Archiv für die Kategorie: “Review”
Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Diese Männer und Frauen haben das Herz auf dem richtigen Fleck und wissen auch, wohin gegebenenfalls mit ihren Fäusten und vor dem gemeinsamen Essen wird ein Tischgebet gesprochen. Es sind alles Menschen wie Du und Ich. Und sehen aus wie durchschnittliche B-Cops – oder wie durchschnittliche Kriminelle. Motornarren sind sie außerdem. Aber gerade deshalb leisten sie Außerordentliches, was ja jeder B-Cop auch von sich behaupten würde und wovon er träumt. Wo gibt es den kleinen Mann, der sich nicht für groß hält. Aber das ist nur ein Begleitakkord.
Sympathisch an diesem herzhaften Stück Kino ist, dass es erstens ganz stinknormales 2D ist und nicht primär am Computer, sondern doch eher an einem Gartengrill zubereitet worden ist, wobei die pikante Sauce dazu aus mehreren furiosen Strecken von Action-Szenen satt besteht, die in den besten Momenten an den lateinamerikanisch lockeren Vorgängerfilm erinnert, der die Truppe nach Rio brachte.
Europa kann diesbezüglich mit dem Temperament allerdings nicht ganz mithalten und London ist nun mal eine düsterere Stadt als Rio.
Pech für die Truppe ist, dass sie durch den 100-Millionen-Diebstahl ins Exil getrieben worden ist. In Amerika würden sie sofort im Knast landen. So grillieren sie denn auf Teneriffa und fühlen sich trotz angenehmen Klimas nicht zuhause. Brian O’ Conner hat sich den Traum von der Familie erfüllt. Da kommt den Leuten gerade recht, dass Bösewicht Shaw in London sein Unwesen treibt, es auf eine höchst gefährliche, neuartige Waffe abgesehen hat, eine Technobombe, die die Kommunikation ganzer Regionen lahmlegen kann, Internet, Telefon, Handys.
Dummerweise hat Shaw auch noch ein Mitglied aus der Gruppe in seinen Besitz gebracht, nach einer misslungenen Action hatte Letty das Gedächtnis verloren und sich nun bei der Truppe von Shaw integriert, die in ihrer Struktur an Mittelmässigkeit zum Verwechseln ähnlich mit der von Brian O’Conner ist.
Der Deal, der nun geschlossen wird, ist folgender: die Truppe spürt Shaw in London auf und liefert ihn den Behörden aus, dagegen erhalten sie Letty und Amnestie. Das wird, soviel darf verraten werden, brav wie bei einer Pfadfinderübung am Schluss auch passieren. Und ein Ausblick auf eine mögliche nächste Folge des Franchise-Produktes „Fast & Furious“ in Tokio mit neuem Bösewicht wird auch schon gegeben.
Dazwischen sind wohldosiert Lagebesprechungen, oft gespickt mit Pointen und Statements über Mann und Frau und Team und Familie. Und dann wieder waghalsige Verfolgungs- und Actionszenen quer durch London, auf Teneriffa eine unglaubliche Panzerverfolgungsjagd oder schließlich auf der Nato-Basis Lusitanien in Spanien ein Antonov-Action-Spektakel der Sonderklasse auf der Startbahn. Und unterschwellig wird nie der Gedanke aus dem Auge verloren, dass das alles nur getan und gewagt wird, um die Familie wieder zu vereinen, Du wendest Dich nicht von Deiner Familie ab, auch wenn sie es tut. Aber keine Bange, es wird genügend Autoblech geschreddert – geschredderte Autos säumten ihren Weg. Und auch die deutsche Synchronisation ist in diesem Schredderkino gut aufgehoben.
Die Spiegelsicht, wie die eine Truppe die andere im Internet begutachtet: wer sind die Typen? Gewöhnliche Verbrecher. Der Film lässt sich immer wieder genügend Zeit, um die Action vorzubereiten, im Hirn muss vorbereitet sein, was in der Action erblühen will. Krisensitzungen beider Gruppierungen in London sind gruppendynamisch gesehen auch nicht pointenarm. Denn das ist schon ein Problem, wenn eine Gruppe feststellt, dass sie es mit einer fast identischen Gruppe zu tun hat. Und in beiden Gruppen sind die Frauen nicht weniger schlagkräftig als die Männer, sie haben sogar Schlagringe.
Oder die Moral: er hat einen Fehler gemacht und wer einen Fehler macht, der muss dafür büssen. Konsequenz des Handelns.
Brian ist ein gewissenhafter Held. Er hat einen Fehler gemacht und will den ausbügeln. Er fühlt sich verantwortlich dafür, dass Letty das Gedächtnis verloren hat und deshalb zu Shaw wechselte. Dafür jettet Brian schnell nach L.A. in den Knast, um von Braga eine wichtige Information zu erhalten. Ausflug gelingt, trotz Fahndung. Das ist vielleicht eine jener Seitenstranghandlungen, die den enormen Schwung, den der Vorgängerfilm durchgängig hatte, etwas ausbremsen. Zu viel Raum für das Ausbügeln eines Gewissenskonfliktes gibt das Action-Genre nicht her.
Trotzdem ist diese Art von Actionkino, handfest, bodenständig, die reinste Erholung gegenüber all den 3D-Nervenkitzeltoptimierversuchen, wo zu deutlich wird, dass am Computer alles möglich ist und damit die Gefahr entsteht, dass nichts mehr glaubhaft wirkt, die Geschichte zum reinen Schema verkommt, zum Nährboden für Computerehrgeiz. Hier macht es die Dosierung wie die Würze beim Grillfleisch. Gespräche, Vorbereitungen und auch dem Gegner mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen, ihn studieren, mit ihm sprechen. Das macht die menschliche Wärme und Glaubwürdigkeit und den Reiz dieses Franchise-Produktes aus. Plötzlich kommt es zu einer ganz menschliche Annäherung zwischen Letty mit dem Gedächtnisverlust und Toretto, den sie nicht wiedererkennt. Reflexion von früheren gemeinsamen Begebenheiten. Versuch, den Gedächtnisverlust aufzubrechen. Auf einem ruhigen Parkplatz. Nachts.
„Jeder hat einen Plan“ ist der Titel eines parallel anlaufenden Filmes aus Argentinien; hier heißt es, was wäre ein Actionkuchen ohne Moral, jeder braucht einen Kodex. Andererseits kann übertriebene Loyalität berechenbar machen und Berechenbarkeit macht angreifbar, so räsoniert Shaw. Wobei der so belehrte Toretto mit einem witzigen Spiel mit einem roten Punkt, der die Infrarotzielung einer Schusswaffe indiziert, exakt das Gegenteil von Berechenbarkeit beweist.
