Kommentar zu den Reviews vo 16. Juli 2026

Knallige Niveauunterschiede bei den Neustarts im Kino. Vom Kino as Kino 2.0 can zwischen frisch restauriertem französischem Topintellektuellenkino aus der Nouvelle Vague über den unwiderstehlichen Vibe heutigen Comings-of-Age über eine Mischmenge aus Folklore und Elitemusikl und über Agrarinitiativen im Sinne der Artenvielfalt bis hin zu den Abstürzen in den sexistischen Niederungen deutscher Fernsehunterhaltung zu Zeiten des aufkommenden Privatfernsehens.

DIE ODYSSEE
Spektakel, wie es nur das Kino bieten kann.

LA MAMAN ET LA PUTAIN – MAMA UND DIE HURE
So verbrachte die nach-68-er, intellektuelle Pariser Jeunesse ihre Tage.

MEINE KLEINEN GELIEBTEN – MES PETITES AMOURS
Atemberaubend exakte Beobachtung eines Coming of Ages

NINJA MOTHERF*CKING DESTRUCTION
Fiktional, aber real über sieben Jahre beobachtet

VIVA LA VIDA – SO KLINGT DAS LEBE
Ein Musikereignis fördert den örtlichen Zusammenhalt.

INSEKTEN – HELDEN IM VERBORGENEN
Schwerpunkt Biosphärenreservate

WAS HABEN WIR GELACHT
Unterm Niveau von unter der Gürtellinie, das war deutsche Fernsehunterhaltung

Die Odyssee

Spektakuläre Selbstbehauptung des Kinos

Dass Christopher Nolan ein Filmfreak ist, ein vehementer Verteidiger und glühender Verehrer und Macher des Kinos, dürfte bekannt sein. Das zeigt schon seine Wahl des Materials, mit dem er dreht, unter 70 mm geht gar nichts und analog muss es auch sein; für die Projektion am besten Imax.

Die Münchner Pressevorführung fand im wohl aktuell aufregendsten Münchner Kinosaal, in der Astor Filmlounge im Arri, statt. Zur Enttäuschung vieler Nolan-Fans wurde der Film auf der riesigen Leinwand allerdings digital gezeigt. Irgendwer, wohl hier in Deutschland, hat es nicht geschafft, rechtzeitig den Ton für die Celluloid-Kopie, die bereit gelegen hat, bereitzustellen.

Das ändert am Eindruck wenig, dass Nolan die Odyssee als Stoff benutzt um kinomäßig auf den Putz zu hauen, um zu demonstrieren, dass Kino Erlebnisse bieten kann, mit denen weder Fernsehen, noch Streamingdienste und noch weniger Youtube oder dergleichen auch nur ansatzweise mithalten können. Mit bis zu 92 Dezibel Lautsprecherstärke, wie ein Kollege auf seiner App gemessen haben will, dröhnen einem noch lange die Ohren.

Mit Matt Damon als Odysseus hat Nolan einen Star verpflichtet, der zuverlässig einen so aufwändigen Kinofilm tragen kann, der allerdings mit seinem Stupsnäschen und seinem biedertreuen Blick sich eher für die Rolle des Wilhelm Tell anbietet, als für diejenige des immer als listenreich apostrophierten Odysseus. Da denkt man doch eher an den Ex-Schauspieler Selenskyi, der als Chef der Ukraine wahre Heldentaten vollbringt, indem er dem einäugigen Zyklopen Russland die Stirn bietet und mit seinen Drohnenangriffen so empfindlich trifft wie Odysseus das Auge des Zyklopen. Im Vergleich zum Gesamtspektakel verschwindet dieses Besetzungsproblem allerdings, ist ja kein Realfilm.

Wir wissen, dass Odysseus listig war und dass er am Ende direkt rührselig wird, hätten wir eher nicht erwartet. Das hatten wir besser gesehen im letzten Jahr in Rückkehr nach Ithaka. Hier hatten wir allerdings beim Ralph Fiennes zu viel Pathos und ebenfalls zu wenig List bemängelt.

