Christian Zübert hat sich mit seinem Erstling „Lammbock“ von 2001 gleich einen Namen im Teich des deutschen, fernsehsubventionierten Kinos gemacht, hat einen Überraschungserfolg gelandet mit dem leicht unkonventionellen Bad in Musik- und Kiffkultur.

    Seither war er fleißig: Ein Atem, Hin und Weg, Dreiviertelmond und weitere und ein Tatort und Episoden von Fernsehserien.

    An Lammbock konnte er aber mit keinem der Filme nur ansatzweise herankommen. So würde ich es denn durchaus als Hinweis auf Frust trotz guter Beschäftigung interpretieren, dass er jetzt versucht, den Anschluss an jenen Erfolg zu suchen.

    Der Charme eines Erstlings liegt in seiner Unverbrauchtheit, vielleicht einer gewissen Naivität, einer gewissen Frische. Diese Elemente sind generell einmalig und bedürfen bei einer Fortsetzung einer Kompensation. Darauf deutet schon die Namensänderung, aus Lammbock wird jetzt Lommbock. Nicht gerade fantasievoll, zwei kräftige A’s durch ösige O’s zu ersetzen (Interpretation: es ist alles löchriger geworden). Beste Voraussetzung allerdings, sich in der Nostalgieschlaufe zu verfangen. Das tut Zübert getreulich.

    Man sieht ihn förmlich vorm Computer sitzen und brüten, wie er auf den ersten Teil einen zweiten draufsetzen könne. Sympathisch ist, dass er seinem Sujet und dem Kiffen und auch seinem Personal treu bleibt. Moritz Bleibtreu wieder als Kai und Lucas Gregorowicz als Stefan.

    Sympathisch und richtig überlegt ist sicher auch, dass er die reale Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Teil auch bei den Figuren real verfließen lässt, dass ihre Wege auseinandergegangen sind und sich jetzt wieder kreuzen, allerdings dank ziemlich aus dem Haschrauch geholten „Einfällen“.

    Die Rahmenhandlung verlegt Zübert nach Dubai. Vielleicht hat er von da Geldgeber. Hier ist Stefan in der Entwicklung von Ferienclubs aktiv, zumindest im Einrichten einer Bar, die just das Lammbock-Feeling evozieren soll, leicht abgefuckt. Er will seine Freundin, ein herbes Weib, Yasemin (Melanie Winiger) heiraten. In zwei Wochen soll das große Fest steigen. Es fehlt ihm noch ein Papier aus Deutschland, das er auf die Schnelle nicht beschaffen kann.

    Also setzt er sich in den Flieger, um den Hauptcontent des Filmes mit Wiederbegegnungen in Würzburg zu füllen; Vergangenheiten laufen sich über den Weg. Allerdings wirken auch diese Begegnungen, so wie sie präsentiert werden, recht erfunden. Die Hauptbegegnung ist die mit Frank, der inzwischen den Lommbock betreibt, der nicht läuft. Er ist verheiratet. Die Ehe scheint ausgetrocknet, der zu alt besetzte Sohn steckt in der Pubertät und schlingert in die Drogendealerei hinein. Damit sind die Fährten gesetzt, um auch das Milieu und die Hanfplantage ins Gespräch zu bringen.

    Ein dramaturgische Damoklesschwert für Stefan ist der in Dubai bevorstehende Drogentest. Er sollte besser nicht rauchen. Tut er aber, sonst wäre es ein zu dröges Wiedersehen. Der Film zieht sich gegen zwei Stunden hin.

    Es werden gegen Schluss, nachdem schon 90 Minten vorbei sind, noch Szenen ausgiebig ausgewalzt, wie in Dubai der Drogentest zu überlisten ist; dazu braucht es einen wasserdurchlässigen Dildo, der an einen Wasserspendersack angeschlossen ist; viel zu ausführlich; das schildert Zübert mit der Mühe, die sich ein Hochschüler für einen Examensfilm geben würde oder dann, wie die beiden versuchen am Flughafen von Dubai einen Joint zu rauchen und die Rauchmelder zu überlisten; das sind Kleinknabenstreiche, die hier von längst zu Berufshandwerkern gewordenen Männern mit ödem Perfektionismusanspruch präsentiert werden, womit die Angelegenheit ein Schlagseite in Richtung unfreiwillig komisch erhält.

    Die Kunst des Jokes im zur Unterhaltung hergestellten Film ist die, dass er passiert, bevor man sichs versieht und nicht dass er auf lange Frist angekündigt und aufgebaut wird. Das muss Zübert noch lernen. Dafür wird er sicher noch viel Subventionsgeld erhalten. Denn er war ja mal eine Hoffnung. Für mich formuliert hier Zübert im Untertext die Sehnsucht nach dem Kultfilm. Exakt die Voraussetzung, warum keiner draus wird.

    Insgesamt wirkt der Film brav und wie am Schnürchen erzählt. Es scheint, dass Zübert nicht drüber hinweg kommt, dass die Zeit der Jugendschwärmerei vergangen ist und dass sie so nicht wiederkommt – auch wenn man es den Typen ansieht und auch ansehen soll. Es scheint dem Film die zündende Grundidee zu fehlen. Er hangelt sich von Einfall zu Einfall am Leitfaden, was sich in 15 Jahren alles geändert haben könnte; aber nichts Grundsätzliches. Am selben Problem scheiterte kürzlich, allerdings auf deutlich höherem Niveau: T2 Trainspotting.

