Muttergespinst.

    Muttergespinst, Frauengespinst und zwischendrin ein bleicher, zarter schwarzlockiger Jüngling, der kein Bub mehr ist und noch kein Mann und um dessen Glück die Frauen sich kümmern.

    Es ist 1979 in Santa Barbara in Kalifornien. Präsident Carter ist gerade von einer Flugzeugtreppe gestürzt. Jamie (Lucas Jade Zumann) ist 15 und die Frauen um ihn herum, tja, was geht mit ihnen und in ihnen vor? Ein Vater ist nicht vorhanden.

    Jamie wohnt mit seiner Mutter Dorothea (Annette Bening) in einer großen, etwas heruntergekommenen Villa. Eine Untermieterin ist Abbie (Greta Gerwig), rothaarig, sie hat eben Gebärmutterkrebs diagnostiziert bekommen und erfahren, dass sie keine Kinder haben kann. Sie treibt es mit dem anderen Untermieter William (Billy Crudup), einem Mechaniker, der sich im Haus nützlich macht. Eine platonische Liebe verbindet Jamie mit seiner Buddelkastenfreundin Juie (Elle Fanning), sie ist blond und liebt die Reinheit ihrer Beziehung. Sie schläft gerne bei ihm ganz ohne Sex. Für ihn wird das zusehends unbefriedigend.

    Mike Mills (Beginners) beschert uns einen schönen Packen Erinnerungen, autobiographisch angehaucht. Es ist, als suche er in der präzisest möglichen Rekonstruktion seines eigenen Coming-of-Age einen belastbaren Fixpunkt in seinem Leben. Zumindest wirkt die Erzählung authentisch.

    Leichter festzumachen ist diese Authentizität an Zeitgeschichtlichem, an einer orignal eingespielten Ansprache von Präsident Carter, der von einer eklatanten Vertrauenskrise spricht. Wie heutig. Oder Emanzipation als Beihilfe zu Entschuldigungsschreiben für den Sohn fürs Fernbleiben von der Schule („ehrenamtlich unterwegs für Sandinisten“).

    Oder an der gängigen Frauenemanzipationsliteratur, die explizit Themen wie Menstruation oder Orgasmus abhandelt, in diesem Zusammenhang auch an einem aufwändigen Schwangerschaftstestgerät. Als ob es in der Liebe keine Geheimnisse geben dürfe, als ob alles erklärbar sei oder anhand des Streits zwischen Punk und „No Future“, der unangenehme Folgen wie Beschmieren des Autos zur Folge haben kann, mit dem wenig schmeichelhaften Text „Art Fag“. Auch das wird in verschiedenen Personen-Zusammensetzungen diskutiert, was ein Fag sei.

    Die Mutter will alles über ihren Sohn wissen. Sie möchte genau seine sexuelle und seine Liebesentwicklung mitbekommen. Wenn schon bei ihr nichts mehr los ist. Er soll es besser haben. Wobei nicht sicher ist, dass ihre Behüterei diesem Ziele dienlich ist. Sie will die Discos kennenlernen, in denen er tanzt. Sie setzt ihn auf die Untermieterin an. Er solle ihr Beistand leisten bei der schweren Diagnose.

    Mutter raucht Kette, eine Mentholzigarette. Mike Mills erlaubt sich auch den Ausblick in die Zukunft seiner Figuren, die er ja kennt. Was die Figuren alles noch nicht kennen, Handys, Angst vor dem Klimawandel, Computer.

    Teilweise hüllt Mills seine Erinnerungssuche in einen psychodelisch angehauchten Sound oder er lässt direkt Platten auflegen oder die Jukebox drücken.

    Weniger handgreiflich, schwerer belegbar sind die kleinen Gesten, das was sich in den Augen der Figuren tut, in ihren Gedanken, sie äußern ja nicht alles, auch wenn selbst bei einem Essen in großer Runde ausführlich über das Thema Menstruation diskutiert wird. Der Vergleich des eigenen Glücks mit demjenigen der anderen. Wie weit ist Glück machbar? Was hat die Pubertät dazu für eine Funktion? Wie weit ist eine Pubertät von elterlicher Seite steuerbar? Wie weit lenkt die Pubertät des Sohnes willkommenerweise die Aufmerksamkeit der Mutter weg vom Problem des eigenen, nicht so gewissen Glücks?

