Archiv für die Kategorie: “Review”

Anna Thommen berichtet in ihrem Dokumentarfilm von einer gesellschaftlichen Nahtstelle, Reparaturstelle, Flickstelle. Sie hat über zwei Jahre immer wieder eine Integrationsklasse in Basel besucht. In dieser versucht der Profipädagoge aus Passion Christian Zingg (er könnte bei seiner Qualifikation mit weniger Arbeit am Gymnasium mehr verdienen), Jugendlichen aus aller Welt, die auf teils abenteuerlichen Wegen, teils auch ganz einfach mit dem Flugzeug in die Schweiz gekommen sind, die Weichen für einen erfolgreichen Einstieg in ein Berufsleben oder für ein Studium zu stellen.

Eine Minimalahnung von Deutschkenntnissen müssen die Schüler mitbringen. Anna Thommen selbst scheint sich schnell in die Klasse integriert zu haben, so dass sie einen überzeugenden Eindruck von dieser Frontstelle in der großen Auseinandersetzung über Zuwanderung präsentiert. Wobei sie sich darauf konzentriert hat, ein Gesamtbild zu zeigen.

Allerdings entwickeln sich einige der Schüler zu ergiebigeren Protagonisten als andere und dann kommt ja auch noch der Lehrer dazu. Damit scheint die Dokumentaristin nicht unbedingt gerechnet zu haben, dass Herr Zingg mit seinem pädagogischen Eros, über sein Privatleben erfährt man gar nichts, eine faszinierende Figur ist mit liebevollen, gleichzeitig strengen pädagogischen Grundsätzen, dem es nicht bange sein muss um den Respekt der Schülern vor ihm.

Ein Mensch, der in seiner Aufgabe aufzugehen scheint und für den der Beweis in der Richtigkeit seines Ansatzes darin liegt, dass die Jugendlichen in einige Jahren ein Berufsdiplom in Händen halten. Er wäre eine Figur, einer gesonderten Recherche wert.

Auch mit den beiden Protagonisten Habibi und Frau Aliji hat die Filmemacherin eine guten Griff getan. Als solche werden sie jedenfallls im Abspann an erster und wichigster Stelle genannt. Die Albanerin, die aus Serbien geflohen ist und noch in der Familie ihrer Stiefmutter offenbar den halben Haushalt erledigt, wenig Zeit und Konzentration zum Lernen hat, die davon träumt, Grundschullehrerin zu werden, es reicht aber im Moment „nur“ für einen sozialen Beruf; immerhin fällt sie bei der Schnupperlehre so positiv auf, dass das Altenheim für sie einen extra Ausbildungplatz schafft. Auch so geht ein Traum in Erfüllung.

Habibi aus Afghanistan, der einen komplizierten Familiennamen hat, war ein Jahr lang unterwegs in die Schweiz, unbegleitet und er schuldet Bekannten 8000 Dollar, die er innert zwei Jahren zurückzahlen muss, sonst dürfen seine Eltern nicht mehr ansääen. Er empfindet eine große Verantwortung seiner Familie gegenüber. Wenn er die Schule besucht, kann er kein Geld verdienen; ein starker Konflikt. Vielleicht hat er sich deshalb selbst Verletzungen beigebracht?

Ein bisschen versucht der Film auch, Werbung für diese Schule zu machen. Was mit dem Vorzeigepädagogen Zingg problemlos gelingt. Er berichtet von einer erfolgreichen Nahtstelle im brüchigen Gefüge einer Einwanderungsgesellschaft. Aber es wird einem auch bewusst, wie viel Mühe so eine Integration macht; wobei hier kaum von Traumata und vollkommen zerrütteten Lebensentwürfen, die es vielleicht nicht mal auf so eine Schule schaffen, die Rede ist.

Schöne Szene in der Schule, wie einer sein Schulheft falschrum hält und der Kollege fragt, ob er jetzt persisch schreiben wolle.
Anruf des Afghanen zuhause: wie geht es den Maulbeerbäumen? – Asyl abgelehnt (vorerst).
Die Schnupperlehren.

Ziel des Kurses: der Mensch, der in diesem Land selbstständig leben kann und die nächsten, Jahrzehnte bis 65 oder gar älter, sich ernähren kann, seinem Beruf nachgehen kann, der in einer Einwanderungsgesellschaft integrierte Mensch.

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Shana hat in diesem von Nino Jacusso ruhig und klar und in unaufgeregten Bildern mit ausgiebig Raum für Naturmystik erzählten Film einiges zu bewältigen. Sie lebt in einem Indianer-Reservat in Kanada, das am Rande der Weltgeschichte liegt, eine Tankstelle, eine Schule, ein Supermarkt und eine Überlandstraße.

Shana ist zwölf, steht vorm Coming-of-Age. Ihre Mutter ist gestorben. Dadurch ist ihr Vater dem Alkohol verfallen und hat seinen Job verloren. Shana tröstet sich unter dem Familienbaum, an den sie Briefe an die Mutter hängt oder sie spielt dort Geige für der Wölfin Ayana, denn die Seelen der Verstorbenen kommen in Gestalt von Tieren zu uns.

