Kind-Hund-Bergfilm, die Fortsetzung des charmanten wie fernverträumten Belle & Sebastian, Lassie-, Heidi- und Flugzeugabsturzkatastrophenfilm in einem.

    Der zauberhafte Vorgängerfilm spielte im Zweiten Krieg. Im Dreiländereck Frankreich/Italien/Schweiz ging es darum, Menschen vor den Nazis in die Schweiz zu schleusen. Unser Protagonist Sebastian, ein Gemälde von Bergbub und sein Hund, ein weißer Flokatischaumtraum, haben die Widerstandskämpferin Angelina hoch in den Bergen zur Schweizer Grenze gebracht und damit in Sicherheit vor den Nazis.

    Jetzt ist der Krieg vorbei. Angelina fliegt mit einer amerikanischen Militärmaschine zurück und will sich bedanken, stolz will sie auch erzählen, dass sie Nazis getötet habe.

    Geschichte und Politik spielen bei Regisseur Christian Duguay, der ein Buch von Juliette Sales und Fabien Suarez als Drehgrundlage hatte, immer einer Rolle, was ein Blick auf seine Filmographie zeigt: von Wilhelm Tell geht es über Jeanne d’Arc, über die Kunst des Krieges und Boot Camp bis zu Hitler, Päpste kommen vor und Anna Karenina. Im ersten Sebastian/Belle-Film um den 2. Weltkrieg und seine Folgen in den Alpen, die mit einem Schneesturm und dem Gang über eine Eisbrücke starke Action entwickelten.

    Jetzt nach dem Krieg im September 1945 im Bergdorf Saint Martin muss, da Friede ist, die Action woanders herkommen. Erst kindlich-spielerisch, statt zur Schule zu gehen treibt sich Sebastian bei der Heuernte auf den Alpen herum, nicht helfenderweise sondern mit einer riskanten Schlittenfahrt bis an den Rand eines Felsabsturzes: Belle rettet ihn, womit ihre Topqualität eingeführt ist.

    Friedenszeiten schützen vor Katastrophen nicht. Das hat genau diese Gegend Frankreichs im Frühjahr 2015 bewiesen mit dem Absturz des German Wings Selbstmordpiloten und seiner Maschine mit den vielen Schülern aus Deutschland.

    Ganz so grausam wird dieser Kinderfilm nicht. Die Maschine, in der Angelina, Margot Châtelier, sitzt, stürzt ab und löst einen Waldbrand aus. Sebastian ist überzeugt, dass Angelina überlebt hat. Er bedrängt seinen Ersatzvater, den knorrigen César, Tchéky Karyo, sich auf die Suche zu machen. Der ist nicht begeistert, denn der einzige, der ihnen helfen könnte, ist „der Andere“, Pierre, Thierry Neuvic, denn der hat ein kleines Flugzeug und sei sowieso ein guter Flieger.

    Ein Hindernis für dieses Abenteuer ist nach Meinung von César die Tatsache, dass dieser Pierre der leibliche Vater von Sebastian ist, was dieser aber nicht weiß. Wie die beiden sich durch die gemeinsame Suche einander annähern, das ist psychologisch schön nachvollziehbar geschildert in der Handschrift souveräner französischer Filmkultur.

    Überhaupt richtet Duguay seinen Plot mit aller Kunst der filmischen Schönzeichnung von Bub und Alp und Hund und Murmeltier und Hase und alpiner Flora und Flug an, dick schön wie nur geht, aber nie die Grenze zum Kitsch überschreitend und vor allem extrem physischer, also lebendig-glaubwürdiger Figurzeichnung.

    Wie zum Greifen lebendig wirken die Menschen auf der Leinwand. Und auch hier gibt es gegen Ende zünftig Abenteueraction, dieses Mal gilt es, einen Feuersturm zu überstehen. Die Suche nach Angelina mit dem Flugzeug artet in turbulente Action aus, wie mehr kaum vorstellbar ist in einem Kinderfilm, denn Sebastian hat sich mit Belle ins Flugzeug geschummelt und ist überhaupt nicht zufrieden mit der oberflächlichen Suche von Pierre und streitet sich mit diesem um den Steuerknüppel mit fatalen Folgen.

    Comments Keine Kommentare »

    Die Leidenschaft für die Natur und für den Planeten zeichnet die Naturfilmer aus, die Werner Schuessler portraitiert. Durch diese Leidenschaft kommt reichlich Fotomaterial zustande, was den Zuschauer ergötzen wird. Diese etablierten Naturfilmer haben alle eine Mission, sie wollen den Planeten retten.

