Pure Knetmassenfigurenwonne offerieren uns Richard Starzak und Mark Burton.

    Erst schildern sie humorvoll die Idylle auf dem Land, die Schulbubenstreiche der Tiere, von Schafen, Hunden, Kühen, Schweinen. Schäfchenzählen ist so eine Übung. Wie den Bauern zum Einschlafen bringen, um ihm einen Streich zu spielen? Denn es ist eine übersichtliche Zahl, aus der die Herde um das kleine Shaf Shaon besteht. Zum Einschlafen reichen 5 oder 6 nicht aus. Aber wenn die Schafe im Kreis gehen, dann kann eine ewige Reihe draus werden, die den gesundesten Mann bald in den Schlaf zählt. Diesen Bauernschlaf nutzt die Herde. Wie Verschwörer schleppen sie den Bauern in einen abgestellten Wohnwagen und wollen ihm ein bisschen Angst einjagen mit Kopfhörer und Bildern an der Wand. Ideen haben die Schafe!

    Dummerweise löst sich bei der Simulation eines Erdbebens der Wagen aus seiner Fixierung und fängt an, die Straße hinrunter zu rollen. Bremsmanöver helfen nicht. Der Wagen rollt und rollt und rollt.

    Von Moussy Bottom bis zur Big City. Protagonistenschaf Shaon kapiert das Ausmaß des Unglückes, der Hund Bitzer ist schon direkt hinter dem Wagen hergespurtet. Shaon handelt reflektiert und besteigt einen Bus, um dem abgängigen Wohnwagen zu folgen.

    Später trudeln auch die anderen Schafe einem verzögerten Herdentrieb folgend in der großen Stadt ein. Der Bauer ist hier unsanft zum Stehen gekommen und sofort in die Fänge des Patientenanlieferungssystems geraten und im Krankenhaus gelandet.

    Die Schafe wiederum sehen sich einem Tierfänger ausgesetzt, der law-and-orderhaft radikal vorgeht, richtiggehend fremdenfeindlich wenn man so will. Denn die Schafe sind in der großen Stadt Fremde, unbekannte Fremdkörper und nicht erwünscht. Sie wissen sich zu helfen. Das sind schon vergnügliche Effekte, wie sie sich tarnen, wie sie sich der Stadt anpassen, wie sie sich modisch kleiden und im feinen Restaurant „le chou brulé“ (der verbrannte Kohl) zu speisen gedenken. Aber Vorsicht: Speisekarten sind nicht zum Verzehr geeignet. Solch Verhalten kann die Tarnung gefährden.

    Der Bauer ist inzwischen dem Gesundheitswesen entkommen und wirbelt einen In-Frisörsalon durcheinander. Denn Schafe scheren, das kann er, das hat er früh im Film bewiesen. Hier machen ihn diverse Slapstick- und komische Unfälle zum Starfigaro. Was wiederum zum Problem für die Schafe wird, die ihn endlich finden.

    Nachdem die subtile Unterwanderung der wohlorganisierten Stadt durch die wolligen Wesen vom Land auffliegt, nachdem ein Schaf und Bitzer in die Fänge des Tierfängers gelangen und in geschlossenen Zellen landen, wird der Film ins Action-Genre umschlagen.

    Jetzt werden raffinierte (filmerprobte) Befreiungsaktionen nötig inklusive Abhauen über die Dächer von Big City. Die Flucht aus der Stadt zurück zur Idylle auf dem Land, die wird Verfolgungsjagd pur mit einem merkwürdigen trojanischen Pferd, das die Schafe auf die Schnelle konstruieren samt Düsenantrieb für alle Eventualitäten.

    Denn nicht nur ist den Besuchern vom Land der Boden der Stadt zu heiß geworden, zuhause haben sich die Schweine ausgiebig eingerichtet, wo sie gar nicht hingehören nach dem Mott „ist die Katz aus dem Haus, tanzt das Schwein“.

    Das Schöne an dieser Art bewusst konstruierten Films ist, dass jede Handlung eine Folge hat und dass die gelegentlich auch hochzurechnen sind, wenn der Bauer vor dem Frisösalon steht und den Rasierapparat sieht, so macht es bei ihm und auch beim Zuschauer Klick, denn eben hat er noch mit einer ähnlichhen Maschine den Schafen den Pelz gekürzt.

    Untermalt wird die Leichtigkeit dieser unterhaltsamen Abenteuergeschichte mit lüpfiger Country-Musik.

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    1 Polizeichef mit 1 Leiche aus Jugendzeiten im Keller und 2 beste Freunde dazu, mit ebenderselben Leiche aus ebenderselben Jugendzeit im Keller, alle 3 ausgerüstet mit je 1 Walther-Pistole mit Schalldämpfer, wie nur die Polizei sie verwenden darf und 1 Nora von Waldstätten, die sich immer mehr zur geheimnisvollen Sphinx stilisiert, dazu 1 Nachabar, der im richtigen Moment die Stromversorgung kappt sowie 1 junger Polizist, der noch an seriöse Polizeiarbeit glaubt, das sind die wesentlichen Ingredienzien für einen Brenner-Krimi von Wolf Haas, der mit Josef Hader und Wolfgang Murnberger auch das Drehbuch verfasst hat.

    Wolfgang Murnberger hat, sorgfältiger als bei seinen letzten BR-TV-Routinearbeiten (Die Spätzünder, Wer hat Angst vorm Weißen Mann, Alles Schwindel) die Regie geführt.

    Die Krimistruktur ist üblich und funktionabel, wirkt nur dröge, wenn sie momentweise ohne Fleisch zu Tage tritt, die Leiche von früher, die heute nicht an den Tag kommen soll, die Leichen von heute, die dazu notwendig werden.