    Ein schöner Gag ist das Zungensprechen, dass Leute plötzlich polnisch oder arabisch oder spanisch sprechen und sich darin verständigen, obwohl sie die Sprachen nie gelernt haben. Allerdings ist die Dosierung willkürlich und nach dem ersten Mal nicht mehr witzig. Genau so verhält es sich mit dem Geschimpfe über genmanipuliertes Hasch.

    Enorme Frische-Kompensationsenergie in Sorgfalt kanalisiert: wird dadurch nicht origineller, nicht spannender; Stoff und Figuren sind nur älter geworden und bringen kein Stattdessen ein.

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    Das doppelte Orthodoxie-Feeling.

    Das erste Orthodoxie-Feeling ist das Interesse des Objektes dieses Filmes von Marie-Castille Mention Schar, die mit Emilie Frèche auch das Drehbuch geschrieben hat (Die Schüler der Madame Ann, Willkommen in der Bretagne).

    Es geht um das richtige religiöse Verhalten im Sinne eines rigiden und kämpferischen Islamismus, wie Mélanie (Naomi Amarger) ihm hier auf den Leim gehen wird. Sie ist aus gut-bürgerlichem Hause. In ihrer Pubertäts-Identitätskrise gerät sie über das Internet an einen sinnlichen, bärtigen Mann mit treuherzigem Blick, der ein radikal-islamistischer Menschenfänger und Lügner ist.

    Über Chat und Propagandafilme gewinnt er ihr Vertrauen. Sein Symbol ist der kämpferische, islamische Löwe. Sie wird ihm schnell hörig.

    Parallel dazu beschreibt Marie-Castille Mention Schar den Fall von Sonia (Noémie Merlant). Aber auch das ist nur ein Strang des Flechtwerkes dieses Filmes, der in den Geschichten hin- her- und zurückspringt.

    Vom inneren Abschied der Mädchen von den Familien, der Öffnung für den Islam, dem Entschluss zu heiraten oder in den Krieg zu ziehen bis zum SEK-Einsatz zuhause, bei dem Sonia als Gefährderin festgtenommen wird.

    Parallel dazu die Aufarbeitung der Geschichten in Gesprächskreisen mit Eltern und Kindern unter der Leitung der Originaldarstellerin Dounia Bouzar, die den dokumentarischen Impuls für die Geschichte verdeutlicht. Dieser wird verstärkt durch gewissenhafte Recherchen unter Beratung von Mädchen, die selber zum Islam konvertiert sind, die das Symbol der Unterwerfung der Frau unter den Mann, das Tragen das Dschilbab anstrebten, und die Eltern fallen aus allen Wolken, wenn sie davon erfahren. Sie haben doch nur das Beste für ihre Kinder gewollt.

    Im Abspann stehen einige Namen, bei denen sich die Filmemacherin entschuldigt, sind es die Macher des Propaganda-Footages, das sie in den Film einflicht?

    Das zweite Orthodoxie-Feeling ist ein methodisches, es wird dem Zuschauer durch die konsequent enge Kadrage der Aufnahmen mit dem engen Spielraum von Nah bis Halbnah als ein Gefühl von Scheuklappen vermittelt. Das ergibt eine extrem dichte Erzählweise, der schwer auszukommen ist, die aber auch das Gefühl vermittelt, auf der richtigen Seite der Moral zu stehen oder auch teilweise das Gefühl, als Schüler in den engen Fokus von Lehrmaterial im Ethikunterricht gezwängt zu werden.

    Mention-Schaar wählt harte Instrumente zur Behandlung dieses heißen Eisens, um sich ja nicht die Finger zu verbrennen. Um das Gefühl von Wissenschaftlichkeit noch zu verstärken, schneidet die Regisseurin wie Fußnoten in einem Referat immer wieder Schulstunden dazwischen, die das Thema aus kultureller Warte behandeln, Molières Tartuffe oder Fernand Légers zerrissener Mensch.

    Klar, dass so ein Kino auf den richtigen Weg verhelfen will.

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    Ein Film, der den Zuschauer bei der Familienhygiene im Badezimmer abholt.

    Adäquate Fantasien, um Ehen in Sackgassen aufzumöbeln oder eine Messlatte dafür, welch Vakuum Kinder, die ausfliegen – und wenn es nur für eine Schulfreizeit ist – hinterlassen können.

    Jeff (Zach Galfianakis) und Karen Gaffney (Isla Fisher) wohnen in einem idyllischen Häuschen in der Sackgassensiedlung „Maple Circus“, die symbolisch für die Situation ihrer Ehe stehen kann, denn wegen der Kinder haben sie sich jahrelang persönlich zurückgenommen, den Sex so diskret und lautlos wie möglich erledigt mit deutlichem Lustverlust.

    Jeff arbeitet in der Personalabteilung der Hochsicherheitsfirma IMBI, ist aber in seiner Position keiner der Topgeheimnisträger. Karen beschäftigt sich mit Innenausstattung, arbeitet gerade an einer Urinale (damit die Herren der Schöpfung im Stehen pinkeln können, bekanntes haushaltliches Thema). Die Kinder haben sie im Schulbus für eine Klassenfahrt verabschiedet. Jetzt könnten die beiden endlich tun und lassen, was sie wollen. Vakuum.

    Zum Glück ziehen neue Nachbarn ein, die ihr Interesse wecken. Tim (Jon Hamm) und Natalie Jones (Gal Gadot). Eine sexy gekleidete Griechin, die eine Stiftung für sizilianische Waisenkinder betreut, und ihr gutaussehender Mann, Reiseschriftsteller.