    Wenn man den Film von hinten her aufdröselt, zeigt sich bei den meisten, dass ihnen die Naturfilmerei allein zu wenig ist – da hätte Schuessler nachbohren sollen; sie geben zwar den Kick zu, aber weshalb sie anfangen Organisationen zu gründen, die sich für den Erhalt der Artenvielfalt, der Biotope einsetzen, die dem Nachwuchs die Augen für die Natur und deren Wunder öffnen sollen, bleibt im Dunkeln.

    Insofern wirkt Schuesslers Film wie einer von vielen Naturfilmen mit der üblichen Verzopferei verschiedener Stränge mit garantiert erstklassigen Aufnahmen von Seeadlern in Mecklenburg-Vorpommern, von Seeottern vor Kalifornien, von Schildkröten in Indien, die legen und solchen, die zu Tausenden schlüpfen, von Tigerhaien im Weltmeer und von mit dem Helikopter zusammengetriebenen, seltenen Antilopen in Afrika gefilmt von einem österreichischen Dokumentarfilmerpaar.

    Dieses österreichische Dokumentarfilmer-Paar ist am offensten, was die Herangehensweise in der Branche betrifft. Sie stehen zu den Täuschungen, die sie machen, zum Beispiel mit einer gefangenen, hochgiftigen Viper, da sehen wir, wie solche „Natur“filme ganz schön gefaket werden können oder wie sie mit ihrem Helikopter die Tiere in der Wildnis stören und treiben und dann fotografieren; da kann der Zuschauer die Gier und den Kick miterleben.

    Auch die Schildkrötenaktion in Indien bleibt zwiespältig. Das Kamerateam bringt mit Taschenlampen Licht in die Dunkelheit. Schuld an der falschen Richtung, in die die frischgeschlüpften Schildkröten rennen, sei allerdings das Licht einer benachbarten Chemiefabrik.

    Schüssler entkommt mit diesem Film über die Naturdokumentarfilmerei dem Grunddilemma nicht, aus welcher Widersprüchlichkeit heraus sie geboren ist. Reise-, Abenteuer- und Fotojagdlust, die Forderung nach ständig neuem, sensationellem Material, andererseits, das Material mit Sprechertexten wie auch immer zu versehen, auch die Mühe, das Geld für einen weiteren Film zusammenzubringen und kompensatorisch dazu die fast zwanghafte Begründung, etwas für die Natur tun zu wollen.

    Faktisch bestätigt Schuessler mit seinem Film den häufigen Einwand gegen den Modetrend Naturfilme. Weil er sich zuviel vorgenommen hat, weil ihn der Kick der Reiselust gepackt hat, weil er sich seinem Thema zu oberflächlich nur gestellt hat, statt einen einzigen, interessanten Naturfilmer vorzunehmen (so wie ein Frederik Wiseman es vermutlich tun würde).

    Bei Schuessler kommen die kritischen Aspekte mehr zufällig und vor allem gegen Ende des Filmes vor. Er zeichnet sich genau durch jene gestalterische, themendefinierte Schwäche der meisten Naturfilmer aus; bleibt somit wenig aussagekräftig, aber hat, wie diese Naturfilme auch, exzellentes Bildmaterial zur Verfügung; was allerdings wiederum durch eine dolle Beliebigkeit zusammengemixt wird, nebst viel Beifang von Murmeltieren über Steinböcke und Elefantenherden. Der Österreicher Schlamberger legt auch das Beifangthema bei einem Helikopterflug offen: den Büffel da nehmen wir noch mit. Oder dann ganz zynisch, jetzt gönne man den Tieren eine Verschnaufpause, nachdem es vorher geheißen hat, jetzt treiben wir sie mal zusammen. Auch seine Definition von Naturfilm ist schonungslos offen, es sei eine gehobene Art der Unterhaltung.

    Comments Keine Kommentare »

    Schwierige Lebensausgangssituation: ein Nigger zu sein (Wort hier als Zitat genommen, denn im Film wird es ständig verwendet und zwar als Begriff des Ausdrucks eines Gruppengefühls von Benachteiligung), ausgewachsen, volljährig, an der Schwelle zur Universität (Harvard der Traum), ein begabter Computer-Geek aber noch Jungfrau, Hip-Hop-Fan (der eine anspruchsvolle Arbeit über Ice-Cube schreibt), aufgewachsen mit einer alleinerziehenden Mutter, vom Vater gerade einmal Post mit einem Foto gekriegt und in einem Viertel (boy from the hood) aufgewachsen, in dem der Schulweg immer nur eine Wahl zwischen Bös und Desaströs war, zwischen Älteren, die die Jüngeren piesackten. Vorausssetzungen, die für keine bürgerliche Karriere sprechen, die jedoch als seriös und anstrebenswert gilt. Dazu sieht Malcom, Shameik Moore, noch markant-super aus.

