Archiv für die Kategorie: “Review”

Die Neustarts dieser Woche sind ein Filmfest für sich, wobei es mit diesem auch Überschneidungen gibt; schwer, einen Film vor allen anderen herauszuheben.

CARACAS, EINE LIEBE
Dem Begriff „faggot“ geht’s hier nass eini.

HIGH RISE
Kapitalismus-Architektur-Bashing der leinwandergiebigen Art mit einem gezackten Wohnhochhaussolitär als Protagonisten.

MA MA – DER URSPRUNG DER LIEBE
Julio Medem verfugt meisterlich und poetisch dicht im Vorwärts-, Rückwärts-, Seitwärtsmodus die Seinseigenschaften vom Werden und Vergehen von Liebe und Mutterschaft.

NUR WIR DREI GEMEINSAM
Bringt mehr Wahrhaftigkeit über die Widersprüche der Flüchtlingsexistenz an den Tag, als uns lieb sein kann.

THE ASSASSIN
Ein Gewehr sollte nicht denken – illustriert in der Art exquisit chinesischer Porzellankunst.

VÄTER UND TÖCHTER – EIN GANZES LEBEN
Jugendtraumata können nachhaltig in ein Erwachsenenleben hineinagieren und dieses schwer beeinträchtigen – oder: wird ein Mensch schwierig?

PARAISO – WAS WIEGT DIE LIEBE?
Botero-Frauen machen besser einen weiten Bogen um Schlankheitsinstitute, denn das nächste Kochstudio liegt so nah.

90 MINUTEN – BEI ABPFIFF FRIEDEN
Die ultimative Lösung für den Nahen Osten – Alternative zur Glotzen-EM.

ICE AGE – KOLLISION VORAUS!
Kollisionen von Kometen und Haselnüssen mit Vulkanpowerabwehr – und ein Hochzeitsfilm dazu, denn ohne Hochzeit keine Familie und ohne Familie kein amerikanischer Unterhaltungsfilm.

LOU ANDREAS-SALOMÉ
Vier Darstellerinnen reichen nicht aus, um diese komplexe Figur leinwandrezipierbar darzustellen.

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„Scrat stößt bei seiner endlosen Jagd nach der unerreichbaren Nuss in neue Dimensionen vor. Er wird ins Universum katapultiert, wo er versehentlich kosmische Kettenreaktionen auslöst, in deren Folge die Gefahr besteht, dass sich die Ice Age-Welt verändert oder gar zerstört wird. Sid, Manny, Diego und der Rest der Herde verlassen notgedrungen ihre Heimat und begeben sich auf eine Reise voller Spaß und Abenteuer. Dabei durchqueren sie exotische Länder und begegnen einer Vielzahl von neuen schillernden Charakteren.“

So weit die Inhaltsangebe aus dem Pressetext. Dieses bisschen Story dürfte aber nicht das Entscheidende sein an diesem Film von Mike Thurmeier und Galen T. Chu nach dem Drehbuch von Michael, Yoni Brenner u.a.

Wesentlich für die aniviserten kleinen Besucher dürfte sein, was sie selbst täglich erleben, dass sie aufstehen und es sie wieder hinknallt und dass sie wieder aufstehen und es sie wieder hinknallt. Nur passiert das hier überdimensioniert, im Sternenmaßstab, der noch dazu mit Computertrick angereichert wird.

Lustig ist vielleicht auch der Zusammenhang zwischen dem Titel „Ice“ für Eis und den animierten Figuren, die allesamt Stofftiere sind. Eis und Stofftiere, ein nicht ganz harmonischer Zusammenhang. Aber die Stofftiere werden es auch mit einem Vulkan zu tun bekommen und mit elektrifizierenden Materialien, denn sie müssen einen Meteor, der auf die Welt zu rast mit einer hochkomplizierten Vulkanmanipulation rechtzeitig vor der Zerstörung der Erde ablenken.

Und doch geht es im amerikanischen Kino, ob animiert oder fiktional, immer um die Familie. Dazu gehört erst mal das Heiraten – ein Hochzeitsfilm obendrein, die Liebe, die Liebe, die zwitschert zwischen Hundertausenden von Comic-Einfällen, die alle systematisch-industrieller Natur sind, vor allem geht es um das Fliegen durch den Raum, um den Aufprall, die Kollision (in der Sternendimension oder mit dem nächsten Pingpongball); dann wird die Figur vielleicht überrollt von einem Gegenstand, den sie selbst in Bewegung versetzt hat, wird platt gewalzt und im nächsten Moment reckt und streckt sie sich wieder und ist munter wie eh und je, Stehaufmännchenmechanismen, untötbar, wie sie den Kleinen nicht unbekannt sind – und die Erwachsenen sollten sich ein Beispiel daran nehmen, Kollisionen mal wieder spielerischer zu sehen.

Ein bisschen ist der Film auch wie ein Zoorundgang, alles mögliche Getier kommt darin vor, damit auch eine breite Palette von Geschmäckern erreicht wird, wer vieles bringt, wird vielen etwas bringen.

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Dieser Film von Ben Wheatley („Sightseers“) wirkt wie ein gigantisches, grell-schrilles Mural, gebeamt auf die dröge Betonfassade der zentralen Figur im Film, einem 40-stöckigen Wohnhochhaus, was sich mit einem überragenden Zacken auf einer Seite fast wie im Himmel festhaken möchte, wirkt wie der Protest der Jugend von damals gegen den Glauben an den Beton.