Ansonsten liefert der Film wie ein Bilderbuch Abenteuerstationen des Helden: Trojanisches Pferd und die Eroberung von Troja, den Zyklopen, in dessen Höhle die Krieger mit Odysseus gefangen sind, Zirze (Samantha Morton) , die Hexe, die Kameraden in Schweine verwandelt, die Sirenen, da verstopfen die Krieger sich die Ohren und fesseln Odysseus an einen Segelmasten, die Meeresungheuer Skylla und Charybdis kommen vor, riesige Titanen in Ritterrüstungen bedrohen die Kriegsheimkehrer, die Toten von Troja schälen sich aus einem Strand wie Moorleichen und provozieren in Odysseus menschliche Regungen. Wie nur noch Odysseus übrig ist, pflegt ihn Kalypso (Charlize Theron) sieben Jahre.

Die Heimreise von Odysseus wird gegengeschnitten mit dem Treiben auf seinem Schloss in Ithaka, mit der Hoffnung des blinden Sehers und von Penelope (Anne Hathaway) und seines Sohnes (Telemachos) auf seine Rückkehr. Penelope wird von Freiern bedrängt; sie trennt nächtens ihr Webstück wieder auf, damit sie sich nicht für einen der Freier entscheiden muss.

Ein dickes Fass macht der Film auf mit dem Wettbewerb um den Pfeilschuss durch die Linie zwischen den aufgestellten Äxten. Wie die Möchtegerne nicht mal den Bogen spannen können und auch der Bettler, als der sich Odysseus noch tarnt, tut erst so, als ob er es nicht schaffe, das ist richtig schön theatrales Spannungserzeugen, bis der wahre Held schließlich den Pfeil präzise durchjagt und dann lässt Christopher Nolan ihn in einer entfesselten Kinoorgie gnadenlos aufräumen und wie besinnungslos Selbstjustiz üben.

Fanfare für das Kino

Was haben wir gelacht

Witzemacherinnen

Die Frage ist nicht, ob Frauen unterhaltsam sein können, die Frage, die sich Eva Müller und Isabel Schneider stellen, ist diejenige, seit wann und mit welchen Protagonistinnen in der deutschen Fernsehunterhaltung Frauen zu Topfiguren werden konnten.

Einige von diesen Persönlichkeiten haben sie versammelt, haben sie pointiert ausstafffiert und als Talking Heads auf schwarzen Ledersesseln vor schwarzem Hintergrund ins Scheinwerferlicht gesetzt, haben ihnen Ausschnitte aus der deutschen Fernsehunterhaltung ihrer Zeit vorgespielt. In vielen sind sie selber aktiv.

Ein Grundtenorthema sind sexistische Witze und Betatschungen von Frauen durch männliche Showmaster.

Ein weiteres Thema ist die weibliche Emanzipation zu der Liebe, die sie leben möchten und dass sie das auch öffentlich machten; der lesbischen Liebe.

Herauszuhören ist, dass diese Frauen sich ihren eigenen Fernsehmarkt selbst erobern mussten und auch auf das Risiko billiger sexistischer Witze von ihrer Seit wird hingewiesen.

Der Kinogänger wird in diesem Film zum Fremdgänger in den Gefilden der Untiefen deutscher Fernsehunterhaltung, über die mit heiligem Ernst diskutiert wird. Manchmal stellt eine der Dokumentaristinnen auch Fragen.

Der Kinogänger macht einen Ausflug in die Welt der Witze und des Kabaretts; für ihn eher schwieriges Terrain. Einen anderen Zugang zum Thema des Witzemachens suchen Filme wie The Comedy und Entertainment; hierbei handelt es sich allerdings um männliche Exemplare.

Viva la Vida – So klingt das Leben

Von Vigo (Galizien) nach Berklee (Massachusettes)

Diese Titelung weist auf die musikalische Spanne in diesem sprudelnden Erzählkino von Daniel Sánchez Arévalo.

