Biopic über den scharfsinnigen Cartoonisten John Callahan in der Art eines Berichtes über einen Alkoholentzug.

Gus van Sant hat den Film nach dem Buch von John Callahan gedreht.

Es beginnt mit einer Runde bei den Anonymen Alkoholikern. John Callahan (Joaquin Phoenix), querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl gebunden, ist neu in der Runde von Donnie (Jonah Hill). Er wird zum ersten Mal den Satz sagen, dass er Alkoholiker sei.

Bald schon erzählt der Film in Rückblenden, wie es dazu gekommen (wie zum Alkohol, da werden später auch „Ausreden“ angeführt wie kaputte Familienverhältnisse; Schwarz-Schaf-Syndrom) und damit zur Querschnittslähmung.

Mit seinem Kumpel Dexter (Jack Black) fährt Callahan als Beifahrer mit, beide sturzbesoffen. Sie landen an einem Laternenpfahl. Dexter bleibt praktisch unverletzt, Callahan wird gelähmt.

Der Film hat seinen Schwerpunkt im Alkoholentzug, in der Therapiegruppe, in Rückblenden auf das lustige Leben vorher und auf das Leben mit seinem Assistenten Tim (Tony Greenhand) und nur wie nebenbei kommen die Cartoons ins Spiel. Dies wiederum wird noch verschränkt mit öffentlichen Auftritten von Callahan, in denen er von seinem Alkoholproblem und wie er es in Griff bekommen hat, Zeugnis ablegt. Zudem ist Platz für eine Liebesgeschichte mit einer 1.-Klasse-Hostess von Air Scandinavia mit hellblauer Operettenuniform.

Plötzlich gibt es erste Abdrucke von Cartoons in Zeitungen. Da erfährt man erst, welch besonderes Talent Callahan hat. Das ist das Kontrastprogramm zum Alltag, in dem er zu sehen ist. Der ist langweilig, öde, hat keinerlei Bezugspunkte zu seinen Zeichnungen.

Was ein zeichnerisches Genie ist, ist wohl nur über die Zeichnungen zu vermitteln und eher nicht dadurch, wie einer im Rollstuhl, der die Hände nicht mehr koordinieren kann, versucht Schnaps zu trinken oder wie der Urin aus dem Beutel ausläuft.

Aber die Erzählstruktur ist noch weiter verschränkt in eine kleine Rahmengeschichte. Der trockene Alkoholiker rast mit seinem Rollstuhl durch die Stadt und fällt samt Rollstuhl auf die Straße. Skateboarder-Jungs helfen ihm auf und entdecken den Skizzenblock, über den sie sich unterhalten.

Allein, die Verschränkungen nützen nichts oder dienen lediglich dazu, dass Gus Van Sant uns mitteilen kann, wie wenig attraktiv der Alltag eines großen Künstler sein kann, grad weil er ihn glaubwürdig mit gut geführten Schauspielern schildert. Wie er nur ein Mensch unter Millionen Menschen ist. Ob diese Info allerdings einen ganzen Spielfilm wert ist, da bin ich mir nicht so sicher.

Eine Amazon-Filmproduktion, auf Pixeln gebaut.

Soziodram eines querschnittgelähmten Alkoholikers und dessen Trockenlegung mittels To-Do-Liste oder der God-Basket-Methode (schreibe Ziele auf und wirf das Papier zerkrüngelt in den Papierkorb). Freund Laotse steuert auch noch eine Weisheit bei.

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Eine literarische Fotoromanze von der britischen Kanalinsel Guernsey, aus Amerika ein wildes Coming-of-Age-Movie und ein Hollywood-Derivatprodukt, eine Dorfkomödie aus der Normandie, wieder aus Amerika Denzel Washingtons „zweites“ Mal sowie einer Horrorstoryschreiberin „erstes“ Mal. Eine Sonderstellung nimmt eine spannende Reportage aus Taiwan ein, da sich bisher kein Verleiher für Deutschland gefunden hat.

DEINE JULIET – THE GUERNSEY LITERARY AND POTATO PIE SOCIETY
Den englischen Titel sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die Guernsey literarische und Kartoffelschalen-Kuchen Gesellschaft.

