Archiv für die Kategorie: “Tipp”

Denkpausenmacher als Pausenfüller – die KiKa-Nachtschleife, das mimiklose Kastenbrot Bernd mit den für den Joystick zu kurz geratenen Armen und der imaginären Fußkette, die es vor dem White-Screen fesselt – nach dem Buch von Tommy Krappweis und Norman Cöster und in der Regie von Tommy Krappweis und Erik Haffner.

Bernd das tägliche Nachtbrot, das mit seinem 4.0-Dadaismus aus den ultramodischen Begriffen rund um die virtuelle Welt aus Games und Internet und Chat und Videoclips und Kommentarfunktionen nüchtern reflektiert und bestens unterhält und nicht mal beabsichtigt, witzig zu sein.

Dieses bemitleidenswerte Zeichnergeschöpf Bernd soll nun mit seinem pferdegebissigen Praktikanten Bob, der den Drehplan falsch herum hält, auf Tournee gehen, soll auftreten und singen. Sonst droht ihm eine Rolle als Komparsen-Brösel in Hänsel und Gretel – das Schicksal dieser Brösel darf als bekannt vorausgesetzt werden.

Bernd wundert sich, warum ihm überhaupt jemand zuschaut, da doch nix passiert. Das ist vielleicht das Geheimnis dieser reduzierten Zeichenkunst, dass mehr reflektiert und wortverdreht und wortverspaßt als agiert wird. Dass die Figur über die neuen Wörter stolpert. Dass sie über ihre neue Rolle als Follow-Me skeptisch spricht.

Die Serie Follow-Me, in der Bernd mitspielen soll, behandelt witzig kurz das Thema, was der Film The Circle extensiv macht, dass die ganze Welt teilhaben soll an Bernds Leben unter Ausbeutung des privaten Aspektes, dass Bernd in ständigem Chat-Austausch mit seinen Followern steht, was wieder eine Kette von absurd-witzigen Dialogen nach sich zieht; wodurch er aber auch preisgibt, dass er täglich seinen Schimmelblocker brauche, damit ihm aufgrund von Schimmel kein Haar wächst und aus der Netiquette wird die Berndikette.

Aber die Drehabeiten sind hart, der frühe Vogel ist auch saumüde; immerhin bekommt Bernd eine eigene Garderobe und das ist doch besser als im Recycling-Container zu landen. Seine Verträge hat Bernd mit Fußabdruck besiegelt. Und so wortspielt sich Bernd brillant durch seine Aphorismus-Brösel-Existentialismus-Abenteuer.

Auf der kurzweiligen DVD sind außerdem zu finden; Videoclips ICH SAGE NEIN und SINGT DAS BROT! – Hinter den Kulissen WIE EIN BROT – Singt das Brot! (Videoeffekte) und SINGT DAS BROT! (Outtakes)

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Ein Humanismusfilm, der die Chancen einer humanen Existenz des Menschen trotz seiner zwiespältigen Konstruktion aus Monster und Mensch, auslotet.

Der Mann in seiner existentiellen Schizophrenie zwischen Monster und Bürger/Zivilist als Dae-su Oh (Min-sik chi). Anlass für diese harte Auseiandersetzung ist der, dass Dae-su 15 Jahre in einem Appartement eingesperrt war, ohne zu wissen warum, dass mit ihm möglicherweise Experimente gemacht worden sind, manchmal ist Gas zu einer bestimmten Melodie reingesprüht worden (er erzählt seine Geschichte in gepflegter deutsche Synchro und oft als voice-over), das er mit bekannten Vorgängen in der Geschichte assoziiert und mit einem Bodycheck an Russlands Tschetschenien-Politik verbindet (der Film ist von 2003).

Dae-su hat in seinem Gefängnis nur einen Fernseher – als Schule, Religion, Freund, Geliebter; das erinnert an den Film „Willkommen, Mr. Chance“ mit Peter Sellers. Er trainiert Selbstverteidigung gegen eine Männersilhouette, die er an die merkwürdig kleinbürgerliche Tapete gemalt hat. Es werden ihm möglicherweise auch ab und an Frauen geschickt. So genau weiß er es nicht, denn es werden ihm auch unbekannte Ingredienzien in die Venen gespritzt.

