Die Krux solcher vielfältig international-westlich geförderter Dritte-Welt-Filme ist die, dass sie zwar auf ein Unrecht im einem abgelegenen Winkel der Welt aufmerksam machen, hier auf den Civil War zwischen 1996 und 2006 im Norden Nepals und an die Opfer erinnern, dass sie das aber so zahnlos tun, weil sie keinem weh tun wollen, ja, weil sie vermuten, der fördernde Europäer, hier sind es die Schweiz, Deutschland und Frankreich, möchte nur eines aus diesen Ländern sehen: wie armselig die Leute da leben und Folklore dazu, Hochzeiten, Beerdigungen, Feste, religiöse Zeremonien, altertümliche Speisenzubereitung.

    All das bekommt er und noch mehr geboten in diesem Film von Min Bahadur Bham. Nur eines nicht: keine Hintergründe, keine Einsicht in die Verwicklungen hinter so einem Zivilkrieg. Hier gibt es nur die bösen Maoisten, die Nepal infiltrieren, die junge Menschen aus den Dörfern zwingen, bei ihnen mitzumachen. Im Gegenzug taucht die Armee auf, lässt den Dorfladen schließen, weil er auch mit den Maoisten Handel getrieben habe.

    Was bleibt, ist eine niedliche Geschichte vom Jungen, Prakhash, der faszinierend alt und erstarrt wirkt. Er möchte eine Ausbildung machen, studieren. Aber man ist arm im Dorf. Also kauft er mit Hilfe seiner Schwester eine Henne. Mit dem Verkauf der Eier will er seine Ausbildung finanzieren. Er steckt mit seinem Freund Kiran zusammen.

    Doch der ungebildete Vater verkauft die Henne an den Großvater. Jetzt setzt Prakash alles daran, sie zurückkaufen zu können. Dazu sind mithilfe seines Freundes nicht ganz saubere Tricks vonnöten.

    Dabei bekommt man zu sehen, wie einfach diese Menschen gekleidet sind, was für eine Sensation eine Filmvorführung im Dorf ist, die tagelang vorher angepriesen wird, dass es nur ein öffentliches Wahlscheibentelefon gibt, das unter einem Vordach baumelt, dass die Häuser keine Elektrizität haben, die Schule nur aus Bänken besteht, dass die Kinder Seilziehen spielen, dass es eine öffentliche Waschgelegenheit gibt. Das alles ist pittoresk, erinnert in manchen Innenbildern an Bilder von Albert Anker, aber es gibt auch Einblick in das Kulturprogramm der Maoisten und einen grotesken Showauftritt von diesen und die Info, dass es Unberührbare gibt.

    Als Zugabe noch etwas Landschaft, eine schöne Hängebrücke, einen Tempel für den westlichen Kulturhunger und ein Zug von Menschen auf der Flucht mit Sack und Pack und Pferd statt dem mehrfach versprochenen Fest Dashain, dazu war das Förderbudget der reichen Europäer dann wohl doch zu knickrig; Hauptsache es reicht zur Beruhigung des schlechten Gewissens.

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    Was ist ein Mensch ohne Papiere? Nichts. Was ist ein Mensch ohne Geschichte? Nichts.

    Rabih Malek ist blind, hochbegabter Musiker, spielt, arrangiert und singt in Chor und Orchester der Blindenschule. Diese ist zu einer Konzertreise nach Europa eingeladen. Dazu bedarf es amtlicher Papiere. Der straff inszenierte Film von Vatche Boulghourjian spielt im Libanon.

    Rabih erfährt bei der Administration, dass sein Identitätsausweis gefälscht sei. Auf der Suche nach einer gültigen Geburtsurkunde, die für die Ausstellung eines Passes unerlässlich ist, fängt für Rabih eine Reise in seine eigene Geschichte an, vor allem in einer Geschichte von unendlich vielen Geschichten, denn sein Schicksal ist von viel Geheimnis umgeben und jeder erzählt etwas anderes, nachdem seine Mutter als erste ihm gestanden hat, dass er gar nicht ihr Kind sei. Und da sein Schicksal mit der endlosen Kriegerei im Nahen Osten zusammenhängt und da die Wahrheit das erste Opfer des Krieges ist, muss er nun versuchen aus diesen ins Kraut schießenden „Wahrheiten“ die eine, zutreffende herauszufinden.

