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Mitten in den europäischen Schmerz.

Es geht um grundsätzlich Demokratisch-Europäisches. Hof hat den Film nicht genommen – das ist unverzeihlich. Jetzt an der Berlinale: der HFF-Abschlussfilm von Alexandra Wesolowski.

Die Filmemacherin hat ihre Tante Danuta in Warschau besucht, die sich anschickt mit ihrem Mann Maciej die goldene Hochzeit zu feiern. Die beiden sind 50 Jahre verheiratet. Eheschließung 1966 tief im Kommunismus. Es sind gebildete Leute. Die Berufe haben sie hinter sich gelassen, darum spielen diese keine Rolle mehr.

Sie wohnen stilvoll, mehr als nur bürgerlich in einer vornehm eingerichteten Villa. An den Wänden großformatige Ölgemälde, auch Danuta als junge Frau. Sie spielt meisterlich Klavier. Die Figurine einer Balletttänzerin erzählt von mindestens einem Faible für diese Kunst.

Danuta ist eine resolute, höchst gepflegte Dame. Nicht vorstellbar, dass sie, ohne sich hergerichtet zu haben, aus dem Haus gehen würde. Sie übt als strenge Regisseurin mit dem Enkel den Begrüßungstext für die Gäste. Damit fängt der Film an.

Die Vorbereitungen für das Fest, zu dem auch eine kirchliche Feier gehört, sind der äußere Plot dieses Dokumentarfilmes; soweit handelt es sich vorerst um eine reine Privatangelegenheit. Die europäische Dimension meldet sich eruptiv in heftigen Diskussionen mit der informierten und engagierten polnischen Verwandtschaft. Alexandra ist bundesrepublikanisch sozialisiert, spricht fließend polnisch und hat ihre liebe Mühe mit den rechtslastigen Ansichten ihrer Verwandten.

Dabei offenbart sich ein unerwartet politisches Bewusstsein der Polen, andererseits ein abgrundtiefer Skeptizismus allem linken Gedankengut gegenüber, das dem Ideologieverdacht ausgesetzt ist wegen der Schnittmenge zum leidvoll Jahrzehnte lang erlebten, unterdrückerischen Kommunismus. Gleichzeitig wird eingeschränkt, man reagiere vielleicht naiv, intuitiv und sowieso mit einem natürlichen Reflex gegen alles von Außen, was einem Vorschriften machen möchte wie die EU.

Gerade in der kommunistischen Zeit wurde in der heute rechts sich verordnenden Schicht die politische (private) Diskussion gepflegt – und Danuta meint, da war man wengistens einer Meinung.

Es wird aber auch die Angst vor der europäischen Verordnungswut spürbar (Sexunterricht im Kindergarten? Genderthema). Auf den Einwand gegen den Euroskeptizismus, Polen profitiere doch finanziell von der EU, kommt stracks zurück, ohne zu überlegen und wohlformuliert, dass die französischen Bauern doch mehr EU-Subventionen erhalten würden als die polnischen.

Als eingefleischter Westeuropäer muss man sich bei diesem Film an der eignen Nase nehmen, ob wir uns, bloß weil wir wirtschaftlich und lebensstandardmäßig erfolgreicher sind, hochnäsig aufführen und ob wirtschaftlicher Erfolg wirklich das einzige Kriterium für die Wertigkeit und Wertschätzung eines anderen Landes darstellen darf.

Denn es kommt auch der Vorwurf, dass gegen die jetzige polnische Regierung sofort ein Aufschrei durch Europa gehe wegen verfassungsrechtlicher Fragen, während bei den früheren, linken Regierungen die EU die dort herrschende Korruption mit Stillschweigen quittiert habe.

Der Film sollte Pflichtprogramm werden für jeden Politiker, der seinen Mund zum Thema Europa und Polen aufzumachen gedenkt.

Da er gerade mal 75 Minuten lang ist, könnte er im Kino durchaus mit dem deutlich behaglicheren „Death is so permanent“ als Vorfilm gezeigt werden. Der hatte gleichzeitig mit Wesolowskis Film Team-Premiere in München. Es ist der HFF-Abschlussfilm (ca. 25 Minuten) von Moritz S. Binder, der hintersinnig das an der HFF Gelernte zum Thema Filmemachen und Drehbuchschreiben reflektiert anhand eines Fotos, das den Vater des Filmemachers anno 1952 als Knirps mit dem „12-Finger-GI“ auf einem Schwarz-Weiß-Foto zeigt. Dieses soll Dreh- und Angelpunkt für den Film des Studenten werden, damit er diesem voranstellen kann: nach einer wahren Geschichte.