Es sieht schlecht aus für Shana. Sie ist zwar musikalisch begabt, aber eine Indianerin, die es an die nationale Musikakademie in Kanada schafft, das gibt es sowieso nicht („Ich bin Indianerin. Indianerin und Geige, das geht nicht“). Trotzdem hat der Film ein emanzipatorisches Ziel. Zu diesem Zweck kommt die neue Lehrerin an die Schule, Miss Woodland, die selber Meisterschülerin war und, nachdem sie das Vertrauen gewonnen hat, Shana erzählt, wieso sie nicht mehr spielen kann. Miss Woodlands ist eine emanzipierte, aufgeklärte Indianerin, polyglott, sie geht zum Ausritt mit Jeff Morgan, dem Unternehmer (während Shana von einem Ausritt mit ihrer Mutter in Zeremonienkleidern träumt: das Pubertäre und das Visionäre, siehe das Märchen von Mara und der Feuerbringer). Umsomehr will sie jetzt zur Emazipation der Indianer beitragen: Bildung statt Büffel ist ihre Leitmotiv.

Miss Woodlands kümmert sich um die Schüler, geht den Ursachen der Widerstände von Shana nach und schafft es, sie zu öffnen, sie wieder zum Spielen zu bringen. Hinzu kommt ein mythisches Erlebnis in einem Wald mit Natur und Mutter und Erscheinungen und großartigen Naturaufnahmen. Shana tritt mit der Geige in einen Diskurs mit dem Knarzen der Baumstämme ein. Auch Haare von der Mutter, die an ihrem mystischen Baum hängen, können den Kontakt herstellen, bis Shana schließlich bereit ist, sich aufzumachen in die Großstadt zum Vorspiel an der Musikakademie.

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Dieser Film gibt keinen Anlass für die These, dass Marcus H. Rosenmüller, der mit lustigen Fernseh- und Kinospielfilmen, die ernste Themen nicht ausklammern, oder mit dem vergnüglichen Singspiel auf dem Nockherberg sich einen Namen gemacht hat, sich für dieses Projekt eines Dokumentarfilmes über den österreichischen Sänger Hubert von Goisern grundsätzliche Gedanken zum Thema Dokumentarfilm gemacht hätte.

Seine nicht dezidierte Maxime scheint die gewesen zu sein, es genügt vollkommmen ein Interview mit Goisern auf einem Fischerboot auf einem See zu führen, wo dieser seine Lebensphilosophie zum Besten geben kann, ein Gespräch mit von Goisern und einem mit ihm befreundeten Musikkritiker während einer Eisenbahnfahrt zu filmen sowie einige weitere Statements von seinem Produzenten und einem Musikbühnenbetreiber einzufügen und dieses Material mit flüchtig gesichtetem Dokumaterial, was bei der langen Karriere des Sängers in Fülle vorhanden ist, im fernsehasthmatischen Kurzatmigkeitsrhyhtmus zusammenzumixen in der losen Reihenfolge der Biographie.

Wer den Wikipedia-Eintrag über Hubert von Goisern liest, erfährt jedenfalls deutlich mehr über dessen Lebensweg – und damit wohl auch über seinen Charakter und Typ. Der Film gibt nicht mal einen Hinweis darauf, dass die Aktivitäten von Goisern deutlich vielfältiger sind als im Film dargestellt.

Der vielbeschäftigte Rosenmüller muss es sich recht einfach gemacht haben. Jede Menge Konzertmitschnitte aus dem Archiv, aber nie lange genug, um wirklich einen Eindruck zu bekommen; da waren Musikdokus wie Bavaria Vista Club von Walter Steffen oder Kofelgschroa (obwohl dieser schon sehr fernsehaffin gedreht worden ist mit der Verzopfung der Geschichten) deutlich nahrhafter, zu schweigen von Cobain: Montage of Heck, der vermutlich für lange die Messlatte für Musiker-Dokus gelegt haben dürfte.

Auch hätte man durchaus gerne etwas über den geschäftlichen Hintergrund erfahren, wie viele Millionen hat von Goisern verdient? Und wenn er so bescheiden ist, wie er tut, warum muss auf dem Kultur-Schiff ganz groß sein Namenszug stehen?

Die Bilderzusammenstellung wirkt an vielen Stellen wenig smart. Beeindruckend die Alkoholikernase eines früheren Lehrers von von Goisern. Den hat der Dokumentarist zusammen mit Goisern auch noch aufgesucht. Das haben andere auch schon gemacht. Frau Ferres in den Lebenslinien. Die haben sympathische Ähnlichkeiten die beiden Lehrer; es wäre sicher spannender über so einen Schulmeister ein Portrait zu machen als derlei Schnellschuss-Promi-Ploitation.

Zu guter Letzt müssen noch Promi-Gäste aufgefahren werden; auf die haben wir alle so sehnsüchtig gewartet. Viel Aufschluss über Hubert von Goisern können oder wollen auch die nicht gegeben.

