Polizeiruf 110: Die Lüge, die wir Zukunft nennen (ARD, Sonntag, 8. Dezember 2019, 20.15 Uhr)

Bunt wie ein Kinderfasching.
Unterbezahlte Polizisten in München. Auswüchse des Finanz-Kapitalismus.

„Bauchlandungen, die einen stärker machen“.
„Ich habe in meine Tampons geweint“
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Aus dem bunten, wild verquirlten Münchner Wimmelbild soll der Zuschauer herausermitteln, was Dominik Graf nach dem Drehbuch von Günter Schütter unter der redaktionellen Oberaufsicht von Cornelia Ackers dem öffentlich-rechtlichen Rest-Zuschauer am Sonntagabend zutrauen will.

Die Quintessenz dürfte als eine schallende Ohrfeige für den ungezügelten Finanz- und Immobilienkapitalismus gedacht sein, dass einfache Polizisten in München, um leben zu können, zusätzliche Finanzquellen erschließen müssen. Einer arbeitet nebenher als Escort.

Die neue Münchner Truppe vom Polizeiruf 110, die bei ihrem ersten Auftritt wie eine Leuchtgestalt daherkam, weil endlich die Erdenschwere des hochneurotischen Vorgängerkommissars weg war, wirkt diesmal schon wie routiniert, außerdem hat sie auf ihre spannendste Figur verzichtet, den Bruder der neuen Kommissarin, die dadurch gleich weniger schillernd, dafür einsamer und TV-gewöhnlicher daherkommt.

Diese Truppe muss die Geschäftsräume einer Finanzhandelsfirma verwanzen und erfährt dadurch vom Handel mit den MTT-Aktien. Da sie alle gewiefte Börsianer sind – natürlich nicht – und hier schon ist das Drehbuch von Schütter löchrig, plausibel zu machen, wie sie überhaupt auf die irre Geldvermehrungsidee kommen – , was nicht stimmt, aber der Film erweckt empirisch den Eindruck, dass wer Räume eine Finanztransaktionsfirma verwanzt, gleich den Börsenhandel inhaliert, also die Truppe kommt auf die Idee, mit diesen Aktien zu spekulieren, da sie Einblick in die Firma bekommen, die sie Tag und Nacht überwachen. Und da sie alle in Finanznöten sind oder Schulden haben, beleihen sie Besitz, borgen sich Geld und fangen damit an, auf MTT zu spekulieren; da kann nichts schief gehen.

Diese Phase, wie die MTT-ler vor den Börsenbildschirmen sitzen und die Polizeirufler hinter den Überwachungsschirmen, montiert Graf wie einen lustigen Kindergeburtstag.

Sie übertreiben es. Die Spekulation geht schief, da die Börse den Handel aussetzt. Die Untersuchungen beginnen und mit ihnen die Vertuschungs- und Bestechungsversuche, genau ist das alles nicht so richtig nachvollziehbar, umso mehr als der Film in TV-asthmatischer Kurzatmigkeit geschnitten ist, dann sich wieder nicht einkriegt vor wunderschön nächtlichen Naturaufnahmen mitten aus Münchens Au und dann müssen ja auch noch Annäherungs- und Liebesversuche in den Film, originellerweise Küssen im Kopfstand unter der Dusche, und jede Menge andere Dinge, die mit der Story herzlich wenig zu tun haben, an denen sich Dominik Graf aber offenbar nicht sattsehen kann.

Für den Drehbuchschreiber: er schaue sich Official Secrets an: wie hier präzise und mit extremer Thrillerspannung ein einziger Fall nachgebaut wird in einer Stunde 50 Minuten, während hier für 90 Minuten nur ein Kuddelmuddelfall verwurstet wird. Ein Drehbuch muss ja nichts erklären, aber klar machen, was es erzählen will, das sollte es schon.

Gscheiter wäre, eine einfache klare Geschichte zu nehmen und nicht so eine verkopfte, verzopfte, kompliziert-komplexe mit den Börsengeschichten; und die einfache Geschichte stattdessen nachvollziehbar zu erzählen, da bleibt keine Zeit für Kindereien wie Zeitrafferaufnahmen über die Bahngleise, da gewinnt man Zeit, die menschlichen Charaktere differenzierter darzustellen und sie nicht auf die Probleme mit Geld (und Ficken) zu reduzieren und sie deshalb nicht richtig nachvollziehbar emotionale Ausbrüche spielen zu lassen.

