Archiv für die Kategorie: “Review”

Eine nicht ganz konventionelle Hommage ans franzöische Chanson, an den Chanson-Schreiber Michel Sardou und was Musik alles bewirken kann.

Eine Geschichte aus der französischen Provinz, in der es keine Grautöne, nur helles, freundliches Licht gibt. Das Rührpotential dieser Geschichte von Victoria Bedos, die mit Stanislas Carré de Malberg auch das Drehbuch geschrieben hat und das Eric Lartigau inszeniert hat, begründet sich im Konstrukt, dass in einer französischen Bauernfamilie in der Provinz Lassay, die Viehzucht betreibt und Käse auf dem Markt verkauft, Vater, Mutter und kleiner Bruder alle taubstumm sind. Nur Tochter Paula ist nicht gehörlos, sie hat sogar eine bemerkenswerte Stimme, die direkt darnach schreit, entdeckt zu werden.

Durch die Besetzung der Rolle der Paula mit der blickmagnetisierenden, verheißungsvollen Nachwuchsdarstellerin Louane Emera kann der Film sein Rührpotential voll ausschöpfen. In einem Moment, in welchem sie ein Lied singt, erinnert sie an die junge Catherine Deneuve … und die Vergleiche könnten beliebig fortgesetzt werden.

Die Entwicklung der Geschichte wird flüssig und zügig erzhält, der Zuschauer bekommt alles mit, was nötig ist. Es gibt Komplikationen hinsichtlich der Entedeckung der großen Stimme, denn der Vater will als Bürgermeister für die Gemeinde kandidieren; dazu glaubt die Famile, braucht sie Paula als Hilfe und Dauerübersetzerin.

An der Schule wird im Gesangsunterricht für ein Chorkonzert geübt. Gleichzeitg will Gabriel, ein Junge, der von einem Konzertmanager abstammt und nur wegen der kaputten Verhältnisse zuhause bei seiner Großmutter in der Provinz aufwächst, sich in Paris für eine berühmte Musikschule als Sänger bewerben. Bei einer Chorprobe fällt dem Musiklehrer, der selber auch von der großen Stadt träumt und sein Talent in der Provinz versauern sieht, Paula auf. Er will mit ihr und Gabriel ein Duett einüben. Paris ist in der Provinz immer ein Fixpunkt.

Bis zum schönen Ende in Paris wird es noch wunderbare Gesangseinlagen geben, die erste Menstruation, Liebesgefühle, familiäre Konflikte von Paula, die ihr Potential spürt aber auch die Verpflichtung der Familie gegenüber. Das erzählt uns Eric Lartigau wunderbar mundgerecht, leicht verdaulich zum vollen Genusse einer schönen Geschichte.

Wer selber mit solchen Chansons seine Erlebnisse hatte, der wird dem Sog dieser Geschichte nicht widerstehen können. Als schönes Symbol, Beispiel, was passieren wird, kommt zur Einführung in einer Spanisch-Lektion die Geschichte von Sancho Panza und den Windmühlen, die er als Monster gesehen habe, vor; dabei wirken die Windmühlen hier eher wie Energizer, im übertragenen Sinne.

Bemerkunge des Musikleherers: aus der Garnele kommt kein verünftiger Gesang. Dass ich zwei weitere Jahre damit verbringen muss, einen Chor aus panierten Schnitzeln zum Singen zu bringen.

Einen umweltschützerischen Impetus hat der Film auch: der Vater von Paula will das Amt, weil der jetzige Inhaber, auf Kulturland ein Einkaufszentrum errichten lassen will.

Die Geschichte flutsch so leicht und schön, dass man sich auch ganz schnell an die deutsche Synchronisation gewöhnt, wie Ohrschmalz.

Je vol, je vol … Eric Lartigau bringt das Kino zum Fliegen oder wenigstens den Zuschauer…(eine Erweckungsgeschichte gekoppelt mit dem Coming of Age). La maladie d’amour.

Kinomagie: wie im Schul-Konzert beim Duett ganz diskret der Ton plötzlich auf eine Tonwahrnehmung umgeschaltet wird, wie sie die schwerhörigen Béliers haben dürften, die gebannt im Publikum sitzen.

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Ein weiterer Krankheitsfilm. Ein weiterer Alzheimerfilm. Ein Film, der vielleicht mehr über das Verhältnis der amerikanischen Kultur und Kinokultur zu Kranheit und Tod erzählt, als dass er Dokument über einen Krankheitsverlauf sein will; was er selbstverständlich auch ist; aber das wird durch die Art, wie die Krankheit und die Patientin amerikanisch mit viel Gefühl umfangen, fast gefeiert, zelebriert wird, weitgehend neutralisiert. So dass keine Sekunde lang das leiseste, unangenehme Betroffenheitsgefühl aufkommen kann. Ein Film von Richard Glatzer und Wash Westmorland nach dem Roman von Lisa Genova.

Diese Überfülle an Gefühl und Hingabe, mit der sich die Amis so ein Schicksal vornehmen, wirkt, als ob sie es gleichzeitig von sich wegschieben wollen. Erinnert daran, wie sie mit ihren Toten umgehen, wie die noch geschminkt und hergerichtet werden, wie zu einem großen Abschiedsfest.