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Die Frage, wer der Vater von Peter (Ed Helms) und Kyle (Owen Wilson) ist, treibt als dramaturgischer Motor die Geschichte von Justin Malen in der Regie von Lawrence Sher voran. Das ist das äußerliche Getriebe der Story, die Erklärung für den deutschen, nicht aber für den Originaltitel.

Peter ist Arzt, Urologe. Seine Motivation für diesen Beruf ist die Erzählung der Mutter, dass der Vater an Prostatakrebs gestorben sei. Mit einem Bild von seiner Arbeit, wie er bei einem Mann die Prostata ertastet, seinem täglichen Brot, wird er vorgestellt.

Bruder Kyle ist mehr der Abenteurertyp, Surfen in Hawai, Einnahmen unregelmäßig, zur Zeit aber gut, weil seine sportliche Silhouette mit Surfbrett ein Saucenetikett schmückt. Pro Flasche erhält er einen Centbetrag. Das Getränk ist ein Erfolg. Kyle vertraut mehr (running Gag) dem Universum als den Prinzipien von Fleiß und Kalkulation.

Zur späten Hochzeit der Mutter Helen (Glenn Close) rückt Kyle mit einer Hawai-Schönheit an. Im Rahmen der Hochzeit stellt sich die Frage, nach dem leiblichen Vater, denn Peter hat ein Foto seiner Mutter mit einem Mann zur Hand, den er gerade im Fernsehen sieht. Die lange beruhigt geglaubte Frage nach der Identität des Vaters wird akut.

Mutter entlocken die beiden Söhne ein paar vage Geschichten aus einer wilden, kondomfreien Zeit. Sie verrät auch einen Namen. Ein berühmter Sportler: Terry Bradshaw.

Die beiden Söhne kennen nichts und steigen dem alten Herren in Miami auf die Bude. Der erinnert sich auch bestens an Helen.

Die Forschung nach dem Vater wird nicht bierernst betrieben. Es scheint, die Situationen sind alle erfunden, aber eben filmindustriell amerikanisch, also gründlich und mit kalkulierten Wendungen, die sich nicht von einem Realismus kleinmachen lassen.

Rein ins Vergnügen der Vatersuche. Nebenbei springen Pinkel- und Trampergeschichten ab, die damit nicht direkt etwas zu tun haben.

Vielleicht ist es ja wichtiger, etwas von einem lebendigen Bruder zu haben, als einen schier unauffindbaren Vater, den man nie gekannt hat, ausfindig zu machen. Das könnte die hintergründige Absicht dieser Idee sein.

Es bietet sich an, von einer Methode der Stoff- und Drehbuchentwicklung nach dem Prinzip des erwartbar Unerwarteten zu sprechen. Dass das mit den entsprechenden amerikanischen Schauspielern bestens funktioniert, zeigt der Film; der Filmkulturunterschied zu Deutschland wird einem schlagartig bewusst, wenn man sich vorstellt, dieselbe Geschichte würde von deutschen Subventionsschauspielern gespielt.

Der Film heißt im Orignal „Father Figures“ und interpretiert den Film doch etwas differenzierter als die abflachende Deutsche Übersetzung „Wer ist Daddy?“ weismachen will, filosofiert über Vaterschaft ganz allgemein, während die deutsche Titelfrage simplizistisch die ist, ob nun Terry Bradshaw (als er selbst) oder der Bruder von Father McManus (Jim Fance) oder gar Christopher Walken als Tierarzt Dr. Walter Tinkler der wahre Vater ist und auch der Begriff „Daddy“ grenzt die Vaterfigur doch deutlich ein; kein gute Arbeit, diese Titel-Übersetzung!

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Globalisierung.

Die Globalisierung der Supermänner schreitet voran. Der erste schwarze Superman. Professionelle Unterhaltung für die ganze Welt und ein Hoffnungsfilm für die Schwarzen in direkter Folge der Black-Panther-Bewegung oder Aufstieg des Symboltieres der Befreiungsbewegung in den Marvel-Blockbuster-Himmel.

Das passiert nicht etwa aus Toleranz oder Idealismus. Das passiert aufgrund des Kalküls der Investoren, dass der globale Markt jetzt dafür bereit sei, in Zeiten, in denen ein Bob-Team aus Nigeria an der Winterolympiade teilnimmt.

Die Ansprüche Asiens auf Leinwandpräsenz werden in einem Korea-Kapitel mit viel overtoppter Action, Verfolgungsjagden, Casino-Schilderung, Schießereien abgegolten.

Die Deutschen, wohl überhaupt die Europäer, werden in ihrer Afrika-Sehnsucht befriedigt: Landschaften, bunte Kostüme, die Musik, monumentaltheaterhafte Auftritte, Hofrituale, Kämpfe und schöne Menschen, die auch prima Darsteller sind.

