audrey (Maisy Stella) dazu Hund Starbucks.

Für eine Frau wie Denise ist das eindeutig Unterforderung. Heimlich schreibt sie im Keller an einem Buch. Es dürfte Fantasy sein. Einer kompetenten Nachbarin (Anne Gee Byrd) zeigt Denise ihr Script und bekommt es belobigt.

Wie es so ist mit nicht veröffentlichten Fantasien, sie können Eigenleben entwickeln und so ein Dorf, ein Siedlung ganz schön durcheinanderrütteln. Es fängt mit kleinen Phänomen an. So nach einer halben Filmstunde des angenehm kurzen Fantasy-Horror-Streifens und des ordentlichen Quartierlebens gibt es die ersten Merkwürdigkeiten.

Nachbar Mel (P. J. Byrne), der wegen dem Hund auf die Platts eh nicht gut zu sprechen ist, findet eines Morgens einen enormen Kackhaufen in seinem Garten. Von Starbucks kann der nicht sein, aber Byrne beschuldigt die Patts. Sohn Brian hört in der Nacht merkwürdige Geräusche, als ob ein Helikopter landet und sieht helles Licht wie ein Blitz.

Hier stellt sich eine Zusatzfrage, ob vielleicht das Coming-of-Age es ist mit seinem besonderen Faible für übersinnliche Phänome ist, das eine Rolle spielt, nicht nur beim Buben, der ein Mann werden soll/wird, sondern auch bei den Eltern, speziell bei der schreibenden Mutter.

Wie skrupulös David Robert Mitchell an seiner Filmfantasie gearbeitet hat, zeigen die anfänglichen Szenen. In diesen ist Quartierleben mit den Anwohnern vermischt mit Zweier-Szenen der Protagonisten-Familie, mit deren Herausheben aus der Menge und auch deren Vorstellung für den Zuschauer. Da ist eine verblüffende, atmosphärische Disruption der Continuity festzustellen. Die aber weiter nicht stört. Weil der Filmmensch so bedacht seine Geschichte in Gang setzt.

Die Disruption zeigt sich deutlich; die Zweier- oder Einzelszene sind in anderer Stimmung gedreht als die Gruppenszenen. Da kann auch eine gewisse Durchgängikeit der Tonspur nicht drüber hinwegtäuschen. Stört aber nicht, weil die Bild- und Szenenfolgen den Zuschauer immer mehr hineinziehen in dieses Überhandnehmen unglaublicher, unfassbarer Phänomene und das langsame oder plötzlich Eindringen einer Urzeit in diese wunderbaren späten 60er oder frühen 70er Jahre (Zeithinweise geben ein Buch von Neil Armstron über die erste Mondlandung, die war 1969 oder ein Plakat für Kubricks „2001: Odysse im Weltraum“, der 1968 ins Kino kam).

Ähnlich gestrickt ist eine anderer Film, der grad vor einer Woche angelaufen ist: The Ice Cream Man. Auch bei Mitchell kommt der Eiswagen vor; der liegt nach einer Saurierattacke demoliert auf einem Rasenstück. Auf dem Dach hat er nicht die Eismannfigur, aber ein schönes Eis im Cornett.

Die mentale Lage der beiden Filmen dürfte ähnlich sein, die ruhige Provinz und ein tiefes Bedürfnis, gegen die anödende Langeweile einen Stein oder Dreck auf die glatte Oberfläche zu werfen. Es ist wie ein Reflex gegen jegliche Art unnatürlicher Organisations- und Ordnungsprinzipien, gegen die Herrschaft des Spießigen.

Es bleibt Raum für weitere Interpretationen: man könnte auf die Idee kollektiver Psychosen zurückgreifen oder auch, dass je friedlicher ein Mensch es hat, es ihn umso mehr kitztelt, seine Urängste zu befragen, letztlich vor der Vergänglichkeit, vor der Unbeständigkeit und dass dieses friedliche Leben nicht ewig so weitergehen könne. Heute sehen wir, dass dieses heile Amerika gar nicht so heil ist. Es kommt an einer Stelle auch die Frage nach dem Glauben an Gott vor. Der tut das Seinige.