Dabei ist das weltbekannte musikalische Elite-Institut Berklee-College in den USA vor allem Extrapolationspunkt für die Traditionsmusik Galiziens mit Instrumenten vom Tamburin bis zum Dudelsack.

Im Zentrum steht die Musik- und Folkloregruppe Gran Sol aus Vigo. Die haben sich immer am galizischen Wettbewerb der Rondellas beteiligt. Das sind militärisch streng choreographierte Marschvariationen mit ornamenthaften Figuren. Gesellschaftlich hat so ein Gruppe in einer Gemeinde den Stellenwert des Musikvereins.

Die Gruppe Gran Sol hat allerdings seit 2022 nicht mehr am Wettbewerb teilgenommen. Ein Schiffsunglück mit mehreren Toten lastet auf dem Fischerstädtchen. Die Idee kommt auf, gruppentherapeutisch motiviert und sicher im Sinne der Verstorbenen, beim nächsten Wettbewerb wieder mitzumachen.

Treibende Kräfte sind Louis (Javier Gutiérrez) und Carmen (María Vázquez). Sie ist die Witwe des Kapitäns des gesunkenen Fischerbootes. Ihre Tochter Andra (Judith Fernández) ist musikalisch begabt. Sie trägt den Traum vom Studium in Berklee in den Film. Ein anderer Junge, wenn ich das richtig verstanden habe, Elías (Fer Fraga), der studiert schon dort oder auswärts. Der ist gerade zurück in der Heimat. Er ist verliebt in Andrea. Das ist eine Liebe, die lange schwebend bleibt.

Der Film hat ein aufwändiges Personentableau, das an der geplanten Rondella beteiligt ist und schaut bei einigen Beziehungen und Verhältnissen genauer rein.

Da sind die Zwillingsbrüder Xoel (Tamar Novas) und Xavi (Xosé A. Toruinán), die bei der Naturschutzpolizei sind und die der Wilderei mit Spinnenkrabben einen Riegel vorschieben müssen. Da sind die Frauen, die mühsam Entenmuscheln ernten und ein bescheidenes Geld dafür verdienen. Da ist der alte, Yayo (Carlos Blanco), der bei dem Schiffsunglück ein Bein verloren hat und jetzt nicht mehr die bunte, farbenprächtige Rondella anführen kann. Er wird Xoel trainieren. Dieser wieder zerstreitet sich nach 40 Jahren Minne mit seinem Zwillingsbruder, weil dieser bei einer anderen Gruppe dirigieren soll. So entsteht eine besondere Freundschaft zu Yayo.

Der Film wirf einen liebevollen Blick in die quirlige Lebens- und Sozialstruktur des Städtchens und auf den erwachenden neuen Gemeinsinn. Das erinnert an gute alte Samstagabend-Fernsehshows, in den Gemeinden in sportlichen Wettbewerben gegeneinander angetreten sind. Da der Film einen Bezugspunkt in Amerika setzt, wird auch offenbar, wie schwer es solcher Gemeinsinn in einer Zeit hat, in der ein Unflat Präsident der Vereinigten Staaten ist, bei dem so gar keine Gemeinschaftswerte etwas gelten und der damit den Ton in der Weltpolitik setzt.

Insekten – Helden im Verborgenen

Design der Natur,

dieses scheint es dem Dokumentar- und Naturfilmer Nepomuk Pfaff und seinem Drehbuchautor Jim Lern angetan zu haben.

Was mit modernen Kameras aus der Natur, sowohl Mikrokosmos bis hin zum Weltall zu holen ist, das ergibt beeindruckende Fotostrecken, oft am Rande des Künstlerischen oder auch des Wandschmuckes.

Es gibt den im Titel angebotenen Gedankenfaden über die Funktion der Insekten. Der Film geht zurück bis zur Entstehung der Insekten vor 400 Millionen Jahren, kurz nur angetippt, mehr Skizze als wissenschaftlich akribisch beschriebener Vorgang.

