Kommentar zu den Reviews vom 1. Oktober 2020

Problemfilme im Kino, was Menschen anzurichten imstande sind, was es mit der Abtreibung auf sich hat, unheilbarer Krebs in jungen Jahren und Kaputtheit als Selbstwert im deutschen Kino; wobei der Überraschungsfilm aus Berlin aus seinen Problemen gerade keinen Problemfilm macht. Nicht zu den Problemfilmen ist ein Kinderabenteuerfilm zu zählen. Auf DVD mischt eine Mondäne ein verschlafenes Nest auf, ist ein attraktiver Bundeswehroffizier zur attraktiven Frau geworden; in Berlin gab es Versuche mit Gesichtserkennung und 3 Jahre unterwegs war ein Paar auf Motorrädern. Im Fernsehen gab es sogar einen Tipp von stefe. 

Kino

KOMM UND SIEH‘

Verwüstungen apokalyptischen Ausmaßes, von Menschen angerichtet. 

NIEMALS SELTEN MANCHMAL IMMER

Fragen, die eine Frau, die in New York abtreiben will, beantworten muss.

GOTT, DU KANNST SO EIN ARSCH SEIN!

Den Satz haben sich Fans des Erfolgsbuches auf die eigene Haut tättowieren lassen

ENFANT TERRIBLE

Devotionale an die Kaputtheit; deutsch-kulturpessimistisch. 

IN BERLIN WÄCHST KEIN ORANGENBAUM

Die schönere Fassbinder-Hommage.

JIM KNOPF UND DIE WILDE 13

Dieser zweite Film hat deutlich zugelegt. 

DVD und VoD

LOTTI ODER DER ETWAS ANDERE HEIMATFILM – BLEICHERODE DER FILM

Wer diese Neuankömmlingin auf dem Dorf kennt, der hat Pornos geschaut.

ICH BIN ANASTASIA

Wenn sich unterm Soldatenrock das Geschlecht ändert. 

FACE IT!

Gut, dass wir heute Gesichtsmasken tragen (dürfen, müssen). 

SOMEWHERE ELSE TOGETHER

Escape Corona!

TV

FREUND ODER FEIND. EIN KRIMI AUS PASSAU.

Von den Schwierigkeiten eines Lebens im Zeugenschutzprogramm – schräg wie eine verbogene Kanone. 

In Berlin wächst kein Orangenbaum

Libanesische Ehre

Klassische Ausgangslage: ein Mann kommt aus dem Knast und hat noch was zu erledigen. 

Erstens will er seinen Anteil an der Beute von dem ‚Bruder‘, der den Polizisten getötet hat und für den er zum Knast verdonnert wurde, ohne dass er ihn verpfiffen hätte. Libanesische Ehre. Zweitens will er nach 14 Jahren Knast seine Töchterchen kennenlernen. Drittens: er hat nur noch kurze Zeit zu leben wegen Krebs. 

Kida Khodr Ramadan, Regisseur und Darsteller der Hauptrolle Nabil, hat das Drehbuch mit Juri Steinburg geschrieben. 

Der Film fängt mit einer authentischen Schilderung geradeheraus als Außenseiter-Melodram an. Man denkt an Fassbinder, da just am gleichen Tag der Fassbinderfilm von Oskar Röhler „Enfant Terrible“ ins Kino kommt, und, chapeau!, dieser Einstieg ist mehr Hommage an RWF als der destruktiv-kulturpessimistische Röhler-Film über Fassbinder zu sagen imstande ist. 

Allein die Szene mit dem schnöselig-glatten Junganwältchen Anselm Stoffenburg (Tom Schilling), geradezu grotesk, wenn er anfängt mit Kriegsschilderungen seines Großvaters. Den Melodram-Fassbindercharakter des Filmes verstärken Anna Schudt als Cora Hartmann, sozial randständig, fertig, rauchend, etc. mit ihrer Tochter Juju (Emma Dragunova), die Cello spielen lernen soll, weil ihr Vater ein berühmter Musiker gewesen sei; das ist erstunken und erlogen. 

Wobei Kida Khodr Ramadan, was die Sprachregie betrifft, die strenge Straub-Schulung eines Fassbinders fehlt, was innerhalb der heutigen deutschen Filmlandschaft wenig auffällt. 