    Mills beschreibt die Charaktere der Figuren filigran. Achtet auf kleine Gesten, wie die Mutter unsicher den Sohn oder auch mal dessen Freundin mit der Hand streicht. Er setzt sich als Ich-Erzähler sowohl in die Position des Sohnes als auch der Mutter. Auch die Figuren selber versuchen, sich mittels Rollenspielen in die Position des anderen zu versetzen.

    Eine alles entschuldigende Begründung für den Charakter der Mutter findet der Sohn in ihrer Jugend: sie sei in der Weltwirtschaftskrise aufgewachsen. Ob sich daraus das Faible der Mutter für die Aktienkurse erklärt? Auch zu anderen Figuren gewährt uns Mike Mills biographische Einblicke, sowohl Herkunft als auch Zukunft betreffend. Die Tendenz des Zerredens von Gefühlen. Fazit: am anderen lässt sichs leichter am Glück rumdoktern. Hohe Glaubwürdigkeit der Performance.

    Um das Geheimnis in der Geheimnislosigkeit.

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    „Erneut zivile Opfer bei Drohnenangriff in Afghanistan“, eine Routineschlagzeile.

    Sonia Kennebeck bringt mit ihrem Dokumentarfilm über drei amerikanische Whistleblower, die bei der verruchten Drohnenferntöterei beteiligt waren, Licht, Leben, Nähe und Konkretion in diese häufige, abstrakte Nachrichtenzeile.

    Der Film sticht kinematographisch unter ähnlichen Dokumentationen hervor durch mehr Dichte und schöne ruhige Gestaltung, vielleicht ist im Hintergrund die Hand des Executive Producers Wim Wenders zu spüren.

    In der Berichterstattung bleibt es anonym. Weil sie vor allem von westlichen Medien kommt. Von den konkreten Schicksalsschlägen erfährt man wenig. Ok, es waren Kinder dabei, Frauen, was gehen uns die an, dürfte die normale Abwehrhaltung sein bei der Konfronation mit so einer Nachricht.

    Heather, Daniel und Lisa waren als amerikanische Militärs mit dem Programm an dieser oder jener Stelle befasst; konnten, wie Beispiele zeigen, die höchst mangelhafte Technik der Identifizierung der Zielobjekte, ob Kinder oder Frauen dabei sind, Waffen und ob die Männer überhaupt Kämpfer sind, nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren. Sie sind ausgestiegen und haben den Mund aufgemacht.

    Heather ist immerhin anerkannt als von einer posttraumatischen Störung belastet, sie quälen die Bilder, die Drohnenbilder, die sie analysieren musste, vor allem Situationen, in der sie auf Kinder hingewiesen hat, was aber von der Befehlskette ignoriert wurde; und dann durfte sie mitansehen, Tausende Kilometer von Afghanistan entfernt, wie Autos bombardiert werden, wie Körperteile durch die Luft fliegen, wie Menschen um ihr Leben rennen oder wild zu den Drohnen und Helikoptern am Himmel winken und Kinder auf ihren Armen herzeigen; und das alles, bloss weil manche Militärs auf hohe Tötquoten aus sind, weil sie das bessser dastehen lässt vor ihren Oberen.

    Lisa, die ebenfalls in diesen höchst geheimen Programmen tätig war, wollte sich mit Opfern konfrontieren, hat eine Freundin afghanischen Ursprung auf Reisen nach Afghanistan begleitet. In diesem Zusammenhang gibt es auch afghanisches Videofootage von der Rückfahrt von so einer Bombardierung mit 23 Leichen von einer einzigen Familie und mit einem Besuch in einem Zentrum für die Anpassung von Extremitäten von künstlichen Armen und Beinen.

    Vor Daniel haben die amerikanischen Behörden offenbar am meisten Angst, ihm drohen sie wegen seiner Äußerungen und seiner politischen Aktivität mit einem Spionageprozess, eine trübe Angelegenheit, die ihn für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ins Gefängnis bringen kann, eine höchst undurchschaubare und dubiose Angelegenheit, bei der allein die Anwaltskosten ihn ins Elend zu stürzen vermögen.

    Der Film bringt uns ein Stück unserer Geschichte nahe, das von den Behörden am liebsten verschwiegen würde, ein höchst fragwürdiges Kapitel sind diese Ferntötungen. Was die allein an Hass und Wut erzeugen, davon spricht der Film noch gar nicht – oder nur ganz wenig an einer Stelle, wo von Groll die Rede ist.

