Archiv für die Kategorie: “Review”

Eine Begegnung, die einfährt.

Eine geballte Ladung Zappa, Frank Zappa pur, wie der Titel sagt: in seinen eigenen Worten, ein Hochkonzentrat Zappa aus über 20 Jahren Musikkarriere von 1967 bis zu seinem Tod 1993.

Diese Dokumentation von Thorsten Schütte kommt ganz ohne Blabla, ohne Geschwätz von Papas, Omas, Tanten, Nachbarn, Schulkamraden, Klatschkolumnisten, Kuratoren, Ärzten, Kritikern, Produzenten, Kollegen, Freunden, Feinden aus und was sonst noch in Biopic-Dokumentationen gerne aufgefahren wird, vom Frisör über den Anwalt und die Ex-Geliebten, die Kinder, die zerstrittenen Erben und den Hausarzt, das ist so angenehm an dieser Doku, das macht sie, wegen des Objektes ihres Interesses so stark, so tiefenwirksam.

Mit Zappa kann man sich das auch leisten. Er hatte genügend Grips und Schlagfertigkeit. Seine Äußerungen wirken geistanregend und haben im Hinblick auf das Kultur- und Politikgeschäft hochaktuelle Gültigkeit, aktuell hinsichtlich der Wahlen in Amerika.

Es gibt einen dreifachen Frank Zappa zu sehen, zu rekapitulieren oder zu entdecken.

Der Rockmusiker. Der Zappa, der Rockmusik macht mit Texten, die dem bürgerlichen Lager ganz und gar zuwider waren, mit ‚bizarren Shows“, wie dieses meinte, und die in Fäkalsprache vom Sex und der Penisgrösse oder vom Plastikmenschen handelten. Und zuwider dürfte diesem Lager auch gewesen sein, dass Zappa sagte, er mache diese Musik, um Geld zu verdienen („we are only in it for the money“).

Der Talkgast. In die Talkshows ist er wiederum nur gegangen oder hat Interviews gegeben, um seine Musik zu erklären; denn die meisten interessierten sich nicht dafür. Die Medien sahen in ihm nur den anarchistischen Bürgerschreck mit Löwenmähne, dem Riesen-Schnauzer, dem Minikinnbärtchen sowie knalligen Auftritten.

In den Interviews lernt man den klarblickenden, hochreflektierten Künstler kennen, der bald schon sein eigenes Label gründet, weil er sich nicht von den großen Musikverlagen zensieren lassen will.

Der Komponist. Der tiefste Zappa dürfte jener sein, der komponierte. Und wie! Stranwinsky, le sacre du printemps, war eines seiner Erweckungs-Erlebnisse, andere kamen hinzu, er versuchte Brücken zu bauen. Er komponierte leidenschaftlich Orchestermusik.

Frappierend ist speziell in der Frühzeit der Unterschied zwischen seinem anarchisch wirkenden Äußeren und den penibel, sauber gestalteten Notenblättern, fast wie bei Kupferstechers. Die nahmen die meiste Zeit in Anspruch.

Am Originellsten dürfte sein erster Fernsehauftritt gewesen sein, noch im Anzug als braver, äußerlich ordentlicher junger Mann, präsentierte er ein Fahrradkonzert, das er in kurzer Zeit ‚komponiert‘ hatte. Das war ein Knaller in die geordnete Vor-68-er-Welt.

Ein schlimmes Erlebnis hatte er in Berlin, da wollten linke Aktivisten sein Konzert stürmen, er hatte sie allerdings übertönt, so dass das Publikum den Eindruck bekam, das gehöre zur Show: er hatte da ein Faschoelement diagnostiziert (wer nicht so links ist wie diese Gruppe, der gehört gestört).

Zappa hatte früh schon Musikvideos hergestellt, früh schon sich mit Computermusik beschäftigt; bei all dem chaotischen Eindruck, den er mit Mothers of Invention zu erwecken schien, für ihn galt „Entertainment on time“, der Rahmen musste ganz präzise festgelegt werden, man darf dem Publikum nichts Schlampiges vorsetzen; wobei genügend Raum für Improvisationen blieb.

Drogen kamen für ihn nicht in Frage; Hasch hat nicht angeschlagen; allenfalls Penicillin bei eine Tripper, womit der Link zum von ihm cool angegangenen Groupie-Thema geschlagen ist.

Was immer noch weitherum gelten dürfte: people are not trained to Exzellenz. Den Satz verbindet er mit einem Rundumschlag gegen das amerikanische Erziehungssystem. Und dem Vorschlag der Politik, seine Musik mit Warnhinweisen zu versehen (dazu gibt es einen Ausschnitt aus einem Hearing) ist er selbst zuvorgekommen, mit Witz natürlich – und verkaufsfördernd.

