Archiv für die Kategorie: “Tipp”

Von wegen Frauenquote!

In der Hochschulstadt St. Gallen in der Schweiz beginnt am Mittwoch die Pantalla Latina (vom 15. – 19. November), ein sympathisches, temperamentvolles Latino-Festival, das nicht nach Rekorden jagt, sondern sich als Kulturvermittler versteht und das mit seiner persönlichen Atmosphäre und einem ansprechenden Rahmenprogramm unwiderstehlichen Charme verbreitet. Ein Festival, das nicht vom grassierenden Festivalsyndrom angesteckt ist, das immer mehr Filme in immer mehr Kategorien und Wagenladungen voller Stars auffahren möchte, sondern ein Festival, das übersichtlich und daher auch gut konsumierbar und anregend bleibt mit einer direkt angeschlossenen Pantalla-Bar, die lateinamerikanische Spezialitäten serviert. In Deutschland gehört akut zum Gejammer bei den Festivals das Thema Regie und Frauenquote; in St. Gallen sind von 15 Regisseuren der Filme des Hauptprogrammes 9 Frauen und nur 6 Männer (wobei die beim Kurzfilmwettbewerb wieder deutlich dominieren!). Hier die Filme des Hauptprogramms:

LOS PERROS (Chile)
Die verdrängte Zeit der Diktatur macht sich in einer heutigen Liebe unangenehm bemerkbar.
Von der Regisseurin Marcela Said stammt auch „Der Sommer der fliegenden Fische“ (El verano de los peces voladores).

NINAS ARANA (Chile)
Im Gegensatz zu Sofia Coppolas The Bling Ring brechen hier nicht Fans in die Villen von Prominenten ein, sondern Ghetto-Kids in die Villen von Reichen.
Regisseur Guillermo Helo hat bisher vor allem Fernsehserien gedreht.

JEFFREY (Dominikanische Republik)
Des armen Kids Traum von einer Reggeaton-Sänger-Karriere.
Es ist der erste Langfilm von Yanillys Perez.

EL FUTURO PERFECTO (Argentinien)
Eine Chinesin in Argentinien (Komödie)
Es ist der erste Langfilm von Nele Wohlatz.

EL PACTO DE ADRIANA (Chile)
Regisseurin Lissette Orozco spürt in ihrem Erstlingsfilm verdrängten Spuren der Diktatur in der eigenen Verwandtschaft nach.

LOS MODERNOS (Uruguay)
Die ewig gleichen Probleme der Beziehungskisten komödiantisch betrachtet.
Erstlingsfilm von Marcela Matta und Mauro Sarser.

LAS CINÉPHILAS (Argentinien)
Dokumentarische Filme über Kinofreaks sind skurrile Liebeserklärungen an das Kino.
Es ist der Erstlingsfilm von María Alvarez.

LA NOVIA DEL DESERTO (Argentinien, Chile)
Beliebtes lateinamerikanische Thema: Herrschaft/Dienerschaft. Eine Haushaltshilfe muss sich nach Jahrzehnten neu orientieren.
Das Langfilmdébut von Cecilia Atan und Valeria Pivato
(kommt am 30. November in Deutschland ins Kino).

LA REGIÓN SALVAJE (Mexiko/Schweiz)
Geheimnisvolle Vérónica bringt eingefahrene Rollen- und Geschlechterbilder in der Provinz durcheinander.
Vom Regisseur Amat Escalante stammt auch Heli (stefe: ein grandioses Stück Kino).

EL LIBRO DE LILA (Kolumbien)
Kinderanimationsfigur Lila sucht Leser Ramón, der ihr helfen soll, zu sich zurückzufinden.
Der Erstlingsfilm von Marcela Rincón González.

NADIE NOS MIRA (Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Spanien, USA)
Eines lateinamerikanischen Schauspielers Traum von einer Karriere in New York.
Regisseurin Julia Solomonoff hat schon einiges vorzuweisen an Kurz-, Fernseh- und Kinofilmen.

GABRIEL Y LA MONTANA (Brasilien/Frankreich)
Eine Weltreise als Initiation; verläuft aber anders als der deutsche Kinohit Weit.
Das ist schon der zweite Langfilm des Brasilianers Fellipe Barbosa.

