Lebenslinien: Sabine Sauer – Die Frau hinter dem Lächeln (BR, Montag, 6. Dezember 2021, 22.00 Uhr)

Diese Promi-Schleimspur-Lebenslinien von Daniela Agostini, wohlwollend gefördert von Redakteurin Christiane von Hahn, riechen arg streng.

Nicht nur, dass der BR versucht, sich selbst zu bebauchpinseln mit einer über Jahrzehnte für die Öffentlich-Rechtlichen erfolgreichen Moderatorin, mehr noch gilt für die Moderatorin, die sich in dieser Zeit konsequent aus dem Home-Story-Bereich ferngehalten hat, bestimmt aus guten Gründen, die das auch noch sagt, dass sie jetzt aber, wo die wohlgeschützte Karriere vorbei ist und sie sich mit einer Musikgruppe auf den freien Tingelmarkt traut, plötzlich scharf auf Homestory ist, die Kamera in ihren Garten reinlässt, wie sie treuherzig und mit großen Augen erläutert, dass sie eben das nie habe wollen, jetzt plötzlich kehrt sie ihr Innerstes an die Öffentlichkeit: von Ängsten in der Jugend, von Rheuma, Brechattacken und Schmerz, von einer gütigen älteren Schwester und davon, dass sie ein Familienmensch sei, berichtet sie; langweiliger, klischeehafter und öder kann eine Promigeschichte nicht präsentiert werden. Erschwerend kommt dazu, dass sie nicht einen natürlichen Satz herausbringt, alle ihre Äußerungen hören sich kalkuliert und wohlüberlegt an, als ob sie am Moderieren sei. Wenn sie uns wenigstens verraten würde, das wäre interessant zu erfahren, wie viel Pension sie von den öffentlich-rechtlichen Sendern kassiert, sie dürfte noch zu den weit Überversorgten gehören und ob sie ein Bewusstsein dafür habe, wie das Geld einkommensschwachen Haushalten per Zwang vom kargen Budget abgezwackt wird; nein, die Frau lebt in einer weltfremden Showwelt, sie will ihr wohlmodelliertes Gesicht erhalten, will weiter nett, brav und tadellos sein, so beschreibt sie selber ihre Visitenkarte beim BR. Und bestätigt das umgehend mit diesen Lebenslinien.

Me-Too beim BR

Jetzt, Jahrzehnte später, bringt es Sabine Sauer an den Tag: ein Redakteur des BR, der sie zu einem Gespräch in sein Büro bestellt hatte, fing an, seine Hose zu öffnen, während sie glaubte, zu einem ‚Perspektivgespräch‘ eingeladen zu sein (so selbstverständlich, wie dieser Redakteur das offenbar getan hat, dürfte es eine Dunkelziffer von Damen beim BR geben, die ihm den geforderten Gefallen getan und anschließend offenbar Karrier gemacht haben).

Ansonsten mediokreste Regenbogenpresse. „Der Erfolg und die Berühmtheit haben ihren Preis.“ Und dann muss sie uns noch Fanpost zeigen, denn das haue sie immer wieder um.

„Da geht mir aber richtig die Pumpe. Jetzt musst du rausgehen und den Drachen töten.“
Sternstundengala. Letzte vor dem Ruhestand.
Sie findet es wohltuend , nicht beobachtet zu sein – und lässt dabei die Kamera zu. Ein Hoch auf die Lebenslügen.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Das Böse gibt es nicht (DVD)

In feinster persischer Kinoschrift erzählt Regisseur Rassoulof, dass Persien ohne dieses Böse, was es doch gar nicht gibt, wie er in vier unabhängigen und doch wunderbar ineinander verzahnten Kurzgeschichten schildert, noch viel schöner wäre. Siehe die Review von stefe.

Kommentar zu den Reviews vom 2. Dezember 2021

Menschen in verschiedenen Zuständen. Ein Vater nimmt in Serbien mit seinem Sohn einen langen Weg auf sich, um den Buben vor dem Amtszugriff zu schützen. Eine Trinkergemeinschaft feiert in Las Vegas den letzten Abend der Stammkneipe. Beruf Killerin als generationenübergreifendes Projekt in verführerischer deutscher Studiokulisse. Robuste Nonnenliebe im Kloster in der Toskana. In Deutschland gab es eine Zeit, da musste ein Mann, bloß weil er es mit anderen Männern trieb, ins Gefängnis! In Georgien sind über 100-jährige Bäume, die eine Reise antreten, die Protagonisten. In Zürich besprayt einer kapitalistische Betonwände mit lustigen Strichmännchen.