Finding Connection

Die Stöpsel im Ohr,

die sind die materielle Verbindung zur KI. Das ist inzwischen auch ein häufiges Frusterlebnis. Man guckt jemanden an, man lächelt, man fängt ein Gespräch an, das können Bekannte sein oder Unbekannte, man merkt, dass sie einen nicht verstehen, man intensiviert seine Gesprächsbemühung und dann ziehen die Angesprochenen lächelnd die Stöpsel, die vielleicht unter Frisur oder Mütze versteckt sind, aus dem Ohr. Die waren also anderweitig connected und unansprechbar.

Das kann gut und gern, wie wir aus diesem Film von Florian Karner von der Filmakademie Baden-Württemberg lernen, die KI gewesen sein. Die Stimmen aus den Stöpseln kommen uns inzwischen bekannt vor von Navis, Computersprachkursen oder auch aus Filmen, in denen die KI zu sprechen anfängt, wenn jemand seine Wohnung betritt.

Die Stöpsel im Ohr sind ein zwiespältiges Ding: sie können einerseits Kommunkation ermöglichen, andererseits aber auch den Menschen isolieren. Von dieser Erfahrung berichtet dieser Film, vom Umgang mit einem Tool, was menschlichen Kontakt zu ersetzen vorgibt, was sich aber auch am Empfänger trainiert.

Der Film zeigt einige Menschen, isoliert, die sich auf eine KI-Beziehung eingelassen haben. Die Kis heißen: Star, Randy, Trudy und Kira. Das hat der Film Her mit Joaquin Phoenix bislang unübertroffen dargestellt. Aber auch die junge Generation von Fimemachern muss sich damit auseinandersetzen. Was den Phoenix-Film so spannend machte, war, dass der Protagonist eine Beziehung gesucht hat.

Der Film hier ventiliert eher im Sinne eines Erfahrungsberichtes, wie es verschiedenen Darstellern damit erging. Er gibt sich mehr als ein Fachfilm aus. Was ihm fehlt, das ist eine Geschichte, die einen interessieren würde, die einen Anfang und ein Ende hat, die eine Entwicklung zeigt, die Spannung erzeugt, ob etwas gelingt, und wenn ja, wie.

Hier sind die Figuren mal beim Einkaufen, mal in einer Mondlandschaft, dann im Flugsimulator sie unterhalten sich über die Stöpsel im Ohr mit ihrer KI, sie sind am Meer, auf dem Fußballplatz oder auf dem Weihnachtsmarkt, gucken sich künstliche Brunnenfontänen an. Das mag beispielhaft sein, das mag den Fachmenschen interessieren, ergibt aber keine Story.

Es dauert fast 20 Minuten, bis eine erste Begegnung von zwei realen Menschen stattfindet. Sie bleibt beliebig, austauschbar; sie ist nicht der Ausgangspunkt für eine Abenteuerreise, für Erzählenswertes. Von der Bildqualität sieht der Film sehr clean aus; macht aber auch verständlich, warum manche Filmemacher sich gern wieder dem Zelluloid zuwenden.

Hier sind Menschen, die vor allem allein sind in ihrer Einsamkeit, die über die Stöpsel im Ohr einen Ratschlag gegen Depression erhalten können. Kurios ist das Gespräch zwischen einer Protagonistin, ihrer Mutter und der KI als Schwiegersohn.
Ein Fachfilm.

Im Spiegel meiner Mutter

Der innere Buckel,

das ist das, was Corinna Harfouch als Ursula Scheuer zu spielen hat in diesem tief feministischen Film von Jutta Brückner – im Sinne, dass es konsequent um die Befindlichkeit der Frau geht hinsichtlich des Verhältnisses der Abhängigkeit von der Mutter. Corinna Harfouch tut das mit ihren bekannten Mitteln; gegen Ende des Filmes scheint es, als ob dieser innere Buckel etwas dahingeschmolzen sei, als ob sie sich befreit habe davon. Das kann arbeitstechnisch bedingt sein, durch den Prozess gemeinsamen Filmens über Tage und Wochen.