In Reih und Glied stehen die schönen, besseren Autos aus jener Zeit auf riesigen Parkplätzen um das Gebäude. Was in den 70ern als Protest angefangen hat, meines Wissens mit dem Sprayer Nägele aus Zürich als kriminalisierter Underground-Kunst, ist heute längst etablierte Popkultur.

Der Film von Wheatley versucht, sich genau an die Frische des Protestes aus jener Zeit zu erinnern, dekonstruiert mit einem irrsinns Schnitt- und Szenentempo genüsslich die Perfektion und die Ordentlichkeit, die die Architektur zum eingeordneten, angepassten, entindividualiserten Wesen macht, immer eiligen Schrittes im Anzug durch die kühlen Hallen hetzen und hecheln, superdeodoriert, nur zuhause im 25. Stock in der neuen Wohnung der menschlichen Hauptfigur in diesem Gebäudefilm, Tom Hiddleston als Dr. Laing, ist alles noch in Kartons verpackt und allein lebt er auch, will er auch, möchte seine Ruhe haben.

In seinen Vorlesungen reißt er toten Menschen die Fassade herunter, die Gesichtshaut, um den Kopf zu öffnen, die Schädeldecke aufzusägen, aufzuhämmern.

Statt Ruhe zu finden im 25. Stock, die Nachbarn bedrängen Laing mit Einladungen, Parties noch und nöcher und immer extremer und orgiastischer werden diese und auch einen antiautoritären Kindergarten gibt es.

Der Architekt des Gebäudes, der Hauptschuldige, Jeremy Irons als Royal, haust opulent im Penthouse. Es gibt deutliche Klassenunterschied zwischen Oben und Unten. In der Mitte gibt es den Supermarkt, der Regalreihen hat mit „günstig“ und andere mit „besonders günstig“. Es gibt die Müllschlucker, die der Film weidlich exploitet.

Die menschliche Dekadenz nimmt von Filmminute zu Filmminute zu, die Parties verlieren jede Facon, der Umgang der Menschen untereinander ist rüde und die Musik nimmt ab und an Wagnersche Dimensionen an, während in Zwischenschnitten vor oszillierendem Himmel das Hochhaus plötzlich wie ein Spukschloss wirkt.

Es gibt Schlägereien, Suizid, Kopulationen, es gibt, auf Nachfrage der Polizei, was denn hier los ist, nichts, was nicht unter den Teppich gekehrt werden könnte – denn das Wohl des Gebäudes geht über alles, obwohl auch dieses arg in Mitleidenschaft gezogen wird, so dass es zu einer kurzen Verschnaufphase des Aufräumens kommt.

Einmal zeigt Laing Charakter, er weigert sich am Ende, am Dokumentarfilmer Wilder, Luke Evens, die Lobotomie durchzuführen.

Wheatley brilliert hier mit kontraintentioneller Betrachtung des Glaubens der 70er-Jahre-Architektur an den Beton; er zeigt die Kehrseite der Beton- und Höhenhybris, den Urprotest des Menschen gegen die Fesseln von Architektur und Kapital.

Ganz am Ende sitzt ein Nachwuchs hoch auf einem originell zusammengebastelten Hochsitz mit einem Funkgerät ins All, empfängt einen Speech von Maggie Thatcher, die den Kapitalismus über den grünen Klee lobt. Das kann man so nicht stehen lassen, werden sich die Filmemacher energisch gesagt haben.

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Frauen können ohne Liebe nicht leben (Männer schon?!), das ist die Quintessenz dieses Filmes von Gabriele Muccino nach dem Drehbuch von Brad Desch.

Wenn Frauen keine Liebe haben oder sie verlieren, so führt das zu Störungen, sie werden schwierig und brauchen Langmut und Verständnis.

Die Hauptfigur ist Kate, Amanda Seyfried. Sie ist Psychologin und hat ihre eigene Geschichte. Eine Kinderdarstellerin spielt die Szenen ihrer Kindheit. Erster Liebesverlust ist der Tod der Mutter bei einem Verkehrsunfall. Die Eltern hatten Streit.

Ihr Vater Jake, Russel Crowe, ist ein Erfolgsschriftsteller und Pullitzer-Preisträger. Er ist Epileptiker und muss deshalb für einige Monate in eine Klinik. Das ist der zweite Liebersverlust für Kate, gerade weil er ein hingebungsvoller Vater ist.

Kate verbringt diese Zeit bei ihrer Tante Elisabeth, Diane Kruger. Wie Jake Kate nach seinem Klinikaufenthalt zurück haben will, fangen Onkel und Tante an, juristisch ums Sorgerecht zu kämpfen, womit Angst vor weiterem Liebesverlust für Kate ins Spiel kommt, denn Kate möchte beim Vater bleiben.

Jake hat nach einem gefloppten Buch finanzielle Probleme und der Anwalt pocht auf fünfstelligem Vorschuss. Deshalb schreibt Jake jetzt Tag und Nacht an seinem nächsten Buch, das wird das Vater-Tochter-Problem behandeln und heißt wie der Filmtitel „Väter und Töchter“. Für Kate bedeutet dieses Schreiben ein weiterer Liebesverlust, denn Jake hat keine Zeit mehr für sie, gerade weil er wegen ihr so viel arbeitet. Die Verlegerin, Jane Fonda, ist bass erstaunt über das schnell geschriebene Buch, „in drei Monaten? – dafür brauchen andere Jahre“.

Diese Geschichte des Mädchens Kate wird zwischengeschnitten in die Szenen aus dem erwachsenen Leben und Lieben von Kate als junger Frau und Psychologin mit einem besonderen Betreuungsfall, Lucy, und ihren Männergeschichten.