Und so eine Art Fest scheint mir dieser Film zu sein. Getragen wird er vom nicht kleinzukriegenden Charme von Julianne Moore. Sie spielt hier die Patientin. Sie ist eine erfolgreiche Dozentin in Linguistik. Sie wohnt mit ihrem Mann, auch er ein Professor, in New York. Sie haben drei Kinder. Familie ist wichtig. Mit 50 machen sich bei ihr die ersten Aussetzer bemerkbar. Die Krankheit bahnt sich ihren Weg und allmählich müssen Familie und Öffentlichkeit eingeweiht werden.

Frühzeitig will Alice Howland, so heißt Julianne Moore hier, einem endlosen Siechtum den Riegel vorschieben. Sie will auf Nummer sicher gehen. Mit einer im Laptop gespeicherten Anleitung, wie aus welcher Schublade welche Pillen nehmen und wie diese schlucken, um ihrem fortschreitenden Siechtum rechtzeitig den Riegel mit dem Freitod vorzuschieben.

Krankheitsgeschichte in amerkanische Emotionalität verpackt und mit einem Musiksound begleitet, der das Thema ernst anspricht. Der bitterste Satz in all der Watte ist vielleicht der von Alice, sie wünschte, sie hätte Krebs. Das ist der Vorgang, der doch deutlich zum Ausdruck bringt und den Zuschauer beschäftigen dürfte, wie es ist, wenn ein Mensch seine Erinnerung verliert, die doch seine Geschichte und seine Identität ausmacht.

Wie Alice in einem fortgeschrittenen Zustand der Krankheit vor der Alzheimer-Gesellschaft ein Referat hält mit ganz speziellen Tricks, und mit dem Kernsatz, dass sie nicht leide, sondern kämpfe, das zeigt am deutlichsten, wie Amerika und wie dieser Film mit so einer traurigen Realität hingebungsvoll emotional umgeht. Da ist kein weiter Weg zum Zeremoniell einer Oskarverleihung.

Zur Weichheit des Films trägt auch fortdauerndes Geplaudere und Geplappere bei, als wolle sich der Film versichern, dass er noch lebt, dass er noch da sei, dass es Alice noch gebe. Ein später Schmerzmoment im Film, wie sie als frische Oma die neugeborenen Enkelkinder in der Klinik besucht. Da ist die Sorge der Eltern, ob Oma noch imstande ist, so ein Neugeborenes in Händen zu halten. Knifflig. Anrührender Abschiedstext von Tochter Lydia, Kristen Stewart, über das Fliegen, die Tropopause und die Seelen, denen sie dort begegnet sei.

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Doku über den Präsidenten von Uruguay, Pepe Mujica; dessen Amtszeit eben jetzt endet.
Er war Revolutionär. Er sass lange im Gefängnis. Er glaubt noch an einen Fortschritt der Menschheit. Er lebt als einfacher Bauer. Er baut mit seiner Frau Blumen an. Manchmal fährt er Traktor. Für sich persönlich hat er zwei alte VW-Käfer in einem Blechunterstand.

Jetzt ist er Präsident. Die Dokumentaristin Heidi Specogna begleitet ihn über den Zeitraum der Gesetzgebung zur Regulierung von Anbau und Handel mit Marihuana; diese ergibt den sporadischen Faden einer Erzählung in diesem bemerkenswerten Präsidenten-Portrait.

Pepe ist leidenschaftlicher Philosoph. Hinter dem Präsidentenpult mit dem vielen Papier drauf schaut er etwas resigniert. Er spendet einen Teil seines Einkommens für die Armen. Er will Hilfe zur Selbsthilfe fördern. Er will den Armen nicht Fische schenken, sondern Angelruten, damit sie selber Fische fangen können. Er spielt den Pomp zwar mit. Aber er hat keine Lust mehr zu reisen. Sein Außenminister löchert ihn jedoch ständig. Pepe sagt, im Alter ist man am liebsten zuhause. Er wird am 20. Mai dieses Jahr 80.

Selbst als Präsident tritt er einfach gekleidet auf, wenn nicht gerade das Protokoll mehr verlangt. Kaum je eine Krawatte. Bei einem Staatsbesuch in Berlin wirkt die Berliner Republik noch mit Christian Wulff als Staatspräsident und Wowereit als Bürgermeister von Berlin wie ein riesiger, aufgeblasener Popanz. Aber auch den Berlinern sagt er seine Weisheit und warum er gekommen sei.

In manchen Dingen ist Uruguay ein sehr fortschrittlicher Staat. Die Gefahr, dass Pepe noch abhebt, besteht kaum. Man sieht ihn mit Obama, der ihn bewundert. Eine berühmte Popgruppe überreicht ihm eine signierte Gitarre. Er macht den Staatspomp mit, der aber in Montevideo im Vergleich zu Berlin bescheiden ist. In so einem großen Auto wie in der Berliner Staatskarrosse sei er noch nie gefahren, sagt er Frau Merkel, die auf so einen Satz von einem Staatsoberhaupt nicht vorbereitet ist.

Pepe komme sich vor wie ein Erdklumpen mit Füßen, meint er. So ein konkreter Mensch, der auch über die Liebe und den Halt, den sie ihm gibt, spricht, wäre noch an vielen politischen Positionen wünschenswert. Er sagt, ein bisschen machen sie ihm das Leben schwer. Auch gibt es Probleme mit Argentinien.