Es gibt auch besonders misslungene Szenen, zum Beispiel diejenige im Hotel Seefeld in Tirol, wodurch aus der Imagewerbung ein Rohrkrepierer wird. Da möchte man nicht hin. Aber auch viele Verletzungsszenen wirken schlecht gearbeitet. Oder die Szene, bei welcher einer der Typen mit einer roten Ketchup-Tube mit einer Flüssigkeit wie Öl drin hantiert, das ist schon unrealistisch gemacht, und wie er die Flüssigkeit der Frau ins Gesicht spritzt und der Zuschauer weiß nicht, spinnt die Frau oder war da etwas anderes drin als Öl? Die Aufklärung folgt später, wenn es zu spät ist. Das sind alles Beweise für die Absicht von BR-Boss und ARD-Sprecher Ulrich Wilhelm (der mit dem Kanzlerinnengehalt!),  bei einer Erhöhung der Zwangsgebühr noch mehr Minderqualität zu liefern und dabei  gleichzeitig auf mehr Akzeptanz durch das Publikum zu spekulieren.

Wie beim Fersehen sprechen sie alle schöne ganze Sätze und parodieren das auch noch – aber was soll die Redakteurin denken, wenn mal keine ganzen Sätze mehr im Drehbuch stehen. Es sind Sätze, die für die TV-Redakteure gedacht sind, die intellektuellen Anspruch markieren und die meist mit den Figuren, die sie sagen und den Zusammenhängen der Story wenig zu tun haben („Ich habe in meine Tampons geweint“ – das machen möglicherweise Zwangsgebührentreuhänderinnen, wenn sie wieder neue, nur schwer verfilmbare Krimidrehbücher in die Hände bekommen wie dieses).
Intellektuelle Eitelsätze, die zwar die Eitelkeit des Autors abbilden, nicht aber zur Figurcharakterisierung beitragen; eben nicht dem Volk aufs Maul geschaut. Da wären die Fernsehredakteure offenbar überfordert. Sätze, die den Intellekt von Fernsehredakteuren kitzeln mögen, nicht aber den des Zuschauers, da sie meist in kaum einem Zusammenhang zum Fortgang der Geschichte stehen.

„Häng das nicht an die große Glocke, sonst sind wir geliefert.“
„Das ist das München bei Nacht, das muss man wegschnapsen.“
„Das sind die Opernfestespiele am Max-Josephs-Platz“ (die hört man offenbar bis zur Ettstraße, damit trägt Graf zwar ein Momentum zu seiner Münchenliebe bei, hilft aber der Geschichte nicht weiter).
„Für jemand, der nicht im Wertpapiergeschäft tätig ist, hast Du eine bemerkenswerte Auffassungsgabe“.
„Und wenn man endlich schlafen kann, dann erwacht man mit einem Kissen zwischen den Beinen“.

Der Zwangsgebührenzahler sieht nicht ein, warum der Staat ihn zwingt, solch unausgegorenes Halbzeugs (was zwar ein schönes Production-Design hat, in dem der Regisseur seinen Giallo-Romantizismus auslebt): Schöne Lichtspiele. Schönbildfernsehen, Bildschönfernsehen, romantische Unterführungen, Kneipen, Steilufer mit Treppen, nächtliche Brücken und Kanäle, romantische Lichtung inklusive Schießerei, romantisch beleuchtete Freauenkirche), was noch dazu unsauber erzählt wird, zu finanzieren, bei dem das Interesse in keinem Moment richtig Tritt fassen kann.

Wenn sie schon so wenig Zeit und Geld haben, warum müssen solche Geschichten immer so kompliziert und dafür nur oberflächlich gearbeitet sein?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Mary Christmas

Illusion einer Traumfrau.

Travestie ist eine Kunst der Illusion, ein Mann entwirft das Traumbild einer Frau – und demaskiert es am Ende. Das ist die Quintessenz der Show von Georg Preusse, ein in dieser Hinsicht perfekter Illusionskünstler, in der eigenen Inszenierung mit Texten von Charles Lewinsky, die überwiegend aus typischen Travestie-Witzen über die Geschlechterrollen bestehen, nicht immer ganz sauber, was Preusse selber wiederum in der Rolle der Putzfrau abräumt.