    Der Preis für diese hinterhältige Töttechnik von Leuten, die sich in keiner Weise wehren können, den das amerikanische Militär und die amerikanische Politik werden zahlen müssen, dürfte in den Sternen stehen und eventuell gigantisch werden. An solchen Spekulationen beteiligt sich der kluge Film nicht, das überlässt er dem geneigten Betrachter.

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    Aufwändiger Fernsehfilm auf Kosten der Zwangsgebührenzahler und auf Basis aktueller Recherchen entwickelt, wie es im Abspann heißt, der wenig Illusionen lässt und wenig Hoffnung macht mit der Grundaussage: Widerstand ist zwecklos gegen die Korruption, die Pharmafirmen weltweit betreiben im Herstellen von falschen, oft tödlichen Präparaten und die Pharmaindustrie steckt unter einer Decke mit den Banken, der Politik und den Behörden. Depro-Info: 1 Million Tote im Jahr wegen gefälschter Medikamente, aber die Branche (und mit ihr die Poliitk) hält dicht, denn es geht um Milliarden.

    Post- und pinupkartenhübsch herausgeputzte Darsteller rasen postkartenschnell in einfach sichtbar gemachten Zusammenhängen um die Welt, Cheb, Tschechien, München, Indien, Frankreich, New York, Zürich sind Spielorte dieses Filmes von Daniel Harrich (Der blinde Fleck), der mit Gert Heidenreich auch das Drehbuch geschrieben hat.

    Opfer und Täter werden hier über den familiären Nexus des Münchner Pharmahändlers Günther Kompalla (Heiner Lauterbach), der weltweit auch mit giftigen Medikamenten handelt, und seiner Tochter Dr. Med. Katrin Kompalla (Luise Heyer) zusammengebracht. Sie arbeitet in den Slums von Mumbai mit ihrem indischen Freund, den sie bald heiraten möchte (im Hinblick auf Folkloreeinsprengsel in diesem Wirtschaftsthriller).

    Katrin erlebt in den Slums hautnah den Tod einer jungen Mutter mit Tuberkulose aufgrund von gefakten Medikamenten, die von einem Geschäftspartner ihres Vaters in Indien hergestellt und vertrieben werden; da gibt es später eine wüste Szene mit einem fetten, arroganten Apotheker.

    Der Film fängt mit einer Europol-Razzia in Tschechien an bei einem Fake-Pharma-Hersteller. Die Figur, die repräsentativ für den Gesetzesvollzug steht, ist die Europol-Agentin Aline Pribeau (Julia Koschitz). Sie führt als Nachforscherin durch die Verwicklungen von Pharmaherstellung, Pharmafälschung, Fälschungshandel.

    Diese Nachforschungen rufen weitere Player auf den Plan, denn Pribeau ist recht erfolgreich und kann den Konglomeraten des Schweigens und Betrügens gefährlich werden. Da ist die falsche Schlange von Prof. Dr. Vera Edwards (Maria Furtwängler, deren Oberflächlichkeit hier hervorragend passt), die als objektive Wissenschaftlerin auf der Gehaltsliste der Industrie steht.

    In Zürich werden die Banker und Investoren alarmiert und sehen die Chance, Kompalla-Chemie günstig zu erwerben. Durch die Größe des möglichen Skandals gelangt der Fall bis zu den politischen Spitzen in die Gremien in Brüssel und bei der UN in New York. Und hat dort keine Chance.

    Damit die Zuschauermassen andocken können und ihre Machtlosigkeit auch begreifen, fallen zwischendrin Sätze wie: ich habe nie einen Vater gehabt oder ich will nur, dass du glücklich wirst.

    Ein elegantes Gemälde der Verkommenheit dieser Geschäftswelt. Banken, Pharma, Wissenschaft, die Industriellen und die Banker und die Wissenschaft sind böse, sie wollen keine Budgeterhöhungen gegen Produktpiraterie bewilligen.

    Juliette, Sie fahren, bringen Sie uns die Beweise und kommen Sie gesund wieder.

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    Grob weitergestottert.

    Nichts hat sich gebessert, nichts hat sich geklärt, lauter nicht nachvollziehbare Figuren und Szenen in Findafing in Folge zwei.