Menschlich anrührende Szenen vorher schon im Gefängnis mit dem Mitgefangenen Mike (Frederick Lau) und mit Wärter Grunert (Thorsten Merten). Es geht schilderungstechnisch fassbindersch weiter. Nabil sucht seinen Bruder Ivo (Stipe Erceg) auf. Er kommt ungelegen. Er findet heraus, wo Cora wohnt. Fährt in die Region hinaus. Findet Cora und die Tochter, die von allem nichts weiß. 

Der Bedarf nach Medikamenten und dem Geld dafür treibt Nabil zurück nach Berlin. Mit Tochter diesmal. Der dramaturgische Druck steigt. Vater und Tochter nähern sich an. 

Der Film kippt zum Geburtstag von Juju in ein Feelgood-Movie und für den Count-Down hat sich Ramadan fürs Gaunerkomödienhafte entschieden, wenn das Töchterchen im vollkommen unpassenden rosa Orientkleidchen auf dem Fahrrad das Geld holen will. 

Ein deutscher Film, der einiges über das Leben (und auch den Umgang mit einem erwartbaren Tod) hier erzählt, der nicht ständig die dumme Frage stellt „Was is’n hier los?“. Ein Film, der vom Menschen (und Autor dazu!) Kida Khodr Ramadan lebt, was beinhaltet, dass er sich einen exzellenten Cast ausgesucht hat und mit diesem libanesisch ehrenvoll umgeht. 

Jim Knopf und die wilde 13

Wie verwandelt

kommt diese zweite Jim-Knopf-Verfilmung nach Michael Ende daher.

stefe was not amused vom Vorgänger Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer; siehe Review

Mit teils identischer Mannschaft ging Produzent Christian Becker an den Start: gleicher Regisseur: Dennis Gansel, wieder Dirk Ahner (diesmal allein) als Drehbuchautor. Auch bei den Darstellern hat er auf Kontinuität geachtet: der gewachsene und freier wirkende Solomon Gordon wieder als Titelfigur Jim Knopf, der deutlich lockerer wirkende Henning Baum als Lokomotivführer Lukas, Uwe Ochsenknecht als König Alfons chargiert nicht mehr ganz so billig, dafür kontrollierter, wodurch sein König nicht mehr so trottelig verkindet wirkt, Christian Maria Herbst wieder als Herr Ärmel (der hat einen anrührenden Moment, weil er anfangs des Filmes nicht mehr zu gebrauchen ist und wie die Piraten die Schulbank drücken sollen, da ist er plötzlich gefragt), die entzückend-energische Leighanne Esperanzate ist wieder Prinzessin LiSi, die den Konflikt mit dem Vater riskiert; Annette Frier bringt als Frau Waas das fürsorgliche Element in den Film. 

Die deutschen Darstellerstimmen sind ansprechend, auch bei den Piraten gibt es angenehm tiefe Männerakkorde. 

Die Michael-Ende-Momente funkeln an allen Ecken und Enden. Aber es gibt auch Action, es wird eine Jagd nach einem verborgenen Schatz, ganz Abenteuerfilm, die Piraten sehen wild aus mit ihren Augenklappen und verwirrend mit ihrer reinen Zahlenidentität und dem gleichen, räuberischen Äußeren. 

Die Lokomotive ist ein Amphibienahrzeug, das auf Schienen, dem Wasser und durch die Luft sich fortbewegen kann. Die Augen der beiden Lokomotiven Emma und Molly sind nicht mehr ganz so tot, es gibt eine Art „Augendeckel“, die beweglich sind, sie arbeiten vielfältiger mit Dampf und auch mit unterschiedlichen Lichtintensitäten und leichten Gelbvariationen. 

Die Montage ist agiler geworden; die Computereffekte sind versierter. Das deutsche Kino auf dem Weg zum international vermarktbaren Mainstream-Kinderfilm. 

Und eine Herkunftsgeschichte gibt es auch noch, Jim wird mehr über seine ihm bislang unbekannte Herkunft erfahren – er ist nicht von schlechten Eltern. 

Gott, du kannst ein Arsch sein!