Mit den Leuten in der ersten Reihe, auf den teuersten Plätzen geht Preusse als proletarische Putzfrau nicht zimperlich um. Sie müssen gute Miene zum bösen Spiel machen und das lach- und applaudierfreudige Publikum lässt sich blendend gelaunt mitreißen beim Eintauchen in eine Welt der Illusionen, die Preusse mit wenigen Mitteln erzeugt.

Erst schwebt Preusse als Weihnachtsbaum mit lasziven Bewegungen auf die Bühne ein; der Baum entblättert sich und es kommt der erste Glitzerfummel zum Vorschein.

Zur blendenden Illusionswelt tragen Vorhänge, das Licht und wenige Requisiten bei: eine Handtasche in Form eines geschröpften Huhns, ein Weihnachtsmann-Schlitten, Putzutensilien, einmal ein Glas Wasser, ein Mikro und ein Barhocker; hinter ihm einige Musiker auf der Bühne.

Das Programm besteht aus dem Wechsel von Moderation mit Witzen und Songs. Diese behandeln Themen wie Ängstlichkeit, Obdachlosigkeit, herrlicher Abend, Träume eines Babys in der Wiege, alles sei Schwindel, Wünsche, Altern, Startum, teils auch auf Englisch, der amerikanische Weihnachtsmann und Weihnachtstitel mit Verfremdungseffekten (es lärmt die Feuerwehr in die Kirchenglocken hinein).

Der Film ist eine TV-gerechte Aufzeichnung von Preusses Weihnachtsprogramm im Admirals-Palast in Berlin zu einer Zeit, als die Figuren zum öffentlichen Witzreißen noch Wowereit hießen oder Biolek, Rolf Eden oder ein kuscheliger Eisbär namens Knuth.

Kommentar zu den Reviews vom 5. Dezember 2019

Nikolausmix. 2 mal Frankreich (Soziodram voller Humor; Vorurteilstherapie voller Humor), 1 mal Italien/Großbritannien/Argentinien (zwei Kopien sind besser im Saft als die Originale), New York (feines Patisseriestück), Schweizer Skurrilschmerzen (lassen Sie alles raus!), Deutschland (WG fürs Coming-of-Age), Italien (ein Me-Too-Beitrag), Südkorea (wilder Märchenmix), DDR/D Photo-Punk-Künstler, ein Themen-Kinoaktionstag und ein Werbefilm fürs Freeriding über Steilabhänge.

Kino
ALLES AUSSER GEWÖHNLICH
Wenn der Staat mit Menschen überfordert ist.

DIE GLITZERNDEN GARNELEN – LES CREVETTES PAILLETEES
Schwule Schwimmer glitzern mehr!

DIE ZWEI PÄPSTE
El carnevale e finito: viva la commedia!

A RAINY DAY IN NEW YORK
Woodys jährliches Exquisitstück.

DER UNSCHULDIGE
Warum es nicht mit Exorzismus versuchen?

AUERHAUS
Das besondere Coming-of-Age in eigener WG.

NOME DI DONNA
Mit der Reaktion von Nina hat Grabscher-Direktor Torri nicht gerechnet.

ROTSCHÜHCHEN UND DIE SIEBEN ZWERGE
Synapsenbildung rund ums Thema Sein und Schein.

SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT
Mit der Kamera auf einen Photographie-Punk-Star draufhalten inklusive DDR-Nostalgie.

MENSCHSEIN
Welttour zum Umgang mit Behinderung.

WINTERLAND
Videoclippiger Pulverschneerausch.

