Archiv für die Kategorie: “Review”

Ach, was sind die beim Bayerischen Fernsehen unflexibel, in diesem Fall Autorin und Regisseurin Birgit Eckelt unter der redaktionellen Aegide vom Christiane von Hahn.

Sie planen Lebenslinien zu einer der sicher besten bayerischen Schauspielerinnen mit dem Wenigsten an Stargetue, zu Ilse Neubauer. Denken sich aus, was sie dabei machen und zeigen und recherchieren können, denken sich aus, dass sie einen Sprecher brauchen, der kommentierende Texte spricht, denken sich aus, dass sie zu dem Haus in den Bergen fahren, in welchem Ilse als Kind mit ihrer strengen Mutter, der bösen, älteren Schwester und dem kaum vorhandenen Vater eine Zeit lang gewohnt hat.

Sie fahren in ein Internat in die Schweiz, in welchem Ilse einen Teil der Schulzeit verlebte, suchen die Freundin Petra Perle in ihrem kuscheligen Wollladen auf, ist ja nicht unsympathisch, lassen den Kollegen Gert Anthoff über sie reden, den BR-Regisseur vom misslungenen falschen Siebziger, ihren eigenen Sohn auch, der soll doch seine Fotokunst präsentieren können.

Sie hecken aus, dass sie Ilse im Garten ihres Hauses in der Ludwigsvorstadt zeigen, beim Radeln durch die Stadt, am Bahnhof, in einem Kiosk, wühlen in Fotoalben von Ilse, picken sich, wohl nicht mit allzuviel Arbeit verbunden, einige Szenen aus Filmen heraus, sind bei ihrer Geburtstagsfeier im Hinterhof-Pflanzenasyl dabei, so glauben sie, ordentliche und typische „Lebenslinien“ herzustellen.

Dann interviewen sie sie noch direkt in die Kamera. Lassen sie erzählen. Da stellt sich heraus, was für ein direkter Mensch Ilse Neubauer ist, wie sprudelnd sie erzählen kann, wie gerade heraus sie über die Zustände in ihrer Familie berichtet, über ihre eigene Entwicklung, wie spannend sie schildern kann; da müssten doch die Filmemacher und die Redaktion aufgehorcht haben, müssten gecheckt haben, dass all der brave, öde Beifang drum herum verblasst, den sie schulisch gedankenlos produziert haben, und dass dieser den Eindruck der Lebenslinien verwässert, dass es vollauf genügt hätte, Ilse erzählen zu lassen, ohne jeden Kommentar drüber, Fotos einblenden, zwischendrin einige markante Filmausschnitte; aber nee!, die Fernsehleute in ihrer bornierten Dusseligkeit bemerken nicht, was für ein Goldstück sie vor sich haben, arrondieren es mit Blech, schieben Dienst nach Vorschrift, peinlich und unverzeihlich, versauen sich ihr Juwel.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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In diesem Film von Yanillys Pérez aus der Dominikanischen Republik geht es um den Traum von Jeffrey (Luis Manuel Aguilo).

Jeffrey wohnt mit seiner Mutter und vielen Geschwistern in einer armen Siedlung am Rande von San Domingo. Diese Stadt wird immer wieder durch sanften Drohnenflug in ihrer Gesamtheit zu sehen sein. Dann senkt sich der Fokus wieder auf die Einfalls- und Ausfallsstraßen.

Wenn der Verkehr stockt oder steht, werden die Fensterputzer aktiv. Jeffrey ist einer von ihnen, der den Autofahrern die Windschutzscheiben reinigt. Er macht das mit Eifer und großer Konzentration, so sorgfältig, wie er alles in seinem Leben angeht.

Mit dieser selbstständigen Arbeit trägt er zur Miete für die schäbige Hütte bei, in der das Leben der Familie stattfindet. Jeffrey ist 9. Sein älterer Bruder Jeyson (Jeyson de la Cruz) ist Reggaeton-Sänger, das ist so etwas wie Hip-Hop oder Merengue.

In seiner freien Zeit übt, singt und tanzt er. Sein Traum ist es, in einer Talentshow am Fernsehen aufzutreten.

Vermutlich nicht ganz ohne Hilfe des Filmteams um Yanillys Pérez, leichter Eingriff des Dokumentaristen, schafft er es gegen Bedenken in die eine oder andere Show. Das sind Höhepunkte.

Ein kleiner Handlungsstrang ist die Entführug des Zwillingsbruders Mello von Jeffreys kleiner Schwester Mellam, denn Vater Pedro ist eines Tages einfach abgehauen mit dem Jungen.