DIE ÜBERLEBENDEN – THE DARKEST MINDS
Ums Überleben rennen und kämpfen wie die frisch geschlüpften Schildkröten.

CHRISTOPHER ROBIN
Gekonnte Derivatunterhaltung aus Hollywood.

EIN DORF ZIEHT BLANK
und reiht sich doppelt ein in Weltberühmtes, in Fotokunst und in Kriegsgräberchoreographie.

THE EQUALIZER 2
Das mit dem Rückzug ins Private und die Existenz als „hilfsbereiter“ Chauffeur bekommt Ex-Geheimdienstlern generell nicht; so auch hier. Und Brüssel ist ein verdammt gefährliche Stadt!

RACHE IST EIN MUTTERINSTINKT – BREAKING IN
Die Übersetzung des Originaltitels ins Deutsche ist nur die letzte einer endlosen Reihe von Ungereimtheiten in diesem in ordentlicher Filmschrift gedrehten Horrorteil.

METAL POLITICS TAIWAN
Ein Blick ins stille (demokratische!) Auge des Taifuns.

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Das erste zweite Mal.

Das begeht hier Denzel Washington, indem er zum ersten Mal die Fortsetzung einer Rolle dreht, diejenige des McCall wieder in der Regie von Antoine Fuqua (Southpaw, Die glorreichen Sieben, The Equalizer) und ebenfalls wieder nach dem Drehbuch von Richard Wenk nach der TV-Serie von Michael Sloan.

Diese Filmmenschen wollen selbstverständlich zeigen, dass sie sich mit ihrem zweiten Mal vom Routine-Schuh so vieler Sequels abheben.

Es geht nicht mehr wie beim ersten Mal (The Equalizer) darum, primär zu erklären, wie ein braver, literaturinteressierter Bürger zum Selbstjustizler wird. Die Literaturliebe hat McCall beibehalten, das wird mehrfach kurz skizziert, vor allem „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust hat es ihm angetan. Selbstjustizler ist er längst.

Eigentlich ist McCall bereits tot. Offiziell bei einer Explosion ums Leben gekommen und seine Frau Vivienne dazu. Er arbeitet unauffällig in Boston als „hilfsbereiter“ Chauffeur mit einem Chrysler (Mercedes und Audi werden auch noch ihr Product Placement erhalten).

Hilfsbereit heißt, er greift an der Stelle des Staates in Unrechtsfälle ein: Rückholung eines vom Vater in die Türkei entführten Mädchens, Befassung mit Raubkunst. In Boston hofft er, fernab der „Agentur“ von Washington sein relativ unauffälliges Leben zu führen.

Wie aber seine gute Freundin Susan (Melissa Leo) in Brüssel, das ist wirklich eine höchst riskante Stadt, besonders wenn sich Backpacker in FirstClass Hotels einmieten, ermordet wird, nimmt er Fährte auf. Das bringt ihn in direkten Kontakt mit der Agentur und seinem damals guten Kumpel Dave (Pedro Pascal).

Viellicht verstehen die Filmemacher unter dem „zweiten Mal“, besonders viel in ihren Film zu packen, so eine Serie bietet Ausschlachtmaterial genug. Es muss noch ein erzieherisches Element rein. Das ist die Beziehung zum vom Absturz bedrohten Jungen Miles (Ashton Sanders), der ein Maltalent hat und von der Drogen- und Spielerschiene auf den rechten Weg gebracht werden muss. Da bietet die Gärtnerin Fatima (Kopftuchthema) ein wichtiges Motiv für.

Mehr noch als im ersten Teil wird McCall charakterisiert als ein Mensch, der viel nachdenkt, viel vor sich hinsinniert, der die Welt versucht mit Überlegung und nur im Grenzfall mit Faust, Messer und Pistole zu meistern.

Seine Lebenssituation in Boston wird ausgiebig geschildert inklusive diverser Passagiergesprächen. Und wie die Dinge sich in Richtung Gewalt und Verbrechen entwickeln, geht es Aug um Auge, Zahn und Zahn, dabei immer aseptisch und unter Beachtung der Actionerzählkonvention bis zu einem ausgiebigen Countdown im größten Sturm in einer geräumten Siedlung am Meer, in welcher McCall den radikalen Aufräumer gibt.