SANTA Y ANDRÉS (Kuba)
Eine Freundschaft gegen die Ideologie im Kuba der 80er Jahre.
Carlos Lechuga ist ein kubanischer Regisseur, dessen Filme schon auf vielen Festivals gelaufen sind und Preise eingeheimst haben.

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Bescheidenheit

ist eine Devise von Daniel Barenboim. Aber nicht im Anspruch an die Kunst.

Dieser Fersehfilm von Sabine Scharnagl (Redaktion Bettina Häusler) über den berühmten Dirigenten und Pianisten hat eine prima Gewichtung mit einem gut genießbaren Verlauf.

Zuerst geht es um das politische Denken Barenboims. Die verfahrene Situation im Nahen Osten treibt ihn, den Israeli, der auch die palästinensische Staatbürgerschaft (nebst der argentinischen und der spanischen) hat, um. Er weiß, mit klassischer Musik kann er den Frieden nicht herstellen. Aber mit seinem Orchester des west-östlichen Diwans, das Musiker aus aller Herren Länder, vor allem des Nahen Ostens vereint, hat er es immerhin bis zu einem Konzert in Ramalla geschafft; das war 2005.

Ein weiterer Einstieg in den Film ist der ovale Konzertsaal von Frank Gehry der Akademie in Berlin, der Barenboim eine Herzensangelegenheit ist. Durchaus auch politisch gedacht.

Nur über menschliche Brücken, die in einem Orchester automatisch entstehen, kann Verständnis geschaffen werden. Aber die politische Situation in Israel/Palästina hat sich drastisch verschlechtert. Jetzt kann Barenboim gerade einen Workshop im kleinen Kreis in Ramallah geben. Heute dominiert dort die Verzweiflung.

Barenboim hält nicht mit Kritik an der israelischen oder palästinensischen Regierung zurück; er versteht nicht, wieso kaum einer in Israel auf die Idee kommt, dass die palästinensische Gewalt etwas mit der Besetzung zu tun haben könnte; aber er schürt keine Feindbilder. Da könnten sich viele ein Beispiel nehmen. Wenn mehr Menschen so dächten wir er, auch wenn nicht jeder ein grenzüberschreitendes Orchester gründen kann, aber wenn jeder in seinem Bereich auch nur ansatzweise so über den Tellerrand seines Berufes hinaus denken würde wie er, könnte sich vielleicht doch mehr bewegen auf der Welt.

Nach der nahrhaften politischen Message wendet sich der Film der Biographie zu. Barenboims Anfänge in Buenos Aires (die ersten 9 Jahre), das er als eine tolerante Stadt lobt. Seine Zeit als Wunderkind – sowohl als Dirigent als auch als Pianist – die ihn schnell nach Europa und dann nach Israel führt, wo er zehn Jahre lebt.

Dann die Weltkarriere. Um endlich in Buenos Aires vierhändig mit der anderen weltberühmten argentinischen Pianistin Martha Argerich zu spielen. Und auch den Tango spielt er.

Seit 25 Jahren ist er in Berlin als Dirigent der Staatskapelle. Jetzt am 3. Oktober war Wiedereröffnung der Staatsoper unter den Linden mit dem Perlenfischer von Bizet in der Regie von Wim Wenders.

Sabine Scharnagl nutzt viele Gelegenheiten, um Barenboim direkt in die Kamera erzählen zu lassen und seine Gedanken mit dem Zuschauer zu teilen; sie fügt wohldosiert nur wenige Statements von anderen Musikern, Sängern, Funktionären ein und auch Archivausschnitte aus Film und Foto setzt sie sparsam ein.

Scharnagl schafft es, ein spannendes und plastisches Porträt dieses Menschen zu schaffen, der selbst hinter der Kunst zurücktritt, der aber auch sagt, dass er Glück gehabt hat, der dieses Glück unermüdlich packt und vor nichts mehr Angst hat als vor Routine – dann würde er sofort aufhören. Einen Satz, der in Biopics oder Lebenslinien nicht allzu oft vorkommt. Aber Barenboim ist ein ganz Großer, hors classe. Weil er selbst so bescheiden ist.

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DIE STADT IST FÜR ALLE DA
ZIVILER UNGEHORSAM GEGEN UNRECHTSGESETZ

Es geht um Widerstand gegen eine Gesetzgebung, die dem natürlichen Rechtsempfinden widerspricht und welche in diesem Falle Familien, die keine Wohnung haben, die Kinder wegnimmt und in staatliche Obhut gibt.