    Die Story konfust wild hin und her zwischen Erpressung zwecks Enteignungsrückgängigmachung, dubiosem Fleischabfall aus der Ukraine, Toiletten-Vaterschaftstest im Wirtshaus, Flüchtlingsankunft (das Flüchtlingsthema beim Tegernseer Volkstheater mit deutlich mehr Charme und Witz behandelt), Donau Village-Problem, Koks, schlecht gespielten Eheszenen, bösem Geldeinforderer, korrektem Polizisten, den die Ghettobildung beschäftigt, Initiative „Unternehmen geben Flüchtlingen eine Chance“, Goldhammerfleisch, Leuchtturmprojekt, Beichtstuhlszene mit Helm und Katzenmusik und darnach eine Helmabnahmeverwirrszene, Tiefkühltruhe, Konto in Panama, Asylheim mit Biokantine und der Info Alfons hat mit Jackie gschnackselt. Alfons‘ Versageralptraum (aber den Versager spielt er nicht), Verbrennen von nicht klar was, Geldübergabe in blühender Wiese.

    Wirrer Storywust. Es bleibt das verdruckste Storypflänzchen im Anskizzierten hängen, nicht ein Vorgang ist nachvollziehbar und somit glaubwürdig gespielt, da werden sie halt handgreiflich, was auch keine Erhellung bringt. Unsorgfältiges Buch, Casting und Regie. Mit Logik kommt man beim Entschlüsseln nicht weiter, mit Fantasie, Ästhetik oder Humor auch nicht, auch die Größe der Ortschaft bleibt rätselhaft, insinuiert wird eher, dass es sich um ein Deppendorf handelt. Nix wird dem Zuschauer exponiert, er soll wohl alles ahnen, fröhliches Storyraten. Oder dann ist es akkustisch kaum zu verstehen, wenn der Bürgermeister mit dem Pfarrer tuschelt. Der Pfarrer hat möglicherweise ein Verhältnis mit seinem Vorgesetzten, das wird anskizziert per Skype.

    Manchmal Katzenmusik, manchmal jazzige Ansätze und je konfuser und lahmer die Handlung, desto aufgeregter spielt die Musik zur teilweisen Spukbeleuchtung.

    Es ist unzumutbar, dass einkommensschwache Haushalte, sich das Geld für die Zwangsgebühr absparen müssen, damit solch unsorgfältig gearbeitete Ware produziert wird. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist kein Sandkasten. Gerade durch das sozial unausgewogene Finanzierungssystem hat er eine besondere Verantwortung im Umgang mit den Geldern. Davon ist hier nichts zu spüren.

    Der Serie wäre ein schneller Exitus zu wünschen mit einer Explosion wie am Ende dieser Folge. Der kann genauso unvorbereitet kommen.

    Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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    Stotternder Kaltstart.

    Hindafing ist ein schrecklicher Ort. Hier werden Menschen in Kühltruhen gefangen gehalten und mit kaltem Wasser abgespritzt. Dann wird die Kühltruhe wieder verschlossen. Mit dieser Szene wird Hindafing eisgekühlt und als Ort des Horrors vorgestellt.

    Maximilian Brückner spielt den Bürgermeister Alfons Zischl von Hindafing. Sein Vater ist eben gestorben.

    Zischl ist ein koksender Bürgermeister, pleite, mit einer Trutschen von Vorzimmerdame, einer deppert-dementen Mutter, einem Traum von einem Donau-Village, einem Einkaufszentrum auf der grünen Wiese; er ist eine Figur, die hinten und vorne nicht durchdacht scheint, mit einer stillebenmalenden Gattin (du isst gerade mein Motiv), die einen auf Dame macht (merkwürdiger Gegensatz zu seiner Bodenständigkeit, den die Inszenierung aber nicht ausreizt), einem ererbten Schwarzgeldkonto, dessen Auto während der Beerdigung vom Vater abgeschleppt wird (in Hindafing!) der einen Tresor zertrümmert und ein offenbar gestörtes Vaterverhältnis hatte (laut Erzählinfo), der sich Gedanken über den ökologischen Fußabdruck macht und über den Fußabdruck der Menschlichkeit (womit er zum Thema Asyl überleiten will), der betrunken Auto fährt und nachts mitten auf einem Platz an einen Laternenpfahl bieselt.

    Die Themen schießen kreuz und quer, vom Pfarrer, der offenbar das Drehbuch in der Hand hält und voll daneben ist, wie nie ein Anfänger daneben sein würde, zwischen dem Showroomwunsch von Zischls Gattin, dem Frisiersalonwunsch von anderer Seite, der Autobahnanschlussforderung des Investors, der Asylantenaufnahmeforderung eines höheren Politikers, der Jahresversammlung des Kaninchenzüchtervereins, der wohl aus BR-Spargründen vor allem aus Kindern besteht (armes Fernsehen) und die politische Auseinandersetzung findet am Rande des Jugendfußballes statt oder in der Sauna, in der keiner schwitzt.