Aber für jedes Jahr, das er in dieser Gefangenschaft verbringt, tättowiert er sich einen Strich auf seine Hand. Irgendwann kommt er frei. Ein fast absurde Szene, aber es ist ja eine Geschichte, die er als seine Geschichte vorgeblich in ein Tagebuch schreibt. Er entsteigt einem massigen Reisekoffer, der auf eine Wiese fliegt.

Er hat Jahre an einem Loch in der Wand des Gefängnis-Appartments gebohrt, nicht wissend, ob er sich möglicherweise in einem Hochhaus befindet und falls ja, auf welcher Etage.

Kaum in Freiheit, macht er sich auf den Pfad der Rache. Erst muss er herausfinden, wer überhaupt sein Quäler war. Bald merkt er, dass er ständig überwacht wird. Audio-Bänder werden eine Rolle spielen. Und Frauen lernt er kennen und weiß doch nicht, wie weit er ihnen trauen kann.

Alles, um herauszufinden, das ist jetzt ein kleiner Spoiler, dass es, wenn ich das richtig verstanden habe, lediglich mit einer flapisgen Bemerkung aus leichter Zunge in der Jugend einem Altersgenossen gegenüber zu tun hat.

Womit Meisterregisseur Chan-wook Park, der ein Buch von Garon Tsuchiya nach dem Comic von Nobuaki Minegishi verfilmt hat, zeigt, an welch dünnem Faden die Differenz zwischen Mensch und Tier/Monster hängen kann. Und weil der offenbar schicksalshaft immer wieder reißt, stellt sich für Dae-su die berechtigte Frage, „auch wenn ich schlimmer bin als ein Tier, habe ich nicht ein Recht zu leben?.

Der Mann kommt nicht zur Ruhe, das Monster treibt ihn um, er kann von der Rache nicht lassen (und die kann in einem asiatischen Film wie hier aus Korea besonders blutig, fleischlich und schmerzhaft sein) und hat gleichzeitig Angst davor, was er machen werde, wenn er die Rache erledigt hat, so ist er angefixt von dem Schmerz, der ihm zugefügt wurde.

Eine Gegenmeinung spricht davon, dass dann erst recht der Schmerz hervortreten würde. Vielleicht versteht sich der Film auch als eine Illustration des Satzes: „Lache – und die ganze Welt lacht mit Dir; weine – und Du weinst allein.“

Freiheits- und Menschenbegriff werden relativiert. „Sei ein Sandkorn – oder ein Stein – im Wasser gehen sie beide unter“ oder dass die Freiheit nach dem Weggesperrtsein nur als ein größeres Gefängnis beschrieben wird; wie verführerisch das Monster ist, zeigt Dae-sus Bestellung im Fischrestaurant: etwas Lebendiges; es gibt auch andere Situationen, die klar machen, dass sein mentales Training nicht von Nutzen ist.

Über dieser Ebene gibt es noch jene der Manipulation dieser Existenzparameter zwischen Monster und Mensch. Das zeichnet ein noch widersprüchlicheres und nicht allzu erfreuliches Menschenbild – und wenn man auf die Kriege schaut, die aktuell auf der Welt von den verschiedensten Interessengruppen betrieben werden, so kann man nur sagen, wie zu recht skeptisch Chan-wook Park den Menschen entwirft.

Ein hochaktuelles cineastisches Meisterwerk, das sich raffiniert und bildstark mit der menschlichen Natur beschäftigt. Gegen das Bild des bürgerlichen Mannes als Vater, Ehemann und mit einem Familienalbum. Wozu Menschen Menschen bringen können.

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Noch in der Routine entwickelt dieser Wien-Krimi einen morbiden Charme.

Um eine Wasserleiche aus dem Donaukanal herum schreibt Verena Kurth eine ordentliche, nicht verhirnte Geschichte, die Andreas Kopriva mit Leichtigkeit inszeniert.

