Liebe Leser, liebe Fans dieser gar nicht mehr so kleinen Filmseite, liebe (bisweilen streitbare) Kommentatoren!

    Heute vor 6 Jahren hat unser mysteriöser Stefe seine erste Review bei filmjournalisten.de veröffentlicht. Er hat sich seit diesem ersten Text über die Maßen eingebracht, hat geradezu eine Berufung gefunden und seither schon sage und schreibe schon über 1.950 Kritiken hier veröffentlicht.

    Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich und zutiefst bei Stefe bedanken. Ohne ihn und seine cineastische Aufopferung (er schaut wirklich jeden Film, den er kriegen kann, und schreibt über praktisch alle) wäre diese Seite schon lange einseitig und öde, wenn nicht sogar gar nicht mehr online.

    Lieber Stefe, Worte können nicht zum Ausdruck bringen, was Du für unsere Seite hier getan hast. Du bist einmalig, ein Wink des Schicksals, ein absoluter Glückstreffer, ein traumhafter Partner in diesem schönen Umfeld. Ich hoffe, dass wir noch lange Spaß miteinander und an der Sache haben, und dass Du auch weiterhin mit Biss, aber nie unfair, berichten wirst – aber nur, solange Du auch Lust dazu hast!

    Ich denke, die Leser sehen das genauso – auf die nächsten sechs Jahre, mindestens!

    Julian

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    Süßholz-Kino, das den krassen Widerspruch zwischen dem darin behaupteten Kunstideal der Authentizität und der eigenen Performance nicht aushält.

    Es geht um die Kunst eines DJs. Die Musik, die er generiert, soll authentisch sein, heißt es in diesem Film von Max Joseph, der mit Meaghan Oppenheimer nach einer Geschichte von Rick Silverman auch das Drehbuch geschrieben hat, soll aus seinem eigenen Lebens- und Erfahrungsbereich stammen und zwar im Sinne der Resonanz, dass sie die Massen bei den Konzerten elektrisieren kann, weil sie darin eigenes Leben erkennen können – was inkludieren würde, dass der DJ seinen Lebenserfahrungsbereich dem der Massen anpasst; er müsste also ein Anpasser sein.

    Die „Erlebnisse“ aus denen unser DJ Cole, Zac Efron, seine Künstleridentität erzeugen soll, das ist Joggen mit Kopfhörern durch Pappelallen, entlang von Pinienhecken, an Stromleitungstrassen vorbei, das sind wilde Tiere im Fernsehen, das ist das Abrollen eines Geldstückes auf einer Tischplatte, das sind Reihen von Häusern, das ist das Antuckern von Dachpappe auf das undichte Dach der heruntergekommen Villa ohne Pool im Wasser, in welcher er mit seinen Freunden in einem verlorenen Tal irgendwo hinter Hollywood wohnt, rumhängt, nach Inspiration sucht, Drogen und Alkohol konsumiert; in der Schilderung dieses Lebens kennt der Film kein Ende.

    Geld können er und seine Freunde im dubiosen Immobilienladen von James verdienen, ein Geschäft, was im Gefolge des Platzens der Immobilienblase von den Banken mit überschuldeten Hausbesitzern brutal betrieben wurde. So ganz wohl ist Cole nicht bei der Sache. Außerdem bandelt er mit der „Assistentin“ von James an. Er kommt also mehrfach nicht los von James, weil der ihm auch Gigs anbietet.

    Die Freunde selbst verbindet außer der Träumerei von einer Karriere nicht viel. Vor allem eine Eskapade in einer leerstehende Traumvilla mit tödlichen Ausgang bleibt in Erinnerung.

    Erst im Moment, wo es um das karrierfördernde Sommerkonzert geht, da macht es endlich Klick bei Cole. Jetzt baut er die eingangs geschilderten Erlebnisse in seine Kunst ein. Aber das ist bei einer Figur wie Zac Efron so ein Problem. Er sieht vielleicht nach manchen Schönheitsvorstellungen von Männern hübsch aus. Es gibt einen Film, in dem er mich beeindruckt hat: Um jeden Preis, vielleicht, weil er da in Dennis Quaid einen ernstzunehmenden Spielpartner hatte. Aber hier steht er vor allem da und ist für einen DJ mit viel zu muskulösen Oberarmpaketen bestückt, hat zwar seinen Silberblick, wirkt so, als sei er ständig besorgt, von seiner Schönheit könnte bei einer unbedachten Bewegung etwas abfallen, aber sonst wird nicht viel klar bei seiner Figur. Es fehlt ihm gerade die Authentizität, die der Film doch für die Kunst reklamiert. Er wirkt viel eher wie ein Synthetic-Star-Product aus der Duftindustrie.

    Wer keinen Zugang zu diesem Life-Style und zu dieser Musik hat, der wird ihn durch diesen Film nicht finden.