Bis sie mit Cameron, Aaron Paul mit einer beachtlichen, typologischen und stylishen Schnittmenge eines Wiedergängers des Vaters, glaubt, Halt und Liebe im Leben zu finden.

Ihr Erwachsenenleben wird geprägt von Echos auf die Liebesverluste der Kindheit. Das wirft sie wie schicksalshaft immer wieder in Situationen, die sie Kindheitstraurigkeit erinnern lässt und vor Konflikte stellt, schier unlösbare.

Gabriele Muccino erzählt dieses Liebesgeschichte sanft wie in Watte verpackt und unterlegt sie über weite Strecke mit orchestralem Sound für große klassische Kinogefühle bis auf eine Krisensituation, in der auf die Musikbox zurückgegriffen wird und über dem Abspann spielt sie ein melancholisches Liebeslied. Untertext: man muss schon Verständnis haben für diese Frau, sie ist ja nicht von Natur aus schwierig.

Leider verleiht die deutsche Routinenachsynchronisation der Geschichte einen leichenhaften Anstrich. Die Stelle des Geburtstagsständchens für die kleine Kate im Schnellimbiss, vorgetragen von drei Köchen, die mit den Originalstimmen belassen wurden, zeigt den doch fleischlicheren Zugriff der Amerikaner, macht die Differenz an Lebendigkeit deutlich.

Jakes Cosenamen für Kate: Kartoffelchip.
Schönes Symbol für die Verbindungshaftigkeit, aber auch die Kappungsmöglichkeit der Liebe sind diese alten, damals hochmodernen Schnurtelefone.

Klang-, Gefühls- und Gedächtniswolke zur getragenen Erzählweise, die den Zuschauer in eine leicht schwingende Hängematte legt zu einem großen Liebeskonzert. Möglicherweise wird er oder vor allem sie (?) das Kino wie nach einem Heilbad verlassen: denn, „man darf niemals aufgeben“.

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Die Erörterung ist die, ob ein Mensch, der in staatlichem Auftrag tötet, denken und eigenverantwortlich handeln, ob er sich moralische Grenzen setzen soll.

Der Mensch, der diesen Konflikt hat, ist hier im Film von Hsia-Hsien Hou nach dem Drehbuch von Cheng Ah, Tien-wen Chu + 3, die Protagonistin Qi Shu als Nie Yinniang. Sie hat bei einer Nonne eine elitäre Kampfausbildung genossen. Jetzt soll sie im Auftrag ihrer Mutter, die eine Schwester des Kaisers ist, ihren Cousin töten, der Gouverneur ist und den sie einst hätte heiraten sollen.

Die Gründe für den Auftragsmord sind in der Staatsraison zu suchen. Denn das politische Gleichgewicht zwischen Kaiser und den Provinzen ist verloren gegangen. Die Provinz Weibo möchte ihre Eigenständigkeit gegen den Kaiser wahren. Deshalb soll der Gouverneur im Auftrag des Kaisers geötet werden.

Nie Yinniangs Konflikt entsteht, wie sie bei ihrem ersten Tötversuch ihren Cousin mit seinem Kind sieht. Das bringt sie nicht übers Herz. Weitere Versuche misslingen ebenso. Auch möchte sie ihm klar machen, durch wessen Hand er sterben werde, sie will sich ihm erst in einer Begegnung zeigen.

Diesen politischen Konflikt, der dem beispielsweise in Schillers Maria Stuart nicht unähnlich ist, Töten aus Gründen der Staatsraison, Töten aus Machtgründen, wird von Hsia-Hsien in sagenhaft schönes, ruhiges Kino verpackt mit viel Raum für die Schilderung des höfischen Lebens im Palast des Gouverneurs, die Gouverneursfamilie fast wie ein Standbild fürs Familienalbum und die Klatschpresse und der Bub darf mit einem Fußball spielen, trautes Gouverneursheim.

Die Ankleide und Schminkaktivitäten der Frauen unter Mithilfe von viel weiblichem Personal. Oder auch Krankenpflege. Es ist auch ein Interieurfilm, der viel Wert legt auf gediegene Ausstattung, Vorhänge, die leicht beweglich sind, spielen eine wichtige Rolle, auch für die Kamera, die diese Bewegung für traumhafte Farbeffekte nutzt und für Spiele mit Unschärfen.

Kampfszenen sind wichtig, Martial Arts, knapp und präzise inszeniert, auffallend hier vor allem auch durch ihre Lautlosigkeit. Und auch Tian, der in die Verbannung geschickt werden soll, weckt das Interesse von Kämpfern mit Tötabsichten; obwohl er die Verbannung lebendig erreichen soll.

Die Quintessenz ist so traurig wie bekannt, dass Menschen, die selbständig denken und gegen eine vermeintliche Staatsraison handeln, hier nichts zu suchen haben.

Es gibt andere einprägsame Figuren nebst dem Gouverneurshaushalt. Es gibt den Magier mit dem langen weißen Haar, der sein undurchsichtiges Spiel im Machtgame spielt mit von Hand ausgerissenen, papierenen Vodoo-Figuren, die ein Stück Eigendynamik entwickeln und es gibt den Spiegelhersteller, der sogar gut für eine Amoure mit der Protagonistin ist. Er weicht in seinem Bewegungsablauf leicht ab von der Geschmeidigkeit der professionellen Martial-Arts-Kämpfer im Film, er ist sofort individuell unterscheidbar, seine Bewegung ist geerdeter, nicht ganz so höfisch geschliffen, dassselbe gilt auch für sein Kostüm.