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Wer über das Flüchtlingsthema murrt, kommt nicht drum herum, sich mit Afrika zu beschäftigen. Und vielleicht nicht so oberflächlich wie die Kanzlerin, die glaubt mit Geld für Waffen und Grenzsicherungen das Problem zu lösen und mit der Unterstützung dubioser Regimes.

Dieser Film von Jonathan Littell zeigt uns ein Stück Aufarbeitung von Blutgeschichte in der Region von Zentralafrika, Südsudan und Uganda. Es geht um die ugandische Rebellenbewegung LRA, die den Ewigkeitspräsidenten von Uganda, Museveri, der seit 1986 im Amt ist, seit 1989 stürzen möchte und dabei selbst in die grauenhafteste Ungesetzlichkeit abgestürzt ist.

Im Zentrum der Dokumentation von Littell stehen drei Menschen, die als Kinder von der LRA entführt worden sind, die Knaben zum Töten gezwungen, die Mädels, sobald sie geschlechtsreif waren, zum Kinderzeugen benutzt. Vom Chef der Rebellen, Kony, heißt es, er habe über 100 Kinder.

Geofry, Mike und Noughty sind die drei, mit denen Littell eine Reise zu einem ehemaligen Lager dieser Rebellen, nach Djenebi macht und sie erzählen, aber auch lachen, philosophieren, rumalbern oder feststellen lässt, dass sie ohne die Zeit bei der LRA nie Freunde geworden wären.

Den Film fängt Littell damit an, dass er die Gefangennahme junger Männer von der Feldarbeit weg durch die Rebellen nachstellt – im dichten Busch. Dann stellt er seine drei Protagonisten an ihren heutigen Lebensorten vor. Die beiden Freunde Mike und Geofry, dieser spricht auch Englisch, sind Taxifahrer mit dem Motorrad, sie fahren gegen Entgelt Passagiere von da nach da. Die Geschäfte laufen schlecht und das Benzin wird teurer.

Noughty, die junge Frau, hat jetzt von einem neuen Mann ein Kind, nachdem sie mit einem erzwungenen Kind des mystischen Führers Kony geflohen ist. Über ihn erfahren wir einiges von seinen Gebetsriten, seinen Trancezuständen, in denen er Texte diktiert.

Das Afrika, das Littell zeigt, ist nicht mehr eines des Hungers, sondern aufkommender Technisierung, von Mobilitätsentwicklung und Telekommunikation, nicht mehr dreckige Armut, bescheidener Lebensstil.

Bei der zentralen Aufarbeitungsreise lassen die Drei ausführlich die Erinnerungen hochkommen: „Im Hinterhalt musst du gut organisiert sein, sonst bist Du am Arsch“ oder die Erzählung vom „wandelnden Wald“ mit Buschwerk auf dem Kopf, um sich vor Helikoptern zu schützen, erinnert an Macbeth und den Wald von Birnam; sie lassen dabei den Abenteueraspekt nicht aus, der in knappen Erzählungen behandelt wird, aber auch über die Dinge, die sie gesehen haben oder tun oder sich gefallen lassen mussten; denn wer nicht parierte, der war gleich tot. Dann gibt es noch ein Kapitel über den zweitmächtigsten Mann Ongwen.

Ongwen hat sich ergeben. Der Film ist nun dabei, wie er von der offiziellen ugandischen Armee, der UPDF an die Afrikanische Union überstellt wird, die ausführlichen Formalitäten, die zur Überstellung zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag führen. Dazu filmt Littell auch die Reaktionen von ehemaligen Kindersoldaten, die das Verfahren am Fernsehen mitverfolgen und dabei Fotos mit dem Handy schießen.

Wie Bonusmaterial fügt Littell Heiler-Rituale an, die eine traumatisierte Frau, die auch als Kind entführt worden war, heilen sollen inklusive Schlachtens einer Ziege. Schließlich die Gegenüberstellung von Geofry mit einer Mutter. Er hat als Kind ihre Kinder getötet.

Zwischendrin immer wieder berauschende Afrika-Aufnahmen, Busch und Dschungel und die offenbar in so einem Zusammenhang unerlässliche Insektensymbolik sowie die klassische Musik, was ich immer weniger verstehe: sollen mit ihr solche Verbrechen geheiligt und einbalsamiert werden?