Und die weltweit gültige und ebenso klassische Machtthematik: wer kommt nach dem Tod des Königs an die Spitze und welche Kämpfe setzt das? Das Leben ist ein Kampf und die Gewinnung von Macht erst recht.

Der Film macht klar, über welche verborgenen Schätze die Schwarzen in Wakanda verfügen mit dem Vibranium, wozu das gut ist. Dieses ist so etwas wie ein Allmachtselement. Aus Vibranium ist die geheime Hauptstadt Wakandas gebaut, von beneidenswert futuristischem-dschungelhaftem Design.

Der Film von Ryan Coogler (Creed Rockys Legacy, Nächster Halt: Fruitvale Station), der mit Joe Robert Cole (Nächster Halt: Fruitvale Station) auch das Drehbuch geschrieben hat, ist solide geerdet in L.A., auf einem Teerplatz mit Körben zum Basketballspielen vor einem anonymen Wohnhochhaus. Hier spielen Kids mit dem Ball. Sie sind es, in deren Köpfe der Film seine Ideen einpflanzen will, oder sie womöglich aus ihnen herausholt.

Der Film spannt einen Riesenbogen von diesem kleinen Teerplatz in die Science-Fiction Welt. Beschert den Schwarzen mit dem Vibranium eine geheimen Energie, die stärker ist als alles anderes. Es verleiht den Besitzern Kräfte, wovon jeder Superman nur träumt. Von dieser trostlosen Siedlung aus wird der Schwarze Panther (Chadwick Boseman) seinen Siegeszug anfangen. Noch heißt er T’Challa.

Eine Abordnung von seinem Heimatland Wakanda, das ganz versteckt in Afrika liegt, reißt ihn aus seinem L.A.-Alltag heraus, bringt ihn mit HighTech-Fluggerät in seine Heimat, denn sein Vater, der König, ist gestorben und er muss die Nachfolge antreten.

Allerdings meldet sich mitten im Inthronisierungs-Ritual ein Herausforderer. So dass die pittoreske Wasserfall-Dschungel-Kulisse mit den malerischen Hofgestalten zum aufregenden Kampfplatz wird.

Der Kampf um die Königsnachfolge ist nicht singulär, der ist eingebettet in weltweite Geflechte bis hin zum CIA oder Artefakten der Wakanda-Kultur in einem modernen Museum in London.

Die Königskrönung selber, die wird mehrfach zelebriert werden, die ist ein operettenhaft schöner Akt mit blauem Blumen, rotem Sand, einem Sandbegräbnis des neuen Königs bis er nach Luft schlappt (Nahtoderfahrung) und beischmückenden Folklorelementen und Zeremoniell.

Das ist die eine Seite der vielfältigen Ausstattungsorgie des Filmes. Die andere betrifft agilst futuristische Raumfahrzeuge.

Die Message: Mit den Schwarzen muss künftig gerechnet werden.

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Die Bande und das Mädchen.

Ein richtig schöner Film aus deutschen Landen. Ein Film über jenen merkwürdigen Moment im Leben, der auf eine Art fast ein Stillstand ist, wenn die Kindheit zu Ende geht und die Pubertät vor der Tür steht, deren Ahnung wohl mächtig Raum in einem spührenden Kinde einnimmt, dass sein Verhalten sich bereits etwas ändert. Der Moment präpubertärer Sinnlichkeit in einem Sommer voller Ahnungen.

So ergeht es Lea (Lisa Moell), der Hauptfigur, der Königin von Niendorf, wie immer man das interpretiert, ob auch dieser Moment im Leben so frei gesehen wird, dass er königlich ist.

Sommerferien fangen an. Lea will nicht mehr mit ins Camp fahren. Sie will die heimatliche Gegend genießen, sie findet es hier cooler. Weil sie Anschluss an eine Bubenbande findet.

So ein Kind wirkt, und das zeigt Joya Thome, die mit Philpp Wunderlich auch das Drehbuch geschrieben hat, wunderschön, wie eine freie Radikale. Lea fährt mit dem Fahrrad umher, besorgt Milch für zuhause, sie kreist um das Leben in dem verschlafenen Ort, nimmt es aus den Augenwinkeln wahr, es läuft en passant ab.

Und en passant fängt Thome das für den Film ein, den sie in fast quadratischem Format und mit starken Farben vor des Zuschauers Auge ablaufen lässt, nie wird ihm was aufs Auge gedrückt oder ins Ohr gebrüllt.

Joya Thome ist erblich belastet als Tochter von Rudolf Thome, der ausdrücklich im Abspann nicht genannt werden möchte oder nur als derjenige, der seinen Bauernhof als Dreh- und Aufenthaltsort für das Filmteam zur Verfügung gestellt hat, zu erkennen an den unifarben gemalten Wänden, die schon in der Doku über Rudolf Thome – Überall Blumen zu sehen waren.