Und immer wieder das Thema der zweitklassigen Bullen oder der zweitklassigen Verbrecher, denn hier geht es nicht um übermenschliche Superheros, hier geht es um nachvollziehbare Alltags-Menschen. Was die Truppe weiter sympathisch macht, dass sie zwar vorgibt einen Plan zu haben und auch einen Plan B, aber selbst der gerät allzu gerne in Gefahr und Plan C, D und weiter durchs Alphabet existieren nicht; so tun sie denn, was sie am besten können: improvisieren, davon lebt ihre Action; das hinterlässt viele Autos im mpg-Format. Superlative im Nicht-Superlativhaften.
Diese Männer und Frauen haben das Herz auf dem richtigen Fleck und wissen auch, wohin gegebenenfalls mit ihren Fäusten und vor dem gemeinsamen Essen wird ein Tischgebet gesprochen. Es sind...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
In einer verführerisch schönen, gefühlvollen, den Zuschauer einwickelnden Filmschrift in der Art eines magischen Realismus erzählt uns Ana Piterbarg die Geschichte von den eineiigen Zwillingsbrüdern Agustin und Pedro, gespielt von Viggo Mortensen, die mit ihrem Spielkameraden Adrian, Daniel Fanego, auf einer filmtraumhaft schönen, argentinischen Insel mit Flusslandschaft und Pfahlbauten aufgewachsen sind.
Jeder Mensch hat einen Plan. Und so wie die Menschen verschieden sind, haben sie verschiedene Pläne, erzählt uns dieser Film, selbst eineiige Zwillinge, die nächste Freunde nur schwer auseinanderhalten können.
Auf der Brust sind beide Brüder etwas schwach. Agustin hat die heimatliche Flusslandschaft verlassen. Er hat studiert und es zu einem Lehrauftrag an der Uni gebracht. Seine Freundin Claudia wird gespielt von Soledad Villamil, einer argentinischen Schönheit mit schwarzem Haar, breiten Lippen und einem Auftritt, der im Untertext jeden spüren lässt, dass er es hier nicht nur mit einer Schönheit, sondern auch mit einer dominanten Figur zu tun hat. So eine Frau möchte Kinder. Und wenn es auf natürlichem Wege nicht klappt, so muss eine Adoption her. Wir lernen das Paar kennen, wie es in einem Spital sich schon mal heimlich den ausgesuchten Säugling zeigen lässt, den es hoffentlich bald schon sei eigen nennen und mit nach Hause nehmen kann. Aber Agustin will nicht. Meldet sich in der Uni krank. Claudia packt das nicht. Sie will die Wohnung, die ihr gehört, verkaufen, sich trennen.
In der Flusslandschaft kümmert sich derweil Pedro um seine Bienen. Von denen kann er nicht leben. Ihm hilft Rosa, die später von Adrian als Schlampe bezeichnet wird. Pedro hustet heftig, spuckt Blut, entführt zwecks Aufbesserung der Finanzlage mit Adrian Menschen, um Lösegeld zu kassieren; die Zeitungen drucken Schlagzeilen von den Entführungen in Tigre.
Die Erzählweise von Ana Piterbarg dürfte sehr geprägt sein von der Kultur der in Lateinamerika besonders beliebten Telenovela, die einen Realismus vorgibt. Hier wird er zum Beispiel greifbar in einer Szene mit den Bienen. Rosa meint, der Honig sei besonders dunkel, das sei weil gerade der Staudenknöterich blühe.
Die lieblose deutsche Routinesynchronisation erschwert deutlich den Einstieg in die argentinische Stimmung, aber irgendwann obsiegt die Gewohnheit, der Geist ist durch die Bilderfolge mehr als absorbiert, die sich schnurgerade auf den Weg des Melodrams begibt. Denn Pedro ist sehr krank, macht sich auf den Weg, taucht bei seinem Zwillingsbruder in der Stadt auf; ein kurzer Wortwechsel teilt uns mit, dass die beiden sich seit Jahren nicht gesehen haben. Immerhin bringt Pedro ein Glas Honig mit. Aber auch eine Pistole, die im weiteren Verlauf des Filmes noch ein wichtiges Requisit bleiben wird. Denn es spielt sich ein Drama zwischen den beiden Brüdern ab. Der eine kehrt als der andere an dessen Stelle auf die Insel zurück. Hier schwebt das Thema Identität in der Luft. Das Drama wird sich zuspitzen, wie Liebe zwischen Rosa und dem vermeintlichen Pedro sich entwickelt und verschiedene Pläne sich in die Quere kommen, auch der von Adrian für die nächste Entführung und der von Pedro/Agustin für ein Glück zu zweit mit Rosa irgendwo, nur nicht hier.
Es gibt ein kurzes moral-philosophisches Gespräch zwischen Rosa im pinken Herzchenpullover und Pedro/Agustin über das Böse, was der Mensch in sich trage und dass ihr Plan es sei, Gutes zu tun und Pedro/Agustin fragt: egal für wen? Es wird auch bedauert, dass es offenbar nicht möglich sei, einen Plan durchzuführen, ohne andere zu verletzen. Auch, dass Adrian wie eine Drohne ohne Geruch sei, die in jeden Bienenstock eindringen könne. Diese Diskussionen laufen ohne jede Aufregung so konzentriert und ernst ab wie das Sammeln des Honigs, fast wie dekorativ, in dem step-by-step beherrschten Bilderfortschritt, der das Drama seinem Höhe- und Endpunkt zuführt und den Zuschauer wie aus einer anderen Welt wieder entlassen wird.
In einer verführerisch schönen, gefühlvollen, den Zuschauer einwickelnden Filmschrift in der Art eines magischen Realismus erzählt uns Ana Piterbarg die Geschichte von den eineiigen Zwillingsbrüdern Agustin und Pedro, gespielt von...
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Dieser Film von Peter Netzer, der mit Razvan Radulsecu auch das Drehbuch geschrieben hat, guckt ganz genau hin auf ein verhängnisvolles, aber in manchen Situationen auch rettendes Mutter-Sohn-Verhältnis.
Netzer zeigt nicht, wie die Amerikaner es kürzlich mit Barbara Streisand versucht haben, ein Mutter-Sohn-Verhältnis, das fraternisierend mit dem Publikum die stillschweigende Abhängigkeit einer solchen Paarung augenzwinkernd voraussetzt und zum Anlass für einen auf den Publikumserfolg schielenden und hoffentlich die Kinokassen füllenden Streifen genommen haben.