Mello guckt verdutzt, wie sie ihn holen; er ist überrascht, auch über das Filmteam, wirkt verschüchtert, fängt aber bald selber an zu singen und zu tanzen, angeleitet von Bruder Jeffrey.

Mit Jeffrey ist der Regisseurin ein Glücksgriff von Casting gelungen. Er ist ein optimistischer Juge, scheint schon über unendlich viel Weisheit zu verfügen, er trägt Verantwortung; witzig ist er dazu und es ist ihm gut zuzuhören, wenn er seine Songs vorträgt und dazu tanzt.

Jeffrey ist auch ein Träumer, kann sich auf die Erde legen und in den Himmel hinaufträumen oder, das ergibt romantisch poetisch Bilder, er steigt auf einen Baum mit dickem Stamm und ebensolchen Ästen, der selbst wie ein Denkmal aussieht und träumt.

Yanillys Pérez vermeidet es, aus der Story einen Kitsch zu machen, was nach dem Fernsehauftritt naheliegend wäre. Aber da ist auch der Charakter von Jeffrey davor. Nach der Show findet Jeffrey sich wieder in der Shanty-Town-Realität.

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Variation zum in Lateinamerika häufig verhandelten Thema des Gegensatzes von Arm und Reich.

Drei Gören aus einer Favela, gerade mal 13 Jahre alt, eine bereits schwanger, Avi, Cindy und Estefany, haben die Nase voll von ihrer Zukunfts- und Hoffnungslosigkeit unter ihren armseligen Lebensbedingungen.

Sie entwickeln einen Sport daraus, in bessere Wohnquartiere einzudringen, schicke Hochhauswohntürme zu betreten oder über Balkone einzusteigen und sich in den Wohnungen der Wohlhabenden gütlich zu tun.

Sie probieren Kleider und Parfüms, fläzen sich in elegante Sitzgruppen, genießen den Ausblick, sind fassungslos und begeistert und werden schier süchtig, dies immer und immer wieder zu tun.

Sie haben keine Hemmungen, denn sie wissen, dass sie noch nicht strafmündig sind, haben allerdigs etwas Schiss vor den Heimen, in die sie allenfalls gesteckt würden.

Eines Tages werden sie erwischt werden und machen als „Ninas Arana“ Furore in den Medien. Sie gelten ab jetzt, weil sie wie die Spinnen über die Balkone in die Wohnungen eindringen, als die Spinnen-Mädels, in etwa die Übersetzung des spanischen Titels dieses Filmes von Guillermo Helo.

Auch müssen sie sich jetzt mit ihrer Bekanntheit auseinandersetzen, die nicht überall in der Favela auf Begeisterung stößt.

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Mit den Waffen einer Frau.

Diktaturaufarbeitung auf Chilenisch, fiktional und mit den Mitteln einer neugierigen, faszinierend direkten und anmacherischen Frau, bei der man nie weiß, wie bewusst sie ihre Mittel einsetzt oder ob sie intuitiv von ihnen geleitet wird. Insofern bleibt beim diesem Film von Marcela Said einiges offen.

Mariana (Antonia Zegers) ist diese charmant und doch listig guckende, verführerische Hauptfigur, die mit ihrer Zielbewusstheit die Menschen in ihrer Umgebung irritiert, erst recht, wenn es um Liebesdinge geht. Sie ist noch jung, aber nicht mehr blutjung. Sie ist die Tochter eines Forstbesitzers und verheiratet. Das mit dem Nachwuchs funktioniert nicht. Sie ist in ärztlicher Behandlung. Sie nimmt Reitstunden.

Bei einem Empfang zuhause ist auch ihr Reitlehrer Juan (Alfredo Castro) eingeladen. Ihr Vater spricht ihn als Oberst an. Die Diktaturvergangenheit meldet sich.

Mariana wird neugierig. Sie verliebt sich in den Reitlehrer und fragt ihn direkt, was es mit diesem Titel und mit der Zeit in der Diktatur auf sich habe. Sie fühlt ihm ohne Betäubung auf den Zahn.

Es ist ein faszinierendes Spiel, das sie mit ihm treibt, vielleicht gar ein verschlagenes. Sie rührt bei ihm an tief vegrabene, wunde Punkte, verdrängte Geschichten selbst beim idyllischsten Picknick.

Die Reitstunden in der hochbedachten, halboffenen Reithalle geben schöne Kinobilder ab.