    Grad steht das Quartierfest Junitoberfest bevor, so dass man ins Gespräch kommen kann. Allein wie diese elegante Frau Fantasien anregt. Man verabredet einen Hausbesuch. Die Neuzugegzogenen bringen eine merkwürdige Glasskulptur mit. Beim Besuch überrascht Karen Tim im Arbeitszimmer ihres Mannes. Karen wird misstrauisch, fängt an zu recherchieren, stößt auf Ungereimtheiten.

    Immer mehr werden die Gaffneys in das Leben der Jones involviert; bald ist klar, dass es sich um Spione handelt und aus dem Familienfilm, der sich mit Hygiene-, Dessous- und Sexproblemen beschäftigt, wird ein Spionagethriller, just in der Art, wie ihn die Gaffneys bestimmt vom Pantoffelkino her kennen.

    Dabei kommt sowohl der Story als auch Jeff dessen Fähigkeit als Personalsachbearbeiter zugut, wie er mit den Leuten umgeht, wie er sie einschätzt, wie für ihn andere Situationen Ernstfälle sind als für Agenten. Was mit dazu beiträgt, aus so einem Film einen Unterhaltungsfilm werden zu lassen, der ausgehend vom Mief der Alltäglicheit wie mit einem scharfen Reinigungswasser diesen entfernt und die Menschen dadurch frischer aussehen lässt.

    Mit schönen Seitenblicken über die übliche wie verbreitete Nachbarschaftsbeobachtungskunde (die seien so unverholen vollkommen) angereichert mit diversen Alltagsweiseheiten „Ich brauche vielleicht keine Feuchtigskeitscreme, ich habe Gefühle“, die Hormokomponente leuchtet ab und an auf und zur Abwechslung gibt es Bilder vom Indoor Skydiving, ein Besuch im Supermarkt „What Ales yu?“ und wie es mehr zur Action geht, Vertrauen erweckende Hochglanz-Mercedes-Werbung, ein wahres Heldenauto oder die Verzweiflung der Agenten, die nach 10 Jahren und 30 Ländern gerade mal nach einer einzigen Woche Vorstadtdschungel in der Klemme stecken, im Cul de Sac von Atlanta.

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    Zwei Dinge sind an diesen Lebenslinien über die Ur-Münchnerin und Schauspielerin mit Vorfahren auf dem alten Südfriedhof bemerkenswert. Zum einen, dass sie ihr Kinderstartum, sie bekam schon mit 9 Jahren ihre erste Filmrolle, offenbar unbeschadet überstanden und mit einer kleinen Unterbrechung es seither in 55 Jahren auf um die 140 Film- und Fernsehrollen gebracht hat. Zum anderen, dass sie durch ihre von Helmut Dietl für sie maßgeschneiderten Rolle in den „Münchner Geschichten“ zur Fernsehgeschichte gehört.

    Außer ein paar kurzen Hinweisen auf die Kinderstarzeit, gibt es noch gruselige Ausschnitte und Statements zum Polizeiruf (mit dem Insert von Szenen aus dieser Serie tut Andi Niessner, der Regisseur und Autor dieser Lebenslinien, der Portraitierten keinen Gefallen), aber von all den anderen vielen Rollen erfährt man grad gar nichts, auch kein Kommentar zum Niveau der Drehbücher und generell der Entwicklung des Fernsehens oder des Kinos.

    Ein schöne Anekdote ist, und das spricht für ihre Freiheit, dass sie, nachdem nach dem Kinderstartum ein Angebot aus der Sexwelle kam, sie lieber mit Freunden in einem VW-Bus nach Afrika gereist ist. Solche Entscheidungen sind Knackpunkte, Weichenstellungen in einem Leben, sicher im Sinne der „Lebenslinien“. Und genau da, wo sie sich losgesagt hat von der Filmerei, sucht Helmut Dietl sie. Damals ging Kommunikation nach Afrika noch postlagernd.

    Eine weitere Entscheidung war die, auch eine eindrückliche Anekdote, dass ihre Agentin Alexander aus ihr einen Weltstar machen wollte; dafür hätte sie aber ihre Nase operieren lassen müssen. Da weigerte sich die May und bewies Charakter.

    Der größere, der Homestoryanteil dieser Lebenslinien ist nicht allzu ergiebig (Kinder, Trennungen, Scheidungen, Oma, Yoga, Natur und Käuzchen) und wie sie am Valentinsbrunnen auf dem Viktualienmarkt ein Rose hinlegt, kommt das Logo einer Münchner Brauerei doch irre gezielt im Hintergrund ins Bild; so als ob im Trüben mit solch nicht ausgewiesener Werbung Geschäfte gemacht würden.

    Niessner hat sich in München vor allem für bekannte Drehorte entschieden: Viktualienmarkt, Isar, Nymphenburger Park.

    Man hätte sich mehr von den Geschichten gewünscht, die dem Leben eine bestimmte Richtung geben, wie die Anekdote von der Agentin oder dem Sexfilmangebot und der darauf folgenden Entscheidung, Kindergärtnerin werden zu wollen.

    Oder von den vielfältigen Aktivitäten, die der Schauspielerberuf wie ein bunter Strauß, wie sie sagt, bereithält (Lesungen, Theater). Aber Niessen gibt sich lieber mit wenig aussagekräftigen, wohlwollenden Statements von Kollegen, Yogagruppe, Bekannten und Verwandten zufrieden. So wirkt es allerdings auch so, als seien die ganzen Rollen, die Michaela May seit Dietl gespielt hat, spurlos an ihr abgeperlt. Gerade dadurch wiederum macht sie jedoch einen ganz normalen, bodenständigen – münchnerischen – Eindruck. Was nicht im Widerspruch zu ihrer Maxime steht, die Einheit von Alter und Aussehen, von Seele und Körper anzustreben.