Netzer guckt ganz genau hin. Auf eine schreckliche, gegenseitige Lähmung und Verwünschungen hervorrufende Mutter-Sohn-Beziehung mit nicht bis ins letzte durchschaubaren Mechanismen von Anziehung und Abstossung, von Nicht-voneinander-Loskommen-Können.
Netzer baut in sein Buch einen Unfall ein, der dieses direkt brutal zu nennende Verhältnis auf den Prüfstand bringt. Der Sohn, der aus der Wohnung der Eltern ausgezogen ist, die Mutter ist erfolgreiche Architektin und Bühnenbildnerin, überfährt bei einer Verfolgungsjagd mit einem anderen Wagen einen 14-Jährigen, der bei dem Zusammenprall tödlich verunglückt.
Jetzt erleben wir von dieser Mutter das krasse Gegenteil dessen, wie Netzer sie uns zuerst vorgestellt hat; das war in einem Gespräch mit ihrer Schwester oder Freundin, die Angaben darüber vor den Behörden variieren, in der die Mutter ohne sich sprachliche und gedankliche Zügel anzulegen ihren Frust über ihren missratenen Sohn rauslässt. Ein harter Anfang.
Die Mutter schimpft über die Freundin ihres Sohnes, die mit ihm, dem Waschlappen mache, was er wolle. Dann sehen wir die Mutter auf einer Geburtstagsfeier der feinen Gesellschaft ausgelassen tanzen. Madame hat ihr Vergnügen. Als nächstes zitiert sie ihre Putzfrau, die auch die Bude ihres Sohne sauber macht. Welche Bücher er auf dem Nachttisch liegen habe. Den Pamuk oder die Hertha Müller. Aber die hat er nicht angerührt. Er bevorzuge ein Buch über schöne Frauen, wird der Mutter von der Putzfrau hinterbracht. Das hat er allerdings nicht von der Mutter erhalten. So ein undankbarer Sohn.
Als Ouvertüre zur dramatischen Handlung nach der Einführung und Vorstellung der Mutter, den Sohn hat man noch gar nicht gesehen, schiebt Netzer eine Probe bei der Oper ein, wo sie als pelzumhüllte Dame und Bühnenbildnerin zuschauen und zuhören darf.
Ihre Freundin holt sie aus der Probe heraus. Ein Anruf ist eingegangen, dass mit dem Sohn etwas passiert sei. Die Mutter wird gespielt von Luminita Gheorghiu, einer fantastischen Schauspielerin, die die Rolle mit eiserner Konsequenz durchzieht, nie weich, auch kaum durchlässig wird, so einen schockierenden und nie befreienden Muttermechanismus in verschiedenen Varianten vorführend, zuerst in der bösartigen, den eigenen Sohn nachspionierenden und denunzierenden, dann nach dem Anruf in der bedingungslos für den Sohn kämpfenden Variante.
Der Sohn hat einen Jungen überfahren. Der Mutter ist klar, dass der dumme Sohn mit den Behörden und den Befragungen nicht zurecht kommen wird. Also mischt sie sich ein. Fährt mit ihrer Freundin zum Tatort. Ständig das Handy am Ohr, einen Ratgeber dran, wie mit den Behörden zu verfahren sei, wie die Folgen des Deliktes abzumindern seien. Auch hier kennt diese Mutter nichts. Sie hat einen Auftritt wie ein Staatspräsident oder ein Minister, wenn sie auf der kleinen Polizeistation eintrifft, wo ihr Sohn gerade ein Geständnis ausfüllen soll.
Die Mutter nimmt alles in die Hand. Sie wird später auch den Zeugen, der sich mit dem Sohn das Wettrennen geliefert hat, aufsuchen, denn wenn er angibt, er sei beispielsweise nur 50 gefahren, dann ist der Sohn nur 80 gefahren, und das wäre nicht so ein gravierendes Delikt wie die hundert Stundenkilometer, die anfänglich zur Debatte stehen.
Auch muss bei der Blutuntersuchung mitgemischt werden, mit den Polizisten geredet und ratsam scheint es der Mutter, eine Beziehung zur Familie des Opfers aufzubauen, ein große Hürde, für den Sohn fast nicht machbar. Ein Hochschaukeln von zwei Muttermechanismen findet bei der Familie, die den 14 jährigen Buben verloren hat, statt. Beide Mütter beklagen ihr jeweiliges Schicksal, die eine hat nur den einen Sohn, den Täter, während die andere ja noch einen jüngeren Sohn, einen Elfjährigen hat. Drama über Drama.
Der Vater des überfahrenen Jungen bleibt hart. Er will sich das Begräbnis nicht bezahlen lassen. Denn alles ist auch in Rumänien nicht für Geld zu haben. Mit den Behörden war das schon leichter. Dem einen Beamten fällt plötzlich ein, wie er liest, dass Madame Architektin ist, dass er gerade beim Hausbau gewisse Probleme habe. Hier waschen Hände sich gegenseitig. Die Wahrheit kann sich nicht wehren.
Durch diesen Unfall und das ganz genaue Rekonstruieren der behördlichen Vorgänge drum herum, bleibt Netzer nah an seinen Figuren dran, welche nötige Dinge zu erledigen haben, die durch das Wie, wie sie es machen, auch die Figuren prima charakterisieren, vor allem der bedingungslose, immer wieder irrational erscheinende Muttermechanismus. Der Höhepunkt, der emotional schier aus der Bahn läuft, ist der Wettbewerb der beiden Mütter, welche das schwerere Schicksal habe und wie die Mutter ihrem untauglichen Sohn plötzlich die strahlendste Zukunft zuschreibt, die nun platzen würde, wenn er ins Gefängnis müsste.
Dieser Film von Peter Netzer, der mit Razvan Radulsecu auch das Drehbuch geschrieben hat, guckt ganz genau hin auf ein verhängnisvolles, aber in manchen Situationen auch rettendes Mutter-Sohn-Verhältnis. Netzer zeigt...
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Geschichten aus dem Stuttgarter Stadtwald.
Sascha Seifert, der Autor und Regisseur dieser Dokumentation, gibt einer der in unserer Gesellschaft vermutlich mit am meisten missachteten Kreaturen einen großen Leinwandauftritt: der Schnecke. Denn Weinberg-Schnecke, das ist die mit dem Haus auf dem Buckel, und Nackt-Schnecke, das ist die ohne Haus, erhalten hier ihre Chance, im Stadtwald von Stuttgart sanft vor der Kamera über einen Kiesweg zu gleiten oder ein grünes Blatt sich als Mahlzeit zu genehmigen.
