Apocalypse Clown (DVD/digital)

Ein paar Stunden ohne Vlan, und die Zivilisation bricht zusammen –
Apokalyptisch-irischer Fun

Dein Clown, das unbekannte Weaen, ein Kunsttopos, das Narrenfreiheit lässt, das am Fasching beliebt ist, im Kino zuletzt sehr erfolgreich Joaquin Phoenix als Joker.

Zirkus, Gaukler (Abenstunde der Gaukler von Bergman), Freaks, Fellinis La Strada mit Gelsomina; Zirkus und Kino sind fast wie siamesische Zwillinge, kommen nicht voneinander los und geben sich die größten Freiheiten.

Hier gibt sich die Freiheit George Kane mit einem durch Sonneneruptionen bedingten Stromausfall in Irland, in dem die Clowns los sind. Bobo (David Earl) ist ein abgehalfterter Clown, immerhin mit eigenem Auto ohne Elektronik, das wird noch wichtig.

Funzo (Natalie Palamides) ist ein Straßenclown mit Pumuckl-Perücke und ist stolz darauf. Sie beißt schon mal einem Straßenkünstler, der die Freiheitsstatue mimt (James Walmsley), ein Ohr ab. Harte Bandagen im Clownsbusiness.

Aber es gibt auch die studierten Clowns von der Clown-Akademie. Ihr Chef Du Coque (Barry McGovern) stirbt. So treffen sich die Clowns zur Beerdigung. Der unbegabte Pepe (Fionn Foley) bringt die Nummer mit der geschlossenen Kiste und der große Alfonso (Ivan Kaye) wittert seine Chance.

Die Journalistin Jenny Malone (Amy De Bhrún) wird von der Redaktion von Ciral Load auf die Clowns angesetzt und erlebt selbst ihr blaues Wunder, denn Clowns sind nicht zimperlich, hart im Nehmen und Geben, bunt; das Clownshandwerk hat Ecken und Kanten; es spielt mit den existenziellen Abgründen, mit den Lottrigkeiten des Lebens, mit dessen Zerbrechlichkeit, mit dem Feuer und der Vergänglichkeit.

Das Clown-Leben ist exzessiv und bisweilen mörderisch. Und wenn ein Blitz in Irland einschlägt und das öffentliche Leben lahmlegt, dann sind in diesem Film von Georg Kane die Clowns los; es kann blutig werden. Clowns, das ist nicht Niedlichkeit, das ist brutale Konkurrenz, das sind Machtkämpfe und physische Auseinandersetzungen. Mit den Clowns ist schnell mal Schluss mit lustig.

Ein Mann zum Verlieben – L‘ Homme Fièle (BR, Sonntag, 18. Februar 2024, 23.15 Uhr)

Französische Eleganz-Routine
Trottel zwischen Frauen

Mei, was das Fernsehen, hier das Bayerische, so auf Zwangsgebührenzahlers Kosten einkauft, um es tief in der Nacht zu versenden; wäre echt nicht nötig; könnte Geld sparen, so ein schnell runtergedrehter, schnell skizzierter kaum mehr als 70-minütiger Film wäre verzichtbar.

Einfache Grundkonstellation, drei Ich-Erzähler/innen. Mann, Trottel zwischen zwei Frauen. Er sieht filmgut aus, Louis Garrel, hat mit Jean-Claude-Carrière in Zusammenarbeit mit Florence Seyvos auch das Drehbuch geschrieben und spielt zudem die Hauptrolle des Abel, eines Journalisten in Paris.

Der Film fängt mit einem Knaller an. Abel erzählt, das sei passiert, nachdem er etwa drei Jahre mit Marianne (Laetitia Casta) zusammengelebt habe. Sie offenbart ihm, dass sie schwanger sei. Aber nicht von ihm. Hoppla. Von seinem Freund Paul.

Er zieht sofort aus. Schon da tröstet ihn auf der Straße Ève (mit 13: Diane Courseille; dann Lily-Rose Depp), die ihm nachstiehlt. Sie ist die Schwester des Mannes, der Marianne geschwängert hat.

Acht Jahre später später stirbt dieser Paul eines völlig unerwarteten Todes in der Nacht. Bei der Beerdigung begegnet Abel Marianne wieder. Jetzt geht es hin und her, denn auch Ève ist da, jetzt älter, hungriger, aktiver.