Anfangs ist Corinna Harfouch wie immer, wenn sie Aufwachen spielt, dann ist offensichtlich, dass sie Aufwachen spielt, oder wenn sie Rumschauen spielt, dann spielt sie ersichtlich Rumschauen oder wenn sie leere Koffer – solche ohne inneren Buckel – schwingt. Das oder auch die permanent deutlich wahrnehmbare, perfekte Gesichtsschminke oder auch die oft merkwürdig deplatziert wirkenden Kostüme, bleiben nebensächlich neben der ernsthaften Untersuchung der Autorin und Filmemacherin einer traumatischen Mutter-Tochter-Beziehung.

Die Mutter (Hildegard Schmahl) stirbt im Pflegeheim. In ihrer Wohnung sind die Möbel abgehängt. Zwei Tage nach dem Tod ist bereits alles Geschirr ausgeräumt. Diese Inneneinrichtung wirkt mehr wie eine künstlerisch-symbolische Aktion denn wie Realismus.

Auch der katalysierende Side-Kick Sylvia (Nina Kunzendorf) als Assi im Institut für Archäologie und Ethnologie, an welchem Scheuer lehrt, ist für die gedankliche Betrachtung und Analyse der unendlichen Fundgrube, die eine Mutter-Tochter-Beziehung bietet, hilfreich, in keiner Weise für irgendeinen Handlungsstrang.

Der Film benutzt die Assi zudem als Hinweis auf die prekäre Situation solcher Positionen. Sie schläft mir ihrem Hund im streng geschützten und gesicherten Untersuchungsraum der Moorleiche. Auch diese ist vor allem als Bild zu sehen. Achtung Spoiler: es wird sich um eine Mutter mit Kind handeln. Anfangs sind Geschlecht und Todesursache noch nicht klar. Die Leiche muss sorgfältig mit einem Pinsel vom Erdreich gesäubert werden. Der Film trieft vor Symbolik.

Auch der Zustand der universitären Forschung wird symbolisch als katastrophal gezeigt. Überall Plastikplanen, weil das Institut umgebaut wird, und ein Baulärm sondergleichen, von der Filmmaschinerie deutlich über eine realistische Situation hinaus gezeichnet.

Die Männer spielen keine, kaum eine oder nur blasse Rollen. Ein Samuel Finzi hat gar nur eine Art Platzhalterposition am Tisch des Unigremiums. Der Vater von Scheuer ist nicht mehr als kaum wahrnehmbare Erinnerung. Ein paar Studenten gibt’s noch. Füllmaterial.

Lastende Erkenntnissätze zur Abhängigkeit der Tochter von der Mutter oder wie die Mutter die Tochter in Besitz nimmt, in Besitz zu nehmen versucht. Trotzdem möchte die Tochter eine Obduktion der Leiche der Mutter verhindern. Fett symbolisch neben der Moorleiche wird bei der Vorstellung der Assistentin ein Steinkind im Bild platziert. Und die Info darüber, was das ist.

Der Film ist weniger Geschichte denn der Versuch einer Auslegordnung einer Kindheit, einer Übersicht über gegenseitig offene Rechnungen, über das gegenseitige Betteln um Liebe; dann wieder der Rückgriff auf Kunst, die mit Darstellungen von Vulven Skandal zu machen pflegte und MILF: Mother I Like to Fuck. Das Antiödipus-Thema. Der fett symbolische, rote Gartenschlauch. Fragen zu Liebe und dem Alleinsein. Die Fundgrube des Themenkomplexes ist unerschöpflich. Ein paar Fundstücke daraus werden hier kinematographisch gediegen präsentiert.

Noga

Auf dem politischen Minenfeld

In Israel gilt sie als regierungskritisch. Erntet aber einen Shitstorm, wenn sie eine positive Äußerung zum BDS von sich gibt. Nach dem neuen Gazakrieg wird von ihr international ein Statement zu dessen Verurteilung erwartet, andernfalls werden Konzerte gecancelt. Das werden sie auch, allein weil sie aus Israel ist.