Dieser Film von Laszlo Bihari (Dramaturgie: Sandor Szöke, Rdaktion SWR/ARTE: Bernd Seidl) porträtiert die ungarische Aktivisten-Gruppe „Die Stadt ist für alle da“ in ihrem Einsatz für Obdachlose.

In Ungarn stehen 400’000 Wohnungen leer, aber Zehntausende von Menschen sind obdachlos. Sie dürfen nicht auf der Straße leben, das ist gesetzlich verboten. Wenn eine Familie obdachlos wird, so werden ihr von Staates wegen die Kinder weggenommen und in Heime gegeben. Dagegen wendet sich der Widerstand der Aktivistengruppe.

Der Film kann auch gesehen werden als ein Lehrbeispiel für passiven Widerstand und zivilen Ungehorsam. Und dass durchaus etwas zu erreichen ist. Zwar nicht immer. Bei Parlamentarieren dürfen die Aktivisten erst nach lächerlichem Verfahrenshickhack sprechen, aber das Parlament lehnt eine Änderung dieser menschenunwürdigen Gesetzgebung ab. Immerhin erreicht die Gruppe für einige Obdachlose die Chance, in heruntergekommenen Häusern zu wohnen, wenn sie renovieren.

Diese Gesetzgebung verstößt gegen das gesunde Rechtsempfinden der Menschen. Es ist eine Unrechtsgesetzgebung. Vielleicht ist im ehemalig kommunistischen Ungarn das Rechtsempfinden gerade bezüglich Obdachlosigkeit stärker ausgeprägt als bei uns, denn im Kommunismus gab es das Phänomen nicht.

Aber die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt wird auch bei uns immer krasser, ein immer größerer Teil des Einkommens vieler Leute geht für die Miete drauf, diese steigen in den Himmel – und das hat auch bei uns mit der Gesetzgebung zu tun; insofern ist die Dokumentation auch für uns von Interesse.

Es gibt inzwischen in München eine Gruppierung von Aktivisten, die sich des Themas Wohnungsnot annimmt. Der Staat reagiert sonderbar, wie kürzlich zu lesen war, dass eine fingierte Hausbesetzung dazu geführt hat, dass der Staat ein SEK von 80 Mann losgeschickt habe – gleichzeitig hat eine Münchner Stadtratsdelegation sich in Zürich informiert und dort gehört, wie positiv sich die Hausbesetzungen auf die Stadtentwicklung ausgewirkt haben. Oder in München vor einiger Zeit die Guerillaaktionen von Goldgrund, die den Bau von Luxuswohnungen im letzten Moment verhindern konnten.

Unrechtsgesetzgebung, die gegen das Rechtsempfinden spricht, auch bei uns: die Finanzierung des Gemeinschaftswerkes öffentlich-rechtlicher Rundfunk mittels Haushaltszwangsgebühr, die ein Umverteilungsmotor im Lande ist, die zu Lasten der Einkommensschwachen und zu Gunsten einkommensstarker Haushalte geht – immerhin ein Betrag von um die 9 Milliarden Euro! Das ist „eines liberalen Staates unwürdig“, wie in der NZZ zu lesen war (Michael Schönenberger in der internationalen Ausgabe vom Samstag, 16. September 2017).

Wobei eine Sendung wie diese zwar dieses Unrecht nicht aus der Welt räumt, aber Wege zu einem passiven Widerstand und ziviliem Ungehorsam aufweist und insofern einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gut ansteht. Aber dass die Sendung um Mitternacht herum versteckt wird, das ist wiederum oberpeinlich.

Antwort einer Aktivistin von „Die Stadt ist für alle da“ auf die Frage „was ist Ihr Job?“ – „Schwarzarbeit!“

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Denkpausenmacher als Pausenfüller – die KiKa-Nachtschleife, das mimiklose Kastenbrot Bernd mit den für den Joystick zu kurz geratenen Armen und der imaginären Fußkette, die es vor dem White-Screen fesselt – nach dem Buch von Tommy Krappweis und Norman Cöster und in der Regie von Tommy Krappweis und Erik Haffner.

Bernd das tägliche Nachtbrot, das mit seinem 4.0-Dadaismus aus den ultramodischen Begriffen rund um die virtuelle Welt aus Games und Internet und Chat und Videoclips und Kommentarfunktionen nüchtern reflektiert und bestens unterhält und nicht mal beabsichtigt, witzig zu sein.