Liebe auf dem Pritschenwagen des deutschen Kinos

Am Schluss lieben sich die Protagonistin Steffi (Sinje Irslinger) und der Mann, der für sie doch der Richtige scheint, welcher, das sei an dieser Stelle nicht verraten, auf dem Pritschenwagen, der durchgängig für das Element des Roadmovies durch den Film kurvt, sie lieben sich mindestens an den Oberkörpern nackt und mehr braucht man nicht sehen. 

Sie lieben sich im Rahmen der deutschen, subventionierten Filmkultur; das heißt in diesem Falle, sie lieben sich überdeutlich, die Liebe wird wie alles andere auch: vernünftelnd inszeniert, ein Biederkino („Ich habe so Angst, Papa“), so dass jeder es versteht und keine Erotik unnötige Hitze im Kino erzeugt (vielleicht eine Anticorona-Maßnahme).

Die Geschichte ist diejenige von Steffi, die nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Polizistin machen will. Beim Gesundheitscheck wird bösartiger Krebs entdeckt, der ihr keine große Überlebenschance gibt. 

Die Klassenfahrt nach Paris lässt sie sausen. Dort wollte sie mit ihrem Freund Fabi (Jonas Holdenrieder) in einem Hotel die Liebe erkunden. Stattdessen ist sie über Steve (Max Hubacher) gestolpert. Der ist Steilwandfahrer bei einem Zirkus. 

Den Pritschenwagen bringt der Papa als Geburtstagsgeschenk für die Tochter ins Spiel, obwohl sie den Führerschein noch gar nicht hat. Es wird das Roadmovie-Abenteuermobil für Steffi und Steve, dessen Lebensgrundlage im Zirkus auch gerade wegfällt. 

Für die Verfolgung der Ausgerissenen sind die Eltern von Steffi zuständig. Es sind dies Frank (Til Schweiger) und Eva (Heike Makatsch), angeblich ein Pfarrersehepaar – allerdings lässt das Rollenstudium der beiden vermuten, dass sie wenig Zeit hatten, sich mit dem Habitus, den so ein Beruf mit sich bringt, groß zu beschäftigen (Heike Makatsch im Ansatz immerhin). 

Der Film sei inspiriert von einer wahren Geschichte steht im Abspann. Diese Geschichte ist diejenige der Pfarrerstochter Steffi, die ihr Vater, Pfarrer Frank Pape, aufgeschrieben und zum Bestseller gemacht hat. Daraus haben Thomas Vass und Katja Kittendorf versucht, ein Drehbuch zu verfassen.

Das Drehbuch dürfte – einmal mehr – der Schwachpunkt des Filmes sein. Alles soll überdeutlich klar werden, viel zu viel wird erklärt, viel zu vorhersehbar ist alles. Der Film wirkt, als sei er nicht durchhaucht von einer Idee, sondern als sei das Buch Schritt für Schritt abgearbeitet worden, Szene für Szene, wobei eine beachtliche Unsicherheit hinsichtlich des beabsichtigen Genres zu herrschen schien; das hat zur Folge, dass der Level der Ernsthaftigkeit ständig schwankt. 

Es ist Melo oder Bedröppelkino, bsonders in dem Moment, in welchem die Krebserkankung erkannt wird, es ist Road-Movie, auf diese Tube drückt vor allem die enervierende Feelgood-Musik. Dann schlingert der Film wieder in das Action-Genre bei einem Diebstahl in einer Tankstelle. Dann soll es offenbar wieder mehr Comedy sein, wenn das Paar auf der Flucht mit pseudoschwangerer Freundin versucht, im Nobelhotel einzuchecken und die Rezeptionistin zu übertölpeln. 

So kann kein Sog entstehen.

Charge spielen will gelernt sein. Auch das ist so ein Punkt. Jürgen Vogel spielt, innert kürzester Zeit bereits zum dritten mal, eine Charge. Das erste Mal hat er mir sehr gut gefallen als Herr Vogel in Stillstehen, das zweite Mal, in Futur Drei, ist es schon weniger erwähnenswert und hier als Zirkusdirektor atmet er überhaupt kein Zirkusflair. 

Chargen sind eine Kunst für sich und sollten so gespielt sein, dass man denkt, das sei die Rolle des Lebens eines Schauspielers. Auch bei den anderen Stars, die hier mit kleinen Rollen mitmachen, wie Benno Fürmann oder Dietmar Bär sieht es nicht besser aus.