Diese in vielem übliche Musikdoku von Jono & Benji Bergmann, die vor allem auf eine fette Homestory der Liebesgeschichte zwischen Noga und ihrem Freund und kreativen Co-Künster Ori setzt, die aber wohltuend auf jegliche Talking Heads verzichtet, unterscheidet sich von anderen durch den heißen politischen Hintergrund, das blutige und grausame Attentat der Palästinenser vom 7. Oktober 2023 und den noch viel blutigeren Vergeltungskrieg von Israel auf Gaza, Massenmorde inklusive, der bis heute nicht beendet ist.

Der Film fängt 2023 noch vor dem 7. Oktober an. Noga, die mit ihrer besonders aparten Frisur und mit teils japanisch angehauchten Klamotten auffällt, denkt über ihre Zukunft nach. Sie meint, die nächsten fünf Jahre seien die entscheidenden. Wir interpretieren das so, ob sie den großen internationalen Durchbruch schafft. Sie ist auf dem Weg dazu. Amerika lockt. Konzerte dort. Von unserem bescheidenen laienhaften Standpunkt aus, hat sie die Qualitäten und die Ausstrahlung für so eine Karriere; das zeigt der Film mit Videoclips aus ihren Alben, mit Konzertauftritten, mit Nahaufnahmen, wie sie mit ihrem Freund an Songs arbeitet. Sie steckt dafür auch den privaten Kinderwunsch zurück.

Im Film ist ein weiteres Thema der Beziehungsclinch zu Ori. Dann kommt der blutige Terroranschlag dawischen. Sie soll politische Statements abgeben, lässt sich dazu nicht drängen. So sitzt sie zwischen allen Stühlen. Keinem kann sie es recht machen. In Israel wird sie kritisert und im Rest der Welt werden die Aufführungen gestrichen. Dass sie das als ein Unrecht empfindet, streicht der Film deutlich heraus.

Sie bleibt in Israel. Das scheint die Beziehung zu Oris zu kitten und vor allem den Weg für den Kinderwunsch frei gemacht zu haben. So hält die Homestory des Filmes eine süße Überraschung bereit. Insofern ein nicht ganz üblicher PR-Film für eine Popmusikerin, obwohl sie maßgeblich zu zweit sind, spielt der Mann wie beim Ballet, die Nebenrolle, wo er vor allem für die Hebungen der Primadonna zuständig ist.

Sunny Dancer

CRF-Camp,

kurz nennen sie es Chemo-Camp. Das sind junge Menschen bis 18 Jahre, die bereits eine Leukämie und Chemotherapie oder gar eine Knochmarktransplantation überlebt haben.

Patrick (Patrick Harris) ist der Leiter dieser vierwöchigen Sommererfahrung für die jungen Menschen irgendwo auf dem Land in Schottland. Ivy (Bella Ramsey) ist in diesem Film von George Jacques die Hauptfigur. Sie lebt nach erfolgreicher Chemo wieder bei ihren Eltern, Bob (James Norton) und der extrovertierten, überfürsorglichen Mutter Karen (Jessica Gunning).

Ivy ist ein geradeaus Typ, der sagt, was sie denkt, voller Misstrauen gegen die Menschen, widerborstig bis zum geht nicht mehr. Die Eltern wollen ihr mit dem Camp Gutes tun. Widerwillig lässt sie sich schließlich hinchauffieren.

Die Mutter führt sich gleich bei der ersten Begegnung mit den Leuten im Camp unmöglich auf. Ivy kommt in eine Hütte mit Ella (Ruby Stokes). Ella ist ständig im Internet zugange, will alles posten. Ivy ist da reservierter. Was die beiden miteinander und mit allen anderen Campteilnehmern verbindet, ist dieser fickrige Zustand der späteren Pubertät, wo der Hunger nach dem ersten Sexerlebnis sich kaum mehr im Zaum halten lässt. Da ist alles ein Tick aufgeregter, also auch das Spiel der Schauspieler. Dadurch entsteht eine starke Authentizität, die noch vom Drehbuch unterfüttert wird, das sich vermutlich auf reale Erlebnisse stützt.