    Ein Beispiel für das Süßholz ist eine Kussszene in einem feinen Hotel zwischen Cole und der „Assistentin“ beim Frühstück, dazu fallen Texte mit den Wünschen zu den Zutaten zum Frühstück. Und es ist wenig authentisch, wenn die Assistentin links und rechts eingerahmt von James und Cole auf einem Sofa sitzt und sie alle trinken Mineralwasser wie auf Kommando aus Flaschen, das kommt als Operette rüber, Süßholz, nicht aber Authentizität.

    Und weil Zac der Held ist, will er nicht mehr mitmachen beim bösen Geschäft von James, nachdem er schweigender Zeuge wurde, wie diese eine bemitleidenswerte Frau aus ihrem eigenen Haus raustrickst. Noch rührender, noch kitschiger kommt dann die Pseudowiedergutmachung mit dem Schuhwerbungskarton raus, in dem Cole Bargeld sammelt – oft kriecht er im Film unters Bett und steckt Scheine rein – und dass er dieses der armen Frau schenkt. Das ist vielleicht Märchen, kaum Authentizität. Auch die Dreiecks-Geschichte zwischen Cole, James und der „Assistentin“, die kommt wie ein putziger Papierkonflikt daher.

    Religiös ist in diesem Film keiner, an einer Stelle aber, bei der Beerdigung von Sqirrel, da sind sie plötzlich alle jüdisch. Das kommt etepetete rüber, wie hier sowieso alles so käsig redlich aus der Sicht des Protagonisten erzählt wirkt, der bei seinem Publikum als ein guter Mensch dastehen möchte und der dafür auch die rechte Lehre von der Kunst vertreten möchte, selbst wenn er sie wegen seiner Rücksichten aufs Publikum gar nicht beherzigen kann. Das honorige Motiv, er wolle einen Quality-Song machen, will sagen: das Bekenntnis zur Authentizität ist vielleicht die größte Lüge, die es in der Kunst gibt, weil es Bekenntnis ist und nicht Kunst.

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    Auf der interpretatorischen Ebene, und sich auf diese zu begeben, gibt diese britisch-irische Hommage an einen Außenseiter von Lenny Abrahamson nach dem Drehbuch von Ron Jonson und Peter Straughan allen Anlass, setzt der Film in britisch-stoischer Erzählkultur, die dem Gefühl genügend Raum lässt, tiefe Nachfragen nach der Kunst als Musik und Liedtext, ihrem Sinn und Stellenwert in Gang.

    Gleich die erste Szene zeigt, wie ein Lied zustande kommen kann aufgrund wacher Wahrnehmung des Phänomenologischen. Der Autor, der Dichter Jon Burroughs (Domhnall Gleeson), der ein angepasster Angestellter ist, wenn auch sein Rotschopf, seine Kulleraugen vom Standardmaß leicht abweichen, steht am Meer, betrachtend. Die Bilder bringen ihm die Texte und die Fragen, das Meer, wo trägt es mich hin (diese Geschichte, wo trägt sie uns hin?). Eine Frau mit einem roten Mantel liefert weitere Bruchstücke.

    Zuhause sehen wir ihn am Keyboard üben und komponieren.
    Am Meer wird er Zeuge eines Zwischenfalls. Ein Mann droht, sich im Meer zu ertränken. Zwei Polizisten versuchen, ihn davon abzuhalten. Schaulustige stehen in diskreter Entfernung. Ein Mann, der neben Jon zuschaut, Don (Scot McNairy) entlässt seinem Mund die Bemerkung, es handle sich um seinen Keyboarder. Die Gruppe hätte an diesem Abend Auftritt. Jon ist das bekannt, er gibt zu verstehen, dass er Keyboarder sei.

    Das ist der Anfang einer ziemlich unglaublichen Geschichte, die sich um die Titelfigur Frank (Michael Fassbender) dreht, der Spiritus Rector und Sänger der Band mit dem schier unaussprechlichen Namen (auch das wird an einer Stelle thematisiert).

    Frank läuft Tag und Nacht mit einer Art Mondmann-Maske herum; allfällige Gesichtsregungen tut er verbal kund; er erinnert in der Melancholie, die er im Betrachter auslöst, an den Elefantenmenschen von David Lynch. Er ist Perfektionist, kann selbstverständlich einen zweiten Texter und Sänger neben sich nicht brauchen; vielleicht ist auch er es, der Verzweiflung in anderen Menschen säen kann. Er scheint auf öffentlichen Auftritt wenig wert zu legen; Klickzahlen im Internet können ihm irgendwohin geschossen werden.