    Brückner spielt die einzelnen Situationen glaubwürdig, ist bis auf ein zwei Randcharaktere die einzig überzeugende Figur, aber sein Charakter bleibt nebulös, ist er ein idealistischer Halloderi?

    Brückner ist umgeben von einem Schwarm von hokuspokus uninspiriert besetzten Chargen, die sich vornehmlich im grobbayerischen Fach tummeln (nebst dialektfarbenscheuem Beifang) und ins Fernsehen drängeln.

    Es fehlt das Schlitzohrig-Hinterfotzige, das Charmante. Stattdessen wirkt die Bemühung gewollt. Die Anzahl belastbarer Fakten, die die Geschichte in den Senkel stellen, muss mit der Lupe gesucht werden. Es fehlt der menschliche Fußabdruck. So humorfrei wie ohne Herzlichkeit.

    Will der BR mit dieser Billigbemühung in allen Gewerken erzählen, dass er sparen muss, weil die Pensionen einfach zu viel Geld verschlingen? Der BR sollte sich überlegen, weniger und dafür Qualität zu produzieren. Ein Indiz für das gewisse Etwas einer Serie ist die Vorfreude auf die zweite Folge: die ist hier gleich Null, der Gedanke daran ist quälend.

    Den Autoren Niklas Hoffmann, Rafael Parente, Boris Kunz (dieser führt auch die Regie; Drei Stunden) fehlt offenbar das Wissen über die dynamische Funktion innerer Konflikte der personae dramatis für das Aufblühen einer Erzählung: sie konstruieren lediglich Szenen mit Interessenkonflikten, der eine kommt dem anderen ins Gehege, was den Inhalt auf Futterneiddramaturgie verkürzt und die Menschen auf primitivem Niveau handeln lässt (beim Bürgermeister gibt es verquere Hinweise auf einen Vater-Sohn-Konflikt; da aber der Vater tot ist, kann der nicht mehr ausgetragen werden). Die Vorgänge sind an jedem Schnäppchentisch im Supermarkt oder beim Gerangel um einen Sitzplatz im Bus, in Tram oder U-Bahn spannender zu beobachten.

    Das Tegernseer Volkstheater ist Labsal dagegen.

    Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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    In der Rapid-Eye-Reihe ‚Freie Radikale“ entwirft der Künstler Phil Collins ein sehenswertes, kaleidoskopartiges Portrait der Stadt Glasgow als einer Stadt, in der die Leute im Heute leben – morgen, das ist zu weit weg! Review von stefe.

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    Siebte und achte Klasse in der Waldorfschule

    Es scheint, als ob die Welt das nicht wissen dürfte, was es mit den Waldorfschulen auf sich hat; jedenfalls lässt der BR das vermuten, wenn er diese behutsame und kostbare Langzeitdoku auf den Sendeplatz um 22.30 Uhr setzt; denn die Waldorfschule präpariert die Menschen nicht unbedingt in Richtung kopfloser Kapitalismusmitläufer.

    Es handelt sich hierbei um eine Präsentation dieses Schulmodells im Rahmen einer 8-jährigen Langzeitstudie durch die Filmemacherin Maria Knilli (Eine Brücke in die Welt). Dies ist der letzte Teil und berichtet über die Schüler in der 7. und 8. Klasse und immer noch bei der gleichen Klassenlehrerin, der Waldorf-Vorzeigepädagogin Frau Umbach. (Wobei der Begriff „Vorzeigepädagogin“ gleich wieder in Frage gestellt werden muss, denn der widerspricht der Waldorfphilosophie, nach der jeder Mensch einen Wert und ein Selbstbewusstsein und eine Selbstbestimmtheit hat; die Schule will ihn auf diesem Wege lediglich unterstützen; dabei wird auf Noten und Leistungsvergleiche bewusst verzichtet; insofern passt der Begriff „Vorzeigepädagogin“ nicht so richtig).

    Die Kontinuität, die bei diesem Schulmodell angestrebt wird, wird hier besonders deutlich. Denn Maria Knilli kann auf Material der vorhergenden Folgen zurückgreifen, kann durchgehende Stränge der Erziehung an dieser Schule mit Rückblicken auf frühere Jahre sichtbar machen: bei den kontinuierlichen Sprech- und Sprachübungen, bei den Gymnastik- oder Eurythmiestunden, beim Malen und der damit verbundenen Schulung des Gefühls für Formen und Bewegung, bei der Etappenwanderung, die die Schüler über 8 Jahre in zu Fuß abschnittsweise von Landshut nach Venedig führt.