Im Vorspann skizziert Hsia-Hsien Hou knapp den Mordauftrag und setzt dem gegenüber eine höchst diffizile Szene mit dem anvisierten Mordopfer, dem Gouverneur, seinem Buben und einem Schmetterling.

Es ist eine hochstilisierte und auch hochsymbolische, stark reduzierte Kunst, mit der Hsia-Hsien Hou sein These bebildert, seine Geschichte erzählt mit Tendenz zur Porzellankunst. Auch das Schmucksymbol der Jedo Jade spielt eine Rolle und steht für Entschlossenheit – der Träger sollte wohl nicht fragen, wozu.

Der Film macht eine kleine Reise durch verschiedene Locations, hält ausgiebig inne (und kommt hierher auch immer wieder zurück) im Gouverneurspalast, macht Station beim General, beim Magier, beim Spiegelhersteller und streift als Außenpunkt wenige Male eine bäuerlich-ländliche Siedlung in Sichtweite zu Korea.

Es darf wohl als augenzwinkernde Ironie verstanden werden, dass nach dem Satz, dass das Schwert keine Emotion kenne, also der Satz für die Staatsraison, ein Schnitt zu einem ausführlichen Stilleben mit wiederkauenden, sich ausruhenden Ziegen bei diesem Außenposten der Provinz folgt.

Vom Musikalischen her baut Hsia-Hsien Hou viel Spannung auf mit konstantem, verhaltenem Trommeln im Hintergrund: es dräut etwas über der unbotmäßigen Provinz.

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Variation zu Botero.

Mexikanischer Diät-, Koch- und Liebesfilme aus einer beleibten Mittelschicht mit einem beleibten Paar, bei dem der Mann am Schluss des Filmes schlank geworden ist.

Es sind dies Alfredo, Andrés Almeida, und Carmen, Daniela Rincón, die konfliktlos noch bei den Eltern von Carmen auf dem Land leben. Sie wollen in die City ziehen. Die Umgebung warnt vor den Gefahren. Der Umzug wird geschildert mit vielen Details.

Das Leben läuft in diesem Film von Marina Chenillo nach einer Geschichte von Julieta Arévalo so alltäglich ab wie in einer Telenovela, jedoch nicht ganz so seifig.

Das Landeier Ehepaar wird beim ersten Bankempfang in der großen City belächelt. Alfredo arbeitet als IT-Spezialist bei einer Bank, während Carmen vorher noch bei der Steuerkanzlei ihres Vaters beschäftigt war. Die Angst wird artikuliert, dass sie in der City doch nichts zu tun haben werde.

Langweilen wird sich Carmen aber nicht. Ein belauschtes Gespräch in der Damentoilette hat sie aus ihrem In-sich-ruhendem Glücklichsein aufgeweckt, ob sie denn schön und attraktiv sei, fragt sich die Mollige, bleibt vor einem Institut zur Gewichtsabnahme stehen und lässt sich reinziehen.

Alfredo entdeckt die Broschüren. Und macht mit. Er wird das Programm erfolgreich absolvieren. Eine gegenläufige Bewegung. Er schenkt ihr ein Kätzchen. Sie mag Kätzchen nicht. Sie entdeckt ein Kochstudio im Wohnblock gegenüber. Sie fängt ein heimliches Leben gegen das Abnehmen an; so nimmt sie nicht ab.

Er hat eine flüchtige Begegnung mit einer Kollegin. Das trifft Carmen tief, die sich selbst den Seitensprung mit dem Kochen leistet.

Immer wirkt der Film, als sei die Regisseurin von der leinwandfüllenden Präsenz einer Botero-Frau, auf ihn gibt es einen kleinen Recherchehinweis, fasziniert, wie die in sich ruht, wie die nicht auf Kleinkariertheit sich einlässt, die wie ein Gestirn ein Eigenleben führt, ohne mit anderen in Konflikt oder in Wettbewerb zu geraten.

Momentweise wiederum wirkt der Film wie eine Lebenshilfefilm, ein Film, der Aufklärung zum Thema Übergewicht betreibt. Wobei er auf die Schilderung der schlimmen Folgen verzichtet, sondern genießbar einen attraktiven Gewichtsabnahme-Lehrer einsetzt und eine etwas ältere, bestechliche Gewichtsabnahmelehrerin.

Dann wiederum ein Film nach dem Motto: Geschichten, die das Leben schreibt. Angenehm und erheiternd, dass der Film aus Mexiko kein Drogenkriegsfilm ist und auch keiner, der in Lateinamerika immer noch so häufigen, die im Milieu und der Spannung aus Herrschaft und Bediensteten spielt.

Für wen dieser Film gemacht ist? Für den Mexikofreund, für den Lateinamerika-Freund, für den Freund des lateinamerikanischen Filmschaffens sowie die Freunde von Filmen mit dicken Frauen und auch jene, die die unaufgeregte RomCom der besonderen Art, über die die Regisseurin einen Sahneguss der allerüblichsten Art streut, nachdem sie sich eine Filmlänge davor bewahrt hat, insofern auch für die Freunde des leicht skurrilen Geschichtenerzählens, das sich nicht ständig dafür rechtfertigt, dass sie dies tut.

Am ehesten trifft es vielleicht die Behauptung: freie Fantasie inspiriert durch Botero und aufs Heute übertragen. Alfredo nennt Carmen „Speckelchen“ (laut deutscher Untertitelung).

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Der Frau ist nicht beizukommen.

Lou Andreas-Salomé hat ein reiches Leben, ein kompliziertes Leben, ein produktives Leben geführt, einen vielseitigen, geistreichen Umgang gepflegt, über 75 Jahre von 1861 bis 1937 mit vielen Reisen und Beziehungen. Das ist in 113 Kinominuten nicht zu packen.

