BR Queer # 1 – 6 (BR, ab Donnerstag, 7. Juli 2022)

Der BR bringt im Laufe des Juli unter dem Titel Queer # 1 – 6 eine Reihe ausgewählt schöner und stimmiger, universell erzählter Filme zum Themenbereich; es sind dies herausragende Kinofilme aus den letzten Jahren aus Ländern wie Kanada, Österreich, Kuba, Dänemark, Schweden, den Niederlanden.

Im Grunde geht es immer um Konflikte, die aus einer Normalität entstehen, die mit einer anderen Normalität nicht vereinbar ist. Wobei die ’normale‘ Normalität meist erst mal an ihre Toleranzgrenzen stößt, denn sie kennt ja nichts anderes oder kann sich anderes nicht vorstellen, weil sie sich für die einzig mögliche Normalität hält. Im günstigen Fall lernt sie dann allerdings, dass es eben auch ganz andere ‚Normalitäten‘ geben kann. So schwer es ihr fällt, dies zu akzeptieren.

ZOMER – NICHTS WIE RAUS!
Wenn die Verhältnisse so sind, dass kein Platz für das Ich ist.

KÜSS MICH
Wenn die Liebe sich nicht an den Plan hält.

SAG NICHT, WER DU BIST!
Verwicklungen auf einem kanadischen Bauernhof nach dem Tod jenes Sohnes, der in der Stadt ein anderes Leben geführt hat: des vraies affaires – echt Affären!

VIVA
Kubanisch, malerisch, trans

EINE TOTAL NORMALE FAMILIE
Wenn aus dem Papa eine Mama wird.

SIEBZEHN
In Lanzenkirchen gerät so manche Welt durcheinander.

Zomer – Nichts wie raus! (BR, Donnerstag, 7. Juli 2022, 23.30 Uhr)

Es gibt anderes,
als das Dorf wahrhaben will.

Ein Dorf in den Niederlanden im Schatten eines AKW. Dieses hat die Leute gekauft, investiert in kulturelle Aktivitäten wie Aktzeichnen, Kritik ist unerwünscht, erst recht von Leuten außerhalb.

Ana (Sigrid ten Napel) wächst hier auf mit einem Vater (Steef Cujpers), dem sein Fischfang und sein Job beim AKW wichtig sind. Die Mutter (Willemijn van der Ree) kommt aus einem Nachbarsort. Sie ist unglücklich, ihre vielen Leiden schiebt sie auf das AKW; aber das interessiert niemanden. Der Vater schenkt seiner Frau zum Geburtstag eine Wagenladung voller Erde aus ihrem Dorf, damit sie nichts mehr zu mäkeln habe.

Es ist der Sommer des Coming-of-Age und gleichzeitig des Coming-Out von Anne. Bisher gab es nur diese eine, recht dumpfe Welt, die Colette Bothof nach dem Drehbuch von Marjolein Bierens exzellent schildert.

Die Kinder unterwegs auf ihren Fahrrädern. Gruppenleben. Der ältere Bruder, der hält es nicht mehr aus, zieht ins Gartenhaus. Das Dorf kennt nur die Fassade. Alles ist unter dem Schirm der Kirche. Die kennt auch nur Fassade. Eine Vergewaltigung an einem jungen Mädchen durch einen Stallburschen wird mit einem „Entschuldigung“ und einer Kiste Äpfel abgegolten inslucive anschließender Heirat.

Die Begegnung von Anna mit Lena (Jade Olieberg) lässt einen Riss in dieser Ein-Welt entstehen. Zart und ahnungsvoll entwickeln sich die Gefühle des Dorfmädchens zur Zugezogenen mit dem Motorrad und der Künstlerinmutter.

Es gibt drastische Ereignisse, aber der Film schildert sie nicht anklagend oder besserwisserisch, nicht aus einr moralisch erhobenen Position; er schildert sie eher so, wie das Dorf sie eben wahrnimmt und immer schon wahrgenommen hat mit seinen recht simplen Weltbildern, in der die Liebe zweier Frauen nicht vorgesehen ist.

Viva (BR, Dienstag, 14. Juli 2022, 00.55 Uhr)

Sei Du selbst,

diese Erkenntnis gewinnt Protagonist Jesús (Héctor Medina) in dieser romantisch-malerischen irisch-kubanischen Koproduktion von 2015 von Paddy Breathnach nach dem Drehbuch von Mark O‘ Halloran.