Einen historische Zwischenstopp macht der Film – er legt Kapitel mit Titeln und Nummern und Unterkaptiel vor – bei der Erscheinung des Homo Sapiens, der anfängt, in die Natur einzugreifen, er zeigt Dörfer und merkt an, dass anfänglich der Zugriff des Menschen zu mehr Artenvielfalt geführt habe, diese aber mit dem Aufkommen der industriellen Landwirtschaft drastisch anfängt, zurückzugehen.

Das und mehr Dinge erzählt Katharine Thalbach. Aber es gibt auch von einer Männerstimme vorgelesene Zitate von Goethe.

Nach dem kursorischen, historischen Abriss hüpft der Film abwechselnd bei verschiedenen Biosphärenreservaten vorbei. Hier wird versucht, mit der Natur zur wirtschaften und deren Vielfalt zu erhalten. Das zeigt sich in der Krume, die locker und belebt von Milliarden von Mikroorganismen ist, während das Erdreich bei der industriellen Landwirtschaft hart wie Beton und tot ist. Im Schwarzwald arbeiten Vieh und Ziegen gegen die Verbuschung, auch das ein Vorgang zum Schutz der Artenvielfalt.

Zu den Biosphärenreservaten als Modellandschaften für Insektenschutz gibt es im Abspann einen Text, der erklärt wie diese gefördert werden und „Dieser Film gibt die Auffassung und Meinung des Zuwendungsempfängers des Bundesprogramms biologische Vielfalt wieder und muss nicht mit der Auffassung des Zuwendungsgebers übereinstimmen.“

Der Film kann gesehen werden als ein Votum für Nachhaltigkeit und für den Erhalt der Artenvielfalt oder als ein Votum gegen die grassierende industrielle Landwirtschaft mit ihrer synthetisierten Natur. Dabei zeigt sich, dass es im Biosphärenreservat nicht nur Schädlinge gibt, sondern gegen diese auch die Nützlinge.

Die Texte zeigen einen Hang zum Anthropozentrischen, Glühwürmchen, Bienen oder Käfer erhalten Vornamen, eine Waldameise heißt Amélie. Die Texte sprechen ein Gegenüber mit „Du“ an. Stark sind die Bilder der Natur, oft wirksam vor Schwarzhintergrund hervorgehoben. Welche Formen und Farben, welch Design-Meister die Natur ist, welche Augenweide!

Meine kleinen Geliebten – Mes petites amoureuses (Restauriert – Wiederaufführung)

Nur Mädchen im Kopf

Zwei markante Szenen in diesem in lauter kurzen und eleganten Flashs und in Farbe knapp und spannend erzählten Coming-of-Age-Film von Jean Eustache von 1974 geben die Eckpunkte für das Erwachen von Lust und Begehren bei Daniel (Martin Loeb).

Daniel lebt bei seiner Oma (Jacqueline Dufranne) auf dem Lande irgendwo im mittleren Frankreich. Vom Alter her stünde nach Ende des Schuljahres der Übertritt ins College an. Seine Mutter (Ingrid Caven) arbeitet als selbständige Näherin in Südfrankreich und lebt dort mit einem spanischen Landarbeiter zusammen. Einen Vater gibt es nicht.

Die erste Szene mit thematischer Parameterwirkung ist eine Begegnung in der Schule mit dem größten und stärksten Mitschüler. Daniel geht auf ihn zu und boxt in direkt in den Magen. Der nimmt das ohne die geringste Absicht, zurückzuschlagen, hin. Aber Daniel hat sich aufgeschwungen zum Sich-Positionieren innerhalb des eigenen Geschlechts.

Hierzu folgt später eine Szene, in der Daniel Härte beweist, indem er auf einer Wiese zwei Weinflaschen zertrümmert und sich vor den anderen Kindern mit nacktem Oberkörper drauflegt, so wie es im Wanderzirkus zu sehen war, der im Dorf Station gemacht hat. Ganz ohne Tricks macht er das aber nicht.