Über die Aufklärung gibt es Einblicke in die Leben verschiedener Menschen, ihrer Beziehungen, ihres vorgeblichen Glücks in der Ehe, ihrer Unruhe bei der Partnersuche.

Angelika Schnell (Ursula Strauss), die titelgebende Chefermittlerin, hat die Fährnisse eines Kommissarlebens kennengelernt, sie hat einen Bauchschuss zu verarbeiten und zu heilen, sie geht leicht traumatisiert durch die Aufklärung des Falles, der als eine wichtige Informationsfundgrube einen Dating-Club einsetzt; nicht ohne Wonne stürzen sich die Ermittlerinnen in das Dating-Leben – und werden dort zu Stimmungskillerinnen.

Auch die Umgebung des Opfers muss näher untersucht werden; keine Happy-Verhältnisse, in denen die ermordete Fluglotsin lebte, die ein Kind hinterlässt und einen Ex-Mann, der sie stalkt. Aber auch Dr. Stefan Schnell (Andreas Lust) hat einen Trauerfall zu verarbeiten; hier schwebt die Beziehungsfrage zur Schnell in der Luft, denn er kann erstmal bei ihr unterkommen. So sind alle menschlichen Verhältnisse nah am Wasser gebaut und können leicht auch dort enden.

Sommerkost, bei der als Garnitur Weisheitssätze abfallen wie, Ein paar Jahre noch, dann ist das große Glück auch vorbei. Oder: Dann auf einmal wird das alles Alltag, merkst du, dass du nicht nur den Menschen an deiner Seite verloren hast, sondern vor allem dich selber.

Die Kommissarin kämpft psychisch mit den Folgen des Bauchschusses, hat momentweise Absenzen, lächelt sich drüber hinweg, versprüht wie frisch getankt gnadenlos ihren Charme als sei sie nicht von dieser Welt, was ihren Skeptizismus den Aussagen von Befragten gegenüber nicht mindert.

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Zwei aufregende Filme in einem: der Irrweg des Buben Lion, der durch unglückliche Umstände verloren geht, und von zuhause in Indien bis nach Australien zu einer Familie gespült wird, die ihn adoptiert und dann die Suche des inzwischen erwachsenen Australiers und studierten Lion über Google Earth und verschwommene Kindheitserinnerungen nach seiner Herkunft im Slum in Indien und nach einem Bahnhof. Zwei auf ihre je eigene Art anrührende Geschichten mit je einem überzeugenden Protagonisten (Lion jung und Lion erwachsen).

Hier ist die Review von stefe.

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Am Samstag, den 1. Juli 2017 findet als flankierende Veranstaltung zum Filmfest München eine Filmvorführung von MARINA, MABUSE UND MORITURI mit anschließendem Filmgespräch der Interfilm-Akademie von 14.30 bis 16.30 Uhr im Rio Filmpalast am Rosenheimer Platz statt. Der Eintritt ist 7.50 Euro, ermäßigt 5.50 Euro.

Am Filmgespräch wird je nach Gesundheitszustand der bald 100-jährige Arthur Brauner persönlich teilnehmen, seine Tochter Alice Brauner, ferner die Schauspieler Rinaldo Talamonti und Hans-Jürgen Silbermann.

Geleitet wird das Gespräch von Dr. Peter Marinkovic, dem Direktor der Interfilm-Akademie.

Aus dem Pressetext zum Film: „Die von Artur Brauner kurz nach Kriegsende 1946 in Berlin gegründete Central Cinema Comp. Film GmbH – kurz CCC – zählte zu den größten und erfolgreichsten Filmproduktionsfirmen der deutschen Nachkriegszeit.

Die Dokumentation MARINA, MABUSE UND MORITURI erzählt die Geschichte der ältesten, noch aktiv produzierenden unabhängigen deutschen Filmschmiede in Familienbesitz, die mittlerweile von seiner Tochter Dr. Alice Brauner Geleitet wird.

Kartenvorverkauf + Reservierung im Rio Filmpalast, Telefon 089 48 69 79.