    Es wird kompliziert für Rabih. Wie in einem Thriller lässt Vatche Boulghourjian ihn den Geschichten der eigenen Geschichte und damit der eigenen Identität nachforschen und hält die Schauspieler zu knappest möglicher Sprechweise an.

    Dabei zeichnet Boulghourjian das Bild eines teils bürgerlich eingerichteten Libanons mit arbeitenden Institutionen, eines zivilen Libanons mit Geschäftigkeit, Hochzeiten, Konzertausschnitten, Gebiete am Meer mit Salzgewinnungsanlagen, gepflegte kirchliche Anlagen, hügeliges Land, die Einfachheit „besserer“ Verhältnisse, durch das Leben gezeichnete Gesichter, das Bild eines Libanons, der nicht in Trümmern liegt.

    In Georges Diab hat Boulghourjian einen großartigen, bannenden Protagonisten gefunden, markantes Gesicht, hochkonzentriert, ohne jede Übertreibung spielend, außerdem musikalisch hochbegabt, er singt und spielt Instrumente und arrangiert auch Stücke neu. Imponierend auch, wie Diab ohne Stock sich bewegt, welche Sicherheit er hat und welche Selbständigkeit. Anrührend, wenn der kleine Tarek ihn führt.

    Die englische Unertitelung ist hervorragend gut lesbar.

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    Regisseur und Drehbuchautor Joao Salaviza hängt hier möglicherweise etwas romantisierend-nostalgisch dem Coming-of-Age nach, aber: portugiesisch-gefühlvoll-mild-schön.

    David ist bald 15, wie er sagt. Faktisch Straßenjunge. In der Schule war er lange nicht mehr. Er hängt ab mit seinem etwas älteren Freund Rafa und mit der etwa gleichaltrigen Paulinha, in die er sich bald verliebt. Mit Rafa klauen sie auch mal ein Motorrad.

    Das Milieu in dem Joao Salaviza seinen Film ansiedelt, dürfte nicht unbedingt ein sozial intaktes genannt werden, es ist jenes anonymer Hochhausvororte. Es ist auch nicht unbedingt ein intellektuelles oder gesprächsintensives zu nennen.

    Ein kleiner Plausch von David und Rafa an einem Brückengeländer, bei dem sie sich über eine Todesanzeige lustig machen, ist die sprudelnde Ausnahme. Die Tote haben sie nicht gekannt, mokieren sich über die lügenhaften Trauerworte des Todesanzeigentextes. Die Frau hat sich vom 8. Stock gestürzt. David hat sie eine Stunde später gesehen. Rafa möchte wissen, ob er es denn nicht gehört habe, wie sie aufgeprallt sei. Das versteht David grad gar nicht, wie denn auch.

    Sie hängen ab im Autoscooter. Oder sie hängen rum zuhause, spielen mit einer Katze, grad so, das Rumhängen wird subtil, tatenlos, ohne jede Übertreibung inszeniert. Der Regisseur horcht tief in die Atmosphäre des Coming-of-Age hinein, weiß, dass es nicht unbedingt, wie so oft in diesen Filmen, nur übertönende Hektik und Lautstärke sein muss; dass es durchaus ein Erwarten sein kann, als ob es von selber kommen müsse, was sich im Leben eben gerade ankündigt.

    Vielleicht hängt der Filmemacher auch etwas schönfärberisch diesem delikaten Zeitpunkt im Leben eines Menschen nach, versucht ihn in anderem Milieu, in filmergiebigem Milieu zu evozieren, auch mit dem Hauch einer verlorenen Welt, einer vergessenen Welt. Das ergibt diesen Reiz besonders malerischer Bilder. Aesthetik der Vernächlässigtheit, der Verlorenheit.