Die andere Szene mit ähnlicher Intention ist der Einzug der Ministranten und Ministrantinnen, je eine Kerze in der Hand, in die Dorfkirche. Daniel läuft auf das Mädchen vor ihm auf, er behauptet, dass er dabei eine Latte hatte.

Der Film geht im folgenden in flashigen Kurzszenen, die oft wie Skizzen wirken, die die wesentliche Info für den nächsten Entwicklungsschritt beinhalten, chronologisch dem Faden der durch die Szene initiierten Entwicklungen nach.

Wie Daniel von anderen Jungs Dinge erfährt, wie sie Dinge beobachten. Das Kino spielt immer wieder eine Rolle. Wie Röcke – und die werden alleweil so schön sittlich präsentiert – die Blicke unweigerlich auf sich ziehen. Eine Junge wiederum weiß mehr darüber, warum die Leute immer auf demselben Stück Allee spazieren, Anbandelrevier.

Es gibt ein Story außerhalb dieser Essenzthemen. Die Mutter kommt aus Südfrankreich mit ihrem Spanier zu Besuch. Sie nimmt den Jungen mit. Aus der Hoffnung auf eine weiterbildende Schule wird nichts. Kein Geld. Er kann als Mechaniker bei einem Verwandten des Spaniers unterkommen. Dort zeigt er sich gewieft, liest aber lieber.

Die andere Fährte, der der Film folgt, ist das Hineinwachsen in die Männerwelt, in deren Gepflogenheiten, deren Gehabe, deren Art, über Frauen zu sprechen und auch über die Verführungskunst. Daniel ist der kleinste und jüngste.

Auch im Kino gibt es, speziell wenn ein Film Pandora heißt, Dinge zu lernen und zu entdecken, gar auszuprobieren. Hier im Süden Frankreichs ist Daniel mit deutlich weiter entwickelten Jungs, Burschen, Jungmännern zugange. Die treffen sich im ‚4 Fontaines‘.

Der Film endet, wie Daniel mit einem Mädchen im Gras liegt, sie küsst, mehr aber nicht darf und auch froh ist darum, denn am liebsten würde er sie nur anschauen. Zurück im Dorf für den Sommerurlaub traut er sich noch an die Brüste eines Nachbarmädchens zu fassen, aber das Dorfkind ist zu schamhaft. Da ist die Idee der Heirat davor. Eustache beschreibt diesen Prozess des Schritt für Schritt Hineinwachsens in die Erwachsenenwelt illusionslos und mit atemberaubender Präzision.

La maman et la putain – Mama und die Hure (Restauriert – Wiederaufführung)

Das Bett teilen und sich sietzen

Das Bett ist eine Doppelmatratze, die liegt auf dem Boden. Drum herum Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, ein Plattenspieler, Schallplatten, in einer Ecke steht ein Schreibtisch.

Es ist die karge Bleibe mitten in Paris des protoypischen Intellektuellen Alexandre (Jean-Pierre Léaud) in den frühen 70ern. Arm ist er, läuft im Anzug herum, Hemd, einen Schal wie eine Krawatte locker umgebunden.

Man geht fein Essen. Ein Auto hat er. Seine Mitbewohnerin, Konkubine, ist Marie (Bernadette Lafont); die betreibt eine Boutique, muss auch mal nach London zum Einkaufen – flugs gibt er ihr einen Auftrag für einen Flanell-Anzug mit auf den Weg. Sie sietzen sich und schlafen miteinander.

Diese intellektuelle Jugend definiert sich über Bücher, Zeitungen, Musik, Kino. Proust wird gelesen. Die Zeitung titelt mit einem Vivat auf Sergio Leone und den Western. Für diese Art von intellektuellen Männern steht nebst Alexandre sein nicht minder intellektueller Kumpel (Jacques Renard), mit dem die wesentlichen Dinge des Lebens, der Liebe und der Frauen und überhaupt der Welt besprochen werden.