Dieses bemitleidenswerte Zeichnergeschöpf Bernd soll nun mit seinem pferdegebissigen Praktikanten Bob, der den Drehplan falsch herum hält, auf Tournee gehen, soll auftreten und singen. Sonst droht ihm eine Rolle als Komparsen-Brösel in Hänsel und Gretel – das Schicksal dieser Brösel darf als bekannt vorausgesetzt werden.

Bernd wundert sich, warum ihm überhaupt jemand zuschaut, da doch nix passiert. Das ist vielleicht das Geheimnis dieser reduzierten Zeichenkunst, dass mehr reflektiert und wortverdreht und wortverspaßt als agiert wird. Dass die Figur über die neuen Wörter stolpert. Dass sie über ihre neue Rolle als Follow-Me skeptisch spricht.

Die Serie Follow-Me, in der Bernd mitspielen soll, behandelt witzig kurz das Thema, was der Film The Circle extensiv macht, dass die ganze Welt teilhaben soll an Bernds Leben unter Ausbeutung des privaten Aspektes, dass Bernd in ständigem Chat-Austausch mit seinen Followern steht, was wieder eine Kette von absurd-witzigen Dialogen nach sich zieht; wodurch er aber auch preisgibt, dass er täglich seinen Schimmelblocker brauche, damit ihm aufgrund von Schimmel kein Haar wächst und aus der Netiquette wird die Berndikette.

Aber die Drehabeiten sind hart, der frühe Vogel ist auch saumüde; immerhin bekommt Bernd eine eigene Garderobe und das ist doch besser als im Recycling-Container zu landen. Seine Verträge hat Bernd mit Fußabdruck besiegelt. Und so wortspielt sich Bernd brillant durch seine Aphorismus-Brösel-Existentialismus-Abenteuer.

Auf der kurzweiligen DVD sind außerdem zu finden; Videoclips ICH SAGE NEIN und SINGT DAS BROT! – Hinter den Kulissen WIE EIN BROT – Singt das Brot! (Videoeffekte) und SINGT DAS BROT! (Outtakes)

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Ein Humanismusfilm, der die Chancen einer humanen Existenz des Menschen trotz seiner zwiespältigen Konstruktion aus Monster und Mensch, auslotet.

Der Mann in seiner existentiellen Schizophrenie zwischen Monster und Bürger/Zivilist als Dae-su Oh (Min-sik chi). Anlass für diese harte Auseiandersetzung ist der, dass Dae-su 15 Jahre in einem Appartement eingesperrt war, ohne zu wissen warum, dass mit ihm möglicherweise Experimente gemacht worden sind, manchmal ist Gas zu einer bestimmten Melodie reingesprüht worden (er erzählt seine Geschichte in gepflegter deutsche Synchro und oft als voice-over), das er mit bekannten Vorgängen in der Geschichte assoziiert und mit einem Bodycheck an Russlands Tschetschenien-Politik verbindet (der Film ist von 2003).

Dae-su hat in seinem Gefängnis nur einen Fernseher – als Schule, Religion, Freund, Geliebter; das erinnert an den Film „Willkommen, Mr. Chance“ mit Peter Sellers. Er trainiert Selbstverteidigung gegen eine Männersilhouette, die er an die merkwürdig kleinbürgerliche Tapete gemalt hat. Es werden ihm möglicherweise auch ab und an Frauen geschickt. So genau weiß er es nicht, denn es werden ihm auch unbekannte Ingredienzien in die Venen gespritzt.

Aber für jedes Jahr, das er in dieser Gefangenschaft verbringt, tättowiert er sich einen Strich auf seine Hand. Irgendwann kommt er frei. Ein fast absurde Szene, aber es ist ja eine Geschichte, die er als seine Geschichte vorgeblich in ein Tagebuch schreibt. Er entsteigt einem massigen Reisekoffer, der auf eine Wiese fliegt.

Er hat Jahre an einem Loch in der Wand des Gefängnis-Appartments gebohrt, nicht wissend, ob er sich möglicherweise in einem Hochhaus befindet und falls ja, auf welcher Etage.

Kaum in Freiheit, macht er sich auf den Pfad der Rache. Erst muss er herausfinden, wer überhaupt sein Quäler war. Bald merkt er, dass er ständig überwacht wird. Audio-Bänder werden eine Rolle spielen. Und Frauen lernt er kennen und weiß doch nicht, wie weit er ihnen trauen kann.