Der Titel des Filmes ist der Text eines Tattoos, das sich die Pfarrerstochter auf ihrer Reise tättowieren lässt. Dieses Tattoo soll im realen Leben viele Nachahmer gefunden haben unter den Fans des Buches. 

Max Hubacher fasziniert gleich im ersten Bild als Steilwandfahrer, dieses Alleinsein eines Mannes mit der Gefahr, der er sich aussetzt; ein Hauch von Erinnerung an James Dean. Leider ist dies durch das Buch auch nicht so richtig durch den Film durchzuziehen. Die Auswahl der Schauspieler, die ist durchaus kinoaffin, da gibt es nichts zu rütteln. Aber das allein reicht nicht für einen überzeugenden Film. 

Niemals Selten Manchmal Immer

Der Film von Eliza Hittman fängt an in der Art eines anrührenden britischen Soziodrams wie von Ken Loach in der amerikanischen Provinz in Ellensboro in Pennsylvania im amerikanischen Osten. 

Die verschlossene Autumn (Sidney Flanigan) tritt mit einem tristen Solo vor Publikum an. Einer brüllt mittendrein „Slut“, vielleicht mit Schlampe zu übersetzen, eine Frau, die leicht zu haben ist. 

Etwas mag dran sein an dem Vorwurf, denn etwas hat offenbar Folgen gezeitigt, wie Autumn bald beim Arzt erfährt. Sie arbeitet als Kassiererin bei einem Supermarkt. Auch ihre Cousine Skylar (Talle Ryder) arbeitet dort. Vorerst behält Autumn („Herbst“, was für eine trauriger Vorname für eine Frau) ihr Geheimnis für sich. Ihre Familie darf auf gar keinen Wind davon bekommen. 

Autumn erfährt bei diskreten Erkundigungen, dass es in New York Kliniken gibt, die das Kind wegmachen könnten. Das kostet Geld. Die Cousine steht ihr bei, aus den Kasseneinnahmen das Fahrgeld abzuzweigen und sie begleitet sie auf ihrer Busreise nach New York. 

Autumn hat einen riesigen Koffer dabei. Jetzt wird der Film zum Roadtrip to Abortion. Die Fahrt dauert. Hittman nutzt die Situationen, um zu zeigen, wie unendlich einsam diese Frau ist; daran ändert die Anwesenheit ihrer netten und hübschen Cousine wenig; seelisch kann sie ihr nicht nützen. 

Der Film wandelt sich in New York zum Abtreibungsaufklärungsfilm. Der Titel ist einem Fragebogen zum Sexualverhalten entnommen; er wird ihr auf einer Beratungsstelle vorgelesen, sie muss die Fragen mit einem der vier Wörter „niemals“, „selten“, „manchmal“ oder „immer“ beantworten, sie betreffen den Geschlechtsverkehr, die Benutzung von Kondomen, ob Gewalt im Spiel ist. Autumns Antworten lassen vermuten, dass der Geschlechtsverkehr, der zur Schwangerschaft geführt hatte, nicht auf Freiwilligkeit beruht hat. Auch der Vorgang der Abtreibung wird ausführlich geschildert und auszugsweise gefilmt. 

Freund oder Feind. Ein Krimi aus Passau (ARD, Donnerstag, 1. Oktober 2020, 20.15 Uhr)

Die verbogene Kanone – 

oder der lange Arm der Clans. 

Die verbogene Kanone ist ein wunderbares Symbol für die schräge Krimihaltung in dieser neuen Reihe der ARD, die auf Anhieb das Interesse zu wecken vermag. Der Begriff wird konkret von Bettina Mittendorfer als Roswitha Hertel in den Film getragen. Sie betreibt eine Bäckerei-Konditorei in Passau. Sie hat hier zwar keine Hauptrolle, trägt aber mit ihrer niederbayerischen Art und den gestrickten Jäckchen ein prägendes Mosaiksteinchen zum Lokalkolorit bei. 