Und wenn es dir als Mann gefällt, dich als Frau zu verkleiden, zu schminken und vor Publikum aufzutreten und aus innerster Seele zu Tonaufnahmen von weiblichen Stimmen Songs und Lieder vorzutragen, so mach es.

Jesús arbeitet in Havanna in einem Transclub als Frisör und kümmert sich um die Perücken. Er ist gut gelitten bei der Chefin Mama (Luis Alberto García) und bei den Künstlerinnen. Er träumt davon, selber aufzutreten. Er lebt kubanisch-einfach in der Wohnung seines Vater oder seiner Mutter; diese ist gestorben, Vater hat sich, wie Jesús drei Jahre alt war, aus dessen Leben unauffindbar verabschiedet. Bei Jesús wohnt Cecilia (Laura Alemán), die ab und an das Bett für einige Stunden allein braucht, um jemanden zu empfangen.

Die ökonomische Lage ist bescheiden zu nennen, etwas Geld mit Karaoke zu verdienen, ist nicht zu verachten. Jesús fängt mit Auftritten an. Schon beim zweiten Mal gibt es Randale. Ein Betrunkener wird gewalttätig gegen ihn. Es ist sein Vater Angel (Jorge Perugorría), der den Auftritt spitz gekriegt hat. Dass sein Sohn als Transe auftritt passt nicht in das Weltbild des ehemaligen Boxers oder Boxtrainers, der inzwischen schwer krank und Alkoholiker ist und der gleichzeitig – nach einer Zeit im Knast – Anspruch auf seine Wohnung erhebt. Eine konfliktreiche Ausgangssituation, die der Film nutzt, um spannend eine humane Annäherung der beiden zu erzählen, eintauchend in das überquellend karibische Lebensgefühl.

Siebzehn (BR, Donnerstag, 28. Juli 2022, 23.15 Uhr)

Magic Mushrooms,

das war nicht der Geschmack des ersten Kusses zwischen Paula (Elisabeht Wabitsch) und Lilli (Alexandra Schmidt), eher eine Enttäuschung – und doch so, dass der Hunger darnach nicht gleich erlosch.

Es ist aber nicht so, dass Monja Art ihren Film, den sie in überwiegend romantisch komponierten und ausgleuchteten Bildern erzählt, als die Geschichte der beiden jungen Frauenl als Plot herausstellt. Dieser Kuss kristallisiert sich heraus aus den epischen Schilderungen der Generation 17, die ihren normal Alltag lebt, Schule, Erster-Hilfe-Kurs, im eigenen Zimmer, in der Natur, im Auto. Sie hängen rum, hängen zusammen.

Das Coming-of-Age passiert wie eine zweite Realität. Es ist da in dieser Lebensphase. Hier sind die jungen Menschen vom Bildungsweg her mit dem breitesten Horizont aufgestellt, sie sind groß geworden, äußerlich erwachsen, sie spüren aber noch die unendliche Freiheit und Offenheit des Seins.

Es sind frei schwimmende Radikale. Sie diskutieren, was der Unterschied sei zwischen Liebe und Sex. Sie reden vom Ficken. Sie beobachten, zwischen wem und wem Attraktionen zu beobachten sind. Sie chatten. Sie sind verlegen. Sie sind halb erwachsen, halb Kind, wie Tim (Alexander Wichodil), der noch einen richtigen Hasen im Zimmer hat, der zwischen seinen Spielzeugroboterfiguren herumläuft. Sie sind noch grün hinter den Ohren. Die Mädchen teils weiter entwickelt als die Jungs.

Eine wunderschöne Szene findet an einem Busstop vor weiter Flur statt. Die schüchterene Frage, ob das Mädchen mit auf ein Konzert kommen würde.

Es ist die Zeit der Verwirrung der Gefühle, sicher, auch sich anbahnender Dramen, von Eifersucht und Besitzanspruch, Zeit der Verführung durch Drogen, Tabletten, Alkohol, es ist diese Zeit des Sich-Sortierens für ein späteres Erwachsenenleben, was Monja Art hier mit der unverkrampften Art schildert, wie die 17-Jährigen mit den erwachsenen Themen umgehen.

Es ist eine flirrende Zeit, die im ganz normalen Alltagsleben wie eine zweite Realität abläuft.

Eine wunderschöne Figur ist der Lehrer (Christopher Schärf), der selbst noch recht neu im erwachsenen Leben ist, der aber schon Mühe hat, die nächste Generaiton zu verstehen, der selber wohl schon das Doppelleben von 17-jährigen weit hinter sich und vergessen hat und hilflos und verständnislos auf die Provokationen der Schüler reagiert; andererseits ist auch er nicht frei von Gefühlen.

