Schön wie auf Daunen gebettet erzählt Jeff Nichols diese Liebes- und Rechtsemanzipationsgeschichte. Er bleibt nah dran an den Figuren. Was wichtig ist, ist mitten im Bild vor einer ruhigen Kamera, ein Amischlitten oder meist die Protagonisten, ohne dass sich der klaustrophobische Effekt von Close-Up-Manicas einstellt. Nichols schafft so eine enge Beziehung zum Publikum. Er fährt auf Sicht mit der Erzählung, verzichtet auf jegliche Kompliziertheit und Erzählkapriolen, er nimmt jeden Zuschauer mit, auch mit der Reduktion auf karge Dialoge, die sich auf das Wesentliche beschränken. Die deutsche Synchronisation hat das kapiert und übernommen.

    Es handelt sich um einen Fall, der amerikanische Rechtsgeschichte geschrieben hat, um einen von 400, die es bis vor das Oberste Gericht schaffen. Es geht um das bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts hinein geltende Verbot von Mischehen zwischen Weißen und Schwarzen im Staate Viriginia.

    Es ist die Liebesgeschichte von Mildred (Ruth Negga) und Richard (Joel Edgerton). Der Familiename von Richard ist ‚Loving‘. Richards Mutter ist Hebamme, er arbeitet als Maurer. Mildred ist eine Schwarze, er ein Weißer.

    Im Jahre 1958 heiraten sie im Nachbarstaat Washington, weil dort Mischehen erlaubt sind. Sie kehren als Ehepaar zurück nach Caroline County. Dort werden sie verhaftet, weil hier eine solche Ehe nicht erlaubt ist. Die Begründungen sind haarsträubend rassistisch. Sie werden verurteilt und dank einem Schuldgeständnis freigelassen unter der Bedingung, Virginia zu verlassen und 25 Jahre lang nicht mehr zu betreten.

    Sie kommen bei Verwandten von Mildred in Washington unter. Sie nähren sich redlich in Washington, haben drei Kinder, am Fernsehen läuft der Start einer Weltraumrakete. So weit ist Amerika technisch bereits. (Siehe dazu den thematisch verwandten Film Hidden Figures: Unerkannte Heldinnen)

    Einer Anwaltsvereinigung, die sich für Menschenrechte einsetzt, kommt der Fall zu Ohren. Für sie handelt es sich um einen exemplarischen Fall, anhand dem es möglich sein könnte, bis zur Obersten Instanz zu gehen und so Gesetzesänderungen zu bewirken.

    Die Anwälte sind köstlich charakterisiert. Bernie Cohen (Nick Kroll) hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Mister Bean, das verleiht der Sache einen linkischen Charme, während sein Mitstreiter Phil Hirschkop (John Bass) der versierte Großtadtanwalt ist.

    Der Auftritt des Life-Magazine-Fotografen Grey Villet (Michael Shannon) ist von leiser Komik: der Starfotograf auf dem einfachen Land, wie er den Landeiern Stories erzählt und ganz ruhig den Moment für den Auslöser abwartet.

    Hinzu kommt, dass man aus dem Film ganz entspannt hinauskommt, weil man weder gemartet noch verquast wird. Und: klar: die Geschichte geht gut aus, das darf verraten werden; allerdings hat es in der Realität gegen zehn Jahre gedauert, bis es so weit war; immerhin weniger als die 25 Jahre Verbot. Im Film vergehen sie sowieso wie im Fluge. Und welch schönes Autos sich damals ein Maurer leisten konnte, welch Amischlitten!

    Comments Keine Kommentare »

    Eine Lektion für Weight Watchers inlusive flankierender Eigenwerbung des BR für die Fränkische Fasnacht, denn Reinhard Stummreiter, der von Elisabeth Mayer zur Entwicklung seiner Gewichtsprobleme befragt wird, ist wegen seiner Fettleibigkeit zum Laientheater und dann als dicker Trommler zu einer Klamauk-Feuerwehrband gekommen, die im BR-Fasching auftritt.