Der Trottel ist zwischen den Frauen hin- und hergerissen, muss mit all seinem Gepäck bald da, bald dort ausziehen; nicht nur die Frauen spielen ihr Spiel, auch der kleine Joseph (Joseph Engel) aus der Beziehung von Marianne und dem verstorbenen Paul mischt intrigant mit mit Verschwörungstheorien und Behauptungen – und sucht doch nur nach einem Ersatz für den Vater.

Countdown auf einem ehrwürdigen Pariser Friedhof.
Friede über diesen Film und über Doktor Pfingstrose (Vladislav Galard), der auch eine unklare Rolle spielt.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Kommentar zu den Reviews vom 15. Februar 2024

Heute nimmt das Kino den Zuschauer mit auf weite Reisen mit einem dafür vorbildlich kleinen CO2-Abdruck. Musikalisch von Jamaika nach London, Paris und in die USA. Destruktiv analytisch auf eine Zeitreise zurück nach 1998 und von da aus in Richtung dritten Weltkrieg. Dann über 100 Jahre zurück nach Lateinamerika, dort von Argentinien nach Chile. In der Nähe, in Deutschland bleibend und doch weltumspannend von Vietnam bis Hongkong und Kalifornien. Weiter geht’s in die Garagen der Schlafstädte der USA. Und schließlich in den Süden tief in die Antarktis hinein. Und als Schlusslicht treiben Spinnen ihr Kinounwesen in Peru und in New York. Im TV bleibt der Stoff bieder, ein Kabarettist, der eine schöne Marktlücke entdeckt hat und damit ein gutes Geschäft macht, und der krampfhafte Redaktionsversuch, mit einem College-Klischeefilm mit englischen Titeln Jugend in die Schlafsessel der Öffentlich-Rechtlichen zu locken.

Kino
BOB MARLEY: ONE LOVE
Mit der Ungestümheit und Verve Jamaikas

THE ATROCITY EXHIBITION
Fantasien zur Selbstzerstörung des Menschen.

COLONOS
Indianerjagd in Lateinamerika.

HAO ARE YOU
Nicht alle Familien aus Asien cliquen in Clans.

LINOLEUM – DAS ALL UND ALL DAS
Es leben die Garagentüftler.

RÜCKKEHR ZUM LAND DER PINGUINE
Pinguine sind faszinierend – der Film ist etwas larmoyant.

MADAME WEB
Wenn hier nicht die Teen-Girlies das Publikum sein sollen, wer denn dann?

TV
LEBENSLINIEN: WOLFGANG KREBS – STOIBER, SEEHOFER, SÖDER UND ICH
Damit eröffnet sich der BR keine neuen Zuschauerkreise.

SCHOOL OF CHAMPIONS FOLGE 1
Redaktionskopfprodukt – und viele mit Serienjobs Begünstigte

SCHOOLE OF CHAMPIONS FOLGE 2
Und bist Du nicht willig, so mach ich aus Dir eine Serie.

Madame Web

Eklatant

ist in diesem neuen Ableger aus dem Marvel-Universum die Dikrepanz zwischen Rasanz und Tempo von Schnitt und Montage einerseits und lahmendem Erzähldrive der Story.

Für das Drehbuch stehen Matt Sazama, Burk Sharpless un Claire Parker, für die Regie S.J. Clarkson.

Die Vorgeschichte oder Rahmenhandlung findet im Dschungel von Peru im Jahre 1973 statt. Eine Spinnenforscherin entdeckt eine Spinnenspezies, wie sie nur aus dem Marveluniversum entstammen kann. Die Forscherin ist schwanger. Dann passiert etwas. Man soll ja nicht spoilern.

Die Forscherin bringt ein Kind zur Welt und sofort springt der Film ins Jahr 2003 nach New York zu einem Team von Sanitätern. Es sind dies Cassandra Webb (Dakota Johnson) und Ben Parker (Adam Scott). Der Film vermittelt nun nicht ohne Raffinesse, dass bei Cassandra mit der Wahrnehmung etwas nicht stimmt, ja sie bringt Zukunft und Gegenwart durcheinander. Sie kann in die Zukunft sehen. Ihre Vergangenheit hat mit der Vorszene etwas zu tun. Logisch, sie ist das inzwischen erwachsen gewordene Mädchen der Spinnenforscherin.

