Wem ist zu trauen?
Den Chinesen, die fünf Jahre nach dem Erscheinen dieses Filmes von John Woo (Idee und Regie) nach dem Drehbuch von Barry Wong, die britische Kronkolonie übernehmen sollten? Eher nicht.
Der Film ist ein Beleg für die Kreativität und sprühende Vitalität des Hongkong-Action-Kinos aus der Zeit vor der Übernahme. Das belegt diese süperbe 4K-Restaurierung (einer gewissen Gewöhnung bedarf die Anordnung der deutschen Untertitel von unten nach oben).
Funkenstiebend wie der Tequila, der im ersten Bild vom Jazz-Klarinettisten ins Glas aufs Eis geleert wird, ist dieses Kino von John Woo vom ersten Moment an. Tequila und das Zischgeräusch. Zeitungstitel mit Schießerei zwischen Polizei und Waffenschmugglern geben den Themenbereich vor.
Klarinettist und Sergeant/Inspektor Tequila (Chow Yun-Fat) spielt Jazz im Teehaus. Das ist voller Käfige mit Kanarienvögel. Im ersten Moment denkt man kurz an den Film Noir „Der eiskalte Engel“ von Melville, wie der erste Käfig mit Kanarienvogel im Bild erscheint. Aber im Hongkong-Kino darf es gern ein bisschen mehr sein. Das Teehaus ist voll mit solchen Käfigen. Die Vögel werden gehandelt. Und mehr als das. Sie sind eine Tarnung für Waffenhandel.
Und schon geht’s los und funkt’s und raucht’s und knallt’s. So, wie wenn Tequila auf Eis gegossen wird. Der Waffenschmuggel ist aufgeflogen. Diese balletthaften Kaskaden von Gewaltexplosionen, so typisch für John Woo. Und immer spült er neue Akteure auf die Szene wie aus einem nie versiegenden Quell, so wie ein Putin heute endlos Soldaten an die Front schickt und dort niedermetzeln lässt. Hier jedoch kinomalerisch schön und sparkling; nicht gewaltverherrlichend, aber endfasziniert von ihr und ihrer Ergiebigkeit für die Leinwand, vom unwiderstehlichen Rhythmus der Gewalteskalation.
Umso erstaunlicher, was für eine Person John Woo selber ist. 1997 oder 98 hatte er im Filmmuseum München seinen Film ‚Blackjack‘ vorgestellt: ein unscheinbares Männchen im grauen Anzug wie der Buchhalter einer verstaubten Firma, die zur Zeit der Schreibmaschinen noch mit Tinte und Federhalter arbeitete, fehlten nur noch die Ärmelschoner.
Tequila hat in der Teehausballerei einen Polizeispitzel umgemäht, einen Kollegen; Beerdigung, feierlich mit schrägem Sound. Verräter Mustache wird in einer Bibliothek von Tony (Tony Leung Chiu-wai) umgenietet. Der fährt einen roten Sportwagen, ist schwer einzuordnen, lebt auf einer Yacht im Hafen. Neckisch: die schallgedämpfte Pistole war in einem Band der gesamten Werke von Shakespeare versteckt. Er scheint für Clanchef Ho (Hoi-San Kwan) zu arbeiten und an einem Wechsel zu Clanchef Johnny (Anthony Chau-Sang Wong) interessiert. Dieser rühmt sich über seine weltweiten Waffendeals und über das sichere Geschäft mit Waffen, so lange es irgendwo bewaffnete Konflikte gebe. Eine Wahrheit, die heute mehr denn je gilt.
Tequila hat ein Wohnungsproblem, müsste Freundin und Mitarbeiterin auf dem Dezernat Teresa (Teresa Mo) heiraten, um eine Sozialwohnung zu bekommen. Die erhält ständig Bouqets mit weißen Rosen von einem unbekannten Verehrer. Im Begleitschreiben sind singend Codes zu knacken. Mit denen kann Superintendent Pang (Philip Chan) im Computer Zugang zu gewissen Informationen finden.
Tequila legt sich mit den Triaden an; kleistert ihre Autos mit Zeitungsberichten über das Blutbad im Teehaus zu; wirft ihnen den Tod eines Kollegen vor. Triadenballade.
Es gibt im Film gleich zwei Hinweise, in der Bibliothek und im Boot von Tony, auf den französischen Maler des Symbolismus Gustav Adolf Mossa. Kunstaffinität von Tony auch mit den Mobiles aus gefalteten Kranichen; die haben eine ganz besondere Bedeutung, denn eigentlich schätzt er das Falten solcher Vögel gar nicht. Bei ihm gibt es auch ein Plakat mit dem deutschen Text „Kunstausstellung Secession im Gartenbau“. Kunstsinnigkeit und Killertum. Das sind besondere Würzzutaten für einen Actionfilm. Später beim Countdown-Gemetzel in der Klinik, soviel kann verraten werden, taucht kurz ein Plakat auf mit dem Text „God is the Wind beneath our Wings“.
Die Frage ist immer, wer kann wem trauen, wer ist nicht korrupt, wer ist kein Spitzel. Der Protagonist Tequila nimmt eine gewisse Sonderstellung ein, hat später das übliche Problem, dass sein Chef ihn vom Fall des Waffenschmuggels abziehen möchte. Ein Satz der signfikant ist: wenn der Superintendent sage, der sei einer der Triaden, dann sei er hundert Pro einer von uns.
Für den Actionsfan ist das pure Kinogaumenfreude ohne artifizielle Zutaten einer Computeranimationsabteilung. Andererseits, wenn man die Nachrichten jetzt, über dreißig Jahre später, liest, wie menschenverachtend die modernen Kriege in Palästina, in der Ukraine, im Iran geführt werden, so scheint es, als versuchten die die Gemetzel und Rücksichtslosigkeit, deren John Woo sich bedient, noch übertreffen zu wollen.
Wem ist zu trauen? Den Chinesen, die fünf Jahre nach dem Erscheinen dieses Filmes von John Woo (Idee und Regie) nach dem Drehbuch von Barry Wong, die britische Kronkolonie übernehmen...