    Jetzt ist auch der Zeitpunkt, die Schüler selber zu befragen, wie sie diese Schulzeit in einer Klasse mit einer Lehrerin über 8 Jahre beurteilen; überwiegend positiv, aber es ist auch erkennbar, dass der Drang nach Neuem, nach Tapetenwechsel da ist, das Bedürfnis, von dieser starken und sicher prägenden Pädagoginnenfigur sich zu lösen.

    Frau Umbach selbst ist wieder in den verschiedensten Fächern zu erleben, ihr Lehrpensum ist breit, wie kaum ein Lehrer es haben dürfte und erstreckt sich von der Mathematik über die Literatur, die Geschichte und Geographie (Kolumbus) bis hin zu chemischen Experimenten. Sie selbst begründet damit auch einen pädagogischen Effekt, dass sie indem sie sich immer wieder neu einarbeiten und vorbereiten muss, die Schüler mit ihrem eigenen Interesse und ihrer eigenen Neugierde mitziehen kann.

    Ein schönes Ritual beschließt den Übergang zu den neuen Erstklässlern, er erinnert an den Anfang eines Fußballspiel, wenn die Fußballer mit je einem kleinen Nachwuchskid an der Hand ins Stadion einmarschieren. Die 9. Klässler nehmen die Erstklässler mit ihren Schultüten an der Hand und führen sie unter einer Begrüssungsgirlande hindurch in das Klassenzimmer.

    Überraschend für das letzte Jahr ist auch das Thema Jahresarbeit. Hier muss ein Schüler sich selber eine Aufgabe stellen, die er über das Jahr verfolgt und am Abschlussabend vorführt. Erstaunlich wie wenig die Schüler ein Problem haben, sich ein Thema zu stellen und es dann vor einem großen Publikum zu präsentieren.

    Immer wieder erläutert Frau Umbach ihre wohlreflektierte Haltung zur Pädagogik und zu ihrem Lehrerberuf und wie sie die Schüler in Richtung selbstbewusste und selbstbestimmte, freie Menschen zu entwickeln hilft.

    Interessant in diesem Zusammenhang dürfte auch der Film die Berlin Rebel High School sein.

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    Heinrich Heine und die deutsche Techno-Szene. Beckettsche Existenzclowns in belgischem Niemandsland. Hochkultur-Liebeszerrissenheit auf Long Island. Blutjunge, sorglose Liebe in Belgien. Radikal persönlicher Abschied im 5-Sterne-Hotel. Tierische Identitätsprobleme eines Spatzen mit Zugvogelambition. Kinderwunsch und seine Komplikationen in Deutschland. Chancengleichheit zur Abivorbereitung in Berlin. Putzmuntere Bastelcollage zur russischen Revolution. Ein Stück lebendige Heimatkunde aus Oberbayern und als Pressevorführungsspätzünder kam noch ein Fantasiesproß aus der Artus-Sage hinzu. Das Fernsehen spielte sich als Schicksalsgöttin für Jobtauschkandidaten auf, ehrte Polt mit einem Trauerspiel und gewährte Kommissar Meuffels die Chance zur Selbstfindung im Altenheim.

    DENK ICH AN DEUTSCHLAND IN DER NACHT
    Ob Heinrich Heine auch so sorglos beschwingt zum Techno-Sound im Gewoge wippen würde?

    DAS ENDE IST ERST DER ANFANG
    Belgisch-surrealistische Existenzbrache.

    RÜCKKEHR NACH MONTAUK
    Den Max Frisch gepflegt ventiliert.

    KEEPER
    Gegen den Trend: Mutter mit 15 – und nicht mit 70. Der Torhüter ist der Vater. Hüten oder verhüten?

    FÜNF STERNE
    Radikal persönliches Zusammensein mit einer Fotografin, deren Leben nie Friede, Freude, Eierkuchen war, aber: magic.

    ÜBERFLIEGER – KLEINE VÖGEL, GROSSES GEKLAPPER
    Die Probleme eines Spatzen, der sich für einen Storch hält.

    DINKY SINKY
    Thema Kinderwunsch – deutsch-unterhaltsam.