Aus all den Texten, Briefen, Büchern von ihr und über sie so viel rauszuholen und damit eine spannende Geschichte entstehen zu lassen auch für den Nichteingeweihten, dürfte ein Ding der Unmöglichkeit oder jahrelanger Arbeit sein oder ein Filmmacher müsste sich auf spezielle Themen und Aspekte, Beziehungen oder Lebensphasen beschränken.

Cordula- Kablitz-Post, die mit Susanne Hertel auch das Drehbuch geschrieben hat, will alles, will die ganz Lou erfassen.

Dieses Vorhaben erschwert sie sich selbst dadurch, dass sie vier Darstellerinnen für verschiedene Lebensalter der Lou verpflichtet und außerdem in der Chronologie hin- und herspringt.

Am dominierendsten ist Katharina Lorenz, die die Altersspanne von 21-50 Jahre abdeckt. Sie spielt vor allem eine große Schauspielerin, die Darstellerin einer großen Rolle, der man gerne zuschaut, bei der alles sitzt, wobei aber die Info, die eingestreut wird, dass sie eine der ersten Psychoanaltyikerinnen gewesen sei, doch eine merklich Diskrepanz zwischen Spiel und Berufsbehautpung spürbar werden lässt.

Das mag an Regie und Drehbuch liegen. Der waren vor allem die Männerbeziehungen, die als verrucht gegolten haben zu der Zeit, wichtig.

Hier ist es der milchgesichtige Rainer Maria Rilke, ein naives Jüngelchen, Julius Feldmeier, dann der Alkoholiker, der näher bei einem Fuhrmann als bei einem Dichter anzusiedeln wäre, Friedrich Nietzsche, Alexander Scheer, und als weitere Beziehung Paul Rée, der wenig Chancen zur Profilierung hat, nicht mal einen Schnauzer wie die beiden anderen und schließlich der Ehemann, der Russe Friedrich Carl Andreas, Merab Ninidze, dem sie die Scheinehe schenkt mit dem Verbot des Bettes. Man sieht, in welchen Wust der Berichtsversuch einen hoffnungslos hineinzieht.

Erzähltechnisch dröselt Cordula Kablitz-Post die Geschichte von der 72 Jahre alten Lou her auf. Nicole Heesters nimmt man ein vielseitiges, gelebtes Leben durchaus ab. Sie diktiert ihre Biographie einem Ernst Pfeiffer, Matthias Lier, in eine alte mechanische Schreibmaschine.

Die Schauspieler wirken wie Schauspieler, die ihre Texte für eine ehrerbietige Lesung vorbereitet haben; wodurch allerdings ihre Individualität, vor allem der entsprechende Eros, der zu Lou funken sollte, zu kurz kommt.

Dann tritt auch noch Sigmund Freud auf und Lou legt sich auf die Couch, offenbart Geheimnisse ihren positiven Narzissmus betreffend, der alle Männer unglücklich gemacht habe; ein Schlüssel zu dieser Eigenschaft liege im frühen Verlust des Vaters, der eine Ablösung von dieser Figur vereitelt hat (wobei hier im Film auffällt, dass alle diese Männer bereits unglücklich sind, wenn sie Lou das erste Mal begegnen).

Prickelnd ist die Szene mit dem verheirateten Pastor Gillot, der sich in die erblühende Lou verliebt; hier wird sie aufregend verkörpert von Liv Lisa Fries.

Frösteln macht einen Katharina Schüttler als von der alten Lou adoptierte Marie, die sich von Pfeiffer in ihrer Position gefährdet sieht.

Alle diese Geschichten kommen nicht über das Anskizzierte hinaus, so können auch die Figuren nicht genügend studiert werden und der Kamera von Matthias Schellenberg bleibt kaum eine Chance, Räume plausibel einzuführen; schön sind die Szenen, die aus Postkarten entstehen, resp. in denen sich die Akteure in Postkartenbildern bewegen oder in alten Fotografien; das ist nett gemacht.

Die Wuselmusik trägt wenig zu einem klaren Bild bei, was sich im Gedächtnis festmachen könnte. Ob das so ein glücklicher Einfall ist, die alte Lou ihr Leben der Schreibkraft erzählen zu lassen?

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Gegenüber der vorgeblichen Komödie „Atomic Falafel“ ist dieser Film von Eyal Halfon nach dem Buch von Itay Meirson ein Glanzlicht. Während im „Atomic Falafel“ die platte Realität geschildert wird, aber so getan, als sei es eine Komödie, nutzt Eyal Halfon das Genre des falschen Dokumentarfilmes, um die unglaublichen Zustände zwischen Israel und den Palästinensern drastisch zu schildern.

Den Vorwand für diese Schilderung liefert die geniale Idee zur endgültigen Lösung des jahrzehntelang schwelenden, immer wieder von grausamen Kriegen unterbrochenen Palästinenserkonfliktes, der durch die aktuelle israelische Regierung noch weiter vom Frieden weg sich entfernt denn je: ein Fußballspiel zwischen den beiden Nationalmannschaften soll entscheiden: der Sieger darf im Land bleiben, der Verlierer muss sich eine neue Heimat suchen und ausziehen.

Dieser Prozess wird jetzt sozusagen dokumentiert. Dem kommen ständig die Divergenzen zwischen den beiden Völkern oder Staaten in die Quere. Allein schon die Suche nach einem geeigneten Stadion. Es wird sich für Portugal entschieden.