    Wegen dem Zwischenfall am Meer wird Jon praktisch über Nacht von der Band als neuer Keyboarder engagiert, der führt einen Blog, hagtasht in die Welt hinaus. Er ist glücklich, aber anfangs auch zaudernd, denn ohne Ankündigung fährt er mit der Truppe in ein einsames Haus nach Vetno in Irland, weil dort das neue Album aufgenommen werden soll. Aus dem einen Tag, den Jon erwartet hat, wird ein Jahr.

    Wenn das Kino so eine ungewöhnliche Geschichte und doch so herzlich wie nüchtern erzählt, dann ist es sicher ganz nah bei sich. Die Menschen in dieser Hütte sind auf die Musik konzentriert, ein Privatleben, Affären, das gibt es nicht; Hinweise auf ein etwas verqueres Sexleben von Don, seine Schwierigkeit mit Frauen. Was nicht daran hindert, dass mehr zufällig und weil die Natur gerade darnach ist, es im Badebottich zu einer Geschlechtsverkehrsszene kommt.

    Ansonsten ist das Programm musikalisch und fängt als Warm-Up mit einer Art Feldforschungs-Tonsuche an. Die Band ist pionierhaft; später wird es anlässlich der Teilnahme an einem Festival in Texas zu einer Diskussion über gefällige und massentaugliche Musik kommen; 20’000 und ein paar zerquetschte Klicks auf Youtube reichen dafür allerdings nicht aus.

    Die Texte handeln vom zerbrochenen Ruder oder vom gebrochenen Flügel; auch das Thema der psychischen Erkrankung kommt ganz beiläufig immer wieder auf den Tisch; Grenzgängersituationen durch und durch; Sujet der gebrochenen, anfälligen Seelen, die in einem Geldverdienalltag, in einem geregelten Alltag deplaziert sind und daran zerbrechen; aber das kann ihnen sogar in einer solchen Gruppe passieren, die sich als geschützter Raum gibt.

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    Der ausführliche und emotionsgeladen emotionale Versuch, die Geschichte der Musikgruppe NWA nachzuzeichnen, sie in Daily-Soap-Manier erlebbar zu machen mit allen Höhen und Tiefen der Gefühle, mit den Erniedrigungen, die die Schwarzen noch heute dauernd erleben, mit den geschäftlichen Unerfahrenheit, die sie als Kinder aus einfachen Schichten aus Compton mitbringen und für die sie teuer bezahlen.

    Es sind dies die Musiker Ice Cube, Dr. Dre, Eazy-E, Dr. Yella und Mc Ren. Wer diese Musiker kennt und schätzt wird sicher einen einfachen Zugang zu diesem Film haben, der Kenntnis seiner Protagonisten und von deren Musik, Gangsta-Rap, dessen Hauptbeweggrund die Unterdrückung ist und auch der Hass auf die Polizei. Der Film wirkt außerdem wie eine PR-Aktion für ein gerade erschienenes, neues Soloalbum des Dr. Dre.

    Der Aufstieg von NWA verläuft raketenhaft, „taking the nation by storm“. Schnell sind sie so abgebrüht, dass sie jegliche Publicity für wichtig halten, ob mit Exzessen, Schlägereien, Drogen oder Übergriffen durch die Polizei und auch die Kämpfe untereinander.

    F. Gary Gray inszeniert das nach einem Drehbuch von Andrea Berloff, Jonathan Herman + 2 mit einem lockeren Cast, den er zu forciert-engagiertem Sprechen anhält. Das fällt besonders auf, wenn im Nachspann Aufnahmen von den Originalfiguren kommen, wie die doch viel normaler daherreden.

    Und am Schluss wird’s dann noch ein Aids-Melodram. Der Film beginnt 1988 und geht bis 1995, bis zum Tode von Eazy-E, einem weiteren, schmerzhaften Höhepunkt.

    Mit dem Song „Fuk da police“ gibt es eine kleine Schnittemenge zu einem bayerischen Liedermacher, der auch heftig auf den Staat gespottet hat und ständig dafür bestraft worden ist: Hans Söllner.

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    Hochsensibles, nahes Potrait des Künstlers als eines Buben, der im Rom von 1974 in den Widersprüchlichkeiten einer modern sein wollenden Künstlerfamilie aufwächst und in dieser präpubertären Zeit seine erste Super-8-Kamera erhält.

    Dario heißt der Bub, aus dessen Sicht diese Zeit und ihre Konflikte geschildert werden. Der Film könnte in das Genre künstlerischer Selbstportraits eingeordnet werden. Nie haben die Buben, Dario hat noch einen kleineren Bruder, den Vater Guido, Kim Rossi Stuart, Vater genannt, und auch die Mutter Serena, Micaela Ramazzotti, nie Mama.