    Aus Einsamkeit und Verlustangst hat der neunjährige Bub Reinhard nach dem Tod seiner Mutter mit der Fresserei angefangen, wog mit 15 schon 110 Kilo. Wie ihm, wie er 27 war, der Vater gestorben ist, hat sich das wie ein Schub auf die Fresssucht ausgewirkt, zehn- bis zwölftausend Kalorien sind an einem Tag schon mal zusammengekommen.

    Das scheint wie ein Teufelskreis. Aus Einsamkeit fressen und aus Fettleibigkeit erst recht einsam sein. So weit wird hier allerdings nicht analysiert. Es wird schön der Reihe nach berichtet, Archivmaterial gibt es nicht allzuviel, wie er den Beruf erlernt, wie die Firma Pleite macht, wie er LKW-Fahrer wird, eine eigene Kneipe eröffnet, dort nicht reüssiert, Schulden macht, wie die Feuerwehrmusik ihm einen sozialen Halt gibt, wie er aber immer noch zunimmt bis über 300 Kilo und wie dann der Musikchef ein ernsthaftes Wörtchen mit ihm redet (das berichtet dieser selber) und er sich den Magen operieren lässt, um in anderthalb Jahren auf etwa 130 Kilo runterzukommen, so dass er sich jetzt für die Auftritte noch einen Bauch umbinden muss, um weiterhin der komische Dicke zu bleiben.

    Mit dem Abnehmerfolg stellt sich auch der Liebeserfolg ein. Eine rührende Geschichte, die mit der Jugend und einer österreichischen Alp zu tun hat.

    Die Erkenntnis: das Abnehmen beginnt im Kopf, denn sonst greifen die alten Mechanismen und dann fängt, wie das auch beim Alkohol- oder anderen Suchtproblemen zu beobachten ist, der Selbstbetrug an, der einen darüber hinwegtäuschen will, dass man wieder in den Kühlschrank greift, bloß weil die Gattin kurz das Haus verlässt.

    Comments Keine Kommentare »

    Zwischenmenschliches Missvergnügen durchzieht die heute besprochenen Filme. Isabelle Huppert wandelt auf dünnem Grat zwischen Lust, Schmerz, Unterwerfung, Student Marcus zwischen Reinheit der Studien und zwischenmenschlichen Verrenkungen, in Edinburgh ist man nicht amused über das Altern, den Kindern im Waisenhaus fehlt es an intaktem, familiärem Hintergrund, mit Zaunbau wird eine amerikanische Familie dem Filmtitel gerecht und in einer deutschen Komödie möchten die Eltern abstoßend auf die Kinder wirken.

    ELLE
    Isabelle Huppert schreckt vor nichts zurück.

    EMPÖRUNG
    Die Angst eines Jungintellektuellen vor Ablenkung durch Beziehung und Liebe.

    T2 TRAINSPOTTING
    Der Nostalgie-Trip in die rauschhafte Jugend offenbart mehr über das Altern als den Filmemachern lieb sein dürfte.

    MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI
    Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen mit ernsthaften Problemen erkunden die Solidarität.

    FENCES
    Familiäre Konflikte im Amerika der 50er und 60er Jahre erstklassig nach einem Theaterstück und schauspielerfreundlich inszeniert von Denzel Washington.

    SCHATZ, NIMM DU SIE!
    Grobmotorische „Wer macht sich unbeliebter bei den Kindern“-Komödie.

    Comments Keine Kommentare »

    Ein feines Stück Rausch-Absturz-Jugend-Kult-Nostalgie als ästhetisch gelungenes Musikvideo zubereitet.

