Kommentar zu den Reviews vom 14. Oktober 2021

Heute gibt’s viel zu kritisieren, aber nicht nur krittelnd, auch höchstlobend.

AUF ALLES, WAS UNS GLÜCKLICH MACHT
Mehr als nur ein ganzes Leben

THE LAST DUEL
Vergewaltigung muss öffentlich gemacht werden.

SUPERNOVA
Doppeltintensiv gespielte doppelte Männerliebe

BOSS BABY – SCHLUSS MIT KINDERGARTEN
Das Leben als Rückfahrkarte zurück zur Kindheit – das wärs.

LOBSTER SOUP – DAS ENTSPANNTESTE CAFE DER WELT
Diesem isländischen Café flicht der Filmemacher ein Kränzchen.

ICE ROAD
Was tun mit alterndem Action-Star mit faszinierendem Gesicht?

DEAR FUTURE CHILDREN
Vergeblich, so vergeblich diese Proteste

FLY
Halb fliege ich, halb flieg ich hin.

ENDLICH TACHELES
Kann man aus einem historischen Scheißhaufen ein Spiel entwickeln?

ES IST NUR EINE PHASE, HASE
Was haben die Filmfördergremien über die Hygieneprobleme von Midlife-Männern gelacht.

DIE SCHULE DER MAGISCHEN TIERE
Das Kino als Bastelmaterial missverstanden

Boss Baby – Schluss mit Kindergarten

Nervös und aufgeregt

plaunzen und kullern die Fragmente aus Bildung und Business über die Leinwand inmitten von pausenlosem Slapstick und einer grundsoliden Familiengeschichte, wie es sich für das amerikanische Unterhaltungskino gehört, fiktional oder animiert.

Als ob die Macher den Kopf gerade voll mit einer Bildungsbombe, sei es Abitur oder Business, vollgestopft hätten und jetzt zur Abreaktion Ulk und Unsinn damit treiben wollen und sich mächtig amüsieren dabei.

Das sind als Regisseur Tom McGrath, der mit Michael McCuller auch das Drehbuch nach den Büchern von Marla Frazee geschrieben hat. Es ist die Perspektive desjenigen, der die Bildung hinter und das Leben vor sich hat, also den Ernst des Lebens, das Karriereziel im Auge, dieses schon hochrechnen kann, so wie Bruder Ted von Hauptfigur Tim.

Ein Gedankenexperiment in Comic-Form. Explizit die Erkenntnis, dass das Leben eine Einbahnstraße sei, also dass es kein Zurück zum Kind gibt. Implizit die Leibnizsche Monadenerkenntnis, dass im Kleinsten Teil das Ganze schon erhalten sein müsse, also im Kleinkind bereits der Erwachsene.

Und da das Kino, speziell das Animationskino, immer schon mehr konnte als das Leben, wird hier fulminant hin und hergesprungen, im Baby schon der Erwachsene gesehen oder aus dem Erwachsenen schält sich das Baby heraus.

Es kommt die häusliche Weihnachtsfeier, in die hinein der reiche Onkel mit geldscheinaufwirbelndem Helikopter landet, trickreich herbeigerufen, genau so wie die irrste Showwelt, die Manipulation mit Computer und Internet, so dass der zentrale Server abgestellt werden muss, um gleich die Welt zu retten, die Schule selber, die eine Wahnsinnsschule ist und in der auch noch ein Weihnachtsspiel, eine Weihnachtsshow eingeübt werden muss.

Eine vor Zeichnerkreativität nur so strotzende Verarbeitung oder auch Abwehr des Alterungsthemas. Was nichts daran ändert, dass der Zuschauer nach dem Film an die zwei Stunden gealtert ist. Aber mit einer gehörigen Ladung an Bildturbulenzen und Bildungsfragmenten intus – und vielleicht sogar am Philosophennerv gekitztelt.

The Last Duel

Drastisch-schauderlich spannendes Votum gegen das Verschweigen von Vergewaltigung.

Brillant inszeniert Ridley Scott eine höfische Geschichte aus dem Spätmittelalter, die Nicole Holofcener, Ben Affleck und Matt Damon zum Drehbuch umgearbeitet haben und deren unübersehbar heutiges Need die Message ist, dass Frauen eine erlittene Vergewaltigung nicht verschweigen, sondern an die Öffentlichkeit bringen sollen, sonst kann es ungemütlich werden.