Dem Film voran hat Littell einen Satz der Gründerin der LRA, Alice Lakwena, gestellt: Krieg soll alle falschen Elemente in der Gesellschaft beseitigen. Zum Atemstopp kann auch Originalarchivmaterial aus der LRA führen. Wobei Geofrey für die Doku insofern ein dankbares Objekt ist, als ihm ein Element von Showman nicht fremd ist.

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Jahreszeitliches Kinogemüse, nicht regional. Importware. In den USA für den Weltmarkt hergestellt. Mit den dafür nötigen Zutaten gut gemixt offeriert. Eine Geschichte vor dem Hintergrund von Globalisierung und IT, dazu ein erstklassiger Komödiencast in der souveränen und temporeichen Regie von Josh Gordon und Will Speck nach dem Drehbuch von Justin Malen, Laura Solong + 3.

Mit dem ausgewogenen Zutatenmix von die-Sau-rauslass-Texten und -Szenen unter dem Niveau der Gürtellinie (von der pornographischen Eisskulptur des Eierlikörspenders über die Flatulentien der Personalchefin bis zum Geschlechtssekret von Papageien auf Autositzbezügen) über turbulente Action inklusive wilder Verfolgungsjagd bis zu all den Peinlichkeiten, die eine Weihnachtsfeier in einer Firma mit sich bringt.

Für jeden Geschmack ist gesorgt. Als Kontrast zu den schlanken Hauptdarstellerinen gibt es voluminöse weibliche Chargen, eine als „Cinderella“ des Sicherheitsdienstes apostrophiert, die andere als Seitenhieb auf die Firma Uber eingesetzt.

Diese Weihnachtsfeier der Firma „Zenotek – Data Storage Systems“ steht unter einem schlechten Stern, denn der Chef der Filiale, Josh (Jason Bateman) hat den Laden runtergewirtschaftet. Er hat das ganze Geld als Aufmunterer ans Personal verteilt.

CEO ist die Schwester Tracey (Olivia Munn) von Josh. Sie will aufräumen, die Filiale profitabel machen oder sie schließen.

Die letzte Chance für Josh besteht darin, mit Walter (Courtney B. Vance) ins Geschäft zu kommen. Dafür gibt es eine Frist, bis nämlich Tracey in London ankommt.

So versucht Josh die bereits abgesagte Weihnachtsfeier steigen zu lassen, um Walter ein super Betriebsklima spüren und das Vertrauen in die Firma wachsen zu lassen. Walter wird fühlen – und wie; aber nicht so, wie erwartet, sonst wäre es ja keine Komödie.

Wie es sich für so eine Komödie gehört, gerät die Dramaturgie des Festes außer Kontrolle, die die Firma einem Schlachtfeld gleich zurücklässt. Wo keine Rettung in Sicht ist, haben die Geschichtenerzähler klug vorgebeugt, denn es gibt da noch eine Innovation, die kurz vor spruchreif steht und den Titel „anywair“ trägt.
Gedacht als Dezemberaufheller.

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Wettstreit der Ahnungslosigkeiten.

Kinoahnungslose Fernsehredakteure vom MDR und von ARD Degeto, die sich von unseren Zwangsgebührengeldern bezahlen lassen, finanzieren mit diesem Geld ein kinoahnungsloses Drehbuch von einem kinoahnungslosen Kabarettisten/Fernsehkomiker. So doppelt sich denn die an sich sympathische Ahungslosigkeit der Olaf-Schubert-Figur, die Olaf Schubert spielt, mit dem verheerenden Effekt eines als Ladenhüter geborenen Kinofilmes.

Vielleicht wäre es ja angegangen, wenn Schubert wirklich sein Ding durchgezogen hätte – Kinoahnungslosigkeit und Kinonaivität muss nicht prinzipiell die Kinopleite bedeuten – aber vermutlich glaubten weitere Halbkompetente, am Drehbuch von Schubert mitwerkeln zu müssen, ein Stephan Ludwig, ein Fernsehdrehbuchschreiberling, sowie der Gebrauchsregisseur Lars Büchel und bestimmt auch inkompetente Fernsehredakteure, die von uns mittels Zwangsgebühren bezahlt werden, und die den Job missverstehen als Auftrag, Inkompetenz auf die Leinwand zu bringen.

So bekommen wir es denn mit einer durch den Fleischwolf gedrehten Drehbuchahnungslosigkeit zu tun. Während der reine Schubert womöglich, aber dann muss er das Geld woanders auftreiben, wo man ihn denn machen ließe, ein viel ansprechenderes Produkt zustande gebracht haben würde. Hier jedoch gilt: Fernsehförderung ist Kinoerfolgsverhinderungsgarantie. Und das mit unseren Zwangsgebührengeldern.