    Sinn der Veranstaltung ist allerdings nicht, über Polizeiarbeit in Österreich, speziell in Graz und Kärnten aufzuklären oder den Zuschauer über das irregulär-ungesetzliche Zustandekommen von manchen Leichen zu informieren; Ziel scheint eher, diesem Landflecken in Österreich und somit in Europa eine pikant würzige Farbe zu verleihen, ein Statement abzugeben über Lebensart und Haltung zur Zeit und zur Gesellschaft.

    Da haben’s die Figuren Brenner (Josef Hader), Aschenbrenner (Tobias Moretti, gerne als „Brigadier“ angesprochen, die Endung nicht französisch ohne „r“, sondern mit) und Köck (Roland Düringer, der hier in Antiquitäten macht) in sich und ihre Ausdrucksweise in diesem gewissen Österreicherisch hat’s an sich. Mit jedem Satz wird die Welt als Katastrophe ausgemacht, da ist nichts nett, da passt sich keiner an, da lässt sich keiner was gefallen, da reagiert keiner mechanisch, vorhersehbar. Jeder Satz behauptet (in den starken Momenten des Stückes) Individualität, Demokratie, Widerstand, Verweigerung.

    Eine faszinierende Seins-Haltung, die nicht in eine Schublade passt, es sei denn, man erschafft eine dafür: Haas-Welt, Hader-Welt. Eine Welt, die einem keine schönen Augen, macht, die keinem nach dem Mund redet, antifaschistisch genauso wie antiroyalistisch, eine Welt voller Missmut. Dazu kommt Krankheit, eine kaputte Welt. Diese gestandenen Männer müssen ständig Pillen schlucken (und wegen der darauf folgenden Schmerzen, schlagen sie die Köpfe heftig gegen Wände oder Spinde). Und selbst wenn sie sich ins Gehirn scheißen, so treffen sie nicht vollständig und können der Welt weiterhin ihre Befindlichkeit mitteilen.

    Die unangenehme Angelegenheit mit der alten Leiche und den darauf folgenden neuen Leichen kommt ins Rollen, weil Brenner vollkommen abgerissen ist, fertig. Auf dem Arbeitsamt heißt es „Sie sind a U-Boot, da müssen wir Mindestsicherung beantragen“. In dieser Aussichtslosigkeit besinnt sich Brenner, dass er in Graz ein Häuschen besitzt. Das ist in einem Zustand nicht weniger fertig als er und der Nachbar hat Mühe den früheren Nachbarn überhaupt wiederzuerkennen. Der Zahn der Zeit.

    In der Not sucht mann seine früheren Freunde, was immer auch sie heute noch verbinden mag. Köck hockt in seinem Antiquitätenladen und kann auch nicht helfen. So bleibt Aschenbrenner. Der ist im Polizeidienst.

    Murnberger bringt diese Figuren mit ihren unwegsamen Alpenländer-Gesichtern wunderbar zur Geltung, gönnt ihnen viel inneren Monolog, wobei der geäußerte Monolog diesem in nichts nachsteht. Moretti spielt als Polizeimann eine gesellschaftlich integrierte Figur, äußerlich angepasst, wenn auch mit einem etwas zu schnittigen, schwarzen Sportwagen, das Äußere ist bei ihm nur die Kehrseite der Negativmedaille, die Brenner so geradeheraus darstellt. Die wirkt sich bei Aschenbrenner als eine Selbstverständlichkeit im Einsatz von Korruption aus, wie sie ihresgleichen sucht und vermutlich nicht gerade untypisch für österreichische Strahlemänner sein dürfte – Moretti spielt das großartig ernsthaft; die Kamera von Peter von Haller fängt das unverbogen ein.

    Die Trotzkultur österreichischer Selbstbehauptung. Erst behauptet Brenner, das System sei am Ende. Zum Beweis seiner Theorie fertigt er für sein Motorrad eigens ein Nummernschild aus Pappe, wenn doch das System eh am Ende ist. Der Kapitalismus ist am Ende; was will man sich da noch Ziele setzen, erst recht, wenn retrograde Amnesie diagnostiziert wird wie bei Brenner; immerhin, daran erinnert er sich „I war mal bei der Polizei, wenn i mi umbring, dann haut das hin“.

    Ungewöhnliches Requisit: die Brille von Köck: zum Abnehmen der Brille, trennt sie sich in zwei Teile, rechtes Glas nach rechts, linkes Glas nach links, am Hals mit einer Schnur verbunden. So muss man mal auf die Welt schauen. Und bedenken, was auf diese Art mit einer Weltsicht passieren kann. Und doch Amnesie: „Jugoslawien gibt’s nimmer, des ist zerfallen, Herr Brenner!“.

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    Eigentlich sollte es nur um eine geschäftliche Vergrößerung gehen. Daraus ist ein höchst „heftiges“ Jahr geworden.

    Mit einem Kino der Verhaltenheit und der Unaufdringlichkeit erzählt uns J. C. Chandor in bester amerikanischer Ostküstenmanier die Geschichte des anständigen Ölhändlers Abel Morales. Um den Erwerb eines Geländes mit Öltanks im Sinne der Expansion seines Unternehmens „Standard Heating Oil“ zu finanzieren, gerät er in einen Schuldenstrudel. Er muss innert 30 Tagen nach der Anzahlung von 100’000 Dollar noch eineinhalb Millionen auftreiben. Falls nicht, erhält er das Gelände nicht und die Anzahlung verbleibt beim Verkäufer, einer Gruppe erzkonservativer Juden mit langen Bärten.