Es geht um das Bild auf einer Torte mit einer Kanone darauf für den Sohn von Frau Bielmeier (Monika Bujinski), der in Lettland bei der Bundeswehr Dienst schiebt. In das Bild von diesem Soldaten verliebt sich sofort die junge Mitarbeiterin Mia (Nadja Sabersky). Sie hat es mit ihrer Mutter Frederike, Marie Leuenberger, mit neuer Identität von Berlin nach Passau verschlagen. Eine heikle Angelegenheit, die Gründe dafür werden im Laufe des Filmes bekanntgegeben. 

Diese Mutter und Tochter leben unter einem Zeugenschutzprogramm. Heikel auch, weil die Tochter ein Wildfang ist, immer gegen die Mutter, sehr direkt ihre Wünsche auch an Männer bekannt gibt, am Innufer sich Hasch besorgt, andererseits mit dem süßen Museumswärter und Bäckerssohn Franz (Alexander Gaida) ein Techtelmechtel hat. Der erinnert an die römische Vergangenheit von Passau. 

Das ist einer der Seiltänze, die diesen Film von Michael Vershinin nach dem Drehbuch von Maurice Hübner so spannend macht. Denn der Arm der Berliner Clans ist lang und die Tochter von Frederike ist nicht so konsequent im Verwischen der Spuren, im Abbruch sämtlicher privater Beziehungen, da sie speziell die Berliner Oma Gisela (Eva Weißenborn) vermisst. 

Eine weitere, herrliche Interpretation für das Symbol der verbogenen Kanone bietet Michael Ostrowski als Wald-, Feld-, Wiesen- und Privatdetektiv Ferdinand Zankl, ein Österreicher, was exzellent zum Passauer Sprachkolorit sich fügt. Zu dem passt das Bild von der verbogenen Kanone besonders, kann man sich sofort vorstellen. 

In Passau wird sowieso viel beobachtet. Der Privatdetetktiv beobachtet. Die Frau im Zeugenschutzprogramm beobachtet (weil ihr ein Fehler unterlaufen ist). Und plötzlich beobachtet auch der Clan. 

Das sind Konstellationen, die zu erfinden sich Maurice Hübner offenbar genügend Zeit genommen hat und die Vershinin mit leichter Hand inszeniert. 

Drohnenaufnahmen von Passau setzt Hübner als fliegende Szenenübergänge ein, die Musikuntermalung passt zur verbogenen Kanone und dann gibt es ja auch noch Geschichten im Drogenmilieu. 

Wie die römische Vergangenheit in diesem unterhaltsamen Fernsehfilm eingesetzt wird, das spricht für die betreuenden TV-Redakteure und Zwangsgebührentreuhänder Stephanie Heckner, Cornelius Conrad und Katja Kirchen. 

Der Film hebt sich schauspielerisch durch das famose, stets kontroverse Mutter-Tochter-Duo von Marie Leuenberger und Nadja Sabersky weit über Durchschnittsfernsehware ab, erst recht, wenn Ostrowski ins Spiel kommt. Von TV-Routine keine Spur. 

Somewhere Else Together (DVD, VoD)

Raus aus dem Corona-Gefängnis!

Ok, die erhoffte Transformation hat nicht stattgefunden, befindet Daniel Rintz, der sich mit Josephine Flohr auf eine am Schluss drei Jahre lange Reise mit Mottorrädern aufgemacht hat und mit dieser Dokumentation einen schnell und abwechslungsreich geschnittenen Abriss davon gibt. 

So ein Film kann sicher eine anregende Abwechslung sein für Reiselustige, die dank Seuchenschutz genau solche Reisen nicht unternehmen können. 

Es ist die Fortsetzung der Soloreise von Rintz von vor 8 Jahren unter dem Titel „Somewhere Else Tomorrow“. Gestartet ist er mit seiner Reisepartnerin in Deadhorse in Alaska. Von dort aus war das Ziel der südlichste Punkt von Patagonien, Ushuaia. Da waren zwei Jahre um und Rintz hat sich die Eingangsfrage gestellt. Aber aufhören mochten die beiden nicht, die sich mit Jobs über Wasser gehalten haben. Allzu viel erfährt man darüber nicht. Manchmal erzählt Rintz von Filmen, die er unterwegs macht. Oder sie helfen bei der Renovierung einer Schule oder bei der Herrichtung einer Wohnung, die verkauft werden muss. 