Joya Thome hat ein feines Händchen für die Schauspieler aller Altersklassen, hat ein waches Auge für zauberhaftes Licht und farbenstarke, träumerisch-schöne Bilder, hat ein feines Ohr für die leisen Töne, überhaupt ein Gespür für ein ideales Zusammenwirken der verschiedenen Gewerke eines Filmes.

Auch die Story ist fast eine Nebenbeigeschichte. Wie Lea sich mit der Bubenbande zusammentut, was sie als Mutübung bestehen muss, damit sie anerkannt ist, wie die Kids in der Baumhütte hocken oder sogar gegen eine politische Sauerei eine Aktion unternehmen, nicht ganz legal, schülerstreichhaft. Wie ihr Leben um das Leben der Erwachsenen und auch anderer Jugendlicher kreist. Ein Moment voller Neugier bei gleichzeitig kritischer Distanz zu den meisten Erwachsenen oder verhaltenem Vertrauen zu einem skurrilen Musiker. Ein Interesse an der Erwachsenenwelt in einer Mischung aus Anziehung und Abstoßung; vielleicht einer der wenigen freien Momente im Leben.

In ihrer Haltung zum Leben und zum Kino erinnert Thoma an Renoir ohne auch nur eine Sekunde nostalgisch oder epigonenhaft zu wirken. Fürs deutsche Kino ist das ein Wunder.

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Dresden 2015. Im Blickpunkt der Zeitgeschichte. Pegida und Antipegida auf den Straßen gegeneinander. Deutschland 2015. Um eine Million Flüchtlinge kommen unkontrolliert nach Deutschland. Unter ihnen sind auch Musiker. Musiker sind keine Politiker.

Wie aus dem Strom der Zeitgeschichte schwemmt es in diesem Film von Barbara Lubich und Michael Sommermeyer die Bilder auf die Leinwand. Ein Dokument mit dem Fokus auf der Musik anhand der Band Banda Comunale in Dresden. Statt zu protestieren haben die angefangen zu musizieren. Schnell haben sie unter den Flüchtlingen Musiker gefunden. Musik verbindet die Menschen. Es kommen Sänger und Instrumentalisten. Die Band entwickelt daraus ihren eigenen Sound mit jazzig-swingigen Einschlägen und orientalischer Musik, wird zur Banda Internationale.

Bald schwimmt die Band im Kulturstrom. Bekommt Auszeichnungen, wird auf Festivals eingeladen, tourt nach Polen ober Oberammergau.

So atemlos wie ein Flüchtlingsleben abläuft, berichtet dieser Film vom Entstehen und Auftreten dieser Band in kurzen Flashs. Dazwischen fallen immer ein paar Sätze über den Hintergrund, Herkunft und Flucht, Ausbildung und Flüchtlingsstatus einzelner Musiker.

Sie kommen aus dem Iran, aus dem Irak aus Afghanistan, aus einem palästinensischen Flüchtlingslager vor Damaskus (staatenlos), das zerstört wurde, aus Afrika. Sie haben den unterschiedlichsten Background und die unterschiedlichsten Ziele. Aber die Band kittet sie für eine Zeit zusammen. Auch wenn dem feinen Sänger aus dem Orient das oft Provisorische an manchen Auftritten nicht liegt; weshalb er dann lieber eigene Wege geht; oder wenn es mal Knatsch gibt zwischen kurdischen und arabischen Musikern.

Sie treten auf bei Demos, bei den sächsischen Kulturtagen in Breslau genauso wie auf dem Katholikentag oder bei einer Feier zu 10 Jahre Silicon Saxony oder bei der Kulturstaatsministerin, dem Heimatsoundfestival in Oberammergau und auch im Gefängnis, wo einer der Sänger auf den Vorteil deutscher Gefängnisse gegenüber jenen im Iran hinweisen kann (weil er dort Heavy Metal gespielt habe).

Der (eingängige) Sound lässt sich auf jeden Fall hören. Ein Schlaglicht auf ein Stück jüngster Zeitgeschichte und eine quicklebendige Variation zu Daniel Barenboims palästinensisch-israelischem Jugendorchester, dem west-östlichen Diwan.

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Rehabilitation des Hollywood-Anstandes?

Ein schöner Ausflug in ein Hollywood, das sich in traditionell meisterlicher Kinematographie auskennt, sich treu bleiben und gleichzeitig sich auf den an sich ja propagierten Anstand besinnen möchte.

Dafür wählt Guillermo del Toro, der mit Vanessa Taylor auch das Drehbuch verfasst hat, eine Geschichte, in der das Kreatürliche als Symbol naturgegwachsenen Anstandes (wobei dieses, wenn es unanständig behandelt wird, sich zum Monster auswächst, auswachsen kann – eh klar) eine gleich doppelt tragende Rolle spielt und sich dadurch wunderbar abheben kann von der Hybris des industriell-militärisch-wissenschaftlichen Komplexes, in dem ein Teil der Handlung spielt.