    Erschwerend kommt 1981 hinzu, dass in dieser Zeit Ölmangel herrschte. Der Ölhandel ist in New York auf mehrere Distributeure aufgeteilt. Ständig werden Tanklastwagen geklaut.

    Weiter erschwerend kommt für den untadeligen Morales hinzu, dass der Staatsanwalt eine Anklage gegen ihn vorbereitet. Wobei Morales sich sicher ist, sich nichts vorzuwerfen zu haben, denn er hat sich an die Usancen der Branche gehalten. Leider sind die alles andere als gesetzeskonform.

    J.C. Chandor, der schon mit All is lost und Der große Crash – Margin Call beeindruckte, hat seine Story sorgfältig zusammengebaut. Oberste Maxime scheint ihm die Glaubwürdigkeit zu sein.

    So inszeniert er auch die Schauspieler. Die hören erst zu, bevor sie etwas sagen, die denken erst, bevor sie handeln. Und was sie sagen, bringt die Handlung vorwärts. Dadurch gewinnen die Figuren glaubwürdige Präsenz, faszinieren.

    Oscar Isaac als Abel Morales, ein Mann mit Benimm und Pli, mit einer aufrichtigen Attitüde, stolzer Familienvater dazu und mit einer Frau beglückt, um die man ihn beneidet, Jessica Chastain als Anna Morales, die nicht nur fantastisch aussieht und spielt, die auch einiges drauf hat, was die Buchhaltung betrifft. Albert Brooks ist Andrew Walsh, sein Geschäftspartner. Morales braucht seine zwei Sidekicks. Er selbst ist nicht nur gutaussehend, er ist auch der charismatische Repräsentant und Boss seiner Firma und ohne den häufig bei amerikanischen Schauspielern zu beobachtenden Körperkult. Er kann einfach auch nur dastehen in seinem feinen Wollmantel (sieht nach Brioni aus wie einsten bei Kanzler Schröder) und sieht darin leinwandfüllend unverschämt gut aus. Und wenn ihm alle Felle davonschwimmen, so bleibt er erst mal cool, innerlich cool, nicht so eine gespielte Coolness.

    Diese kleine Gruppe von Menschen muss nun zurecht kommen mit den widrigen Umständen, mit dem Staatsanwalt, der die Bedürfnisse der Menschen und die gelegentlichen Widersprüche zu den Gesetzen durchaus kennt, mit anderen potentiellen Darlehensgebern, mit dem Konkurrenten Peter, aber auch mit der Mutter des Fahrers Julian, der bei seinem zweiten Überfall die Nerven verloren hat.

    Bildtechnisch schafft Chandor in jeder Situation eine betörende Atmosphäre, er sieht immer das Fotogene. Mal sieht man den kalten Atem, mal eine schöne Skyline von New York, mal rennt Abel nachts barfuß im Pyjama durch den Schnee einem Typen nach, der um sein schickes Haus herumschleicht.

    Die musikalische Untermalung hält sich diskret zurück, sie gibt als Hilfsakkord der Stimmung die nötige Vibration, macht sich selbst nie wichtig, wie sich hier sowieso keiner wichtig macht, wie die Sache, die Geschichte das Größte scheint für alle Beteiligten, was sie so zur großen Kinogeschichte macht.

    Chandor schaut ganz genau hin, geht bedächtig vor, lässt den Zuschauer in die Stimmung hineinkommen. Erst joggt Abel ganz lange durch New York.

    Thrilling: 1981 gab es noch kein GPS für LKWs.

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    Gedacht ist dieser Film von Benoît Jacquot, der mit Julen Boivent auch das Drehbuch geschrieben hat, dahingehend, dass zwischen zwei Schwestern und einem Mann sich ein wahrhaft archaisches Drama entwickelt, es geht um die Schwester zweiter Wahl.

    Ein Mann zwischen zwei Schwestern. Das Unglück oder die Autoren wollen es, dass der Mann, es ist Benoît Poelvoorde als Finanzbeamter Marc, wegen eines verpassten Zuges Sylvie, Charlotte Gainsbourg, kennenlernt. Es muss sich, so ist aus der Entwicklung des Filmes und leider nicht aus der Inszenierung (oder auch der Besetzung) zu schließen, um einen Coup de Foudre, Liebe, die wie ein Blitz einschlägt, handeln.

    Dummerweise verpassen sich die beiden am nächsten Tag, sie haben weder Telefonnummern noch Visitenkarten getauscht. Schicksalshaft verloren. Aber die Drehbuchautoren geben nicht auf. Sie schicken die Schwester von Sylvie, Sophie, Chiara Mastroianni, auf dem Steueramt vorbei. Das Echo auf, der Ersatz für den Coup de Foudre, wenn auch deutlich abgeschwächt, passiert dem ahnungslosen Lover Marc.

    Die Drehbuchautoren lassen diese langweilige Liebe zwischen einem Steuerbeamten und einer Antiquitätenhändlerin Sophie (der Schwester von Sylvie) hin zur Hochzeit und dann zur Geburt des Sohnes Hector entwickeln und halten Sylvie aus der Story heraus. Stattdessen wird viel geraucht, gegessen. Catherine Deneuve hat diverse Haushalts-Auftritte als die Mutter der beiden Töchter, auch mal als Schwenkfutter im Hintergrund. Sie wohnt in einer feinen Villa.