Kino

DER VATER – OTAC
Alles für das Kind!

BLOODY NOSE, EMPTY POCKETS
In einer Bar in Las Vegas

GUNPOWDER MILKSHAKE
Genregeiles Studiokino

BENEDETTA
Heiße Liebe im Schoße des Klosters

DAS ENDE DES SCHWEIGENS
Der beschämende Paragraph 175.

DIE ZÄHMUNG DER BÄUME
Was macht denn dieser alte Baum da auf dem Tieflader?

HARALD NAEGELI – DER SPRAYER VON ZÜRICH
Nicht Sachbeschädigung: Aufwertung von Immobilien.

Bloody Nose, Empty Pockets

Wie der Blick in einen Tropfen Wasser

Hat das Leben nicht mehr zu bieten, als dieses Feuer? Das hat sich eine der Protagonistinnen in diesem Film von Bill Ross IV und Turner Ross gefragt, als sie als Kind die Wohnung ihrer Familie abbrennen sah.

Der Satz wirkt signifikant für die kristallklare Substanz dieses Filmes: das Wesen der (schummrigen) Stammkneipe als solches filmisch verbindlich auf die Leinwand zu bringen. Ein Blick wie durch eine Vergrößerungsglas auf einen quirligen Mikrokosmos voller unverbindlicher Nähe. Es ist Familienersatz. Es ist eine Alkoholhöhle.

Es herrscht ein pausenloser Austausch unter den Agierenden, den Stammgästen und dem Wirt, der Bedienung. Kein Thema wird ausgespart. Je länger der Abend, desto tiefer, desto persönlicher die Äußerungen, die gerne im Weltschmerz enden, die die Sehnsucht nach Liebe, nach Heimat, nach Anerkennung ausdrücken, die andererseits vor dem Hintergrund der Einsamkeit ablaufen, die von Schicksalsschlägen berichten oder Aggressionen freisetzen.

Als Impulsgeber für die Diskurse dient zudem das Fernsehen, das ständig läuft. Außerdem sorgt die Juke Box für die tonale Umarmung.

Ein Film, bei dem man sich ständig fragt, ist das jetzt eine reine Doku, gerade weil das abstrakte Wesen der Stammkneipe so hervorragend zur Geltung kommt, oder wie viel Fake ist dabei.

Ein Film, bei dem man mehr über die Umstände des Zustandekommens erfahren möchte, weshalb er einen so fasziniert, wobei es sich doch vorgeblich um eine Peripherie-Kneipe in Las Vegas handeln soll: das „Roaring 20’s“, das dabei ist, dicht zu machen.

Das Doku-Team ist vorgeblich am letzten Abend dabei; ab und an guckt es vor die Tür des Lokals oder gar in andere Lokalitäten, zu denen Stammgäste gewechselt haben.

Wie geschickt die Filmemacher Bill Ross IV und Turner Ross agieren, kalkulieren und manipulieren zeigt ein Blick in das Presseheft. Es gab einen Hauptdreh von 18 Stunden am Stück und mit zwei Kameras. Ihr ideales Lokal haben sie in New Orelans gefunden und filmisch angepasst; es gibt im Hintergrund des Tresen wunderbare Sofas.

Dass die Darsteller verkabelt sind, verheimlichen die Filmemacher nicht. In der letzten Szene von Michael, einem der Protagonisten, sieht man, dass er in der Gesäßtasche seiner Hose einen Sender trägt, der grün aufleuchtet, wenn er spricht. Auch sein Mikro vor der Brust ist zu sehen.

Überraschend ist dann doch, dass die Darsteller alle gecastet sind, natürlich in Bars, und dass die sich gar nicht gekannt hatten vor dem Dreh. Vor allem haben die Filmemacher drauf geachtet, keine dummen Leute zu besetzen, es sind keine dumpfen Trinker und Barhocker, es sind Menschen, die über das Leben nachdenken, die vielleicht Alkohol brauchen, um das zu verarbeiten, um das zu äußern; im Cast gibt es eine Tendenz zum abgestürzten Künstler und Althippie mit langen weißen Haaren neben einer runden Palette von Frauen, die mit ihren Wünschen nicht hinterm Berg halten.