Die Schnecke ist allenfalls noch begehrt bei Gourmands. Meist aber ist sie verhasst, den Leuten mit Häusern und Gärten, den Kleingärtnern, den Landwirten, den Salatgärtnern. Sie wird vergiftet, getötet, zertreten, verbrannt, sie frisst dem Menschen den Salat, das Gemüse und die Blumen weg.
Aber auch im übertragenen Sinne ist die Schnecke schlecht beleumdet, sich in sein Schneckenhaus zurückziehen. Im Kriechgang, langsam sein wie eine Schnecke. Genau da setzt Sascha Seifert an. Er möchte mit seinem Dokumentarfilm, der ohne jede künstliche Lichtsetzung auskommt und trotzdem lichtschöne Naturbilder erzeugt, ein Volte für die Langsamkeit schlagen.
Er macht einen ruhigen Naturmeditationsfilm mit angenehmen Musikklängen darunter. In seinen theoretischen Überbau, den er auch immer wieder mit Zitaten einblendet, bezieht er sich auf den Guru der Slow-Bewegung, Thich Nhat Hanh, ein buddhistischer Mönch, der zahlreiche Bücher verfasst hat.
Sätze wie: Es gibt keinen Weg zur Zufriedenheit, Zufriedenheit ist der Weg. Gehe als ob Deine Füße die Erde küssten. Frieden ist in jedem Schritt. Atme, alles wird gut. Diese Texte schreibt Seifert in einer schönen Schrift vor Naturhintergrund, die der indischen nachempfunden ist, etwa im Rhythmus der TV-Cliffhänger-Praxis am Anfang neuer Szenen, wobei ihm vor Schwarz-Bild als Abschnitt nicht bange ist.
In den Szenen ist er ganz nah bei den Schnecken. Er bleibt lange bei ihnen, wie sie sich vorwärts bewegen, wie sie die Fühler ganz langsam ausstrecken und ganz schnell wieder zurückziehen, wenn ihnen etwas in den Weg kommt, wie sie an grünen Blättern knabbern, wie sie sich mit ihren Häusern am Rücken für Liebesspiele auf die Hinterbeine stellen, wie sie an einem toten Käfer nagen. Schnecke beim Putzen ihres Hauses oder kopfüber an einem Zweig hängend.
Es gibt sogar eine Schnecken-Action-Szene. Waghalsig zieht sich, schleimt sich eine Schnecke einen dünnen Halm samt Haus hoch. Der fängt langsam an sich zu biegen, biegen, biegen, dann, knacks, bricht er, die Schnecke knallt auf den Moosboden, bleibt mit dem Haus nach unten liegen. Ein Selbstmord? Bald darauf folgt ein Bild mit dem ausgehöhlten Haus einer Schnecke.
Es gibt aber auch die Schnecke mit Unlust im Regen spazieren zu gehen. Im Kampf mit Halmhindernissen. Oder wie eine Schnecke gar über das Glas vor der Kamera kriecht.
Hier ist die Sensationslosigkeit die Sensation.
Wer sich den Luxus leistet, einer Schnecke bei ihren Tätigkeiten zuzuschauen, der hat immerhin sich schon den Luxus erlaubt, das zu tun. Dafür bekommt er das Gefühl, was kann ich schon verpassen, wenn ich mich auf so ein Schneckenleben einlasse. Zuschauer einer Schneckenmahlzeit zu sein.
Seifert stellt ein krasses Votum auf den Prüfstand gegen eine Existenzsicht und -interpretation, die in unserer Gesellschaft, in der der Wettbewerb immer mehr Beschleunigung fordert und der Mensch immer mehr vor die Hunde geht, nicht gut angesehen ist; denn die Slow-Haltung ist nicht im Interesse des Kapitals.
Aber Seifert stellt auch eine bemerkenswerte Gegenposition auf gegen die rekordsüchtige Naturfilmerei unserer Tage, die immer noch schnellere Kameras, noch langsamer Aufnahmen, noch mehr Bilder pro Sekunde aufbietet, die zeigen will, was das menschliche Auge gar nicht sehen kann, die filmen will, wo gar kein Licht ist, die längst dem Sensationshype erlegen ist und dabei ihren Sinn vergisst; noch dazu mit meist peinlichen, anthropozentrischen Kommentaren versehen.
Wobei mein Eindruck ist, Seifert sei nicht ganz befreit von der Hektik des Wettbewerbes; sonst hätte er manche Vorgänge sicher radikaler zu Ende gefilmt, das Vertilgen eine Blattes, eines Käfers, das Passieren einer Holzweges, das majestätische Gleiten auf einem Kiesweg oder auf einem toten Baumstamm. Da sollte Seifert sich vielleicht vom früheren Bela Tarr inspirieren lassen, wenn er radikales Kino, auch in der Variante der Mediation, machen möchte.
Schön symbolisch ist die Schnecke doch auch hinsichtlich der modernen Netzwerke im Internet, sie ist das Paradebeispiel für Non-Facebook, sie öffnet ihr Haus nicht für andere. Oder Anti-Facebook-Methode. Ein gutes Image hatte sie neulich sogar in einem amerikanischen Blockbuster, in dem Animationsfilm „Epic – Verborgenes Königreich“, da gehören Weinberg- und Nachtschnecke zu den Guten und haben beachtliche Aufritte. Sind Schnecken die neuen Trendsetter?
Geschichten aus dem Stuttgarter Stadtwald. Sascha Seifert, der Autor und Regisseur dieser Dokumentation, gibt einer der in unserer Gesellschaft vermutlich mit am meisten missachteten Kreaturen einen großen Leinwandauftritt: der Schnecke....
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Ein feierliches Hochamt, eine literar-liturgische Messe zu Ehren der Wörter und derjenigen, die sie im Sinne der Befreiung benutzen, der Autoren nämlich, zelebrieren hier Brian Klugman und Lee Sternthal, die zusammen das Buch geschrieben und die Regie geführt haben.
Es geht um Autorentum, um die Verehrung desselben, um den Traum von demselben. Die Hingabe an ihren Stoff machen die Filmemacher deutlich mit einer häufig frontalen Kamera, die ihren Fokus einzig und allein und so nah wie möglich auf die Darsteller richtet. Hingebungsvoll. Das untermalt noch die Musik.
In einer verschachtelten, literarischen Story werden verschiedene Stufen des Autorentums mit sinnlicher Nähe vorgeführt. Nie ist das Autorentum ohne Liebe denkbar, andererseits gefährdet gerade diese es nur allzu gern. Die Autoren werden für ihr Autorentum geliebt. Wenn dieses wegfällt oder als Fälschung auffliegt, fliegen die Frauen weg.