    Es bleibt dem Zuschauer genügend Zeit, zu fragen, was das alles soll, weil es doch irgendwie hakt und hakelt. Sei es die Besetzung von Poelvoorde, der eher einen Pferdehändler abgibt als einen Finanzbeamten, der oft schwer schnauft und der auch noch einem Steuerbetrug des Bürgermeisters, der ihn doch getraut hat, auf die Spur kommt. Oft schneidet er knautschige Grimassen. Rauchen tut er wie die meisten anderen auch. Er schaut ein mit roten Wellen gefärbtes Feuerzeug oft versonnen an. Es ist das der Schwester seiner Ehefrau Sophie, das von Sylvie. Diese hat sich, nachdem sie gemerkt hat, wer der Gatte von Sophie ist, bis nach Minneapolis zurückgezogen mit einem farblosen Typen, noch farbloser als ein Finanzbeamter.

    Die Musik lässt keine Gelegenheit aus, großes, schicksalshaftes Drama zu behaupten. So bleibt denn den Autoren nichts anderes übrig, als die beiden Liebesvulkane, als welche wir sie bittschön denken sollen, wieder räumlich in die Nähe zu rücken, ins Haus der Mutter der beiden Töchter. Sie sind wie zwei Magnete. Sie können einander nicht aus dem Weg gehen. Es ergeben sich immer wieder Gelegenheiten, sei es in einem Schlafzimmer oder in einer naturmystischen Höhle, im Wald, über dem Abgrund oder bei einer besinnungslosen Fahrt im Auto. Und die Gattin-Schwester darf doch nichts merken.

    Gleichzeitig spitzt sich die Aufdeckung des Steuerbetrugs des Bürgermeisters zu. Marc zieht das strikt durch. Ihm ist oft nach herzinfarktfördernder Hyperventilation.

    So bleibt das Problem, dass die Inzenierung wie theoretisch daherkommt, dass sie auf psychologisch-empirischen Realismus verzichtet; wodurch es dem Zuschauer schwerfällt, sich zu engagieren, sich hineinziehen zu lassen in den Sog der hypothetischen Macht der Geschichte. Weil es aussieht, als sei nicht klar, was Poelvoorde mehr zu schaffen macht, die Position zwischen seinen Spielpartnerinnen, den beiden Prominententöchtern Gainsbourg und Mastroianni, oder die prokrusteshafte Aufgabe, aus seinem Typ einen trockenen Finanzbeamten zu performen. Seine Lösung: schwer atmen. Vielleicht auch das Problem, Verliebtheit in eine so abgeklärte Darstellerin wie die Gainsbourg zu spielen. Wobei auch das Alter aller Darsteller eine Rolle spielt: kann einen die Liebe mit 40 oder 50 überhaupt noch so total erwischen? Und sähe sie dann wirklich so aus, so nach gar nichts, wie hier dargestellt?

    Immerhin: einen Hinweis auf die vom Zuschauer zu leistende Fantasiearbeit der Vorstellung des wilden Liebeslebens von Marc und Sylvie bietet ihre kleine, mehrtägige Eskapade; sie wird lediglich mit einer langen Blutrotsonnenaufgangsszene, einem Voice-Over-Text und einer Flugzeuglandung in den Film hineinmontiert.

    Die Konzentrationsanforderung des Filmes ist nicht so groß, dass im Hirn des Zuschauers nicht noch Platz bliebe für kleine Abschweifungen, zum Beispiel zur Frühzeit der Deneuve. Sie hatte auch eine Schwester, Francoise Dorléac. In „Die Mädchen von Rochefort“ spielten sie zusammen. Mich hat Francoise viel mehr fasziniert als Catherine. Francoise ist bald nach jenem Film bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Diese reale, biographische Geschichte scheint dräuend über diesem Film zu schweben als Symbol wahrer Schicksalsmacht.

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    Eine sanfte Dokumentation. Würdigung und Hommage an den Universalphilosophen und Landwirt, den bald 80-jährigen Niels Stockholm, der mit anderen Enthusiasten hochreflektiert den Thorshojgaard-Hof in Dänemark nach biodynamischen Einsichten bewirtschaftet und dort unter anderem eine alte dänische Rinderrasse gemäß seiner Philosophie züchtet, hegt und pflegt. Als Referenzen für seine Philosophie gibt es im Film Hinweise auf Rudolf Steiner und Martin Pfeiffer.

    Der Film betört mit hinreißenden Aufnahmen von diesem Hof, den Rindern, die einen glücklichen und befreiten Eindruck machen, ebenso sind die Schafe, Schweine, Geflügel und auch Würmer von elementarer Bedeutung.

    Bei fast schwärmerischer Hingabe an sein Objekt nimmt der Film doch einen Verlauf, bei dem das Böse nicht ausgespart wird. Einmal erzählt Niels eine Geschichte, wie er wegen der Weihnachtsfeiern bei den Schwägerinnen, bei denen man pünktlich eintreffen müsse, gehetzt noch die Kühe reinholen wollte; die haben gemerkt, dass etwas nicht stimmt mit ihm, sein Mitarbeiter wollte ihn noch warnen, aber da hatte der Stier ihn schon umgeworfen und schwer verletzt. Der Stier musste dafür büssen, wurde noch eine Woche zwecks des Abschieds in einen Stall verbracht und dann geschlachtet.

    Ein Drama, was sich im Laufe dieser sensiblen Dokumentation von Phie Ambo direkt enwickelt, ist das der Auseinandersetzung mit dem Staat. Es steht auf der Kippe, dass Niels die Tierhaltung verboten wird und er seine 124 Kühe schlachten oder weggeben muss. Die Vorladung vor Gericht ist eine Folge unangekündigter Kontrollen der Lebensmittelbehörden und da sich Tierschutzgesetze nicht unbedingt nach den Ansprüchen artgerechter biodynamischer Tierhaltung richten, ist es für die Behörden ein Leichtes, Vorwände zum Einschreiten zu finden.