Die Protagonisten haben in ihrem Leben den Kneipen- und Bargang lange geübt und dem Alkohol sind sie nicht abgeneigt, einem ‚juicy Coctail‘ beispielsweise, ohne das hätte es wohl kaum funktioniert, dass die Szenen so glaubwürdig, so natürlich wirken und überhaupt nicht, als hätten da andere Regie geführt.

Nicht dass mir neue Erkenntnisse zum Thema gekommen wären; aber wer in den „Roaring 20’s“ war, der weiß für immer, was es mit solchen Bars auf sich hat; kennt jetzt einen Prototypen. Und er hat Michael, Cheryl, Marc, John, Lowell, Ira, Bruce, Pete, Felix, Al, Rikki, Pam, Shay, Tra, Trevor, Kevin, David, Kamari, Sophie, Miriam kennengelernt und könnte sich vorstellen, mit ihnen einen zu heben.

Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich

er sprayt und sprayt und sprayt
Stachel im Fleisch des Kapitalismus

Künstlerbiopic von Nathalie David nach einer Idee von Peter Spoerri als Pamphlet gegen eine einseitig kapitalistische Rechtssprechung. Und sprayt und sprayt.

In den späten 70er Jahren taucht in Zürich ein Phänomen auf. Überall auf öden Betonmauern erscheinen plötzlich tanzende Strichmännchen, Minimalkunst, belebend. Sie erheitern das Publikum und machen Eigentümer wütend, für die das Wandbeschmutzung, Eigentumsdelikte sind, Minderung des Eigentumswertes, Sachbeschädigung. Niemand wusste, wer der Urheber oder die Urheberin dieser Kunst war.

Bis die Öffentlichkeit überhaupt dahinter kam, dass es sich um einen anonymen Künstler mit System handelte. Er selbst sieht sich als eine Wiedergeburt der Höhlenmaler. Der Kunstbetrachter könnte ihn vielleicht auch als Wegbereiter für einen Banksy einschätzen. Von dem ist hier im Film allerdings nicht die Rede.

Aber davon, dass Harald Naegli, der im Film oft unterm Pseudonym Harry Wolke zitiert wird, sich fragt, was da Sachbeschädigung sein soll, wenn er ein Mauerstück mit einem Kunstwerk aufwertet. Selbst das Kunstmuseum Zürich, das jetzt mit einem Neubau, der an Storage-Funktionalität erinnert, von sich reden macht und mit einer geliehenen Kunstsammlung, die tief im Waffengeschäft des Zweiten Weltkrieges wurzelt, ist heute noch geteilter Meinung.

Die Kunstkuratorin sieht es selbstverständlich als ein Mehrwert, wenn Harald Nägeli eines seiner neuesten Werke, es ist jetzt mit 80 endlich bei der Utopie und gleichzeitg bei einer Serie von Totentänzen angelangt, neben einer mächtigen Eingangsfigur auf der Hausmauer platziert. Aber die Liegenschaftsverwaltung des Kunsthauses denkt noch genau so, wie Nägeli es kritisiert.

Auch mit 80 hinterlässt er überall in Zürich, wohin er nach dem Exil in Düsseldorf zurückgekehrt ist, seine Spuren. Um ihn nicht misszuverstehen, er ist kein Antikapitalist, er kennt sehr wohl die Freiheiten, die der Kapitalismus bietet, ist er doch selbst ein Profiteur davon. Eine seiner Großmütter stammte aus reichem Hause und hinterließ ihrer Nachkommenschaft mehrere herrschaftliche Häuser an der Züricher Bahnhofstraße.

Nägelis Kampf gilt ausgesprochen einseitig kapitalistisch denkender Justiz, sturem Beamtentum, starrsinniger Hasuverwalterei, für diese hat er das Symbol der Wanze; für die Freiheit und Utopie zeichnet er Flamingos. Wunderbare Pointe am Rande dieses Werkes: wichtige Dokumentationsarbeit haben die Polizeifotografen geleistet. Joseph Beuys verteidigte Nägeli als einen Vertreter anthropologischer Kunst.