Warum der Sänger vorher Sullivan geheißen hat, was ja auch nicht gerade ein alpenländischer Name ist, dazu muss man Wikipedia bemühen. Immerhin ist im Film zu erkennen, dass das „von“ im Markennamen des Sängers lediglich eine Herkunftspräposition ist und nichts mit Adel zu tun hat. Welche erhöhende Nebenwirkung Sullivan aber sicher nicht unkalkuliert akzeptiert haben dürfte.

Der Film wirkt wie ein willkürliches Zusammengstiefele aus einem beschränkten Fundus an Material. So kann keine verbindliche, aufregende Bio entstehen. Es bleibt anekdotisches Stückwerk. Die Lebensweisheiten beim Fischen, die wirken klischeehaft und billig, die er von sich gibt. Als wolle er sich verstecken.

Sympathisch wirkt immerhin die Info, dass er mit der Band „Alpinkatzen“ da aufgehört hat, wo keiner es sich vorstellen konnte, weil er wieder etwas Neues machen wollte. Wobei gerade da ein Nachhaken nach dem wirtschaftlichen Hintergrund spannend gewesen wäre, der so einen Entscheid womgöglich leicht gemacht hat.

Was Rosenmüller mit diesem Film leistet, dass er zu verstehen gibt, dass er vom Dokumentarfilm nicht allzuviel hält, dass er glaubt, so was könne man mit Links – und vermutlich zwischen vielen anderen Verpflichtungen, er selbst hat ja auch Auftrittsambitionen – machen. Schwer vorstellbar, dass das Kinopublikum eine solche Haltung gouttieren wird.

Die Bahnstation „Tauplitz“ wirkt signifikant, weil der Name so lang und so groß im Bild bleibt. Bloß: signifikant wofür?

Auffällig im Bild, während von von Goiserns Elternhaus gesprochen wird: Seifensiederei Zopf. Der wahre Hintergrund des von Hubert von Goisern?

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Auch drei Cutter, Bernd Euscher (BFS), Natalie Barrey /BFS) und Julia Karg können diese unbedarfte Dokumentation nicht retten, diesen Versuch von Andrea Roggon, einen Dokumentarfilm herzustellen und die für ihre Unbedarftheit auch noch Geld bekommen hat, Zwangsgebührengeld vom ZDF, Kleines Fernsehspiel, Intendant Dr. Thomas Bellut, und Filmfördergeld von Frau Monika Grütters, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Filmförderung Baden-Württemberg , Prof. Carl Bergengruen, Film- und Medienstiftung NRW, Geschäftsführerin Petra Müller, Vorsitzender des Aufsichtsrates, Prof. Dr. Werner Schwaderlapp und der Deutsche Filmförderfonds, auch Staatsministerin Frau Monika Grütters. Diese genannten Gremien und Personen müssen sich bei so einem von ihnen geförderten Projekt ernsthaft die Frage nach ihrer Kompetenz stellen lassen.

Helge Schneider ist ein großartiger, ja genialer Musikentertainer und Musiker am Klavier, an der Gitarre, am Saxophon. Das belegen Ausschnitte aus Filmen und von Auftritten. Er verdiente eine qualifiziertere Kinohommage. Die Archiv-Ausschnitte wirken in dem Dokubad, was die Dokumentaristin anrichtet, allerdings wie verunreinigt durch Ausfällungen mit den von der Filmemacherin, man traut sich gar nicht das Wort in diesem Zusammenhang in den Mund zu nehmen, “inszenierten” Szenen.

Da ist eine Interviewszene vor schwarzem Hintergrund theatral eingerichtet, wo die Dokumentaristin ihre Fragen nach der Freiheit und der Inspiration stellt. Und die entsprechenden Abfuhren erhält. Gleich nach der Frage nach der Freiheit, der ersten nach der komplizierten Einrichtung der Szene, nimmt sich Schneider diese, steht auf und verlässt die peinliche Interviewsituation. Wie im Poesiealbum hat die Dokumentaristin Zwischentitel eingeblendet STUDIOLAND, SPONTAN, NEW YORK, UNTERWEGS, FLASH, 10 VOR 11, RUHR.

Allerdings ergibt sich keine Haltung von ihr zu ihrem Filmprojekt. Es wirkt ständig so, als wolle sie einfach einen Film über Helge Schneider machen und habe keine Ahnung, was sie an ihm interessiert. Wohl kaum eine Doku, die es schafft, so wenig informativ zu sein, so wenig über das Objekt ihres Interesses rauszuholen. Es fehlt an allem, was zur Herstellung eines aussagekräftigen Dokumentarfilmes nötig ist. Ein Bewusstsein für das Interesse am zu Dokumentierenden, an der Faszination darüber.

Eindrücklich ist, wie bei einem Auftritt von Schneider ein Weile lang nur Publikumsreaktionen zu sehen sind. Solche Überraschungen in den Gesichtern, die sind nicht gespielt, die entstehen nur durch Situationen auf der Bühne, die weit von Eingeübtem und Runtergleiertem abweichen.