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    „Wenn eine Frau lächelt, dann ist die Suppe schon vergiftet“ meint der Kommissar – und wenn ein Kommissar lächelt – und er tut es oft, strahlt wie ein Konfirmand -, was ist es dann? Dann ist es Kommissar Pascha (Tim Seyfi), das bedeutet:

    Billige Fernsehware, die linkisch auf den Integrationszug hechtet.
    Resultat: Referenz an Rosenheim Cops als bayerisch-anatolischem Bauerntheater für Integrationszurückgebliebene.

    Vielleicht hat die Story ja Hand und Fuß, ist aber im viel zu schnell und oft undeutlich prononcierten Textgeschnetzele schlicht untergegangen. Jedenfalls ist einem Kommissar, der lächelt, offenbar nicht zu trauen, dieser Kommissar ist nicht vertrauenswürdig, er ist scheinheilig, unzuverlässig, unhygienisch und ein anatolischer Macho dazu.

    Scheinheilig: er spielt den gläubigen Muslim, kaum wird er einer Leiche ansichtig, betet er und im nächsten Moment, wenn es irgendwo Schweinefleisch und Bier gibt, greift er zu; also weder richtig Bayer noch richtig Anatole.

    Er ist unzuverlässig im Umgang mit seinen Mitmenschen, Gattin, Tochter. Erst wenn letztere merkwürdig dilettantisch in Lebensgefahr gebracht wird, dann ist er plötzlich der liebende Vater; verlogen sowieso, wenn er behauptet, seine Familie sei seine große Liebe.

    Er ist unhygienisch. Das zeigt der Umgang mit dem Zitronenhuhn, nachdem der Hund in die Tüte gebissen hat, trägt er die angebissene Tüte mit dem rausschauenden Hühnerkopf noch ewig und im Dienst nachlässig mit sich herum, der Kopf schleift fast auf dem Boden. Und wie er nachher das Huhn auf dem Küchentisch rupft, na guten Appetit! Auch im Biergarten trinkt er so unordentlich Bier, dass ihm ein dicker Schaumfetzen an der Nase hängen bleibt und er das offenbar nicht bemerkt, so dass die Tochter kümmernd diesen wegwischt, das lässt ihn als vertrottelt oder infantil erscheinen im Gegensatz zu seinen Bügelbemühungen.

    Er ist ein anatolischer Macho. Er duldet keinen Mann neben sich und unter sich nur jüngere Frauen, und wenn Mann, dann muss es ein ganz pflaumenweicher sein (Michael A. Grimm als Pius).

    Er will elegant sein, was an den guten alten Derrick als Kommissar erinnert, denn er trägt Anzug, verfügt über eine enorme Sammlung an Stofftaschentüchern mit Monogramm, die er sorgfältig bügelt. So eine teures Taschentuch nimmt er im Puff, um sich drauf zu setzen und entsorgt es gleich im Müll oder er verschenkt eines an die schniefende (das tut diese überzeugend!) Mitarbeiterin Jale (Almila Bagriacik).

    Überhaupt scheint in den Lebensverhältnissen dieses Möchtegern-Mann-von-Welt einiges nicht zu stimmen, nicht nur, dass er es nicht geschafft hat, seine Familie zusammenzuhalten, auch wohnt er weit überdimensioniert in einer schicken Altbauwohnung, wie ein kleiner Kripokommissar sie sich in München garantiert nicht leisten kann, zu schweigen von der Sammlung offenbar exklusiver Taschentücher. Dieser Kommissar will mehr sein als er ist.

    Die Anzug-Masche bringt ihn und die Continuity beim eh schon schwerfälligen Schnitt dauernd in die Klemme, Sakko an, Sakko aus, Sakko unterm Arm, Sakko über die Schulter, Sakko-Knopf zu, Sakko-Knopf auf oder am Knopf nesteln, auch wenn er zu ist, Sakko gezielt neben den Kleiderhaken hängen, auch das ein Hinweis darauf, dass diesem Kommissar nicht zu trauen ist, denn das müsste er doch bemerken; soll aber vielleicht diesmal erzählen dass er betrunken ist. Wenn schon Anzug als Hinwegtäuscher über Defizite, dann müsste man ihn wenigstens beherrschen.

    Dieser Kommissar ist mit Selbstdarstellung beschäftigt und nicht mit Betrachten des Falles und der Menschen um ihn herum, der Fälle, die es zu lösen, in die es einzudringen gilt. Es fehlt das Elementarste für einen spannenden Krimi: eine menschliche und auch nachvollziehbare Geschichte, die sich aus Konflikten ergibt. Hier geht es lediglich um eine diffuse, geschäftliche Liaison zwischen zwei türkischen Geschäftsleuten, die in den Dämpfen eines Hamams in Istanbul schummrig bleibt und die nicht weiter herausgearbeitet ist. Dem Krimi fehlt der Krimi.

    Der Impetus, einen Integrationsfilm zu machen (mit der Erfindung einer Türkenabteilung, Ausländerabteilung bei der Kripo, als Antwort auf die NSU-Morde? – das wäre doch hanbüchen) ist deutlich stärker, als der Impetus, etwas über Menschen und deren Konflikte zu erzählen.

    Der Leiche, die auf dem Boden liegt, sieht man an, dass sie das Lachen verklemmt. Muss lustig gewesen sein am Drehort. Leider nicht für den Zuschauer.

    Eine fernsehkritische Bemerkung erlaubt sich die junge Kommissarin angesichts eines möglichen Selbstmordes, vielleicht habe der Selbstmörder das Hauptabendprogramm geschaut. Nun, wegen diesem Film wird sich niemand erschießen; einschlafen oder wegzappen dürften naheliegendere Reaktionen sein.