    Gleich zu Beginn des Filmes lenkt der Regisseur die Aufmerksamkeit auf die Sinnlichkeit mit einer langen Einstellung auf den malerisch auf einem Bett drapierten nackten Oberkörper von David, der nur da liegt, wachträumt, so schön hingemalt, wie Rubens seine Frauen, aber deutlich schlanker.

    Wiederum gibt es viele Szenen, in denen diese schier explodierende Sinnlichkeit überhaupt keine Rolle spielt. David hat ein Gespräch mit der Schulleiterin, der er auf Augenhöhe Paroli bietet, oder er wartet mit seiner Mutter, die offenbar in England wohnt, in der Klinik, denn dort liegt der Opa, unter dessen Obhut er bisher gelebt hat.

    Vater treibt sich irgendwo herum. Taucht einmal auf. Es gibt noch das kleine Schwesterchen Ema, das verläuft sich aber im Film nach ein paar lustigen kleinen Auftritten. Mama möchte so schnell wie möglich nach England zurück. Papa bietet David eine Zigarette an. Die wird er nach der Nacht, nach dem ersten Mal mit Paulinha, jetzt ganz Mann, reinziehen mit einem Anflug von Verachtung.

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    Beat-Generation in Kolumbien um 2015. In fotogenem Schwarz/Weiß. Langmütig erzählt. Ohne Hektik. Zusammen abhängen aus Liebesgründen. Einen Job haben. Kein Geld. Dann doch mal mit der Mutter telefonieren.

    Er ist ein gutaussehender junger Argentinier. Sie eine ebenso gut aussehende Kolumbianerin. Nicht, dass sie nur das gute Aussehen im Sinne hätten. Aber nach dem Sex soll er sich bittschön waschen, auch wenn der Wasserhahn wenig her gibt. Sie kann es ja machen. Beide nackt im Badezimmer. Ein Minimum an Hygiene soll sein. Auch mal ein frisches Hemd anziehen. Er hat nichts zum Wechseln. Das ist in der Reinigung beim Chinesen.

    Mit dem Chinesen kann man sich nach einer mauligen Auseinandersetzung, weil man den Abholzettel nicht finden kann, doch gut unterhalten über die Frauen. Die aus Paraguay findet er am besten. Seine Freundin ist in China.

    Der Argentinier und die Kolumbianerin haben, wenn sie nicht gerade Sex haben, Heckmeck. Sie ist ihm zu langsam, wenn sie durch leere Straßen mit den bunt und wild besprayten Wänden gehen. Er kaut ihr zu laut oder lässt die Musik zu laut laufen, wenn er sich nach dem Sex dem Computer zuwendet. Sie zertrümmert diesen. Kein Grund zur Trennung.

    Ein Aufenthaltsort ist eine Gründerzeit-Eisenbahnbrücke in Stahlkonstruktion, fotografisch so ergiebig wie sinnbildlich. Hier kann man sich unterhalten, ein Messer finden. Für so eines gibt es vielleicht Verwendung, wenn es schon in einen Film eingeführt wird.

    Sie kommt auf die Idee, noch eine Frau mitzunehmen aus der Disco. Diese stammt aus Uruguay. Wieder eine eigene Spezies von Frauen. Dreierversuch, der nicht in Minne endet. Das Messer ist schon ins Spiel gebracht. Es wird nicht ganz wie erwartet, verwendet werden.

    Man ist auch zum Scherzen aufgelegt. Auf dem U-Bahnsteig nähern sich der Argentinier und die Kolumbianerin einer Frau, die sie kurz vor Zugeinfahrt von hinten packen und erschrecken.