    BERLIN REBEL HIGH SCHOOL
    Abi für alle, die den Willen haben, an der selbstverwalteten Berliner Musterschule ohne Noten und Zugangshürden.

    1917 – DER WAHRE OKTOBER
    Collagen-Performance zur Oktoberrevolution ausgehend „von dem, was bleibt“, den Worten und den Werken.

    FAHR MA OBI AM WASSER
    Lebhaft illustrierter Einblick in die Geschichte der Isar-Flößerei.

    KING ARTHUR: LEGEND OF THE SWORD
    Trotz enormem Stress für die Augen durch hektisches 3 D schafft Arthus es durch all die Fallen der Computeranimation von der Gosse auf den Thron!

    TV
    MEIN JOB – DEIN JOB
    Internationaler Jobtausch, das Fernsehen als Glücksfee.

    DER GROSSE POLT – GEMÜTLICHKEIT AM ABGRUND
    Tragisch, wenn ein alter Mann mit Schülersketchen vor das Publikum tritt.

    POLIZEIRUF 110 NACHTDIENST
    Im Altenheim findet Meuffels nächtens als Demenz-Betreuer zu seiner wahren Bestimmung.

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    Die Artus-Sage ist der Ort, an dem sich Joby Harold, Guy Ritchie (Codenmae U. N. C. L. E. und Sherlock Holmes – Spiel im Schatten) + 3 fantasievoll bedient haben. Ihr König Arthur wächst im Diebes- und Prostituierten-Milieu auf. Er ist ein kleiner Taschendieb, sammelt nicht wie andere Kids Fußballbildchen sondern gestohlene Münzen in einer kleinen Truhe, die er gut in einer Wandverkleidung versteckt.

    Dann fällt ihm das legendäre Schwert Excalibur mit seinen Zauberkräften in die Hände. Von da an ist sein Weg durch ein irres Schlachten-, Computeranimations- und Effektengetümmel vorgezeichnet, das Volk vom Despoten Vortigern (Jude Law) zu befreien.

    Es ist ein langer Weg dahin, Guy Ritchie arbeitet pausenlos mit Rückblenden, mit ständig bewegter Kamera, Reißschwenks, nur ganz kurzen Einstellungen. 3D ist bei ihm sehr anstrengend, ständig gibt es Unschärfen wegen schneller Kamerabewegungen zu schnellen Aktionen der Figuren, noch verwirrender durch ständiges Hin- und Herschneiden von einer Position auf die andere und ab und an fliegen Pfeile oder Trümmer dem Zuschauer direkt ins Auge.

    King Arthur als Erwachsener wird gespielt von Charlie Hunnam. Die Hexe, The Mage, von Astrid Bergès-Frisbay. Die Hauptlocation ist Camelot. Und am Ende des Filmes ist die Rittertafel fast fertig mit der Androhung von Sequels: die Ritter der Tafelrunde.

    Eine Location heißt Londonium. Und die Darklands sind eines der Hindernisse, die Arthur überwinden muss in all dem overeffected Schlammassel. Es entsteht überwiegend der Eindruck eines Zinnsoldatenkrieges, der von einem monumentalen Sound unterlegt ist. Und die Pyromantiker waren ebenfalls gut beschäftigt, genau so wie die Animateure tierisch-urweltliche Kreaturen.

    Dass der Held und spätere König aus der Gosse kommt, das ist immerhin ein Ding.

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    Hefezellenkulturen hörbar machen.

    Das ist hochintressant für einen, der die Bezeichnung musikalischer Banause durch und durch verdient, da er nie Musik hört von keinerlei Konserve, der die Geräusche seiner Umwelt als kontinuierlichen Sound wahrnimmt – und der sich just aus diesem Grund später im Film beim Philosophieren des Move D ganz schön wiederfindet.

    Aber was hat der Heinrich Heine mit seinem titelgebenden Gedicht damit zu tun? Sein Gedicht ist geprägt von Tränen, Sehnen und Verlangen, von deutschen Sorgen, von Schlaflosigkeit, von Qual, vom Verbluten der Seele und nur das heitere französische Tageslicht und ein Weib lächeln ihm die Sorgen fort.

    Will Romuald Karmakar mit seinem Film dem Heine einen Gegenentwurf präsentieren, eine alternative Alternative für Deutschland, eine Antithese (der Antiheine?), das Bild eines Deutschlands in gelöster Stimmung, als leicht wiegendes, friedliches Land ohne Verbiestertheit, ohne Krawall, ohne Hass – so ganz unheinisch und nicht bedeutungsschwanger?

