Mysterium – Folge 3 (KIKA, Samstag, 23. Oktober 2021, 13.59

Qualität der Inszenierung: alles gesetzt, egal ob spannend oder nicht und auch nicht diese TV-asthmatische Hektik.
Luka ist Autist, das habe ich dir erklärt.
Autist. Flüchtling aus Afghanistan.
Schicksale aus gesichtslosen Wohnblocks.

Mit dem Romy-Spiel wird es etwas lahm. Geht der Geschichtsfaden, so weit vorhanden, etwas verloren, das Geheimnis verloren (er kennt sie aus seinem Traum).
Da wird es mühsam wie eine Erklärung über Autistentum.
Da geht das Mysterium im Vernünftelnden verloren.

Charlotte: Charlotte Schwab
Elif: Safinaz Sattar
Leonie: Lea Drinda,
Yussuf: Shadi Eck
David: Johan Korte
Luca: Timon Joris Holzmann

Gemischter Eindruck aus einerseits überzeugender Inszenierung und andererseits löchriger Geschichte.

Mysterium – Folge 2 (KIKA, Samstag, 23. Oktober 2021, 13.47 Uhr)

Wenn die Teens im leeren Haus disputieren, was es für Änderungen gebe, wo wohl die Uhr hingekommen sei oder die kleine Kommode, da schaut man durchaus zu; die sind gut inszeniert.

Aber dann wirkt es wiederum sehr pädagogisch, als ob man den Kindern beibringen wolle, was ein Horrormovie sei, wenn die Großtante in einem Sprung um eine Woche zurück erklärt, dass ihr Großneffe kommt.

Positiv: die oft leeren Räume, auch sind die Zeitebenen mit verschiedenen Ausstatttungen nachvollziehbar, eh ein Phänomen, wenn man sich in einem Raum überlegt, was da schon alles passiert sein mag. Könnte für die Kids durchaus interesseerweckend sein, grade durch den Verzicht auf Fülle, gerade durch die Klarheit der Setzungen durch die Regie, die auf Unklarheiten, Mysterien im menschlichen Geist hinweisen will.

Mysterium – Folge 1 (KIKA, Samstag, 23. Oktober 2021, 13.35 Uhr)

Der erste Eindruck: ist das jetzt wieder so ein crossmedialer Krampf vom BR wie die 3 Frauen und ein 1 Auto ? Denn in einem Auto fängt es an; oft sind die Kameras außen, es gibt wilde Lichtspiele auf den Scheiben und der Ton ist miserabel, wird es auch bleiben.

Die Musik, die spielt auf Sphärenklänge und auf Flow an.

Ein Junge, der ganz klar einen Ordnungs- und Zahlenfimmel hat, wird von seiner Mutter in einem entlegenen Haus, einem typischen Horrorhaus, bei der Großtante abgeladen. Das Haus ist praktisch leer. Der Junge bekommt ein karg eingerichtetes Zimmer mit einem großen Wandspiegel zugewiesen. Die Großtante macht eine Bemerkung, dass hier schon mal alles sehr voll gewesen sein.

In dieser ersten Folge gibt der Film von Niklas Weise nach Idee, Konzept und Buch von Marcus Roth einen Blick hinter den Spiegel frei. Hier sind Jugendliche ganz offenbar im selben Raum, wohl zu einer anderen Zeit, gefangen – die Zeite gehe rückwärts, meint die Großtante, aber Hauptsache, sie gehe; die Jugendlichen würden gerne raus und sehen durch den Spiegel den Jungen und diskutieren, ob er sie befreien könne.

Eine Kommunikation ist über diese Wand aus Zeit und Spiegel nicht möglich. Eigentlich dann doch eine ganz neckische Grundkonstellation, konstruiert, abstrakt, wie nur skizziert – zur Anregung von Kinderfantasien muss das nicht übel sein. Gerade die gewisse Abstraktion in Spiel, Ausstattung und Inszenierung, auch in den Dialogen, so hölzern die sein mögen. Die sind vielleicht etwas zu vernünftelnd. Einführung in das Horror-Genre (didaktisch?).

Frühling in Paris – Seize Printemps (DVD)

Scheue Liebe

Sie 16 – er 35

Neulich meinte eine Kollegin, es gebe keine Liebsfilme mehr. Da kann sie diesen Film von Suzanne Lindon, die nicht nur das Buch geschrieben und die Regie geführt, sondern auch noch die Hauptrolle gespielt hat, nicht gesehen haben.