    Die Haltung zum Leben und zu dessen Bewältigung zeigt er, nachdem sie an die Wand mit Kohle MARICON geschrieben hat; er stellt die Matratze verdeckend davor. Wie er später die Matratze nach dem Prinzip des geringsten Widerstandes und Energieaufwandes wieder aufs Bett legt, das könnte fast ein magischer Kinomement zu einer ganzen Lebenshaltung genannt werden. Er wird nach Entfernung der Matratze von der Wand, wie das Wort wieder ganz zu lesen ist, noch ein T anfügen; der Untertitel wird das als „Cunt“ umschreiben.

    Es gibt schöne Aufnahme vom Tanz, schwarz-weiß betonte Schlaglichtfotografie hebt besonders schön und prickelnd die erotischen Körperformen hervor. Ein kurzer Flash, 70 Minuten, von Juan Sebastián Quebrada aus Kolumbien. Tja, und mit Pillen kann man sich einen Menschen gefügig machen. Mit schönem Kino auch.

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    Fängt an wie eine poetische Dokumentargeschichte: der blinde alte Mann, der allein auf der einsamen Insel Hanare an einem Stück Strand Muscheln sammelt.

    Das Dokumentarische wird unterfüttert mit Infos, wie viele Muschelsorten, über 111’000, und dass es Muscheln schon seit 500 Millionen Jahren gibt. Er hat eine schöne Sammlung. Der alte Mann als blinder Forscher, der auf einer Schreibmaschiene in Blindenschrift seine Untersuchungen und Erkenntnisee protokolliert – und bewundernd kenntnisreiche Texte zu den Muscheln und der Philosophie über sie erstellt.

    Zum dokumentarischen Input tragen bei: der Schwenk über sein Atelier, seine Werkzeugsammlung, wie er das Weiche aus den Muscheln herauspuhlt, wie er die Muscheln reinigt. Auch der Versorger, der mit dem Schiff kommt, Post bringt, Post mitnimmt, und hartnäckig das Trinkgeld erst annimmt, wenn es eine Note ist, verleiht der Story Bodenständigkeit, Realität.

    Zum Realismus trägt auch seine Behausung bei: ein Rundbau, wie man ihn bei Polarforschern gesehen hat.

    Dazwischen gibt es immer wieder faszinierende Muschelbilder. Oder großartige Aufnahmen, wie er mit seinem Krempenhut, halb im Wasser stehend, seine Botaniersierbüchse umgehängt, mit einem krummen Holzstock sich vortastend ein Felststück im Wasser sucht und gezielt unter dem Vorsprung eine Muschel aus dem Wasser holt.

    Dann spült ihm der Pazifik eine Frau an den Strand. Izuma. Wie eine Muschel betastet er sie. Mit ihr findet das Artifizielle Eingang in die Erzählung, besonders in dem Moment, wo sie sich ihm in idyllischem Nachtlicht nackt präsentiert, wird dieser Umschwung greifbar.

    Izuma behauptet ausgepumpt, leer wie eine Muschel zu sein. Sie könne nicht mehr malen. Der Biss einer giftigen Muschel heilt sie unversehens. Sie fühlt sich wie neu geboren, die alte Schaffenskraft ist zurück. Sie malt ihm, dem Blinden, eine wunderbare Muschelzeichnung an die Wand.

    Die Heilung Izumas spricht sich herum. Immer mehr Kranke pilgern zu Insel. Der Muschelsammler zieht die Massen an und verleitet den Filmemacher Yoshifumi Tsubota, der eine Kurzgeschichte von Anthony Doerr zum Drehbuch umgeschrieben hat, vom Dokumentarischen in willkürlich flunkerndes Storytelling überzugehen. Was soll’s, Insel-, Muschel- und Wasserbilder beruhigen das Auge des modernen Stadtmenschen.

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    Dieser Film von Stephen Dunn fällt durch stachelige Schnitte auf.