Dass die empathierweckende, vom Leben, vom Glück, von der Schönheit, von der Männlichkeit und den Talenten her vernachlässigte Figur (Nudeln mit Sausse hat er sich selbst ausgedacht) als Prototyp des Abgehängten faktisch als von der ganzen Menschheitskulturgeschichte beginnend mit Jesus über Spartakus bis zum Komponisten gleichen Namens, abstammend bezeichnet, ist schon bedenkenswert.

Dass sein Vater (Mario Adorf) eine Fortsetzung des Geschlechtes vom einzigen noch vorhandenen Sohn wünscht, ist plausibel und dass sich aus der Figurbeschreibung von Schubert, der ein Tüftler-, Musical-möchte-gern-Schreiber („Der letzte Löffel“) und Iltishalter ist, kinotaugliche Komplikationen ergeben und auch die Geschichte mit einer seiner Klientinnen vom Sozialamt (Marie Leuenberger), die im Labor Tierversuche macht; egal wie haarsträubend – könnte ja funktionieren – theoretisch.

Dass der Humor allerdings wie unter einer 50-er-Jahre Käseglocke stehen geblieben ist, das ist schon bedenklicher, das mag heute noch im Fernsehen funktionieren, bei den Pflegefällen, bei denen die Kiste immer an ist und die nicht wegzappen können.

Dass es meines Erachtens nicht funktioniert, liegt an übermäßigem Dreingequatsche ins Drehbuch und daraus entstandener schlechter Arbeit und an mangelndem Tempo- und Rhythmusgefühl der Regie von Lars Büchel, Mängel, mit denen der müde Schnitt noch wetteifert; wodurch eher ein Baumarktkino entsteht – jeder glaubt, er ist ein Heimwerker.

Die Mimen-Vollprofis Adorf und Leuenberger schlagen sich tapfer; die kleinen Chargen wurden lieblos als solche vernachlässigt. Dass Schubert die Stotterkomödie in ein Melodram abgleiten lässt, zeigt rührend seine aufrichtige Kinobemühung.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Mir gefallen die zwei merk-würdigen, deutschen Kakteen (Werner Herzog und Veronika Ferres) die sich im Hochland Boliviens auf einem Salzsee im Angesicht des furchterregenden, immer noch wachsenden Vulkans Uturuncu vom alltäglich legalistisch-rechthaberischen Kleinklein in Deutschland verabsentieren und sich dort mit 2 erblindenden Inkaknaben dem Mensch-ärgere-dich-Spiel hingeben und sich grundsätzlicher, menschheits- und natugeschichtlicher Philosophiererei widmen.

Werner Herzog ist der Filmemacher, der Regisseur, der auch das Drehbuch nach der Kurzgeschichte „Aral“ von Tom Bissell geschrieben hat. Dass er den Film vom Aralsee an den Salar de Uyuni in Bolivien verlegt hat, hängt mit der Unkalkulierbarkeit von Produktionsrisiken und -hindernissen in Kasachstan des immer waghalsigen Werner Herzog zusammen, so ist im Presseheft zu lesen.

Die Hauptrolle der Fau Professor Lura Sommerfeld spielt Veronika Ferres, die ihre Karriere nicht weniger stur und unbeirrbar angeht als Werner Herzog seinen Weg geht. Da haben sich zwei zum Ausbrüten eines Dinosaurier-Eies zusammengefunden.

Mit einer halbstündigen Schlaufe beginnt Herzog seinen Film. Sommerfeld soll mit den Kollegen Dr. Cavani (Gael Garcia Bernal) und Dr. Meer (Volker Michalowski) als UN-Delegation die Schäden einer Chemiekatatsrophe, des Dublo Blanco Desasters, eines weltweit operierenden Konzerns mit CEO Matt Riley (Michael Shannon) untersuchen und beziffern.

Stattdessen findet sich die Gruppe als Geiseln einer unbekannten Organisation. Die Herzog-Keule will bald schon ins Extrem vorstoßen nach gewaltigen Bildern eines Zweierkonvois wüstengängiger Fahrzeuge über den riesigen Salzsee in Richtung eines Erdhügels, einer Art Insel mittendrin.

Hier stehen einsame Kakteen, pfeilerförmig in die Luft ragend, einzelkämpferisch als schöne Symbole für unsere beiden deutschen Monolithen, die ein paar Dinge hinter dem internationalen Zahlenwerk zu den Schäden der Katastrophe ausloten wollen.

Robinsonade in der Salzwüste unter unendlichem Sternenhinmel, dem idealen Landeplatz für Aliens (und Herzogs galliger Humor erfindet auch gleich den Köder für sie) und dem Matthias-Claudius-Lied vom Mond, der aufgegangen ist, der bei so einer Konstellation nicht an sich halten kann und über der Salzwüste erscheint.