Die Götter des Drehbuches bringen die Sanitäterin mit drei Teenager-Mädchen zusammen, von denen Cassandras Wahrnehmung sagt, dass sie in großer Gefahr seien.

Die drei Mädchen dürften die Repräsentantinnen des Zielpublikums sein. Drei Durchschnittsteenies. Von solchen träumt eine jede Konsumforschung. Teens, die mehr Affinität zum Kinderkriegen und Muttersein ausstrahlen als Nähe zu Spiderwesen, Spidergefahren und Spiderwomenabenteuern. Ist es das, was den Film insgesamt so betulich wirken lässt?

Allerdings fängt die Gemütlichkeit schon bei den ersten Bildern aus Peru an. Wer gerade über das Filmstudio in Penzing gelesen hat und dass Hollywood ganz scharf drauf sei, dort zu drehen, der ist konditioniert darauf, in einem Film das Studiohafte zu sehen und der hat bei diesen ersten Einstellungen das Gefühl, die Darsteller kommen gerade aus einer gemütlichen Garderobe ums Eck und treten in einen höchst künstlichen Dschungel, ohne dass es ihnen gelingt, Dschungelatmosphäre im Spiel entstehen zu lassen. Somit wäre der Film schon auf dem falschen Fuß aufgestanden.

The Atrocity Exhibition

Sci-Fi-Noir von 1998

Spielt zur Zeit des Vietnam-Krieges, von Marilyn Monroe und von Atombombenversuchen und in der Erwartung der Möglichkeit eines dritten Weltkrieges. Blitzkriege werden auf der Wirbelsäule sich abspielen.

Der Forscher, von dem es kaum mehr Spurgen gibt, ist ein Dr. Talbert, eine seiner Patientinnen Mrs. Travis.

Eine Filmperle aus dem Jahre 1998, Perle allein schon deswegen, weil sich SciFi in den letzten 25 Jahren ganz woandershin entwickelt hat. Hier spielen Hologramme, drahtlose Kommunikation, Internet, Allüberwachung noch keine Rolle.

Dem Dr. Talbert geht es um Experimente im Grenzbereich von Bewusstsein, Wahrnehmung, Bewusstseinsübertragung, darum, aus Bildern das Element Zeit zu extrahieren, der Frage, was Realität sei, wie sie sich konstituiere. Mit einem Ausflug in die schauderlichen Gefilde der plastischen Chirurgie, der Evaluierung von Sex-Toden, die vor allem bei Pervertierungen diagnostiziert worden seien, zB Che Guevara, präpubertär. Moränen, die das Bewusstsein zurücklässt.

Bei all dem bleibt offen, ob Dr. Talbert nun Patient sei oder Arzt. Und wie weit, was ihm unterstellt wird von womöglich missgünstigen Kollegen, dass es ihm nur um private Lustbefriedigung mit der Schauspielerin geht unterm Vorwand des wissenschaftlichen Interesses. Wobei Sex als Metathema quasi wissenschaftlich im Hinblick auf Dr. Talbert viel Platz eingeräumt wird. Ein Fotoshooting mit Karen Novotny vor OP-Kulisse, in der -Dr. Talbert operiert. Nachimagintion von Autounfällen im Spannungsfeld psychologischer Paramter wie Wut, Lust; Liebe, Sex.

Vielleicht einer der Filme, der fundamental nach dem Humanen sucht auf dem Negativweg und der Menschenexperimente, ein immerwährendes Filmthema, zuletzt bei Poor Things von Jorgos Lanthimos oder in der Literatur zuletzt bei Thomas Willmanns Der Eiserne Marquis, oder hier über die Recherche nach dem Üblen im Menschen am Beispiel bekannter Verbrechen und Unglücke wie dem Kennedy-Mord, dem Selbstmord von Marilyn Monroe, einem verunglückten Raketenstart oder Hiroshima und dem dritten Weltkrieg als konzeptueller Handlung. Die Erforschung, Nachstellung von Verbrechen, wir sind alle in einem Film, als Untersuchung. Das Thema lässt die Menschen nicht los.

Die Geometrie ihres Gesichts als Diagramm für einen Mord.