Im Camp ist auch eine Psychologin, Lucy (Shalom Berune-Franklin), mit der man sich bei Problemen besprechen kann. Und dann sind da all die attraktiven Jungs, im Leitungsteam und unter den Teilnehmern.

Bei einem Überlebenscamp, zu dem sie im Boot und ohne Erwachsene hinpaddeln, campen sogar je ein Junge mit einem Mädchen im Zweierzelt. Da sind dann manche Dinge nicht mehr aufzuhalten. Ivy ist mit Ralph (Earl Cave) zusammen. Nach dem Lösen des Kondomproblems, früher kam schon ausführlich das Thema Tampon zur Sprache, geht es zur Sache.

Ausgerechnet Ralph muss frühzeitig abreisen wegen einer Verschlechterung seiner Werte. Für die Medikamentenverteilung ist Brenda (Josie Walker) zuständig. Sie ist das Gegenstück zur aufgeregt erotisierten Jugend.

Herrlich ist die Szene, wie Ivy eine Influencerin (Kat Murphy), die für einen Gastvortrag eingeladen ist, Paroli bietet und sie irritiert aussehen lässt. Es gibt aber auch ernsthaft-informative Gespräche über die Krankheit, den Umgang damit, vor allem darüber, wie zu leben nach erfolgreicher Chemo. Es ist ein roughes Leben noch in der Formung befindlicher Menschen mit besonderen Schicksalen, was hautnah geschildert wird. Die Jugend wirkt umso lebenssprühender, als sie zu diesem Zeitpunkt des Lebens, wo Liebe und Tod besonders nah beieinander liegen, dem Tod bereits einmal ein Stück näher gerückt, ihm aber von der Schippe gesprungen ist.

Exit 8

Anomalie und Orientierung
Vermutlich: inspired by M. C. Escher

Ein Labyrinthfilm, ein Schlaufenfilm, ein Symbolfilm für „Gefangen in der Routine und der Wiederholung“ in den Ganglien einer U-Bahnstation.

An einer Stelle, an der die Protagonisten Kazunari Ninomiya, Yamato Kochi, Naru Asanuma und Kotone Hanase in je verschiedenen Phasen des Filmes immer wieder vorbeikommen, allein, oder sich begegen, oder auch zu zweit, hängen Poster an der Wand. Die werden von den Passanten, die sich hier verlaufen, zur Orientierung und vor allem zur Feststellung, ob Anomalitäten vorliegen, benutzt.

Das erste Poster wirbt für einen Anwalt, das zweite für eine Ausstellung von Maurits Escher, das dritte für einen Zahnarzt, das vierte für einen Schönheitschirurgen, das fünfte bietet Stellenangebote und das sechste ist ein moralisches, das ordentlichen Benimm in den U-Bahnstation anmahnt.

Das Plakat mit der Werbung für eine Ausstellung mit Werken von M. C. Escher dürfte als Schlüssel für den Film oder auch als ein Hinweis auf die Inspiration des Filmemachers Genki Kawamura, der mit Kotake Create und Kentaro Hirase auch das Drehbuch geschrieben hat, gelesen werden.

Es ist eine Welt der optischen Täuschungen und multipler Wahrnehmungsphänomene von endlosen Treppen, von Perpetuum Mobiles, von Schleifen und Wiederholungen. Sie können als psychische Phänomene gelesen werden.