Einen weiteren Ehrgeiz der Filmemacher, außer zu zeigen, dass sie ein „zweites“ Mal ganz anders erzählen als das „erste“ Mal, konnte ich allerdings nicht ausmachen. Einen Hinweis könnte noch ein anderes Buch geben, das mehrfach im Film ins Bild rückt „Zwischen mir und der Welt“. Das ist vielleicht Denzel Washingtons ganz persönliche Mission.

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Der deutsche Titel ist eine Irreführung. Es handelt sich nicht um ein Revenge-Movie. Die Rache ist eine Tat, die als Quittung/Revanche auf eine schlechte Tat erfolgt. Hier allerdings geht es darum, dass eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern in die Hand von Einbrechern fällt, sich und die Kinder retten will.

Der Film wirkt auf mich wie ein Arbeitsausweis von Regisseur James McTeigue, womit er belegen möchte, dass er das Handwerk der Horrorschablone beherrscht, diese ordentlich auf die Leinwand zu bringen fähig ist, dass er in der Lage ist, en detail Szenen zu entwickeln und zu montieren, die vom Zuschauer als Spannung wahrgenommen werden, derjenigen von Gefahr und Entrinnen, von Bedrohung und Verteidigung, von guten Menschen, die in die Hände von Bösen geraten und ihrer verzweifelten Versuche, sich zu erwehren. Das versteht McTeigue und er inszeniert es mit prototypisch stereotypen Besetzungen und legt leichte Musik drüber.

Die Story stammt von Jaime Primak Sullivan. Der Vater von Shaun (Gabrielle Union) stirbt beim Joggen in New York. Er wird überfahren. Hier lebt er in einem feinen Wohnhochhaus. Shaun fährt sofort mit ihren zwei Kindern in das extrem ausladende, einsame Anwesen des Vaters in der Nähe von Lake Constance (in den USA, nicht unser Bodensee!). Ihr Mann ist derweil geschäftlich unterwegs.

Shaun ist noch am Abend mit der Immobilienmaklerin Maggie (Christa Miller) verabredet, um das Haus zu verkaufen. Im Anwesen selbst werden Shaun und die Kinder von Einbrechern überrascht. Diese haben einen Tipp bekommen, dass in einem Safe mehrere Millionen Dollar versteckt sind.

Shauns Vater war ein Sicherheitsfreak. Die Villa ist mit allen Finessen elektronischer Sicherung und Überwachung versehen, eine Festung.

Damit fangen allerdings die Ungereimtheiten im Drehbuch von Ryan Engle (Rampage) an, massenhaft aufzutreten. Ja, es gibt, außer Genreklischees, beispielsweise der breitohrige, akzenthafte Russentyp von Ganoven, kaum Glaubwürdigkeiten, so dass ich mich frage, was sich die Verleiher versprechen, wenn sie so eine löchrige Geschichte bei uns ins Kino bringen wollen.

Der Verstorbene scheint ein Eigenbrötler gewesen zu sein, unzugänglich, angstbesessen. An einer Stelle heißt er, er habe niemanden in dieses Landhaus gelassen (wobei Shaun hier immerhin ihre Kindheit verbracht hat).

Umso erstaunlicher ist es, dass Shaun sich mit den modernsten Sicherheitsvorkehrungen genau auskennt und ebenso die Ganoven und auch, dass sie genau weiß, wo der Safe versteckt ist, ja, dass sie sogar die Kombination kennt.

Auch ist merkwürdig, dass sie diesen Safe nicht erst leert oder wenigstens sucht und dann erst die Immobilienmaklerin beauftragt. Noch merkwürdiger, dass sie sofort das Haus verkaufen will, obwohl der Vater – nicht zum Wissen des Zuschauers – noch nicht mal beerdigt wurde.

Solche Dinge müssen, wenn eine Story, auch eine Horrorstory, glaubwürdig werden soll, ganz genau erzählt und vermittelt werden, gerade, wenn es sich um Genre handelt.