    In der Regie von Rick Famuyiwa, der auch das Drehbuch geschrieben hat, lässt Shameik Moore sich formen wie Wachs zu den verschiedenen Gefühlszuständen und Aufs und Abs und Gewissenskonflikten, die ihm die Story mit dem titelgebenden Dope (wobei ein zweite Interpretation vielleicht auf den Rausch der Coming-of-Age gemünzt sein könnte) liefert.

    Immerhin ist Malcolm nicht allein. Das Drehbuch gesellt ihm zwei Freunde bei (Diggy, Kiersey Clemons und Jib, Tony Revolory, die mit Malcom ein schräges Trio bilden, nicht ganz infernal ), mit denen er den Schulweg und andere Schwierigkeiten spielend und als Spiel meistert.

    Nakia, Zoe Kravitz, ist das Mädchen, das die Story zum Laufen bringt. Malcom soll für einen Drogendealer, der am Schulweg auf seinem aufschneiderischen Amischlitten rumlungert, den Postillon d’Amour spielen, Botschaften zu ihr und von ihr rübertragen. Dabei kommt Malcom selber in Fantasien.

    Mit seinen Freunden schmuggelt Malcom sich in das Konzert, an das sie gehen wollte. Und gerät in eine Drogenschießerei. Diese und wie Malcom sich eine Tasche voller Drogen untern Nagel reißt und damit abhaut, löst Famuyiwa auf wie ein Musikvideo, ist ja auch kein Action-Film.

    Die Drogen dienen lediglich als Mittel zum Zweck, um Malcom zu testen, seinen Charakter auf die Probe zu stellen, um herauszukristallisieren, dass einer auch mit allen Nachteilen, mit denen Gott ihn gesegnet hat, sauber bleiben kann, ein Studium in Harvard avisieren kann.

    Der Vorname Malcom dürfte nicht zufällig gewählt sein und erinnert an Malcom X, der eine schwarze Vorbild- und Hoffnungsfigur war. Das ist die eine Message in dem Film, dass man sich auch als Schwarzer nicht entmutigen lassen soll. Die andere ist eher Detlev-Buckscher Art: Kino als Jugendarbeit, die Jugend begleiten bei den Fährnissen des Heranwachsens (bei Buck in Bibi & Tina, Mädchen gegen Jungs, die Phase vor dem ersten Kuss; hier die Phase vor dem ersten GV); beide Autoren haben eine optimistische Haltung, lieben die Musik und das Kino.

    Comments Keine Kommentare »

    Muttersein mit Kindermädchen ist Scheiße.
    Muttersein als Kindermädchen ist auch Scheiße.

    Wie eine bayerische Breze schlingt sich das Drehbuch von Christian und Ipek Zübert um den hypothetisch gemeinsamen Atem der beiden Hauptdarstellerinnen Jördis Triebel als Tessa und Chara Mata Giannatou als Elena und deren parallelen Schicksale von Kindsverlustangst und Kindswiedersehensfreude.

    Das Drehbuch, das Christian Zübert mit dem ausgezeichneten Bildfänger Ngo The Chau und dem unverkrampften Schnitt von Mona Bräuer verfilmt hat, ist in zwei Kapitel unterteilt. Das erste erzählt von Elenas Reise, das zweite von Tessas Reise.

    Die Kapitel unterscheiden sich in Länge und Qualität deutlich.

    Das erste fängt mit Elena an und wirkt überwiegend wie ein Hausfrauenfilm als gutgemeinte Griechenlandreise. Das deutsche Kino möchte Griechenland mit einem griechisch-deutschen Thema unterstützen. Und macht aus diesem Kapitel einen bleischweren, deutschen Themenfilm, damit auch jeder Förderer und jede koproduzierende deutsche Fernsehanstalt es versteht – und weiter werden sie das Buch eh nicht lesen, da darf es dann ja ansatzweise spannend werden.

    Behandelt wird die Arbeitlsosigkeit in Athen, die Hoffnung in Deutschland, wie man mit dem Bus über Ljubljana nach Deutschland kommt, wie man in Frankfurt einen Job in einer Bar bekommen kann, wie das deutsche Gesundheitswesen genau ist und feststellt, dass Elena schwanger ist und also nicht in der Bar arbeiten kann; Details über das Beschaffen eines Nanny-Jobs bei Lotte, der Tochter von Tessa. Wie man zu einer Krankenversicherung kommt, wie wichtig Vorsorgeuntersuchungen sind, dass eine Schwangere ab einem gewissen Moment nicht mehr zu schwer heben soll.