Oder: Veronika Ferres in einer Werner-Herzog-Robinsonade mit zwei erblindenden Inkakindern auf Insel im Salzsee beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen.

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Jacques-Yves Cousteau mit der roten Wollmütze war ein Pionier in der Meeresforschung und der filmischen Dokumentation darüber.

Nach dem streng gebügelten Drehbuch von Cousteaus Sohn Jean-Michel zeichnet Jérôme Salle das Leben dieser faszinierenden Persönlichkeit in plakativ leinwandwirksamen – meistens Sonne, Wasser, Wärme – Bildern nach.

Anfangs will es scheinen, als ginge es darum einen Werbeprospekt für einen Gute-Laune-Mittelmeer-Film zu machen; wenn bei dem kleinen Propeller-Fluzgzeug mit den zwei jungen Männern drin nicht eine kleine Unregelmäßigkeit sich melden würde.

Überhaupt, gut aussehende, gebräunte Typen, schöne Menschen, auch gut gekleidet, die sich an einer traumhaften Meeresbucht sommers zur Grillparty treffen. Es ist nach dem Krieg. Cousteau hat mit einer Erfindung Geld gemacht, mit einer Unterwasserkamera; Aufnahmen, die er damit gemacht hat, führt er Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern vor. Genusskino pur auf großer Leinwand.

Ein Film mit prägnant skizzierten Figuren, momentweise fast in Richtung ComicZeichnung tendierend, der sich über mehrer Jahrzehnte streckt, von 1949 bis 1979. Das Drehbuch pickt entscheidende Stationen aus dem aufregenden Forscherleben von Cousteau heraus.

Cousteau hat davon geträumt, Pilot zu werden; konnte dies aber nicht wegen eines Verkehrsunfalles. So wandte er sich der Unterwasserforschung zu. Sein Sohn Philippe wollte den Traum vom Fliegen wahrmachen – mit tragischen Folgen.

Cousteau war ein Getriebener. Geld hat ihn nicht interessiert, nur seine Forschung, die Filme. Mit Simone Melchior genannt Loubi, hatte er eine treue Frau an seiner Seite, die ihm seine zahlreichen Seitensprünge nachsah. Wie sehr sie ihn unterstützte, das ist schön verknappt auf ihre Schmuckschatulle dargestellt, mit der sie die Flottmachung des ersten Forschungsschiffes, der Calypso, finanziert hat; der Zuschauer braucht sich nicht zu hintersinnen, worum es hier geht.

Es folgt die Phase der großen Verträge mit einer Erdölfirma; denn seine Forschungen waren für die Prospektion von Erdölfeldern nützlich – solange es noch keine Roboter gab. So weit ein Sonntagsgemälde dieser Geschichte.

Plötzlich kommt es zum Konflikt zwischen Philipp und dem Vater; dieser erweist sich als ein monomanisches Arschloch; ab hier nimmt die Spielfilmspannung wieder zu, weicht der lediglich fürs Museum bestimmten, illustrierenden Präsentation; die Wege trennen sich; es gibt eine knapp skizzierte Liebesgeschichte von Philipp.

Für das waghalsige Projekt der Antarktis-Expedition finden sich der filmende Sohn und der Vater wieder zusammen. Uns beschert diese Reise weitere grandiose Unterwasseraufnahmen; aber auch die Überbleibsel des misslichen Tuns von Walfischfängern, von Walfischschlächtern; womit die Initialzündung für eines der Vermächtnisse von Cousteau, weswegen sein Name so einen guten Klang, hat, gegeben ist: dem unermüdlichen Einsatz für den Schutz der Meere und dem Erreichen eines Jagdmoratoriums für die Antarktis.

Es gibt auch Forschungsarbeiten, die keine Zukunft hattten, das Unterwasserwohnen; ergibt aber bemerkenswerte Aufnahmen.

Ein Film in Cinémascope und in opulenten Bilder mit großer Bildfrische; aber auch: Dekorfilm mit markant, fotogenen Gesichter (auch entsprechend hergerichtet), anfangs die vier Meeresforscher, die sich Musketiere nannten; allen voran Lambert Wilson als Cousteau. Dann Pierre Niney (Frantz) als erwachsener Sohn Philippe, Audrey Tautou als treue Gattin Simone.

So reduziert arbeitet Jean-Michel Cousteau: der entscheidende Liebesdialog zwischen Philippe und seiner Geliebten, wie Philippe wieder auf Forschungsreise will; sie meint „stay here“ und er „come with me“.