Der Film konzentriert sich auf die Marihuana-Story. Er will sich sowieso nicht wie Wikipedia aufführen und eine Masse an biographischen Daten liefern. Ein bisschen mehr hätte es sein können, wer ist diese Frau mit dem Hüftleiden, die die drittwichtigste Position im Staate innehat, die Pepe den Amtseid abgenommen hat und die ihm zuhause einen Mate-Tee auf die Sitzbank serviert? Die Frau mit dem schlohweißen Haar. Es ist aber nicht die Frau, mit der er zusammenlebt und Blumen züchtet, die sie auf dem Markt verkauft?

Pepe ist ein versierter Redner vor großen und kleinen Auditorien. Er spricht für das Abenteuer der Selbstverwaltung, warnt vor den Gefahren des Kapitalismus mit seiner Hektik, seinem Tempo, dem Druck, den er macht. Und er weiß, wenn er eine Siedlung mit Häusern für Frauen mit vielen Kindern eröffnet, dass das noch nicht das gute Leben garantiert, dass das nur ein Hilfsmittel sein kann. Man möchte diese Häuser in einigen Jahren wieder sehen.

Zwischendrin singt ein Fischer am Hafen ein argentinisches Lied und einmal schiebt der Präsident zuhause eine DVD mit einem Tango in den Player und sinniert darüber, dass dieser nur für ganz intime, kleine Kreise geeignet sei.

Er weiß, dass das Abenteuer Sozialismus noch nicht am Ende ist, dass er immer wieder neue Wege gehen muss. Erregend auch die Szene, wo er eine moderne Einkaufsmall betritt und mit einem Begleiter zu erurieren sucht, wo hier an welcher Stelle welche Zellen des früheren Gefängnisses gewesen sei, in dem er jahrelang eingesperrt war.

Pepe Mujica sieht sich als Soldat des Lebens, fast wie ein Prister, das hat er den Berlinern mit auf den Weg gegeben. Wie aufgeplustert dagegen doch unsere Politiker wirken, die zwar Bescheidenheit gewiss auch für eine Zier halten, jedoch der Meinung sind, weiter kämen sie ohne ihr – und daher ständig nur um ihr Pöstchen Angst haben, statt sich auf die wichtigen Dinge einer gerechten Gesellschaft zu konzentrieren.

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Die Mannwerdung kann eine harte Sache sein, besonders in voraufklärerischen Zeiten, die vollgestopft sind mit Bildern von Hexen und Riesen und Ungeheuern und Zauber und Magie und Aberglauben und Glauben an Bestimmung.

Besonders hart wird die Mannwerdung, wenn der Lehrmeister Master Gregory heißt und von Jeff Bridges gespielt wird und wenn für die Leinwandzudröhnung der Russe Sergey Bodrow zuständig ist, dessen Rezept für diesen metaphysischen Faschingsauftrieb nach dem Motto “SciFi“ das Drehbuch von Charles Leavitt, Steven Knight, Matt Greenberg nach dem Roman von Joseph Delaney (inspiriert) ist.

Der Auserwählte, also der Siebte Sohne eines Sohnes, heißt Tom Ward (Ben Barnes) und kann selber der Sohn einer Hexe sein, die wiederum von einer anderen Hexe abstammt. Gigantisch über allen Hexen thront Julianne Moore in genretypischem Hollywoodkostüm als Mother Malkin.

Was Hexen sind, muss in diesem Film verbrannt werden. Aber die wissen sich zu schützen. Sie haben auch ihre Tricks auf Lager, Verwandlung in fliegende Drachen und dergleichen und sie werden dabei hingebungsvoll von den Animationsspezialisten und den Special-Effects-Göttern am Computer unterstützt.

In regelmäßigen Abständen finden Kämpfe von ungleichen Gegnern statt, Ausbau früherer Ritterkämpfe dank Postproduktion, Schwertkämpfe, Kettenkämpfe oder mit glühenden Eisen. Es gibt ein Pulver, das man godzillagroßen Gegnern ins Gesicht streuen muss, um sie zu irritieren.

Ständig geht es ums Überleben. In den Atempausen zwischen den Kämpfen gibt es die reine, mythische Natur, den mythische Wald, den See, das Bergpanorama als Ausgleich zu den Fantasiestädten und imperialen Stadträumen wie sie nur an nimmersatten Computern generiert werden können.

Dass Tom ein Auserwählter ist, zeigt sich in den Prüfungen; es heißt, alle Lehrlinge vor ihm hätten die Lehrzeit nicht überlebt. Herr Ward wird es. Und, erstaunlich, er wird ein ganz ein anständiger Mensch werden, mit einer kleinen Hütte in reiner Natur und einem Garten, einer Idylle im Sinne von Voltaires „soigner son jardin“.

Vielleicht wollen junge Männer mit solchen Bildern zugepupst werden, wo es hauptsächlich ums Überleben, ums Siegen, ums Meistern geht, um Stärke und Kraft (und Zielpublikum dürften genau jene sein, die privat dem Traum vom Schrebergarten hegen).