Andererseits wird es im Spätmittelalter Frankreichs genau so ungemütlich, aber hier mit glücklichem Ende, einigermaßen glücklichem Ende.

Die Geschichte ist klar strukturiert. Sie wird in drei Kapiteln aus je der Perspektive einer von dieser Vergewaltigung betroffenen Personen erzählt. Dann kommt es zur Gerichtsverhandlung, auf die das Duell folgt, bei dem es nur einen Überlebenden geben darf, was Ridley Scott wiederum grandios und atemberaubend inszeniert, so dass der französische König Charles VI (Alex Lawther) sich kindisch amüsieren darf.

Die Hauptfiguren sind Jodie Comer als Marguerite de Carrouges, Matt Damon als ihr Gatte Jean de Carrouges und Adam Driver als Jacques LeGris.

Marguerite ist die aufrechte, ehrliche, treue Ehefrau, der nicht einmal der Gedanke eines Seitensprunges in den Sinn kommen würde; ja sie ist auch sehr tüchtig, auf dem Schloss ihres Mannes, wenn der grad mal wieder auf einem Schlachtfeld in Ritterrüstung hoch zu Pferd sich austobt, während sie die Hauswirtschaft in Ordnung bringt. Ihr Problem ist, dass bei den Geschlechtsaktsbemühungen ihres Mannes ein Kind nicht zustande kommt, was der Sinn der Eheschließung war.

Ihr Mann Jean ist eine typische Matt-Damon-Figur: der vielleicht etwas einfach gestrickte, gradlinige Typ, dumpf zielbewusst und ergeben, fern jeglicher Erotik oder Verführungskunst, dafür umso sensibler, wenn es um Gerechtigkeit geht, wenn ihm ein ihm zustehendes Grundstück nicht zugeteilt wird von seinem Lehensherrn, dem Grafen Pierre d’Alencon (Ben Affleck) oder erst recht, wenn es um eine Vergewaltigung geht. Jean ist der Typ, dem die Gesellschaft sein Beharren auf Recht um die Ohren wirft, sie empfindet das als undiplomatisch; er verdirbt es sich so erst recht mit dem Grafen.

Der LeGris von Adam Driver mit langem schwarzlockigem Haar ist der undurchsichtige Charakter, verwegen, wild, der Verführer-Typ, ein Idol für die Frauen und der eine Untat lieber bis zuletzt leugnet, wie ihm ein gewiefter politischer Strippenzieher empfiehlt; auch da fallen einem spontan lebende Politiker ein; LeGris und Jean waren lange Freunde, bis zur Jeans Heirat mit Marguerite.

Bei einer Abwesenheit von seinem Schloss und während Marguerite ganz allein da ist, was ihr Mann ohnehin nicht wollte, denn er leidet unter extremer Eifersucht und Besitzverlustängsten, kommt es zum Besuch von LeGris, den Marguerite später als Vergewaltigung darstellen wird, was LeGris leugnet. Auch den Vorgang schildert der Film aus drei Perspektiven.

Es ist ein Augenweidenkino mit schnellen Schnitten, tollen Schlachten, verführerischen Interieurs und rasantem Rhythmus. Die computerbearbeiteten Burgen und Städte entwickeln inzwischen einen ganz eigenen, frischen Mittelalter-Leinwandreiz oder Mittelalter-Look..

Dear Future Children

Vergeblich

Die Proteste in Hongkong waren vergeblich. 2020 wurden dort chinesische Sicherheitsgesetze eingeführt, die den Protesten den Zahn ziehen: die Demonstranten sind im Gefängnis, außer Landes oder verhalten sich unauffällig, machen sich unsichtbar.

Das ist ein unerwartet schmerzlicher Höhepunkt in diesem 3-zopfigen Dokumentarfilm von Franz Böhm: die Erkenntnis der Vergeblichkeit der Proteste in Hongkong zu tristen Regenbildern und auf der Tonspur geschildert von seiner Hongkong-Protagonistin Pepper.

In Nigeria ist die Klimaaktivistin Hilda Böhms Hauptdarstellerin. Sie liefert mit ihrer emotionalen Rede auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen einen anrührende Episode. Hilda ist selbst betroffen von der Klimakatatrophe; die Farm ihrer Eltern wurde weggespült von Hochwassern, die dem Klimawandel zuzuschreiben sind. Hilda ist pessimistisch, es passiert gar nichts auf den Konferenzen außer Ermutigungen oder man lobt die Inspiration.