    Der Kommissar wirkt angespannt, der Druck seiner gut präparierten Texte, die wie aus dem Rohr geschossen kommen, übersteuert, zu bemerken gelegentlich an einem aufgeregten Fingerkuppenaneinanderreiben bei Steh-Dialogen, wobei die Regie von Sascha Bigler, der auch das Drehbuch nach dem Roman von Su Turhan geschrieben hat, nicht gerade smart zu nennen wäre – um höflich zu bleiben. Auch was die Bevölkerung des Bildschirms mit Randfiguren betrifft, mit plumpen, uncharmanten Knallchargen von Hundebesitzerin oder Killer, dumpfe Figuren, sind diese nicht dazu angetan sind, einen Krimi zum Vibrieren zu bringen.

    Gleichzeitig muss der Taschentuchtick des Kommissars für einen billigen Running-Gag herhalten: ein Bediensteter des Kommissariats bringt ständig neue Kommoden, die mindestens drei Schubladen für Paschas Taschentuchsammlung haben sollen. Müde Einlage aus verschlissenem Improtheater.

    Es scheint im Film um die Fusion zweier türkischer Unternehmen zu gehen. Eine Heirat soll das besiegeln. Anlass, das Thema Defloration, resp. den Anspruch auf und die Kontrolle der Jungfräulichkeit fürs deutsche Fernsehpublikum zu erklären und auch, wie ein kaputtes Hymen in einer Klinik namens Virgo wiederhergestellt werden kann.

    Die Erinnerung an Derrick lässt den Unterschied zu diesem ungepflegten Machwerk besonders eklatant erscheinen. Derrik selbst musste im Grunde genommen nur den Anzug und die Rolex tragen können. Das tat er. Er musste sich lediglich das Drumherum anschauen (und mit ihm die Zuschauer): das waren generell erstklassig geschriebene Figuren, dargestellt von einer Riege erstklassiger Schauspieler, die unter der Anleitung erstklassiger Regisseure großartig aufgespielt haben. Das hatte Klasse. Hier scheinen jedoch Geld und Wille zur Klasse gefehlt zu haben; genau so wie ein Wettbewerb um die bestmögliche Besetzung. Die Billiglösung: anatolisch-bayerisches Bauerntheater; wobei das auch wieder nicht stimmig ist, denn die Darstellerinnen türkischer Provenienz versuchen sauberes Hochdeutsch zu sprechen, was faktisch einem niederschmetternden Fernsehdeutsch gleichkommt, um nicht in die Ecke des sogenannten „Gemüsetürken“ (der auch vorkommt) gestellt zu werden. Diese Rollen hat unser Kommissar bereits hundertfach hinter sich, wie die Liste bei IMDb vermuten lässt.

    Der Prozess des Zusammenpralls zweier Sprachen ist miserabel beobachtet, er wird hier desintegrativ eingesetzt, wirkt wie eine kulturelle Schwundstufe, statt dass die beiden Idiome sich befruchtend antörnen: im Film wird faktisch negative Integration praktiziert; denn realiter ist in Bilinguebiotopen ein häufiges Übernehmen von Begriffen, ein von einem Idiom ins andere Fallen zu beobachten: das wird hier radikal ausgeschlossen, womit die Sprach- und Sprechverwaltung in diesem TV-Produkt konsequent auf Realitätsverweigerung setzt: den positiven Effekt von Integration negiert. Statt dass sich die Sprachen durch ihre Begegnung befruchten, separieren sie sich.

    Der Kommissar will die wichtige Figur sein und nicht die Geschichte, die wird weggenuschelt, er möchte ein starker Typ sein, der seine Mitarbeiterin Isabel nur mit dem Familiennamen Vierkant (Theresa Hanich) schnodddrig anspricht. Hier will der Kommissar im Mittelpunkt stehen – und leider demonstriert er gerade dadurch einmal mehr, dass er nicht vertrauenswürdig ist. Denn er gibt sich auch dümmlich-kumpelig bei der Begrüßung „Habe die Ehre, hebe die Haare“ – nicht gerade geeignet, um einer Figur identifizierbares, verbindliches und respektgebietendes Profil zu verleihen.

    Der Film versteht sich wohl von weltfremder, fernsehredaktioneller Seite und zur Legitimation der Erfüllung des Grundauftrages des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes als ein Immigrationsauflärungsbeitrag: es sind fingerzeigdicke Infos enthalten über die Döner-Industrie, türkische Hochzeitsrituale und das Problem des intakten Hymens.

    Ob das geschickt ist, den Killer gerade während der Tötung eines Taxifahrers vorzustellen, mit Kopfhaube dazu, ein Mord, der im Film keine weiteren Folgen hat und dabei telefoniert der Täter noch beim Töten mit dem Handy, scheint zu sagen: uns interessiert Plausibilität einen Deut.

    Überhaupt ist das Problem des Kommissars nicht klar, und auch, warum ein Mensch mit so vielen Defiziten Kriminalkommissar hat werden können.

    Immerhin, eine schöne Kamerafahrt gilt es zu erwähnen: die Kamera schwenkt erhöht über München an einer Kirche nach oben, so wirkt der Kirchturm momentweise wie ein Minarett, das auch weitere Türme in München in diesem Lichte erscheinen lässt – fehlt nur noch die Überblendung zu Istanbul.

    Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers an die von ihm finanzierten Redakteurinnen Stephanie Heckner, Katja Kirchen, Lucia Vogdt und an den Intendanten Ulrich Wilhelm des produzierenden BR!