Was dieser Film an Bildern aus einem voraufklärerischen Fundus an Visionen, Spuk, Berufung, Aberglaube, Schicksal, bösen Geistern, apokalyptischem Reiter auffährt, wirkt wie ein metaphysischer Fasching und die Lehre, dass die Verführung durch die Frau für einen Helden das Gefährlichste ist, die kennen wir aus der Odyssee. Immerhin: Verrat ist eine Sünde. Moral: Lebe Dein Leben, Dein Schicksal.

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Ein leichtes, kammerspielartiges Konversationsstück, das anhand von nicht immer ganz realistischen Situationen, Themen von Treue, Liebe, Verrat, Ablenkung und Diebstahl und ganz kurz auch noch ein Vaterproblem mit einem munteren Facelift-Ensemble anregend ventiliert.

Glenn Ficara und John Requa haben das Buch geschrieben und die Regie geführt. Für die Hauptrollen haben sie Will Smith als Nicky und Margot Robbie als Jess engagiert. Margot ist Jet-Set-Uhren-Trickdiebin und Nicky ist auch im Trickdiebstahlgeschäft, dreht aber ein deutlich größeres Rad. Die beiden rennen „geschäftlich“ ineinander, beklauen sich, benutzen sich, verlieben sich oder auch nicht, das schwebt zwischen den beiden ab dem ersten Moment im Raum, verschafft den Philosophierereien über den Menschen im Allgemeinen und wie leicht er ablenkbar und manipulierbar ist im Besonderen, um ihm im entsprechenden Moment eine Uhr, eine Tasche, einen Gürtel zu klauen, einen erotischen Unterton. Und auch die Frage, wer hier wen meistert, Nicky Margot oder Margot Nicky?

In New Orleans dreht Nicky mit einer beachtlichen Anzahl Mittäter ein ungewöhnlich großes Ding, Maßendiebstahl in der Fußgängerzone. Der Film nutzt diesen, um im Schnelldurchlauf einige Techniken des Trickdiebstahls vorzuführen, was Robert Bresson im „Pickpocket“ en detail und in Perfektion aufgezeigt hat. Margot darf mittun.

Margot bewährt sich und wird in die Gang aufgenommen. Ein noch aufwändigeres „Ding“ lässt Nicky in Las Vegas steigen. Hier gerät er „zufällig“ wie es scheint, an einen wettsüchtigen Asiaten. Spielt diesem selbst den Wettsüchtigen vor und lässt sich auf eine hochriskante Nummer ein, die Margot schier zur Verzweiflung bringen lässt.

Ficara und Requa führen diese Diebereien und ihr Zustandekommen mehr wie eine spaßige Erörterung vor, als ob sie zu ergründen suchten, wie weit Menschen manipulierbar sind, wie weit sie durch Beobachtung das Verhalten anderer vorhersagen und entsprechend ausnutzen können.

Mein Eindruck ist nicht der, dass sie versuchen Filme wie „Ocean’s Eleven“ zu imitieren oder zu kopieren. Sie scheinen die Elemente des Genres zu benutzen, um sich en passant über das Thema zu unterhalten. Was nicht ohne Reiz ist, was aber die Erwartungshaltung, die von Vorbildern geprägt ist, selbstverständlich aussticht.

Nach dem Coup mit dem Asiaten hat Margot ihre Schuldigkeit getan. Es schmerzt sie, als „blinde Maus“ missbraucht worden zu sein, als Trick-Medium anders gesagt; der Film erklärt das plausibel.

Jahre später befinden wir uns in Buenos Aires bei der Formel 1. Hier will Nicky einen Supercoup landen mit den Geheimnissen der Rennwagen und ihrer elektronischen Benzinverbrauchssteuerung (dem „Fuel-Burn-Algorithmus“). Auch hier geht es nicht um Realismus, wie er an das entscheidende Geheimnis kommt und wie er es an die Konkurrenz verscherbelt. Hier sieht er sich plötzlich gewieften Gegnern gegenüber und auch Margot taucht im Unmoment auf. Aber war das wirklich so zufällig? Wer die Erörterungen des Filmes bis dahin wach verfolgt hat, der dürfte skeptisch sein.

Der Film ist leider von enorm viel Produktwerbung arg zugemüllt.

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Die Jugend, die sich uns in diesem Film mitteilen möchte, will die Welt verändern.
Wobei die Situation, in der der Satz ganz am Schluss fällt, eher im Sinne der Liebe, die die persönliche Welt verändert, zu interpretieren ist. Denn wenn der Satz politisch gemeint wäre im Hinblick auf eine gerechtere Welt, dann wären doch erhebliche Zweifel an dieser Jugend angebracht, die hier mit ungestümer, pausenlos wackelnder Handkamera Frische und Zukunftsgerichtetheit postulieren möchte.

Wobei der Begriff „project“ im Titel auf einen älteren Film im Horrorgenre hinweist, auf das „Blair-Witch-Project“, wo auch einige Dinge außer Kontrolle geraten sind. So werden sie es hier vorhersehbar auch tun.

Die Sache ist nämlich die: ein junger Bursche, David Raskin (Jonny Weston) möchte am MIT, am Massachusettes Institute of Technology, studieren. Allerdings bekommt er kein Stipendium. Das Geld müsste also seine Familie aufbringen. Das würde nur gehen, wenn die Mutter das Haus verkaufte, in dem er mit seinen Geschwistern lebt. Der Vater ist schon nach Davids 7. Geburtstag gestorben.