Gunpowder Milkshake

Scharfe Literatur –
Ein Fest des Genres

Eine der großartig genreappetitlich ausgeleuchteten Hauptlocations in diesem Film von Navot Papushado, der mit Ehud Lavski auch das Drehbuch geschrieben hat, ist eine nach Kostbarkeit und Würde ausschauende öffentliche Bibliothek.

Selbstverständlich dürfte hier die gesamte Literatur das Kinematographische betreffend versammelt sein; aber nicht nur das: viele der kostbaren Einbände sind exzellent getarnte Verstecke für allerlei Feuerwaffen. Diese dürften den drei Hüterinnen der Bibliothek sowie den drei Protagonistinnen noch nützlich werden, wenn der Chef der ‚Firma‘ auf Abrechnung drängt.

Die Story in so einem Genre-Luststück ist nicht so wichtig. Hier geht es darum, dass bei einem Profikiller etwas schief läuft. Das lässt die Situationen eskalieren. Es gibt die ‚Firma‘, das ‚Board‘, das ist eine gemäldehafte Installation, die Figuren wirken reichlich versteinert.

An der Front kämpft Sam (Karen Gillan). Sie soll ein Geld wiederbeschaffen. Der Film stellt sie vorher als Kind vor in einer weiteren Hauptlocation, amerikanischer ausgeleuchtet geht nicht, einem ‚Dinner‘ oder Deli, das sind diese filmgeilen amerikanischen Imbisse, hier trifft sie sich normalerweise mit ihrer Mutter Scarlet (Lena Headey); sie trinken einen Shake mit zwei Trinkhalmen. Das ist 15 Jahre vor der Jetztzeit im Film.

Heute ist die Mutter verschwunden. Sam ist ebenfalls Profikillerin geworden. Sie gerät an ein dick gelocktes Mädchen, meist in gelber Daunenjacke (Chloe Coleman). Dieses wird sich schnell als gelehriger apprentice erweisen.

Eine Armlähmung von Sam bringt das Mädchen unverhofft ans Steuer eines Autos, das Verfolgungsfahrten ausführt. Die Frauen in dem Film sind nicht nur attraktiv, sie sind auch alle ungeschlagen im Umgang mit Waffen und führen die Herren der Schöpfung regelmäßig vor.

Eine weitere Hauptlocation ist eine herrlich sterile Klinik – hier wirken Blutspuren auf Möbeln oder an weißen Wänden malerisch wie abstrakte Kunst. Hier findet sich ein angeschossenes Schießkommando, das vermutlich Lachgas erwischt hat und alles nur saukomisch finden kann – filmwirksam. Und so werden auch die nächsten Kämpfe in der Klinik aussehen.

Eine weitere hochattraktive Location, die Kämpfe super aussehen lässt, ist das Gutterball Bowling. Das lassen Neoröhren in verschiedenen Farben und glatte Böden prima Stimmung erzeugen.

Navot Papushado richtet seinen Film an als ein Festmenü des Killergenres und traut seinen hervorragenden Frauen einiges zu, allemal eine Augenweide sind ihre Kämpfe, ihr Suspense auch.

Zwischendrin zitiert Papushado Mario Draghi als EZB-Chef zur Rettung des Euros, er lässt den Chef der Firma sagen: „Do whatever it takes“. Unter der Euro-Rettung geht in diesem Fun-Thriller gar nichts. So werden Kräfte abgecheckt, meint der Boss: I have an army, meinte Sam: ‚I have a Mom‘. Das sollte man besser nicht als Geschwätz oder Angeberei abtun.

Die Zähmung der Bäume

Wer ist Herr Iwanischwili?

Enthüllen wird seine Identität dieser Film Dokumentarfilm von Salomé Jashi nicht. Georg Soros dürfte es eher nicht sein. Aber einige Hinweise gibt es über diese Figur im Hintergrund. Er ist der Mann, der dafür verantwortlich ist, dass aus der anfänglich meditativen Bildbetrachtung von Gartenarbeiten bei gleichbleibender Ruhe der Kamera spektakuläre Bilder entstehen, die man unbedingt im Kino betrachten sollte.