    Wenn Papa Bretter sägt, so schneidet sich, dazwischengeschnitten, der kleine Oscar die Haare.
    Wenn der kleine Oscar am Seil am Baum hängt und dieses reißt, so fällt er als 18-jähriger Oscar auf den Boden.
    Wenn der junge Mann Oscar auf dem Klo onaniert und an den Mitlehrling denkt, dem er das Shirt ausgeliehen hat, so kommt im Bild statt der Erektion eine Eisenstange, die der kleine Bub bei einem Schwulenmord im Friedhof beobachtet hat.
    Wenn Papa den Pfeil spannt, folgt das Herausrattern von Fotos aus dem Kopierapparat.
    Der Eisenstangenzwischenschnitt wiederholt sich später bei der Entjungferung durch Andrew auf der Kostümparty … und nachher tropft ein Wasserhahn. Auf den Wasserhahn folgt Regen.
    Kurz vorm ersten schwulen Kuss, wenn dem Freund der Speichel aus dem Mund läuft, schneidet Dunn einen reißenden Strom dazwischen.

    Die Einsamkeit des Schulbuben Oscar wird illustriert durch das kaputte Verhältnis der Eltern, den Auszug der Mutter, durch Handlinienlesen einer Schulkameradin, die seine als „gay“ interpretiert, und dadurch, dass er den Schwulenmord im Friedhof beobachtet. Ferner durch einen Hamster, den Oscar auch noch als 18-jähriger hat und mit dem er spricht und der ihm antwortet und der in dieser Zeit längst mehrere Hamsterleben hinter sich haben müsste.

    Die Einsamkeit als 18-jähriger wird charakterisiert durch die Offenbarung seiner Chefin im Baumarkt, dass er hier nur seine Zeit vertue. Dann durch den Brief „Unfortunately“, die Absage aus New York und dadurch, dass er Totenköpfe und Puppen, Hände, Figurinen modelliert, dass er eine Pelzmütze seiner Mutter zur Seite schafft und diese heimlich trägt.

    Vater fällt dadurch auf, dass er so spricht, als habe er drei dicke Zigarren im Mund. Vater schüttet dem 18-jährigen Oscar einen Drink ins Gesicht, weil dieser ihm Vorwürfe macht, dass er so laut nach ihm rufend im Baumarkt aufgetreten sei.

    Die beiden 18-jährigen steigen ins Baumhaus, das der Vater, der inzwischen eine neue Freundin hat, gebaut hat. Große Aktion daraufhin: der Vater löscht mit dem Gartenschlauch die Zigarettenkippe, die der Freund des Sohnes weggeworfen hat – auch eine Art, das Thema Schwulität zu behandeln.

    Nach 50 Minuten folgt die Einladung zu einer Kostümparty. Oscar kostümiert sich mit der Pelzmütze seiner Mutter. Vater schimpft ihn darauf „Faggot“ und verstaucht sich den Fuß dabei. Bei der Party kleiden sie Oscar als Frau ein. Andrew macht Oscar an. Es folgt die Kuss-Speichel-Szene. Nach der Entjungferung dramatische Zuspitzung und Entladung der Bildineinanderschnitte, musikalisch nervös untermalt.

    Dann kann der Film beruhigt auf das Ende zugehen und eine Zukunft für den durchgerüttelten Jungen ins Auge fassen. Den Film zieht es zum ersten Mal in die Landschaft hinaus. Die Ratte darf im Totenschiffchen hinaus aufs Meer …. auch wenn hier nicht New York ist.

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    Russischer Irrationalismus feinst filettiert und offengelegt von Viktor Dement nach der Geschichte von Vladimir Tendryakov.

    Schön gedacht, einen unzugänglichen, widersprüchlichen Charakter in einer schwer zugänglichen Gegend in den Mittelpunkt zu stellen, Trofim, Aleksey Guskov als Fischereiinspektor am Push-See.