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Spät-Spätlese.

Die letzten Zeitzeugen aus der Nazidiktatur sterben aus, Täter, Opfer, Widerständler.

Katrin Sybold hatte aus dem Kreis um die Weiße Rose Menschen ausfindig gemacht und befragt. Sie hatten nach der Ermordung der Geschwister Scholl weitergemacht. Sie hatten Texte aus Reden von Thomas Mann, die sie über BBC empfangen konnten, mitgeschrieben, sie hatten Flugblätter getippt und abgeschrieben und verdeckt weitergegeben. Es waren höchst riskante, lebensgefährliche Aktionen.

Das Naziregime schien panische Angst vor solchen Texten zu haben. Um Hans Leipelt sammelten sich vor allem Studenten und Uni-Professor Wieland, Nobelpreisträger, deckte sie. Hans Leipelt wurde Ende 1944 in Donauwörth, damit es kein Aufsehen erregt, zum Tode verurteilt.

Andere Flugblattverteiler/innen kamen ins Gefängnis. Leipelt wurde Ende Januar 45, also nur wenige Monate vor Kriegsende enthauptet. Die Filmemacherin Katrin Seybold verstarb 2012. Ula Stöckl hat aus deren Material nun diesen Film gemacht, eine Art Spät-Spätlese letzter Zeugen.

Es sind Ausschnitte aus den Interviews, die Seybold über Jahre geführt hat. Es gibt schon einen Vorgängerfilm von 2008 (Die Widerständigen). Die Frauen und Männer erzählen von den Umständen, unter denen sie diese Flugblätter hergestellt (auf Reiseschreibmaschine und mit gerade mal zwei Durchschlägen) und weiterverbreitet haben (persönlich oder per Brief), von ihren Verhaftungen, Gefangenschaft, Gerichtsurteilen und vom Chaos des Kriegsendes.

Wenn man etwas die Nachrichten aus der Welt verfolgt, so ist schockierend, wie weit verbreitet staatlicher Meinungsterror auch heute noch ist: Russland, Türkei, Syrien, Saudi-Arabien, China, die Liste ist beliebig fortzusetzen der Länder, in denen allein Journalisten im Gefängnis sitzen – wegen Angsthasen von Staatschefs wie Putin, Erdogan, Assad, Al-Sisi …

Allerdings ist es heute wohl einfacher, Texte in die Welt zu setzen und zu verbreiten. Viel ist über die sozialen Medien zu lesen gewesen im Zusammenhang mit dem Aufruhr in den arabischen Ländern. Aber all diese Bewegungen scheinen noch nicht stark genug. Und auf, dass es bei uns nie wieder so weit kommt, sind solche Erlebnis- und Handlungsberichte aus dem eigenen Lande unverzichtbar und müssen immer wieder gezeigt werden. Das ist im Sinne eines demokratisch verantwortungsbewussten öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

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Liebesspielverderber.

Marika und Anke sind ein Paar. Marikas Traumberuf war schon im Kindesalter, Religionslehrerin zu werden. Sie ist ein Mensch, die ihre Ideen durchsetzt. Sie hat das studiert, hat von der katholischen Kirche die Missio Catholica, die Erlaubnis zur Erteilung von Religionsunterricht, erhalten. Die feierliche Überreichung dieses Dokumentes in einer Kirche kommt in diesen schwungvollen Lebenslinien von Michael Schmitt (Redaktion Christian Baudissin) in einem Archivausschnitt vor.

Später wird diese Übergabeszene noch einmal eingespielt werden. Dann rückwärts. Denn die katholische Kirche – man möchte es inzwischen schier nicht mehr glauben, in welcher Erstarrung die offenbar dahindümpelt – schaut genau in die Unterwäsche und unter die Bettdecke ihrer Mit- und ohne Glieder. Und wenn sie entdeckt, dass unter einer Bettdecke zweimal das gleiche Geschlecht sich paart oder was auch immer, dann steigt in ihr die Zornesröte hoch, dann verbannt sie diese Menschen, entzieht ihnen die Missio Catholica und die Kommunion dürfen sie auch nicht mehr empfangen.