    Denn so ist die Stimmung bei den Konzerten und in den Discos, die die von den DJs generierte Sekundärmusik mit dem gleichbleibenden Rhythmus auf dem Level der niedrigen Wertegemeinschaft einer Party (Villalobos) herstellt.

    Romouald Karmakar schafft es mit dieser besonnen-ruhigen Dokumentation, auch für den Nicht-Fachmann einen vibrierenden Einblick in die Herstellung dieser Musik zu vermitteln. Wobei es mir schwer fällt zu erkennen, was daran noch typisch Deutsch sei. Aber das ist vielleicht das Raffinierte an diesem Titel, dass dieses nächtliche Deutschland, das sich in Lichtorgel- und Stetoskoporgien zu diesem Sound wiegt und wogt mit dem Heine-Deutschland kaum mehr was zu tun hat.

    Karmakar bringt uns in diesem Film fünf passionierte DJs, Kreateure elektronischen Sounds näher: Ricardo Villalobos, Sonja Moonear, Ata, Roman Flügel und Move D.

    Karmakar beobachtet oft minutenlang seine DJs in ihren mit Schaltpulten, Kopfhörern, Lautsprechern und Elektronik vollgestopften Studios oder an der Arbeit in den Gezeiten von Discos und Konzerten. Ganz sparsam lässt er sie zu Wort kommen, wie sie dazu gefunden haben, ihre Anfänge, ihre Faszination. Trotz dieser großen Tranchen der einzelnen Sequenzen vergeht die Zeit wie im Fluge.

    Frank Griebe stellt die Kamera immer an einer guten Position auf. Durch die Bildgestaltung setzt er mit Karmakar eindeutig die Sache, die ihn – und damit uns – ineressiert, in den Mittelpunkt und kein Ansatz einer Kamerwichtigtuerei. Bei Griebe ist jedes Bild eine Geschichte, ein Erlebnis bis zur Ekstase des Lichterrausches in dem die Genferin Sonja Moonear von vorne zu sehen ist, wie sie auflegt.

    Klar, auch Techno ist Massenmanipulation. Und der Alk dürfte eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, da weist die Beiläufigkeit, mit der er bereitsteht, daraufhin.

    Techno
    Für den Laien ein physischer Angriff auf das Nervensystem, der Gespräche in der Disco unmöglich macht.
    Für den Fachmann aber ist das (ATA) ein riesiger Teppich und man sieht das Ende nicht, eine enorme Vielfalt an Musik, Genres und Kategorien. In Deutschland hat sie die Präzision eines Audis entwickelt und von der dadurch erreichten Klangqualität sind die Amis begeistert, sie ist seit über zehn Jahren ein Exportschlager, die größten und besten Djs kommen momentan aus Deutschland.

    Der DJ schaltet sich als Elektroniker in eine Band ein (Vallalobos). Das kann durchaus schief gehen. Ein Drittel der Geräte sind Kontrolleure, man bietet Einhalt, hat alle Frequenzen zur Verfügung. Entstanden aus dem Wunsch, die Töne selbst herzustellen, Kork-, Knurz- oder Knarzgeräusche unter einen Hut zu bekommen und dabei zu versuchen, immer der gleiche Mensch zu bleiben.

    Move D philosophiert mit Ausblick auf Heidelberg die Natur als einen Ort der Geräuschkulissen, auch der Verkehr, Zugluft unter Türspalt, da sind Melodien zu hören; frappierend ist die Diskrepanz zwischen Lautstärke auf Festivals und in Clubs, während die Natur das Gehör sensibilisiert, indem, was er macht, ist er eh auf der leiseren Seite. Wenn ich spaziere, spazieren die Ohren auch. Musik, die körperlose Art zu reisen, die faszinierendste Kunstform überhaupt … etwas, das einen durchströmt, trotzdem reproduzierbar geworden und kostet nichts, Beeren, Essen wird verbraucht, die Musik die Büchse der Pandora, in die du immer wieder hineingreifen kannst. Seine Philosophie reflektiert ungenannt Positionen von Nikolaus von Cues über die Leibnizsche Monadenlehre bis hin zur psychodelischen Erfahrung schlechthin.

    Roman Flügel hat der Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris zu denken gegeben, da er zu der Zeit in Paris war; er kann auf die Auftritte in den Discos nicht verzichten, damit er sich die Freiheit des Studios leisten kann.

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