Schönheit und Vergänglichkeit

Muse Dome und Sven Marquardt waren beide total in Robert verknallt. Muse Dome und Sven Marquardt plaudern direkt für die Dokumentaristin Annekatrin Hendel, blättern im Fotoarchiv, erzählen aus ihrer DDR-Punk-Zeit, viel Nostalgie, viel beachtliches Fotomaterial, eine Hopla-di-Hop-Doku, er steht wieder vor der Kamera, geht auf und ab, die Dokumentaristin fragt ihn, er erzählt, für Nichteingeweihte eher nicht leicht zugänglich. Aber: malerische Interieurs, malerisches Punk-Outfit des Protagonisten, im Hintergrund bellt ein Hund, Marquard erzählt gerade von seiner Mutter. Jetzt spaziert Robert mit Rucksack durchs Bild. Es gibt Durchblicke aus S-Bahnhof. Zum Vergleich DDR-Schwarz-Weiß-Reminiszenzen. Und du fotografierst jetzt gar nicht mehr? Ich mache eine lange schöpferische Pause. Indien spielt eine Rolle. Dem Film fehlt das Skelett. Jetzt fragt die Dokumentaristin nach festen Anstellungen. Der Sound müht sich esotero-künstlerisch-electro-echolotig. Nee, hat Spaß gemacht. Stadtbad Prenzlauer Berg. Heut kann jeder Idiot mit dem Telefon Bilder machen. Jetzt aufregende Impressionen von irrer DDR-Modenschau, schade, schon wieder vorbei. Aber zieh Dir nicht das Scheiß-T-Shirt an. Hättest Du gerne Kinder gehabt? Es geht um Verbindung und Metamorphose. Und was kommt als Nächstes? Das Optische ist nicht mehr unbedingt das Problem. Echt? Also es wird auf jeden Fall irgendwie ein Thema geben. Ja ist doch so. Du hast ne neue Frisur. Redaktion Jens Stubenrauch (rbb), gefördert von Medienboard Berlin-Brandenburg, Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Kulturelle Filmförderung Mecklenburg Vorpommern, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Filmwerkstatt Kiel und German Films. Eine Produktion von IT WORKS! Medien in Koproduktion mit Rundfunk Berlin-Brandenburg.

Die zwei Päpste

Il carnevale e finito,

wohlverstanden, il carnevale und nicht etwa la commedia (divina?), auch nicht so divin, nein, es geht um das Verhältnis der beiden Päpste Benedikt und Franziskus zu einander und das ist göttliche Komödie insofern, als die beiden Päpste von grandiosen Schauspielern verkörpert werden, von einem sensationellen Anthony Hopkins als der deutsche Papst mit deutschem Akzent in seinem Englisch und Jonathan Pryce, der Hopkins in nichts nachsteht, als jovialer Argentinier Franziskus. Sie sind die besserne Päpste dem Augenschein nach, wenn fast am Schluss kurz Aufnahmen von Begegnungen der realen Päpste eingeblendet werden; sie stehen besser im Saft (weil Schauspieler nicht dem Zölibat verpflchtet sind?).

Der Film nach dem Drehbuch von Anthony McCarten und in der Regie von Fernando Meirelles behauptet, dass wahre Ereignisse dahinter stünden.

Demnach hat Benedikt, dem bei seiner Wahl der spätere Franziskus am nächsten kam, Kardinal Bergoglio für seinen Nachfolger ausersehen. Erst habe Benedikt sich gewehrt gegen ihn, aber sein scharfer Verstand, der in jedem Dialog zur Geltung kommt, fand die Idee reizvoll, diesen Kardinal, der bei den Menschen ankommt und der ihn kritisiert, allein schon mit seiner Bitte um Rücktritt, an die Position zu lassen.

Wie in der Kirche vor Gottesdiensten Weihrauch geschwenkt wird, nutzt Meirelles den Prunk der katholischen Kirche, um den Zuschauer mit einem Nähkästchenbericht aus dem Konklave nach dem Tod von Johannes Paul XVI., bildnerisch einzuräuchern und gefügig zu machen.

Einige Jahre später scheint der Vatikan in Skandalen unterzugehen. Benedikt ist dem nicht gewachsen. Er zitiert Bergoglio nach Rom. Der war eh schon unterwegs, um seinen Rücktritt (eine knallharte Kritik an Benedikt!) anzubieten.

Der Torso des Filmes besteht aus einem ausführlichen Besuch von Bergoglio bei Benedikt in der Sommerresidenz Gandolfo. Hier kommen, gut veständlich, die Glaubenserörterungen zur Geltung, der praktische Glaube eines späteren Franziskus und der dogmatische des Deutschen, der immer wieder als Nazi tituliert wird. Und Bergoglios Satz, dass der Karneval vorüber sei, der den vatikanischen Prunk meint.

Es ist aber nicht so, dass der eine der Gute und der andere der Böse ist; es gibt Rückblenden in Schwarz-Weiß auf das Leben von Bergoglio, auf die Zeit der Militärjunta in Argentinien, da ist die Weste von Bergoglio, der Chef der Jesuiten war, nicht blütenrein. Dagegen Benedikts Umgang mit den Missbrauchsskandalen.