Es ist eine träumerische Liebe, unschuldig, wie sie heutzutage im Kino sicher eher selten anzutreffen ist. Das dürfte der Grund für Suzanne Lindon gewesen sein, diese Skizze einer ahnungsvollen, fast reinen und vollkommen unschuldigen Liebe auf die Leinwand zu bringen.

Suzanne ist hier im Film 16, Tochter aus einem gut bürgerlichen Pariser Haushalt mit anderen halbwüchsigen Geschwistern, eher intellektueller Hintergrund. Sie geht noch zur Schule. Sie fühlt aber nicht mit der Geschwätzigkeit der gleichaltrigen Mädchen. Das zeigt sie gleich zu Beginn eindeutig. Sie hat andere Träume. Es ist nicht der bürgerliche Traum, der Liebe und Ehe in einen Topf wirft.

Der Schulweg führt Suzanne am Théatre de l’Atelier vorbei. Dort fällt ihr Blick regelmäßig auf den Schauspieler Raphael (Arnaud Valois). Der ist 35, Schauspieler an diesem Theater. In einer Probe soll er in einer Szene, in der er keinen Dialog hat, dastehen wie ein Baum. Das wird eine kuriose Nummer, er findet, er kommt nur auf die Bühne, wenn er Text hat.

Suzanne sieht ihn vor dem Theater in einem Kaffee sitzen, sieht ihn, wie er ein Problem mit seinem roten Roller hat oder wie die Theaterleute in einer Probenpause sich draußen besprechen. Suzanne ist verknallt. Sie zeigt zuhause, wie sich ihr Verhalten ändert.

Raphael hingegen ist am Theater, macht kein Aufsehens von sich, ist weder besonders glücklich noch besonders unglücklich. Er scheint auch keinen besonderen Bedarf nach Veränderung in den zwischenmenschlichen Beziehungen zu haben. Er ist ein Baum der dasteht.

Erst reagiert Raphael verhalten auf die Annäherung von Suzanne, vor allem mit Stil. Er weiß nicht recht, was er mit ihrem Ansinnen anfangen soll. Aber Suzanne ist hartnäckig. Und Suzanne, die Drehbuchautorin und Regisseurin, lässt diese vorerst platonische Liebe sich wunderbar über eine Pantomime und einen hochanständigen Tanz mit nur ganz sachter Berührung wachsen und wachsen. Ein Liebesfilm. Pur.

Kommentar zu den Reviews vom 21. Oktober 2021

Eine cinéphile Leckerei aus Hollywood. Ein Horror aus der amerikanischen Provinz. Ein bemerkenswertes Stück deutsches Kino. Eine Doku aus New York, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Eine Familiengeschichte von einem idyllischen bayerischen See. Ein philosophierender Städtetripp rund um den Globus.

CRY MACHO
Ein Grand Cru aus Hollywood

VENOM – LET THERE BE CARNAGE
Wie der Titel sagt.

HALLOWEEN KILLS
Düsteres Bild von der amerikanischen Provinz

CONTRA
Wenn der Islam versöhnlicher ist als das zynische Christentum.

OTTOLENGHI UND DIE VERSUCHUNGEN VON VERSAILLES
Sonnenkönigs Patisserien in New York.

WALCHENSEE FOR EVER
Generationen von starken Frauen.

DIE LETZTE STADT
Essayistisches Dialogkino rund um die Welt

Cry Macho

Nicht weinen, Junge,

bist fast noch ein Knabe, Rafo (Eduardo Minett), dein Kampfhahn mit dem stolzen roten Kamm, den hast du Macho genannt, der ist ein Kämpfer und ein fantastischer Filmdarsteller dazu, wie er dir auf den Arm hüpft, wie er für dich kämpft, wenn du bedroht bist, wie ein Clint Eastwood in der Rolle des Mike eine Beziehung zu ihm herstellt.

Zudem ist der junge Darsteller Minett in die sensiblen Regiehände von Eastwood, einem echten Hollywood-Grandseigneur, geraten und hat ihn schauspielerisch zudem als Partner, Besseres kann einem jungen Talent nicht passieren. Das Hollywood-Handwerk in edelster Ausprägung kennenlernen.

Die Story von Nick Schenk und N. Richard Nash nach dessen Roman fügt es, dass der alte und der junge Mime viel Drehzeit zusammen im filmschönsten Mexiko, dem teils bergigen, teils steppigen, verbringen dürfen.