Zur schönen Kulisse trägt der Ort Lanzenkirchen bei, dessen Gymnasium im Zentrum der Handlung und der Schilderungen steht.

Küss mich (BR, Donnerstag, 7. Juli 2022, 00.55 Uhr)

Gefühle nicht nach Plan

Der Plan ist, dass Mia (Ruth Vega Fernandez) und Tim (Joakim Nätterqvist) in wenigen Monaten heiraten werden. Ein Hochzeitsfilm so weit. Sieben Jahre haben sie ihre Beziehung, die auch geschäftlicher Natur ist, aufgebaut. Alles schön geplant. Den Blick vielleicht zu sehr in eine rosige Zukunft gerichtet statt in die Gegenwart.

Der Plan wird nicht funktionieren. Dabei ist der Plan vor allem dem Diktat der Familie zu Nachwuchs geschuldet. Vater Lasse (Krister Henriksson) feiert seinen 60. und gibt gleichzeitig die Verlobung mit Elisabeth (Lena Andre) bekannt. Elisabeth hat eine Tochter, Frida (Liv Mjönes). Die Blicke von Frida und Mia treffen sich bei dieser Familienfeier. Die Umstände wollen es, dass die beiden Frauen auf dem Ferienhaus von Elisabehth auf einer Insel zugange sein werden. Die außerplanmäßige Liebe bahnt sich ihren Weg. Sie ist nicht aufzuhalten, alle rationalen Bedenken sind nichtig.

Alexandra-Therese Keining, die nach einer Idee von Josefine Tengblad auch das Buch geschrieben hat, schildert in zupackend, beinah sachlicher Art die dramatische Entwicklung, die nicht sein darf. Es passiert etwas, das wird diskutiert, es passiert das nächste, das wiederum Gesprächsstoff liefert und so entwickelt sich die Dramatik für den Zuschauer, der immer weiß, woran er ist, im Gegenteil zu manchen der Akteure, die Dinge nicht wahrhaben wollen, die nicht in den Plan passen. Eine spannende und heftige Coming-Out-Geschichte.

Eine total normale Familie (BR, Fernsehen, Mittwoch, 21. Jui 2022, 23.15 Uhr)

Wenn in der titelgebenden Familie alles so total normal wäre, wie behauptet, dann hätte Malou Reymann ihren Film nicht machen müssen.

Dann hätte es vollkommen gereicht, aus den Homevideos der Familie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei entzückenden Töchterchen, einen Film zu machen. Diese Homevideos der total normalen Familie (den Begriff ’normal‘ im Hinblick auf vermutlich die überwiegende Mehrzahl angewendet) gibt es auch, die Regisseurin schneidet sie als Rückblenden hinein.

Papa Thomas (Mikkel Boe Folsgaard) ist begeisterter Fußballfan und will die Töchterchen Emma (Kay Toft Loholt) und Caroline (Rigmor Ranthe) zum Fußball hinführen. Mutter Helle (Neel Ronholt) spielt keine allzu große Rolle; sie scheint die Repräsentantin der Normalität zu sein.

Die gewisse Differenz zur ‚Normalität‘, das ist der Knaller schon nach kaum zehn Filmminuten, ist die Mitteilung der Eltern, dass sie sich scheiden lassen werden, weil Papa Thomas eine Fau werden möchte.

Mit diesem Paukenschlag verabschiedet sich die Mutter fast ganz aus dem Film. Damit umgehen müssen vor allem die Töchter, die Ältere, Caroline, steht kurz vor der Konfirmation, in Dänemark ein traditionell wichtiges Familienfest, und die jüngere, frühpubertäre Emma. Die tut sich anfänglich besonders schwer und auch später, wenn sie flapsige Bemerkungen über ihren Vater, der zur Mutter geworden ist, hört, kann sie nicht gut damit umgehen. Sie leidet auch darunter, wie sie und ihre Schwester mit Agnete, wie der umgewandelte Vater sich jetzt nennt, im Urlaub Komplimente für ihre Mutter bekommen, wünschte sie sich Erklärungen den Fremden gegenüber; ein diffiziles Unterfangen, speziell ‚Normalos‘ gegenüber.