Die menschliche Protagonistin ist Elisa (Sally Hawkins). Sie ist stumm, kann aber hören. Sie wohnt kinonostalgisch unterm Dach über einem Kino. Ihr Mitbewohner Giles (Richard Jenkins) ist ebenfalls ein Einzelgänger. Er ist Werbemaler – und auf der Werbetafel des Kinos ist „MARDI GRAS“ anfänglich mit einem zweiten „S“ geschrieben.

Elisa arbeitet als Putze in einem Topsicherheitsbereich von Militär und Forschung. Was den Anstand betrifft – den im Allgemeinen und den von Hollywood im Besondern, wobei Anstand vielleicht ein Oberbegriff für die sexuellen Übergriffstories bildet, hinzukommen Mobbing etc. – gibt das Saubermachen von Toiletten und Pissoirs genügend Stoff für Gespräche zwischen ihr und ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer); immer den Anstand als Folie davor oder dahinter: Beobachtungen über männliches Pissverhalten. Da kommt auch der übliche Geschlechter-Kultur-Unterschied zu Relevanz.

Der andere Protagonist des Kreatürlichen ist ein Sci-Fi-Wesen, das der Geheimdienst aus dem Amazonas angeschleppt hat und in Ketten in einem Bassin gefangen hält. An diesem Wesen ist auch der russische Geheimdienst interessiert, wodurch dem Film noch das Element eines Spionagethrillers appliziert wird.

Elisa entdeckt dieses Wesen bei der Arbeit, entwickelt ein Verhältnis zu ihm und bekommt mit, dass es getötet werden soll. Sie will es retten, und verleiht so dem Film weiteren Thrill.

Entführung und Befreiung des Wesens gelingen Elisa hochprofessionell unter Mithilfe von weiteren Akteuren. Zuhause bewahrt sie es in der Badewanne auf, vertieft die Beziehung und macht klar, dass wenn der Mensch die Kreatur anständig behandelt, diese auch ihn anständig behandelt.

Ein schönes kleines Beispiel als Beitrag zur Diskussion über Missbrauch und Verführung durch Mächtige hat Guillermo del Toro eingefügt. Es ist eine Szene des Malers in einer Bar. Der Maler, als Kunde der Mächtige, betoucht den Kellner am Arm. Dieser weist den eindeutigen Anbandelversuch resolut zurück und verweist den Maler des Lokals. Hollywood bleibt sich in seiner propagierten Moral treu.

Inhaltlich wird auf das Tantalus-Thema referiert. Am Fernsehschirm werden Glanzzeiten von Hollywood erinnert. Und der türkise Cadillac, der ist eine Show und eine Reminiszenz für sich. Eingefügte Kalenderblattmoral: das Leben ist nur der Schiffbruch unserer Pläne – die lenkt doch wunderbar ab vom Anstandsthema, das weit umfassender ist, ein Grundproblem unserer Zivilisation, das weit über Anbandeln und Missbrauch hinausgeht – das aber garantiert mit dem Respekt vor dem Natürlichen zu tun hat.

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Stoff für einen internationalen Thriller.

Ein gut getarnter sowjetischer Spion lebt unauffällig in der Bundesrepublik. Seine Frau und seine zwei Kinder haben keine Ahnung davon. Tochter Luna (Lisa Vicari) ist schon eine junge Frau, lebt noch bei den Eltern.

Da fliegt ihr Vater auf. Aus heiterem Himmel wird Luna mitten in brutale Geheimdienstabrechnungen hineingezogen. Ein Killerkommando soll die ganze Familie auslöschen. Luna überlebt. Ihr altes Leben ist von einem Tag auf den anderen hinfällig.

Der sich den Stoff vorgenommen hat, ist der Filmproduzent Khaled Kaissar. Er hat das Drehbuch von Ali Zojaji, Ulrike Schölles und Alexander Costea schreiben lassen und selber mit einem teils subventionsnahmhaften Cast (Bibiana Beglau, Benjamin Sadler, Rainer Bock) die Regie übernommen.

Das Resultat wirkt zwiespältig, eine knallige Diskrepanz offenbart sich: die Beschäftigung fürs Auge durch die Kamera von Namche Okon ist anschmiegsam und großartig, die Beschäftigung für den Geist ist – gelinde gesagt – ätzend, es kommt keinerlei Spannung auf, die über diejenige einer Verfolgungsjagd, wovon es genügend mit viel Gerenne gibt, hinausgeht.