Wie also das Geld auftreiben? Am besten, mit Schwesterchen Chris, welche die Wackelkamera bedient, sich auf den Dachboden begeben und in den alten Sachen wühlen. Tatsächlich finden sie eine Videokamera mit Aufnahmen von Davids 7. Geburtstag, als der Vater noch lebte. Aber im Schrankspiegel taucht im alten Video plötzlich David als heutiger, junger Erwachsener auf. Zeitsprungerscheinung.

Also nichts wie in den Keller, ins Labor von Vater selig, denn der hatte an einer Zeitmaschine herumexperimentiert. Ohne den geringsten Versuch, irgend eine kausale Plausibilität herzustellen, setzen die drei Jungs – Schwesterchen dokumentiert – diese Zeitmaschine wieder in Gang. Hauptsache, die schließen Batterien an, drücken Knöpfe, studieren Schaltpläne und wenn Handwerkszeug zu fliegen anfängt, dann ist schon der erste Versuch geglückt. Nach dem System Trial-and-Error machen die Kids weiter.

Der Film wirkt teilweise wie ein Kinderabenteuerfilm von der sorglosen Art der „5 Freunde“. Sie schaffen schnell die Zeitsprünge, können in frühere Situationen zurückkehren. Und wie verändern sie nun mit dieser Macht die Welt? Sie benutzen sie dazu, im Lotto zu gewinnen oder in der Schule Fehler zu korrigieren. Sie benutzen sie also nicht, um die Welt gerechter, sozialer zu machen, sondern einzig um sie zu überlisten zum eigenen, egoistischen Vorteil. Sie benutzen sie dazu, um sich einen Perfektionismus vorzumachen, der zutiefst unbarmherzige, intolerant, ja faschistoid ist, denn errare humanum est und wer keine Fehler macht, wer alle Fehler ungeschehen machen kann, der ist nicht mehr menschlich. Von so einer Jugend sollte man vielleicht nicht allzu viel erwarten.

Buch: Andrew Deutschmann, Jason Pagan
Regie: Dean Israelite

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Dieser Naturfilm in 3D von den Briten Patrick Morris und Neil Nightingale ist eine eventhafte Reise vom Regen Londons – wo kommen die Wolken her? – über den Weg des Wassers nach Afrika und wird dort zu einem Highlight-Hopping ungewöhnlicher Naturfotografie.

Der Storyfaden macht sich mal das Wasser, mal die Wolken, mal den Flug der Kraniche oder die Wassersuche der Elefanten zum Vehikel, um kreuz und quer durch den Kontinent zu fliegen und bei Ungewöhnlichem zwischenzulanden, auf dem Kontinent, der unser Ursprung sei.

Die Sprecherspur folgt einem philosophisch erkundenden Faden, den Geheimnissen des Wassers, der Sprache des Regens nach. Die Kommentare sind angenehm zurückhaltend, mit nicht allzuviel anthropogenen Bemerkungen wie Krieg und Hunger und Lust, wobei weniger noch mehr gewesen wäre und die großartigen Bilder noch stärker hätte erscheinen lassen; aber die Kommentare können sich auch an einem Wassertropfen ergötzen oder daran, dass mitten in Afrika am Mount Kenya jeweils innerhalb von 24 Stunden alle Jahreszeiten ablaufen, von der Vereisung über die Nacht bis zur Blüte des Tages, der Narretei und Nahrungssuche von Affen.

Am meisten bannt die Kamera durch die unglaubliche Nähe, die sie immer wieder zu den Tieren herstellt, zu den Affen oder den Flamingos oder zu den Ameisen im Dschungel, vor deren Schwarm von 5 Millionen Exemplaren auch größere Tiere nicht sicher sind.

Dann der Flug aus dem Dschungel über einen Vulkan, Aufnahmen von Strukturen wie computergeneriert und voll giftiger Farben bis zum Salzsee des Great Rift Valley, wo die Kamera inmitten von einem gigantischen Meer von Flamingos sich positioniert, deren Balztanz von ganz nah beobachtet oder deren Nahrungsaufnahme. Es sind Blaualgen, die für Röte des Gefieders zuständig sind.

Und gleich geht’s weiter, nachdem noch zu hören war, dass die Flamingos sich auf Nestsuche machen, da sind wir nicht mehr mit dabei, schon erleben wir in der trockenen Wüste von Namibia Urviecher wie das Wüstenchamäleon oder die Zwergpuffotter, wie sie in dieser doch scheinbar toten Gegend darauf warten, dass Nahrung vorbeikomme, in einer Gegend, in der nur Sand ist, der sich im Wind ständig zu neuen Formen und Hügeln auf- und abbaut.

Elefanten und Gnus sind in der Trockenzeit ständig auf der Suche nach Wasser und dabei mannigfaltigen Gefahren ausgesetzt, denn auch Löwen und Leoparden suchen sich ihre nichtveganen Mahlzeiten.

Angsteinflößend an einem Fluss die Krokodile, die auf Gnus warten. Was wissen wir überhaupt über Krokodile? Kann der Mensch die studieren, ohne selbst gefressen zu werden? Wie viele Gnus braucht so ein Tümpel voll von diesen erschreckenden Urwesen?