Wer sich die Lust am Sicheinwickeln lassen durch scheinbar unscheinbare Beobachtungen nicht nehmen lassen will, der sollte gar nicht erst weiterlesen.

Dass es um Bäume in Georgien geht, das muss kein Geheimnis sein. Dass der Titel es bei Andeutungen belässt, zeigt auch die Variante „Zähmung des Gartens“ und so auch die englische Übersetzung.

Salome Jashi fängt ihren Film leicht irreführend an, dies überhaupt nicht negativ gemeint, symbolisch vielleicht, die Kamera steht, wie fast immer in anständiger Entfernung und hat vor sich zwei Fischer und ein Gewässer und überlässt den Zuschauer seinem Rätsel- oder Zuschauvermögen.

Es folgen, in immer gleich ruhigen, gleich distanzierten Einstellungen, Gärtner oder Waldarbeiter, die Grünzeug roden. Es gibt eine semidokumentarische Szene, solche wird es auch künftig geben, bei der die Arbeiter im Rund hocken und sich eine absurde Geschichte erzählen von einer Frau, die einen über 100-jährigen Baum aus ihrem Garten verkaufen sollte und die irre viel Geld dafür verlangt hat, was ihr auch zugesagt wurde.

Dieses Irre der Geschichte enthüllt der Film nach und nach als eine georgische Realität. Da taucht immer wieder der Name des Herrn Iwanischwili auf. Über ihn wird spekuliert, geschimpft, aber auch so geredet, wie man über jemanden redet, der viel Geld hat.

Die Vorgänge werden immer absurder. Denn es ist eine enorme logistische und garantiert auch finanzielle Leistung, einen tonnenschweren, weit über 100 Jahre alten Baum in seinem Wurzelreich einzupacken und auf Tiefladern über teils extra gebaute Straßen und später mit Schiffen an einen entfernten Ort zu verfrachten.

Hier gilt das Wort, dass man einen alten Baum nicht verpflanzen soll, nicht. Hier wird das Gegenteil praktiziert, hier leiden viele junge Bäume entlang der Transportroute darunter, die gestutzt oder gar gefällt werden müssen, weil sie im Wege sind. Klar wird auch: es handelt sich nicht um Einzelfälle. Nebenbei gibt es Einblicke in georgische Lebens-Verhältnisse, einfache Leute, die in großzügigen, fast leeren Räumen wohnen.

Das Ende des Schweigens

Mahnende Erinnerung

Dieser Film von van-Tien Hoang, der mit Holger Heckmann auch das Drehbuch geschrieben hat, ist ein cinéphil zubereitetes Kapitel aus der Schwulengeschichte.

Es geht um die die Frankfurter Prozesse in den frühen Fünfzigern wegen § 175 und 175a in der jungen Bundesrepublik. In Frankfurt hatte sich da gerade wieder eine Schwulenszene angefangen zu bilden. Aber die Justiz war noch die von vor dem Krieg oder wieder dieselbe. Ein Richter speziell hatte offenbar nach irgend einem uralten Gesetz die Prozesse an sich gezogen.

Es ist kein Ruhmesblatt für die Justizgeschichte der jungen Bundesrepublik. Erst 2017 hat das Bundeskabinett entschieden, alle damals wegen § 175 verurteilten Männer zu entschädigen.

Nach dem Krieg sahen viele junge Männer keine andere Chance, für den Lebensunterhalt zu sorgen, als mit Strichertum. Die Justiz setzte manche als Spitzel ein und machte mit Nachdruck Jagd auf Schwule oder vermeintlich Schwule. Wenn sie verurteilt wurden, kamen sie ins Gefängnis, waren vorbestraft, haben oft Job oder auch den Doktortitel verloren, Führerscheinerlaubnis dazu; hatten es extrem schwer, Arbeit und Wohnung zu finden, mussten mit Altersarmut rechnen.

Van-Tien Hoang schildert dieses für Deutschland beschämende Kapitel Justizgeschichte in einem dezenten Mix aus Statements von Fachleuten und Zeitzeugen und minimalistisch und eindringlich nachgestellten, modellhaften Spielszenen.