Der Film steht sozusagen mit dem falschen Fuß auf. Aber bei einem Thriller ist, meine Meinung, keine Zeit zu verlieren, wer nicht gleich zur Sache kommt, hat schon verloren. Hier beginnt es mit Bildern, die sich hinziehen, es sind abstrakte Spielereien mit roten Punkten, Lichtreflexen, als wolle einer zeigen, dass er Walter Ruttmann studiert habe. Keinen Hinweis darauf, was das mit dem Film auf sich habe.

So ist schon die Zeit der Titel verloren. Dann kommt tatsächlich Luna ins Bild und in Voice-Over skizziert sie das Thema, diesen Verlust von allem in einem einzigen Moment. Dieses alles wird in einer Disco-Szene symbolisiert, damit der Film, wie jeder deutsche Anfängerfilm, sein Pensum an Discoszenen erfüllt. Das ist nicht sachdienlich.

Eine junge Frau, die ihre Identität aus der Disco bezieht? Disco ist doch wohl das Anonymste, da sind sich die Menschen alle gleich. Es wird also nichts beschrieben, was einem später weh tun könnte, wenn es wegfällt; ein junger Mensch kann auch ohne Disco. Oder gar: in der Disco kann sich jemand, der verfolgt ist sogar sehr gut verstecken, also grad die braucht sie nicht zu verlieren.

Dann gibt es Familienszenen. Die Familie will über das Wochenende aufs Land fahren an einen grandios fotografierten See in einer herbstlichen Berglandschaft. Das Drehbuch verrumpelt sich vielleicht an alltagstauglichen Dialogen, vergisst aber dabei, die Dinge zu artikulieren, die klar machen, dass diese Familie identitätsstiftend für die junge Frau ist, essentiell.

Diese Familie strahlt keine Geborgenheit und Vertrautheit aus, das, was einen Verlust schmerzhaft erscheinen ließe. Das hat vielleicht auch mit der Besetzung der Eltern zu tun, die so kalt wirken, da war der Regisseur und Produzent wohl schlecht beraten mit dem Casting. Da diese Basis auch für Luna fehlt, ist es schwierig für sie, die Folgesituationen zu spielen.

So kommen verschiedene Dinge zusammen, die den großen internationalen Erfolg des Stoffes gemeinsam verhindern werden: ein ungeschicktes Drehbuch, was sich nie die Gesamtsituation überlegt hat, nicht überlegt hat, wie es spannend erzählt, welche Position es genau einnimmt, dann die Unerfahrenheit des Produzenten als Regisseur und einmal mehr täuscht Namche Okons traumhaft sichere Kamera über all diese gravierenden Defizite hinweg, wie schon in Bergblut.

Verwunderlich, dass der FilmFernsehFonds Bayern und der DFFF Gelder für das unreife Drehbuch locker gemacht haben.

Alltagsunglaubwürdig. Die Audi-Werbung kommt zwar oft, aber schön dezent rüber. Es fehlt erzählerisch das Überblickselement, das die Geschichte für den Zuschauer nachvollziehbar macht.

Das Casting ist gegen die Erzählung, es sind Eltern, die grad gar keine familiäre Atmosphäre aufkommen lassen, die Familiarität nicht als etwas Kostbares darstellen; insofern hat das Mädchen nichts zu verlieren. Es entsteht kein dramatisches Gefälle, oder allenfalls rein theoretisch.

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Ich scheiß die Wand an.

Ein Satz aus dem Schulunterricht der Champillon-Grundschule. Es geht um Verben und Akkusativ. Weil ein Schüler „Scheiß“ sagt, verlangt die Lehrerin sofort Sätze mit scheißen, „einen Haufen scheißen“, „Ich scheiß die Wand an“.

Der Film von Hélène Angel brilliert mit einem entzückenden, zu Herzen gehend Cast von Grundschülern in ebenso entzückenden, zu Herzen gehenden kleinen Szenen, die im großen Strom fahriger Atmosphäre an der Champollion Schule immer wieder aufblitzen.

In dieser Unruhe und Fahrigkeit, die gibt wohl genau die Nervensituation der Grundschullehrerin wieder und wird gezielt von Kamera und Schnitt – immer nur kurze Ausschnitte und schnelles Hin- und Herspringen – hergestellt, schnappt die Protagonistin Florence (Sara Forestier) immer wieder nach Luft, symbolisch gesprochen.

Verschiedene Probleme lassen sie nicht zur Ruhe kommen, lassen sie wie einen Ballon im Wind erscheinen, hin- und hergerissen und hin- und hergeschüttelt. Da ist ihr Sohn Denis (Albert Cousi), der nicht bei der Familie lebt und der lieber mit dem Vater für ein Jahr nach Java verreisen möchte.