Der Film wimmelt von Querverweisen auf die Kultur, die die Jugend verehrt und verschlingt und der sie nacheifert (Proust, Piaf, Dietrich, Deep Purple ..).

Der dreieinhalbstündige Film von Jean Eustache ist in Schwarz/Weiß und im Schmalfilmformat gedreht. Er gibt ein autenthisches Selbstporträt der intellektuellen Jugend von vor 50 Jahren. Eine Welt, in der höchstens Science-Fiction-Autoren sich vorstellen konnte, wie es heute aussieht. Statt Büchern, Zeitungen, Schallplatten, Kino gibt es nur noch Stöpsel im Ohr und Handys. Statt im Café eine junge Frau anzubaggern wie Alexandre es mit einer Unbekannten tut, indem er sie anspricht und fragt, ob man sich nicht kenne, verweilt die Jugend auf Anbandelplattformen.

Im Hinblick auf Geilheit, Liebes- und Sexsehnsucht dürfte sich nicht allzuviel geändert haben. Alexandre lauert Gilberte (Isabelle Weingarten) vor der Uni auf. Er möchte sie heiraten, obwohl sie ihm den Abschied gegeben hat. Sie ist mit einem anderen zusammen, aber ganz abgeneigt scheint sie nicht zu sein.

Im nächsten Moment bemerkt Alexandre, dass eine Frau in einem Café ihn anschaut. Er geht ihr nach. Nächstes Abenteuer. Es ist Veronika Osterwald (Francoise Lebrun), mit deutschem Namen, aber polnischen Ursprungs. Sie gibt ihm ihre Telefonnummer und verschwindet. Er spürt sie auf. Sie ist Krankenschwester in einer Klinik. Sie scheint das Nachtleben und den Sex mit Männern zu lieben und zu nehmen, wie es kommt. Alexandre wird Veronika seiner Mitbewohnerin vorstellen. Unterschiedliche Frauentypen, die sich nicht direkt mögen.

Alles wird durchdacht, alles wird besprochen, ja auch zerredet, wie beim Sex, wie man es denn haben möchte. Dann die Tampon-Geschichten. Die Freiheitsbewegungen sind Thema, die Frauenemanzipation, die Klassenunterschiede, das eigene Liebesleben und der Sex, die Treue, die Eifersucht, die Ehe und die romantische Liebe, die es hier garantiert nicht gibt.

Thema Mord und dessen Abstraktheit als Zeitungsmeldung und die Differenz, wenn man jemanden kennt, der deswegen gesucht wird. Einmal sitzt Sartre mit im Café und bekommt von den jungen Intellektuellen sein Fett ab. Dramen werden allenfalls erzählt; ich tue zwar nichts, aber mein Leben ist ausgefüllt. Es ist nicht die Liebe, die Edith Piaf besingt: Die Liebenden von Paris lieben sich auf ihre Art. Jean Eustache interpretiert das auf seine eigene Weise, wie die Menschen mit der freien Liebe im Gefolge der 68er Revolution ihre liebe Mühe haben; auch wenn sich in seinem Film momentweise eine Ménâge-a-trois zwischen Alexandre, Veronika und Marie abzeichnet.

Es ist keine traumhafte Liebe, die in diesem Film verhandelt wird, keine romantische Liebe, es ist nicht die Assoziation, die sich mit dem Begriff von Paris als der Stadt der Liebe verbindet.

Nebst diesen universell-existenziellen Themen, die zeitlos sind, ist der Film ein genaues zeitgeschichtliches Dokument über diese intellektuell-ambitionierte Jugend mit ihrem weiten Horizont, wie sie meinte, jener frühen 70er Jahre.