Andererseits erfüllt der Film seinen Titel von dem Moment an, wo die Umwelt die Schaltung im Hirn gemacht und akzeptiert hat, dass der Papa von Caro und Emma jetzt eine Mama ist; da ist das Leben so normal und spießig wie zuvor, sei es bei Familienfeiern oder beim Minigolfspielen oder beim Fiebern um das Endspiel in der Champions League. Offenbar aber schafft ein Teil der Umwelt es nicht, diese Wahrnehmungsänderung vorzunehmen, so dass Agnete sich einen Job in London sucht – was für die Töchter wiederum eine Chance auf Reisen bedeutet.

Kommentar zu den Reviews vom 30. Juni 2022

Heute sind die Filme europäisch vom Feinsten. Aus Spanien kommt ein besonders eleganter Streifen mit besonders feinen Akteuren. Ein Brite emtwirft ausschließlich mit Archivmaterial einen aufregenden Blick auf eine aufregende Prinzessin. Für den Weltmarkt wirft Hollywood lustige, gelbe, kleine Knöpfe auf die Leinwand. Ein Franzose schmuggelt einen Weltstar unter die Putzen auf der Fähre zum Brexit-Land zu Recherchezwecken. Ein Spanier wirft – höchst kunstvoll – einen entsetzten Blick auf die spanische Transen-Gesetzgebung. Ein deutsch-chilenischer Regisseur reist mit einem weltbekannten deutschen Fotografen durch Amerika. Ein Italiener imaginiert ein Horrorhaus in belgischen Dünen für deutsche Opfer. Auf DVD geht es global rund. Ein seheingeschränkter Japaner kurvt auf der Insel herum. Ein irre schneller Amerikaner düst um die Welt. In Frankreich erlebt das reiche Saint Tropez der 70er eine Wiederauferstehung. Und im Internet ist jetzt überall die Erinnerung an ein schauderhaftes Kapitel deutscher Nachkriegs-Justizgeschichte abrufbar.

Kino
DER BESTE FILM ALLER ZEITEN
muss es werden, das wünscht sich der Geldgeber. Dabei kommt Exzellentes zustande: der Kleinkrieg von zwei Kinostars mit der wunderbaren Penelope Cruz als Regisseurin.

THE PRINCESS
Ein Leben im Schnelldurchlauf eines Medientsunamis.

DIE MINIONS – AUF DER SUCHE NACH DEM MINI-BOSS
Wie das tuschelt und nuschelt und kugelt.

WIE IM ECHTEN LEBEN – OUISTREHAM
Putzfrauenrecherche einer renommierten Autorin

MEIN NAME IST VIOLETA – MA LLAMO VIOLETA
Wie schwer sich der Mensch mit dem kleinen Unterschied tut, wenn er nicht tut, wie er soll.

DEAR MEMORIES – EINE REISE MIT DEM MAGNUM-FOTOGRAFEN THOMAS HOEPKER
Biopic als Erinnerungs- und Abschiedsreise.

DER MENSCHLICHE FAKTOR
Horrorhaus in belgischen Dünen

DVD
DRIVE MY CAR
Weit ausgebaute Kurzgeschichte

SONIC THE HEDGEHOGE 2
Bis du ihn gewahr wirst, ist er schon woanders.

MORD IN SAINT TROPEZ
Eindeutig Siebziger-Jahre-Nostalgie

Stream
DAS ENDE DES SCHWEIGENS
Nach dem Krieg entpuppt sich in Frankfurt ein Staatsanwalt aus der Nazizeit als verbiesterter Schwulenjäger.

Wie im echten Leben – Ouistreham

Der Klassenunterschied lebt!

Ausnahmsweise finde ich den deutschen Titel hilfreicher als das Original. Dieses benennt schlicht den Ort der Handlung, Ouistreham, eine Hafenstaddt in der Normandie.

Von hier aus pendeln Fähren nach England. Das wird noch wichtig werden. Im Zentrum stehen Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen, die sich als Putzen durchs Leben kämpfen. Es sind Menschen, die können nichts damit anfangen, einfach so sich mal ans Kanalufer legen und entspannen. Ihr Leben ist ein ständiger Überlebenskampf. Ihre Entlohnung lässt ihnen keinen finanziellen Spielraum. Manche machen zwei Jobs.

Auf den Fähren muss die Gruppe, die hier im Zentrum steht, in anderthalb Stunden über 200 Zimmer sauber machen. Harte Taktarbeit, kaum zwei Minuten für das Neubeziehen eines Bettes. Toiletten sind oft von den Passagieren in wenig erfreulichem Zustand hinterlassen.