Mike soll für seinen Ex-Patron Howard Polk (Dwight Yoakam) dessen Sohn aus den Händen seiner verruchten Mutter Leta (Fernanda Urrejola), die ein reiches, verlottertes Leben auf einer Hacienda in Mexiko führt, nach Texas bringen. Ein geplantes Kidnapping. Kein leichtes Unternehmen, zwei Gesandte des Papas sind schon gescheitert, einer ist im Kittchen gelandet.

Mike wollte auch nicht unbedingt den abenteuerlichen Job. Aber sein Ex-Patron, der ihm ein Jahr zuvor schäbig gekündigt hatte, lässt ihn günstig in einem Häuschen wohnen; Grund, ihm einen Gefallen zu tun.

Die Mutter schildert den Sohn als ein noch verkommeneres Subjekt als sie selbst eines ist; sie weiß nicht mal genau, wo er sich aufhält. Logisch, dass Milo den Jungen prompt in der Calle Cocha bei den Hahnenkämpfen ausfindig macht und dessen Vertrauen gewinnt, logisch, dass sich hier absehbar eine Rührgeschichte entwickelt – aber so schön und mit so feinem Händchen erzählt! -, dass die Moral der Geschichte ist, dass mit ein bisschen Menschlichkeit Konflikte entschärft werden können.

Nicht verwunderlich, dass es bei einem längeren Aufenthalt in einem mexiaknischen Dorf fast zu einer Art Familienbildungsgeschichte mit Liebesgeschichte kommt. Die Wirtin Marta (Natalia Traven), die so viel Menschlichkeit ausstrahlt, weiß von ähnlichen Schicksalsschlägen zu berichten wie Miko.

Miko war in jungen Jahren ein erfolgreicher Rodeoreiter und ganz zufällig sind im kleinen mexikanischen Dorf eine Herde kaum zähmbarer Wildhengste und überhaupt scheint Clintwood ein Amerikaner zu sein, der hier als Heilkundiger wahrgenommen wird, sich um malade Hunde und Schafe kümmert; da ist der Sprung zu einer biblischen Heilsgschichte nicht mehr weit.

Der Film spielt 1979/80; in dieser Zeit sind die Amischlitten spektakuläre Nebendarsteller.

Die schönste Kinohandschrift Hollywoods erzählt eins wundersames Road-Movie von einem alten und einem jungen Mann.

Venom – Let there be Carnage

Bitte keine Erklärungen

Hier darf man sich einfach freuen über die Exzess-Synergie oder Exzess-Synthese aus zeichnerischen und schauspielerischen Mitteln, aus Fantasy-Welten, die Menschen erfinden, die halb Mensch halb Alien sind, halb Mensch halb Monster und Menschen, die wiederum in merkwürdigen Beziehungen zu einander stehen wie Eddie Brock/Venom (Tom Hardy) der recherchieren soll bei Carlton Drake/Riot (Riz Ahmed) im Hochsicherheitsgefängnis von St. Quentin.

Nie ist so richtig klar, wer hier wen steuert oder wer sich selber in seiner Doppelexistenz in die Quere kommt; Themen wie Manipulation und Identität melden sich so vergnüglich wie verschlungen und ebenso das Symbol des über die eigenen Tentakeln Stürzens oder sich darin Verhedderns.

Ruben Fleischer hat inszeniert nach dem Buch von Jeff Pinkner, Scott Rosenberg und Kelly Marcel.

Michelle Wiliams ist wieder dabei und landet ab und an in den Fängen einer Monsterkrake; dabei wirkt ihr Blond noch attraktiver.

Auch die Zerstörerfantasien kennen keine Grenzen. Ein altehrwürdiges Kirchengebäude wird Opfer der Kraken, das tut weh, wenn selbst die schwere Glocke in die Tiefe rauscht. Vorher grüßte das Mittelalter in Form der fratzenartigen Wasserspeier das moderne Kinomonster aus der Neuzeit, das die identische Fantasie-DNA haben dürfte. Vergnügen wir uns und vergessen wir nicht „’responsible‘ is for the mediocre“.

Allerdings ist der Exzess keiner des Narrativen; dieses bleibt so bescheiden, dass besser von einer exzessiv animierten Wandtapete gesprochen werden müsste.

Halloween Kills

Die Schattenseite der Provinz

David Gordon Green schildert in seinem Film nach dem Drehbuch von John Carpenter das Provinzkaff Haddonfield in Illinois in einer Art TV-Realismus, egal ob 1978 oder heute, so glaubwürdig, dass schnell klar ist, dass etwas fehlt, dass Provinz ein grundsätzliches Defizit hat.