In Chile führt die rothaarige Rayen durch den revolutionären Bilderbogen; auch hier ist deprimierend, dass die Verfassung immer noch von Pinochet stammt und wie die Polizei Demonstranten erbarmungslos mit Wasserwerfern und Tränengas attackiert; hunderte von erblindeten oder angeschossenen Demonstranten sind das Resultat.

Auch in Chile ist kein Optimismus angebracht: der Graben zwischen Arm und Reich wird größer statt kleiner.

Der Film ist eine Melange aus einem Zusammenschnitt von einer ganzen Menge Sensations-News-Archiv-Footage von blutigen Demozusammenstößen, von Impressionen aus den Orten der Protagonistinnen; auch begleitet der Dokumentarist sie bei ihren Aktivitäten, Demo-Strategie in Hongkong, Ramadama in einem Fluss in Nigeria und so etwas wie Klatschkolumne aus Chile, wie seine Aktivistin die hinterbliebene Familie eines Todesopfers einer Demo besucht.

Manchmal sind die Schnitte zwischen den Ortswechseln verwirrend, noch glaubt man in Chile zu sein, ist aber bereits wieder in Hongkong.

Das Wesentliche sind die Erzählungen der Protagonistinnen, die am konzentriertesten als Podcast Verwendung finden könnten (womöglich unter Weglassung der Befindlichkeitsstatements) und die hier über die gelegentlich etwas zufällig wirkenden Bildmontage gesetzt werden.

Ein Problem bei so einer Dokumentation ist, wenn sie zuviel Newsfootage einsetzt, dass das schnell von den Zeitläuften überholt ist, wenn es nicht in einen Doku(hi)story-Zusammenhang eingefügt wird, was hier nicht der Fall ist.

Supernova

Demenz ohne Komik

oder: eine erweiterte Liebe.

Eine Liebe, die über das Leben hinausgehen will, eine Liebe, die das Sternengucken verbindet, eine unendlich verständnisvolle Liebe nicht nur in der Lust, sondern auch wenn der Partner sich verändert und vermutlich wegen des Gedächtnisverlustes bald nicht mehr der sein wird, der er als Magnet der Liebe war; als seien die beiden Menschen nur für diese Liebe da, so spielen Colin Firth und Stanley Tucci den Musiker Sam und den Autor Tusker im Film von Harry McQueen. Sie spielen diese Liebe doppelt intensiv als die Liebe zweier Männer zueinander und eben auch als eine Liebe mit einem Begriff so unendlich wie der Sternenhimmel.

In der Musik würde man das Tempo des Filmes mit ‚largo‘ gar mit ‚grave‘ bezeichnen; weil die doppelte Message, das doppelte Thema sehr ernst genommen wird. Fast wirkt der Film wie eine Messe vor der Kulisse der grandios aufgenommenen englischen Landschaft.

Sam und Tusker sind mit einem Camper und ihrem Hund unterwegs. Das Wissen um die Krankheit von Tusker ist da. Er hat nicht mal mehr seine Tabletten mitgenommen.

Es wird ein Roadmovie zu Orten erlebter Gemeinsamkeit und zur Schwester von Sam, Lily (Pippa Haywood). Dort wird ein Freundestreffen arrangiert. Alles wie in schönsten Zeiten. Es gibt einen Besuch an einer Lagune mit großartigen Seebildern, beinah möchte man an „Die Blaue Lagune“ denken.

Den Film könnte man auch als eine Feelgood-RomCom bezeichnen, allerdings angereichert mit dem Thema des selbstbestimmten Sterbens, weil Stanely seinen Zerfall dem Freund nicht zumuten möchte.

Es gibt berührende Gespräche, es gibt Tonaufnahmen. Sam möchte Stanley animieren, doch weiter an seinem Buch zu arbeiten. Alles very emotional, brillant und glaubwürdig dargestellt von den beiden Mimen, denen man die große Liebe in jeder Sekunde abnimmt. Und Hund Ruby ist auch dabei. So schön kann ein Themenfilm sein.

Lobster Soup – Das entspannteste Café der Welt

Isländisches Schatzkästchen

parallel zum literarischen Schatzkästchen, das Berichtenswertes, Skurriles, Besonderheiten, Liebenswürdigkeiten, Schrullen, Anekdotisches, Historisches zu einem Ort und seinen Menschen ohne den Faden einer Geschichte versammelt, könnte dieser Film von Pepe Andreu und Rafael Moles als ein Filmschatzkästchen zur Ortschaft Grindavik auf Island bezeichnet werden.