Mariana liebt und verehrt ihren Papa. Bei ihm wird es schwierig für sie, kritisch zu sein. Denn auch der Vater wir in einen Zusammenhang mit dem Verschwinden von Menschen gebracht, wenn auch der Reitlehrer offenbar stärker daran beteiligt war. Der Vater hat LKWs an den Oberst verliehen. Er will nicht gewusst haben, was damit getan wurde.

Den Vater als Mittäter zu sehen, das will Mariana in ihrer kühnsten Fantasie nicht wahrhaben. Ihre Mischung aus Naschkatze, wie sie einmal genannt wird, und aus einem Schuss verschlagener Direktheit im Blick, vielleicht sogar Kalkül eines zuschlagenden Raubvogels, macht sie zu einer selten zu sehenden Kinofigur, erst recht im Zusammenhang mit der Diktaturaufarbeitung.

Die titelgebende (Los Perros = Die Hunde) Hundesymbolik spielt durchgehend eine Rolle, ist vielleicht etwas dick, aber im Ölgemälde vom Mädchen, das dicht umringt von einem Rudel Hunde ist, kulminiert sie zu sinistrer Virtuosität.

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Adriana ist die Tante der chilenischen Filmemacherin Lissette Orozco.

Tante Adriana ist die Mondäne in der Familie, Idol und Vorbild für Lissette immer gewesen. Adriana war nach Australien ausgewandet; wenn sie nach Chile zu Besuch kam, wurde sie von der ganzen Familie am Flughafen abgeholt und begrüßt wie ein Staatsgast.

Sie ist eine Mittelpunktsperson, unterhaltsam, wortgewandt, weltläufig, aufregend. Es gibt Gerüchte, dass sie mit der berüchtigen DINA, einer geheimen Foltertruppe der Pinochet-Diktatur in Beziehung gestanden habe; aber das konnte ja nicht sein.

So fängt Lissette Orozco an Material zu sammeln, um einen Film über diese großartige Tante und zu deren Verteidigung zu machen.

Vielfältige Recherchen, auch Befragungen früherer Arbeitskolleginnen von Adriana erschüttern allerdings nach und nach diese Verteidigungshaltung der Filmemacherin. Die Sichtung des Materials führt dazu, dass sie die Position der Verteidigerin der Tante gegen die Rolle einer neutralen Filmemacherin eintauscht, um die Dokumentaristen-Ehre nicht zu gefährden.

Das erzählte Lissette Orozco anlässlich der Präsentation ihres Filmes bei der Pantalla Latina im Kino Rex in St. Gallen. Denn was sie bei den Recherchen zu Tage förderte, das stellt das humanistische Menschenbild in Frage, lässt Abgründe erahnen, die niemand wahr haben möchte.

Von den lateinamerikansichen Diktatur-Aufarbeitungsfilmen ist das sicher einer der härteren, weil er so persönlich ist, aber nicht von einer vorsätzlichen Anklagehaltung ausgeht.

Erst wird plausibel nachvollziehbar geschildert, was der Reiz für die junge Adriana in den 1970er-Jahren war, sich in die Geschichte hineinziehen zu lassen. Und es gibt plausible Schilderungen, wie der Apparat vorgegangen ist, dass ein Aussteigen praktisch unmöglich wurde genauso wie ein Ausplaudern der Dinge. Ein Verschweigmechanismus, der offenbar Jahrzehnte über die Untaten hinaus funktioniert.

Ein schmerzhafter Film gegen die Amnesie. Da Adriana die australische Staatsbürgerschaft hat, dürfte es alledings schwierig werden für Chile, die beantragte Auslieferung durchzusetzen.

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Das Kino ist eine Falle und die Globalisierung ebenso. Das bekommt Xiaobin (Xiaobin Zhang) alias Beatriz zu spüren. Das Schicksal (oder die Dramaturgie) spült sie unvorbereitet und unvermittelt von China nach Buenos Aires in Argentinien.

Dort lebt ihre Familie und betreibt eine Wäscherei. Xiaobin spricht kein Wort Spanisch. Sie erleidet trocken-lakonisch die Engpässe, die Nichtbeherrschen einer Sprache und Nichtkenntnis einer fremden Welt bereithalten, lauter Fallen beim Job, beim unvermittelten Heiratsantrag des Inders Vijay (Saroj Kumar Malik) und bei der eigenen Familie, die glaubt zu wissen, was das Beste für ihr Glück ist.