    Der Unterschied zu den hier eingeflochtenen Originalszenen aus dem Trainspotting-Film von 1996 von den gleichen Machern, Danny Boyle in der Regie und Drehbuch von John Hodge nach dem Roman von Irvine Welsh, ist krass. Er erzählt unverblümt, dass die Jugend einmalig und nicht zurückzuholen ist.

    Vorwand oder Begründung für diese Retro-Reise sind die, dass Renton, der hier Mark genannt wird, zu seinem früheren Kumpels zurückkehrt. Er hat sich damals mit 16’000 Pfund aus dem Staub gemacht und lebt inzwischen bürgerlich und mit Familie in Amsterdam. Er hat sich dort im Einzelhandel mit Software selbständig gemacht.

    Mark will den früheren Freunden ihren Anteil an der Beute endlich auszahlen, pro Mann sind das 4’000 Pfund, ohne Zinsen. Es sind keine geglückten Lebensentwürfe, denen er begegnet. Die früheren Freunde leben alle in malerisch heruntergekommenen Verhältnissen in Edinburgh. Der breitohrig-großäugig grimassierende Spud (Ewen Benner) in einem desolaten Hochhaus, in fast leerer Wohnung, er ist der Autor, der Chronist, er schreibt in krakeliger Schrift die Geschichten auf. Begbie (Robert Carlyle), der hier Frank genannt wird, begegnen wir bei einem Knastausbruch nach standardisiertem Rezept: Selbstverletzung, Krankenhaus. Er versucht seinen Sohn, der Hotelfachmann lernen will, zum Einbrechen mitzunehmen. Simon (Jonny Lee Miller) ist nach wie vor drogenabhängig, ist gerade dabei einen Schulleiter zu erpressen mit heimlichen Videos von Sex mit Gail (Shirley Henderson), seiner Freundin, und träumt davon, einen eigenen Puff aufzumachen mit Hilfe europäischer Fördergelder.

    Die Bilder in ihrer Gesamtheit ergeben eine bemerkenswert schöne Wühltisch-Sammlung alter, leicht verblichener Postkarten. Es scheint Danny Boyle mehr um das Schwelgen in diesen perfekt nostalgischen Bildern in Dekadenz-Romantik zu gehen und da er sie artifiziell, musikviedocliphaft schneidet, entsteht der Eindruck einer distanzierenden Eleganz von Verkommenheit und Absturz, eine Art des Sich-Ergehens in Katastrophensause inklusive der Reanimation einer Drogenrauschsequenz.

    Vor 20 Jahren haben diese Filmemacher der Welt gezeigt, dass sie dringend etwas mitzuteilen haben, und haben einen Nerv getroffen. Heute teilen sie der Welt mit, dass sie diese Mitteilung von damals auch heute noch schön finden, dass der Mitteilungsdrang inzwischen sogenanntem Beherrschen des Handwerks gewichen ist und vielleicht auch, dass sie ein bisschen darunter leiden, dass das Altern unentwegt fortschreitet und seine deutlich sichtbaren Spuren, nicht nur bei der Potenz von Frank, hinterlässt und dass ihnen das nicht unbedingt gefällt. Was wiederum keine besonders aufregende Message sein dürfte. Die Filmemacher sind nach dem Unendlichkeitsrausch der Drogen in der Endlichkeit des Seins, der Vergänglichkeit angekommen, sind branding- und handelsüblich irdisch geworden.

    Comments Keine Kommentare »

    Keine Umfall-Aufsteh-und-durch-die-Luft-saus-Mechanik wie gern in den Disneyfilmen, kein Tohuwabohu und kein Kuddelmuddel, kein Effektenwettbewerb sondern ruhige Verhandlung ernsthafter Probleme 8-, 9-jähriger Kinder aus problematischen Milieus mit zauberhaften Animationsmitteln.

    Zucchini ist 9 Jahre alt, lebt mit der Mutter. Die ist Alkoholikern. Sie schmeißt die Getränkedosen aus ihrem Sessel auf den Boden, Zucchini sammelt sie auf, will damit Türme bauen. Die Mutter stirbt.