Trotzdem: Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

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In diesem vielfältig europäisch geförderten Film aus Bulgarien von Stephan Kommandarev (mit den Co-Autoren Martin Damyanov und Emil Spahiyski) geht es um viele Themen.

Da ist das brisante Thema der europäischen Grenzen und des Versuches, sie für Flüchtlinge so abschreckend und undurchlässig zu machen wie möglich, hier geht es um die Grenze zwischen der Türkei und Bulgarien in einer malerisch bewaldeten, felsig zerfklüteten Gegend mit vielen, schnell ziehenden Nebeln.

Dann geht es um einen Protagonisten, Assen Blatechki als Witwer Mitio, der schwere Schuldprobleme mit sich herumträgt und auch noch ein Vater-Sohn-Problem mit seinem halbwüchsigen Sohn Vasko, dem bildprägnanten Ovanes Torosian, auszutragen hat, der ihm verschiedene Vorwürfe entgegenschleudert, dass er den Strom nicht bezahle, dass er, obwohl noch kein Jahr seit dem Tod der Mutter vergangen sei, schon mit der Nachbarin anbandle und dann kommt der Bub auch noch hinter das gravierendste von Vaters Problemen, dass er 1988 kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhanges als Grenzschützer an dem markanten, dem Film den Titel gebenden Landschaftspunkt „Judgment“ ein junges Paar aus der DDR erschossen habe. Ein Menü aus Spaghetti, Reis und Kartoffeln. Schnüre einer dieses Themenpaket zu einem tragfähigen Film.

Die Verbindung zum Flüchtlingsproblem schafft das Aus der Moltkerei, für die Mitio mit eigenem Tankwagen als Fahrer tätig war. Durch den Wegfall des Einkommens kann der Vater die Kredite, die er zur Behandlung der Mutter aufgenommen hat, nicht mehr bedienen. Womit der Kuckuck droht. Hier besinnt er sich auf ein Angebot seines früheren Chefs „the Captain“, Predrag Manojlovic, inzwischen ein skrupelloses Arschloch von Schlepper. Dieser hatte ihm damals also ebenso skrupelloses Arschloch von Chef den Abschuss der Flüchtlinge befohlen. Jetzt kann Mitio über den Captain Geld verdienen, indem er Flüchtlinge erst auf verschlungenen, gefährlichen Waldpfaden und dann in seinem Tankwagen versteckt über die Grenze bringt.

Der Schauspieler Blatechki löst dieses unspielbare Problem, indem er pausenlos schuldbewusst und leicht fremdelnd schaut und in der Gegend steht und sein Problem vergeheimnisst, statt es wenigstens dem Zuschauer der Transparenz halber mitzuteilen. So schwimmt der Zuschauer im malerischen Dickicht dieser Grenzspähre oder stochert in deren Nebel.

Andererseits erzählt Stephan Komandarev in überdeutlicher Langsamkeit und Breite, offensiv seriös, das, was er erzählt, vielleicht, damit die vielen europäischen Förderfunktionäre in den Gremien das Drehbuch auch ja glauben lesen zu können, um Gelder locker zu machen?

Immerhin: die deutsche Synchro ist passable knapp und unambitioniert.
Aber der Fluchtweg ist ein wenig nachvollziehbares Konstrukt, scheint mehr nach Merkmalen des Pittoresken als des Realen erfunden zu sein. Vielleicht hat das bulgarische Tourismusreferat den Locationsscout gesponsert.

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Eine stilistisch geschmackvolle, hochakademische Erörterung über Grenzüberschreitungen künstlicher Intelligenz.

Einen eindrucksvollen Zusammenprall von künstlicher Intelligenz, einer Phantomfrau am Computer, mit einem Menschen, Joaquin Phoenix, zeigte kürzlich Her. Das ist die kribbelnde Variante, in der die Einsamkeit eines Menschen die zentrale Rolle spielt.

Bei Alex Garland, Buch und Regie, bleibt die Angelegenheit hochgradig theoretisch. Der Programmierer Caleb gewinnt bei einem Wettbewerb. Dieser ist eine etwas undurchsichtige Angelegenheit. Die Siegprämie ist von ungewissem Ausgang. Erst wird Caleb mit einem Helikopter in eine einsame Gegend geflogen, abgelegen im Gebirge. Irgendwann im Flug fragt er den Piloten, wann denn das Anwesen von Nathan komme. Die Antwort, wir fliegen schon lange darüber.

Nach der Landung muss Caleb noch lange einem Fluss folgen, bis er an einer verwunschenen Tür landet und Einlass erhält. Dafür wird ihm gleich eine persönliche Schlüsselkarte aus einem Automaten zur Verfügung gestellt. Es scheint in diesem versteckten, nicht leicht überblickbaren, stylish-futuristischen Bau keine Menschen zu geben. Caleb ist reiner Automatisierung ausgesetzt – in einem Automatisierungsniemandsland.