Zu der Sicherheitswahncharaketerisierung des Vaters passt es ebensowenig, dass er in New York – und sogar mit Kopfhörern auf – ohne Begleitschutz und ganz locker joggen geht.

Auch die Verhaltensweisen der überraschten Einbrecher halten keiner näheren Betrachtung stand. Sie sind zwar verwirrt. Aber wie sie das Geld haben, können sie sich kaum lösen von dem Haus. Oder der eine wird überflüssigerweise zum Killer. Das verändert aber das Verhalten der anderen wenig.

Auch die Geschichte mit den Kindern und dem Anzündenwollen des Hauses ist löchrig. Als Bewerbungsvideo für den Regisseur tauglich, als Produkt, wofür der Zuschauer im Kino Eintritt zahlen muss, eher nicht. Und für ein B-Movie ist die Machart wiederum zu bemüht ordentlich.

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Anrennen gegen die unsichtbaren Wände des Coming of Age, ohne Regeln, wie frisch geschlüpfte Schildkröten zum Meer rennen sie um ihr Leben, die Vergangenheit (die Kindheit zuhause) ausradieren, magische Kräfte entwickeln, den ersten Atem der Liebe spüren, etwas Besonderes sein, gegen schwer definierbare Gegner kämpfen, vor ihnen fliehen, das behütende (und romantische) Sommercamp finden, das so geheim sei, lernen, wem vertrauen und wem nicht. Der Bruch mit der Kindheit und der Familie und die Suche nach dem Neuen.

Die Gewalt und die Magie, die Extreme zwischen Dystopie, Romantik und Zukunftsvision in diesem ephemeren Zustand des Überganges vom Kind zum Erwachsenen, des Loslösens von Zuhause, das wird hier angemessen amerikanisch mit dem entsprechenden Pathos als auch mit der entsprechenden Waffengewalt, ohne Knarre keine Problemlösungen in Amerika, schon gar nicht im Coming of Age, auf die Leinwand gebracht.

Wie üblich laufen die Pupillen der Pubertierenden rot an, wenn sie in die Pubertätsextase geraten, wenn sie telekinetische Kräfte entwickeln oder sich Menschen gefügig machen. Diese Wucht.

Es geht um das Erwachsenwerden von Ruby (Amandla Stenberg). Die Rahmenhandlung geht von einer schweren Seuche aus, die Jugendliche erfasst. Deshalb werden die in brutalen Lagern gehalten. Sie werden nach Intelligenz- und somit Gefahrenkategorien eingeteilt.

Die obersten zwei Stufen müssen eliminiert werden. Ruby gehört dazu. Aber sie tarnt sich in der grünen, niedrigeren Stufe. Eine Ärztin hilft ihr, aus dem Lager zu entkommen. Die im Lager sind und drin bleiben, sind die, die nie zum Leben kommen.

Somit ist der Weg frei für Ruby durch das mystische Labyrinth, wenn man dramaturgisch so will. Sie findet Weggenossen. Solidarität ist in so einer Lebensphase überlebenswichtig. Sie müssen sich zurechtfinden in einer feindlichen Welt, sich in Acht nehmen vor Fallen, denn nicht jeder, der behauptet, Gutes zu tun, ist auch ein Guter.

Für so schwierige Lebensphasen haben Filmfantasie und vielleicht auch die Natur, die hier symbolisiert wird, die Mittel erfunden, die helfen, die Schwierigkeiten zu meistern und diesen Überlebenslauf zu bestehen.

Das inszeniert Jennifer Yuh Nelson (Kung Fu Panda 3) mit ungezügelter Verve und Wildheit nach dem Drehbuch von Chad Hodge nach dem Roman von Alexandra Bracken und mit einem überzeugenden Cast.

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Mêle-sur-Sarthe

ist ein 700-Einwohner Dorf in der Normandie. Wenn einer hier einen Film machen will, wie Philippe Le Guay, so muss ihm was Besonderes einfallen. Zum Beispiel ein Massen-Nacktfoto von der Art, mit denen Spencer Tunick berühmt geworden ist. Massenfotos von nackten Erwachsenen an signifikanten Lokalitäten.