    Elena erzählt nicht zu viel davon per Sykpe ihrem attraktiven Freund und Touristenführer in Athen. Aber Elena ist überfordert als Nanny bei Tessa und deren Mann, nicht weniger als Tessa mit Job und Ehe. Die Eheleute hatten eine To-Do-Liste erstellt, wie sie ihr Eheleben bei Laune halten können, nicht mal mehr diese schaffen sie, abzuarbeiten.

    Typischer deutscher Themenfilm mit Schilderung der Überforderungen. Dies allerdings bei gutem Bildmaterialfang und dessen Zusammenschnitt.

    Für das Kapitel „Tessas Reise“ bedarf es einer gravierenden Unachtsamkeit von Elena. Sie will einen Vorsorguntersuchungstermin wahrnehmen, aber sie soll just an dem Tag auch länger arbeiten. So nimmt sie das Kind mit. Ist in Eile, im Stress. Das Kind schreit. Bei einem Imbissladen lässt sie es im Kinderwagen vor der Tür stehen, um eine belegte Semmel zu erstehen. Das ist früher im Film schon mal gut gegangen ist, schon dort ließ diese Unachtsamkeit den Zuschauer bangen – wie kann man nur ein Kind im Wagen vor einem Laden stehen lassen!

    Diesmal tritt die Kindsentführung ein. Elena verliert die Nerven. Haut ab. Tessa verliert auch die Nerven und glaubt, Elena habe das Kind entführt. Kopflos fliegt sie nach Athen und schlägt dort Suchplakate an. In Athen blitzt sie bei der deutschen Botchaft ab. Als human-griechischer Input wird der Dolmetscher eingeführt, den die verzweifelte Tessa-Seele im Haus am Meer besuchen darf, wodurch auch der griechischen Fremdenverkehrswerbung Genüge getan sein dürfte.

    Kinderkriegen ist Scheiße, so das Fazit des Filmes, dessen zweites Kapitel immerhin in der Qualität eines ordentlichen Fernsehkrimis daherkommt. Frausein und Kindhaben, das ist nach wie vor schwer, wenn die Frau noch arbeiten will und kann die Frauen furchtbar in Bedrängnis bringen, sowohl in Deutschland als auch in Griechenland. Wenn aber die Frau eine zu lange Auszeit vom Beruf nimmt, können ihr im Geschäft wichtige Infos vorenthalten bleiben und dann kann es so weit kommen, dass Tessa sagen muss, dass sie in der Firma echt Scheiße gebaut habe.

    Wat also nu? Denn es scheint, dass Kinderkriegen so oder so Scheiße ist. Wenn die Frau sich kümmert, gehts im Job Scheiße, wenn sie sich nicht kümmert, gibts Probleme mit den Nannys.

    Themen im ersten Teil: Wohnung muss ordentlich sein. Baby muss gewickelt werden. Unsere Archtiektur ist nicht überall für Kinderwägen eingerichtet. Anleitung zru Wunderversorgung, nachdem Tessa in einem Moment der Unkontrolliertheit eine Scheibe eingeschlagen hat. Tiefsitzende Plazenta verlangt nach Vorsorgeuntersuchungen. EU-Innenmigrationsfilm. Meldung zur Krankenversicherung setzt Wohnadresse voraus.

    Über Menschen, die nicht zurecht kommen mit den Anforderungen des modernen Familienlebens.
    Oft simple, die Geschichte wenig voranbringende Texte „Was soll der Scheiß?“

    Comments Keine Kommentare »

    Ganz so schlimm ist es dann doch nicht gekommen. Die Erwartungshaltung, es würde sich hier um ein Klassik-Verehrungsmovie handeln, wird glatt unterlaufen, indem Götz Schauder auch die gruseligen, grotesken Seiten im Klassikbetrieb der Musik offenlegt.

    Götz Schauder hat sich für seinen angenehm kurzen Filmbericht den Sir Georg Solti Dirigentenwettbewerb in Frankfurt vorgenommen.

    Der Wettbewerb selbst hält sich für bedeutend, begehrt sei die Teilnahme. 540 Einsendungen von Videos mit Dirigaten müssen – wer genau macht das eigentlich, wirklich nur diese paar Jurymitglieder? – gesichtet werden. Daraus ergeben sich Einladungen für 24 Nachwuchsdirigenten für die Teilnahme am Wettbewerb.