Er geht durch Gänge und Flure und trifft endlich Nathan, den Ausrichter des Wettbewerbes und Auslober des Preises. Nathan betreibt hier eine Forschungsstätte für künstliche Intelligenz. Mitarbeiter scheint es so gut wie keine zu geben. Auch das deutet auf ein theoretisches Konstrukt mehr denn auf Realitätsnähe. Es wird jedenfalls gegen diesen Befund auch nicht erklärt, dass das bereits eine vollroboterisierte Forschungsstätte sei.

Sechs Tage lang soll Caleb mit einem künstlichen Intelligenzwesen, einer Frau, zu Experimenten zusammenkommen. Diese Zusammentreffen sind Protokoll und Korpus des Filmes zugleich. Es sind philsosphische Diskussionen, Erörterungen über künstliche Intelligenz.

Nathan beobachtet die Zusammenkünfte und Reaktionen und bespricht sich nachher mit Caleb, was er von Eva halte, ob er ihr die künstliche Intelligenz abnehme. Oft gibt es Stromunterbrüche und da fühlt Caleb sich unbeobachtet. Hier entwickelt sich so etwas wie Zuneigung zu Eva. Fluchtpläne werden geschmiedet. Am 7. Tag soll der Helikopter Caleb wieder abholen.

Die Fragen zum Thema künstliche Intelligenz sind sicher spannend und wehe, wenn die sich selbständig macht; dann hätten wir die von Faust beschworene Situation der Geister, die wir riefen und nicht mehr loswerden. Darum geht es in diesem Film.

Weil Alex Garland aber offenbar nicht ein Drama entwickeln will, so verzichtet er darauf, Caleb näher vorzustellen, seinen Charakter, seine Träume, seine Konflikte. Insofern agiert er in dem Spiel mehr als Argumentationshilfe, insofern wirkt der Film papieren, wie eine theoretische Erörterung und erinnert mich in seiner Sterilität an den Film Shirley – 13 Bilder von Edward Hopper, wobei das Bühnenbild in diesem Film an die kargen Bilder von Hopper durchaus gemahnt.

Die deutsche Synchro trägt zur Sterilität der Atmosphäre angemessen bei. Wobei Eva bildnerisch durchaus etwas hergibt, die sexy Netzstrümpfe über den gläsernen Beinen und das stramme Kettenhemd über der Brust und erst recht, wenn sie im sexy, weißen Stickereikleidchen daherkommt.

Der Selbstmordversuch von Caleb wird so aseptisch gezeigt, dass der Eindruck entsteht, er selbst sei ein künstliches Wesen, dem vorher ein Blutpatrone eingepflanzt worden ist. Ein Problem scheint mir auch die Besetzung von Nathan. Typ Naturbursche, noch dazu mit einem Gotteskriegerbart versehen, merkwürdiger Kontrast zum Thema künstliche Intelligenz. Vor allem traut man ihm das Genie, das seine Erfindung brauchen würde, in keiner Sekunde zu. Es gibt auch keine Szenen, die diesem Sachverhalt Glaubwürdigkeit verleihen. Auch hier: alles rein theoretisch und keineswegs lebenspraktisch, lebensglaubwürdig gedacht. Fiction in ihrer eigenen Welt gefangen.

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Der Kasus ist eher selten und ungewöhnlich in der Kunstgeschichte. Dass eine Malerin zum Welterfolg kommt, aber nur, weil sie ihre Bilder mit dem Namen ihres Gatten signiert. Dieser wiederum ist ein Verkaufsgenie, er erinnert in der Denkweise an Supermensch – Wer ist Shep Gordon? der andere zu Stars gemacht hat.

Tim Burton hat diese wahre Geschichte aus den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts nach einem Drehbuch von Scott Alexander und Larry Karazewski verfilmt.

Amy Adams spielt die Malerin Margarete Keane, gestylt wie die blonden Hollywood-Stars jener Zeit. Auch chromatographisch überdüngt Burton vor allem in den Anfangssequenzen die Leinwand mit einem hellen Grasgrün, wie mit dem Technicolor, das die Filme damals so faszinierend gemacht hat, oder auch mal mit Rosa.

Die Geschichte wird nachvollziehbar eingeführt. Der Film fängt 1958 an. Margarete haut von ihrem ersten Mann mit ihrer Tochter ab. Sie muss sich in San Francisco selbst durchschlagen. Mit ihrer Bewerbungsmappe wird sie bei einem Möbelhaus vorstellig. Prompt kann sie in der Fabrik Kinderbetten bemalen, im Akkord, so sieht es bei Tim Burton aus.

Auch versucht sie sich als Straßenkünstlerin. Da zeichnet sie Portraits und will zwei Dollar, lässt sich aber auf einen für ein Kinderportrait runterhandeln. Sie ist nicht geschäftstüchtig. Neben ihr agiert der Straßenmaler Walter Keane, Christoph Waltz. Dieser macht sie charmant an. Schnell sind sie ein Paar. Seine Fähigkeiten scheinen mehr die des Managers zu sein. Er schafft es jedenfalls, sie ins Geschäft zu bringen. Bilder malen ist eines, sie zu verkaufen ein anderes.