    Die Absurdität dieser Vorhaltungen wird besonders deutlich anhand der Tatsache, dass der Betreiber des Spitzenrestaurants Noma mit den Produkten von Niels bei Leuten wie der dänischen Königin bis hin zur Weltprominenz Furore macht. Vielleicht hatte der Richter auch mal Käse oder Fleisch vom Thorshojgaard-Hof genossen und deshalb ein Einsehen. Er lässt es bei eine Busse bewenden. So dass einem Happy-End nichts mehr im Wege steht.

    Wobei Niels darauf besteht, dass es sich hier nicht um ein Ending, sondern um einen Anfang auf einem ganz langen Wege handle. Er selbst ist mit seiner Frische, seiner Beweglichkeit, seiner geistigen Wachheit und seinem Weitblick der beste Beweis für eine nachhaltige Lebensführung. Seine Defizite beim geschäftlichen Denken dürften dank einem Vorschlag des Kochs aus Kopenhagen bald kompensiert werden. Denn das ist auch sichtbar geworden, so ein richtiges Geschäft ist sein Hof nicht, der als Stiftung aufgestellt ist. Es reiche für den laufenden Bedarf, aber Gebäuderenovationen liegen nicht drin.

    Darin unterscheidet sich das biodynamische Denken vom rein biologischen Anbau, wie Prinz Charles ihn betreibt. In Der Bauer und sein Prinz sagt Charles ganz klar, dass er mit seinem Hof ein Geschäft machen will, dass er sich rentieren muss und verweist auf einen biodynamischen Nachbarn. Insofern kann dieser Film als eine fruchtbare Ergänzung, sogar als sich steigernde Fortsetzung zu jenem Film von Bertram Verhaag gesehen werden.

    Die Behauptung, dass die Menschheit ohne Chemie sich nicht mehr ernähren könne, sei eine reine Propagandaerfindung der chemischen Industrie, meint Niels.

    Niels Stockholms Motto: warum sich Sorgen für morgen machen, der heutige Tag hält eh schon Plagen genug bereit. So hat Jesus zu Martha gesprochen.

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    Bei Familie Peterson kriselts. Die Petersons, das sind Jennifer Lopez als Claire, John Corbett als ihr Ehemann Garrett und Ian Nelson als ihr pubertierender Sohn Kevin. Garrett hat den Stunk in die Familie gebracht, indem er bei Geschäftsausflügen nach San Francisco die Finger nicht von der Sekretärin lassen konnte. Claire ist die treue, prinzipiell prüde Seele in Person. Sie lässt den fremdgängerischen Gatten nicht mehr bei sich wohnen. Sie unterrichtet an der örtlichen High-School Literatur.

    Eines Tages klemmt die Garagentür bei Petersons. Mutter und Sohn sind gerade bei linkischen Behebungsversuchen, da schaut ihr Nachbar vorbei. Ein alter Mann im Rollstuhl. Er hat seinen Neffen dabei. Ein junger Mann wie ein griechischer Gott. Es ist Ryan Guzman als Noah Sandborn. Dafür, dass er noch aufs College gehe, wirkt er allerdings etwas zu reif.

    Noah weiß um seine Schönheit und versteht auch, diese kamerpräsentabel zu zeigen. Er ist ein offener, zugänglicher Mensch, der sofort den Draht zu anderen Menschen entwickeln kann, sowohl zu Kevin als auch zu Claire. Man kommt schnell ins Gespräch. Mit Claire verbindet ihn sein Interesse an der Literatur. Er schwärmt von Homer, von der Odyssee. Und, schau da, er wird an dasselbe College gehen, an dem Claire unterrichtet und welches auch Kevin besucht.

    Es gibt jetzt einen unentschiedenen Moment im Film, bei dem klar ist, dass Noah seine Nachbarn anmacht, auch der Bub bekommt einen freundschaftlichen Klaps, sehr bewusst von der Kamera als Körperkontakt eingefangen. Kurz rast die Erinnerung des Zuschauers an Pasolinis “Teorema” durch den Kopf. Ein junger Gott, der eine ganze Familie erotisch aufmischt. Aber halt, wir sind nicht im blühenden Italien der 70er, wir sind im dystopischen Amerika der 2010er Jahre.

    Der Film scheint sich jetzt dafür zu entscheiden, eine Entwicklung in Richtung des Genres „Hausfrauenreport“ einzuschlagen. Claire beobachtet von ihrem Schlafzimmerfenster aus Noah, wie er sich duscht, ein Adonis wie er im Buche steht, ein David von Michelangelo, wie er sich in seinem männlich ausgestellten Body wohl fühlt im ersten Stock seines Onkels bei offenen Vorhängen. Er lässt sich von Claire mit Unschuldsmiene ertappen.

    Lange dauert es nicht, bis Claire sich von ihm verführen lässt (das in der Mikrowelle nur halb auftauen wollende Huhn ist der Köder an der Angel von Noah; Schmonzettenniveau). Mikrowellenaufgewärmte Liebesszene. Claire lässt es zu, kommentiert aber gleich, das sei nicht richtig und nicht rechtens. Und der geneigte Zuschauer fragt sich, wo dieser Film wohl hinauslaufen will. Was er uns überhaupt erzählen will.

    Claire sträubt sich vorerst gegen eine Fortsetzung des Verhältnisses, während sich bei Noah zusehends Verhaltensweisen zeigen, die nicht dem entsprechen, als was er sich eingeführt und vorgestellt hat und was man ihm, der kein Wässerchen trüben kann, auch gar nicht geben würde. Aber so recht klar ist immer noch nicht, worum es in dem Film denn nun gehen soll. Erst in den letzten 20 Minuten gibt der Film uns sein Geheimnis preis, indem er nämlich zum trashigen Horrorfilm mutiert.