Hier im Film heißt sein Pendant Newman (Toby Jones). Er ist auf Sujetsuche in Frankreich und mit nichts zufrieden, der Lavendel in der Provence ist ihm zu violett. Bei der Rückfahrt durch die Normandie auf dem Weg zum Flughafen gerät er mit seinem Mitarbeiter Bradley (Vincent Regan) in einen Stau bei Mêle-sur-Sarthe.

Die Bauern protestieren gegen die miserablen Bedinungen in der Landwirtschaft. Dabei schießt Newman ein Foto vom Champ Chollet, einem zwischen zwei Bauern seit Generationen umstrittenen Stück Land.

Hier sieht der Künstler den perfekten Hintergrund für sein Frankreich-Bild. Er steigt mit seinem Mitarbeiter im Hotel du Boeuf Noir (zum Schwarzen Ochsen) ab. Dort entdeckt er an der Wand Fotos von Kriegsgräbern. Jetzt kombiniert der Meister und hat die zündende Idee. Er will die Nackten auf dem Champ Chollet in der Geometrie jener Kreuze auf dem Soldatenfriedhof aufstellen.

Mit seinem Projekt stochert er in den Dorfbeziehungen herum wie ein Bär im Bienenstock. Er wirbelt alles durcheinander, Hoffnung (wahrgenommen zu werden als Dorf) und Scham (in der Normandie hat sich noch nie ein Bauer nackt ausgezogen, nicht mal zuhause oder zum Baden im künstlich angelegten See) und bringt Spannungen und Zerwürfnisse an den Tag und zu erhöhter Dringlichkeit.

Philippe Le Guay dröselt die Geschichte allerdings andersrum auf. Das scheint etwas willkürlich. Seine Erzählerin, auch ab und an voice-over, ist Chloé (Phil Groyne). Sie ist die Tochter des Parisemigranten Thierry (Francois-Xavier Demaison) und seiner Frau Valérie (Julie-Anne Roth). Er will seine Agentur vom Home-Office aus betreiben; sie will biologisches Brot backen.

Unabhängig von der Ereignissen um das Nacktfoto herum, erkennt Thierry im Laufe des Filmes, dass das Land doch nicht sein Ding ist. Vielleicht hat Le Guay diesen Erzählstandpunkt eingenommen, weil er Chloé mit ihrem Vater, wie das Nacktbild nach harten Twists doch noch und ganz anders als erwartet zustande kommt, schön mit dem Helikopter über dem Champ Chollet mit den Nackten darauf entfliegen kann.

Unter den splitternackten Darstellern auf dem Feld ist auch Francois Cluzet als Bürgermeister Balbu (Georges Balbuzard). Er hat die Hauptrolle. Sicher ist es gewöhnungsbedürftig, in so einem gottverlassenen Nest einen Bürgermeister zu haben, der ganz offensichtlich sein Gesicht sich schönheitschirurgisch aufrunden lässt und auch die Haarpflege dürfte weit über dem Durchschnitt normannischer Bürgermeister liegen. Aber da es sich um keinen Tatsachenfilm handelt, sei wohlwollend darüber hinweggesehen.

Denn immerhin nutzt Le Guay seine Story, um auf ein paar gravierende Probleme der Landwirtschaft, der Subventionen, des Streites zwischen Biologie und den Pestiziden aufmerksam zu machen.

Zudem gibt es Einblicke in einige Familien, beispielsweise des Apothekers Roger (Grégory Gadebois) der mit der ehemaligen Miss Calvados Gisèle (Lucie Muratet) verheiratet ist; es gibt die Geschichte vom Fotografen Vincent (Arthur Dupont), der einen nostalgisch anmutenden Fotoladen von seinem Vater geerbt hat; als der junge Schönmann bekommt er im Film noch eine Liebesgeschichte zugeordnet; es gibt eine Hochzeit. Und Streithähne.

Allerdings werden diese Einzelschicksale von außen eher kursorisch oder chronistisch vorgebracht und nicht wie im berühmten britischen Nacktfotofilm „Ganz oder Gar nicht“, wo Empathie für die Einzelnen ermöglicht wurde, Teilhabe am tiefen inneren Need für die Kalenderblattfotografie.