    Vater ist Künstler, bildender Künstler, der im Trend sein will, der von der großen Ausstellung in Mailand träumt. Richtig erfolgreich ist er nicht. Er hat es mit den Frauen als Models, denen er in Performances Ganzkörperbemalung angedeihen lässt oder von denen er Ganzkörperabdrücke in Gips zur Herstellung von Skulpturen macht. Er nascht auch privat an seinen Models, das hat für ihn nichts mit Liebe zu tun, wird er später seiner Frau sagen, „Picasso hatte drei Frauen“, das scheint ihm ganz normales künstlerisches Privileg zu sein, denn Bett muss nicht gleich Liebe sein.

    Wie Serena dahinterkommt, verreist sie mit den beiden Buben und der Galeristin Helke, gespielt von Martina Frederike Gedeck, in die Camargue in ein Feministinnencamp (Thema: Befreiung der Frau und Emanzipation) und entdeckt die Liebe zu dieser.

    Das gibt wiederum dem Künstlergatten zu schaffen, der sich doch so frei, so offen, so emanzipiert fühlt – auf seine Weise. Das führt später zu einer richtig ulkigen Szene, wie er, offenbar nur aus Prinzip und gegen jede Neigung oder gegen jedes Gefühl, einen Kollegen küssen möchte.

    Die Kinder bekommen alles mit, sie wachsen mit der Kunst auf, mit den nackten Models, sie erleben die Performance in Mailand, von der sich Guido so viel verspricht. Dort betritt Guido nackt den Ausstellungsraum, begleitet von mehreren nackten Models. Erst bemalen sie ihn, dann macht er ein großes Brimborium daraus, ihnen mit Farbe und mit seinen Händen auf den Brustbeinen seinen Stempel aufzudrücken.

    Es folgt der provokante Satz ins Publikum, dass er sieben Frauen suche, die sich spontan ausziehen und von ihm auch den Farbstempel aufdrücken lassen wollen. Erwartungsgemäß traut sich niemand; aber gegen die Verabredung ist Serena mit den zwei Buben gekommen und lässt sich stempeln. Das irritiert Guido und der Satz kommt etwas verwittert daher, dass er jetzt noch sechs Frauen suche, die es ebenso tun würden.

    Das Presse-Echo auf seine Aktion ist wenig schmeichelhaft, der Kunstkritiker bewundert Guido in seiner Konsistenz – in seiner Konsistenz der Banalität. Guido verschweigt die niederschmetternde Kritik seiner Frau und ist bedrückt.

    Daniele Luchetti, der mit Sandro Petraglia, Stefano Rulli und Caterina Venturini auch das Buch geschrieben hat, hat für die beiden Söhne zwei großartige Buben gecastet, vor allem hat er sie mit großen Augen wachsam inszeniert. Dario spielt einmal Schneewittchen und die Mädchen versuchen dieses wachzuküssen, zarte Ahnung von Liebe, die in seinen Träumen schon viel heftigere Ausmaße annimmt.

    Lucchettis Film kommt daher wie ein ganz persönlicher Bericht, obwohl das Biographische nur Substrat und nicht Subjekt ist. Luchetti ist immer nah an den Figuren, sie reden nie zu laut, wenn nicht gerade einmal einem die Nerven durchgehen; sie sind immer glaubwürdig; der Film wirkt wie ein dokumentarischer Bericht, gerade auch durch die Mischung von Super-8 und Zelluloid – mehr ist von Fiktion kaum zu erwarten.

    Deutlich wird auch die zwiespältige Situation der Buben zwischen ihrem Anspruch an Vater- und Mutterliebe, an Anerkennung (erst am Schluss wird Dario nach einer traumhaft schönen Unterwasserszene sagen, endlich habe sein Vater ihn wahrgenommen) und künstlerischer Selbstverwirklichung, die sich, wenn überhaupt, dann nur schwer mit dem Familieninteresse decken kann; eine Prägung der Buben im Sinne der Unmöglichkeit, der sich auch in einem Wutausbruch des Buben in aller Öffentlichkeit entladen kann, indem er die Eltern anschreit, sie seien Arschlöcher. Bei aller dieser Härte wirkt der Film wie hingehaucht auf die Leinwand mit ganz zartem, fühligem Pinsel.

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    Hohe Knabengesangsstimmen in Chören sind ein faszinierendes, hochkulturelles Phänomen in unseren Breiten. Darüber berichtete schon die Dokumentation Die Thomaner.

    Knabenchöre (oder ihre Leiter) scheinen sich nach Berühmtheit zu sehnen. Daraus bezieht dieser Film sein spannungsgebendes Potential, denn ein Knabe, der ein hohes D tirillieren kann, der ist für den Sieg beim Gesangswettbewerb und damit für den Ruhm des Chores unerlässlich.