    Zucchini kommt ins Waisenhaus zu anderen Problemkindern, die schon allerlei gesehen und erlebt haben, denen bürgerliche Wohlgeordnetheit und Geborgenheit unbekannt sind. Um so mehr zählt die Solidarität unter den Kindern. Diese erkunden sie.

    Der Rädelsführer der kleinen Gruppe ist der rotlockige Simon, frech wie Anton. Er nennt Zucchini gleich Kartoffel, weil er so aussehe. Der Polizist, der sich als erster um Zucchini kümmerte, betreut ihn weiterhin, besucht ihn, macht mit ihm Unternehmungen, Ausflug auf den Rummelplatz, redet mit ihm. Denn sein Sohn ist längst erwachsen und ausgeflogen. Der Polizist ist ein Kakteenliebhaber.

    Dann kommt Camille. Deren Pflegemutter ist eine ordinäre Person, ist aber scharf auf das Pflegegeld. Doch Camille gefällt es im Waisenhaus. Sie darf mit zu den Ausflügen mit dem Polizisten, der keine Uniform trägt und stattdessen ein lustiges Auto fährt, das so aussieht, als hätten Kinder es aus Karton gebastelt.

    Ein Geschichtsstrang ist nun der, dass die Pflegemutter Camille zurückholt. Die Kinder denken sich eine List aus, wie sie die Pflegemutter überführen können als nicht tauglich für diese Position. Ein gefaltetes Papierschiff spielt dabei eine Rolle.

    Und es geht auch um Trennung. Der Polizist will Camille und Zucchini adoptieren. So werden sie die liebgewonnene Waisenhausrunde verlassen müssen.

    Die deutsche Synchronisation ist respektvoll dezent, die Musik von Sophie Hunger voll sensiblen Verständnisses. Die Regie stammt von Claude Barras nach dem Drehbuch von Céline Sciamma nach dem Roman von Gilles Paris, der auch hier in deutscher Übersetzung im Buchhandel erhältlich ist.

    Aus Erwachsenensicht ein großartiger Kinderfilm. Wobei man letztlich die Kinder entscheiden lassen muss, ob und wie es sie beschäftigt und ob es einen Unterschied macht, ob Kinder selber in diesem Alter schon einen entscheidenden Einschnitt im Leben erlebt haben, wie die Scheidung der Eltern oder Umzug in einen anderen Sprach- oder Dialektraum oder ob Kinder eine ungebrochene Kindheistidylle erleben.

    Comments Keine Kommentare »

    Dieser unbedingte Wille zur mechanistisch, grobmotorischen Hochdruckkomödie nervt. Hier wird kein Popcorngekrusche und -geraschele Subtilitäten übertönen. Hier wird runtergerattert und runtergeholzt, Pointen gedroschen, was das Zeugs hält. Zum schnellen Verbrauch und baldigem Vergessen. Kein Film, um sich groß damit zu beschäftigen.

    Dabei handelt es sich sogar um das Remake, besser das Deutsch-Make einer französischen Vorlage Papa gegen Mama, das Sven Unterwaldt Jr. (Sushi in Suhl) nach dem Buch von Jens-Frederik Otto (Hilfe, ich hab meine Lehrerin geschrumpft!) inszeniert hat mit Carolin Kebekus als Toni König und Maxim Mehmet als ihr Mann Marc König, deren Ehe sich auseinandergelebt hat.

    Das Ehepaar will sich scheiden lassen, traut sich nicht, es den Kindern zu sagen und keiner will sie, denn er hat als Arzt die Chance für länger nach Haiti zu gehen und sie als Ingenieurin für die Europe Wind Corp. in Malta ein großes Windparkprojekt zu betreuen.