Die Musik schwämmt diese eher distanzierte Erzählweise wohlig auf mit einem Feelgood-Sound. Die Fotografie aus der Normandie ist beeindruckend.

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Trotz der massiv zackigen Regie von Marc Forster (World War Z), bleibt unübersehbar, dass es sich bei diesem Film nach dem Drehbuch von Alex Ross Perry, Tom McCarthy + 4 um ein Disney-Süßwaren-Derivat handelt.

Das wird besonders deutlich beim Vergleich mit Goodbye Christopher Robin, der erst kürzlich ins Kino kam.

Dieser Film hat die Hintergrund- und tragische Entstehungsgeschichte der Figuren von Winni Puh und Christopher Robin unterm besonderen Aspekt der Kriegstraumatisierung des Autors und des Kinderstartums eindrücklich erzählt.

Während es bei dem vorliegenden, in seiner Weise erstklassig gemachten, Hollywood-Industrieprodukt um die Ausschlachtung dieser Figur geht, um eine unterhaltsame Versüßung.

Es geht um Christopher Robin, den Sohn des Erfinders von Winnie Puuh. Aber hier interessieren nicht der Weltruhm und die katastrophalen Folgen für den Buben. Hier wird nach irre schnellem Durchblättern des Erzählbuches die Geschichte ganz schöngebogen nachskizziert.

Christopher ist erwachsen geworden. Er hat den Krieg überlebt. Er arbeitet in der Firma Winslow. Bei der kriselts. Christopher soll über das Wochenende Kürzungsvorschläge unterbreiten.

Die Besprechung mit dem Chef und die zuhörenden Mitarbeiter hat Forster satirisch überhöht inszeniert.

Christophers Familie ist enttäuscht, dass er wieder keine Zeit haben wird am Wochenende für seine Frau und sein Töchterchen. Aber statt seine Vorschläge auszuarbeiten, verirrt er sich im Wald bei Winnie Puuh und seinen anderen Stofftieren.

Das versteht Hollywood unterhaltsam zu inszenieren, wie Warenhäuser ihre Weinhachts- oder Osterdekorationen mit Spielwaren hochprofessionell und unwiderstehlich gestalten. Und die englischen Originalsprecher sind eh eine Wonne.

Im Kern geht es um Puuhs Weisheitssatz „Man sagt, nichts ist unmöglich, aber ich tue jeden Tag nichts.“ – und dass das eine kreative Lebenseinstellung ist. Wobei das Disneynichts ein quirliges voller Gags ist und die menschliche Geschichte eine schöne Rührgeschichte wird, die die tragische Dimension der Biographie dahinter erfolgreich übertüncht.

Wer die Erzählökonomie von „Goodbye Christopher Robin“ noch präsent hat, wird sich hier allerdings über eine gewisse Wurstigkeit wundern, die wiederum mit zackig inszeniert Gags kompensiert wird; zum Beispiel die Grammoaction. Es geht um mit großer Filmkelle angerührte Effekte inklusive gekonnt eingebundener Rühreffekte. Die Effekte machen den Film.

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Im stillen Auge des Taifuns.

Der Taifun, das sind die großen weltpolitischen Bewegungen, das Erwachen des Löwen Chinas bei gleichzeitig immer stärkerer politisch-autokratischer Erstarrung, der sich abzeichnende Handelskrieg mit den USA unter ihrem erratischen Präsidenten, das ist unüberhörbar weltpolitsches Getöse.

Mitten im stillen Auge dieses Taifuns liegt Taiwan, das bis heute nicht in der UN ist, weil China es nicht will, weil China vom Einchina aus geht. In Taiwan gibt es im Gegensatz zu China eine demokratische Erneuerung. 1990 wurde die jahrzehntelange Alleinherrschaft der Kuomintang beendet.

Ein Protagonist der demokratischen Erneuerung in Taiwan ist Freddy Lim. Er ist Rockstar (mit nacktem Oberkörper und schwarzen Linien im Gesicht; der berühmteste Heavy-Metal Rocker Taiwans) und Parlamentarier (in Hemd und Anzug). Marco Wilms durfte sich während des ersten Parlamentsjahres an dessen Fersen heften, solange er ihn nicht störe und nicht im Wege steht. Denn so ein Parlamentarierleben ist aufreibend. Lim wurde 2017 gewählt.