Wie unkompliziert er handelte, zeigt das Beispiel, wie er bei den Arbeiten zur Fahrertüchtigung der Calypso, die er für einen Franc erstanden hatte, Bébert, der ihn lange begleiten sollte, engagierte. Dieser hatte – und es ist klar, mit großer Anstrengung – einen Lebenslauf geschrieben, mit welchem er sich bei dem bereits bekannten Cousteau bewerben wollte. Der zögert, lässt ihn stehen, ein Winstoß weht das kostbare Papier in einen Tümpel, Bébert steht vor dem Ruin seine Arbeit, die ihn viel Energie gekostet hat. Cousteau bittet ihn, das nasse Blatt ihm zu bringen, zerknüllt es, wirft es weg – und ab an die Arbeit.

Knapp ohne jede Verehrungshudelei werden die Goldene Palme von Cannes und andere Erfolge während eines rasend schnellen Kalenderdurchblätterns, das das Coming-of-Age seiner Söhne im Internat angenehm abkürzt, abgehandelt.

Erst der zweite Blick zeigt den wesentlichen Aspekt: es ist der Film des Sohnes und des überlebenden Bruders zugleich. Das fällt vielleicht deshalb nicht so auf, weil es sich um kein devotes Verehrungsmovie handelt, eher aus der Perspektive eines forschenden Filmers.

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Dass Vampire für Mädchen in der Pubertät von besonderem Reiz sind, und wozu Mädchen in diesem Alter, die über Kräfte verfügen, die sie noch nicht voll im Griff zu haben, imstande sind, das haben schon die beiden Vorgängerfilme gezeigt (Vampirschwestern und Vampirschwestern 2) hier hatte noch Wolfgang Groos die Regie geführt.

Jetzt sind die Mädchen über die Pubertät hinaus, attraktive junge Frauen und Darstellerinnen geworden (Laura Antonia Roge als Dakaria und Marta Martin als Silvania). Deshalb kann der Stoff offenbar alberner und klamaukhafter angegangen werden und deshalb wurde wohl diesmal Tim Trachte (Abschussfahrt) mit der Regie betraut.

Die Geschichte von Sigrun De Pascalis und Ursula Gruber nach dem Roman von Franziska Gehm ist leicht nachvollziehbar. Das kleine Brüderchen Franz (auch Halbvampir) von Dakaria und Silvania ist in Gefahr, soll von der Königin Antanasia (Jana Pallaske) aus Transsilvanien geklaut und dort als Thronfolger installiert werden. Dem will Papa Tepes (Stipe Erceg) mit einer komplizierten Maschinerie vorbauen, aber Mama Tepes (Christiane Paul) ist wenig überzeugt davon – das Kind wird entführt.

Es geht also darum, es in letzter Sekunde vor der Inthronisierung in Transsilvanien zu retten, denn falls es auf den Thron kommt, wird es seine eigene Geschichte komplett vergessen.

Mit sich übertragendem Spaß an der Kamerarbeit von Fabian Rösler und dessen Faible für spooky Ansichten, an der Ausstattung, an den räumlichen Impressionen und vor allem an der Darstellung der Rollen inszeniert Tim Trachte das.

Es artet gelegentlich etwas aus, denn dummerweise hat Silvania ihre Eltern hypnotisch in einen Kindheitszustand versetzt und so kinden sie denn mit zügelloser Gaudi durch den Film und über den Vorplatz von Bindburg, so dass sogar die strenge Lehrerin Frau Steimbrück (Jamie Bick) sich begeistert für den auf Kirchturmhöhe fliegenden Mihai.

Zum Team der Wiederbeschaffung von Franz und der damit verbundenen Abenteuerreise gesellen sich zu den beiden Schwestern auch noch der Nachbar und Vampirjäger Dirk van Kombast (Michael Kessler) und der Sänger Murdo (Tim Oliver Schultz), so dass auch in Transsilvanien für genügend fröhliche Unterhaltung gesorgt ist. Putzig ist es, wenn der Vater seine beiden erwachsenen Töchter als seine ‚Fledermäuschen‘ tituliert.

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Wieder eine Animation wie die Minions oder wie der Wimmeltierfilm Pets?

Nicht ganz. Zwar wimmelt es auch hier von animierten Tieren, die Arche Noah könnte sie kaum fassen. Der Topos jedoch ist ein kultureller bis hochkultureller.