Und da ist Sacha (Ghillas Bendjoudi) mit einer ganz merkwürdigen Mutter. Diese arbeitet als Verkäuferin bei einem feinen Herrenausstatter. Sie übernachtet lieber bei fremden Männern, drückt ihrem Buben ein Bündel Geld in die Hand, und dann soll er schauen, wo er bleibt. Einen Papa gibt es dort auch nicht. Der Bub kommt, nachdem das in der Schule auffällt, erst mal bei Florence unter, nicht zur Freude von ihrem Denis.

Es gibt da noch Mathieu (Vincent Elbaz), einen Exfreund der Mutter von Sacha, Pizzaausfahrer. Der bandelt mit Flo an. Und da sind auch noch das Sozialamt, die Polizei, der Schuldirektor und das mit Farbe besprühte Kaninchen Sombrero. So ist dafür gesorgt, dass die lebensnahe Fahrigkeit nicht eine Sekunde erlahmt, denn Kinder sind ja nicht für die Schule da, sondern, wie die Franzosen auf Englisch (!) singen: we were borne to be alive!

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Vom Reichtum und seinen Nebenwirkungen.

Als Enkel des damals reichsten Mannes der Welt, lässt es sich anno 1973 in Rom gut leben. Direkt wie aus einem Fellini-Film entsprungen ergeht sich eines Sommerabends Paul Getty III (Charlie Plummer) auf historischem Römer Boden auf der Suche nach käuflichen Frauen. Er sieht schick aus, ist selbstsicher, er wisse sich zu helfen, erwidert er auf deren Anmache.

Er lebt mit seiner Mutter Gail Harris (Michelle Williams) in einer reicherdrückenden Altrömer Wohnung. Sie ist geschieden von ihrem Mann John Paul Getty II (Andrew Buchan), dem Sohn des Milliardärs J. Paul Getty (Christopher Plummer).

Noch ahnt der Enkel nicht, dass sein Ohr schon in wenigen Wochen zu einem der berühmtesten Ohren des Jahrhunderts werden dürfte, noch ahnt er nicht, dass er gleich entführt werden wird in einem rumpeligen VW-Bus. Noch ahnt er nicht, dass er bald die Hauptperson eines der berühmtesten Entführungsfälle des letzten Jahrhunderts werden wird.

Beginnend mit der Entführungsszene in Rom führt Ridley Scott nach dem Drehbuch von David Scarpa und dem Buch von John Pearson „sehr frei nach einer wahren Geschichte“ mit einigen magazinhaft informativen Hupfern über die Jahrzehnte bis zurück zu 1948 die Hintergründe an für die Lebenssituation des Lieblingsenkels seines Milliardär-Großvaters.

Der Film gibt Rezepte der Reichen preis, wobei der alte Getty das Reichwerden noch für leicht hält, schwieriger sei es, reich zu bleiben – selbstverständlich ohne Steuern zu bezahlen. Er gibt freimütig zu, dass er ob des Anhäufens des Reichtums – er hat diesen mit der Erschließung der Ölfelder Saudi Arabiens begründet – keine Zeit hatte, sich um die Familie zu kümmern, er musste sich aufs Geschäft konzentrieren, mit ein Grund, warum sein Sohn in Marokko in Alkohol und Drogen hängen geblieben ist und warum die Mutter von Paolo, der prima Italienisch spricht, sich hat scheiden lassen.

Wichtig in der Denke des alten Getty ist ferner der Dynastie-Gedanke (wobei Getty seine Dynastie bis zu Kaiser Hadrian zurückführt – ulkig) und auch, dass man sich innerhalb der Familie für Geschenke nicht bedankt. Ferner, dass man Bettelbriefen nicht nachkommt, denn so könnte man das ganze Vermögen verschenken und wäre dann auch bettelarm. Keine Wohltätigkeit!

Typisch ist generell das Misstrauen in die Menschen und dafür bedingungsloses Vertrauen in Artefakte, wofür der Film mit dem Gingillo listenreich den Satz gleich Lügen straft.

Und, ganz wichtig, dass wer reich sei, anders sei als die anderen, man unterscheidet sich, man hebt sich ab. Dieses Denken hat die Schwiegertochter nie übernommen. Deshalb reagiert sie auch anders als der Alte auf die Lösegeldforderungen nach der Entführung des Sohnes. Scott und seine Schreiber formen aus der Story einen spannenden, unterhaltsamen, dramatischen Kinostoff.

Der Alte will auf die Lösegeldforderung keinesfalls eingehen, denn er hat noch ein Dutzend weiterer Enkel und wenn er bezahlt, so könnte das ja Schule machen. Statt zu bezahlen schaltet er seinen Sicherheitschef Fletcher Chase (Mark Wahlberg), einen ehemaligen Geheimdienstler ein. Er soll in Italien den Enkel und seine Entführer finden. Dafür bekommt er Budget. Nicht aber für Lösegeld. Damit kommt Chase bei den Entführern aber nicht durch.