Noch haarsträubender daran ist, dass die Kirche im Einklang mit dem deutschen Grundgesetz handelt, wie ein Antwalt für katholisches Kirchenrecht dem Dokumentaristen offenbart.

Raffiniert an diesen Lebenslinien von Michael Schmitt ist, dass sie nicht zornig sind. Schmitt hat sich anstecken lassen vom fröhlich-gelassen christlichen Wesen von Marika; er berichtet dieses Unfassliche als etwas immer noch Normales. Was es peinlicherweise genau noch ist.

Es war auch klug von Marika, sich nicht in die Opferrolle hineindrängen zu lassen. Dem Entzug der Lehrerlaubnis ist sie zuvorgekommen, indem sie diese selbst zurückgegeben hat zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihre Partnerschaft mit Marika nicht mehr verheimlichen wollte. Sie hat auch vorgesorgt für den Verlust des Faches und sich heimlich Lehrkompetenz in Geschichte angeeignet.

Fazit: Marika dürfte das Idealbild einer Christin sein, gläubig, lebensfreudig, bestimmt keine schlechte Lehrerin; und just sie wird von der Kirche bestraft, weil sie mit einer Frau zusammenlebt. Offenbar bestraft da die Kirche sich selbst am meisten.

Schmitts Film gewinnt eine weitere Qualität nicht nur durch die gute Auswahl seiner Protagonisten (dazu die Mutter von Marika und ihre Bruder), sondern auch dadurch, dass sie sich gut – wie eine Bemerkung der Mutter durchblicken lässt – auf die Gespräche vor der Kamera vorbereitet haben.

Rosa von Praunheims Satz, dass nicht der Homosexuelle pervers sei, sondern die Situation in der er lebt, hat hier von seiner Brisanz nichts verloren. Sollte eine Partei für den Bundestagswahlkampf das Thema Gerechtigkeit auf ihre Fahnen schreiben wollen, so lagert hier knallige Munition.

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Anregende DVD zum Thema „achtsame Organisation“ angesichts horrender Arbeitsausfälle wegen psychischer Erkrankungen im Turbokapitalismus. Ist der Mensch für diese Arbeit geschaffen? Siehe Review von stefe.

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Wie schon im Film über Pepe Mujica ist die Dokumentaristin Heidi Specogna zurückhaltend mit dem Auffahren von belastbaren Fakten, hier über Zentralafrika, über den Kriegsverbrecher Jean-Pierre Bemba, der Jahre nach den Verbrechen, die unter seinem totalitären Kommando 2001 begangen worden sind, vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gestellt wird.

Bemba sieht man auf indirektem Wege. Die Verhandlung vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag wird vor einem Bildschirm in einer Kirche in Zentralafrika mitverfolgt. Nachher gibt es eine Diskussion. Die Teilnehmerinnen sind beunruhigt, wie steht es um die Sicherheit der Opfer, wer sorgt für die Sicherheit der Zeugen und ein Mann regt sich auf, wie der Verbrecher im Gefängnis offenbar gut ernährt wird, so dick wie er ist.

Es gibt ein Dokument, das dem Film den Titel gibt, das ist das afrikanische Heft, es ist ein Schulfheft. Darin haben die Opfer von Bemba Passfotos von sich hineingeklebt und in Schülerschrift sind Vermerke über Alter und die begangenen Verbrechen drin. Es sind vor allem Frauen und Mädchen, aber auch Männer, die vergewaltigt worden sind.

Der Film ist in drei Kapitel eingeteilt. Sie entsprechen den Dokumentationsphasen. 2008 ist Heidi Specogna auf das Heft aufmerksam geworden. Das erste Kapitel handelt von Wunden und Narben und umfasst den Zeitraum 2011 – 2012, das zweite von Kugeln und Schubkarren, 2013 – 2014, und das dritte handelt von einem neuen Tisch von 2015.