Die Anfänge sind in einem Club. Vor den WCs hängen Walters Pariser Straßenbilder und Amys Kinderbilder. Die fallen auf wegen der großen Augen. Ein Skandal mit dem Betreiber des Jazzschuppens bringt ihn und die Ausstellung auf die Titelseiten und setzt das Geschäft in Gang, das sich großartig entwickelt bis hin zu Berühmtheit und angenehmem Lebensstil.

Zur Krise kommt es anlässlich der Weltausstellung in New York 1964. Da hat Walter der UNICEF ein monumentales Auftragsbild von Amy aufgeschwatzt, ohne Ausschreibung. Die New York Times zerreißt es. Das bringt auch die Ehe zur Krise und lässt den Urheberschwindel auffliegen.

Mein Problem mit diesem Film ist der, dass sich das Drehbuch zwar für Margaret als Hauptfigur entscheidet. Sie aber malt und leidet passiv. Und dass ausgerechnet die Zeugen Jehovas auf Hawai sie auf den Wahrheitstrip bringen, wirkt erfunden, auch wenn es so gewesen sein mag.

Die Entwicklung der Beziehung zwischen Margarete, Walter und dem gigantischen Erfolg, der auf der Autoren-Lüge basiert, ist für mich psychologisch nicht nachvollziehbar. Viel zu stark mimen die Darsteller die Lüge. Sie spielen, dass sie lügen, dass sie schlechtes Gewissen haben, das verrät eigentlich alles. Christoph Waltz überschreitet dauernd die Grenze zum Kindertheater, übermimisiert und verrät sich dadurch. Besonders grotesk wird dieses Kindertheater in der finalen Gerichtsszene. Da wird offenbar, dass sich das Drehbuch zu wenig um den Charakter seiner Figuren und wie diese funktionieren, gekümmert hat, weil es geglaubt hat, Margarete sei die Hauptfigur. Insofern ist die Entwicklung der Geschichte nicht richtig schlüssig, wirkt eher wie ein leicht kitischiges, wenn auch nicht unsympathisches Märchen.

Wobei die Besetzung der Rolle von Margret mit Amy Adams gelungen scheint, auch wenn am Schluss im Bild das heute viel ältere Original, die immer noch zeichnet und lebt, neben ihr fotografiert gezeigt wird. Die dramatische Entwicklung liegt bei der Waltz-Rolle, ist dort aber nicht konsequent durchdacht.

Walter war ursprünglich Immobilienmakler und Sonntagsmaler. Margaret spielt zu kummervoll. Der Film wirkt stellenweise wie ein Klatschbericht. Es gibt kaum Szenen, wo sie sich den Ausbruch wünscht.

Der Geschichte fehlt das zwingende Need. Oder Walz ist eine Fehlbesetzung oder hat den Charakter der Figur nicht richtig studiert. Das Original und Vorbild seiner Figur ist am Ende auch zu sehen; und ist ein ganz anderer Typ. Oder Waltz hätte eine andere Lösung finden müssen. So aber bleibt der Film Oberflächenratsch und -tratsch. Immerhin eine unterhaltsam erzählt Geschichte.

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Iranischer Exilfilm aus den USA von Ana Lily Amirpour mit Unterstützung des Sundance Festivals.

Ein Vampirfilm der Form nach. Die Frau im Tschador ist der Vampir, die nächtens durch die Bad-City geht, schleicht oder auf dem Rollerskate fährt und ihre Opfer sucht.

Die Bad City ist eine City, die es in einer Diktatur wie Iran offiziell nie geben wird, eine Stätte von Sex, Prostitution, Drogenhandel und Konsum. Es ist die verkommene, westliche Lebenswelt, versehen aber auch mit dem Glanz der westlichen Welt, ein schöner Amischlitten ist das begehrteste Requisit im Film und wer es zu Geld gebracht hat, wohnt entsprechend stylish.

Wer nicht, der lebt in armseligen Hütten. So wie Hossein, ein alter Mann, krank und heroinabhängig. Ana Lily Amirpour zeigt die Zubereitung des Stoffes nicht weniger schön, als es die Beat-Generation getan hätte. Überhaupt erinnert der Film in seiner Haltung, in seiner Befreiungshaltung an die Filme der Beat-Generation, ansatzweise auch der auf sie folgenden Nouvelle-Vague. Wobei Ana Lily Amirpour auf eine literarische Begründung für den vorgeführten Lebensstil verzichtet. Einschränkend muss allerdings moniert werden, dass in der Originalfassung mit Untertiteln die iranischen Songs leider nicht auf Deutsch übersetzt worden sind.

Hosseini hat einen braven, unschuldigen Sohn. Der arbeitet als Gärtner, wir sehen ihn beim Heckenschneiden bei einer Herrschaft. Mit 2191 Stunden Arbeit hat er sich den Amischlitten gekauft. Den nimmt ihm bald ein Dealer ab, der über und über tätowiert ist, der den brutalen Macho spielt, der auf dem Hals das Wort Sex geschrieben hat, so viel Freiheit muss jetzt endlich im Iran sein, hören wir die Filmemacherin als Untertext sagen, er nimmt dem Jungen Arash, der noch sehr mädchenhaft wirkt und sich vor allem um seine Katze kümmert, den Wagen ab, weil dessen Vater, Hosseini, ihm Geld schuldet.