    (Erdogans Propagandabteilung dürfte den Auftritt eines bereits halbwegs islamisierten Kommissars im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland als enormen Erfolg verbuchen).

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    Filme der unterschiedlichsten Kaliber und Herangehensweisen. In Frankreich untersucht Téchiné, wieso Damien und Thomas wie Feuer und Wasser aufeinander reagieren; in Thailand gerät der ausgerissene 100jährige 101jährig in Geldnot, im Animationsland gilt Vorsicht vor falschen Hasen, am Bosporus wird ein delikates Liebesthema delikat verklausuliert und in Hollywood versuchen sie, die Liebe der Schönen zum Biest vernünftelnd zu entzaubern.

    MIT 17
    Wie können zwei Außenseiter-Jungs sich nur so abstoßen?

    DER HUNDERTEINJÄHRIGE, DER DIE RECHNUNG NICHT BEZAHLTE UND VERSCHWAND
    Ob Volkssoda und die Erinnerung an den Kalten Krieg die finanziellen Probleme des 101jährigen lösen?

    DIE HÄSCHENSCHULE
    Stadt oder Land, die Frage wird klar beantwortet, aber ob ein Hase immer ein Hase ist, das ist nicht so sicher.

    ISTANBUL KRIMIZISI
    Ganz vorsichtig formuliert dieser Film sein Herantasten an die Liebe zweier Künstler.

    DIE SCHÖNE UND DAS BIEST
    Hollywood kann Operette, hat aber Mühe mit dem Geheimnis der Liebe zu einer Nicht-Schönheit. Das ist doch schon per definitionem so. Da braucht sich keiner wundern.

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    Ein Autor verschwindet.

    Er heißt Deniz (Nejat Isler), wohnt mit seiner Mutter in einem großzügigen roten Haus direkt am Bosporus und ist ein erfolgreicher Drehbuchautor und Filmregisseur. Um ihn dreht sich einiges in diesem Film von Ferzan Ozpetek nach seinem eigenen Roman. Deniz wird bald spurlos verschwinden. Raum für Spekulationen, Offengelassenes, Für Nicht-Ausgesprochenes aber auch für Unklarheiten, die der Film reichlich nutzt.

    Die Hauptfigur ist eine andere. Es ist Orhan (Halit Egenc), der aus London für einige Tage nach Istanbul zurückkehrt, um mit Deniz an seinem neuen Drehbuch zu schreiben. Nach einem trinkreichen Abend und dem Ausklang auf Liegestühlen direkt am Bosporus bei Gesprächen über Gott und die Welt, schlafen sie im Freien vor dem roten Haus ein. Am Morgen ist Deniz weg.

    In der Manier redlichen Intellektuellentums und in smarter Filmsprache schwenkt ab jetzt der Fokus des Filmes wie ein Pendel seines Interesses zwischen der ebenfalls bitteren Geschichte von Orhan, der vor Jahren ein erfolgreiches Märchenbuch herausgegeben hat und seither unter Schreibblockade leidet und sich nach London abgesetzt hat, zur Mutter von Deniz, die kurz vorm Auszug aus dem Haus am Bosporus steht, und überhaupt zu den vielen Frauen, unter deren Obhut Deniz aufgewachsen ist, ein Haushalt ohne Männer, zur kurdischen Hausangestellten Sultan (Cembre Ebuzziya) und sowieso peripher zum Kurdenproblem, zur attraktiven Neval (Tuba Büyüküstün), die einmal mit Deniz was hatte, jetzt sind sie gute Freunde, und die mit einem Architekten verheiratet ist und an sensationeller Lage mit Blick über Istanbul wohnt, zu Yusuf, der plötzlich ins Spiel kommt und der Bildhauer ist, der Deniz verehrt und ihm wohl den Zugang zum Künstlertum zu verdanken hat und schließlich zur erotischen Spannung, die sich zwischen Orhan und Neval aufbaut.

    Außer dem kurzen Blick auf die Kurdenthematik bleibt die Politik außen vor, lediglich eine türkische Fahne weht gut sichtbar auf dem kleinen Boot, das Orhan zu seinem Besuch über den Bosporus fährt.

    Im wohlverhüllten Kern dieser Geschichte scheint es um eine künstlerische und erotische Amour Fou zwischen Yusuf und Deniz zu gehen; der Hinweise sind viele; aber so direkt scheint man das in der Türkei heute nicht auf die Leinwand bringen zu können; weitere Indizien ergeben sich auch aus Bildern, die Orhan im Zimmer von Deniz findet.

    Die flüssige Erzählweise erinnert in Momenten tendenziell an die Daily-Soap-Methode, Szenen fangen damit an, wie die Leute zusammenkommen, sich vorstellen, sich begrüßen; dem Zuschauer erleichtert das das Folgen; es wirkt in solchen Momenten wie ein Kino zum täglichen Gebrauch; gleichzeitig werden in die Dialoge Weisheiten zum Leben oder zum Schreiben eingeflochten, auch zur Schilderung des literarisch-gebildeten Milieus, in dem der Film spielt und das sich hier spiegelt inklusive dem Thema der Einsamkeit des Autors.

    Merke: wer an die Vergangenheit denkt, der verpasst die Gegenwart.

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    Verlangen: Attraktion und Abstoßung.

    Etwas ist zwischen Damien (Kacey Mottet Klein) und Thomas (Corentin Fila). Beide sind 17, sind auf derselben Schule in derselben Klasse in einem kleineren Ort in den französischen Alpen. Thomas reagiert allergisch auf Damien.