Es geht zentral um den Fall des Strichers und Spitzels Otto Blankenstein, der 1951 selbst verurteilt wurde; was gleichzeitig das Ende der Prozessserie bedeutete. Er selbst sei nach Verbüßung der Strafe unter neuer Identität aus dem Blickfeld verschwunden. Die Forscher wissen nichts über seinen Verbleib.

Es gibt im Film einen Hinweis auf die Zeitschrift „Der Kreis“. Darüber hat der Schweizer Stefan Haupt 2014 einen Film gedreht: Der Kreis.

Benedetta

In den Eingeweiden der Religion gewühlt –
oder das Wunder vom Vogelschisses

Lustvoll wühlt und bildmächtig Paul Verhoeven, der mit David Birke auch das Drehbuch geschrieben hat nach Judith C. Browns „Immodest Acts: The Life of a Lesbian Nun in Renaissance Italy“, in all dem, wovon die Religion lebt, ihrem Nährboden, indem sie es verbietet: Geschlechtlicher Genuss, Lesbiertum, Hypokrisie, Lügen, Angebliche Gotteserscheinungen, das Kind der Schwester Oberin, Wunder, das hierarchisch opportunistische Denken, Folter und Verbrennungen und geißelt diese Kirche damit selbst höchst bilderregt.

Katholizismus, Nonnen und wuderbare nackte Frauen, das geht hier eine weihrauchgewchwängerte Bildmelange ein, auch wenn dadurch keinerlei neue Erkenntnis zum Thema gefunden wird.
Insofern reiht sich Verhoeven fugenlos ein in die christlich-religiöse Ikonographie, sofern sie nicht reine Anbetungskunst ist, selbstveständlich im Meisterstatus.

Benedetta wird als Kind vom Vater ins Kloster eingeliefert. Dass das kostet und zwar nicht wenig und dass das Kloster ein einträgliches Geschäft damit macht, das zeigt der Film mehrfach deutlich. Aber er zeigt auch schon auf dem Weg der kleinen Gesellschaft mit einer Sänfte zwischen zwei Pferden, in denen das Kind sitzt, dass dieses eine gewisse Affinität zu Wundern hat.

Berittene Halunken wollen die Reisegesellschaft ausrauben. Außer einem Goldkettchen gibt’s nichts. Wie die kleine Benedetta heftig betet, schält sich ein Vogel aus einem buschigen Baum und kackt einem der Räuber auf den Kopf. Auch die verstehen das Zeichen des Himmels, geben das Kettchen zurück und nehmen Reißaus.

Im Kloster der Theatinerinnen von Pescia wird noch die Einlieferung geschildert, dann macht der Film einen Sprung zur erwachsenen Benedetta (Virginie Efira). Nach wilderotischen Christusträumen hat sie plötzlich blutige Stigmata an Händen und Füßen und bringt Frau Oberin (Charlotte Rampling) in Schwierigkeiten.

Noch bedrohlicher wird die politische Situation im Kloster, wie der Wildfang von von Vater und Brüdern misshandelter junger Frau Bartolomea (Daphne Patakia) im Kloster Schutz sucht. Der Vater von Benedetta, der gerade zugegen ist, sponsert die Aufnahme ins Kloster, denn Bartolomeas Familie hat das Geld nicht.

Im Kloster aber ist dem sündigen Draht zwischen den beiden Frauen nichts entgegenzustellen, keine Kasteiung, keine Beichte, nichts hilft, das Verlangen ist stärker. Erst richtig los geht es, wie die Oberin abgesetzt wird und Benedetta deren Stelle übernimmt; jetzt hat Benedetta ein exklusives kleines Apartment für sich und ihre Affäre.

Es gibt wenig Geheimnis in so einer engen Gemeinschaft; somit sind Gerüchten und Denunziationen Tür und Tor geöffnet. Die abgesetzte Oberin holt den Nuntius (Lambert Wilson) herbei, der die Sünderinnen auf den Scheiterhaufen bringen soll. Mit ihm erreicht auch das Thema der Pest die Stadt. Man erinnert sich an die jüngste Pandemie der Menschheit und kann nachvollziehen, dass die Stadt die Tore nicht öffnen will. Für den Kinogourmet hält der Film nebst viel Wollüstigem selbstverständlich auch genügend Grauen, was Menschen sich anzutun fähig sind, bereit.

Go ahead, make my day.