Wer darf in welcher Mannschaft spielen? Ist die Herkunft der Spieler auch lupenrein? Wie wollen die Palästinenser trainieren, wenn sie ständig an der Grenze zu Gaza hängen bleiben, schikaniert von den Israelis? Wie kann man einen israelischen Staatsbürger und Fußballer, der aber Palästinenser ist und dort spielen möchte, unschädlich machen? Wer bekommt welche Freikarten für das Spiel?

Klar ist auch, dass sich Halfon mit dieser Story ein Problem für das Ende eingehandelt hat, das so oder so eine Einstaatenlösung bringen wird. Und klar ist auch, dass er sich nicht entscheiden wird für einen bestimmten Sieger. Mehr soll nicht verraten werden, allerdings hätte ich mir für die Lösung doch etwas mehr abgründigen Zubeiß-Humor gewünscht, der sich aus der Illusionslostigkeit über die Unlösbarkeit des Konfliktes nährt.

Der Film illustriert die total zerfahrene Situation, dass eigentlich kein Gespräch zwischen den beiden Parteien möglich ist, nicht mal im Fußball, immer geraten sie sofort aneinander; weil es kaum Worte und Begriffe gibt, die nicht mit einer Bedeutung und einer Beziehung zum Konflikt belastet sind. Das ist gut für viele Pointen.

Die FIFA heißt hier IFA. Zumindest von der haben wir noch nicht gehört, dass sie korrupt ist, weil wir noch nichts von ihr gehört haben. Der Trainer der Israeli ist ein Mann namens Müller, Detlev Buck spielt ihn als einen, der sich nur für Sport interessiert und für nichts anderes.

Der Hintergrund für die Geschichte wird anfangs mit einem raschen Zusammenschnitt von Schwarz-Weiß-Fotos aus Israel und Palästina geschildert, der keinen realen Horror auslässt.

Wobei mir ein Problem scheint, dass die Palästinenser weniger zu verlieren haben, sie leben auch heute noch überwiegend provisorisch und oft ärmlichst, während die Israelis seit über 60 Jahren ihre Festung und ihr Gärtlein ausbauen, mit Siedlungen sich völkerrechtswidrig ausdehnen, mit allen Mitteln verteidigen und um sich schießen wie wild und töten dafür und mörderische Kriege mit irre überlegener Militärmacht führen. Sie haben 60 Jahre Aufbau zu verlieren.

Die Palästinenser haben Lager zu verlieren und vielleicht eine korrupte Regierung und ein Angriffsziel für Terror – das könnte die größte Leere hinterlassen. Und natürlich gibt es in beiden Ländern Protest dagegen; die Aussicht auf Veränderung erschreckt die Menschen. Da das Spiel nur fiktiv stattfindet, werden Palästinenser und Israeli fortfahren, sich gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen und ihre politischen Führer holen persönlichen Profit aus den Feindbildern, bauen ihren Thron auf der Armierung durch Feindbilder. Die Komödie jedoch, hat durch diese Ausgangslage einen leicht schiefen Boden, auf dem sie sich aber immer noch recht vergnüglich abspielt.

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Der Humanismus als Klumpfuß des Kapitalismus

Hier geht es um Menschlichkeit, um Humanität. Es geht darum, wie ein Mensch, ein Vater, Peter Simonischek als Winfried Conradi, der Anspruch auf Gehör und Anwesenheit eines nahen Menschen stellt, seiner Tochter, Sandra Hüller als Ines Conradi, einer Karrieristin, in die Quere kommt, gezielt dazwischen funkt in ihr gelecktes Leben. Er hat nichts von seiner Tochter, die er doch aufgezogen hat, und fordert von ihr gemeinsame Zeit. Die Tochter hängt selbst in Gegenwart ihres Vaters pausenlos am Telefon. Sie arbeitet in einer Beratungsfirma, die dadurch brilliert, dass sie Arbeitsplätze wegrationalisiert, um die Gewinnmargen der Unternehmen zu erhöhen.

Maren Ade hat zu diesem Thema Bilder gefunden, die einen über den Tag hinaus beschäftigen. Sandra Hüller und Peter Simonischek sind ein fabelhaftes Schauspielergespann.

Ade spielt das Prinzip der stalkenden Belästigung, die den Humanismusanspruch mittels Herbeiführung hochnotpeinlicher Situationen artikuliert, in verschiedenen Varianten in einer Aneinanderreihung liebenswürdiger bis bösartiger Szenen durch. Ein Mensch als Klumpfuß des Kapitalismus.

Ade baut auf den Satz vom steten Tropfen, der den Stein höhlt. Sie wiederholt diese Belästigungen, die Wilfried vor allem als seine Kunstfigur Toni Erdmann mit schwarzlockiger Billig-Perücke und einem Scherzartikel-Rossgebiss vollzieht, so lange, bis seine Tochter alle Hüllen fallen lässt. Insofern kann nicht unbedingt von einem spannenden dramaturgischen Bogen gesprochen werden. Eher von einer Anhäufung möglicher Schadenfreude beim Zuschauer, der sich an immer neuen Einfällen zum Thema Peinlichkeit ergötzen darf.

Das Prinzip der Szenen ergibt sich aus folgender Grundsituation. Ines hat in Bukarest in Rumänien zu tun. Sie soll bei einer Ölfirma Stellen abbauen. Ihr Vater reist ihr nach und quert in den unmöglichsten Momenten und Verkleidungen ihren Weg, der auf solche Begegnungen nicht vorbereitet ist. Wie ein Deus ex Machina taucht er allüberall auf. So etwas kann zu Verfolgungswahn führen.