    Rob Cohen führt eine straffe, temporeiche, theateraffine Regie mit einem überwiegend gesichtsmutierten Ensemble; kann aber die Grundmängel des Drehbuchs von Barba Curry, nämlich Unklarheiten beim Storrytelling, worauf wird der Zuschauer angespitzt, welche Erwartungshaltung wird in ihm aufgebaut und wo führt das hin, nicht beheben. Statt dass Erzählenswertes passiert, wird die simple Moral bildreich breitgetreten, dass es sich für eine Literaturlehrerin, die verheiratet ist und selbst wenn ihr Mann fremd geht, nicht gehört, sich von einem jungen, gut aussehenden Mann, noch einem Schüler dazu, verführen zu lassen. Aus die Maus.

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    Das Portrait einer jungen Frau, Shailene Woodley als Tris, mit einem enormen Mutterkonflikt (bis hin zum – imaginierten? – Muttermord) und Mutterloslösungsproblem, das zur Bebilderung die wildesten Actionelemente und Computeranimationen verlangt, von futuristisch viral-realen Schnüren an denen sie wie im Labor schwebt (zwecks Simulations-Tests und auch den Kampf gegen sich selbst austrägt) bis zu Kämpfen mit harten Bandagen und allen Mitteln von der Kettensäge über den Hammer bis zu Maschinengewehren und im Dauerstress virtueller Effekte und realer Verfolger; Durchdringung von Raum und Zeit und Psyche und Interaktion derselben.

    Woodley ist vom Typ her nicht einer der üblichen Filmstars. Sie hat etwas Introvertiertes, etwas Leidendes, etwas Versonnenes aber genauso etwas Kämpferisches, gleichzeitig sieht sie meist recht mitgenommen aus. Und selbstverständlich reichern die Autoren Brian Duffiel, Akiva Goldsman, Mark Bomback, die sich auf eine Geschichte von Veronica Roth berufen, dieses Portrait mit einer Liebesgeschichte an, ein wunderhübscher, markanter, viriler junger Mann wie aus der Rasierwasserwerbung, Theo James als Four ist zu ihrem Lover und Mitstreiter ausersehen.

    Vordergründig gibt es eine Story, die als Vorwand dient für dieses emphatische Gemälde einer jungen Frau im Clinch mit sich selber, mit der eigenen Geschichte und mit den erstarrten Machtstrukturen eines eingemauerten Ruinen-Chicagos, dessen Machthaberin Jeanine und ihrer brutalen Truppen.

    Robert Schwentke inszeniert die Geschichte mit straffem Zugriff ganz präzise, auf Action folgen Dialoge. Diese treiben die Handlung auf die nächste Stufe, sind als große Oper, großes Staatstheater nach Aufzügen meist als Stehparties inszeniert, die sich ganz auf die Argumente konzentrieren, die die nächsten, ausgiebigen Kämpfereien vorbereiten.

    Gleichzeitig wirkt das Kino des Robert Schwentke kraftvoll physisch plastisch, nicht wegen 3D sondern durch die Herstellung von Räumlichkeit mit dem Licht und der Choreographie der Gegenstände und der klassischen Kamerapositionen sowie kraftvoller Performance der Akteure. Dazu braucht es kein 3D. Es ist einmal mehr vollkommen überflüssig. Bei schnellen Kamerafahrten oder schnellen Schnitten zu kontrastierenden Positionen verschliert der 3D-Effekt sogar, bringt Minderqualität in den Sehvorgang.

    Die kühle blonde Jeanine ist hinter Tris und Four her, weil sie sie zur Entschlüsselung einer geheimnisvollen Box zu brauchen glaubt, denn nur sie haben Verbindungen zu den verschiedenen Fraktionen. Vom Geheimnis der Box hängt die Zukunft des eingemauerten Chicagos ab.

    Die Moral von der Geschichte: für eine gute Welt und für die Freiheit müssen wir zusammenhalten und kämpfen, sowohl Tris und Four als auch die verschiedenen Fraktionen; denn das Ziel dieses existentiellen Kampfes ist Humanität.

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    Dieser Film ist ein Widerspruch in sich. Der Zusatz zum Titel heißt: „sehr frei nach Schiller“. Die Schlussfolgerung des Filmes lautet, dass es Freiheit nicht gibt, dass er (Karl Moor) nur das Gefängnis gewechselt habe. Insofern ist dieser Film ein geistiges Klumpfuß-Produkt, das sich auf eine negierte Freiheit beruft.

    Diese Nicht-Freiheit sieht nicht sonderlich attraktiv aus, mal abgesehen von Maximilian Schell, dem schon sehr alten und vielleicht in seiner Rollenauswahl auch nicht mehr so freien Weltstar. Der ist auch kurz vorm Grab noch eine Show an Präsenz und Setzung (von Gesten und Timing, von Sprache); bei ihm könnte man durchaus nachfragen, ob seine Darstellung nicht etwas mit (gekonnter!) künstlerischer Freiheit zu tun hat.

    Es handelt sich auch um ein Funktionärskino, denn Frank Hoffmann ist ein Festspieltheaterintendant und auch ein Theaterregisseur, also filmfremd und in Funktionärsposition. Offenbar konnte Hoffmann, der mit Erick Malabry das Drehbuch geschrieben und mit Pol Cruchten die Regie geführt hat, über eine seiner Funktionen Maximilian Schell für die Rolle des alten Moor gewinnen. Mit so einem Aushängeschild dürften die verschiedenen Funktionäre vom Fernsehen und der Filmförderer gewonnen worden sein, denn aufgrund vom Drehbuch kann ich mir ein „gut zum Dreh“ schwer vorstellen; das Buch ist eher notleidend zu nennen.