Rückkehr zum Land der Pinguine

Sentimentaler Egotrip

Vielleicht ist ja dieser mit großem Kunstanspruch und ambitionierten Unschärfespielereien in Schwarz-Weiß fotografierte Reisefilm von Luc Jacquet mehr als nur ein wunderschöner Eskapismus. Er versucht jedenfalls mit seinen Voic-Over-Texten, Reisen als etwas Erotisches in dem Sinne zu vermitteln, dass es ein Vorspiel brauche, eins für das er sich Zeit lässt.

Nur langsam nähert Luc Jacquet sich dem südlichen Eismeer, dem Reiseziel Inlandsis, dem Südpol, wo die Kompassnadeln verrückt spielen. Er versucht Naturphilosophie zu vermitteln, Respekt vor der Natur, seine Faszination von der Stille, der Ferne zur Technik und modernen Gesellschaft. Wobei er moderne Drohnentechnik überaus gerne und mit Ausdauer einsetzt.

Jacquet versucht, seine Sehnsucht, ja, ohne das Wort zu verwenden, seine Sucht nach der Antarktis, in der er seit Jahren viel Zeit verbracht hat, zu artikulieren. Das kommt in unglüchlichen Momenten so rüber, als habe der alte Knabe nichts gelernt.

Gerne lässt der Dokumentarist sich allein von hinten fotografieren, er der mitten in der Natur in Beobachterposition steht. Das kann aber auch sofort als Trugbild wahrgenommen werden, denn nicht nur sein Fotograf muss in der Nähe sein, auch das Eisbrecherschiff mit der ganzen Mannschaft und sicher noch vielen anderen Passagieren. Was allerdings der Faszination durch die Pinguine keinen Abbruch tut, das ist schon ein merkwürdiges Existenzsymbol, diese Tiere in Fräcken, wie sie so staatsanwaltlich dastehen, um gleich ein Plädoyer zu halten gegen den Klimawandel oder stattdessen in der Gruppe loszumarschieren in Kälte, Schnee und Eis, null Geborgenheit im menschlichen Sinne nirgends. Kolonieexistenz, Watschel- oder auch Kriechexistenz. Und dann gibt es auch noch vielen anderen, netten Tierbeifang.

Linoleum – Das All und all das

Ein wehmütiger Film über die Provinz

und ihren Stillstand, ihre Wiederholung des Ewig-Gleichen beim kontradiktorischen Orts-Motto von Fairview, zu neuen Höhen sich aufzuschwingen.

Das zumindest will Cameron (Jim Gaffigan). Er nimmt – so wie heute es die Youtuber machen – fürs Lokalfernsehen kinderfreundliche Sendungen über Raumfahrt auf. In Fairview gibt es nebst einer Kirche, eine High-School und auch ein kleines Raumfahrtmuseum.

Die Generationen überschneiden sich, sie bleiben sich gleich in ihren Träumen, in ihrem Tun, in ihrem Verharren in der Provinz, in ihrem Stillstand.

Und dann ist da noch die stumme Mahnfrau, die wie eine Skulptur im Nachbarsgarten steht (Elisabeth Henry). Und doch ist da Aktivität. Erin (Rhea Seehorn) will sich emanzipieren von ihrem Mann. Der baut in der Garage eine Rakete. Ihm passieren Dinge, die Verbindung zu oben haben, ein rotes Auto knallt aus heiterem Himmel neben ihm auf die Straße, gerade wie er einen Brief an die Nasa in den Briefkasten stecken will oder in seinem Garten landen Bruchstücke einer Rakete.

Parallel zu den Problemen der alten Generation hat die Jugend, Tochter Nora (Kately Nacon) der High School ihr Coming-of-Age, Partys organisieren, rumhängen bei alten Bahnwagen, nachts aus dem Fenster steigen, Jungs bewundern und sich über Queerness unterhalten.

Es gibt unter den jungen Frauen die typische Bitch, die sich über die anderen lustig macht. Und plötzlich zieht nebenan ein Typ ein, der verdammt viel Ähnlichkeit mit Cameron hat, nur viel eleganter, zielbewusster, überhaupt nicht dattrig; der fährt nicht nur einen schicken roten Sportwagen, er bringt auch noch einen attraktiven Sohn mit ins High-School-Provinz-Gefüge und den Job beim Lokalfernsehen mit der Kindersendung nimmt er Cameron auch ab.