Dennis Quaid hält vor großem Publikum als Autor Clay Hammond eine Lesung aus seinem Buch „The Words“. Der Text des Buches wird während der Lesung selber zum Film. Der junge Autor Rory Jansen, Bradley Cooper, schreibt und liebt und liebt und schreibt Dora und sie liebt ihn, den Autor. Der muss sich zwar, weil erfolglos, immer noch vom Vater aushalten lassen. Er schreibt und erhält Ablehnungen und lässt sich von der ihn umschmeichelnden Dora ablenken. Er lässt sich in einem Verlag als Angestellter beschäftigen, der die Post im Haus verteilt, in der Hoffnung auf Verbindungen.
Der ihn anlernt, ist auch ein potentieller, noch nicht gedruckter Autor. Was er schreibe, meint ein Agent, sei schön und begabt, aber es gebe zu viel davon; das könne er mit einem unbekannten Autor nicht riskieren. So erhält die Liebe den Vorrang. Hochzeit. Flitterwochen in Paris. Trödelläden, Modeläden. Shopping. Clay findet eine schöne alte Ledermappe. Sie kauft sie ihm.
Back in the States entdeckt er, dass in der Mappe ein Manuskript steckt. Er reicht das ein. Es wird gedruckt und ein Erfolg. Clay wird ein gefeierter und preisgekrönter Autor. Ein alter Mann macht sich an ihn ran, Jeremy Irons, und will ihm im Park eine Geschichte erzählen. Von einem jungen Mann, der 1944 in Paris war. Im Krieg. Der einen Text geschrieben hat, der verloren gegangen ist. Nebst dem Schreiben kam es zu einer Liebesgeschichte, ähnlich wie diejenige von Rory. Der junge Mann – übrigens geht auch hier die Erzählung des Alten bald in einen weiteren Film über – kehrt nach Paris zurück. Seiner Liebe wegen. Es ist Celia. Er findet einen Job bei einer englischsprachigen Zeitung. Er schreibt die erwähnte Geschichte. Der alte Mann ist der junge Mann seiner Geschichte. Und die Geschichte ist diejenige, die Rory zum Starautor gemacht hat.
Der das alles vorliest vor großem Auditorium, wird in der Lesepause von einer Frau angemacht, einer Doktorandin, es ist Daniella gespielt von Olivia Wilde. Auch hier bahnt sich ein Liebesverhältnis an, obwohl dieser offenbar erfolgreiche Autor nun doch schon ziemlich alt ist und die Frau jung; aber Erfolg macht blind für so einen Unterschied; überhaupt ein unansehnlicher Typ, dem man zutrauen würde, eher über geschicktes Marketing und hinter den Kulissen agierend an seine Position gekommen zu sein.
Rory hat anfangs des Filmes eben den Preis des „American Fellowship of Arts and Letters“ erhalten. Später wird er mit seiner Lüge konfrontiert. Das löst ein Gewissensproblem in ihm aus. Er wird den alten Mann in seiner Gärtnerei besuchen. Der hat zu seiner Befreiung jene Geschichte geschrieben, aber nachher offenbar kein Bedürfnis mehr zum Schreiben gehabt. Das Thema Wahrhaftigkeit wird behandelt.
Bradley Cooper, ein aufsteigender Stern am amerikanischen Filmhimmel, ist als Rory Jansen über weite Strecken ein Augenfang. Allerdings wird der Konflikt, den die Aufdeckung der Lüge in ihm auslöst, schnell beiseite geschoben.
Ein akademisch-literarischer Verehrungsfilm, der doch sehr vom Narzissmus erwachenden Autorentums geprägt scheint, auch wenn dieser Narzissmus wirklich schön und andächtig und unglaublich bedacht auf die Leinwand gebracht wird; vielleicht fast wie eine lateinische Messe, aber dem Publikum zugewandt. Eine Literaturmesse eben.
Mehr eine Träumer- und Talentprobe der Macher, denn ein Film, der ein aktuelles Thema behandelt; der aber auch keine neuen Erkenntnisse über das Autorentum vermittelt. Mehr den Schauspielern zugeneigt, die das sehr konzentriert spielen. Eine verehrende Hommage ans Wortgewerbe. Vielleicht gar ein Bekenntnis zu einer Lebensaufgabe. Oder ein Programm?
Nachdem Rory überführt worden ist vom Alten, wird es etwas moralinisch, und auch der Kauf eines Plectranthus, eines Harfenstrauches, eines schwedischen Efeus, was der Alte dem Sünder empfiehlt, kann kein Ablass sein. Dann ein paar banalere Weisheitssätze: we all make choices. Und wunderbar weichbraune Erde neben dem offenen Grab. Auf eine Beerdigungszeremonie verzichtet der Film. Das ist kein Schaden. Oder, der Autor habe einen Entscheid zu treffen, den zwischen Leben und Fiktion. Die Autoren hier haben sich für die Fiktion vom Autorenleben entschieden. Und dann die Gewissensfrage schlechthin zum Schluss an den Autor, der längst nur noch am Erhalt seiner Position interessiert ist, Hammond also, was willst Du wirklich, fragt ihn die doktorierende Verehrerin.
Ein feierliches Hochamt, eine literar-liturgische Messe zu Ehren der Wörter und derjenigen, die sie im Sinne der Befreiung benutzen, der Autoren nämlich, zelebrieren hier Brian Klugman und Lee Sternthal, die...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Wenn der lange Filmtitel suggerieren sollte, dass eine Referenz an Alexander Kluge beabsichtigt sein könnte, der gelegentlich auch sich längerer Titel bedient hat, der allerdings befindet sich bei Steffen Zacke, der für diesen Film mit dem langen Titel für Buch und Regie verantwortlich ist, auf dem Holzweg.
Es ist kein intellektuelles Kino, was hier geboten wird. Eher soll das gute alte Fernseh- oder Provinztheater-Weihnachtsmärchenspiel in einer neuen Mixtur aufgefrischt oder vielleicht sogar relativiert oder exploitiert werden. Was es allerdings schwer macht, zu eruieren, welche Altersgruppe denn hier angesprochen werden soll. Das zu klären scheint mir deswegen so schwierig, weil der Film unter einem Überfluss an divergenten Elementen leidet.
Einerseits wurden perfekte Kostüme, sogar richtig schöne aus einem anspruchsvollen Märchenkostümfundus herbeigeschafft. Es gibt auch eine zauberhaft Landschaft in Südtirol mit einem Schloss, was auch kameratechnisch schön aufgenommen worden ist.