In so eine Welt gelangen die Protagonisten. Ausgangssituation ist ein junger Mann in der proppevollen U-Bahn in Tokio. Er dürfte auf dem Nachhauseweg sein. Wechselweise hat er diese kleinen Stöpsel in den Ohren, die ihn vom Lärm der Umwelt abschirmen und zu einer anderen Welt connecten (ein anderer Film zu dem Thema startet heute in den Kinos: Finding Connection). Wenn er sie abnimmt, lässt sich die Kamera von einer sitzenden Mutter mit Baby im Arm gefangennehmen. Das Baby schreit und schreit, ist nicht zu beruhigen. Ein der Mutter gegenüber stehender Herr regt sich auf, wird seinerseits laut. Der entferntere junge Mann steckt sich die In-Ear-Kopfhörer rein.

Die Grundkostellation ist die der Familie. Die spiegelt sich im Labyrinth der Gänge wieder, in das sich zuerst der junge Mann verläuft, immer kommt er wieder an die Stelle mit dem Wegweiser zu Ausgang 8. Da kommt ihm regelmäßig ein anderer Mann entgegen. Wiederholung, nach Nietzsche, des ewig Gleichen. Später ist ein Bub dabei. Und noch später wird sich eine junge Frau in diese Schleifen einbringen.

Wohldosiert gibt es Abwechslungen, mal gibt es eine Treppe, nach oben oder auch nach unten, einmal blutet es von der Decke, es gibt Geräusche aus einem Technikraum, Ertrinkungs-, Untergangsfantasien, alles geht unter, alles geht verloren, dann wieder Momente familiären Glückes am Meer. Artikulation von Urängsten.

Der Bolero von Ravel, der anfangs auf die Tonspur gesetzt ist, signalisiert bereits eine Wiederholung des ewig gleichen. Einmal gibt es schreckliche Bilder von genmanipulierten Mäusen. So ein Film ist ein Spiel und ein Trietzen mit vermeintlichen Sicherheiten, vermeintlichen Zuverlässigkeiten, die eine Routine bietet, und fordert sie heraus.

Funeral Casino Blues

Nächte in Bangkok

Die Filmgeschichte ist jetzt schon über eineinhalb Jahrhunderte alt. Da kommt einiges zusammen. Und es wird so viel und an so vielen Orten produziert wie noch nie. Es sind so viele Filme abruf- und verfügbar wie noch nie. Ein Regisseur, der heute einen Film macht, kann sich also unendlich vielen Einflüssen ausgesetzt haben und es dürfte immer schwieriger werden, diese präzise und stimmig zu analysieren, denn Einflüsse pflanzen sich über die Generationen fort.

Hier im Film von Roderick Warich nach Geschichten von ihm und Dominik Rockenmaier, der in Bangkok spielt, wäre vielleicht als einer von vielen und unterschiedlichen Anstoß- und Impulsgebern ein David Lynch mit seiner Serie „Hotel Room“ denkbar, aber gerade so gut „Fahrstuhl zum Schafott“ mit Jeanne Moreau, die durch das nächtliche Paris streift.

Mystery- und Traumahaftes umschwebt und hüllt sie ein, die beiden Protagonisten Jen (Jutamat Lamoon) und Wason (Wason Dokkathum). Sie leben in der Nacht von Bangkok. Sie sind im Bangkok City Hotel zugange.

An der Rezeption arbeiten Phi Boy (Chaiwat Bualuang) und Fai (Chayanee Choomnoommanee). Er frißt ständig Chips. Später im Film hat er einen Traum, einen Horrortraum, der mit den Bewachungskameras zusammenhängt: Türen öffnen und schließen sich wie von unsichtbarer Hand.

Der Film geht sparsam um mit justiziablen Infos über sein Personal. Jen und Wason leiden unter Geldproblemen. Jen und auch ihre Freundin Pim (Jutarat Burinok), das müsste die mit der Brille sein, die Vapes raucht, verdienen sich ein Geld, indem sie sich mit Ausländern treffen und sich dafür ein Geld geben lassen. Sie bandeln in Bars an, chatten pausenlos. Jen kommt vom Dorf und ihre Familie fordert ständig Geld, einen Grund gibt es immer, eine Krankheit, Diabetes.