In der Art einer spannenden, flüssigen Reportage berichtet Wilms darüber, findet trotzdem mal in der U-Bahn (in Washington!) oder bei einer Schulbesichtigung oder im Auto Zeit, ein paar Fragen zu stellen, gibt einen knappen Überblick über Geschichte, Charakterisierung und die neuesten Entwicklungen Taiwans (hier ist alles streng geregelt, funktional geometrisch, Fenster vergittert, die latente Angst vor China, striktes Befolgen der Regeln, Perfektionismus und Anpassung dominieren).

Lim geht ein auf die speziellen Beziehungen zwischen Tibetern und Taiwanesen und deren problematisches Verhältnis zu China. Er macht einen Besuch beim Dalai Lama, der sich seit 2011 aus dem politischen Feld zurückgezogen hat. Eine Tafel mit Bildern von Tibetanern, die sich aus Protest gegen China selbst verbrannten, ist zu sehen.

Man erinnert sich, welche Aufregung das jedes Mal verursacht hat, wenn bei uns ein Politiker den Dalai Lama empfangen hat und wie harsch China darauf reagiert hat. Das ist nach wie vor ein schwelender Konflikt. Der ist auch in Taiwan längst nicht ausgestanden. Die Suche nach der eigenen Identität ist in vollem Gange, gerade auch mit demokratischen Aktivitäten, hat aber auch mit dem Idiom zu tun: Taiwanesisch statt Mandarin zu sprechen. Und auch die Beschäftigung mit der Mythologie: Lim gibt ein Rockkonzert beim Götterfest – er mag Mythologie, da die Götter Dinge können, die wir nicht können.

Taiwan ist voll von Denkmälern in Erinnerung an die Diktatur Chian Kai Sheks
Freddy Lim findet das absurd, eine Demokratie, die einen weltberühmten Massenmörder verehre. Auch dagegen gibt es Aktivitäten: Masseneierwurf auf so ein Denkmal.

Zur Inauguration des amerikanischen Präsidenten reist Lim mit einer taiwanesischen Delegation nach Washington – zum Missvergnügen Chinas.

Auf die Frage, was er lieber mache, Musik oder Politik meint Lim, es gebe Dinge, die Spaß machen (die Musik) und Dinge, die nötig sind (die Politik).

Lim verkörpert einen unkonventionellen Politikertypus. Die Doku von Wilms könnte man wunderbar zusammen mit derjenigen von Malte Blockhaus über den deutschen Grünenpolitiker Robert Habeck zeigen, die demnächst im Kino zu sehen sein wird.

In diesen für die Demokratie weltweit stürmischen Zeiten ist es dringlicher und wichtiger denn je, einen Blick in so ein stilles Auge des Taifuns zu werfen.

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Kalt gekocht,

um im Kino heiß verschlungen zu werden. Diese perfekte Fotoromanze von Mike Newell (Große Erwartungen) nach dem Drehbuch von Kevin Hood, Thomas Bezucha, Don Roos nach dem Roman von Annie Barrows und Mary Ann Schaffer hat alles, was zu einer Romanze gehört und – das wird im Abspann noch ironisiert – ganz ohne Psychologie: eine junge, bildhübsche Frau, Juliet (Lily James), die schon erfolgreich Bücher veröffentlicht hat und für die Times schreibt; In Liebesdingen scheint sie nicht versaut; sie wird angehimmelt vom Amerikaner Mark (Glen Powell), reich und der unter Liebe versteht, einen Heiratsantrag mit einem protzigen Diamantring zu machen und der Geliebten pausenlos Blumen zu schicken, ein wahrer Luxus kurz nach dem Krieg im London von 1946, wo ein frisch gestrichenes Haus auffällt wie die erste Schwalbe im Frühling.

Und ein wohlgesonnener Verleger und Herausgeber, Sidney (Matthew Goode), dessen Geliebte wohl besser George oder Tom heißen sollten. Außerdem kommen typische Zimmerwirtinnen vor und eine Kanalinsel von herber Schönheit (Guernsey) mit einem Lesekreis mit dem skurrilen Namen The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society, wobei vor allem der Kartoffelschalen-Auflauf im Namen aufhorchen lässt; vor dem Degustieren des entsprechenden (Kriegs)Gerichtes wird eher gewarnt.