    Kamerakopteraufnahmen können in unzugänglichen Gegenden von Wald und Seen immer noch erleichternd wirken. Denn Trofim nimmt es unkontrolliert überernst mit dem Gesetz, dem er Nachdruck verleiht, wenn es um andere, um arme Fischer geht; sich selbst gegenüber ist er großzügiger. Es gibt Gerüchte. Die sind nicht schön. Die Fischer mögen ihn nicht. Seine Ehe ist nach 30-Jahren totgelaufen. Tochter Irina aus dem Haus verstoßen. Ungutes rumort in diesem Mann.

    Er will in den entlegensten Winkeln den kleinsten, illegalen Fischfang für den täglichen Bedarf hart bestrafen. Dazu fährt er mit dem kleinen Motorboot los, bewaffnet mit der Flinte und einem Inspektionsformular.

    Bei einer dieser Reisen, wie er wütend die bescheidene Fischsuppe aus dem Kessel der Landstreicher kippt und mit Gefängnis droht, wird er niedergeschlagen. Wie er zu sich kommt, ist das Boot weg. Er muss zu Fuß zurück. Er kennt sich aus in der unwegsamen Gegend.

    In einer eilig verlassenen Hütte findet er ein Kind, einen Säugling. Dieser erfriert ihm auf dem Weg zurück. Trofim zerfließt vor Selbstmitleid, denn diese Bitch von Frau, die das Kind verlassen hat, sei schuld, dass es gestorben sei. Diese Situation erweckt immerhin Gefühle in ihm, die die Basis für die Läuterung bilden. Ohne den eigenen Schmerz, so die Indikation des Filmemachers, ist Entwicklung nicht möglich.

    Viktor Dement hat diese Geschichte schön gedacht und mit Bedacht ins Bild gesetzt und inszeniert. So drastisch der Charakter von Trofim angelegt ist, so konsequent wird Dement dem Filme die Wende zum Läuterungsfilm einbrennen, auch das gehört zur russischen Seele, die der Film in Bildern, die ans Eingemachte gehen, offenbart. In der russischen Taiga-Landschaft und mit den häufigen Kamerakopteraufnahmen ist die Geschichte weich und schön gebettet. Wie heißt es doch: das Auge isst mit.

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    Eine Geschichte, die unglücklich ausgeht, das lässt der Anfang vermuten; dass sie es doch nicht tut, hat sie enormen dramaturgischen Kraftakten zu verdanken, die die Tücken des Alltags großzügig ignorieren, womit das Hauptproblem dieses an sich hübschen Roadmovies mit einem Schuss Irakdoku von Halkawt Mustafa, der mit Anders Fagerholt auch das Drehbuch geschrieben hat, benannt wäre.

    Die Rückblende vor dem unglücklichen Moment fängt 5 Tage eher an. In einer Stadt im Irak. Zwei kleinwüchsige Brüder.

    Alan, Wrya Achmed, betreibt ein Café, ist verliebt in die normalgroße Tochter Gona, Rozhin Sharifi, seines Geschäftsfreundes Mr. Jalal, Kamaran Raoof, spart eifrig und träumt davon, sie zu heiraten, ihr ein Haus zu bauen (schönes Modell mit Innenbeleuchtung) und darin zehn Kinder zu zeugen und aufzuziehen.

    Shirwan, Dana Ahmes, ist mit einer kleinwüchsigen Lehrerin verheiratet, arbeitet bei Mr. Jalal als Holzuschuhmacher und bewohnt mit seiner Frau ein geräumiges Haus. Kinder will er keine.

    Der künftige Schwigervater von Alan, der von seinem Glück noch nichts weiß, schenkt ihm ein Unterwäschewerbeplakat mit einem gut gewachsenen Model in modischem Slip, er solle es zuhause aufhängen.

    Alan will das Fußballspiel Real-Madrid gegen Barcelona, den Clásico, in seinem Café übertragen; er gibt sich als Fußballfan aus, obwohl er keiner ist, um so schneller das Geld für das Haus zu verdienen und dem künftigen Schwiegervater zu imponieren.

    Der Film macht gut Werbung für „Emirates“.