Die durchgehende Figur, aber nicht dominant präsent, ist Amzine, die in dem Heft die jüngste war und ihre Tochter, die den Vater nicht kennt, Fane. Sie betreiben anfangs einen kleinen Kramerladen auf dem Dorf. In der zweiten Phase kommt es wieder zu Unruhen, Schießereien, Plünderungen, Flucht. Amzine muss ihre ganze Habe, die schon verpackt ist, zurücklassen.

Der neue Tisch ist das wichtigste Requisit der dritten Phase nach gelungener Flucht in den Tschad in ein Lager der UN. Dort haben die Flüchtlinge einfache Strohhütten, sie bekommen ein Stück Land und Amzine plant, so schnell wie möglich einen Laden zu eröffnen. Aber Fane will sie nicht sagen, wer ihr Vater ist, Fane ist jetzt eine junge Frau, wachen Blickes und hilft der Mutter bei der Bewältigung der alltäglichen Dinge. Irgendwann wird sie wohl die Geschichte der dreifachen Vergewaltigung ihrer Mutter erfahren.

Über das wichtige Dokument des Oktavheftes mit den Aussagen der Opfer bleibt ungewiss, ob es in den Archiven von Den Haag verrotten oder doch noch einen Auftritt ins Licht der Weltöffentlichkeit erhalten wird.

Die hier geschrieben Geschichte ist eine, die immer wieder auftaucht in verstörenden Bildern der Zustandes der zentralafrikanischen Republik, vom Hauptort Bangui kaum geteerte Straßen, eine absurde Wahl einer Übergangspräsidentin, die im knallroten Kleid wie einer Kasperlfigur wirkt und in einer schweren Limousine mitten im Elend davon braust.

Bilder einer internationalen Armee, die die Stadt schützen sollen, Flüchtlingskarawanen auf total überladenen LKWs, ein provisorisches Flüchtlingslager direkt am Flughafen, weil hier Truppen sind. Krasser Gegensatz, wenn ein High-Tech-Airbus landet und direkt neben der Piste ein Elendslager von Tausenden von Flüchtlingen sich befindet.

Die Geschichte vom Mädchen, das ein kaputtes Knie von einem Schuss hat, das endlich in Berlin operiert werden kann. Und bei der nächsten Unruhewelle wieder aufs Knie fällt. Es sieht alles so aussichtslos aus. So trostlos.

Kaum gibt es eine muslimische Rebellentruppe, stellt sich ihr eine nicht minder radikale christliche Rebellentruppe in den Weg, die Moschen zerstört, den Imam grausam lyncht. Auf der Straße liegen Leichen, kaputte Gesichter. Aber Kinder finden immer wieder Dinge zum spielen.

Es gibt eine weitere Figur, die mehrfach auftaucht. Es ist die fiktionale Figur Jamal, der hier aus juristischen Gründen und zur Sicherheit der Person nicht individualisiert wird, dessen Gesicht nicht gezeigt werden kann. Das ist der Ermittler des ICC aus Den Haag, er muss geschützt werden. Er ist bei der zweiten Vertreibungswelle schnell vor Ort und richtet ein provisorisches Verhörzimmer ein, um an die Zeugenaussagen zu kommen, so lange sie noch frisch sind. Er transportiert das Oktavheft mit den Details über die Vergewaltigungen unter Bemba wie ein Hochsicherheitsgut nach Den Haag. Das wirkt fast wieder grotesk.

Der Film ist eine erschütternde, verstörender Schilderung zentralafrikanischen Alltags.

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Korea: Über Bravheit. Oder: ein Aufruf zu zivilem Ungehorsam.
Oder: mit Tränengas gegen Tränen. Und die Lügenpresse.

So viel anders als unser Land ist Südkorea nicht. Es gibt Dinge, denen geht die Regierung lieber nicht auf den Grund und die dominierenden Medien unterstützen sie dabei. Wir würden von Lügenpresse sprechen.

Minsu Park aus Südkorea studiert an der HFF München Dokumentarfilm. Er befassst sich in diesem Film mit dem Fährunglück im Gelben Meer vom 16. April 2014. Dabei starben 304 Personen, die meisten von ihnen Schulkinder. Aber die Regierung weigert sich, die Fähre zu heben, um das Unglück restlos aufzuklären. 9 Leichen sind immer noch nicht geborgen.