Der Film verweigert sich standhaft dem Versuch, ihn in ein rationales, nacherzählbares Gerüst zu pressen. Das ist eine Qualität. Er zeigt Stilwillen zum einen in der Farbgebung, die das Monochrome liebt, speziell Rot- und Blaufilter, Eindruck von Neonlicht, monochrome Flächen an Wänden, monochrome Stoffe und da es ein Nachtfilm ist mit dem Auge für Lichter aller Art, zum anderen auf der Tonspur die Sound-Waves mit Tönen aus dem Alltag der Stadt oder des Landes vermischt und verändert. Er arbeitet mit Sprüngen in der Erzählung, in Sicht- und Positionswechseln.

Es ist eine Milieuschilderung, die sich den Nachtmenschen einer Millionenstadt und ihrem Überlebenskampf widmet, die die Schönheit der Nacht genau so sieht wie das Bedrohliche, das Beängstigende.

Die Handlung dreht sich primär ums Geld, um Schulden. Eine Pistole kommt vor und dann noch eine. Es gibt Ansätze für einen Kriminalfall. Jen ist plötzlich verschwunden, ihr Auto und die Goldkette, die Wason ihr geschenkt hatte, finden sich bei anderen, nicht gerade Vertrauen erweckenden Menschen wieder. Ansätze von Wildwest schleichen sich in den Film.

Das Verhältnis von Wason zu Jen bleibt geheimnisvoll, mal muss er als ihr Bruder fungieren, als ihr Beschützer tritt er auf. Der Film ist in drei Kapitel gegliedert: „Why do birds suddenly appear!“, „Mama, there’s wolves in the house …“, „Room 516“.

The Eyes of Others

Italienische Dekadenz der 60er

Kinematographisch angelehnt, sicher im Sinne der Verehrung, an das große italienische Kino der 60er Jahre – und auch inhaltlich dürften sich Schnittmengen finden – schildert Andreas de Sica (ein Neffe des berühmten Vittorio de Sica) inspiriert „nach wahren Begebenheiten“ und mit Fantasie angereichert das Leben des Marquis Lelio (Filippo Timi) über die Dekade der 60er.

Der offenbar endlos reiche Marquis lebt mit Gattin Elena (Jasmine Trinca) mit einigem Personal auf einer Insel in der Nähe von Neapel. Seine Hobbies sind die Jagd, das Veranstalten von Gesellschaften und das voyeuristische Filmen seiner Frau beim Sex mit ihm oder mit ihm und mit Cesare (Matteo Olivetti) oder sie beim Sex mit gut gebauten italienischen Ragazzi in einer Venusgrotte.

Der Marquis glaubt, er kann sich alles leisten, alles kaufen.

Der Film schaut punktuell auf der Insel vorbei. Einmal vergnügt sich der Marquis nächtens mit der Frau eines Gastes in der Jagdhütte. Dabei wird er von einem treuen Diener – wohl wissentlich – beobachtet.

Frivoler geht es in einem anderen Sommer zu. Nacktbaden im Meer, die Grottengeschichte. Wie die Bedienstete Teresa (Maria Giulia Toscano) schwanger ist, will der Marquis ihr und Silverio (Gennaro Apicella) das Kind abkaufen, da er mit seiner Frau offenbar keine bekommen kann.

Ein ander Mal schießt der Marquis auf Touristen, die auf der Insel anlanden wollen. Eine Krise in der Ehe kann die Krankheit von Elena auslösen. Es folgt die Zeit des Dreiervergnügens mit Cesare. Sie verlässt Lelio wegen Cesare.

Am Sylvester am Ende der Dekade findet der Countdown des plötzlich sehr ernsten Beziehungsclinches anlässlich einer großen Gesellschaft mit Maskenball statt; bei dem sollen die Teilnehmenden direkt ihre Sexfantasien schildern.

Andrea de Sica präpariert diese Geschichte einfach gebürstet zu, psychologische Tiefe oder Doppelbödigkeit interessieren ihn nicht, er reduziert sich auf die Position eines Chronisten, der die frivolen und pikanten Moment pointiert herauspickt.

Go ahead, make my day.