    Alan traut sich, bei Mr. Jalal um die Hand von Gona anzuhalten. Nein, heißt es von diesem, Nein und wieder Nein. Jetzt muss Alan etwas erfinden, was Mr. Jalal Eindruck macht, ihn als ganzen Mann dastehen lässt. Diese Erfindung wird den Film in die Schublade jener Erfindungsfilme verweisen, wo zum Beispiel auch „Unterwegs mit Jacqueline“ anzutreffen sind: Erfindungen, die der Film, nicht aber das Leben schreibt; womit die gute Absicht, mittels so einer Geschichte etwas über das Zwergendasein oder das Leben im Irak zu erzählen, mitunter ernsthaft unterhöhlt wird.

    Mustafa, der Filmemacher, erfindet also die Idee, dass Alan die Holzschuhe, die Mr. Jalal für den Fußballgott Rinaldo gemacht hat, diesem persönlich in Spanien überreichen möchte. Somit steckt er sich ein Ziel, was zu einer dramatischen Überdehnung, der in der Exposition gemachten Handlungsmöglichkeiten der Protagonisten führt.

    So bleiben lediglich romantische Bilder der beiden Brüder auf dem mit den Fahnen der Fußballclubs geschmückten Quads im hellen Grün Iraks; die atmen den Duft von Abenteuer; wobei dieses in leidiger Kriegsmodalität zu bestehen sein wird.

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    In diesem Animationsfilm von Mamoru Hosoda spielen zwei Welten ineinander.

    Die Menschenwelt – die besteht vor allem aus Menschenmassen, aus mindestens einer kaputten Familie, Mutter weg, Bub Ren will nicht mit seinem Vater leben und haut ab, will sich nichts bieten lassen. Vor der Polizei kann er sich noch retten. Mönche erzählen ihm von einem Weg zu einem göttlichen Zustand. Ren würde wohl, wenn wir Die Prüfung über die Selektion künftiger Schauspieler in Hannover beiziehen, als nicht „ausbildbar“ gelten.

    Die Biesterwelt – von der lernen wir zuerst ihre Machtstruktur kennen. Da ist ein Hasenobergott. Dann ein Gott. Der muss sich seinen Weg an die Position erkämpfen. Er muss Familie haben und Schüler, Anhänger. Und es gibt den ambitionierten Kumatsetsu, der das alles nicht hat, der den schlechtest möglichen Ruf hat, mit dem keiner sein will, bis auf seine zwei treuen Adlaten.

    In jeder der beiden Welten wird ein extremer Außenseiter und hoffnungsloser Fall beschrieben: Ren und Kumatsetsu. Just diese beiden aussichtslosen Fälle, diese Nicht-Integrierbaren führt die Geschichte zusammen, lässt sie sich zusammenraufen, lässt sie ein Lehrer-Schüler-Modell entwickeln, in welchem der Lehrer vom Schüler lernt – und umgekehrt genauso, was beinhaltet, dass der Schüler sich vom Lehrer trennt, wenn er seine Lektionen gelernt hat.

    Ren als Schüler von Kumatsetsu, das ist eine Paarung, die den schlechten Ruf und die Chancenlosigkeit auf Erfolg in sich hat und die nur nach heftigsten Fetzereien überhaupt zusammenfindet, bei zwei so ähnlichen, heftigen und heftig aufeinander reagierenden Charakteren.

    Was lernen wir aus diesem Film? Vieles ist lernbar und ein guter Lehrer lernt von seinem Schüler und umgekehrt. Hier hat Ren den schlimmsten Konkurrenten von Kumatsetsu, Iozen, den mit der geradlinigen Karriere von Familie und Schülern, genau beobachtet und festgestellt, dass der sehr viel übt. Das verlangt er nun auch von seinem Lehrmeister.

    So gibt es schöne Übungsstunden. Ständig imitiert Ren seinen Lehrmeister in den Bewegungen. Die studiert er ganz genau, das zeigt eine einleuchtende Szene, wie er allein vom Hören seiner Bewegungen darauf schließen kann, was sein Lehrmeister gerade tut, wie er sich gerade bewegt.