Es ist dann so in diesem Film von Colin West, dass die Ereignisse und die vermeintlichen Ereignisse Reaktionen hervorbringen von der Art, dass den Beteiligten durchaus die Kostbarkeit ihres Lebens in Fairview bewusst wird. Und sie hat ja auch ihren nicht zu wiederlegenden Charme, die Provinz mit den Mühlen die so langsam wie zuverlässig arbeiten – in den Hirnen, wie immer wieder betont wird.

Hao Are You

Zerstrittene Familie statt Asia-Clan

„Gehn wir zum Asiaten“, das ist so eine Redewendung, die nicht nur etwas über einen Essenswunsch ausdrückt, sondern gleichzeitig den Maximalkontakt zu asiatischen Einwanderern hierzulande umreißt. Sie sind meist fleissige Leute, die nicht in die Öffentlichkeit drängen.

Umso spannender ist es, einmal einen intimen Einblick in eine solche Familie zu erhalten. Es ist die Familie des Dokumentaristen Dieu Hao Do. Er ist in Deutschland geboren und stammt aus einer Familie, die gut und gern ein Clan, eine Dynastie hätte werden können. Er hat so viele Onkel und Tanten, dass die alle nur nummeriert werden. Oder der eine ist der kleine Onkel oder eine die kleine Tante. Aber nix mit Clan, nix mit Dynastie, sondern Familienzoff über Jahrzehnte und Kontinente hinweg.

Es ist eine Familie, die einsten aus China nach Vietnam eingewandert ist und dort mit einem Stoffhandel es zu einigem Wohlstand gebracht hat. Mit der Errichtung der kommunistischen Herrschaft über Vietnam wird die Familie enteignet und die meisten Mitglieder halten eine Flucht für ratsam.

Einige sind von der Cap Anamour als Boat-People aufgenommen und in Deutschland ansässig geworden. Einen anderen Teil der Familie verschlägt es nach Hongkong und einen dritten in die USA.

Wenn Dieu Hao Do nachfragt nach dem Grund der Zerrissenheit, bekommt er erst immer zur Antwort, der Kommunismus, der Kommunismus sei an allem Schuld. Dem Impuls, nach Jahrzehnten der Kontaktlosigkeit, diese Familie wieder zusammenzubringen, was einem Märchenstoff fürs Privatfernsehen gleichkäme, kann der Regisseur nicht widerstehen.

So viel muss gespoilert werden dürfen, funktionieren wird das nicht und er bleibt mit der buddhistischen Weisheit zurück, dass es reiche, wenn er für sich die Lehren aus der Situation ziehe (frei interpretiert).

Die in asiatischen Schriftzeichen auf rotem Hintergrund gehaltenen Zwischentitel insinuieren, dass es sich um eine große östliche Kampf-Erzählung handelt.

Colonos

Endschöne Gegend –
oder die Ästhetik der Politik

Mit der Ästhetik in der Politik meint der vom Staat in den entlegensten Winkel Chiles entsandte Marcial Vicuna das friedliche Zusammenleben im neuen Chile Anfang des letzten Jahrhunderts zwischen Indios, Siedlern und anderen Zuwanderern und damit auch die Aufarbeitung von Chiles Geschichte, hier speziell das Unrecht, das an den Onas verübt worden ist.

Ansprechpartner dafür ist der Großgrundbesitzer José Menéndez (Alfredo Castro). Für ihn hat der britische Ex-Soldat Alexander MacLennan (Mark Stanley) zusammen mit Bill (Benjamin Westfall) und dem Mestizen Segundo Molina (Camilo Arancibia) den Auftrag, die Gegend nach einem sicheren Weg für die Herden bis nach Argentinien abzusuchen. Dort am Meer besitzt Menéndez auch riesige Ländereien. „Sicher“ bedeutet frei von Indianern.

Regisseur Felipe Gálvez, der mit Antonia Girardi und unter Mitarbeit von Mariano Llinas auch das Drehbuch geschrieben hat, nutzt die endschöne Gegend von Pampas und der Anden, die Weite, die kinounverbrauchte Menschenleere für eine klassische Westernexposition der Geschichte.

Siedler sind dabei in der Tierra del Fuego im Jahre 1901, Zäune zu bauen, man sieht Schafe, ein Llama erst; es passiert eine Untat, begangen vom Protagonisten Alexander, der damit als skrupelloser Bösewicht etabliert ist. Das Ganze wird beobachtet von Segundo, dem Mestizen. Er wird damit als Zeuge eingeführt, als Beobachter. Das wird später bei einer Auseinandersetzung mit Alexander MacLennan auch verbalisiert.