    Schauder begleitet einige dieser Kandidaten am und um diesen Wettbewerb herum.

    Bei allem üblichen heutigen Dokumix aus Taxifahrten, Flughafenankünften, Fahrten durch die Stadt, Hotelzimmerbezug oder Telefonaten in die Heimat, Jurybesprechungen, dann diverse mehr oder weniger qualifizierte, mehr oder weniger geschwätzige Statements von Juroren, Musikern, Wettbewerbsteilnehmern, wachsen einem diese jungen Dirigiergenies ans Herz, verstehen sie es doch, das Faszinosum des Dirigierens und des Funktionierens eines großen Orchesters direkt zu vermitteln.

    Das Groteske einer solchen Jury kommt unverhohlen zum Ausdruck, wie die sich aufmantelt und für bedeutend hält, wie sie mit dem 19-jährigen Ausnahme-Temperament-Talent aus Usbekistan überfordert wirkt, wie sie momentweise an die Muppets erinnert, die glauben, sie könnten „Karrieren machen“, ihre teils abstruse Argumentation, ein wichtiger Kontrapunkt bildet, die die Größe des Musik nur noch mehr hervorhebt. Wie alte Häynen sich über junge Genies hermachen und sie mitunter torpedieren.

    Schauder lässt diese Jury in ihrer ganzen Karikaturhaftigkeit bestehen. Was an dem Wettbewerb auch merkwürdig wirkt, dass innert weniger Stunden ein Orchester mit 24 Musikern je eine halbe Stunde probt, dass dieses Orchester einen Dirigenten oder Dirigentin nach dem anderen über sich ergehen lässt; das erweckt durchaus den Eindruck von Liebe gegen Bezahlung; gerade weil Musik so etwas Emotionales, Tiefes ist; aber auch den Machtanspruch eines solchen Instrumenten-Korpus zeigt uns Schauder.

    Allerdings stellt das die Objektivität und Sinnigkeit eines solchen Wettbewerbes in Frage; denn auch beim Orchester dürften sich bei dem hartem Rhythmus wie am Fließband mit den immer gleichen Stücken Abnützungserscheinungen ergeben.

    Immerhin: wer demnächst auf einem Konzertplakat die Namen Aziz Shokhakimov liest oder Alondra de la Parra oder James Lowe oder Andreas Hotz oder Shizuo Z Kuwahara, der könnte diese inzwischen sicher weiter gewachsenen Teilnehmer des Wettwerbes live erleben und dürfte kaum enttäuscht werden.

    Comments Keine Kommentare »

    Dieser Film von Isabelle Stever möchte UNHCR-kritisch sein, zeigt mit dem Finger auf einen möglichen wunden Punkt einer solchen internationalen Organisation.

    Zuletzt hat sich des Themas A Perfect Day angenommen. Hier fing es an mit einer schweren Leiche an, die aus einem Brunnen geborgen werden sollte, um die Wasserversorgung der Nachkriegsbevölkerung sicherzustellen. Die Leiche war zu schwer, der Strick reißt. Die Suche nach einem Ersatzstrick setzt ganz klassisch eine spannende Erzählung in Gang, welche wie nebenbei auf die vielfältigen Probleme einer internationalen Hilfsorganisation in einer höchst sensiblen Friedenssituation aufmerksam macht.

    Isabelle Stever glaubt, ohne einen solchen Handlungs- und Spannungsfaden auskommen zu können. Sie lässt erst ihre blondierte Hauptdarstellerin, TV-Star Maria Furtwängler, ellenlang im Fond einer Limousine mit der Sonnebrille spielen und deutlich machen, dass sie nicht wisse, wie inneren Monolog darstellen, da diese Kunst bei der Fernsehroutine nicht erforderlich ist. Nach der Fahrt wissen wir gar nichts, außer welche Verlegenheitslösungen Frau Furtwängler für diese Aufgabe präsentiert, aber noch nichts über ihre Rolle und allfällige Konflikte derselben.

    Die Hauptmenge der Zeit dieses Filmes, der von dem, was er substantiell bietet, maximal das Pensum für einen schrägen Kurzfilm abgegeben hätte und weswegen vieles so ausgewalzt daher kommt, füllt der Lover von Furtwängler, der ausführlich seine Herkunft erklärt nach einer Liebesszene, die uns glücklicherweise vorenthalten wurde, der umständlich seinen Gürtel schließt, das dauert und dauert und ist doch vorher nichts passiert, was den Zuschauer nachhaltig beschäftigen würde, noch etwas, worauf er gespannt ist.