Es war ein Fischerdorf – vor langer Zeit. Es ist inzwischen eine boomende Ortschaft ohne Gesicht. Früher war man überrascht, wenn hier ein unbekanntes Gesicht zu sehen war; jetzt spuckenTouristenbusse ihren Inhalt aus. Vor dem titelgebenden Café, Bryggjans Café. Um dieses dreht sich der Film. Um eine Stammtischrunde von alten Herren, die sich durch den Film schier zum Denkmal ihrer selbst stilisieren.

Der Film macht aber auch einen Nachruf und Abgesang drauf. Denn das Café wurde verkauft. Hier wurden Konzerte gegeben. Hier wurde die Tradition mündlicher Weitergabe von Geschichten des Ortes gepflegt. Das Café war eine Gründung aus der Not heraus und ein Café wurde es eher zufällig durch einen Behördenbescheid. Bekannt war die Hummersuppe.

Einer der Besitzer geht wie ein rundlich-molliger isländischer Orson Welles durch den Film. Er erzählt am meisten, kann aber auch mit seinen Stammtischbrüdern Texte rezitieren und ist vielseitiger Unternehmer, der schließlich ein verlockendes Angebot für das Café nicht ablehnen konnte. Er ist aber auch zu sehen, wie er Daunen aus Vogelnestern klaut, um diese dann zu verkaufen.

Der islandkritische Heimatdichter kommt vor, der Weltliteratur ins Isländische übersetzte. Zwischen Gesprächsszenen gibt es genügend hervorragend aufgenommenes Islandbilder vom Hafen, der Ortschaft, den Schiffen, der blauen Lagune.

Der Stammtisch, wie er sich selbst präsentiert, scheint ein Stammtisch in Reinkultur zu sein. Er wird grinsend beschrieben als einer, der alle Probleme der Welt kennt und die Lösungen parat hat und sollte eines an einem Tag nicht gelöst werden, so wird am nächsten Tag weiterdiskutiert.

Nach dem Verkauf des Cafés steht die Frage des Urlaubs zur Debatte. Einer entscheidet sich für eine Gruppenreise nach Benidorm. Das wirkt direkt hinterlistig, wenn der Reiseleiter der Gruppe aus Island erklärt, dass die von Touristen und Hotels überfüllte Bucht einst ein Fischerdorf gewesen sei (ja sicher, genau so wie vorher im Film Grindavik beschrieben worden ist) und dass Hotels finanziell spannender seien als die Fischerei.

Auch die Entwicklung zu großen Fangflotten und Fangquoten spiegelt sich in den Geschichten aus dem Café. Grotesk wirkt auch, wenn der behäbige Protagonist, der immer so philosophisch und ungerührt dasitzt, von sich erzählt, er sei ein Mann schneller Lösungen. Die werden die Isländer womöglich bald brauchen, denn ein Vulkan in der Nähe wird gegen Ende des Filmes bedrohlich aktiv.

Ice Road

Bald 70

dürfte Hollywood-Action-Star Liam Neeson werden, der in weit über 100 Filmen Millionen Zuschauer fasziniert und begeistert hat. Er ist also nach wie von ein kredittauglicher Name, was die Finanzierung von Filmen betrifft.

Das Hauptpfund, mit dem ein Action-Star üblicherweise brilliert, ist sein Körper, und an diesem zehrt der Zahn der Zeit. Es geht also darum, da er ja nicht plötzlich das Fach wechseln kann, für ihn Stoffe zu entwickeln, in denen er altersgemäß Action bieten kann, die das Publikum nach wie vor fesselt.

Genau dieses Bemühen sieht man dem Film von Jonathan Hensleigh (Buch und Regie) an. Ihm scheint ein Missverständnis zugrunde zu liegen: dass für Neeson vor allem Action geschrieben werden muss, also Action um der Action willen. Wobei das meiner Ansicht nach ein Trugschluss ist.

Je älter der Star wird, desto mehr sollte er mit der Möglichkeit der Action wuchern, im Bewusstsein des Zuschauers damit spielen, dass er jederzeit, wo und wenn immer Gefahr ist, zuschlagen könnte.