Dieses Fehlende, dieses Vakuum wird von Horror ausgefüllt. Insofern ist das Horror-Spektakel von Anfang an fesselnd mit Veankerung in einem glaubwürdigen Humus, also nicht Horror um des Horrors willen, auch wenn gegen Schluss hin das Tempo etwas hätte angezogen werden können und besser nicht so gedrosselt.

Egal, Michael Myers ist die böse Figur, die schon 1978 an dem Ort blutiges Aufsehen erregt hat. Und weil ein junger Polizist es damals übetrieben fand, ihn zu töten, bleibt Meyers am Leben. Wobei der Spuk selbst vermutlich so unsterblich ist wie die Provinz.

Der Film macht einen Sprung ins heute, Halloween. In der Dorfkneipe erinnert einer mitten in der Partystimmung an die Mörderei von damals, regt eine Gedenkminute an. Kurz darauf geht es los.

Meyers taucht wieder in seiner Maske auf und metzelt gleich die Bewohner einiger Nachbarhäuser nieder. Gespart wird dabei nicht an Blut, an Messerstichen oder Augen werden von Hand ausgedrückt. Aber der Horror-Exzess geht nie so weit, dass der Zusammenhang zum Provinzort vergessen ginge.

Der Film schaut zwischendrin in der Klinik vorbei, in der Polizeistation, in der Psychiatrie, bei jüngeren und älteren Menschen, die sich gruppieren und oft dummerweise sich wieder trennen, wo doch ganz offensichtlich überall Gefahr lauert.

Die Menschen rotten sich zusammen, je blutiger die Spur wird, die Meyers in seiner grandios künstlerischen Maske und physischen Reglosigkeit hinterlässt, immer mehr Leute strömen zur Polizeistation, in die Klinik, man sieht die Ortschaft förmlich wachsen, überquellen und fragt sich, wo die alle herkommen.

Der Gedanke der Selbstjustiz greift um sich, da der Polizeichef nach herkömmlichen Methoden arbeiten will. Die Menschen bewaffnen sich mit Messern, Baseballschlägern, mit Mistgabeln oder was immer sie greifen können.

Aber dann lässt sich der Film wieder Zeit für das traute Heim zweier Männer. Es ist insofern wichtig, als hier die Szenen stattfanden, die am Anfang des Filmes spielten; Einheit von Horror und Ort und hierbei könnte man die Zeit beifügen, da die ja in der Provinz bekanntlich stehenbleibt, wodurch wiederum garantiert ist, dass ihr auch der Horror nicht verloren geht – und den Zuschauern womöglich eine Fortsetzung winkt. Auf die Provinz ist Verlass.

Contra

Ein versöhnlicher Islam

Dieser Film ist ein deutsches Remake der französischen Komödie Die brillante Mademoiselle Neili – Le Brio in der Regie von Sönke Wortmann.

Während das französische Vorbild sich genüsslich und routiniert auf die komödiantisch ergiebige Lehrer-Schüler-Mechanik des Beibringens einer Sache, die jemand nicht kann, draufsetzt und so ganz nebenbei das Thema Rassimsus, Vorurteile transportiert, setzt die kluge deutsche Bearbeitung von Doron Wisotzky gleich auf den Komödienverzicht, weil die Deutschen das eh nicht können oder weil es hier leicht platt wird, und konzentriert sich thematisch auf die Islamgeschichte.

In der französischen Variante bestätigt die Studentin bei ihrem ersten, verspäteten Auftritt im Hörsaal alle vom Professor geäußerten rassistischen Vorurteile durch ihre Erscheinung und ihr Verhalten. Damit wird Fallhöhe aufgebaut und das Ergötzen des Zuschauers, wie die Annäherung und die Entwicklung der anfangs Verspotteten zur selbstbewussten Frau, absehbar kanalisiert; dabei spielt der Rhethorik-Unterricht den Komödiengaul.

In der deutschen Fassung fangen sie nicht so billig und auflösbar an. Naima Hamid (Nilam Farooq) ist eine selbstbewusste junge Frau, spricht schon mit dieser metallenen Stimme vieler deutscher Schauspielerinnen; die zynischen Kommentare des Professors (Christoph Maria Herbst) passen nicht so recht auf sie; sie demonstrieren nur, was für ein zynischer Rassist er ist. Er spielt den Professor so deutsch-geschliffen, dass jede Hoffnung sinnlos ist.