Der Cast besteht aus einer Divergenz an Mimen besonders hinsichtlich Beherrschung der schauspielerischen Mittel (im Gegensatz zur handwerklichen Perfektion der Kostüme); sofern bei den Schauspielern überhaupt von einer Sprechkultur gesprochen werden kann, divergiert sie vom TV-deutsch (Narr) über das Laientheaterdeutsch (König) über den reinen Dialekt (Hunter Friedebraht mit den schlechten Zähnen) bis zu Ansätzen von nicht allzu fittem Bühnendeutsch (Prinz Peakockheart); eine ensemblebildende Harmonisierung der Sprache, die für die Kontinuität des Erzählflusses und auch für die Glaubwürdigkeit des Stoffzusammenhanges von eminenter Bedeutung ist, hat offensichtlich nicht stattgefunden oder falls dieser disintegrative Cast-Effekt erwünscht war, wird nicht ersichtlich, zu welchem Behufe; dagegen setzt Zacke eine füllige Kinomusik, die wie eine Amalgam-Füllung in die dadurch entstandenen Löcher eingebracht wird.
Weiter zu Disintegration trägt die Abfolge der einzelnen Bilder und Szenen bei, die zwar immer wieder wie große Kinobilder wirken, aber überhaupt nicht berücksichtigen, dass das menschliche Auge Eindrücke von einer Szene in die nächste übernimmt (der Versuch kann leicht gemacht werden, indem man nach einer Szene kurz die Augen schließt und dann ins Leere starrt, da entstehen die groben Umrisse und Hell-Dunkel-Verteilung der Bilder nochmal). Wenn also zu divergente Bildwelten noch dazu mit wenig Rhythmusgefühl öfter schwerfüßig auf einander abfolgen, so wirkt dies nicht die Perzeption des Erzählflusses fördernd sondern disintegrativ.
Der Grundplot ist an sich einfach. In einer Königsfamilie gibt es zwei unterschiedliche Töchter. Die brave Gwendolyn, ein Eager-Beaver, die zuhause beliebt ist und das böse Töchterchen, Prinzessin Klara. Diese ist frech. Stickt bei der Prüfung ihren Stickrahmen am Ärmel der Lehrerin fest. Dann haut sie ab. Verliert sich in unbekannten Gemächern und Dielen des Schlosses. Findet ein Märchenbuch. Ihr seelsorgerlicher Begleiter wird der Hofnarr sein (ihn spielt Michael Kranz mit einer Nonchalence, dass die Kinder ihn bestimmt mögen werden). Denn sie will endlich geliebt sein, gefragt sein, angebetet sein. Das sind ihrer Ansicht nach die Prinzessinnen in den Märchen.
Mit kurzen, animierten Szenen werden in der Folge einige Märchen, in denen die Prinzessin auftreten will, in wenigen Sätzen vorgestellt. Dazu wünscht sie sich dann einen Frosch oder Rapunzelhaare oder ein rotes Käppchen, ein Lebkuchenhaus oder den Dornröschenschlaf oder Aschenputtels Goldene Schuhe. Das zeitigt ein ganze Reihe divergierender Resultate, hier die Divergenz filmimmanent bewusst gesucht und gesetzt. Und alles läuft schief. Bis am Ende die Prinzessin ihren Märchenprinzen findet. Der ist wirklich ein hübscher Bube.
Wenn der lange Filmtitel suggerieren sollte, dass eine Referenz an Alexander Kluge beabsichtigt sein könnte, der gelegentlich auch sich längerer Titel bedient hat, der allerdings befindet sich bei Steffen Zacke,...
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Dieser Film
genommen als Ansprache an ganz junge Schwangere, das dürfte seinen
Zweck bestens erfüllen.
Bunt
wie in einem unaufgeräumten Kinderzimmer sieht es in diesem Film
aus. Vermutlich bewusst haben sich Cornelia Grünberg, Regie, die mit
Ingelore König auch das Konzept erarbeitet hat, auf eine Art der
Doku-Präsentation geeinigt, die dem sorglosen, ja aufmüpfigen
Umgang 14 jähriger mit dem Leben und der Liebe – und der
Schwangerschaft! – entspricht.
Was
heißt hier Konzept. Irgendwo im Raum Fulda, Marburg, Tübingen,
Crailsheim oder wo auch immer, die Ortsidentifikation spielt keine
Rolle, haben die Filmemacherinnen vier vierzehnjährige Mädchen aufgetan, die alle
ungewollt schwanger geworden sind. Und die die Kinder auch behalten
wollen.
Musikalisch
bieten die Filmemacherinnen der Sängerin Saint-Lu eine Chance, die
für die Songs von Sorglos-Musik, die gerne laut über das
viele, nett-nützliche Geplapper über Babies und Freund und
Verhütung und gerissene Gummis und Schwangerschaftstests und
Reaktionen in der Schule und zu Hause und die Geburt, die Mädels,
ihre Freunde, ihre Freundinnen, ihr Mütter und Väter gelegt wird.
Da
ist viel Spontaneität in diesem “Konzept”. Das bedeutet,
immer wieder hinfahren zu den jungen Schwangeren, immer wieder über
das reden, was sie beschäftigt im Zusammenhang mit der
Schwangerschaft. Die Bilder bunt mischen und den Score laut drüber,
als wolle man das Thema gleich wieder zudecken.
Es
kommt in der Schule ein altkluger und gleichzeitig grünschnabeliger
Junge vor, der findet, die Jungs wissen halt nicht so über Frauen
und Psyche. Und der alte Ami bringt seiner schwangeren Tochter “a
whole bunch” of Babykleider nach Hause, die mit Entzücken
begutachtet werden.
Die Vorfreude. Die
Mädels freuen sich alle auf die Kinder. Eines hat Angst, ein Kind zu
kriegen, was Klavier oder Geige spielen wolle oder was schwul sei.
Auch so ein Thema unter Freundinnen. Im Spital ist eine enttäuscht
von ihren Schulkameraden, die alle versprochen hatten, sie zu
besuchen. Und keiner ist aufgetaucht.
Der
Film kommt ohne Begründung, ohne Umfeld aus. Sozusagen aus heiterem
Himmel hat er die vier Mädels angesteuert. Ist ja auch verrückt.
14-jährige, was für hübsche Frauen und werdende Mütter das sind.
Man wünschte sich mehr junge Mütter. Würde vielleicht das
Rentenproblem in Deutschland erleichtern. Aber, so stellt eine fest,
werden die Frauen erst mit 40, 35, 30 schwanger.
Der
Bursche, der keinen Vater hatte, findet jetzt seine Traumrolle darin,
Vater eines Sohnes zu sein. Für mich sind die Mädels in meinem
Alter kleine Stinker, meint eine der Mütter einige Zeit nach der
Geburt. Köstlich auch die Babysimulatoren. Die künstlichen Babies.