    Faszinierend am Knabenchor ist vielleicht nicht nur der extremen sinnliche Reiz, dieser Leichtigkeit, die noch an Eindrücklichkeit gewinnt, wenn sie in Melodien von Händel eingebunden ist und in einem Kirchenraum zum Besten gegeben wird. Der Reiz dieser Knabenstimmen, die wie Schmetterlinge in der Kulturlandschaft flattern, nicht ganz passender Vergleich, liegt auch in der Schwere der Umgebung, in der sie gedeihen. Liegt in der Schwere der Institutionen, die solche Sängerknaben erziehen und zu gesanglichen Höchstleistungen antreiben, das war schon bei den Thomanern so.

    Und so ist es auch in diesem Film von Francois Girard nach dem Drehbuch von Ben Ripley. Die Institution ist düster, ausgestattet mit schweren dunklen Möbeln, das Lehrerkorps ist steif und schwerfällig, festgefahren mit unterschiedlichen Lehrmethoden, parteiisch und wirkt so noch dumpfer im Gegensatz zu den leichten Knabenstimmen, wie knorriges Wurzelwerk, aus dem Orchideen entspringen sollen.

    Ein weiterer, höchst exquisiter Reiz liegt darin, dass die Natur diese Begabung, die sie Knaben gibt, bald schon kassiert, ganz übel mit dem Stimmbruch. Dass also keiner eine Erwachsenen-Karriere damit planen und bestreiten kann. Das hat mich schon bei den Thomanern gewundert, was aus den ehemaligen Sängern geworden ist. Ganz sparsam sind auch einige Informationen rübergekommen.

    Francois Girard erzählt hier mit einem Hang zum Schwülstigen von der die Faszination durch solche Knabenstimmen nach einem Buch von Ben Ripley, das trieft vor Rührpotential, als ob Felsen zum Weinen gebracht werden sollen. Stet, so heißt der Hauptknabe in diesem Film, ist das Produkt eines Seitensprunges eines Prominenten. Seine Mutter ist drogenabhängig, nicht erziehungsfähig, er selbst gilt als schwer erziehbar. Er kann sich an keine Regeln halten. Aber er hat die seltene Begabung einer wunderschönen Knabenstimme und ist musikalisch dazu.

    Frau Steel, Debra Winger, eine Lehrerin an seiner Schule, erkennt diese Chance im Leben von Stet. Denn mit seiner Sonderbegabung könnte er eventuell ans Internat des amerikanischen Bubenchores wechseln. Das wird nicht glatt vor sich gehen. Zu diesem Glücksziel baut das Buch Hindernisse ein: ein verpatztes Vorsingen. Der Leiter der Schule, eine stoischer Dustin Hoffman, sieht zwar die Begabung, aber er kann die Disziplinlosigkeit nicht akzeptieren. Andererseits steckt Hoffman in der Bredouille. Sein Chor ist einfach nicht so gut, wie er möchte, er stinkt gegen die Wiener Sängerknaben ab. In so einem Fall ist ein Vater, der immerhin zu seinem geheimen, illegitimen Sohn steht und der genügend Geld hat, hilfreich. Er bringt den Sohn eigenhändig mit einem großzügigen Scheck am Institut unter.

    Zum höheren Glanz der Helle der hellen Stimmen malt der Film dagegen auch die dunklen Seiten einer solchen Institution: Rivalitäten im Lehrkörper, der Lehrer, der nur auf das Abtreten des Chefs wartet, die Chefin, die sich gelegentlich woandershin wünscht. Und auch die bitterböse Konkurrenz unter den Stars des Ensembles, die vor dreckigen Gemeinheiten nicht zurückschrecken.

    Ein Blondschopf ist die Nummer eins. Er wird sich richtig mies benehmen, wie Stet sich nach vorne arbeitet, der anfangs nicht mal Noten lesen kann. Die Händel hinter Händel bilden den dunklen, dicken Begleitakkord hinter dem grandiosen Händel-Schlusskonzert, was das Happy-End einleitet.

    Der Titel des Filmes erzählt sicher nichts über die Stimmen, charakterisiert sie nicht, er kündigt vielmehr mit dem Zusatz „Stimmen des Herzens“ an, dass er eine Rührgeschichte im Sinn hat – und das recht schematisch und gründlich.

    Ein anderer, neuerer Film, der sich mit mit pointierter These statt mit Rührstory mit der Musikpädagogik befasst: Whiplash.

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    Drei ineinander geschnittene Geschichten erzählen geradeheraus aus dem Nähkästchen des Adels, wie er sich fortpflanzt, wie er sich die Macht sichert, wie er auf seinen Selbsterhalt bedacht ist und vor welch obskuren Mitteln er dazu nicht zurückschreckt. So mächtig das Schicksal, das der Adel bezähmen muss, so mächtig seine pittoresken Schlösser. Oder: ein schauderhaftes Röntgenbildes des Adelsstandes in Märchenform erzählt. Siehe Review anlässlich Filmfest München.