Erstaunlicherweise herrscht in der Akkord-Arbeitsgruppe gute Stimmung. Es bleibt keine Zeit für Zicken. Hier taucht als Neuzugang auf, Juliette Binoche als Marianne Winckler. Sie braucht dringend einen Job aus privaten Gründen. Den als Reinigungskraft in einer Ferienanlage hat sie gleich am ersten Tag wieder verloren.

Anfangs ist der Zuschauer leicht irritiert, hm, die Binoche, muss die jetzt auch noch eine Putzfrau spielen, man sieht ihr doch den Weltstar an, man überlegt kurz, wie sie doch wohl anders lebt als die Putzfrauen.

‚Wie im echten Leben‘ passt ausgezeichnet. Und wie im echten Leben inszeniert Emmanuel Carrère, der mit Hélène Devynck das Drehbuch nach einer Kurzgeschichte von Florence Aubenaus geschrieben hat, teils mit Originaldarstellerinnen.

Juliette Binoche unterscheidet sich von denen. Auch von der Story her. Eigentlich ist sie eine bekannte Autorin, die undercover recherchieren will für ein Buchprojekt, wie solch prekäres Leben aussieht und vor sich geht. Sie beutet dieses Leben literarisch aus. Sie macht sich heimlich Notizen. Für die sich anbahnende Freundschaft speziell mit einer der Frauen wird mit der Entwicklung des Filmes, der zum Buch führt, schmerzlich klar, dass die verschiedenen Klassen je ihr eigenes Leben führen; dass eine unsichtbare, unüberwindbare Schranke zwischen ihnen steht, allem Gerede von sozialem Ausgleich, vom gleichen Wert der Menschen zum Trotz,

The Princess

Lasst die Archive sprechen!

Das Leben von Lady Di rollt in dieser Dokumentation im Schnelldurchlauf wie ein gewaltiger Medientsunami über die Leinwand von ihren ersten Medienauftritten als mögliche Frau von Prinz Charles bis zur letzten Fahrt mit Polizeiescorte zum Friedhof.

Ed Perkins hat den Film ohne jegliche, lästigen Talking-Heads lediglich aus Archivmaterialien montiert. Da sind ganz persönliche Interviews, die aus den Innereien der königlichen Familie plaudern bis zu Pulks von Papparazzis, die der Princess of Wales, wie sie nach der Scheidung heißt, das Leben schwer machen, was möglicherweise zum tödlichen Unfall in Paris geführt hat.

Es ist die märchenhafte Geschichte einer jungen Frau, die anfangs recht bieder gekleidet in Erscheinung tritt und in ersten Interviews fast linkisch, auf jeden Fall verletzlich, auch verunsicherbar wirkt über eine Traumhochzeit, die allmähliche Zersetzung der Ehe mit Charles (nachdem die Kinder da waren) bis hin zu Scheidung, neuem Selbstbewusstsein als Weltstar und Jetsetlady, die sich für ein Verbot von Landminen einsetzt und die immer den direkten Kontakt zur Bevölkerung findet.

Die Medien selbst wiederum spiegeln ihre Wirkung auf die Menschen, man sieht diese gebannt vorm Fernseher sitzen oder Zeitungen kaufen, wenn ein neues Kapitel in dieser Geschichte, die wohl kaum jemanden kalt lassen konnte, aufgeschlagen wird, Hochzeit, Geburt der Kinder, Glück, allmähliche Verfinsterung der Mine, Papa Charles‘ Interesse, das sich schnell dem Polo wieder zuwendet, er scheint nicht gerade begeistert, wie Diana ihn als Medienstar überflügelt, Erscheinen von Bestsellern mit Geheimnissen aus dem Palast und der Ehe, Eingeständnis von Seitensprüngen, dazwischen taucht gespensterhaft das Gesicht von Camilla auf; aber es gibt auch königliche Fototermine zu sehen.

Die Medien peitschen die Geschichte immer weiter bis hin zu Scheidung. Dann eine erleichterte, wieder charmante junge Frau, die ihr eigenes Ding tut, sowohl in Liebesangelegenheiten mit Dodi als auch in ihrem Engagement für die Ärmsten, gegen Landminen und Aids.

Der Film entwirft ein vielschichtigeres Bild von Lady Di als der hochgebürstete Spencer, der analytisch satirisch die Deplaziertheit von Lady Di in der royalen Familie unter die Lupe nimmt und diese Familie in Assoziation zum Bild der Vogelscheuche setzt (oder Lady Di als Vogelscheuchengespenst für die Royal Family).

Go ahead, make my day.