Der Zuschauer kann sich dank dieses Wiederholungsprinzipes mit den Darstellern in ihre Rollen einwohnen. Thema Karrierismus und Menschlichkeit. Über die Unpässlichkeit von Menschlichkeit in der modernen, gewinnmaximierungsorientierten Geschäftswelt. Dagegen setzt Winfried als Toni trotzig die vom Chef von Ines als Business-Idee apostrophierte Behauptung, er habe zuhause eine Ersatztochter engagiert, weil die eigene Tochter ja nie da sei. Als ironischen Hinweis schenkt er ihr eine absurde Designerkäsereibe zum Geburtstag.

Maren Ade fungiert als Drehbuchautorin und Regisseurin (und auch als Produzentin von Komplizen-Film). Insofern redet ihr keiner drein, hat sie sich also künstlerischen Freiraums erboxt, den sie nutzt, allerdings scheint ihr dadurch auch jemand zu fehlen, der den Stoff nach dem Motto „Kill your Darling“ nochmal durchgebürstet und manche Szenen im Hinblick auf einen Verkaufserfolg als verzichtbar markiert hätte. Was schade ist, denn selten kümmert sich jemand im deutschen Kino so gründlich um die Figuren und ihr Verhältnis zueinander, um damit eine tiefmenschliche Aussage auf die Leinwand zu bringen.

Insofern wirkt die Nacktparty gegen Ende nur wie ein Beispiel unter vielen und nicht als der zwingende Höhepunkt einer stetig gesteigerten Genervtheit der so coolen Businessfrau; wobei die Entwicklung der Reaktion auf die penetranten Interventionen ihres Vaters in ihren Business-Alltag vermutlich viel länger eiskalt weggesteckt werden müssten, um die Form zu wahren und um sich dann in dieser Nacktparty explosiv zu entladen, mit einem Knall. So aber erhält die Geschichte einen sentimentalistischen Touch.

Ade inszeniert so, als gebe die Tochter zusehends auf, als verliere sie ihre Rolle, als bröckle ihre Fassade step by step, als verliere sie ihren Business-Pli, den sie anfangs so grandios und mit den kleinen hingeworfenen Nebenbemerkungen spielt.

Wobei es gewiss nicht unrealistisch und vermutlich leinwandwirksamer wäre, wenn sie sich stattdessem nur heftiger hinter dem perfekten Rollenduktus versteckte, diesen vollends zur entmenschlichenden Bewaffnung ausbaute. Das könnte die Komödie auf eine neue, noch groteskere Ebene schrauben. Das mag sogar, Indiz dafür ist die erwähnte Nacktparty, so angedacht sein, aber es muss eben auch durchgeführt werden.

Vor diesem Hintergrund wirkt das Kapitel, in welchem sich Simonischek als deutscher Botschafter ausgibt und die benutzt wird, um einen Blick in rumänische Familienverhältnisse zu werfen und Ostereierbemalgebräuche zu zeigen, so nett wie auch als Bremsklotz.

Auch der Besuch auf der Baustelle wirkt eher so, als möchte Ade den koproduzierenden Fernsehredakteuren noch beweisen, dass man auch einen Schuss Lebensrealität (ergo: Sozialkritik!), Wissen vermittelnd, in den Film einbringt, wenn schon in Rumänien gedreht wird.

Selbiges gilt für die Gesangseinlage der beiden Protagonisten, so schön die ist, aber sie spitzt den Konflikt nun nicht gerade zu, erschwert sogar den empirisch zwingenden Nachvollzug der angedachten Zuspitzung auf die Nacktparty hin .

Dabei gerät das Thema des Konfliktes zwischen Vater und Tochter zusehends aus dem Blickfeld. Wobei die Schlusssequenz mit der Gorillaverkleidung ein gigantischer Höhepunkt sein könnte, wenn vorher zielbewusst auf die Steigerung des Konfliktes hingearbeitet worden wäre. Aber Maren Ade behauptet ja nicht, sich mit Billy Wilder messen zu wollen. Wenn überhaupt, dann eher mit einem Achternbusch.

Vor dem Hintergrund des zur Zeit durchaus beliebten Genres „Businessbashing“ jedoch ragt dieser Film meilenweit heraus: Christoph Hochhäuslers verworrene Die Lügen der Sieger, Die dunkle Seite des Mondes, die sich im Unterholz verläuft oder die schnöselige Zeit der Kannibalen.

Zum Vortrag all dieser Ideen, schlägt der Film von Maren Ade ein gemächliches Tempo ein. Winfried Conradi nennt seine Tochter Spaghetti – ist da nicht auch eine Idee abschätziger Haltung erkennbar, wie er sie doch seiner Tochter vorwirft?

Originalsatz: „Selbst wenn ich aus dem Fenster springen wollen sollte, würde mich die Käsereibekombination nicht davon abbringen“. Das ist doch reichlich komplex geschrieben. Auch für die Klappbettunfallstory und ihre Folgen lässt sich Ade gemütlich Zeit, die vom anfänglich behaupteten Thema ablenkt oder es in den Hintergrund drängt oder um viel zu viele Winkel versucht, ein Link hin zur Nacktparty zu bauen.

So wirkt aber die Lustigkeit auch sehr von der sich anbietenden Oberfläche genommen unter Vernachlässigung des Themas. In solchen Momenten kommt einem die euphorische Reaktion der hell mit- und weiterdenkenden, mitunter den Nachvollzug vernachlässigenden internationalen Presse in Cannes doch eher wie ein Strohfeuer vor. Ebenso die Handschellenszene, da fängt Vaters Störaktion an, sich totzulaufen.