    Es kommen darin Weisheiten vor wie, „Ich mach die Tür zu Schatz“ und „hör auf an dem Brot zu kanbbern“ oder „mit einem Hunderter ein Busticket zu kaufen wäre komisch“, „Wie kann man nur am frühen Morgen joggen, und das auch noch sonntags“; „ich muss gegen dich kämpfen, um frei zu sein“ „ich habe keinen Vater“, „ich habe die Freiheit gesucht“ und dann das Fazit, dass es keine Freiheit gebe.

    Diese und viele andere Sätze lassen mehr auf Konfusion im Hirn der Autoren, denn auf Freiheit oder strenges Regelwerk, stringentes Denken schließen. Dass es keine Regeln gebe, dass es nichts zu lernen gebe, dass nur der eigene Instinkt zählt. „Ich brauche eine Dusche und saubere Kleidung, ich habe Geld“. Was solche Sätze mit dem Schillerschen Freiheitsgedanken, resp. mit dessen Negation zu haben, bleibt rätselhaft, wirkt willkürlich.

    Aus dem idealistischen Schiller-Stück sind primär die Familiennamen und die Familie geblieben. Die Moors sind jetzt Banker. Karl saß im Knast, der Bruder Franz flirtet mit einer anderen Bank und betreibt Geldwäsche, was man in Luxembourg unter Banking versteht – der Film ist eine luxembourgisch-belgisch-deutsche Koproduktion.

    Was Herr Hoffmann mit diesem Werk uns, das er so unfrei frei gestaltet hat, mitteilen will, außer, dass es keine Freiheit gebe, das können uns vielleicht die Förderer, die in Ruhe das Buch studieren konnten, erklären. Fragen an Dr. Thomas Bellut vom ZDF und Véronique Cayla von arte oder an Petra Müller, die Geschäftsführerin der Film – und Medienstiftung NRW oder an Monika Grütters vom DFFF.

    Die Grafiken zu den Titeln und dem Abspann wirken wie die Werbung für eine Akten-Schredder-Maschine.

    Bemerkenswert auch, wie die Männer immer wieder Amalia, die Moor-Tochter, antouchen und anlangen und angreifen, wie ein Stück Holz; dabei scheint sie lediglich Pech gehabt zu haben mit ihren Schauspiellehrern.

    Dass es ums Theater geht, zeigt der Theaterdonner, mit dem die beiden Pistolenschüsse diese geistig unfreie Angelegenheit durchbrechen und akkustisch mit Ausrufezeichen versehen.

    Vermutlich ein Pfründen- und Abschreibprojekt zu Lasten der Gebührenzahler, eine weitere, bizarre Kino-Ausgeburt aus dem Filmsubventionsland zur direkten Ablage im Archiv unter „im Kino nicht lebensfähige Kuriositäten als Produkte des deutschen Filmfördersystems“; fällt besonders auf, weil Schell mit von der Partie ist und die Erinnerung daran bringt, was Kino leisten könnte – wenn es es denn könnte. Hier hat ein falscher Guru lediglich abkassiert.

    Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

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    Hellwacher, packender Justizthriller aus Äthiopien und ein Agit-Prop-Film für die äthiopische Anwältinnenvereinigung „Adenet“ dazu.

    Es geht, ähnlich wie in Selma darum, bestehendes, modernes Recht auch faktisch durchzusetzen gegen Jahrhunderte-, vielleicht Jahrtausende lang verinnerlichtes und praktiziertes patriarchalisches Macho- und Stammesrecht mit der entsprechenden Verachtung für die Frauen, welches sich bis tief in die moderne Justizverwaltung erhält, insofern als sie Mühe hat, ihr modernes Recht gegen das alte auch durchzusetzen.

    Die beiden Rechtsvorstellungen sind kaum dialogfähig. In diese Ödzone will die Anwältinnenvereinigung „Adenet“, die finanziell aus dem Ausland unterstützt wird, hineinpreschen.

    Der Fall Hirut kommt Adenet gelegen. Hirut, Tizita Hagere, eine beeindruckende Schönheit und Persönlichkeit von Mädchen, ist 14, wohnt mit ihren Eltern und Geschwistern auf dem rückständigen Lande, aber sie darf und will zur Schule gehen. Sie wird von ihrem künftigen Mann auf dem Nachhauseweg entführt. Das entspricht der Tradition. Der Mann verfolgt sie mit seinen Freunden hoch zu Pferd. Sie fangen das Mädchen ein und verschleppen es in eine einsame Hütte, wo ihr Künftiger sich über sie her macht und sie entjungfert, wie ein Stück Fleisch.

    Einen Traditionsbruch hat sich dieser junge Mann geleistet. Er hat das Mädel entgegen dem Willen des Vaters geraubt. Normal ist das Einverständnis und die vorherige Absprache. Aber der Vater von Hirut wusste, dass es mit ihr Schwierigkeiten geben könnte und war nicht einverstanden.

    Mit einer kleinen Szene in der Schule werden Charakter und Potential von Hirut vorgestellt, womit der Geschichte die Spannnung verliehen wird. Sie wird sich aus der Hütte befreien mitsamt dem Gewehr, das ihr Künftiger darin abgestellt hat. Und sie wird ihn erschießen.

    Dieser Vorgang bildet den justiziablen Kasus des Filmes, der in schnellen, ökonomisch hergestellten Szenen aus allen Richtungen beleuchtet wird, von den Vorgängen in der örtlichen Polizeistation über die traditionelle Versammlung der Männer des Dorfes unter einem Baum außerhalb unter der Leitung des Dorfältesten, eindrücklich wie sie ihre Pferde für den Weg dorthin schmücken, bis zur Anklage gegen den Justizinister. Wie das Dorf und die Tradition des Mädchens habhaft werden wollen, wie Adenet auf den Fall aufmerksam wird. Und wie sich die Organisation mit ihren beiden bemerkenswerten Protagonistinnen Schritt für Schritt durch die ständig neuen Hindernisse, die das Traditionelle vor ihnen aufhäuft, durchkämpfen. Bis es zu einem Justizcountdown in bester amerikanischer Kinotradition kommt.