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    Eine packende Filmdokumentation mit einem showperfekten, abgründigen Protagonisten begleitet von einem hartnäckigen Dokumentaristen mit wacher Kamera und ganz uninfiziert vom Fernseh-Asthma-Rhythmus.

    Das Thema ist mindestens ein doppeltes, zum einen geht es um die Resozialisierung eines Lebenslänglichen, der 21 Jahre in einem rumänischen Hochsicherheitstrakt eingesessen hat; gleichzeitig aber wird daraus auch eine europäische Migrationsgeschichte, eine erfolgreiche sogar und an einem bestimmten Moment gibt es als bittere Würze einen Schockeinblick in die Mechanismen des modernen Dokumentarfilmes.

    Aber der Reihe nach. Der rumänienstämmige Filmemacher Andrei Schwartz ist im Rahmen einer Reportage über ein rumänisches Gefängnis auf den Insassen Gabi, den lausigen Juden, wie er sich selbst vorstellt, gestoßen. Ein Lebenslänglicher, der wegen Mordes einsitzt. Er hat eine Staatsanwältin, die ihn grundlos ins Gefängnis gebracht hat, nach Absitzen der ersten Strafe aus Rache dafür ermordet. Das sei alles zum Vornherein ein abgekartetes Spiel gewesen mit seiner Verurteilung erzählt er später, weshalb er seine Wut an ihr ausgelassen habe.

    Schwartz hat über die Jahre den Kontakt zu Gabi gehalten, ihn immer wieder besucht. In diesem Film beginnt er nach kurzer Einführung ab dem Zeitpunkt der letzten Anhörung, die zur Entlassung führt, und die Zeit darnach.

    Erst erzählen einige Impressionen vom Gefängnisleben, wie die Gefangenen über die Fensterfront von Zelle zu Zelle sich austauschen, wie sie Gegenstände in Tüten an Schnüren von Fenster zu Fenster schwingen, wie sie durch die Gitter Wäsche aufhängen oder mit Spiegeln miteinander kommunizieren oder den Himmel sehen können. Das Leben hinter Mauern entwickelt seine Qualitäten. Urig gemütlich wird’s, wenn diese 8 oder 9 Männer in einer einzigen Zelle am Abend vor Gabis Entlassung feiern und einer zum Akkordeon einen Rap zum Besten gibt, so schwanen doch dem Zuschauer die Schwierigkeiten, die draußen warten.

    Gabi wird mit knapp zehn Euro Bargeld entlassen. Zum Glück hat er Familie. Wobei der Vater sich schon vor Jahrzehnten abgeseilt hat, angeblich, wegen der Kriminalität seines Sohnes. Zwischen Mutter und Sohn herrschte zehn Jahre Funkstille. Sie meint später, Gabi sei seit der Pubertät schwierig geworden.

    Gabi ist insofern auch ein Sonderfall, als er bei all diesen Vorgängen gefilmt wird. Es ist dies ein Team bestehend zumindest aus dem Dokumentaristen, der eine freundschaftliche Beziehung zu Gabi aufgebaut hat, einem Kameramann und vermutlich einem Tonmann. Der hagere Gabi ist sich dieses Sonderstatus‘ durchaus bewusst, wenn er Andrei bittet, vor der letzten Anhörung doch nach Rumänien zu kommen, weil das könne sich positiv auswirken. Was es wohl auch getan hat.

    Es folgt, durchaus erwartbar, die Sozialtragödie. Wie will so einer einen Job finden, der 21 Jahre vom Leben weggesperrt war? Im Wohnblock der Mutter fangen die bösen Gerüchte an, „die Nachbarn zeigen die Krallen“, ob wegen dem Filmteam oder wegen dem Mörder ist nicht ganz auseinanderzuhalten.

    Jedenfalls kommt in so einem Fall der Dokumentarist nicht darum herum, sich als Bewährungshelfer zu betätigen. Da es in Rumänien keine reellen Stellen für einen Lebenslänglichen gibt, bietet sich über einen Kontakt von Andrei ein Job in Bayern an. So wandelt sich der Film zur glücklichen Resozialisierungs- und gleichzeitig Immigrantenstory. In Deutschland ackert Gabi für zwei, macht sich unentbehrlich und es ist ihm egal, ob sie ihn deswegen Asterix oder Duracell nennen.

    Da Andrei hartnäckig ist und unbedingt die Akte der Gerichtsverhandlung, die zu Gabis lebenslänglicher Verurteilung führte, einsehen will, was nur nach langem Bemühen gelingt, ergibt sich für den Film noch ein unerwarteter Twist, der die Geschichte aus einem weiteren, nicht unwichtigen Winkel beleuchtet und der auch des Zuschauers Erwartungshaltung an so einen Film in Frage stellt: die Anfälligkeit von Filmemachern, Medien und uns Gutmenschen auf die Geschichten von sozialen Außenseitern und deren Kalkül damit.