Der Film ist eine rasche Montage aus spektakulären Landschaftsaufnahmen, immer wieder die Motorräder in Fahrt auf halsbrecherischen Bergstraßen, auf einem Salzsee oder auf staubigen Pisten, im Dschungel oder liegend oder stehend oder in Reparatur und von vielen Begegnungen mit Menschen, die sie kannten oder kennengelernt haben, auch mit anderen Bikern. 

So ergeben sich magazinhaft bunt gemischte Eindrücke von sozialer Situation, von gesellschaftlicher Lage, von der Sicherheitslage eines Landes, von Eigenarten der Kultur, von Einblicken in das Leben eines afrikanischen Stammes oder von Urwaldbegegnungen mit Gorillas. 

Auch die Folklore kommt vor oder der Besuch in einer Höhle mit 1200 Jahre alten Mumien, die in der trockenen Luft bestens erhalten sind. Aber auch der Kampf um einen Job bei der Verladung der schweren Motorräder auf eine Fähre ist zu sehen; originell auch die Fahrt mit dem Schiff „Stahlratte“, das spezialisiert ist auf den Transport von Motorrädern von Mexiko durch die Karibik nach Kolumbien. 

Es ist ein Film wie gemacht für das Homekino. Man kann ruhig zwischendrin plaudern oder sich ein Getränk in der Küche holen oder Knabbereien. Man kann den Film anhalten und später weiter schauen. Es ist sicher ein schöner Eskapismus, besonders jetzt, wo bei uns die Corona-Zahlen wieder steigen und die Tage kürzer, das Wetter schmuddelig wird. 

Der zweite Teil der Reise geht vom Süden Afrikas in Richtung Marokko. Damit wird das dritte Jahr der Reise eingeläutet, die die Fahrer zusehends auslaugt, was das Gefahrenbewusstsein beeinträchtigt und die Sehnsucht nach einem geregelten Leben in Deutschland stärker werden lässt.

Wobei die Frage ist, wie viel Reisen braucht der Mensch? Man könnte, wenn man es sich denn leisten kann, rauschhaft ständig unterwegs sein; wobei sich auch hier sicher ab und an die Sinnfrage stellt, wie sie es auch bei diesen Selbstdokumentaristen getan hat, dabei hatten sie ja sogar ein Arbeits-Reise-Konzept. 

Komm und sieh‘

Mächtiges Filmwerk aus der Sowjetunion

Mit einer dem Krieg angemessenen Bild- und Soundgewalt reagiert 1985 Elem Klimov, der mit Ales Adamovich auch das Drehbuch geschrieben hat, auf die brandschatzende Vernichtung von 628 belarussischen Dörfern durch die Nazis im Jahre 1943. 

Der Film ist jetzt ausgezeichnet restauriert worden, ein Monument und Dokument sowjetrussischer Filmkunst. Was von Hochkultur – wofür sich an einer Stelle einer Deutscher rühmt – durch den Krieg übrigbleibt, darauf verweist ein kleiner Text am Anfang: dass für die Musik Mozart verwendet worden sei. Allenfalls Spuren davon sind im wie elektronisch erzeugt wirkenden Musiksound übrig geblieben. 

Warum der Film, der die Gräuel dieser Kriegsphase aus Belarussia zeigt, dennoch erträglich ist, gerade so erträglich, das ist dem Prinzip Hoffnung zu verdanken, heißt es doch, die Hoffnung stirbt zuletzt, einerseits, und die Jugend sei die Hoffnung, andererseits. 

Klimov hat sich für einen Protagonisten im mittleren Teen-Alter entschieden, der heißt Fljora Gaishun (Aleksey Kravchenko), ein faszinierender Protagonist. Klimov führt ihn ein mit seinem deutlich kleineren Bruder, wie die beiden im sandigen Boden nach vergrabenen Soldaten buddeln, um Gegenstände zu finden; dabei gehen sie in ihren viel zu grossen Militärmänteln bis an die Grenzen ihrer Kräfte. 

Vorher werden die Buben akkustisch angekündigt von einem zahnlosen, beinah zahnlosen Mann; mit heiserer Stimme schimpft er sie was das Zeugs hält. Dann imitieren die beiden Jungs mit ebenso heiserer Stimme den Alten und sie entdecken das Gewehr. Das ist eine gespenstisch, bizarre Szene und Szenerie mit ungeheurem Drive, der im Laufe des Filmes nicht aufhört.