Eine besondere Zauberwelt eröffnen die Unterwasseraufnahmen von Korallenriffen, die bevölkert sind wie eine Großstadt, meint der Kommentator, der eine etwas kränkelnde Stimme hat, da hätte man ruhig einen optimistischeren Sprecher für die deutsche Version engagieren können. Hier halten Fantasiegebilde von indischen Rotfeuerfischen Riesenschwärme von kleinen Fischen in Schach und schnappen immer wieder zu.

Dann entdeckt die Kamera Sonnenlichtstrahlen unter Wasser und nimmt diese zum Anlass fürs Auftauchen und zu einem Flug zur nächsten Szene. Und plötzlich geht’s zurück nach London, zu einem Springbrunnen mit vielen Fontänen, unter denen sich sommerliche Engländer verlustieren. Der Kommentator meint, auch in der Stadt hätten wir die Natur. Darunter mischen die Filmemacher dick Feelgoodmusik zum Abschluss einer rasanten Reise durch unglaubliche Wunderwelten, die einen glauben machen, der liebe Gott hätte sie eigens für die Naturfilmer von BBC geschaffen.

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Clint Eastwood ist ein Gentleman-Filmgeschichtenerzähler mit einer höchst kultivierten Filmsprache und dem entsprechend narrativen Sog.

Mit diesem, seinem neuesten Film träufelt er Balsam auf die kriegsmüde, kriegswunde amerikanische Seele. Er will sicher nicht einen Kriegspropaganda-Film machen, teils umschifft er diese Klippe, die jedem Kriegsfilm eigen ist, ganz gut: er blendet die posttraumatische Störung nicht aus, nicht Frau und Kinder, die zurückbleiben, wie der Mann immer noch einmal und noch einmal sich in den Irak verschieben lässt.

Und, Eastwood hat Glück gehabt mit dem Helden, den er sich als Protagonisten ausgeguckt hat – oder er hat ihn entsprechend zurechtbiegen lassen – mit der „Legende“ Chris Kyle, der die meisten Menschenabschüsse im Irak getätigt haben soll, 160 an der Zahl; der wird, bevor er in der Zivilisation zum Posttrauma-Killer wird, was für den Helden-Nimbus nicht von enormem Nachteil gewesenwäre, selbst Opfer eines ebenfalls posttraumatisch gestörten Veteranen – und somit vollends zum Helden. So dass einem hochpatriotischen Ende nichts im Wege steht; die reineste Kriegshelden-Heiligsprechungsmesse wird zelebriert.

Aber die Welt ist nicht mehr doof. Die Welt ist nicht mehr ahnungslos. Die Welt um Amerika herum. Die weiß, mit welchen Lügen der Irak-Krieg begründet worden ist, die weiß um die Gräuel, die die Amis dort angerichtet haben, die Folter in Abu Ghraib und unvergesslich die Youtube-Bilder, die zeigen, wie amerikanische Soldaten, Sniper wie Chris Kyle, der titelgebende Held, aus einem Helikopter, wahllos Jagd auf Zivilisten machen. Es scheint, als wolle Eastwood mit seinem Film zeigen, dass nicht alle amerikanischen Soldaten Kriegsverbrecher seien.

Insofern ist es ein parteiischer, ein amerikanischer Film. Denn die Begründung für den Krieg, die Propaganda, die übernimmt Eastwood unreflektiert als Exposition für den Film. Dass es darum gehe Familie, Vaterland und Kameraden zu schützen, weil es böse Menschen gibt, die vorbeugend erschossen werden müssen. Schon der Vater bringt dem späteren Helden bei, dass es drei Sorten von Männern gebe: Schafe, Raubtiere und Hüterhunde; letzteres sei die Bestimmung von Kyle. Oh gute Einfalt. Oh gute Ideologie. Filmerzählerisch leider hervorragend gebracht; selten sind propagandistische Dummheit, Einfalt und Stupidität kinematographisch so formvollendet vorgetragen worden.

Auch weitere wichtige Elemente des verheerenden Irakeinsatzes werden klar wie in einer Schulstunde vorgetragen. Was „To pull the trigger“, also abdrücken, bedeutet (unserem Helden fällt es leichter, wenn das Ziel atmet; als erstes erschießt er einen Buben) und was die „Raids“ sind; auch bei denen wird ihre Brutalität ansatzweise spürbar – nicht spürbar aber wird der Hass, den sie weitherum erzeugen und schüren. Im Gegenteil, sie werden als ideologisch unproblematisch gerechtfertigt, denn es gibt einen ganz bösen Mann im Irak, der ein hervorragender Schütze ist; den nennen die Amis Schlachter (wobei er genau das tut, was unser amerikanische Held auch tut); das Duell der beiden großen Schlachter trägt Eastwood filmerzählerisch in geschmeidiger Eleganz und schlüssig vor; ein Duell zwischen zwei Helden.

Erträglich wäre dieser Eastwood-Film in Europa eventuell, falls am Schluss noch folgender Satz hinzugefügt würde: „Für jeden der 160 bestätigten Feind-Abschüsse von Chris Kyle sind inzwischen 10 oder 100 oder mehr unberechenbare und wild entschlossene Gotteskrieger und Amerikafeinde herangewachsen“. Aber dazu hat Eastwood offenbar viel zu enge, patriotische Scheuklappen aufgesetzt.