Eigentlich ist es nicht lernbar. Und vor allem: den Simulator kann
man abstellen. Aber die eine, die immer wieder überfordert scheint
mit dem Kind und zwischen Depression und Glück schwankt, sie kann
verstehen, dass Eltern ihr Kind umbringen.
Fazit:
junge Mutterschaft kommt positiv rüber, auch wenn die
Schulkameradinnen, die Altersgenossinnen also, irritiert scheinen.
Denn Muttersein ist auch eine Art Besitztum und mit diesem kommt der
Neid.
Dieser Film
genommen als Ansprache an ganz junge Schwangere, das dürfte seinen
Zweck bestens erfüllen.
Bunt
wie in einem unaufgeräumten Kinderzimmer sieht es in diesem Film
aus. Vermutlich bewusst...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Die Geschichte, die Stefan Schaller als Autor und Regisseur uns erzählt, ist eindrucksvoll. Sie ist zwar fiktional, nährt sich aber aus den Berichten von Murat Kurnaz, der 1725 Tage von den Amerikanern aus seinem normalen Leben herausgerissen und ohne Anklage unschuldig gefangen gehalten, gefoltert und nach Guantanamo verbracht worden ist; während die Deutsche Politik sich jahrelang wand und zierte und dem eigenen Bürger sogar den Pass entzog aus purer Angst vor den Amerikanern und angesteckt von der Antiterrorhysterie. Das ist aber nicht der Teil der Geschichte, den Schaller erzählt.
Schaller erzählt den direkt zu erzählenden Teil der Story. Er hat sehr geschickt aus dem langen Martyrium einen Zeitraum aus Guantanamo herausgepickt, die ersten zwei Jahre. Mit Sascha Alexander Gersak hat er einen ausgezeichneten Darsteller gecastet, der zwar ein anderer Typ als Kurnaz selber ist, gegen das Original überhaupt nicht abfällt, wie Bilder im Abspann vermuten lassen.
In Guantanamo sind zentral die Verhörphasen mit Ben Miles, einem amerikanischen Beamten, prima gespielt von Gail Holford; der tut seine Pflicht. Aber Kurnaz lässt sich nicht zu Geständnissen erpressen von Dingen, die er nicht getan hat. Da helfen keine Folter, keine Isolationshaft in durchgehend hell erleuchtetem Raum, der mal auf Kälte, mal auf Hitze eingestellt wird, keine Schläge und andere Brutalitäten. Keine Lügen, seine Frau hätte sich von ihm scheiden lassen (wobei das zufälligerweise gerade inzwischen passiert sei). Ein Leguan, den er in seinem Gitterkäfig findet, wird zu seinem Freund, ein zutrauliches Tier, das er auch füttert. Und auch das wollen die Verhörer zur Erpressung eines Geständnisses benutzen.
Zwischen den Verhören und den Leidensmomenten im Käfig oder in der Isolationshaft werden behutsam ein paar Rückblenden auf Kurnaz’ Leben vor der Gefangenschaft in Bremen eingespielt.
Was Stefan Schaller versucht, ist ein legitimes, ein wichtiges Kino, nämlich auf Zeitereignisse zu reagieren, die nur allzu gerne verniedlicht oder verdrängt werden (die SZ beschrieb Guantanamo damals anlässlich einer Journalistenführung so, man komme sich vor wie in einem Club Robinson in Afghanistan).
Allerdings scheint mir in dieser Geschichte, die weit über die übliche deutsche Filmproduktion an Komödien, Tumor- und Themenfilmen herausragt, der Widerhaken zur politischen Realität zu fehlen. Die Geschichte wird als eine ferne erzählt, wenn auch hin und wieder Informationen über die Politik, die sich mit dem Fall befasst, hinein fließen. Der politische Widerhaken für den Zuschauer wäre in diesem Falle der reale Hintergrund, der in einem Anhang zum Presseheft beigefügt wurde. Die konkreten Vorgänge in Berlin, die Verhöre auch durch deutsche Beamte, die ihn geschlagen haben sollen; wie die Bundesrepublik das Opfer auch noch ausbürgern wollte.
Die Angst von Kurnaz vor dem Spital auf Guantanamo, weil sein Käfignachbar, dem beide Beine amputiert worden sind, ihm erzählt, im Spital würden den Gefangenen Gliedmaßen abgenommen; so lässt Kurnaz seine gebrochene Hand lieber nicht behandeln.
Generell hat Schaller viele gute Entscheide getroffen, insgesamt mit der Besetzung, mit der Musik, mit der Kamera, mit dem Buch.
Warum sollen die Soldaten einen Grund haben mich zu schlagen, sie können es ja auch so tun.
Die Geschichte, die Stefan Schaller als Autor und Regisseur uns erzählt, ist eindrucksvoll. Sie ist zwar fiktional, nährt sich aber aus den Berichten von Murat Kurnaz, der 1725 Tage von...
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Geschrieben von: Stefe in Allgemein, Film, Review
Dank 3D, Computeranimation und Kameras, die wie ferngesteuerte Flugzeuge den Raum durchpflügen und queren können, auch in rasendem Tempo, wirkt dieser bombastische Film, als ob man mit einer Zeitmaschine in einer ferne Zeit eintaucht. Es ist sogar eine doppelte Zeitreise, in die uns Baz Luhrmann mit seinem Opus mitnimmt, einmal in die goldenen 20er in New York, in denen der Roman von F. Scott Fitzgerald spielt, zum anderen dank Inszenierungs- und Ausstattungsart in das schwülstige, überladene, erstarrte Hollywood-Studio-Kino der 50er Jahre.
Gatsby verleitet zur Ausstattungsorgien wegen der rauschenden Feste, die er veranstaltet. Diese Mega- und Superlativ-Partys, in denen Tout New York, alles, was irgendwie sorglos war, seine Aufwartung machte, sind an Fülle von Menschen, Kostümen, Masken, Girlanden, Blumen, Feuerwerk, Musik kaum zu überbieten. Das ist das Messbare, das Imitierbare, das Rekonstruierbare am Roman im Gegensatz zum Metaphysischen, was in all dem Pomp und den Kostümen und den Frisuren und rasenden Autofahrten und Texten und Spielart der Schauspieler nirgends zu finden ist.