Fljora will sich den Partisanen anschließen, er brennt dafür, seine Mutter weniger. Die Soldaten kommen und nehmen ihn mit. Das ist der Anfang einer Odyssee, die in einer ersten Phase dank der Begegnung mit Glascha, die sich als Rosa von der Kolchosa vorstellt, und ihn ziemlich direkt anmacht, einer Teenager-Liebesgeschichte/Coming-of-Age gleichkommt. Aber Fljora ist dafür noch nicht reif, nennt sie eine dumme Gans. 

Die Fährnisse und Wirren des Kriegs halten das Pärchen eine Weile zusammen, lassen sie auch von der Truppe entfernen. Vorher wurde der Junge zynisch von Hauptmann Kosach (Liubomiras Laucevicius) in die Partisanengruppe aufgenommen. Aber für den ersten Einsatz muss Fljora zurückbleiben und seine intakten Schuhe mit den kaputten Stiefeln eines erfahrenen Soldaten tauschen. 

Der Krieg treibt den Jungen, später wieder allein, umher. Davor kehrt er mit Glasha nach Hause zurück; dass das ganze Dorf massakriert wurde, entdeckt nur sie. Er bemerkt lediglich die Puppen am Boden des verwaisten Hauses. Es folgt der Versuch, mit Glasha auf eine sichere Insel zu gelangen, der schlammhafte See dorthin droht die beiden zu verschlucken, Überlebenskampf auch hier. 

Die Kriegswirren setzen dem jungen Mann zu. Aber, das ist das erzählerische Pfund des Filmes, dass der Junge nicht sterben wird. Er altert zwar enorm, bei all dem, was er sieht, auch wie Leute sich mitten im Krieg belustigen oder wie Partisanen aus einem Totenschädel eine makabre Hitlerfigur mit Offiziersmantel formen und diese wie eine Heiligenstatue mit sich schleppen. 

Der Film kippt die Kriegsdetails auf die Leinwand, wie ein Müllwagen seinen Inhalt auf die Halde. Es gibt Reden an die Partisanen, jede Menge großartig und perfekt inszenierter Massenszenen von Dorfbewohnern, Partisanen oder Deutschen. 

Es gibt den Monolog von Glasha über die Liebe, das Leben und Kinder (also Hoffnung). Ein Flugzeug kreist oft, Fallschrimspringer gleiten vom Himmel, ein Soldat bleibt im Geäst von Bäumen hängen. 

Der Film entfaltet die volle Wucht und Ästhetik russischer Filmkunst. Die Menschen sind geschundene Menschen, aber sie tanzen auch, singen, lachen, machen Witze; es sind gebeutelte Kreaturen mit wenig Hoffnung – dazu einheizender Wahnsinnssound. 

Ein irrer Panzer fährt offenbar linkisch und irritiert durch die Gegend. Die Partisanen machen im Wald ein Gruppenfoto, auch dies eine denkwürdige Filmszene. Ein tote Kuh könnte Nahrung für Dorfbewohner liefern. Bis schließlich eine massive Invasion deutscher Militärfahrzeuge durch die Dörfer braust, die Bewohner in einem Gebäude zusammentreibt und den Stadel mit den eingesperrten Frauen, Kindern, Jugendlichen beschießt, mit Molotow-Cocktails bewirft, anzündet. Der junge Protagonist hat auch das überlebt. Er gibt den Standpunkt für die Beobachtung ab – er ist derjenige, herkommt und sieht. 

Die Partisanen haben einen SS-Sturmbannführer gefangen, der beteuert winselnd seine Unschuld. 

So richtig wohl kann einem bei diesem cineastisch hervorragenden Film allerdings nicht werden angesichts des aktuellen gigantischen Wirtschaftseinbruchs durch die Coronakrise und der politischen Entwicklungen, die mit der Berufung auf Seuchenschutzgesetze eine demokratische Freiheit nach der anderen kassieren. Denn eben haben wir gesehen, wozu Menschen fähig sind. 