    „Auf dieser Seite des Tisches fühlt man sich auch nicht wohl“ sagt Gabi bei einem Knastbesuch nach einiger Zeit in Freiheit und, dass er draußen nur lauter Vereinsamte antrifft. Der Knast als verschworene Gemeinschaft.

    Einen Job hätte er in Rumänien haben können, als Claqueur im Studio für die Fernsehsendung „Wer wird Millionär“ – für 5 Euro am Tag. Sicher wäre es an diesem Zeitpunkt nicht ungeschickt gewesen, wenn der Dokumentarist offen gelegt hätte, welche wirtschaftliche Regelung er mit seinem Protagonisten für die Dreharbeiten getroffen hat.

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    Aus dem Paradox, dass durchs Jucken des Geschlechtes Familien entstehen, dieses Jucken aber in der Familie für den aufgeilenden Nachwuchs tabuisiert und nur den Eltern vorbehalten ist, bei diesen aber gerne in Routine einschläft, bezieht diese Art von Familienkomödien ihren „Humor“, dessen Dasein streng auf den Bereich unterhalb der Gürtellinie limiert ist.

    Erschwerend kommt hinzu, dass es sich um den Neuaufguss eines Erfolges von vor etwa 30 Jahren handelt, eine Aktualisierung der Humorlage aber gar nicht erst versucht wird von John Francis Daley und Jonathan M. Goldstein, die für Buch und Regie stehen.

    Es ist die Nachfolgegeneration, die letztes Mal als Kinder noch unwillig mitgefahren sind, die jetzt der Familie Griswold den Urlaub diktieren und aufzwingen, es ist der Papa, Rusty, Ed Helms, ein Komiker dessen wenigen, effizienten Mittel der entgeistert-erstarrte Blick großer Augen und die blendend weißen Zähne sind. Seine Frau heißt Debbie, wird gespielt von Christina Applegate, und die beiden Buben heißen James (das ist der größere) und der kleinere, präpubertäre ist Kevin.

    Die Jungs geben die Geographie der Lustigkeit vor. Kevin schreibt auf die Gitarre von James: I have a Vagina, womit die Begrifflichkeiten für den ersten Familienstreit vorgegben sind. Lösungsversuch des Vaters: er streicht Vagina durch und schreibt Penis hin. Man denkt voraus in diesem Film. Später wird das bei der ersten zarten Begegnung von James mit Adena dazu führen, dass sie als ersten Satz sagt: I have a penis, den sie abliest. Soll keiner sagen, das sei nicht durchdacht, was hier abgeliefert wird.

    Bewunderungswürdig sind sie allemal, die amerikanischen Schauspieler und die praktisch durchs Band unifiziert gesichtsmodifizierten Schauspielerinnen, wie sie sich für diesen Scheiß, der Ausdruck ist durchaus nicht deplaziert, reinhängen, da könnten sich ihre deutschen, subventionsgemästeten Kollegen allemal was abschneiden davon, denn im „raw sewage“ landet die Familie auch und sie halten es für ein Heilbad – das ist der Moment, wo der Humor sogar hintergründig wird. Griswolds wollen nämlich bei einem Naturpark sich nicht in die Autoschlange einreihen, um zu den heißen Quellen zu gelangen, sie suchen einen Schleichweg und der führt sie directemang in die Scheiße.

    Aber auch die Story hat Hand und Fuß. Die Familie will, um nicht in Urlaubsödnis zu verfallen, sich auf einen Raodtrip mit einem Familienauto begeben. Ziel ist ein Vergnügungspark, auf welchem sie Achterbahn mit Looping fahren wollen. Es gibt diverse Zwischenstationen in diversen Staaten. Und bei jedem Zwischenstopp scheinen zum Vornherein die Pannen, die wieder passieren werden und die schlüpfrigen Witze, eingeplant, weil die Autoren es gar nicht mehr für nötig hielten, nach irgendwas zu suchen, weswegen es sich lohnt, in einer Familie zu leben, sie vermitteln dem Zuschauer zu offensichtlich, dass Familie für sie nur ein Ausbeutungsmaterial ist zwecks Lustigkeitserzeugung.

    Wenn den Autoren gar nichts mehr einfällt, dann muss eben eine Kuh überfahren werden oder man lässt den Gummibootfahrer über einen Wasserfall runterstürzen und Schnitt. Oder man erfindet einen furchterregend aussehenden Truck mit einem Teddy vorn auf der Kühlerhaube, der lange als Gefahr für das knallblaue Familiengefährt eingeführt wird, eine asiatische Marke mit entsprechend unverständlich geschrieenen Anweisungen, ein Auto, was sich offenbar immer wieder selbst aufrappelt nach den ständigen Demolagen, die es erleidet, Opfer von mit dem Holzhammer gezimmerten Gags oder man konfrontiert, das ist ja nicht übel gedacht, die Mutter auf ihrem ehemaligen Collage mit einem Partyspiel, das sie vor 30 Jahren erfunden haben soll.