Es gibt den guten Deutschen, der bei der Geburt eines Kalbes hilft. Es gibt die mutige Elizabeth McKenna (Jessica Brown Findlay), die einen deutschen Besatzer mit dessen Knüppel niederhaut und Isola (Katherine Parkinson), die nie im Leben eine leidenschaftliche Beziehung hatte, aber die Herzlichkeit selber ist.

Ein Club aus lauter Einzel-, also Singlefiguren und der Naturbursch, der frisch genug ist, in jeder Schäferromanze den Schäfer zu spielen, Dawsey Adams (Michiel Huisman). Er hält Schweine und bei ihm wächst ein kleines Mädchen ohne Eltern, Kit, auf. Er ist frei. Er schafft aus literarischem Interesse den Kontakt zur Großstadt-Autorin. Die möchte über den Lesezirkel in der Times schreiben. Sie rechnet nicht damit, dass das auf so einer Insel nicht unbedingt gerne gesehen wird.

So nimmt sie Fährte auf und will stattdessen über den Krieg schreiben, der Geheimnisse hinterlassen hat; die in schnellen Rückblenden zwischengeschnitten werden, chronikhaft und dem Halbnahformat dieses Fotoromanze-Stils angepasst.

Die Recherche zieht sich, sie lässt Juliet immer wieder Dawsey begegnen (und der Zuschauer checkt wohl schneller als die beiden selbst, welche Schwingungen durch die gegenseitige Präsenz erzeugt werden), der Verlobte in London ist verunsichert, er platzt in die Insel-Rercherche-Idylle hinein, verschafft der Handlung neue Dramatik, die immer wieder angereichert wird mit literarischen Querverweisen zu Shakespeare und vor allem den Geschwistern Bronté Inbegriff von Autorinnen von Liebesromanzen, die zum Kanon von Literaturverfilmungen gehören, zu den klassischen Stoffen. Aus dem Lesekreis kommt von Amelia Maugery (Penelope Wilton) allerdings auch der Hinweis auf das Geschwätz (Gossip) – zweifelsfrei als einer Quelle für Literatur genauso wie für bestens unterhaltendes Kino.

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Eine sommerlich bayerische Brotzeit, ein hippes Lifestyle-, ein Kindermoral-Stückchen und ein aufgewärmtes Haifischsteak aus den USA, zwei schwierigere Gerichte mit Input aus der nahöstlichen Konfliktregion. Und last not least eine Nachzüglerreview zu den Filmstarts vom 2. August. Auf DVD gab es 3 empfehlenswerte Filme, die stefe schon zum Kinostart gesehen hatte.

Kino
SAUERKRAUTKOMA
Diesmal erwischt die Ehe fast den Eberhofer.

VOLLBLÜTER
Diese Ostküsten-Ricchiezza, das grenzt schon an Dekadenz im Nihilismus.

GANS IM GLÜCK
Wer gibt, dem wird gegeben – plus Entenslapstick in kruder Ästhetik.

MEG – THE MEG
Vor lauter Kalkül ist statt Schreckverbreitung ein gemütlicher Studiofilm draus geworden.

ITZHAK PERLMAN – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK
Distanzloses Verehrungsmovie.

AUS NÄCHSTER DISTANZ – SHELTER
In Nahost ja nicht Partei ergreifen, scheint hier die Devise.

DESTINATION WEDDING
Ein bisschen geht’s diesen beiden Weltstars wie dem Ebenhofer aus Niederbayern, was die Gefahr des Heiratens betrifft.

DVD
CLASH
Blecherne Kiste mit Gucklöchern, ein fahrbares Gefängnis mitten im Unruhegeschehen auf dem Tahir-Platz, das dieses auf engstem Raume spiegelt.

GARTEN DER STERNE
Dem Tod zum Vertrauten machen.

ÜBERLEBEN IN NEUKÖLLN
Menschliche Vielfalt statt Vorurteile und Diskriminierung.

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