Die oft erheiternden Dialog stammen aus einer Anfänger-Spanisch-Lektion.

Zum Glück gibt es auch die Behandlung des titelgebenden Futuro Perfecto, die vollendete Zukunftsform, die weitet die Möglichkeiten von Spielszenen für den Film lustig aus, nach dem Motto, was wäre, wenn ich den Inder heiratete oder wenn nicht, wenn ich getan haben werde, was meine Familie wollte.

Nele Wohlatz, die Autorin und Regisseurin, spielt das so trocken wie eine Schullektion durch und tut so, als wären da überhaupt keine Fallstricke und unterhält den Zuschauer, als sei keine Hinterlist im Spiel.

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Die erklärte Intention des Filmemachers Alonso Ruiz Palacios ist laut Festivalpräsentation das Porträt von Ariel.

Ariel ist ein Geldtransportfahrer, seine Frau ist schwanger.

Während seine Kollegen den gepanzerten Geldtransporter zur Ausführung eines Auftrags verlassen, studiert Ariel hinterm Steuer Ultraschallbilder seines ungeborenen Kindes. Ein Systemausfall lässt ihn die Möglichkeit eines Geldraubes erwägen.

Faktisch jedoch schildert Palacios gänsehauterregend die Blase, in die solche Security-Leute hineinsinken, die Isolation, die sie in ihrer Waffen- und Panzerwagenwelt weltfremd und wirklichkeitsabgehoben inhuman werden lässt, den über sie hereinbrechenden Realitätsverlust, der zu fürchterlichen Exzessen in undemokratischen Systemen führen kann und auch in Lateinamerika vielfach geführt hat; da zeugen nicht zuletzt die vielen Aufarbeitungsfilme davon. Insofern kann dieser Film als ein Mosaikstein im wichtigen Genre der Diktaturaufarbeitungsfilme gesehen werden.

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Ein Plakativ- oder Appellativfilm zum Thema Mobbing von Jurek Jablonicky Pineda aus Honduras.

Fernando (Cristhian Lazo) ist ein wunderbar tänzerischer junger Mann. Mit der fließender Bewegung eines schnellen Ganges saugt er sich gleich in das Auge des Betrachters. Er trabt lange in harmonisch-leichten Bewegungen auf dem Weg zur Schule.

Kurz davor setzt er sich und tauscht sein Tanz-Schuhwerk gegen gewöhnliche Straßenschuhe, wie sie zu seiner Schuluniform passen. Er nähert sich dem Eingang.

Von den Mitschülern wird er sofort und unisono gemobbt, mit blöden Sprüchen überzogen. Klar, wer Tänzer ist, ist sowieso eine Schwuchtel.

Das Einzige, was der Lehrer tun kann, ist, ihm zu raten, sich zu wehren.

In kinostenographischer Kurzschrift schneidet Pineda jetzt, wenn es der Lehrer schon nicht richten kann, ausgestellte Mobbingszenen mit vollkommenen, in sich gekehrten Tanzszenen von Fernando in der Turnhalle in betörendem, leicht nebeligem Gegenlicht. Tanzzauber gegen Mobber.

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Resozialisierung?

Nach einem längeren Gefängnisaufenthalt in der bürgerlichen Welt wieder an- und unterzukommen ist ein schwierig Ding.

Nicht leichter wird es, wenn man darnach als Tagelöhner versucht, sich durchzuschlagen.

Und auch nicht leichter wird es, wenn Manuel, der in diesem Film von Mauricio Corco Espinoza aus Chile die Hauptrolle spielt, bei einem Stricher unterkommt.

Und auch nicht leichter ist es, wenn so einer nach seiner ihm kaum bekannten Tochter sucht, die auch schon 27 Jahre alt ist und ein Kind hat.

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Repetitions- und gleichzeitig Befreiungs (oder auch Verinnerlichungs?)übung von Roberto Porta aus Argentinien.

Abwerfen der Fesseln der Kinoregeln, die an einer Filmschule gelehrt werden. Die Vorschriften humorvoll übertreiben oder sie ins Gegenteil verkehren, um zu zeigen, dass man sie längst kapiert hat (halten die uns Studenten für blöd?).

Miniatur oder eine lateinamerikanische Minivariante zum Film „Manifesto“, der bei uns bald ins Kino kommt. Denn nur wer die Gesetze über das Filmemachen reflektiert, wird sie smart anwenden können, ohne dass sie noch als Regeln erkennbar wären.

Bombardiert das Regelsystem, treibt es auf die Spitze!

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