    Die beiden machen eine Lehrreise. Dabei lernen sie Telkinese, Illusionismus und Transzendierung. Nach einiger Anfeindung kommt plötzlich der Erfolg, fängt die Lawine der Anerkennung an, die Schüler, die aufgenommen werden wollen, stehen Schlange.

    Wie Ren beim Meister nichts mehr zu lernen hat und von der süßen Kaede kapiert, dass ihm jegliche Bildung fehlt, wendet er sich der Bildungswelt zu. Zu guter Letzt trifft er seinen Vater wieder und jetzt könnte Happy End sein; aber so einfach kann man nicht abhauen von seinem Lehrer.

    Die Vergangenheit holt Ren ein, wie es 9 Jahre nach dem ersten Duell in der großen Arena der Biester zum erneuten Zweikampf zwischen Kumatsetsu und Iozen kommt. Dieser hat einen Sohn, Ichirohiko, der auch Menschliches in sich hat, was in der Welt der Biester als das Dunkle gilt, im Zeichentrick wird so ein Mensch, wenn diese dunklen Kräfte grollen, vom Bauch her rabenschwarz eingefärbt und ein diffuses Leuchten lässt es gefährlich erscheinen. Kumatsetsu braucht jetzt die Unterstützung von Ren.

    So steht ein großer Countdown bevor, bis Ren geläutert, kampfstark und vor allem mit der Einsicht, dass er nie wieder mit dem Schwert kämpfen werde, von der Leinwand entschwindet. Trotzdem, bis dahin war das Leben vor allem: Kampf – aber es muss ja kein schwarzer Kampf sein, bei dem eine Silhouette wie ein Walfisch in Tokio die schlimmsten Verheerungen anstellt. In so einen schwarzen Kampf aber scheint die Menschheit gerade sich zu befinden.

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    Sebastian und Jaz sind ein weiter nicht charakterisiertes, junges Paar in Argentinien, die dabei sind ein Haus zu besichtigen; Jaz ist nicht recht begeistert. Gleichzeitig bekommt Sebastian immer häufiger Fehlanrufe, die Fahrerservice verlangen. Er fängt an, die Verwechslung mit der Magellan Agency nicht als solche zu klären, sondern sie als Verdienstmöglichkeit zu nutzen und mit seinem PKW Kunden zu fahren.

    Er gerät an Jalil aus Mendoza, einen Muslim. Der will seinen Bruder in Bolivien besuchen und diese Fahrt mit Sebastian machen. Nach längerem Hin und Her kann Sebastian dem verführerischen finanziellen Reiz nicht widerstehen.

    So beginnt nach 20 Filmminuten ein Roadmovie. Der nicht näher spezifizierte Sebastian und der alte Herr Jalil, der an der Niere und an der Prostata leidet. Das verlangt nach vielen Pinkelpausen (dazu kommen für ihn als gläubigen Muslim häufige Gebetspausen) und nach nächtlicher Dialyse, deshalb muss auf dem Dach des Autos ein transportables Dialysegerät in einem großen Kasten mit.

    Wer zahlt befiehlt, das Prinzip löst kleinere Streitigkeiten aus. Einmal fährt Sebastian einen Hund an. Jalil will, dass sie sich um ihn kümmern und ihn mitnehmen. Dann nimmt er die pummelige, junge Irma mit. Sebastian passen diese zusätzlichen Gäste gar nicht; er hat Mühe, sich von seiner erogenen Fixiertheit auf sein Auto zu lösen. Aber das Geld machts. Bald wird auch arabische Musik gehört.

    Die touristische Ausbeute dieses Trips ist eher gering, die menschliche nicht umwerfend, kurze Infos über die Riten der Mendoza-Muslime in Lateinamerika, sonst keine besonderen Finessen. Francisco Varone kann weder als Autor noch als Regisseur recht vermitteln, was er transportieren will.

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