    Der Torso des Filmes sind Frau Furtwängler und der schwarzlockige Beau, der gerne Brusthaar zeigt und samt-seidig-elegant gekleidet ist. Die beiden verbringen viel Zeit in einem luxuriösen Hotelzimmer, einer Suite, die sie im Suff demolieren; sie sagen dem Trunke zu und im letzten Drittel des Filmes stößt noch eine weiterer junger Mann zum Duo, so wird daraus eine Ménage à Trois, die aber auch nicht richtig gezeigt wird. Jetzt kommen zum Alkohol noch Koks und andere Drogen hinzu.

    Den Hauptteil der Zeit verbringen diese Darsteller daher damit, versuchen zu zeigen, wie sie Betrunkene spielen. Das gelingt nicht immer. Das gelingt nicht durchgehend, ist aber durchgehend als Bemühung erkennbar. Die Schuld mag teilweise am Buch liegen, das ihnen so wenig Ziele setzt, das es nicht nötig zu haben scheint, einen reißfesten Spannungsfaden einzuwirken.

    Eine Geschäftsaktion von Frau blondiert Furtwängler ist, dass sie einem Mädchen aus einem Flüchtlingslager ein Stipendium in London ermöglichen will. Das Mädchen verschwindet auf dem Hinflug beim Umsteigen in Paris auf dem Airport-Charles-De-Gaulle (die Bemerkungen über dessen Weitläufigkeit gelingen Frau Furtwängler überzeugend, das scheint ihr Metier zu sein, wie ihr Promiauftritt vor Medien oder dem Personal gegenüber). Zurück kommt ein Überseekoffer wie aus einem Seeräuberfilm, wie er offenbar typisch ist für die Bewohner von Flüchtlingslagern, haben wir das richtig gesehen?

    Ein anderer, dünnst angelegter Handlungsfaden ist ein Sponsoren-Dinner, ein Charity-Event, das die Gesellschaftsdame Furtwängler organisiert. Ist aber nicht spannungserzeugend eingebaut in den Film, eher als ein Hindernis für die Liebesszenen, die ja auch nicht so richtig gezeigt werden, mei, was sich da inzwischen andere Filmemacher so trauen, Gaspard Noé mit Love. Das hier sind nicht mal Trockenübungen dagegegen und verkrampft dazu.

    Ein weiterer Film, der beweist, dass Deutschland Kino nicht kann, keine Filmkultur hat und dass das Fernsehen doch bittschön die Finger davon lassen soll, ein Film, den sich niemand im Kino anschauen wird: und wieder ist das Wetter oder die Weltlage, nur nicht das eigene Unvermögen schuld.

    Das wäre bei diesem Projekt mit den vielen, verkopften Dialogsätzen schon bei der Lektüre des Drehbuch ablesbar gewesen. Die rote Karte des Zwangsgebührenzahlers, dem für solche Geldverschwendung Kulturverzicht zugemutet wird, erhalten Andre Hanke vom WDR, Barbara Buhl vom WDR, Cornelia Ackers vom BR, Christian Granderath vom NDR und Philine Rosenberg vom NDR.

    Frau Furtwängler immer mit dickem, fettem Untertext: ich spiele jetzt Kino, deshalb lächle ich auch ab und an ein grundfalsches, pseudocharmantes Lächeln. Methode: ich weiß nicht, was ich spielen soll, aber das mach ich erst recht (kein Wunder, wenn das Buch der Figur auch keinen persönlichen Konflikt zum Beißen gibt, sondern nur will, dass sie Verkommenheit und Alkoholismus illustriert).

    Warum muss Frau Furtwängler auch noch rauchen? Drehbuch-, Regie-, Figurverlegenheit? Vom Typ her wäre sie keine schlechte Besetzung für diese abgehobene Dame, wenn sie nicht meinte, sie müsse das auch noch spielen. Auch physisch hat Frau Furtwängler für Kinoansprüche zu wenig Spannkraft, was bewegen sich da für Welten, wenn sie aufsteht oder auf einen Tisch oder gar eine Kloschüssel sich hievt, Vorgänge für sich, die die Inszenierung aber nicht für ihre Message nutzt (oder sie lässt es zumindest nicht durchblicken).

    Meine Mutter war eine deutsche, katholische Krankenschwester und im Lager hat sie den schönsten Mann gesucht, mein Vater.
    Wir müssen den Stand der Dinge kommunizieren.
    Ich glaub, ich kann mir dich nicht mehr leisten.
    Die größten Spenden aquiriere ich im Delirium.