    Die Musik immerhin lässt sich von gar nichts beirren, sie versucht dem Film Schwung und Stimmung einzuflößen.

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    Ein zartes Pflänzchen von Genrekino im Pfründen- und Förderland, das allerdings gegen Ende hin lahmt.

    Kerstin Ahlrichs, eine Regisseurin, die laut IMDb bisher Lindenstrasse inszeniert hat, versucht sich hier an der Verfilmung eines Romans von Karen Duve, die auch das Drehbuch geliefert hat, laut IMDb auch ihr Debüt als Drehbuchautorin.

    Der Eindruck entsteht, dass es sich um eigene Erlebnisse der Autorin handelt, es mögen auch Erlebnisse von Bekannten sein. Jedenfalls lässt die Exposition darauf schließen. Eine Jugend in den 80er Jahren. Eine junge Frau, die bei einer Versicherung als Büroangestellte eine Lehre machen soll. Sie bricht diese ab und beginnt als Taxifahrerin zu arbeiten. Das scheint im Hamburg der 80er Jahre noch sehr einfach gewesen zu sein und offenbar war es auch gut möglich, das Geld schwarz zu verdienen.

    Zur Glaubwürdigkeit der Story trägt die familiäre Situation bei, die soweit erklärt wird, dass Alex, Rosalie Thomass, Sozialhilfe beziehe. Damals wurden für diese Gelder auch auf die Familie zurückgegriffen, die ersatzweise für die Kosten aufkommen musste.

    Die Liebe zu den 80ern manifestiert sich auch in der Werbung auf den Taxis für die „Szene“, die erste Stadtzeitung. Die sind damals gerade aufgekommen. In der Exposition wird auch ein Thema angedeutet: Jugend und Freiheit, auch eine Wandinschrift „Fick Dich Frei“. Das tut Alex ausgiebig. Sie will aber keine Beziehungen.

    Weiter lässt hoffen in der Exposition die Charakterisierung der Taxifahrerkollegen, die gezielt leicht overacted inszeniert werden, das macht so ein Showlaune. Mit einem Kollegen, der ihr eine Wohnung verschafft, bandelt sie bald an. Aber sie fängt auch ein Verhältnis mit einem Zwerg an, das soll ein reines Fickverhältnis bleiben. Einmal fesselt er sie und sie wird ziemlich wütend, dass sie nicht los kommt, das kann sie schwer ertragen. Auch möchte sie arbeiten, denn sie war etwas nachlässig in letzter Zeit. Ab jetzt verschwimmt der Faden der Geschichte, verliert sich das Interesse an Alex, die doch als Figur eingeführt wurde, die einen großen Ernst hat, die die Welt betrachtet, die diese Selbständigkeit ausstrahlt, die durchaus auch zu einem blonden Vamp-Star passt.

    Später aber machen sich die Mängel in der Drehbuchbearbeitung bemerkbar. So ganz zwingend ist es nicht mehr, dass sie abhauen möchte mit dem Taxi bis Marokko, dass sie den Tierpfleger vom Zirkus aus der Taxe rausschmeißt und mit seinem Äffchen weiter fährt, bis sie endlich den Totalschaden zustande bringt. Dass ein solcher wünschenswert wäre, wurde früh im Film eingeführt, denn da zahlt die Versicherung, während der Blechschaden, den sie einmal verursacht hat, mühsam in der Garage ausgebeult werden muss und sich nicht rechnet.

    Vielleicht bleibt der Film zu sehr am Biographischen kleben, kennt zu wenig die Regeln für eine spannende Geschichte. Darum bleibt alles in Ansätzen stecken, die anfangs durchaus zu gewinnen verstehen, auch mit der Vertonung, dem Applomb von Ausstattung.

    Spät wird noch das Thema „Klasse haben“ eingeführt, aber auch das wird nur berührt und nicht ausgebreitet. Auch der Text der Ich-Erzählerin ist zuwenig filmaffin bearbeitet. Hier blinkt auch die Lebensphilosohie des Taxifahrens auf. Nietzsche wird einmal als Buch vor die Kamera gehalten. Themenmischmasch und großer Chargenauftritt von Armin Rohde als betrunkener Fahrgast. Sonst versandet der Film konturlos in Alex‘ Beziehungsclinch. Die Erzählung fasert aus, wie ein Fluss ins Delta im Mündungsgebiet.

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