Der souveräne Präsident der Uni (Ernst Stötzner) hat sein liebes Problem mit diesem Professor. Er gibt ihm die Chance, den wichtigen Debattierwettbewerb unter Deutschlands Unis mit dieser Studentin zu gewinnen, dann wird er, der ein exzellenter Prof ist, nicht rausgeschmissen.

Wer also das französische Original gesehen hat, mag anfangs enttäuscht sein: weil es nicht abzusehen ist, dass irgendwas Unterhaltenswertes zwischen den beiden für die Leinwand entstehen könnte.

Es gibt den Strang des Privatlebens von Naima, da ist um Klischees nicht herumzukommen. Das Wohnhochhausviertel, in dem sie mit ihrer Mutter und dem Bruder wohnt, ist optisch nachgegraut. Naimas Freund Mo (Hassan Akkouch) steht zu ihr und ist Taxifahrer.

Die Komödienspelastik mit dem Rhethorik-Unterricht wird ganz ohne Komödienambition nüchtern abgehandelt. Hier soll sie Faust in der Öffentlichkeit rezitieren. Um bei Debatten zu einer ruhigen Haltung zu kommen, muss sie sich ein Katzenglöckchen umbinden, das bei jeder Bewegung Ton gibt und die Rhethorik-Theorie, die die französische Version szenisch ausbreitet, wird hier mit Wandtafelinschriften abgehakt. Am billigsten und unlustigsten sind die Verweise auf deutsche Fernsehnamen.

Stattdessen konzentriert sich der Film sich zuspitzend auf das Islamthema. Einer der eindrücklichsten von Naimas Wettbewerbsbeiträgen ist ihre Rede, die die Religionen in ihrer Blutigkeit vergleicht und dass da keine der anderen in irgendwas nachstehe.

Durch diesen sachten Schwenk weg von der Komödie hin zur inhaltlichen Auseinandersetzung wird der Film zusehends packender bis dahin, dass Naima einen verzeihenden Islam praktiziert als letztes Argument gegen Vorurteile, wobei der Prozess der Annäherung zwischen ihr und dem Professor weniger empirisch als im Nachhinein theoretisch nachvollziehbar wird, was der Kompaktheit keinen Abbruch tut.

Ottolenghi und die Versuchungen von Versailles

Privilegien am Hofe des Sonnenkönigs und Klassenunterschiede.

Im Film von Laura Gabbert geht es um ein Kunstevent im Metropolitan Museum of Modern Art in New York; Thema ist das Schloss Versailles und das Leben darin unter dem Sonnenkönig. Einerseits Luxus pur an Kleidung, Essen, Möbeln, Kutschen, Kunst, Musik, Architektur. Was spannend ist, dieser Luxus sei öffentlich gewesen, also hier gab es einerseits keine Ausschließeritis, der König brauchte das Volk als Publikum, es durfte sich unkontrolliert bewegen und nach dem Essen hätte es sich gierig auf die Reste gestürzt. Andererseits war der Klassenunterschied krass, der zur Schau gestellte Reichtum einerseits und das Leben des Volkes andererseits.

Zur Eröffnung der Ausstellung in New York soll der berühmte Koch Ottolenghi eine Tafel à la Versaille anrichten aus lauter Nachtischkreationen von einer Handvoll weltberühmter, weltexklusiver Pâtissiers.

Es wird die Vergänglichkeit der Kunst ausgestellt: nach den Reden darf das Vernissagenpublikum sich auf die erlesenen Kreationen stürzen, sie verschlingen, sie vernichten.

Das ist das Schicksal des Pâtissiers, vielleicht auch das Schicksal des Luxus, dass auch er seinen Niedergang finden wird, wie am Schluss des Filmes mit Hinweis auf Marie-Antoinette erwähnt, dass schlicht das Geld gefehlt habe, um die Parks zu pflegen, dass deshalb die Bäume gefällt wurden.

Laura Gabbert berichtet wie eine rasende Reporterin von den Vorbereitungen auf das Event, sie kann keine paar Sekunden stillhalten, sie scheint gierig jeden Moment festhalten zu wollen, auf dass er nicht vergehe und da es so viele Momente sind von Vorgesprächen und vor allem Statements, Talking Heads, kann nur wenig festgehalten werden; Ruhe zum Augenschmaus bleibt keine bei all den grandiosen Pâtissier-Schöpfungen.

Zwischendrin gibt es Informationen aus kundigen Mündern, Kuratoren, über das Leben in Versailles, das Luxusleben, das privilegierte Leben. Beruhigend zu hören, dass auf den Luxus und die Dekadenz mit wenig Verzögerung der Niedergang folgt.

Go ahead, make my day.