    Will Frau Stever eine Gesellschaftsschicht ohne Verantwortung zeigen und hat darum Frau High-Society Furtwängler besetzt, dann würde immerhin diese Durchtriebenheit für sie als Regisseurin sprechen.

    Peinlich sind manche Reaktionen auf Bombenexplosionen, die Hotelfenster zum Zersplittern bringen.

    Eine der Szenen, die gründlichere Arbeit verdient hätte: wenn Personal das demolierte Zimmer aufräumt und wiederherstellt, das dauert ewig und Frau Furtwängler vor ihrem Tablet muss so tun, als ob sie was tue und dabei noch Sekt trinken. Bleibt rätselhaft, zusammenhangslos. Auch zeigt Frau Furtwängler in mehreren Szenen, dass Telefonieren im Film recht schwierig zu spielen sein kann.

    Immerhin, wenn Figuren im Film ankündigen, dass sie jetzt duschen werden und es dann auch tun, so weiss man doch glatt, woran man ist.

    Überforderung von Frau Furtwänlger oder zu schlechte Vorbereitung für ihren großen Verteidigungsmonolog.

    Thesenllustrier- und Fingerzeigfilm: das Führunspersonal des UNHCR ist beschissen.

    Schön ist der Song des jungen Mannes, nachdem er hört, dass er das Stipendium erhält: Sometimes I feel like a motherless child. Da ist man einen Moment lang gebannt.

    Kein Mitleid mit Frau Furtwängler.

    Comments Keine Kommentare »

    Aus dem Norden meldet sich ein junger Filmemacher, Lars Kokemüller, mit eigener Produktion und drei beachtlichen 75-Minuten-Filmen plus einem etwas längeren Found-Footage-Film, die er bis Ende Januar noch gratis auf Vimeo-on-Demand zur Sichtung bereitstellt. Nachher kostet das Anschauen Euro 2.50 pro Film, ein Geld was man dieser Produktionsfirma ruhig gönnen sollte.

    Kokemüller zeigt mit seinen Filmen, dass in Deutschland nicht nur Talent, sondern auch ein Feeling für Kinokultur da ist (woran einen so viele der hochgeförderten Filme verzweifeln lassen). Er macht vieles richtig. Er arbeitet kontinuierlich mit einem Kernteam, er geht von seiner Erfahrungs- aber auch Fantsiewelt aus, fängt an in der Familie (Cordelias Kinder) und beim Coming-of-Age (Warum Hans Wagner den Sternenhimmel hasst) und landet mit dem Film Emma hat Flügel in der Studienzeit, entsprechend echot der Film die Attitüde der Beat-Generation – parallel dazu schießt er noch einen Foundfootage Film mit seiner Band in Opposition zum örtlichen, Buchhozer Establishment (Zeckenkommando vs. Cthuluhu)

    Kokemüller macht die Musik selber, die ist jugendlich-schwungvoll, eingängig und ohrwurmhaft. Er spielt sich leicht durch die verschiedensten Genres, um Alltag in Familie und Coming-of-Age in die Abgründe hinein zu durchleuchten.

    Er gibt sich mit seinem Firmennamen Programm und Selbstbefund zugleich: zu interpretieren: Radikal als Programm, was durchaus noch Spielraum nach oben aufweist, Arrogant als Beschreibung der Attitüde, die sich im Tiefinneren Unsicherheiten zugesteht, aber sie nicht zur Selbstverhinderung einsetzt, sondern zum Trotzdemmachen, zum Erstrechtmachen.

    Er macht Filme mit der Radikalität eines Fassbinders, so scheint es, er hat seinen Plot im Kopf und will den umsetzen, irgendwie müssen die Mittel beschafft werden. Dadurch unterscheidet er sich von der herrschenden Subventionskultur, die streckt sich zuerst nach dem Geld, da wird erst geschaut, was oben an Geld reinzuholen ist durch Absuckeln der Zitzen der Förderung und des Fernsehens und darnach richtet sich, was unten rauskommt, meist nur noch ein verkümmertes Abbild dessen, was der Autor anfangs womöglich im Kopf hatte, wenn nicht auch das Buch in vorauseilendem Gehorsam bereits nach den Kriterien von Fördergremien und Fernsehredakteuren geschrieben worden ist.

    Comments Keine Kommentare »

    Hier durchleuchtet Lars Kokemüller lustvoll und mit sicherer Cineastenhand und nicht weniger sicherem Musikscore, mit bewährtem Ensemble und der Kamera von Kathrin Enghusen ein spießiges Einfamilienhäuschen mit einer äußerlich ordentlichen, vierköpfigen Familie, Vater, Mutter, grad erwachsener Tochter und schwer pubertierendem Sohn mit großer Intellektuellenbrille von der ordentlichen Fassade bis tief in die inneren „Schweinereien“, vor keinen Schmutzigkeiten zurückschreckend und dabei verschiedene kinematographische Genres in Richtung Horror und Trash durchlaufend, je tiefer er ins Innere eindringt.