Mit dem Auftrag reiten die drei Männer Alexander, der ihm vom Gutsherrn aufs Auge gedrückte Bill und der von ihm selbst ausgewählte Segundo los, hinaus in die Weite. Mehr und schöneres Wildwestkino geht nicht. Es ist episches Kino mit großem Atem, mit gemäldehafter Genussphotographie und erst mal gar nicht dramatisch oder auf dramatisierend gemacht.

In gelegentlichen Gesprächen, beim Essen oder beim Lagerfeuer, stecken die drei Männer ihre Terrains ab, lassen Vertrauen und Misstrauen erkennen. Es gibt Begegnungen an der argentinischen Grenze mit einem von Soldaten begleiteten Landvermessser. Die Männer messen sich in Disziplinen wie Schießen, Boxen, Armdrücken.

Aber die drei Helden bringen auch einen kleine Indianergruppe um; schließlich sind die beiden Weißen ja Rassisten; abstoßend, wie sie ihre „Jagdstrecke“ auf dem Boden drapieren und einer je ein Ohr eines Opfers als Trophäe abschneidet. Das Grauenhafte daran ist wohl die Selbstverständlichkeit, mit der sie das tun.

Der Filmemacher hat seinem Film einen Text von Thomas Morus aus Utopia von 1516 vorangestellt, „Vuestroas ovejas (…) son ahora, segun dicen, tan voraces y salvajes que devoran hasta a los mismos hombres“ über die wilden und gefrässigen Schafe, die sogar die Menschen selbst verschlingen.

Bob Marley: One Love

Umwerfend charmant

ist Kingsley Ben-Adir als Bob Marley und entsprechend ist es der Film.

Kingsley Ben-Adir trägt den Film von Reinaldo Marcus Green nach dem Drehbuch von Terence Winter, Frank E. Flowers und Zach Baylin tiefenentspannt in einer Mischung aus Begeisterung und doch distanzierter Weltsicht, es nicht nötig haben, zu gefallen. Er lässt sich tragen von der religiösen Durchdringung und dem Temperament Jamaikas, dessen Reggae damit weltberühmt wurde.

Der Film lässt sich infizieren von der chaotischen Lebendigkeit auf der Insel; er zeichnet sich aus durch eine gewisse Sprunghaftigkeit und Spontaneität, die sich auf ausgewählte Stationen und Momente dieses kurzen Lebens konzentrieren.

Mit einem Flash wird erinnert, dass Bob Marley vom Land kam. Dann setzt der Film gleich mit dessen Berühmtheit ein, wie Marley ein großes Friedenskonzert auf der politisch angespannten Insel geben soll. Er selbst wird Opfer eines Attentates; auf der Insel sind Schießereien an der Tagesordnung. Ein Buddy wirft sich rettend vor ihn.

Auch seine Frau Rita (Lashana Lynch) wird angeschossen. Sie wird mit den Kindern in die USA umziehen, er landet mit seiner Band in London. Hier wird die Platte Exodus produziert, die zum Megahit werden wird, von hier aus werden Konzerte in ganz Europa organisiert; die Afrikapläne fallen einem gierigen Manager zum Opfer.

Der Film gibt sich von unbändiger Erzähllust, die sich einfache, emotionale Momente aus dem Band- und Familienleben herauspickt und energievoll gestaltet.

Die Tonspur ist durchdrungen von den Songs. Der Film tut gar nicht erst als sei er ein ehrfurchtsvolles, ordentliches Biopic, indem er sich von Bob Marley und dessen positiver, in keiner Weise spießigen Lebenseinstellung antörnen lässt.

Dies ist eines der Biopics, wo es mich nicht stört, wenn im Abspann noch Archivaufnahmen des echten Protagonisten gezeigt werden; auch wenn hier eine klare Differenz zwischen den beiden Figuren aufscheint; der Film-Bob-Marley kann großartig bestehen, vielleicht grade, weil er seine eigene Interpretation spielt und gar nicht erst versucht, sklavisch das Vorbild nachzuspielen, sondern sich vielmehr von dessen Need zur Musik tragen lässt.

Go ahead, make my day.