Ungelöstes Hauptfigurproblem. Das machen Autoren gerne, wenn sie ein Thema bedienen wollen: Karrierismusbashing. Die Begründung der Nacktparty verliert an dramaturgischem Effekt durch die allzu ausgebaute Rückenreißverschlussnummer von Ines; lässt den Entschluss als Impulshandlung aus einer kleinen Verzweiflung dastehen und leider nur theroetisch aufgrund alles Vorangegangenen als dezidiertes Höhertreiben der Dramatik.

Ade präsentiert uns einen Musterkatalog wunderbarer Szenen für das Karrierismus- und Kapitalismusbashing.

Ein schönes Beispiel für den Kapitalismus, der hier gegeißelt wird, liefert just zum Filmfest die Stadt München unter OB Dieter Reiter, indem sie den gut bewohnten Rest der Sendlinger Straße in jene Art Fußgängerzone verwandelt, in der Behinderte und Mobilitätseingeschränkte als Störfaktoren gewertet und deshalb mit bürokratischen Schikanen abgeschreckt, vergrämt werden sollen. Mobilitätseingeschränkte Menschen hindern den Fluss des Geschäftes als Klumpfuß des Kapitalismus und sind also unerwünscht.

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In diesem Animationsfilm von Mamoru Hosoda spielen zwei Welten ineinander.

Die Menschenwelt – die besteht vor allem aus Menschenmassen, aus mindestens einer kaputten Familie, Mutter weg, Bub Ren will nicht mit seinem Vater leben und haut ab, will sich nichts bieten lassen. Vor der Polizei kann er sich noch retten. Mönche erzählen ihm von einem Weg zu einem göttlichen Zustand. Ren würde wohl, wenn wir Die Prüfung über die Selektion künftiger Schauspieler in Hannover beiziehen, als nicht „ausbildbar“ gelten.

Die Biesterwelt – von der lernen wir zuerst ihre Machtstruktur kennen. Da ist ein Hasenobergott. Dann ein Gott. Der muss sich seinen Weg an die Position erkämpfen. Er muss Familie haben und Schüler, Anhänger. Und es gibt den ambitionierten Kumatsetsu, der das alles nicht hat, der den schlechtest möglichen Ruf hat, mit dem keiner sein will, bis auf seine zwei treuen Adlaten.

In jeder der beiden Welten wird also ein extremer Außenseiter und hoffnungsloser Fall beschrieben: Ren und Kumatsetsu. Just diese beiden aussichtslosen Fälle, diese Nicht-Integrierbaren führt die Geschichte zusammen, lässt sie sich zusammenraufen, lässt sie ein Lehrer-Schüler-Modell entwickeln, in welchem der Lehrer vom Schüler lernt – und natürlich auch umgekehrt, was beinhaltet, dass der Schüler sich vom Lehrer trennt, wenn er seine Lektkionen gelernt hat.

Ren als Schüler von Kumatsetsu, das ist eine Paarung, die den schlechten Ruf und die Chancenlosigkeit auf Erfolg in sich hat und die nur nach heftigsten Fetzereien überhaupt zusammenfinden, bei zwei so ähnlichen, heftigen und heftig aufeinander reagierenden Charakteren.

Was lernen wir aus diesem Film? Vieles ist lernbar und ein guter Lehrer lernt von seinem Schüler und umgekehrt. Hier hat Ren den schlimmsten Konkurrenten von Kumatsetsu, Iozen, den mit der geradlinigen Karriere von Familie und Schülern, genau beobachtet und festgestellt, dass der sehr viel übt. Das verlangt er nun auch von seinem Lehrmeister.

So gibt es schöne Übungsstunden. Ständig imitiert Ren seinen Lehrmeister in den Bewegungen. Die studiert er ganz genau, das zeigt eine einleuchtende Szene, wie er allein vom Hören seiner Bewegungen darauf schließen kann, was sein Lehrmeister gerade tut, wie er sich gerade bewegt.

Die beiden machen eien Lehrreise. So lernen sie unterwegs Telkinese, Illusionismus und Transzendierung. Nach einiger Anfeindung kommt plötzlich der Erfolg, fängt die Lawine der Anerkennung an, die Schüler, die aufgenommen werden wollen, stehen Schlange.

Wie Ren beim Meister nichts mehr zu lernen hat und von der süßen Kaede kapiert, dass ihm jegliche Bildung fehlt, wendet er sich der Bildungswelt zu. Zu guter Letzt trifft er seinen Vater wieder und jetzt könnte Happy End sein; aber so einfach kann man nicht abhauen von seinem Lehrer.

Die Vergangenheit holt Ren ein, wie es 9 Jahre nach dem ersten Duell in der großen Arena der Biester zum erneuten Zweikampf zwischen Kumatsetsu und Iozen kommt. Dieser hat einen Sohn, Ichirohiko, der auch Menschliches in sich hat, was in der Welt der Biester als das Dunkle gilt, im Zeichentrick wird so ein Mensch, wenn diese dunklen Kräfte grollen, vom Bauch her rabenschwarz eingefärbt und ein diffuses Leuchten lässt es gefährlich erscheinen. Kumatsetsu braucht jetzt die Unterstützung von Ren.

So steht ein großer Countdown bevor, bis Ren geläutert, kampfstark und vor allem mit der Einsicht, dass er nie wieder mit dem Schwert kämpfen werde, von der Leinwand entschwindet. Trotzdem, bis dahin war das Leben vor allem: Kampf – aber es muss ja kein schwarzer Kampf sein, bei dem eine Silhouette wie ein Walfisch in Tokio die schlimmsten Verheerungen anstellt. In so einen schwarzen Kampf aber scheint die Menschheit gerade sich einzulassen.

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