    Eben ist der Vater gestorben, wohl ermordert worden, was keine weiteren Emotionen auslöst, außer dass ab und an die Polizei auftaucht und ein paar Fragen stellt. Mutter hat das Geschäft des Vaters längst übernommen, sie vermittelt junge, männliche Prostituierte; wir werden Zeuge des Castings von Robert. Den nimmt sich Sohn Max gleich zum spröden Freund, Szenen in wundervoll sprachlos pubertärer Verliebtheit, aber von ungestillter Liebessehnsucht und Neugier und der dermaßen Angehimmelte lässt es sich emotionslos gefallen. Während Töchterchen der Mutter bei der allfälligen Beseitigung von Zeugen behilflich ist. Die Dienste werden großzügig entlohnt.

    Es gibt Szenen mit dem Callboy Caruso, den die Mutter ab und an ganz unsentimental bestellt und der dann auch verschwindet. Im Film wechseln Schwarz-Weiß und Farben, wechseln die Genres wie in einem Stream of Consciousness von Trash und Horror und Musical; Anna Berg ist die Schwester, die unverschämt einen Polizeibeamten bezirzt und ihm den Rest versetzt. Mutter Cordelia wird gespielt von Elena Meißner.

    Comments Keine Kommentare »

    In einem begabten Genremix, der sich bis Fantasy, Musical, Horror und Trash erstreckt, erzählt Lars Kokemüller die Geschichte von Hans, Hubertus Brandt, der nicht recht ins Leben kommen kann, bei dem das Absetzen seiner Pillen zu einer Verkettung verhängnisvoller Reaktionen führt.

    Hans ist ein Hochsensibler, ein Fantast, ein Träumer, nicht für die Außenwelt, nicht für die Karriere- und Ellenbogenwelt gemacht, er ist der Opfertyp für Gefühle jeder Art. Ein Ikea-Schrank kann ihm Wunderwelten eröffnen.

    Da ihm die Medikamente ausgehen, ist er gezwungen, sich in die Außenwelt zu begeben. Der Anblick einer Frau, Sarah Bellini als Frau Schön, kann bei ihm einschlagen wie ein Blitz und ihn zu völliger Lähmung bis zur Ohnmacht führen.

    Hans hat wilde Träume von Feen und merkwürdigen Hunden bis hin zu menschenfressen und eine große Ankunft erwartenden Pennern. Er hat einen Moment des Glücks, wie er mit Amélie, Nika Kushnir, und Hobbit, Ulrich Bähnk, Videoabende verbringt.

    Hans bringt eine Speed-Dating-Veranstaltung durcheinander. Und Zauberer Gregor, Jens Wesemann, verspricht ihm die Erfüllung eines Wunsches im Tausch gegen einen Traum. Was ihm den Umgang mit den Realitätsebenen nicht leichter macht. Aber Amélie glaubt, das Böse in Hans gesehen zu haben.

    In Torben Sterner hat Kokemüller einen angenehm unroutinierten Sprecher gefunden.

    Comments Keine Kommentare »

    Hier zeigt Lars Kokemüller, dass er auch einen Found-Footage-Streifen herzustellen imstande ist. Wirkt teils wie Bonusmaterial zum Hintergrund der Musik in seinen Filmen oder wie ein inszeniertes Selfie, ein Fake-Doku über seine Band Zeckenkommando im Sinne der Wackelkamerakunst. Die Mitglieder verbringen einige Sommertage mit Jugendflachs, Gesprächen über Film, über Musik (von der Schwierigkeit des H-Moll auf der Gitarre; „ich dachte wir sind alles Punker“) über Lebensperspektiven („ich sterb eh mit 27“), mit lästigen Nebenerscheinungen des Sommers (Zcke am Sack), mit philosophischen Einsprengseln („Ich würde nie auf Schildkröten springen, es sind so majestätische Wesen“). Unversehens landet die Band im Magnetfeld der lokalen Kulturpolitik, denn die Stadt will den Probenraum verkaufen. Eine Hausmeisterin kann für Lebenshilfe und Rollenfindung nützlich sein. Dann ist da aber noch die andere Seite von Buchholzer Bürgern, die im Wald merkwürdige Rituale um den Gott Cthulhu abhalten – gespenstisch.

    Comments Keine Kommentare »