Zentrale Spielstätte ist ein großartiges Theater im Stile alter Opernhäuser. Es geht um Gesang und Kunst und die Liebe dazu und um einen Theaterleiter, den Koala Buster Moon, der chronisch am Ende ist und von dem die bösen Mäuler lästern, er hätte noch nie einen gscheiten Erfolg zustande gebracht. Das will er widerlegen mit einer Casting-Show.

Die Idee mag hierzulande irreführend sein, zu einer Fehlerwartung an billige Sensationsheischerei verführen.

Durch ein Problem mit dem Glasauge von Moons Sekretärin, der rührenden Eidechse Miss Crawly, ist auf dem Flugblatt, auf dem zum Casting aufgerufen wird, statt von 1000 Dollar, die Moon gerade noch aufbringen könnte, von 100′ 000 die Rede. Daher ist der Andrang riesengroß – Moon weiß nichts von dem Druckfehler.

Jetzt gibt es eine kurze Phase erwartbarer Vorspiele von mehr oder weniger Talentierten. Einige der Figuren werden uns näher gebracht mit ihrem Hintergrund. Der Gorilla Johnny stammt aus einem Bankräuberclan, ist aber von der Muse geküsst, singt und begleitet sich am Klavier; das interessiert ihn mehr, als mit dem Papa und seinen Kumpeln Banken auszurauben. Ausgerechnet bei einer wichtigen Präsentation für die potentielle Geldgeberin und ehemalige Operdiva Nana, das schwarze Schaf, soll Johnny als Fluchtfahrer für die Räuber da sein. Er riskiert es, vom Ort des Bruches zu seinem Auftritt zu rasen, um in exakt 37 Minuten mit dem Fluchtfahrzeug zurück zu sein – aber die Straßen sind verstopft.

Die vielleicht rührendste Figur von unterdrücktem Sängertalent ist das Elefanten-Girl Meena; sie wird einen zu Herzen gehenden Durchbruch erleben. Auch die Schweinemama Rosita spürt Talent, muss ihre 25 Kinder mit raffinierten Aufweck-, Frühstücks- und Verabschiedungsmechanismen versorgen, da Papa dafür nicht geeignet ist, er bringt das ausgeklügelte System höchstens durcheinander.

Wie im klassischen Drama kommt es nach einer Anschubphase nach etwa zwei Dritteln zu einer großen Krise: das Theater in Ruinen. Da erst wird aus den Künstlern und der Kunst der Phoenix aus der Asche. Da halten sie zusammen, wachsen über sich hinaus, bespielen ohne Dach und Rückwand die ganze Stadt.

Garth Jennings, der für Buch und Regie steht, stellt ganz die Geschichte im Vordergrund, ihm geht es nicht wie in ähnlichen Filmen nur darum, möglichst einen Gag an den anderen zu reihen, hier fällt nicht pausenlos wer um und muss wieder aufstehen, es geht nicht um Gewalttätigkeit, um kriegerische oder tektonische Auseinandersetzungen, hier geht es um die Musik, den Gesang, wie er gerne von der Umwelt verhindert wird, der aber prima anzuhören ist, angenehme Musik, freundliche Musik mit kleinen Ausreißern bis hin zur Opernarie.

3D halte ich nicht für erforderlich. Die deutsche Synchronisation dürfte passen, da Nana Spier die Regie geführt hat; wobei ich jetzt nichts darüber sagen kann, wie die es mit der musikalisch-sängerischen Seite halten.

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Tollkühne Männer auf rasenden Baumstämmen.

Hier dokumentieren Anton Poggio und Danile Strombach Brusen und rasant geschnitten von Mario Hirasaka einen religiösen, japanischen Brauch mit hohem Risiko für einige Teilnehmer. Die japanischen Texte sind mit englischen Untertiteln versehen.

Nelson Babin-Coy ist der englisch sprechende Moderator mit dem gewinnenden Lachen, ist dabei, wie Onbashira vorbereitet wird und begleitet uns durch den Volksbrauch, der sich inzwischen zum Megaevent ausgewachsen hat wie bei uns vielleicht das Rennen an der Streif wie im Film Streif: One Hell of a Ride.

Beim Onbashira, das nur alle sechs Jahre zelebriert wird, geht es darum, tonnenschwere Baumstämme aus einem hügeligen Bergwald hinunter ins Tal, in die Stadt Suwa zu bugsieren bis zu einem Shinto-Schrein, wo sie, ähnlich wie bei uns die Maibäume, aufgestellt werden für die nächsten sechs Jahre.

Die Zeit bis zum nächsten Onbashira in sechs Jahren wird genutzt als Vorbereitung, bestimmt das Leben der beteiligten Gruppen und Akteure, die beim Ereignis in unterschiedlich bunten Kostümen auftreten.