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Andreas Dresen wurde Liebling des Feuilletons und der Filmförderer mit Filmen, in denen er in familärem, pfadfinderhaftem Rahmen mit einem übersichtlichen Ensemble improvisiert hat („Sommer vorm Balkon“, „Wolke Neun“, „Willenbrock“, Whisky mit Wodka). Und wer ihn kennengelernt hat, der findet, er sei ein netter Mensch. Das dürfte der Grund dafür sein, warum sich keiner mehr traut zu sagen, was Sache mit seiner Regiekunst ist.

Im vorliegenden Film versucht Dresen einen Roman von Clemens Meyer nach der Drehbuchfassung von Wolfgang Kohlhaase, einem schon in der DDR sehr bekannten Drehbuchautoren, zu verfilmen.

Die Besetzungsliste umfasst über ein halbes Hundert Namen. Da sind andere Regiefähigkeiten gefragt, als mit überschaubarem Team in sommerfrischer Atmosphäre workshophaft Szenen zu improvisieren.

Es geht um eine Geschichte in der DDR, um eine Gruppe Jugendlicher, die eine Disco aufmachen will und die damit ein Geschäft machen wollen, denen allerdings ein Gruppe älterer „Glatzen“ das missgönnt, sie bedroht, sie verprügelt und alles kaputt macht, die Inneneinrichtung demoliert. DDR-Jugendgang-Geschichten.

Einer der Jungs wird drogenabhängig und stirbt daran.

Das Problem dieser filmischen Zubereitung des Romanstoffes scheint mir beim Drehbuch zu beginnen. Es etabliert zwar Daniel im Voice-Over-Modus als Icherzähler. Aber es gibt keinen Protagonisten.

Erst nach etwa einer Filmstunde bekommen die beiden Hauptakteure überhaupt das Etikett mit Vor- und Familiennamen.

In diesem Film scheinen sich verschiedene Absichten zu streiten. Einmal sucht das, was der Romanautor erzählen will, filmische Darstellung. Was das nun genau ist, das ist für mich nur schwer herauskristallisierbar wegen weiterer, offenbar widersprüchlicher Bedürfnisse von Drehbuch, Regie und Darstellern.

Vermutlich geht es um die Verarbeitung des Todes von Mark. Mit dieser gespenstischen Szene fängt der Film vorgreifend zum Ende an, ohne Näheres zu verraten. Die Szene bleibt nicht nur lichttechnisch im Dunkeln, auch von der Performance, dem Text und der Regie her bleibt sie rätselhaft, nebelhaft – und ihre Wiederholung am Ende erhellt kaum mehr.

Die Drehbuchbearbeitung von Wolfgang Kohlhaase tut sich schwer, sich auf den Icherzhäler als Protatonisten einzulassen. Sie interessiert sich nicht für seine Person, seinen Charakter, was Voraussetzung zum Nachvollzug allfälliger dramatischer Entwicklung durch den Zuschauer ist. Er wird diesebezüglich allein gelassen. Der verlassene Zuschauer.

Erschwerend kommt hinzu, dass Drehbuch und Inszenierung wild zwischen verschiedenen Lebensaltern der Jungs hin- und herhupfen, ohne leicht identifizierbare Hinweise; so wird der Film für den Zuschauer zum Puzzle, zum Rätselfilm. Er wird aber nicht als solcher verkauft. Der Kunde, auch der Kinokunde möchte allerdings wissen, was er sich mit seinem Eintrittsgeld einhandelt. Hier bleibt die Katze über weite Strecken im Sack.

Für die Zeit als Pioniere in der DDR sind Kinder als Darsteller besetzt; die sind immerhin so gut gestylt, dass man sie den erwachsenen Doubles problemlos zuordnen kann. Großes Plus des Filmes. Die erwachsenen Besetzungen der Rollen aber behaupten, sie seien noch keine achtzehn, was ihr Spiel nicht vermuten lässt.

Zu diesen bereits vielfältigen Rezeptionserschwerungen kommt die Regieabsicht hinzu, die nicht eine Sekunde daran denkt, eine spannende Geschichte zu erzählen, die Entwicklung von Charakteren herauszukristallisieren, wozu ihr ja auch das Drehbuch wenig Anlass gibt; es scheint, dass Andreas Dresen sich mehr auf eine Stimmungssuche aufgemacht hat; dass er seine gemütlichen Improvisationsspiele, seine „Methode“ an der Aufgabe „DDR spielen“ fortführen will. Er will DDR-Jugendatmosphäre erzeugen. Die Darsteller geben sich alle Mühe, aufgeregt zu sein, laut zu sein, hektisch zu sein, textbemüht zu sein; sie werden dabei noch von einer Wackelkamera unterstützt und vom bewusst bescheidenen Einsatz von Lichtquellen. Damit die Geschichte ja im Dunkeln und in der Aufgeregtheit untergeht. Damit das deutsche Kino einmal mehr im Sud der eigenen Befindlichkeit unglücklich sein kann – und das Fernsehen und die Fördergremien unterstützen es dabei bereitwillig.

Aus all diesen Gründen scheint der Film vor allem für Verwandte und Bekannte und DDR-Nostalgiker von Interesse zu sein, die einen Bezug zum Thema haben. Dem Außenstehenden allerdings werden schlicht die erzählerisch notwendigen Rahmendaten vorenthalten.