Der Macho nimmt erst eine Nutte in den Wagen. Der Blow-Job wird allerdings unterbrochen, weil die Tschador-Frau plötzlich da steht. Diese nimmt er nachher mit nach Hause. Es wird seine letzte Tat gewesen sein. Später entwickelt sich ein unschuldiges Verhältnis zwischen Arash und der Tschador-Vampir-Frau.

Der Film ist vielleicht zu lesen als ein Signal an die westliche Welt, wenn wir dürften, täten wir so ein Kino machen, wir Ihr eins gemacht habt, nach der Befreiung nach dem Zweiten Weltkrieg, in Zeiten von Perspektiven und Utopien. Auch wir wollen über Sex reden, eine sexuelle Revolution vielleicht.

Der Film hat die Frische und Intensität, die die Filme der Beat-Generation und der Nouvelle Vague heute noch ausstrahlen. Er dürfte sich primär an die Filmfestivals weltweit richten.

Arash ist auf James-Dean gestylt ist und fiebert mit dem Vampir der ersten großen und blutigen Liebe entgegen. Als Zwischenbilder stehen Aufnahmen von Ölfeldern mit zahlreichen Pumpen, Symbolen des industriellen Hintergrundes, auf welchem eine Kultur des Wohlstandes inklusive ihrer Negativerscheinungen entstehen kann.

Die Stimmungen: leere Straßen nur mit den Darstellern, kein Komparsenaufwand, um nicht vorhandene Realität vorzumachen. Die musikalische Untermalung ist heftig, unkonventionell, zeugt von der emotionalen Involviertheit der Filmemacherin.

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Und wieder eine Kinoblüte, wie eine Königin der Nacht, die so nur in der französischen Filmkultur gedeihen kann. Ein eher seltenes Genre mit Einsprengseln à la Gott des Gemetzels, vor allem jedoch der Flash auf eine kleine Alltags-Situation eines Menschen.

Der vielbeschäftigte Zahnarzt Michel, Christian Clavier, findet im Trubel der Stadt eine Schallplatte, die er lang gesucht hat, eine nostalgische, die er jetzt in Ruhe anhören möchte. Er wird nicht dazu kommen. Ständig passieren Störungen.

Die exaltierte Spanierin Marie will staubsaugen. Ein vermeintlich polnischer Arbeiter soll eine Zimmerwand im ehemaligen Kinderzimmer von Sohn Sebastian niederreißen. Über der Wohnung hat der Sohn in seiner aktuellen Mansardenwohnung eine lärmige, asiatische Flüchtlingsfamilie aufgenommen. Einem Nachbarn ist die Mikrowelle ausgefallen, für ihn soll Michel den Babybrei aufwärmen. Ständig will seine beste Freundin ihn anrufen, mit der er ein Verhältnis hat. Schon in der Stadt ist er nicht zur Ruhe gekommen vor Anrufen und Begegnungen. Ein Patient ist unzufrieden mit einem Implantat. Der Sohn kommt nach Hause, will die Wäsche gewaschen haben. Seine Frau will ein Bad nehmen. Die Bauarbeiten führen zu einem Rohrbruch. Da die Wettervorhersage schlecht ist, verlegt der Nachbar die Hausparty in seine Wohnung und wie es von der Decke anfängt zu tropfen, entscheiden sich die Gäste für die darüber liegende Wohnung; jetzt hat Michel die Bude voll und auch die Geliebte steht vor der Tür. Ihm bricht seine Welt zusammen wie in No Turning Back, hier aber in einem riesigen Chaos und einer überbordenden, rauschhaften Gemengelage, denn auch seine Frau hat noch ein Geständnis zu machen.

79 turbulente Minuten voller Charme und Pointen, Tempo, Temperament und Humor und trotzdem Katastrophe über Katastrophe. Dabei ist Monsieur Leproux, wie Michel zum Familiennamen heißt, doch so voller Freude und Begeisterung und Pep, wie er sich auf das Einrichten seiner Ruhestunde freut und vorbereitet.

Die Schallplatte, die soviel Ruhe bräuchte, heißt neckischerweise „Me, Myself and I“, die ihm „the verge of a golden moment“, so der englische Untertitel des Satzes, gönnen und ermöglichen soll. Als ob sie es spüre, bricht wie ein Tsunami die Umwelt über den Armen herein und vermiest ihm seine Genusstunde. Das ist nicht die große, tiefe Geschichte, hier ist aus einer kleinen Alltäglichkeit ein perlender Cocktail gemixt.

Michel ist smart, temperamentvoll, jovial, er lächelt, er sieht souverän aus und er möchte nur eine Stunde Ruhe genießen. Ist das so schwer, die einem Zahnarzt zu gönnen?