Jonathan Hensleigh macht es gerade andersum. Er begnügt sich mit dürftigstem Storytelling, so dass wohl wegen der Story kaum einer extra ins Kino gehen dürfte. Diese wird mit kalter Nadel nur zu Faden geschlagen. Der Zuschauer weiß vom Titel her, dass die Hauptattraktion die Fahrt mit einem schweren LKW auf einer sogenannten Ice-Road sein würde, einer Piste auf einem zugefrorenen See.

Der Autor macht sich gar nicht erst die Mühe, der Empathie des Zuschauers eine Andockstelle zu bieten. Er geht vielleicht davon aus, dass das selbstverständlich der Star sein wird. Auch dessen Geschichte wird mehr der Form halber skizziert.

Der Film fängt nicht mal mit ihm und seinem Problem mit seinem behindert wirkenden Bruder Gurty (Marcus Thomas) an. Mit ihm wird ein kleiner zeitgeschichtlicher Bezug hergestellt, indem er ein Irakkriegsgeschädigter ist; aber immer noch ein hervorragender Automechaniker.

Der Film fängt mit Bergarbeitern in einer Diamantmine in Manitoba an, die unter Tage eingeschlossen sind. Diese Figuren bleiben Funktionsfiguren, nicht eine, bei der man emotional andocken würde. Das wirkt mehr wie ein Fachvortrag im Rahmen einer Katastrophenübung, wie überhaupt die Action durch das mangelhafte Storytelling etwas Kataloghaftes hat. Dafür ist die Action allerdings wieder nicht gut genug, um an einer Action-Film-Neuigkeiten-Messe Aufsehen zu erregen.

Der Film fällt auf durch die Diskrepanz zwischen Action-Absicht und mangelnder Spannung. Mit der Figur Tantoo (Amber Midthunder) bedient der Film immerhin noch eine andere löbliche Absicht, auf das Problem der indigenen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Tantoo hat protestiert wegen einem Parkplatz, der ihrem Stamm weggenommen wurde; darauf angesprochen meint sie, es gehe nicht um einen Parkplatz, es gehe um den ganzen Norden. Dieser Satz erweist sich als der brisanteste des ganzen Filmes, stellt manche Besitzstandsgewissheiten in Frage, ist dadurch explosiver als die Action, auch die mit Dynamit, die dagegen ein kleiner Knallfrosch bleibt im Rahmen der sonst ordentlichen Belanglosigkeiten. Denn auch das ganze Drumherum um die Bergwerkkatastrophe ist auf dünnstem Klischeeniveau mägerst nur angeführt. Die erzählt von korrupten Menschen, denen Menschenleben egal sind.

Fly

Starke Frauen

Jasmina Tabatabai als Ava ist die dominierende Figur in diesem deutschen Tanzfilm. Ihre Künstlerinnenträume hat sie fallengelassen; sie jobbt als Taxifahrerin. Ein Projekt mit Strafgefangenen lässt ihre Träume von einem urbanene Tanztheater wieder aufleben.

Nicolette Krebitz ist die idealistische Träumerin von Resozialisierung durch Tanz im Gefängnis; sie will Ava für das Projekt gewinnen. Sie ist entzückend und glaubwürdig als diese Figur im Sekretärinnenlook. Leider durchbricht sie diesen einmal, wie es scheint aus schauspielerischer Eitelkeit, um zu zeigen, dass sie auch anders aussehen kann. Schade, aber verständlich im Hinblick auf einfältige Castingvorstellungen.

Katja Riemann als Dr. Goldberg ist eine Wucht in der Charge einer zerzausten Funktionärin in der Gefängnis-Administration. Solche Chargen sind die Perlen eines Filmes.

Katja von Garnier gehört bei diesem Film auch in die Galerie starker Frauen; ihr Regiehändchen hat sie zuletzt bei den Ostwind-Filmen bewiesen. Da ging es um das Coming-of-Age von Mädchen in Kooperation mit Pferden. Hier geht es um Resozialisierung mit Tanz, wobei die jungen Häftlinge auch lernen sollen, Vertrauen zu fassen.

Daphne Ferraro, die zusammen mit Anna Christ und Lene Pottgießer aus dem ’script development writers‘ room laut IMDb das Drehbuch geschrieben hat, scheint das Muster der amerikanischen Tanzfilme gut studiert und auf deutsche Verhältnisse übertragen zu haben. Wobei mir einzig scheint, es hätte vollkommen gereicht, sich auf den persönlichen Konflikt der Hauptfigur zu konzentrieren. Ava eine eigene unerledigte Geschichte aufzubürden, ist bereits ein Toomuch zuviel.