Schön ist die Reminiszenze auf die „Berufung“ von Bergoglio als jungem Mann, der sich zwischen einem Heiratsantrag an seine Geliebte und einer Ausbildung zum Jesuitenpriester entscheiden muss; die Erinnerung kommt auf, wie Benedikt und Bergoglio sich um das „Hören“ der Stimme Gottes unterhalten, da haben beide ab und an ihre Schwierigkeiten. Und dass Benedikt ein Fan von Kommissar Rex war, mag zumindest von komödiantischer Relevanz sein.

Winterland

Ewige Herausforderung.

Dieser Flm von Steve Jones, Todd Jones und Jon Klaczkiewicz nach dem Drehbuch von Peter Kray promotet videocliphaft berauschend, potpourrihaft und unerbittlich zu antreibendem Elektrosound und mit viel Gejuchze und „Wau!“s die immerwährende Herausforderung durch Pulverschnee an Steilhängen an Männer und Frauen mit Skiern oder Snowboards.

Der Film rührt die Werbetrommel für etwa zwei Dutzend Stars unter den Free-Ridern, filmt sie mit Bodycam und Drohnen bei atemberaubenden Abfahrten und auch Abstürzen (die gehen glimpflich aus!) in USA, Canada, Alaska, Norwegen und Österreich.

Es geht in diesem Film um Fun, Risiko, Heliskiing, grandiose Bergpanoramen, die Beherrschung des Körpers wie im Fluge, blitzschnelle Reaktionen, das Aufsetzen ohne umzufallen, das Abbremsen nach dem Durchqueren eines fast senkrecht abfallenden Steilhanges, Flug zwischen Bäumen hindurch, um Salti und mehr in der Luft bei waghalsigen Sprüngen, um das Ausweichen vor selbst ausgelösten Lawinen; es geht hier nicht um Ökologie, es geht nicht um die wirtschaftliche Seite dieser Sportarten, es geht um die Vermittlung des Spaßes, den sie ermöglichen, der Leichtigkeit des menschlichen Körpers bei rasanter Abfahrt.

Bei solchen Extremsportfilmen, die meist Promotionszwecken dienen, da die Stars in ganze Netze von Markenwerbung eingespannt sind, stehen im Abspann meist auch Namen, die mit Kreuz versehen sind. Hier wurde davon abgesehen, dafür wird einiger Namen im liebender Erinnerung gedacht.

Rotschühchen und die sieben Zwerge

Synapsenbildung für Fortgeschrittene?

In diesem unbefangen hemdsärmeligen Mix aus Härte und Poesie, aus Mittelalter- und Wildwest-Elementen verschiedenster Sagen und Stile müssen die Kinder einiges kombinieren können: die Artus-Saga, Exkalibur, Mittelalterliche Rittterelmente, Schneewittchen, auch der Begriff Aida kommt vor, das wahre Ich und das falsche Ich, Teilzeithelden und Teilzeitromantiker, die zwei Seiten eines Menschen, Großsein und Kleinsein, das Attraktive und das Pummelige, die furchtlosen Sieben, der große Holzhase.

Dabei geht es im Film von Sungho Hong nur um den erlösenden Kuss, der Kuss, der schwebt immer in der Luft, immer ist es nah am befreienden Kuss, der den Bann sowohl der Prinzessin als auch den der furchtlosen Sieben lösen kann, doch 90 Minuten lang kommt immer etwas dazwischen, denn es gibt auch andere Interessen, das des Vaters, der sein Prinzessinnen-Töcherterchen zum Geburtstag einladen möchte, das der Stiefmutter, die sich alt und hässlich fühlt und im Spiegel sich schön sehen möchte, der Spiegel selbst mit seinem Eigenleben und noch die magischen roten Schühchen, die ihr eigenes Spiel treiben, die Elemente des verräterischen Apfels, des Holzfassroboters, der riesigen Knechte und der Holzknöpfe, eines Fotokopierapparates mit Suchanzeige, und Hexenbesenflug, von Prinz Mi Ttelmass bis zur operettenhaften Traumreise von Merlin und Schneewittchen auf dem zum Flugzeug umfunktionierten Holzbottichroboter und Landung im magischen Wald.