Alles, um herauszufinden, das ist jetzt ein kleiner Spoiler, dass es, wenn ich das richtig verstanden habe, lediglich mit einer flapisgen Bemerkung aus leichter Zunge in der Jugend einem Altersgenossen gegenüber zu tun hat.

Womit Meisterregisseur Chan-wook Park, der ein Buch von Garon Tsuchiya nach dem Comic von Nobuaki Minegishi verfilmt hat, zeigt, an welch dünnem Faden die Differenz zwischen Mensch und Tier/Monster hängen kann. Und weil der offenbar schicksalshaft immer wieder reißt, stellt sich für Dae-su die berechtigte Frage, „auch wenn ich schlimmer bin als ein Tier, habe ich nicht ein Recht zu leben?.

Der Mann kommt nicht zur Ruhe, das Monster treibt ihn um, er kann von der Rache nicht lassen (und die kann in einem asiatischen Film wie hier aus Korea besonders blutig, fleischlich und schmerzhaft sein) und hat gleichzeitig Angst davor, was er machen werde, wenn er die Rache erledigt hat, so ist er angefixt von dem Schmerz, der ihm zugefügt wurde.

Eine Gegenmeinung spricht davon, dass dann erst recht der Schmerz hervortreten würde. Vielleicht versteht sich der Film auch als eine Illustration des Satzes: „Lache – und die ganze Welt lacht mit Dir; weine – und Du weinst allein.“

Freiheits- und Menschenbegriff werden relativiert. „Sei ein Sandkorn – oder ein Stein – im Wasser gehen sie beide unter“ oder dass die Freiheit nach dem Weggesperrtsein nur als ein größeres Gefängnis beschrieben wird; wie verführerisch das Monster ist, zeigt Dae-sus Bestellung im Fischrestaurant: etwas Lebendiges; es gibt auch andere Situationen, die klar machen, dass sein mentales Training nicht von Nutzen ist.

Über dieser Ebene gibt es noch jene der Manipulation dieser Existenzparameter zwischen Monster und Mensch. Das zeichnet ein noch widersprüchlicheres und nicht allzu erfreuliches Menschenbild – und wenn man auf die Kriege schaut, die aktuell auf der Welt von den verschiedensten Interessengruppen betrieben werden, so kann man nur sagen, wie zu recht skeptisch Chan-wook Park den Menschen entwirft.

Ein hochaktuelles cineastisches Meisterwerk, das sich raffiniert und bildstark mit der menschlichen Natur beschäftigt. Gegen das Bild des bürgerlichen Mannes als Vater, Ehemann und mit einem Familienalbum. Wozu Menschen Menschen bringen können.

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Noch in der Routine entwickelt dieser Wien-Krimi einen morbiden Charme.

Um eine Wasserleiche aus dem Donaukanal herum schreibt Verena Kurth eine ordentliche, nicht verhirnte Geschichte, die Andreas Kopriva mit Leichtigkeit inszeniert.

Über die Aufklärung gibt es Einblicke in die Leben verschiedener Menschen, ihrer Beziehungen, ihres vorgeblichen Glücks in der Ehe, ihrer Unruhe bei der Partnersuche.

Angelika Schnell (Ursula Strauss), die titelgebende Chefermittlerin, hat die Fährnisse eines Kommissarlebens kennengelernt, sie hat einen Bauchschuss zu verarbeiten und zu heilen, sie geht leicht traumatisiert durch die Aufklärung des Falles, der als eine wichtige Informationsfundgrube einen Dating-Club einsetzt; nicht ohne Wonne stürzen sich die Ermittlerinnen in das Dating-Leben – und werden dort zu Stimmungskillerinnen.

Auch die Umgebung des Opfers muss näher untersucht werden; keine Happy-Verhältnisse, in denen die ermordete Fluglotsin lebte, die ein Kind hinterlässt und einen Ex-Mann, der sie stalkt. Aber auch Dr. Stefan Schnell (Andreas Lust) hat einen Trauerfall zu verarbeiten; hier schwebt die Beziehungsfrage zur Schnell in der Luft, denn er kann erstmal bei ihr unterkommen. So sind alle menschlichen Verhältnisse nah am Wasser gebaut und können leicht auch dort enden.