Die Hauptfigur ist Rebecca, verkürzt Bex genannt. Sie ist eine Frau, die ihre Freiheit genießen will, die Träume vom Fliegen und von der Leichtigkeit, und die das auch beim Autofahren auszuleben versuchte mit den gravierenden Folgen einer Kollision mit einem anderen Auto und schlimmen gesundheitlichen Konsequenzen für einen jungen Mann. Svenja Jung spielt diese Rolle, die die Leichtigkeit des Tanzes und des Fliegens verkörpern sollte. Sie ist zweifellos eine ordentliche junge Berufsschauspielerin, die offenbar im deutschen TV-Geschäft gerade angesagt ist. Sie ist meines Erachtens eine Fehlbesetzung. Da kann sie nichts dafür. Jede andere junge Schauspielerin würde nach dieser Rolle greifen. Denn es ist eine jener Rollen, die dazu geeignet sind, ein junges Talent zum Star zu machen. So wie Silvia Seidel mit ‚Anna‘ vor etwa 30 Jahren.

Hier ergeben sich aber ähnliche Probleme wie mit dem Hamburger Tanzfilm Into the Beat – Dein Herz tanzt. Wobei schwer zu analysieren ist, wie so ein kapitaler Fehler, der den Film in seiner Beachtungsweite auf Deutschland einschränken dürfte, passieren kann. Hat bei den Produzenten das Bewusstsein für die Chance dieser Rolle gefehlt? Haben sie nicht genügend systematisch gesucht? Wie ist das Casting vonstatten gegangen? Oder spielte sogar die Angst vor einem neuen Star, der/die dann stärker wäre als alle Filmfunktionäre zusammen, zu groß? Mit der Besetzung dieser Rolle steht und fällt der Film. Von Into the Beat war jedenfalls nicht zu hören, dass er eingeschlagen habe.

Schnitttechnisch hat sich Katja von Garnier Spielereien einfallen lassen mittels Flash aus dem Bewusstseinsstrom und für das Ende soll mit Seifenblasen noch ein Schuss Romcom beigemixt werden. Es gibt beachtliche Hip-Hop-Acts und die Tanz-Nummer, die sich beim Warten auf dem Amt entwickelt, erinnert in seiner Intention an das berühmte Ballett ‚Der grüne Tisch‘ von Kurt Jooss.

Es ist nur eine Phase, Hase

Deutsches Hygienekino,

das sich selbst für eine Komödie hält (Schamhaarausfall, Prostata, Viagra, Cunnilingus, Kugel im Analbereich, Masturbation; Hintern wie Fleischbällchen).

Dieses Defizit versucht der Film auszugleichen mit toll geschminkten Schauspielern, penetranter Werbeästhetik, die Subtilität verachtet, Darmgeräuschen noch und nöcher auf der Tonspur und einem nicht üblen Branding-Placement von REWE. Man möchte Jürgen Vogel gerne mal bei REWE begegnen. Er trägt das Emblem auf einer Jacke, weil er etwas mit Sport zu tun hat. Das passt zum Image von beiden, vom Laden und vom Star.

Der Film stammt von Florian Gallenberger, der mit Jochen-Martin Gutsch auch das Drehbuch nach dem Bestseller von Maxim Leo geschrieben hat. Dem Film dürfte es an Bestseller-Qualitäten fehlen.

Das Buch handelt von einem Autor in der Midlife-Crisis. Den Autor spielt Christoph-Maria Herbst als einen zerrissenen. Nach seinem Hit hat er nichts Brauchbares nachgeliefert. Die Kinder wachsen in die Pubertät, da beginnen gerne die Elternbeziehungen zu kriseln, obwohl der Film auf diesen Zusammenhang nicht hinweist.

Es rührt sicht nicht mehr viel zwischen dem Autor und seiner Ehefrau Christiane Paul. Sie ist oder war Schauspielerin, es gibt eine Szene mit ihr im Synchronstudio. In Paul wiederum verliebt sich unbegreiflicherweise ein Ruben (Nicola Perot); sie gesteht es ihrem Mann. Der will die Trennung, den Kindern gegenüber wird erklärt, es sei nur eine Phase.

Später wird ihr Mann einen ebenso unbegreiflichen Seitensprung mit der Lehrerin der Tochter (Jytte-Merle Böhrnsen) erleben.