    Die Kinder sollen selber entscheiden, bei wem sie bleiben möchten – und wer also deshalb auf berufliche Chancen verzichten muss. So entbrennt unter den Eltern ein rücksichtsloser Wettbewerb, wer sich bei den Kindern unbeliebter macht. Dieser Wettbewerb entpuppt sich filmisch als ein Abnudeln von gewaltsamen „Einfällen“, einer nach dem anderen nach der Methode Holzhammer, Wallholz oder Brechstange, hart, hart und das geht ganz uncharmant bis zu Ohrfeigen oder anderem anstößigem Verhalten, grobklotzig, bis zum Moment, wo die verkleideten Eltern beim Kindergeburtstag nur noch aufeinandereindreschen, wobei sich die Eskalation des Kontrollverlustes verselbständigt zu haben scheint und offensichtlich planmäßig verläuft.

    Dem 10jährigen Buben werden einige altkluge Pointen reingeschrieben. Die Zudröhnmusik suggeriert pausenlos, dass hier mit gnadenlosem Power gearbeitet wird. Dabei bleibt auf der Strecke, dass man Empathie für die Figuren und ihre Schicksale und Entscheidungen aufbauen kann.

    Comments Keine Kommentare »

    Die titelgebende Symbolik in dieser Verfilmung eines Theaterstückes von August Wilson in der erstklassigen Schauspielerregie von Denzel Washington ist ein Holzzaun, bei dem nicht nur die Frage nach der Art des Holzes eine Rolle spielt, sondern auch die Frage, ob er dazu gut sei, die Bewohner des kleinen Backsteinhäuschens einzusperren oder sie zu schützen, wobei hier wiederum gefragt wird, vor wem eigentlich.

    Müssten sie doch wohl eher vor sich geschützt werden oder vielleicht vor ihren Geschichten. Diese sind nicht glorios. Es sind einfache Arbeitermilieus. Die Zaunbauerfamilie besteht aus Vater Troy (Denzel Washington), Mutter Rose (Viola Davis) und den Söhnen Lyons (Russell Hornsby) und Cory (Jovan Adepo).

    Der Autor August Wilson wurde 1945 geboren. Hat also die Nachkriegsatmosphäre in Amerika und die McCarthy-Stimmung mit der Muttermilch aufgesaugt, in der der Mensch sich lieber aufs Private, Sünden und Gesinnung zurückgezogen hat, und obwohl Wilson das Stück erst 1986 geschrieben hat, wirkt es authentisch wie aus den 50ern/60ern.

    Nachkriegsgedämpft beschäftigt sich das Stück mit Familiärem, mit Konflikten im privaten menschlichen Milieu und auch wie damit umgegangen wird. Es ist dialoglastig, gründlich, auseinandersetzungsfreundlich. Es ist von einem Hauch von Hoffnung auf Erlösung von der Schuld durchzogen, die Kirche kommt vor, wenn auch nicht zentral, aber das Schlussbild gegen den Himmel kann es mit jeder Apotheose aufnehmen.

    Der Film brilliert durch seine Konzentration auf die Dialoge, er spart mit Musik, nur nach der zentralen Auseinandersetzung des Ehepaares, das nach 18 Jahren die größte Krise erlebt, erhält einen Drüberstreuer aus Stimmungsbildern und einem Song über die Liebe.

    Suggeriert die Atmosphäre eines Gottesdienstes. Wobei auch der Gott oder der Teufel oder Petrus je nach Diktion eine Rolle spielt, bei aller Skepsis durch Krieg und Kommunistenhetze, besonders beim Bruder von Troy, Gabe (Mykelti Williamson), der kriegsgeschädigt ist und im Kopf eine Metallplatte trägt, innerhalb der Familie und der Straße erfüllt er die Funktion eines generell gut gelittenen Dorftrottels, wobei die Polizei ihn gerne festnimmt und ihn von seinem Bruder Troy für 50 Dollar auslösen lässt.