Der angepeilte Kuss und wild gewordene Holzmonster erzeugen Action inklusive Elektroblitzmagie – vieles ist möglich in diesem Märchenland, vieles passiert und dann gibt es heftige Count-Down-Action: „Dann wollen wir mal rumzwergen“ – bis die Prinzessin vom Herzeleid erlöst ist.

Sätze:
Sollen wir uns zusammen eine Feuchtigkeitsmaske gönnen?
Hat da jemand ein Aggressionsproblem?
Du mein Herr störst empfindlich meine Beziehung zu Rotschühchen.
Durch die Schuhe bin ich eher so niedlich, durch die Schuhe habe ich Gewicht verloren.
Ich kann jetzt nicht richtig ins Detail gehen, aber ich stehe auch unter einem Fluch.
Ist das dein Ernst, anscheinend geht es Dir immer nur um das Äußere.
Ihr seid ein Geschenk, ein Geschenk, das mich verwandeln wird in etwas absolut Fantastisches.
Ich weiß, wie es ist, wenn man anders aussieht, als man sich in seinem Inneren fühlt.
Dein Timing gefällt mir überhaupt nicht.

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Die glitzernden Garnelen – Les Crevettes Pailletées

100 Minuten queere Lebensfreude als quirlig-quicklebendiges Votum gegen Homophobie mit kleinen Dramen und kleinen Pillen und selbst, wie nach 90 Minuten ein Ernstfall eintritt, derrappelt sich das queere Gen zu einem überraschenden Umgang damit.

Das Rezept der Filmemacher Romain Choay (Drehbuch), Maxime Govare und Cédric Le Gallo (Drehbuch und Regie) ist simpel. Der französische Schwimmstar Matthias Le Goff (Nicolas Gob) fällt mit einer schwulenfeindlichen Äußerung in den Medien auf. Der Schwimmverband verdonnert ihn zur Strafe als Trainer des schwulen Wasserballclubs „Die glitzernden Garnelen“.

Die Garnelen sind gerade dabei, sich für die Meisterschaft in Split vorzubereiten. Und was sich erst nicht ausstehen kann, homophober Sportler und schwule Schwimmer, versteht sich nach der Geschichte bestens. Dazu trägt schon die Phase des Roadmovies bei, die von Paris über den Schwarzwald nach Kroatien in einem „First Travel Paris“-Doppeldeckerbus führt, einem Bus wie auf einer Gay-Parade.

Ein Katalysator für die Annäherung ist das Töchterchen des Schwimmstars, das vom ersten Training an begeistert ist von den Schwimmern, auch wenn ihr noch nicht klar ist, was „schwul“ bedeutet.

Es wird gealbert und geblödelt in der Gruppe, es gibt die Motivationsrufe vor dem Match, es gibt eine Beziehungskrise zwischen einem Mann, der mit einem anderen Mann zwei kleine Kinder hat, es gibt eine Amoure zwischen dem Greenhorn in der Mannschaft und einem Tramper, eine Schlägerei auf einem Klo, es gibt Party und Karaoke, durchgehend aufgeregt-ausgelassene Gay-Stimmung, eine schrille Ansagerin im Schwimmstadtion in Kroatien, Kampflesben und es gibt die Transe Fred (Romain Brau), der anfangs auf Vorbehalte stößt.

Der mit Schwung, leichter Hand und ohne falsche Vorgabe von Tiefe angerichtete Film ist auch eine Hommage an den Pariser Wasserballclub, den es mit diesem Namen wirklich gibt: „Les crevettes pailletées“, was dem Wortlaut nach „die pailletierten Crevetten“ heißen würde oder kurz: die Pailletten-Crevetten.
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Auerhaus

Glückliche WG.

Das Auerhaus ist ein leerstehendes Haus in einem Kaff irgendwo im deutschen Mittelgebirge mit 6′ 500 Einwohnern, einer Pizzeria und wenig mehr.

Glücklich sind die vier 18-jährigen Abiturienten Hoeppner (Damian Hardung), Vera (Luna Wedler), Cäcilia (Devrim Lingnau mit dem Silberblick) und der suizidgefährdete Frieder (Max von der Groeben), die hier, obwohl sie im Ort wohnen, von zuhause aus- und im Auerhaus einziehen dürfen.