Da es sich um einen Hygienefilm für Midlife-Männchen handelt, der zudem versucht, sich lustig über deren Problemchen zu machen, bleibt wenig fürs Storytelling.

Das Paar trennt sich auf Zeit. Diese wird filmisch überbrückt mit Disko, Geburtstagsparty oder Analuntersuchung und Jürgen Vogel liegt mit Dingern wie Pestbeulen im Spital, weil er Viagra nicht vertrage.

Manchmal klüngeln ein paar Midlife-Männchen in der Kneipe. Vielleicht spricht der Film Midlife-Frustis an. Es sei ihnen unbenommen. Ein Film von kürzester Halbwertszeit von dem einst hoch gelobten Jungfilmer Gallenberger, schon nach drei U-Bahn-Stationen nach dem Kino nur noch mühsam wieder hervorzukramen und ein weiteres Beispiel dafür, was im deutschen Kino Gremienkompatibilität (gar Gremieninfantilität?) zu bedeuten hat. Degetos Hygienebooklet.

Endlich Tacheles

Privatistische Introspektion vor schwerem historischem Hintergrund,

diesen nennen die beiden Protagonisten dieser Dokumentation von Jana Matthes und Andrea Schramm einen „Haufen Scheiße“.

Sie sind Spieleentwickler und der Film hat als Storyleitfaden die Entwicklung eines Spieles, mit dem die beiden Jungs, ein Deutscher und ein Jude, diesen Haufen beseitigen wollen, der offenbar jede Begegnung von Nachkommen beider Seiten auch heute noch belastet.

In dem Spiel soll es darum gehen, dass die Juden nicht nur Opfer sind. Beim Deutschen gibt es einen SSler bei den Vorfahren, was Jahrzehnte lang geheim gehalten worden ist in der Familie.

Hier betrachten diesen historischen „Haufen Scheiße“ und seine Folgen junge Leute, die schon in zweiter Generation nach dem Krieg zur Welt gekommen sind. Ihre Großeltern waren in der Nazizeit noch klein.

Im Rahmen zur Recherche für das Spiel mieten sie ein altes, leeres Haus in Krakau als Inspirationsraum. In so einem Haus ist Oma 1933 zur Welt gekommen. Sie lebt in Israel. Helfen sollen auch Gespräche mit den Eltern.

Die heutige Jugend wächst mit Handys, Smartphones und damit auf, alles zu filmen. Insofern erzählen sie so eine Geschichte mit leichter Hand, immer spontan und nah dran. Wobei dann oft das Problem entsteht, aus dem vielen Material Überflüssiges wegzulassen und den Rest spannend zu einer Story zu montieren, die doch mehr befriedigen sollte als nur die private Neugierde.

Das sind Mängel, die es dem Film im Kino schwer machen dürften. Aber es gibt ja noch die Streams.

Figuren des angepeilten Spieles: ein SS-Arier, der kein Nazi ist, und eine Jüdin. Der Opa des Deutschen war Ende Nazizeit 7 Jahre alt, also noch nicht in der Lage, sich einen runterzuholen. Und dennoch, so leicht ist es mit dem „Scheißhaufen“ offenbar nicht; wie sonst sollte der Antisemitismus wieder so Konjunktur haben?

Probleme von Spielen, dass immer gut/böse.
Shoah mit gutem Nazi, das kann nicht funktionieren. Eventuell von Rafinesse des Schwachen.
So machen wir nur eine weitere Schindlers Liste, wir zeigen einfach nur, wie scheiße es war, ein bisschen Rumflunkern kann man da schon.
Im Spiel kann Regina ihren kleinen Bruder retten, warum auch nicht
Trauma ist entstanden, weil es keine Versöhnung gab, wegen dem Schweigen.
Der Jude will aus Betroffenheit die Wahrheit erzählen..

Das Raumschiff als Arche, als neues Zuhause
Das Spielproblem: in einem Spiel muss jeder immer eine Chance haben. Dem war im Holocaust nur beschränkt so. Ein Spiel, bei dem der eine zum vornherein als Verlierer feststeht, ist kein Spiel. Also müssten in dem Spiel die Juden die Möglichkeit der Überlistung, des Austrickens etc. haben, was ja auch vorgekommen ist und auch die SSler sollten die Möglichkeit zur Menschlichkeit haben, was ebenfalls vorgekommen sein soll.

Go ahead, make my day.