    Der Film fängt mit einer furiosen Dialogszene an, die sich über ein langes Kapitel zieht. Troy und sein Arbeitskollege Jim Bono (Stephen Henderson) arbeiten bei der städtischen Müllabfuhr. Sie kippen die Mülltonnen in den Müllwagen und unterhalten sich über Gott und die Welt (vom Lotto über den Knast und die Frauen, den Zaunbau, Football, die Benachteiligung der Schwarzen und dass Fahrer doch weniger anstrengend wäre als Mülltonnenentleerer, und Familiengeschichten; ein Wort ergibt das andere wie ein munter plätschernder Fluss) und weil gerade Freitag ist, ist Zahltag, also holen sie ihre Lohntüten ab (Troy erhält 76 Dollar die Woche), begeben sich mit einem Sack voller Kartoffeln und mit einer Dose Schmalz auf den Heimweg.

    Sie schauen erst bei Troy vorbei, da stößt Rose dazu, es geht hin und her, es wird gefrotzelt und der Schwarze (Troy) nennt seinen weißen Kumpel (Bono) Nigger. Sie haben beide Knasterfahrung und Troy liefert brav sein ganzes Geld seiner Frau ab. Zufällig taucht der ältere Sohn auf, der Musiker werden möchte und keinen Sinn in einem Job als Müllmann sieht. Aber Geld vom Vater „leiht“ er sich schon gerne.

    Hart und unversöhnlich ist der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Troy und dem Jüngeren, dem football-begabten Cory. Nach Meinung des Vaters soll er lieber jobben, statt sich von Talenscouts für den Sport anwerben zu lassen. Auch dieser Beziehung sind mehrere Akte geweiht. Sie verläuft nicht erfreulich. Zentral wird jedoch das Seitensprungproblem von Troy, das aus dem Stück ein Gesinnungsstück, ein Moralstück, ein Gewissensdrama, ein Schuldstück macht und exzessiv und exzellent ausdiskutiert wird, so dass es mir wie ein Museumsstück vorkommt, aber ein großartiges Museum.

    Comments Keine Kommentare »

    Verführung Frau.

    Der brave Metzgerssohn Marcus (Logan Lerman) ist ein hochbegabter Junge, allerdings weder fürs Metzgerhandwerk noch für den Krieg geboren; ihm liegt die analytische Philosophie von Bertrand Russell; er sieht sich als Atheist, ist jüdischer Herkunft.

    Es ist die Zeit des Koreakrieges. Freunde von Marcus sterben dort. Er hat glücklicherweise ein Stipendium für das Elitecollege Winesburg in Ohio erhalten; das bewahrt ihn vorm Militäreinsatz.

    Er war immer korrekt, nett, wollte keine Fehler machen, war bisher zuhause, hat auch in der Metzgerei geholfen, hat noch keine Liebesaffären gehabt, ein Sohn ohne Fehl und Tadel, kurz, eine Traumrolle für einen jungen Schauspieler, dieses unbeschriebene, wache Blatt zu spielen, dessen geistige Welt nun mit der realen Welt konfrontiert wird.

    Es sind dies im College die Jungs, mit denen er das Zimmer teilt, der eine raucht und übt Shakespears Malvolio-Monolog, der andere hört Musik. Das stört die Konzentration. Immerhin leiht ihm der eine seinen schicken Wagen. Damit kann er Olivia Hutton (Sarah Gadon) ins Escargot ausführen. Er hat noch nie Schnecken gegessen. Aber im Auto kommt es zu einem unerwarteten Erlebnis.

    Auch Olivia ist für eine Schauspielerin eine Traumrolle, Hollywood-Blondine, Verführerin, Männerkennerin, undurchdringlich, Narben am linken Vorderarm, keine menschlich glanzvollen Verhältnisse zu Hause, Vater ein bekannter Arzt. Diese Grundsituation erinnert verhängnisvoll an den Dokumentarfilm Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich.