Der Titel des Filmes ist ein Bibelzitat aus dem 6. Kapitel der Offenbarung des Johannes. Mit dem Ausruf „komm und sieh’“ soll die Aufmerksamkeit des Angesprochenen auf die Verheerungen gelenkt werden, die die Reiter der Apokalypse angerichtet haben. Der Film ist eine Illustration dazu, die Verheerungen wurden hier von den Nazis angerichtet. 

Lotti oder der etwas andere Heimatfilm – Bleicherode der Film (DVD und VoD)

Besuch einer Dame.

Es ist keine Millionärin wie im Dürrenmatt-Stück von der alten Dame, die in die Provinz zurückkehrt, um abzurechnen. Hier ist es eine Mondäne, deutlicher: die Pornodarstellerin Asta, die in das Nest Bleicherode zurückkehrt, nachdem sie sich vor zehn Jahren urplötzlich nach Wien abgesetzt hat und nichs mehr von sich hat hören lassen. 

In Bleicherode erinnert man sich gut an sie. Im lasziven Tigermantel, auf hohen Stöckelschuhen und mit Blondinenperücke kommt sie in dem kleinen Ort an. Es ist bürgerlich Lotti Funke (die fabelhafte Marion Mitterhammer); der Tod ihrer Mutter ist Anlass für die Rückkehr. Lotti hat noch die halbwüchsige Tochter Jenny (Joyce Schenke), die bei ihrer Oma aufgewachsen ist. 

Lotti beobachtet die Beerdigung aus Distanz. Es ist ein Heimatfilm, fast wie es im Buche steht, zumindest von der Geschichte, vom Buch von Horst Hammer her: eine extravagante Figur taucht in einem verschlafenen Nest auf und bringt alles durcheinander, wühlt alles auf. 

Hier ist das besonders pikant, weil es ‚Gerüchte‘ über die Dame gibt; das erinnert etwas an Moral von Ludwig Thoma; auch in Bleicherode gibt es jede Menge amoralischer Figuren, allen voran Bruno Jonas, der den schmierigen Eddi, den Arbeitsplatzvernichter, spielt. Denn im Schacht ist nicht mehr so oft Schicht. 

Viele erkennen Lotti wieder, manche mögen sie, andere weigern sich, sie auch nur zu bedienen im Geschäft, manchen kommt sie bekannt vor, was sie als Konsumenten von Asta-Filmen ausweist. Das Tragische an ihrer Geschichte ist das Verhältnis zur Tochter. Klar, Mutter hat versagt, hat sich nicht gekümmert, jetzt möchte sie es und wird brutal abgelehnt. 

Das gewisse, titelgebende „andere“ an diesem Heimatfilm ist die Inszenierung von Hans-Günther Bücking, die spartanisch knappe Sprachregie, und es sind auch die Dialoge, die einerseits von Anzüglichkeiten andererseits von Lebensweisheiten durchdrungen sind: wenn der Schnee schmilzt, kommt der Dreck zum Vorschein. So eine verführerische Frau, bringt so manchen Schnee zum Schmelzen.

Bücking arbeitet zum Vorteil des Filmes mit Stilisierungen, um den Film von plumpem Realismus zu entfernen. Durch diese sichere Sprach- und Stilisierungsregie vermögen die Schauspieler durchs Band zu überzeugen in dieser Mischung aus Top-Profis und lokalen Laien; jede Figur wird durch Kleinigkeiten, Schwächen charakterisiert und gewinnt Persönlichkeit – was dem Film einen besonderen Charme verleiht, wie das erwachende Selbstbewusstsein der Bäckerin gegen ihren angeberischen, eingeheirateten Mann; auch so hebt sich der Film vom Klischeebild des Heimatfilmes ab. 

Akustisches Dauerkolorit verleihen der Provinz die immer wieder auf der Tonspur vertretenen Ansagen des Lokalradios.

Ich bin Anastasia (DVD)

Respekt, Respekt vor diesem Mann, der parallel zur Karriere bei der Bundeswehr zur Frau wurde; sexy, aber nicht frivol. Siehe die Review von stefe. Eine bessere Werbung für die Bundeswehr als die Verteidigungsministerin, die noch als CDU-Parteipräsidentin öffentlich peinlich Genderwitze gemacht hat. 

Go ahead, make my day.