Es scheint sich um grob menschliches Versagen gehandelt zu haben aus reiner Profitgier, die dazu geführt hat, dass das Schiff offenbar mit zu viel Fracht beladen worden ist, dass seine Mannschaft aus Leiharbeitern bestand, die von einem Rettungsplan keine Ahnung hatten. Der Kapitän hat bis zuletzt die Parole ausgegeben, die Passagiere sollen im Inneren bleiben, Rettungswesten anziehen und sich ruhig verhalten. Was für viele den sicheren Tod bedeutet hat. Der Kapitän sei als einer der ersten von Bord gegangen. Sicherheitsbestimmungen wurden missachtet.

Minsu Park fängt den Film mit einem kurzen Blick in eine Parlamentsanhörung in Seoul an, in welcher die Aufklärung des Unglücks gefordert wird. Die Sewol ist auch ein Jahr nach dem Unglück noch nicht gehoben.

Dann fährt Minus Park in der Münchner Mäuschendokumanier fort, ist bei Hinterbliebenen, Müttern, Vätern, Geschwistern, bei ihrer persönlichen Trauer dabei. Eine Mutter hat Tage nach dem Unglück den Koffer der Tochter zurückbekommen. Ein Vater tut weiter so, als ob der Sohn noch lebt, kocht Frühstück für ihn, setzt ihn an den Schreibtisch, der zum Gedenktisch geworden ist.

In der Schule ist ein ganzer Klassenraum Gedenkraum. An jedem Tisch sind Fotos der ertrunkenen Schüler und viele Blumen. Eine Mutter und eine Tochter stehen am Meer, werfen Blumen und Süßigkeiten hinein, rufen nach dem Ertrunkenen.

Dann geht Minsu Park mitten hinein in die Katastrophe. Es gibt rekonstruierte Handyvideos, die die Kinder bis zuletzt aufgenommen haben, anfangs fanden sie es lustig, denn die Sewol scheint recht langsam gesunken zu sein. Sie haben schon die Rettungswesten an und halten sich, das wird eine Mutter später reflektieren, diszipliniert an die Verharrens-Anleitung, obwohl das Schiff schon in bedenklicher Schräglage sich befindet.

Es gibt Vidoes vom Helikopter aus. Kaum Menschen, die aus dem sinkenden Schiff hinaus mit den Rettungswesten ins Meer springen oder in die immer zahlreicher werdenden Fischerboote. Es gibt Handy-Gespräche bis kurz vorm Sinken.

Das ist der rebellische Impetus des Filmes, dass die Mutter sagt, wären die Kinder nicht so diszipliniert gewesen, so wären sie vielleicht nicht ertrunken. Der Augenschein der Videoaufnahmen von der Sinksituation gibt ihr Recht.

Da Staat und Medien wenig Interesse an Aufklärung zeigen, sondern die Eltern mit Geldzahlungen zum Schweigen bringen wollen, entwickelt sich eine starke Bewegung der Eltern, motiviert aus dem Verlust der Kinder, denn das Leben ist nicht mehr dasselbe, wenn eine Familie so verletzt wird. Es gibt Demonstrationen und die Polizei greift schnell zum Tränengas gegen die Tränen der Eltern. Es gibt machtvolle Demos und solche, bei denen Eltern, Väter und Mütter sich kahlrasieren lassen. Und regelmäßige Mahnwachen. Oder Trommelkurse für die Mütter.

Die Botschaft ist subtil in dieser Dokumentation: Das Warten und die Disziplin hat den Kindern den Tod gebracht.

Beachtlich ist das Interesse von chinesischen Touristen an den Mahntafeln der Eltern.

Traurig im Hinblick auf das öffentliche Interesse ist die Erkenntnis, dass Korea wie ein Topf sei, schnell heiß und auch schnell wieder kalt. Schicksale, die einen nicht kalt lassen können.

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