Sommerkost, bei der als Garnitur Weisheitssätze abfallen wie, Ein paar Jahre noch, dann ist das große Glück auch vorbei. Oder: Dann auf einmal wird das alles Alltag, merkst du, dass du nicht nur den Menschen an deiner Seite verloren hast, sondern vor allem dich selber.

Die Kommissarin kämpft psychisch mit den Folgen des Bauchschusses, hat momentweise Absenzen, lächelt sich drüber hinweg, versprüht wie frisch getankt gnadenlos ihren Charme als sei sie nicht von dieser Welt, was ihren Skeptizismus den Aussagen von Befragten gegenüber nicht mindert.

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Zwei aufregende Filme in einem: der Irrweg des Buben Lion, der durch unglückliche Umstände verloren geht, und von zuhause in Indien bis nach Australien zu einer Familie gespült wird, die ihn adoptiert und dann die Suche des inzwischen erwachsenen Australiers und studierten Lion über Google Earth und verschwommene Kindheitserinnerungen nach seiner Herkunft im Slum in Indien und nach einem Bahnhof. Zwei auf ihre je eigene Art anrührende Geschichten mit je einem überzeugenden Protagonisten (Lion jung und Lion erwachsen).

Hier ist die Review von stefe.

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Am Samstag, den 1. Juli 2017 findet als flankierende Veranstaltung zum Filmfest München eine Filmvorführung von MARINA, MABUSE UND MORITURI mit anschließendem Filmgespräch der Interfilm-Akademie von 14.30 bis 16.30 Uhr im Rio Filmpalast am Rosenheimer Platz statt. Der Eintritt ist 7.50 Euro, ermäßigt 5.50 Euro.

Am Filmgespräch wird je nach Gesundheitszustand der bald 100-jährige Arthur Brauner persönlich teilnehmen, seine Tochter Alice Brauner, ferner die Schauspieler Rinaldo Talamonti und Hans-Jürgen Silbermann.

Geleitet wird das Gespräch von Dr. Peter Marinkovic, dem Direktor der Interfilm-Akademie.

Aus dem Pressetext zum Film: „Die von Artur Brauner kurz nach Kriegsende 1946 in Berlin gegründete Central Cinema Comp. Film GmbH – kurz CCC – zählte zu den größten und erfolgreichsten Filmproduktionsfirmen der deutschen Nachkriegszeit.

Die Dokumentation MARINA, MABUSE UND MORITURI erzählt die Geschichte der ältesten, noch aktiv produzierenden unabhängigen deutschen Filmschmiede in Familienbesitz, die mittlerweile von seiner Tochter Dr. Alice Brauner Geleitet wird.

Kartenvorverkauf + Reservierung im Rio Filmpalast, Telefon 089 48 69 79.

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Spät-Spätlese.

Die letzten Zeitzeugen aus der Nazidiktatur sterben aus, Täter, Opfer, Widerständler.

Katrin Sybold hatte aus dem Kreis um die Weiße Rose Menschen ausfindig gemacht und befragt. Sie hatten nach der Ermordung der Geschwister Scholl weitergemacht. Sie hatten Texte aus Reden von Thomas Mann, die sie über BBC empfangen konnten, mitgeschrieben, sie hatten Flugblätter getippt und abgeschrieben und verdeckt weitergegeben. Es waren höchst riskante, lebensgefährliche Aktionen.

Das Naziregime schien panische Angst vor solchen Texten zu haben. Um Hans Leipelt sammelten sich vor allem Studenten und Uni-Professor Wieland, Nobelpreisträger, deckte sie. Hans Leipelt wurde Ende 1944 in Donauwörth, damit es kein Aufsehen erregt, zum Tode verurteilt.

Andere Flugblattverteiler/innen kamen ins Gefängnis. Leipelt wurde Ende Januar 45, also nur wenige Monate vor Kriegsende enthauptet. Die Filmemacherin Katrin Seybold verstarb 2012. Ula Stöckl hat aus deren Material nun diesen Film gemacht, eine Art Spät-Spätlese letzter Zeugen.

Es sind Ausschnitte aus den Interviews, die Seybold über Jahre geführt hat. Es gibt schon einen Vorgängerfilm von 2008 (Die Widerständigen). Die Frauen und Männer erzählen von den Umständen, unter denen sie diese Flugblätter hergestellt (auf Reiseschreibmaschine und mit gerade mal zwei Durchschlägen) und weiterverbreitet haben (persönlich oder per Brief), von ihren Verhaftungen, Gefangenschaft, Gerichtsurteilen und vom Chaos des Kriegsendes.