Ninja Motherf*cking Destruction

Flügge –
Vibe der Jugend

Leonie (Emma Suthe) und Marlene (Merle von Mach) sind die dicksten Freundinnen zu dem Zeitpunkt im Leben, an welchem der Mensch sich von zuhause loslöst. Alles ist sorglos, versponnen, voller Unruhe, Spaß, Albernheit. Sie spüren das Leben, sie spüren die Liebe. Sie können ohne einander nicht sein.

Aber Marlene hat mit Paul (Maximilian Mundt) geschlafen. Leonie zieht von zuhause aus in eine WG. Der Papa (Roderich Gramse) hilft ihr beim Umzug, die Matratze zusammenrollen. WG ist nichts für Leonie. Die Matratze muss wieder nach Hause zurückverfrachtet werden.

Leonie trifft auf Naomi (Marie Tragousti). Das wird eine heiße, physische Liebe, die an Blau ist eine warme Farbe erinnert.

Der Film kompiliert sich aus Handlungen, an denen die Geschichte illustriert wird. Er zeigt die federleichte Methode von Lotta Schwer, sich unverblümt ihrem Stoff, ihren Protagonisten zu nähern, sie aufblühen zu lassen.

Die Dialoge ergeben sich aus den Handlungen und sind nicht die Art im deutschen, subventionierten Kino häufig zu hörenden Texte, die ganz klar am Computer erfunden wurden. So schnell wie der Vibe der Jugend ist, sind die Flashs auf ihr Leben, die Handy-Kamera atemlos nah dran.

Ein Diskurs zwischen Melanie und Leonie ist derjenige über die berufliche Zukunft. Melanie bereitet sich auf den Bachelor vor. Leonie ist über einen Job im Bio-Paradies auf eine Bio-Gärtnerei auf dem Land gekommen. Auch die Arbeit dort wird in schnellen Skizzen hingehuscht. Gemüse wird eingemacht, Tomaten geerntet.

Leonie versinkt nicht in Trübsal. Sie ist in Behandlung bei einer Psychiatrin. Die Szene findet in der Covid-Zeit statt. Der Film selbst wurde in verschiedenen Phasen über sieben Jahre von 2017 bis 2024 gedreht. Darsteller und Rollen reifen und verändern sich parallel.

Kommentar zu den Reviews vom 9. Juli 2026

Wenige Neustarts im Kino, laut allscreens zehn Stück, und noch weniger Reviews heute, da wäre Platz gewesen für den neuen Film von Uwe Boll, (First Shift, Max Schmeling) „Citizen Vigilante“, doch das hat nicht sollen sein, da ist die FSK davor, die traut uns den schlicht nicht zu, die befürchtet, wie könnten zu Selbstjustiz und Gewalt gegen Migranten angestiftet werden. Verwunderlich, wenn man bedenkt, was uns schon alles an Selbstjustizfilmen zugemutet worden ist.

Will die FSK den Bürger entmündigen? Will sie Zensur üben? Bloß, weil Boll seinem Film einen realen Fall aus Deutschland einer Massenvergewaltigung durch Migranten zugrunde legt? Bloss weil Elon Musk den Film mag, weil die Rechten den Film mögen? Das ist die Krux eines jeden Verbotes: es macht attraktiv und kreiert Aufmerksamkeit.

Über den Film können wir nichts sagen, da er keine FSK-Freigabe hat und also keinen Verleih und keinen Kinostart und also keine Pressevorführung. Insofern kann nur spekuliert werden vorm Hintergrund von Selbstjustiz- und Bollfilmen, die wir gesehen haben, dass dieser Entscheid der FSK vermutlich töricht ist wie Anton, ja direkt ein exemplarischer Rohrkrepierer, da just diejenigen, die der Meinung sind, in der deutschen Öffentlichkeit würden solche Verbrechen bewusst nur beiläufig kommuniziert, gar totgeschwiegen, sich in ihrer Meinung durch so ein Verbot bestätigt fühlen werden und dadurch erst recht wütend werden; denn sie erfahren von dem Verbot und sie erfahren die Gründe, das bleibt nicht geheim; sie werden es politische Zensur nennen; so besehen kein kluges Vorgehen der FSK, die offenbar glaubt, sie handle im Geheimen und keiner merke es.