Was F. Scott Fitzgerald an dieser Gesellschaft durchschaut hat, woran auch das Plakat mit der Brille und den zwei Augen, die hier so leer schauen, was in einer Industriebrache rumsteht und hier wie im Roman immer wieder prominent ins Bild gerückt wird, das was also der Autor und das Plakat sehen, das in einem Film sichtbar zu machen, dürfte wohl kaum gelingen, wenn man sich, wie Baz Luhrmann, von der Überfülle an handwerklich Replizierbarem und in Zahlen von Stoffmetern und Darstellern und Kilowatt Messbarem verleiten lässt.
Der Storyfaden ist, wie es sich fürs Hollywood auch der 50er Jahre gehört, aufs Feinste herausgearbeitet. Der Autor Nick, der das alles beschreibt, kommt zufälligerweise in einer kleinen Behausung direkt neben dem Palais, das der große Gatsby bewohnt, zu wohnen und wird so unmittelbar in die Geschichte hineingezogen. Diese dürfte ihn arg mitgenommen haben, denn die Rahmengeschichte, die allerdings nur einen Anfangsrahmen abgibt und am Schluss nicht mehr vorkommt oder vielleicht erst am Ende des Abspannes, ich musste dann jedenfalls meine Augen vom sehr anstrengenden 3D erholen, das auch immer wieder bei Überblendungen zu verwirrenden Unschärfen führt, diese angeschnittene Rahmengeschichte findet im Perkins Sanitarium statt. Hier wird Nick von einem Arzt befragt, wie das denn alles gewesen sein.
Über diesen Halbrahmen wird auch der Zuschauer in die Geschichte hinein geführt. Nick erwähnt die unerschöpfliche Fülle, diese Vielfalt des Lebens, deren er ansichtig geworden sei; der Film allerdings dürfte den Begriff der Fülle als Ausstattungstipp deutlich missinterpretiert haben; was war die Fülle des Lebens, die Vielfalt, die den Autor Nick so mitgenommen hat? Eher nicht eine zudröhnende Ausstattungsorgie in 3D.
In der Filmrealität erscheint Gatsby wenig geheimnisvoll, obwohl er doch vom Text her genau dies sein soll. Die Begründung hingegen, weshalb er seinen Partyladen am Laufen hält, die wird akkurat gegeben. Es ist Daisy, die er vor fünf Jahren kennen gelernt hat, in die er unsterblich verliebt ist. Sie hat aber, da sie gegen Reichtum nicht unsensibel ist, den reichen Tom Buchanan geheiratet hat. Sein Prunkpalazzo steht am Ufer einer Bucht. Genau gegenüber hat Gatsby den seinigen hingestellt oder gekauft. Er sieht das grüne Licht vom Buchananbau. Es ist der Sehnsuchtspunkt für Gatsby, in dessen Kleidern Leonardo di Caprio steckt. Die Geste, die diese Sehnsucht anfangs und Ende des Films am Pier vor seinem Palast ausdrücken soll, die wirkt allerdings schlicht überdeutlich langsam statt irgendwie geheimnisvoll.
Auch Gatsbys Selbstdarstellungen, seine Erzählung aus seiner Vergangenheit, sind nicht geeignet, ihm Geheimnis einzupflanzen, dass er aus ärmlichsten Landarbeiterverhältnissen stamme – und der Film entblödet sich nicht, auch das noch zu illustrieren -, dann Gatsbys fabulierte, fantastische Kriegsvergangenheit im ersten Weltkrieg in Deutschland und dass er sogar mit dem Kaiser Wilhelm verwandt sein will.
Die Story reduziert sich letztlich auf eine simple Rivalitätsgeschichte, Dreiecksgeschichte, die weiter nicht von Belang scheint, wie es Dutzende, ja wohl Hunderte oder gar Tausende gibt und wie sie sicher schon subtiler und raffinierter und nicht so staatstheaterlich altmodisch, mit filmstudiohaft künstlich ausgeleuchteten Stars gezeigt worden ist und wie sie mit einem modernen Kino, was dem Heute-Menschen unter die Haut gehen könnte, nicht viel zu tun hat.
Gerade auch Glasscheiben, zum Beispiel in offenen Luxuswägen, führen dank der 3D-Brille immer wieder zu irritierenden Effekten, die dem Reiz oder Verständnis der Geschichte keineswegs hilfreich sind, die lediglich die Augen mit zusätzlichen Anstrengungen belasten. Stars fast wie aus dem Wachsfigurenkabinett und aus einer anderen Zeit, das wird durch 3D noch stärker hervorgehoben.
Nick, Tobey Maguire, hat den dankbarsten Part, der natürlichste, der die Geheimnisse von so vielen Leuten anvertraut bekommt.
Ein Hollywood-Schinken mit modernster Technik, der glaubt, der im Roman so scharf beobachteten und analysierten Abwesenheit von Metaphysik mit simplem Verzicht auf Metaphysik Genüge getan zu haben; vermutlich ein teurer Irrtum. Oder vielleicht der Versuch, die Kunst jahrmarktgängig zu machen.
Diese Abwesenheit der Metaphysik, vor allem jedoch die Abwesenheit eines Hinweises auf diese Abwesenheit, Abwesenheit also qua Nichtvorhandensein statt qua Abwesenheitsmeldung zeitigt die schwerwiegende Folge, dass die Wiedersehensszene zwischen Gatsby und Daisy, die Nick in seinem schnuckeligen Häuschen arrangiert, sich aus der Not der doppelten Abwesenheit der Metaphysik mit metaphysikfreiem Kindertheater und Kicherkino behelfen muss und Nick eher als einen plumpen Kuppler denn einen sensiblen Beobachter aussehen lässt.
Ein sonderbarer Schnitt, wie Gatsby aus Wut eine kleine Schirmlampe zu Boden schleudert, erst greift er sie, dann fällt sie mitten aus der Luft weiter.
Diese Leere an Inhalt, dieses Überaugenmerk auf den Augenschmaus führt gezwungenermaßen dazu, da ja keine psychologische Figurführung angestrebt war, sondern Ausleuchten der Stars, und wenns passt mit viel Glycerin für langhaltende Tränen, müssen emotionale Auseinandersetzungen auch immer einen Tick zu laut, zu theatralisch sein. Aber Gott sieht alles. Er wird sich auch mit so einer Schmonzette abfinden können. Denn die Vielfalt nicht nur an menschlichen Wesen, auch an möglichen Kinofilmen ist unendlich, auch wenn ein heutiger Film nur wie eine nach einer längst vergangenen Kinozeit lechzende Replik erscheinen mag.
Dank 3D, Computeranimation und Kameras, die wie ferngesteuerte Flugzeuge den Raum durchpflügen und queren können, auch in rasendem Tempo, wirkt dieser bombastische Film, als ob man mit einer Zeitmaschine in...
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