    Damien guckt Thomas an und dieser stellt ihm ein Bein. Sie scheinen unversöhnlich, „Wir mögen uns nicht“ – „Erregst gerne Mitleid?“. Es stellt sich die Frage, ob Menschen im Allgemeinen und Jungs im Besonderen sich überhaupt vertragen können. Wie zwei Elemente, die nicht miteinander in Berührung kommen dürfen.

    Das schildert Altmeister André Techiné im ersten Drittel seines Filmes, zu dem er mit Céline Sciamma auch das Drebhbuch geschrieben hat, übertitelt mit „erstes Trimester“; hier lässt er die Dramen, die in den Figuren ablaufen, vermuten. Hier ist noch Winter.

    Techiné als Autor wird dafür sorgen, dass die beiden Jungs sich nicht auskommen, damit er genau studieren kann, was los ist mit ihnen und woher das Explosive in diesem Verhältnis/Nicht-Verhältnis kommt. Er wird den Gefühlen und dem Aufruhr oder dem Panzer der jungen Männer auf den Zahn fühlen.

    Damien lebt mit seiner Mutter, der Ärztin Dr. Marianne Delille (Sandrine Kiberlain) in einem stadtnahen Einfamilienhaus. Ihr Mann, der Vater von Damien, Nathan (Alexis Loret) ist Pilot und auf einem Fronteinsatz der französischen Armee in Afrika im Rahmen des Antiterrorkrieges, für Téchniné Anlass für eine kritischen Seitenblick in das aktuelle Kriegsgewerbe.

    Die Mutter von Damien ist eine engagierte Hausärztin, sie besucht ihre Patienten auch zu Hause, nicht selten verzichtet sie auf ihre Honorarforderung oder wird mit Naturalien entlohnt. So führt sie ihr Beruf auch zum Bergbauern Chardoul (Jean Fornerod), dessen Frau Christine (Mama Prassinos) immer Probleme mit Schwangerschaften hatte und noch keine mit einer Geburt vollenden konnte.

    Deshalb haben die Chardouls den Jungen Thomas, der aus dem Maghreb stammen dürfte, adoptiert. Es ist jener Thomas, der wie allergisch auf den Arztsohn Damien reagiert. Zudem hat Thomas Mühe in der Schule, er hat einen langen Weg, erst Fußmarsch, dann Schulbus und verliert so täglich 3 Stunden. Er möchte Veterinär werden.

    Die Mutter von Damien schlägt vor, Thomas solle doch zu ihnen ziehen, weil sie seine Mutter wegen einer erneuten Schwangerschaft ins Spital einweist. So ist die spannende Voraussetzung für das zweite und das dritte Trimester gegeben, wie die Zwischentitel heißen.

    Zur Verschärfung der Auseinandersetzung der jungen Burschen, schickt Téchiné Damien zu Boxstunden beim Nachbarn Paulo (Jean Corso). Ob die Mutter, die mit ihrem fürsorglichen Einsatz, das Leben ihrer Mitmenschen geregelt haben möchte, das wirklich erreicht, ist fraglich.

    Die beiden Protagonisten werden gleich zu Beginn als in sich gekehrte, eigenwillige, von den anderen nicht besonders geliebte Außenseiter charakterisiert, wie in der Turnstunde zwei Mannschaften gebildet werden sollen; diese beiden will erst mal keiner.

    Das erste Trimester, das die Ausgangslage der Geschichte bildet, baut geschickt auch die Erwartung auf, dass Schlimmes passieren wird und lässt sich genügend Zeit, den Protagonisten auf langen Wegen weg oder hin zu Konfliktsituationen zu begleiten, wenn der innere Monolog wort- und mimiklos rumort.

    Zwischendrin eine essentielle Diskussion über den Begriff „Verlangen“ von Platon bis Leibniz, ob dieses natürlich sei oder überflüssig.

    Das Blumen-T-Shirt von Damien hat die Inschrift: „My dream is alive“
    Er muss sich aber auch sagen lassen: „Du hast nicht genügend Vertrauen in dich und die anderen“.

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    Die Schöne und das Biest ist ein Repertoire-Stück im Kino. Zuletzt kam es aus Frankreich als eine harte, auch filmästhetische und kinematographische Auseinandersetzung über Kunst, was ist schön.

    Jetzt ist der Stoff bei Diesney gelandet und die machen daraus, was sie eben können. Sie fangen ihn als opulentes, zuckersüßes Operettentheater an, viel Volk, viele Songs (der Dorf-Bonjour-Song), viele Kostüme und Belle, die Schönheit, ist Emma Watson, hier als eine Konfektionsschönheit vom Lande hergerichtet. Belles Vater Maurice (Kevin Kline) ist ein Bastler, baut an Windmühlen-Musikdosen. Die Mutter ist in Paris an der Pest gestorben.

    Das Biest (Dan Stevens) flezt sich erst als Prinz auf dem Thron in einem höfischen Thronsaal von Hollywooddimensionen. Dann taucht die Alte, die Hexe auf und die Verwandlug zum Biest findet statt, die Rose, die ab und an ein Blatt abwirft, wird in einer Glaskugel aufbewahrt. Wenn das letzte Blatt ab ist, kann das Biest nicht wieder zum Prinzen zurückverzaubert werden.

    Im Dorf ist Gaston (Luke Evans), ein stutzerhaft eingebildeter Macho. Der ist scharf auf Belle. Sein rundlicher Sidekick, der beide zu einer Art komischem Buffopaar macht, ist Le Fou (Josh Gad). Gaston erhält eine Abfuhr von Belle.