Anlass scheint die Entlassung von Frieder zu sein, der nach einem misslungenen Selbstmordversuch in der Klinik „Schwarzes Holz“ in die geschlossene Abteilung kam. Von dort kommt später noch die Pyromanin Pauline (Ada Philine Stappenbeck) hinzu und von außerhalb lässt sich auf längeren Besuch Harry (Sven Schelker) nieder, der das Thema Schwulität in das Haus bringt.

Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte nach dem Roman von Bov Bjerg, den Neele Leana Vollmar mit einem ausggewählten Cast vor allem markanter Nachwuchsgesichter verfilmt. Sie arbeitet wunderbar mit ihren Schauspielern.

Das Problem scheint mir einmal mehr das Drehbuch zu sein, das die Regisseurin mit Lars Hubrich offenbar viel zu brav „ab Blatt“ nach dem Roman erstellt hat.

Der Film spielt in der zweiten Hälfte der 80er des letzten Jahrhunderts. Diese Atmosphäre ist ganz gut getroffen. Hoeppner, dessen Vornamen im Film kaum eruierbar ist, fungiert als Ich-Erzähler. Er führt die Erzählung voice-over ein und gibt Off-Kommentare ab. Er ist der dickste Freund von Frieder.

Dass Nele Leana Volmar die Geschichte aber objektiv schildert als auktoriale Erzählerin, ist ein deutlicher Klump–, oder besser: Spreitzfuß für die Rezeption, also dass der Film aus Sicht von Hoeppner erzählt, aber aus der Gesamtsicht des Drehbuchautors gedreht ist; dadurch bleiben die Probleme von Hoeppner Episoden, Anekdoten: das Problem mit der Aufgaben- und Klausurhilfe durch Frieder (da möchte Cäcilia einspringen), das Erlernen des Klauens mittels Poncho im Supermarkt durch Frieder, die Musterungsstory und der Wunsch, nach Berlin zum Studieren abzuhauen, schließlich die Liebs- und Sexprobleme mit Vera und dagegen die Idee der Schwulität, ein Konflikt, der nicht ausgetragen wird. Offenbar ist anekdotische Genauigkeit der Erzeugung von dramaturgischer Spannung vorgezogen worden.

Alles außer gewöhnlich – Hors Norm

Nicht genehmigungsfähiger Humanismus.

Die aussichtslosen Fälle, die in keiner staatliche anerkannten Institution mehr aufzufangen sind, haben sich Olivier Nakache und Érich Toledano für ihren neuesten Film vorgenommen (Ziemlich beste Freunde, Heute bin ich Samba, Das Leben ist ein Fest).

Mit eminenter Street-Credibility beschreiben sie die Aktivitäten, immer am Rande des Irrsinns, des schwarzen Humors und der Legalität, von zwei Exponenten solcher nicht genehmigungsfähiger, humanistischer Vereine.

An sie wenden sich seit 15 Jahren alle staatlich anerkannten Sozialinstitutionen, wenn sie mit Patienten am Ende ihres Lateins sind, oder wenn nur noch Fesselung und medikamentöses Stillstellen hilft.

Bruno (Vincent Cassel) und Malik (Reda Kateb) sind die Repräsentanten solcher Vereine, der eine jüdisch, der andere Muslim. Sie sind in ständiger Abrufbereitschaft, Notfall um Notfall meldet sich. Immer wieder bekommen sie es mit den Ordnungshütern zu tun, weil beispielsweise Hélène wieder schreiend durch die Straßen rennt oder weil Joseph in der S-Bahn auf der Brücke wieder die Notbremse gezogen hat (zur Beschwichtigung für die Ordnungshüter sagen sie: „Wir sind nah dran“; also das wird bald nicht mehr vorkommen) oder weil Valentin (Marco Locatelli) mit seinem Schutzhelm wieder abgehauen ist und sein zu integrierender Betreuer Dylan (Bryan Mialoundama) gerade mal kurz Zigarette rauchen ist; den Helm setzt Valentin immer auch wieder als Schlaginstrument ein.

Im Lokal von Menahem (Alban Ivanov) treffen sich die Gruppen, mal zum Begrifferaten oder der Wirt möchte dem überbeschäftigten Bruno endlich ein Date verschaffen, was meist nach zwei Minuten wegen eines Notfalles vorbei ist, selbst wenn er sein Handy ausgeschaltet hat.

Go ahead, make my day.