Wenn man etwas die Nachrichten aus der Welt verfolgt, so ist schockierend, wie weit verbreitet staatlicher Meinungsterror auch heute noch ist: Russland, Türkei, Syrien, Saudi-Arabien, China, die Liste ist beliebig fortzusetzen der Länder, in denen allein Journalisten im Gefängnis sitzen – wegen Angsthasen von Staatschefs wie Putin, Erdogan, Assad, Al-Sisi …

Allerdings ist es heute wohl einfacher, Texte in die Welt zu setzen und zu verbreiten. Viel ist über die sozialen Medien zu lesen gewesen im Zusammenhang mit dem Aufruhr in den arabischen Ländern. Aber all diese Bewegungen scheinen noch nicht stark genug. Und auf, dass es bei uns nie wieder so weit kommt, sind solche Erlebnis- und Handlungsberichte aus dem eigenen Lande unverzichtbar und müssen immer wieder gezeigt werden. Das ist im Sinne eines demokratisch verantwortungsbewussten öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

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Liebesspielverderber.

Marika und Anke sind ein Paar. Marikas Traumberuf war schon im Kindesalter, Religionslehrerin zu werden. Sie ist ein Mensch, die ihre Ideen durchsetzt. Sie hat das studiert, hat von der katholischen Kirche die Missio Catholica, die Erlaubnis zur Erteilung von Religionsunterricht, erhalten. Die feierliche Überreichung dieses Dokumentes in einer Kirche kommt in diesen schwungvollen Lebenslinien von Michael Schmitt (Redaktion Christian Baudissin) in einem Archivausschnitt vor.

Später wird diese Übergabeszene noch einmal eingespielt werden. Dann rückwärts. Denn die katholische Kirche – man möchte es inzwischen schier nicht mehr glauben, in welcher Erstarrung die offenbar dahindümpelt – schaut genau in die Unterwäsche und unter die Bettdecke ihrer Mit- und ohne Glieder. Und wenn sie entdeckt, dass unter einer Bettdecke zweimal das gleiche Geschlecht sich paart oder was auch immer, dann steigt in ihr die Zornesröte hoch, dann verbannt sie diese Menschen, entzieht ihnen die Missio Catholica und die Kommunion dürfen sie auch nicht mehr empfangen.

Noch haarsträubender daran ist, dass die Kirche im Einklang mit dem deutschen Grundgesetz handelt, wie ein Antwalt für katholisches Kirchenrecht dem Dokumentaristen offenbart.

Raffiniert an diesen Lebenslinien von Michael Schmitt ist, dass sie nicht zornig sind. Schmitt hat sich anstecken lassen vom fröhlich-gelassen christlichen Wesen von Marika; er berichtet dieses Unfassliche als etwas immer noch Normales. Was es peinlicherweise genau noch ist.

Es war auch klug von Marika, sich nicht in die Opferrolle hineindrängen zu lassen. Dem Entzug der Lehrerlaubnis ist sie zuvorgekommen, indem sie diese selbst zurückgegeben hat zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihre Partnerschaft mit Marika nicht mehr verheimlichen wollte. Sie hat auch vorgesorgt für den Verlust des Faches und sich heimlich Lehrkompetenz in Geschichte angeeignet.

Fazit: Marika dürfte das Idealbild einer Christin sein, gläubig, lebensfreudig, bestimmt keine schlechte Lehrerin; und just sie wird von der Kirche bestraft, weil sie mit einer Frau zusammenlebt. Offenbar bestraft da die Kirche sich selbst am meisten.

Schmitts Film gewinnt eine weitere Qualität nicht nur durch die gute Auswahl seiner Protagonisten (dazu die Mutter von Marika und ihre Bruder), sondern auch dadurch, dass sie sich gut – wie eine Bemerkung der Mutter durchblicken lässt – auf die Gespräche vor der Kamera vorbereitet haben.

Rosa von Praunheims Satz, dass nicht der Homosexuelle pervers sei, sondern die Situation in der er lebt, hat hier von seiner Brisanz nichts verloren. Sollte eine Partei für den Bundestagswahlkampf das Thema Gerechtigkeit auf ihre Fahnen schreiben wollen, so lagert hier knallige Munition.

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