    Allerdings handelt es sich hier um eine fiktionale Geschichte, um die Verfilmung eines Romans von Philip Roth, den James Schamus zum Drehbuch umgearbeitet und mit höchster Konzentration und einem Cast alles andere als von der Stange und ohne jeden inszenatorischen oder cinematographischen Schnickschnack spannend ins Bild gesetzt hat. Als ein dichtes Kammerspiel, dessen Fortgang Satz für Satz gewährleistet ist und das auch längere Konversationen, die sich wie automatisch steigern, bestens erträgt.

    Zentrale Auseinandersetzung ist die mit dem Schuldirektor Dean Caudwell (Tracy Letts), der ein gewisses Verständnis zeigt für den aufgeweckten, dialektischen Geist, der sich im Konflikt mit seiner Umwelt sieht, dies aber gleichzeitg wiederum vehement abstreitet, der ihn im Gespräch in die Enge zu treiben versteht; wobei der geplatzte Blinddarm wie eine absurde Beendigung des Gespräches anmutet.

    Marcus möchte nichts, was ihn von seinem Studium ablenkt, aber Olivia lässt ihn nicht los. Auch Kommilitonen bearbeiten ihn, in die jüdische Studentenverbindung einzutreten oder die mahnende Worte der Mutter, die deutlich jüdische Autorität austrahlt, wollen ihn beeinflussen sowie die Begegnungen mit Olivia. Marcus muss sich entscheiden.

    Statt sms und dergleichen werden hier noch Briefe geschrieben. Die deutsche Synchro braucht sich in ihrer Sorgfalt nicht vorm Original verstecken. Vielleicht ein Versehen: beim Eintritt in das College steht eine Willkommensüberschrift: Welcome Class of 1955. Später dann nach einiger Collegzeit ist plötzlich von 1951 die Rede. Meint die 55 das Jahr des Collegabschlusses?

    Schönes Benjamin-Franklin-Zitat zur Frage, was Demokratie sei: wenn zwei Wölfe und ein Schaf wählen, was es zu Mittag geben soll.

    Auf großer Klangwolke gleitet dieser besonnene, wache, aufmerksame Film ohne Ruckeln dahin.

    Comments Keine Kommentare »

    Noch vor dem ersten Bild kündigt die Tonspur dieses Filmes von Paul Verhoeven nach dem Drehbuch von David Birke nach dem Roman von Phillipe Djian düstere Melancholie an. In dieser Stimmung geht das vorläufige Hörspiel über in die Stimme einer Frau, offenkundig beim Geschlechtsverkehr und offenkundig kein lustvoll erwarteter, aber es sind auch nicht die Hilferufe wegen einer möglichen Vergewaltigung. Ein nicht weiter hintergründiger Geschlechtsverkehr begleitet vom Lärm oder Aufprall herunterfallender Gegenstände.

    Das nun erscheinende Bild zeigt Isabelle Huppert, die im Laufe des Filmes ihre typische Filmmaske partiell abzulegen versucht, und das offenbar konträr zur unkommentierten Malerei der Filmemacher hinter der Kamera.

    Sie liegt am Boden, verletzt, ein Maskenmann hat sie vergewaltigt. Sie berappelt sich. Muss sich pflegen und ein Date absagen, sie habe ihre Tage. Blut ist überall.

    Sie heißt in dem Film Michèle und ist erfolgreiche Produzentin von Videospielen. Haupttopos, was wir im Film zu sehen bekommen, ist ein Spiel mit einem krakenhaften Vergewaltigungsmonster, die Krakenarme sehen aus wie Schlangen und finden den Eingang zu den weiblichen Opfern.

    Diese Kraken scheinen das Symbol für den ganzen Film zu sein, für das Zusammenhängen und die Gewaltdurchdringung zwischen den Menschen, den Generationen. Michèles Vater war ein Serienmörder, sitzt hochbetagt im Knast. Ihre Mutter leistet sich junge Lover und wird dabei von Michèle ausgehalten, wie auch der Sohn, der mit einer jungen Frau zum Missfallen von Michèle zugange ist; der Enkel, den die beiden ihr präsentieren, ist brauner Hautfarbe.