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Dieser Film von Jan Martin Scharf, zu dem die Vielschreiberin Ruth Thoma das Drehbuch nach Ideen der Produzentin Jana Velber und des Regisseurs Jan Martin Scharf beigesteuert hat, dokumentiert mehr die Schnellkochtopf-Drehbuch-Rezepturen der Autorin Ruth Thoma denn das vorgebliche Thema „Breakdance und die DDR“; der Infogehalt darüber beschränkt sich darauf, dass die Jugend der DDR sich aus dem amerikanischen Kino und dem Fernsehen von dem Tanz mit seinen fließenden und ebenso hackigen Bewegungen hat anstecken lassen (Film “Beat Street“) und ihn auf den Straßen praktiziert.

Der Staat will nicht ohnmächtig einer unabhängigen Jugendbewegung zuschauen, sondern möchte den Tanz in die SDJ integrieren und dadurch kontrollieren. Einen solchen Vorgang in der DDR hat 2012 der Dokumentarfilm This Ain’t California eindrücklich über das Skateboarden informativ geschildert.

Hier erfindet die Autorin Thoma eine Gruppe von 3 Jungs und einem Mädchen, die den Weg von der Straße unter die Auspzien der Staatspartei bis in die berühmte Sendung „Ein Kessel Buntes“ schafft. Sie schreibt ihnen so viel Zivilcourage bis Wahnsinn zu, dass sie in der Live-Sendung die goldenen Show-Jacketts ausziehen, Strip machen und den Tanz in Unterhosen bis zur Abschaltung der Sendung und unter johlendem Applaus des Publikums durchziehen.

Weil sie ihr Missbehagen an der Glitzerschow so zum Ausdruck gebracht haben, ist Schluss mit der Karriere, aber bei Frau Thoma werden sie, weil sie ehrlich und widerständig waren, alle glücklich. Andererseits ist die Zivilcourage, die sie aufbringen in der Thoma-weichgekochten DDR keine besondere Mutprobe.

Kein Thomafilm ohne klischeehafte Liebesgeschichte. Die zwei Freunde Alex und Frank erblicken beim Turntraining in der gleichen Sekunde den Neuzugang einer Blondine ohne weitere Charakterisierung, außer dass sie selbstverständlich eine Spitzensportlerin ist, und verlieben sich augenblicks. Der Zuschauer soll jetzt gefesselt werden durch die Frage, welcher von beiden die Klischeefrau als erster oder gar als einziger ins Bett kriegt. Dem wollen die beiden Freunde einen Riegel vorschieben, indem sie sich schwören, die Finger von der Vorzeigeblondine zu lassen, um ihre Freundschaft nicht zu gefährden.

Von Frank haben wir bis dahin immerhin erfahren, dass er allein mit seinem DDR-Klischee-Vater („Du musst erwachsen werden“) zusammenlebt, dass die Mutter vor einigen Jahren gestorben ist und er einen Bedarf an Frauen hat, nicht differenziert, nur so als Klischee.

Noch weniger erfahren wir von Alex: über ihn und seinen Background und seinen Charakter: gar nichts. Deshalb darf er, wenn nach einer Stunde im 90-Minüter gut gesetzt die große Krise kommt, als Anpasser die Geschichte wieder in Fahrt bringen.

Von Martina erfahren wir, dass sie in der DDR-Nationalmannschaft im Olmypiateam in Moskau war, dass sie aber rausgeschmißen worden ist, weil sie keine Anpasserin ist; blonde Heldin. Es gibt noch einen vierten, etwas kleineren in der Gruppe. Der scheint reines Füllmaterial zu sein, aber ein guter Tänzer ist er, der Vollständigkeit halber hinzugenommen, ohne Background und Charakterisierung, ohne Grundkonflikt.

Dieser Film ist so süß und nahrhaft wie der gebackene Apfelkuchen von Franks Nachbarin Frau Fuchs.

Zum Schnellkochrezept von Frau Thomas Liebesstory gehört selbstverständlich, dass kaum haben sich die beiden Freunde in die Blondine verliebt, diese inniglich einen Volksarmisten begrüßt und den beiden als ihren Freund Sebastian vorstellt. Klischee ohne weitere Bedeutung. Ohne Differenzierung, nichtssagend, Filmzeit neben dem Thema vergeudend. Immerhin ist der trostolose Charme des DDR-Settings in der Szene, in der die Truppe vor den karikaturhaften Parteibonzen vortanzen muss, zum Heulen schön.

Frau Thoma will, so scheint es, dem Publikum keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der DDR zumuten. Irgendwie scheint sie dem Publikum ständig zuzuzwinkern, das ist alles nicht so tragisch, es wird alles gut. Fast hätten wirs vergessen: die Tanznummern sind durchaus ansehnlich. Aber die Musik dröhnt manchmal mit zu viel Überhall drauf.

Menschen also solche Klischeefiguren zu zeichnen dürfte genau konträr zum demokratischen Grundauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes stehen, für den hier Stefanie Groß für den SWR und Andrea Hanke für den WDR redaktionelle Verantwortung tragen.

Filme mit Drehbuch von Ruth Thoma:
Der Koch
Einmal Hans mit scharfer Sauce
3096 Tage

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