So verengt sich der Film auf Anekdotisches, zieht davon noch und nöcher Beispiele hervor (muss auch noch zeigen, wie DDR-Buben ein Ei in der Mikrowelle zu kochen versuchen!), kann sie aber nicht in eine spannende Abfolge bringen.

Die Darsteller wirken über weite Strecken, als fehlte ihnen jeder Bezug zum Thema. Zwischentitel unterstreichen das Anekdotische des Verfahrens; das ist wie wenn fremde Personen Sie zu einem Diaabend über ihren Urlaub einladen.

Einige Kapitel: Straßenköter, die großen Kämpfe, Immer Bereit, Großer Wagen, Strahlen, Abschied.

Marks Tod verwundert auch insofern, als der sich in keiner Weise abzeichnet. Wirkt eher so, als sei ein Schauspieler dummerweise bei den Drehbarbeiten gestorben.

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Wenn im Filmtitel das Wort Samba vorkommt, so muss im Film getanzt werden.

Mit Tanzgirls in der feinen Gesellschaft fängt der Film auch an, einer reichen, sorglosen Gesellschaft, linkes Bein und rechtes Bein. Jetzt macht sich die Kamera auf die Suche nach dem Protagonisten, Omar Sy als Samba Cissé. Dazu geht sie den langen Weg vom edlen Parkett des Ballsaales durch die Versorgungswege für die Verpflegung durch die Küche und immer weiter durch eine endlose Küche bis sie ganz hinten den Geschirrspüler findet, das unterste, hinterste Ende der Skala dieser menschlichen Gesellschaft, nicht Establishment, sondern illegaler Einwanderer aus Algerien, der mit der Aussicht auf einen Job leichtsinnig wird und prompt in der Abschiebehaft am Flughafen landet.

Bereits hier in der tristen Atmosphäre des Flughafens entwickelt der Film einen bestechenden Humor, ein gute Beobachtung und eine Herzlichkeit, die nicht zufällig an die von Ziemlich beste Freunde erinnert, denn Olivier Nakache und Eric Toledano, die diesen Film frei nach dem Roman von Delphine Coulin geschrieben und gedreht haben, waren auch die Macher hinter jenem alles überragenden Kinohit aus dem Jahre 2011.

An einem etwas verlorenen Parkplatz am Flughafen begegnen wir der anderen Protagonistin, Charlotte Gainsbourg als Alice. Diese will nach einer Krise wieder erste Schritte zurück ins Arbeitsleben machen und lässt sich von einer Kollegin bei einer Betreuungseinrichtung für Flüchtlinge und illegale Einwanderer einarbeiten.

Oberster Grundsatz für Berater: keine privaten Beziehungen eingehen, denn die könnten einem nachgehen. Allein wie jetzt dieser Beratungsraum und der erste Beratungsversuch von Alice inszeniert wird, ein Tohuwabohu an Sprachen, keiner versteht den anderen, schon gar nicht die rührenden, aber überforderten und hilflosen, netten Helfermenschen. Da kommt sie wieder durch diese Haltung, die schon bei „Ziemlich beste Freunde“ so bestochen hat: es wird nicht der arme Flüchtling und der überlegene Helfer gezeigt; die beiden Regisseure haben genau beboachtet und stellen beider Hilflosigkeit, auch beider Liebessehnsucht gleichgewichtet dar.

Ein wohl temperiertes, menschliches Bad, aus dem menschliche Verwicklungen, Verständnisse und Missverständnisse, die für zwei Filmstunden ausreichen, hervorgehen werden. Und das in einem Paris, was ziemlich grau, aber nicht deprimierend grau gefilmt ist.

Samba jedenfalls entkommt der Abschiebung, resp. er soll freiwillig innert 72 Stunden das Land verlassen. Was er selbstverständlich nicht tut, denn sonst könnte er ja Alice nicht wieder treffen, könnte den Illegalen aus Brasilien nicht kennenlernen, mit dem er so manchen Tagelöhnerjob annimmt.

Teils superlustig, wenn sie bei einem Hochhaus an einer Gondel von außen die Fester putzen und in ein Sprachstudio hineinschauen, der Brasilianer anfängt zu tanzen und die ganzen Mädels dazu. Es wird noch zu einer weiteren Tanzszene kommen, bei einer Veranstaltung der wohltätigen Organisation, die sich um die Illegalen kümmert.

Die beiden Freunde haben weitere komische Szenen, nachdem sie vor einer Polizeirazzia über die Dächer fliehen konnten und da sie, um in eine Wohnung zu kommen die Schuhe ausziehen müssen, trägt Samba die jetzt an der Hand und will damit aus einer Dachluke steigen. Wilson ruft ihm zu, er soll die Schuhe werfen. Samba wirft sie übers Dach auf die Straße. Wilson reagiert aufgebracht. Samba korrigiert ihn, er müsse schon genau sagen, was er meine.

Momentweise wirkt der Film wie eine Immigrantenromanze, denn die bemühten Helferinnen können das Prinzip, das Private außen vor zu lassen, nicht durchhalten. Auch sie sind Liebessehnsüchtige.

Wer ist der Mensch, dass er über andere Menschen richte?

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