Der Konflikt spitzt sich zu. Die Drehbuchautoren haben für Wahlberg die Rolle eines positiven Helden entworfen, der zwar eine düstere Vergangenheit hat, der aber dem alten Geizkragen von Getty im richtigen Augenblick die Leviten liest. Doch da ist es um Enkels Ohr längst geschehen.

Um diesen Film herum gibt es eine Geschichte, die durchaus auch mit Geld und Ruhm und Macht zu tun hat. Zuerst spielte Kevin Spacey die Rolle des alten Getty, wobei er dafür eher zu jung gewesen sein dürfte. Dann kam die Treibjagd auf ihn, über Nacht wurde er praktisch vom heißgeliebten und verehrten Star zum Outcast, wurde wie die Sau durchs Dorf getrieben. Deshalb hat die Produktion seine Szenen rausgeschnitten und mit Christopher Plummer nachgedreht.

Zu diesem Nachdreh gibt es eine Nachgeburt an Geschichte; dass nämlich Mark Wahlberg – ganz entgegen den treuherzigen Äußerungen seines Helden Chase, der nie reich werden wird – allein für diese 10 Tage 1,5 Millionen Dollar verdient habe, während Michelle Williams sich mit 1’000 Dollar zufrieden geben musste, obwohl beide Stars von derselben Agentur vertreten werden.

Und welche Sau wird als nächstes durchs Dorf getrieben? Die Menschen, das Leben und die Kunst sind voller Widersprüche. Aber solange die Kunst gekonnt ist, mag man sie anschauen, ob sie Millionen wert ist oder ob es sich um einen Gingillo für 8 Dollar handelt. Mit so einem schickt Ridley Scott einen ganz speziellen Gruß an die Reichendenke.

Gekonnt schäumt Scott den Count-Down mit genügend Suspense auf, die Übergabe von Geld gegen Geisel.

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Alles dreht sich um Marc (Alexander Milo), seinen Bilder-, Gefühls- und Gedanken-Stream-of-Consciusness.

Wer ist Marc? Was macht ihn aus, seine Geschichte, seine Bilder, seine Mitmenschen, seine Umgebung (Stadt oder Natur), seine Gedanken, seine Zweifel, seine Wut, seine Liebe, Freundschaft, die Beziehung zu seinem Vater (der oft weg ist), zu seiner Mutter oder zur Tramperin, die er mitnimmt?

In einer fragmentarisch-aphoristischen Collage aus Lebensphilosophemen, Grundsatzfragen zu Sein und Vergehen des Menschen, Meteorologiepoesie und Identitätssuche, Roadmovie-, Familien- Freundschafts- und Liebesgeschichte oder auch im Rückwärts-Negativ-Konjunktiv nähert sich Chris Brügge als Autor und Regisseur dem Welt- und Ichbild dieses jungen Mannes, seinen Emotionen und Zweifeln, seinem Sehnen und Boxen, seinen Begegnungen, seinem Denken und Fühlen. Versuch einer Totalerfassung auch der Lebenssehnsucht (es spüren, den Schmerz, die Wut, das Dunkle, die tiefen Gefühle).

Die Kamera liefert ihre ganz eigene Erzählung dazu mit ihren Natur- und Stadtbildern, Wolken-, Wind-, Meer- und Dünenbildern, vor allem zeigt sie Skeptizismus der Realität und der Wahrnehmung gegenüber, lässt sich ablenken, lässt sich beunruhigen oder auch mal beruhigen, wenn Gitarre gespielt wird. Die Kamera lässt sich von Details, Strukturen und Symbolen faszinieren. Die Musik trägt ihre eigenen Impulse bei.

Entfernt erinnert der Film an Terence Malick (The Tree of Life, der allerdings radikaler sich auf Natur und Bibel reduziert), an diese Mischung von menschlicher Selbstbestimmungs- und Naturbetrachtung.

Das Zeitproblem, das Vergehens-, das Einmaligkeitsproblem, die Nichtwiederholbarkeit, das Nichtrückgängigmachenkönnen löst Brügge, indem er die Freiheit des Kinos nutzt, wenn er zum Schluss den Gletscherabbruch in umgekehrter Richtung abspielt. Im Leben gibt es keinen zweiten Versuch. Im Film schon.

Reflektionen über Leben und Tod, Freiheit, (Fliegen, Schwimmen, Drachensurfen, Sternenhimmelreflexion, Heißluftballonsymbol, das Leben nicht an sich vorbeiziehen lassen) und was ist Verantwortung? Das Wegsterben von Menschen, die einem was bedeuten, die Endlichkeit des Seins in ihrer Bilder-, Gedanken-, Gefühls- und Musikvielfalt.

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