    Das schlangenarmige Krakenmonster durchseucht den ganzen Film, traumlos, aber auch in keiner Weise Panik verbreitend. Es sind Gegenbilder gegen jegliche wohlgeordnete bürgerliche Welt; eine lustlose, aber reale Gegenwelt.

    Denn Michèle hat auch noch ein Verhältnis zum Mann ihrer Geschäftspartnerin und Freundin und sie wappnet sich auf den nächsten Überfall des Kapuzenmannes, kauft Hammer und ähnliche Gerätschaften, lässt sich Schießunterricht von einem zarthübschen Angestellten erteilen, der aber wiederum gar so nett nicht ist und ihr Bild in ein Gewaltviedo einarbeitet und überhaupt arbeiten alle Leute ganz auf der normalen Oberflächenebene miteinander, haben kulturell üblichen Umgang, den hat Michèle auch mit ihrem Nachbarn Patrick, der ist wirklich ein gut aussehender Mann und könnte jeden Arzt spielen, und dann ist es wieder wie beim mittelalterlichen Bild von der Frau Welt, wenn man es umdreht, sieht alles ganz anders aus; dieses Bild könnte vielleicht eine Hilfsstellung geben beim Entziffern dieses Filmes, der sich von der Bild- und Dialoggestaltung und Inszenierung her konsequent jeglicher Suche nach tieferem Sinn verweigert.

    Bleibt ein Schulterzucken übrig, wie die Huppert es am Schluss macht, wenn sie den Zukunftsweg in den Friedhof mit ihrer Freundin begeht. Aber Hochachtung vor Frau Huppert, was sie alles mit sich machen lässt, wozu sie sich hergibt. Illusionslos.

    Der Film drängt sich nicht auf, biedert sich nicht an, er will für sich sprechend sein.

    Comments Keine Kommentare »

    In Rumänien geht es um den reinen Geist, der sich von der Körperlichkeit befreit, in Wien zeigen die Blagen den Eltern wo es lang geht, in Island wird klar, wieso es den Eid des Hippokrates braucht, in Paris drängt die Wohnungsnot die Menschen dicht zusammen, in L.A. wird Anastasia zum Glücksfall für Christian, ein Junge vom Mars besucht die Erde und in Kopenhagen gibt es ein berühmtes Restaurant.

    SCARRED HEARTS – VERNARBTE HERZEN
    Schwarzmeerküste, Oberkörpergips, dichterischer Geist, Knochentuberkulose; ein Filmkunstwerk aus dem Kinowunderland Rumänien.

    WAS HAT UNS BLOSS SO RUINIERT?
    Dass Kinder ein Eigenleben haben, bringt so manch Erwachsenenleben durcheinander.

    DER EID
    Es gibt gute Gründe für den Eid des Hippokrates, denn wehe, wenn nicht; in Island gedeiht dann der blanke Horror.

    MADAME CHRISTINE UND IHRE UNERWARTETEN GÄSTE
    Ist doch genügend Platz in den alten Pariser Bürgerhäusern angesichts von Zuwanderung und Wohnungsnot und dem Autor hilfts auch.

    FIFTY SHADES OF GREY: GEFÄHRLICHE LIEBE
    Der Sadist Christian befreit sich von seiner Sucht, womit der Sado-Maso-Film zum Läuterungs- und Hochzeitsfilm wird.

    DEN STERNEN SO NAH
    Ein Junge, der auf dem Mars aufgewachsen ist, kommt zur Erde und vertilgt einen Mars-Riegel.

    NOMA
    Bewunderungsdoku über ein berühmtes Restaurant und seinen Koch.

    Comments Keine Kommentare »