Es gibt begleitende und Rhyhtmus anstimmende Gesangsgruppen. Es gibt Leute, die die Stämme schieben und solche, die sie an starken Seilen ziehen und es gibt die tollkühnen Männer, die für das steilste Stück, über das der Stamm wie ein Geschoss runtersausen wird, sich vorne drauf hocken und unter Lebensgefahr mitrasen und abgeworfen werden durch die Drehungen und um ihr Leben sich wegkugeln müssen, um unten schnell wieder drauf zu steigen und zu Volkshelden zu werden.

Ein tollkühner Brauch. Immer wieder zahlen Teilnehmer mit dem Leben dafür. Sie werden auf einem eigenen Friedhof begraben. Nach der mörderischen Steilfahrt gibt es einen Monat Pause. Dann werden die Stämme unter millionenfacher Anteilnahme von Publikum und Medien die restlichen Kilometer durch die City zum Schrein gezogen und mit gegen einem Dutzend Männer, die wie ein Schwarm Bienen an der Spitze kleben, aufgestellt.

Die Baumstämme werden an eigens hergestellten Seilen mit einem Durchmesser von 30 Zentimetern gezogen. Ein Shinto-Priester gibt vorher den Segen, schüttet Sake drüber und streut Salz.

Als Extras gibt es drei temporeiche, instruktive Kurzdokus: einen aufregenden Schnellkurs als Einführung in die Ninja-Kampfkunst und Vorstellung einiger ihrer Waffen, einen kleinen Bericht über die Anpflanzung von Wasabi und den Kältefaktor und schließlich das Brauen von Sake aus Reis-Malz und die Info darüber, was Mozart damit zu tun hat.

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Triumph des Stilwillens.

Das Leben ist ein andauernder Kampf und die Gegner, letztlich die lieben Mitmenschen, können sich in Ungeheuer verwandeln, denn sie sind Vampire oder Werwölfe und machen uns das Leben schwer.

Die Heldin des Filmes ist Selene (Kate Beckinsale). Sie ist anfangs des Filmes ein Outcast, von allen gejagt, von den Vertrauten verraten. Sie flüchtet mit David (Theo James) in ein Kloster in einer abgelegenen, unwirtlichen Gegend. Sie weiß auch nicht, wo ihre Tochter ist. Aber just diese, resp. einige Tropfen von deren Blut, könnten den ewigen Kriegszustand zwischen Werwölfen und Vampiren beenden.

Wobei mir in der Inszenierung dieses Franchise-Sequels von Anna Foerster nach dem Drehbuch von Cory Goodman, Kyle Ward + 4 der Stilwillen den Storywillen zu übertrumpfen scheint, die Regisseurin der Brüchigkeit der Welt, wie die Story sie beschreibt, die Perfektion eines Hochtoupierens in frisörhaftem Ehrgeiz den Vorrang gibt. Brillanz vor Tiefe und Empathie.

Jedes Bild könnte einem Hochglanzmagazin entstammen. Die Protagonisten sind schöne und schön gestylte Menschen, die Männer zeigen auch mal den nackten Oberkörper, Bilder für jede Reklame männlicher Pflegeartikel gut; und die Frauen schauen eh gut aus, speziell in enger Lederkluft – und sprechen tun die Darsteller außerdem gepflegt. Sieht alles aus wie eine von Unrat befreite Welt.

Der Schnitt der schnellen Bilder ist perfekt wie der eines Meisterfigaros. Makellosigkeit der Form steht der Blutigkeit der Story gegenüber, die auch mal einen abgeschlagenen Kopf ins Bild tragen lässt, dazu die elementaren Familienverhältnisse und ihr möglichen Störungen bis hin zum Bastardenvorwurf, aber auch höfische Begegnungen von Zeremonienhaft bis zum Ansturm der Gegner.

Bilder von Kälte und Frost, von Käfig und Eiswänden, von totaler Überwachung, von Wasser unter Eis, von gefrorener Landschaft, mumienhafter Behandlung eines Körpers, britische Limousinen, gepflegte Schlösser, blitzblank aufbewahrte Waffenarsenale – und die Sehnsucht nach einem Zuhause oder nach einem Leader; ein exklusiver Einsatz aller möglichen Computertricks trägt das seine zur Perfektion dieses Bildwerkes bei.

Allerdings strengt es meine Augen ziemlich an, diese generell düsteren Bilder noch durch eine 3D-Brille mit deutlichem Lichtverlust anschauen zu müssen.

Mit Stilwillen die Erzählung von Brüchigkeit von Existenz und Identität kompensiert, die einschlägigen Genrebilder streng gezügelt.

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