    Belles Vater Maurice gerät auf dem Rückweg von der Stadt in den Winterbereich ums Schloss und in die Herrschaft des Biestes, das von der Ausstattung her ein Operettenbiest ist, besonders später, wenn es Belle kennengelernt hat und schön höfisch gekleidet ist; vom Spiel her ist es anfangs eher grob und grobschlächtig zu nennen.

    Die Ausgangspositionen der Figuren und Gruppierungen, die jetzt aufeinander losgelassen werden, sind somit abgesteckt, denn es gilt für Belle, den Vater zu suchen und Gaston ist hinter Belle her.

    Die Begegnung zwischen Belle und Biest passieren bei Disney in erklärender Weise. Erst sorgt sich Belle samariterhaft um das von den Wölfen verwundete Biest. Dann lernen sie bei Gesprächen über Literatur in der Bibliothek einander schätzen. Es wird also „erklärt“, was meiner Ansicht nach genau den Reiz und das Geheimnis, das Undurchschaubare dieser Beziehung ausmacht, dass sie nicht erklärbar ist, dass Belle unerklärliche Schönheit im verunstalteten Biest sieht, vielleicht seine Seele erkennt, aber sicher nicht über ein Abstecken gemeinsamen literarischen Interesses. Dann könnten sie sich genau so gut über ein Dating-Portal kennenlernen.

    Diesen substanziellen Verlust, diesen Verlust des Atomkerns der Geschichte überdeckt Disney gewohnt souverän mit Effekten und Songs, die mit der Story und ihrem Thema wenig zu tun haben, die aber immer für Lacher gut sind.

    Das Schlossmobiliar wird animiert. Teetassen und Teekannen sprechen und bewegen sich nicht weniger als Kandelaber, Pendule, Plumette, Schminkschränke oder gar ein Cembalo – Hotel-Mobiliar-Story statt Toy-Story. Später, wenn ein Aufstand des Volkes mit Fackeln gegen das Schloss einsetzt, fällt Diesney noch viel mehr Unfug mit diesen animierten Gegenständen ein.

    Vom Genre her wandelt sich die Operette mit der Anbahnung der Liebesgeschichte zum Melodram um gegen Ende hin nochmal kräftig und aus allen Rohren traditionell operettig und disneyig aufzudrehen.

    Wer die Geschichte noch nicht kennt, der lernt immerhin, dass es sich um die Liebe zwischen einer schönen Frau und einem behaarten, gehörnten Freakwesen handelt, eine Anti-Romeo-und-Julia-Geschichte.

    Das Buch stammt von Stephen Chbosky (Rent), Evan Spiliotopoulos (The Huntsman & the Ice Queen)
    Die Regie führte Bill Condon (Mr. Holmres, Inside Wiki-Leaks, Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht, Teil 2).

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    Unbeschwert, sorglos und fröhlich einige Grundkonstanten des Lebens noch jenseits von Familie, Liebe, Karriere und Tiefgründigkeit munter abgehandelt oder zwanglos durchdekliniert.

    Es gibt den Gegensatz von Stadt und Land. Die Hasen in der Stadt sind Straßenkids und stibitzen was nicht niet- und nagelfest ist, Äpfel oder Klamotten. Sie spielen mit einem fernsteuerbaren Modellflugzeug. Auf diesem dreht die Hauptfigur des Filmes, Max, Prototyp des städtischen Lausbuben, Runden und Pirouetten bis die Fernsteuerung versagt und das Flugzeug mit Max die Gemarkung der Stadt verlässt, über das Fuchsgebiet hinwegfliegt, die Füchse narrt und verwirrt und schließlich im eingezäunten Bereich der traditionell idyllischen Osterhasenschule im Stile köstlich-altbackener Niedlichkeit landet.

    Die Freundschaftskomponente wird vom jüngeren Hasenmädel Emmi verkörpert, die Max bei seinen weiteren Auseinandersetzungen und Abenteuern, die er sich selber einbrockt, noch nützlich sein wird, denn Idylle und Osterhasenschule und auch, sich an Regeln halten, gar für eine Prüfung auf einem harten, physischen Parcours trainieren, sind Maxens Dinge nicht.

    Max möchte lieber Mitglied in der coolen Gang in der Stadt werden. Und auch Autoritäten wie die spröde Madame Hermine oder der etwas verkindete Lehrer Eitelfritz sind in seinem Weltbild nicht vorgesehen. Er wird Ausbruchsversuche machen. Das ist verboten. Auch muss er dazu des Schlüssels, der geschickt in der Kuckucksuhr versteckt ist, habhaft werden, aber wozu hat Max seinen Slime-Arm.

    Die Füchse aber haben das goldene Osterei in der Häschenschule entdeckt und wollen es klauen. Dadurch sind die Voraussetzungen gegeben, die Elemente eines vergnüglichen Kinderkrimispieles einzubauen mit comic-gerechter Action inklusvie Kidnapping und Vorspielen falscher Identitäten mittels Kostümen.

    Das Drehbuch stammt von Katja Grübel und Dagmar Rehbinder nach dem Buch von Fritz Koch-Gotha und Albert Sixtus, die Regie übernahm Ute von Münchow-Pohl, die schon mit den Filmen von Rabe Socke das kleine Publikum erfreut hat: Der kleine Rabe Socke das große Rennen und Lauras Stern.

    Im Abspann stehen viele chinesische Namen, die an den kinderfreundlichen Animationen beteiligt gewesen sind. Doch die Füchse sind nicht nur böse, auch ihnen droht Gefahr, der Nachrichtensprecher im Fuchs-TV warnt vor der Ausbreitung des Fuchsbandwurmes und wenn es den Hasen zu heiß wird, so üben sie den „Verschwindibus“, trotzdem gilt: Vorsicht vor falschen Hasen!

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