    Der Film entlässt einen mit einem optimistischen Gefühl, denn das sind Sinn und Möglichkeit des Rechtes, dass es sich seinen Weg bahnt; aber es braucht beherzte Menschen, die diesen Weg durchsetzen.

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    Die Macht der Ungerechtigkeit in einem Rechtsstaat mit Verfassung, Gesetzen und Organen.

    Mit Bildern von der Natur und der Macht der Natur fängt Andrey Zvyagintsev, der mit Oleg Negin auch das Drehbuch geschrieben hat, sein episches Erzählkino an.

    Die Macht der Ungerechtigkeit wird das Leben von Kolya und seiner kleinen Familie, bestehend aus Frau Lilya und Sohn Roman, der gerade in der Pubertät steckt, brutal zerstören. Er ist ein einfacher Handwerker und wohnt mit seiner Familie in einem Haus am See. Sie haben ein Boot, Kolya hat Werkstätten. Lilya arbeitet in einer Fischfabrik.

    Der Filmemacher verzichtet allerdings darauf, erst die intakte, perfekte Familie zu schildern, wie Hollywood es machen würde (zuletzt in Cinderella). Der Arm des Gesetzes (dahinter der Bürgermeister) hat seine Pranke bereits auf die Familie und vor allem auf den inzwischen begehrten Grund und Boden geworfen. Ein Enteignungsverfahren ist im Gange.

    Kolya holt einen befreundeten Anwalt aus Moskau am Bahnhof ab. So fängt der Film an. Er lässt sich Zeit. Gerade für den Westler wichtig, sich in die russische Dimension von Zeit und Sein einzulassen.

    Dimitri heißt der Anwalt, ist gutaussehend und eher vorsichtig mit einem allzu forschen Vorgehen bei Gericht. Bald schon kommt die erste Gerichtsszene. Die macht brutal klar, wie Gesetze, die im Sinne der Gerechtigkeit erfunden worden sind, in ihrer Funktion zur Ungerechtigkeit umgemünzt werden können. Das ist ein Meisterstück an Monolog allein, wie die Richterin alle Paragraphen und Vorgänge, wie Kolya sich gegen die Enteignung wehrt und der Fall zwischen den Gerichten hin und hergeschoben wurde, runterrasselt. Sonst macht keiner Papp im Saal, auch nicht der Anwalt. Keine Chance gegen dermaßen verfugtes (Un)Recht.

    Dimitri hat belastendes Material über den Bürgermeister gesammelt; was diesem nicht gelegen kommen kann, da im nächsten Jahr Wahlen anstehen. Der leistet sich am Tag nach der Urteilsverkündung gegen Kolya einen peinlichen, betrunkenen Auftritt auf dessen Anwesen. Diesen wiederum will Dimitri vor Gericht gegen ihn verwenden.

    Aber der Film ist pessimistisch und hat auch noch andere Überraschungen gegen Kolya parat. Die Anzeige wird nicht angenommen, weil keiner zuständig oder da ist, Kolya wird gleich eingebuchtet, immerhin schafft Dimitri es, dank dem Material gegen den Bürgermeister, Kolya wieder rauszuholen.

    Inzwischen war Dimitri in seinem Hotelzimmer mit Lilya, der Frau von Kolya, intim zugange. Jetzt fügt der Filmemacher als Intermezzo in dem zwei spannende Stunden und zwanzig Minuten langen Film, einen Ausflug zu einem Bergsee mit Freunden ein, mit Fischen, Picknick, Schießen; hier fliegt die Affäre von Lily mit Dimitri, die sich nicht zurückhalten können, auf, versorgt die Story mit dem nötigen Schub für den zweiten Teil.

    Somit ist die Voraussetzung geschaffen für den zweiten Akt des Dramas, das nun mit archaischer Naturgewalt über Kolya einbricht und ihn und sein Leben definitiv in den Ruin treibt.

    Zvyagintsev erzählt seine Geschichte in gezielt ausgewählten Szenen, die er ausdauernd spielen lässt und gründlich gearbeitet hat. So gewinnen die Charaktere bannende Leinwandintensität und -glaubwürdigkeit. Der Poltertyp von Bürgermeister, der nur nach dem Prinzip Seilschaft lebt, dem das Recht zu Diensten zu sein hat und nicht umgekehrt, dem aber kurzfristig ganz anders wird, wie er vom Anwalt mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

    Zwei Heilmittel scheint es in Russland gegen das Übel der Menschen, gegen die Gerechtigkeit, die sich so ungerecht gebärdet, zu geben: der Alkohol und die Kirche. Auch das wird in ausgewählten Szenen deutlich.

    Andererseits hat diese Konsequenz der Macht des Schicksals für den Zuschauer auch zur Folge, dass er sich schnell daran gewöhnt, sie als solche akzeptiert und er den weiteren Absturz von Kolya fast schon als folgerichtig oder wenigstens gleichmütig annimmt. Insofern kann der Film die russischen Behörden wohl kaum beunruhigen. Russische Seele, Tiefe und Schicksalsergebenheit spricht aus dieser großartigen Filmerzählung. Das Leviathan- und das HiobThema wird von einem Kirchenmann vorgebracht; auch der vertritt die Lehre, dass das Schicksal anzunehmen sei.

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