Nicht verboten und neu im Kino ist ein Film aus Tunesien, der behutsam und respektvoll ein diffiziles Familienthema behandelt, eine knallig erzählte Geschichte einer Frau, die sich in einer monopolistischen Männerwelt als Wissenschaftlerin durchboxt, ein Porträtfächer über fünf Frauen aus aller Welt, die an einem entscheidenden Moment eines menschlichen Lebens unentbehrlich sind, ein Film aus Deutschland, der ein hübsches Bild aus einem Ausschnitt der Gesellschaft abgibt, ein Ami-Süßwarenprodukt und einen PR-Film mit einem nicht unsympathischen Protagonisten. Auf DVD gibt es eine tragisch-traurig-schöne Liebesgeschichte von zwei Männern.

Kino

MIT LEISER STIMME
Worüber man in Tunesien nicht, oder nur hinter vorgehaltener Hand spricht.

VIRGINIA WOOLF’S NIGHT AND DAY
Die Story der Emanzipation bei allem Kasperltheater glasklar herausgearbeitet

WISE WOMEN
Geburtshelferinnen aus aller Welt mit Leidenschaft

ETWAS GANZ BESONDERES
Bunter Fleckerlteppich aus unserer Gegenwart genäht.

VAIANA
Süß wie Haribo, exotisch mit Baströckchen, mystische Coming-of-Age-Reise

SIMON MESSNER – AUS DEM SCHATTEN
Für den Protagonisten eine traumhafte PR – und die ist sein Geschäftsmodell.

DVD
THE HISTORY OF SOUND
Wenn Liebe über die Liebe zu den Tönen geht.

Vaiana

Baströckchen-Haribo-Kino,

so süß, so bunt, so ethnologisch-romantisch, so südseewunschtraumhaft, so schnuckelig-musical- und disneyhaft, dass jede früherer Langnese-Eiscremewerbung erblasste dagegen, ist diese Realverfilmung des Animationsstoffes (Vaiana und Vaiana 2) von Thomas Kail nach dem Drehbuch von Jared Bush, Dana Ledoux Miller und Ron Clements.

Mit zwei an Schönheit nicht zu übertreffenden Protagonisten, mit Catherine Laga’aia als Moana und Dwayne Johnson als Maui, dem Halbgott. Dieser wird zum stabilisierenden Antagonisten von Moana auf ihrer als Geschichte reell und bewährt funktionierenden mythischen Reise des Coming-of-Ages.

Die Tochter des Häuptlings des Stammes unternimmt diese Reise mit dem selbstgezimmerten Floß mit Segel und einem Hahn (oder Huhn) als Begleiter, welches die Studioanimateure für Routinegags einsetzen, so wie auf der Insel des Stammes das Schweinchen.

Das Ziel ist klar. Moana muss dieses Amulett-Herz wiederbeschaffen, damit der Stamm wieder gut leben kann, damit es wieder Fisch gibt im Meer.

Den Abenteuern auf so einer Reise sind keine Grenzen gesetzt. Das herausfordernste dürfte ein Vulkanmonster sein. Aber es gibt auch Stürme. Das Meer selber kennt Moana, schätzt sie und macht wie einsten bei Moses in der Bibel eine Gasse frei, oder es türmt sich wie eine Figur, eine mythische selbtverständlich, vor ihr auf.

Beibehalten hat der Film genauso die von Minons und Piratenfilmen inspirierten Kokosschalenarmee mit ihrem Schiff und ihren kriegerischen Auftritten als auch die sich bewegenden, das war in der Animationsvariante noch lustig, Tatoo-Figuren des Halbgottes, der malerisch aussieht wie ein richtiger Johnny-Weissmüller-Tarzangott. Was wünscht man sich mehr, wenn man sich nicht gedanklich überanstrengen will.

Go ahead, make my day.