Archiv für die Kategorie: “Review”

Ein Film für Bayern. Ein Film für Horst Seehofer. Ein Film für Elmau. Ein fröhlicher Horror. Expect the (un)expected!

Ein Film für Bayern und für Horst Seehofer, weil er eindringlich die Gefahren schildert, die von Stromtrassen auf Wohngebiete ausgehen, erst recht, wenn dort vorher Friedhöfe waren. Ein Film für Elmau, weil er mir vorkommt, wie eine Realsatire auf die Vorkehrungen der höchst alarmierten Sicherheitsapparate für den Gipfel im Juni: Versuche, all die demokratischen Poltergeister zu bekämpfen und fernzuhalten, die später der Gipfel zu seinem akademischen Thema machen dürfte.

Dieser von Gil Kenan mit größter Leichtigkeit inszenierte Spukstreifen nach einem Drehbuch von David Lindsay-Abaire auf der Grundlage einer Geschichte von Steven Spielberg strotzt nur so vor Normalität, die geradezu nach Paranormalität schreit. Diese Normalität einer normalen Familie mit drei Kindern, einem hochsensiblen Mädchen Madison noch im fühligen Kleinkindalter, dem todernsten Brüderchen Griffin, der hochkonzentriert Horrorgames auf seinem Tablet spielt, und das bereits erwachsene Schwesterchen Kendra sowie Vater Eric, Sam Rockwell, der eben bei einer renommierten Firma arbeitslos geworden ist und Mutter Amy, Rosemarie DeWitt, die abstreitet, dass sie Schrifstellerin sei, sie sei Hausfrau sagt sie; es lebe die Normalität. Die Familie ist eben umgezogen in eine neu errichtete, sterile Schlafstadt; daneben stehen in mehreren Reihen Strommasten und tragen schwere Stromleitungen.

Das Haus selbst ist hochmodern verdrahtet und durchelektrisiert. Die Eltern machen gleich am Abend des Einzugs einen gestylten Antrittsbesuch in der Nachbarschaft. Die Kinder erleben derweil die ersten Spuren der Paranormalität.

Die alarmierten Eltern engagieren sympathisch vertrottelte, professionelle, provinzielle Paranormalitätsforscher. Sie kommen mit ihren entzückend altmodischen Forschungsinstrumenten auf den Befund „Poltergeist“. Der hat Madison in seine Gewalt gebracht, hat sie durch das „Portal“ hindurchgezogen, in der Hoffnung, er selbst könne sich damit aus seinem Schicksal befreien.

Dieser Poltergeist ist für die Abordnung des „Department of Paranormal Research“ allerdings eine Nummer zu groß (wie Elmau auch!); jetzt muss ein Poltergeistbekämpfer-Star her, Jared Harris als Carrigan Burke. Er arbeitet schon seit Jahrzehnten im Metier und der nette Junge vom lokalen Team ist voller Bewunderung für ihn. Allerdings mutet Burkes Instrumentarium zur Befreiung von Madison noch einen Tick antiquierter an: mit einem Tau will er die Lage klären.

Es ist ein humorvoller Horrorfilm, auch wenn ich im Original-Amerikanisch nicht jeden Joke verstanden habe. Es gibt den ganz banalen Ehepaar-Unterwäsche-Talk genauso wie die Bemerkung zu den Poltergeistforschern über ihr „safe, stable Academia“, wie der Hausvater an einer Stelle uzt.

Die Kamera von Javier Aguierresarobe nutzt 3D genial, um die beengende Qualität von Normalräumlichkeiten herauszustellen, ein bemerkenswerter Effekt.

Immer auch blitzt die Frage der Diskrepanz zwischen Realität und Wahrnehmung auf, die Möglichkeit verschiedener Realitätsebenen. Zum Showwert des Filmes trägt die darin beschriebene Eigenschaft von Poltergeistern bei, dass sie expressiv seien, das kann bis zur Clownerie gehen oder sich bildwirkunsvoll in der Affinität zur Elektrizität entladen. Dabei spielen die Darsteller mit einem weichen Ernst und übertreiben brauchen sie schon gar nicht, da hat die Castingabteilung vorgesorgt.

Unterhaltsamer Horror. Die Drohne und die Normalität.

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Was verbindet das Kino mit der Psychiatrie? Die Leinwand, die Haut, die Oberfläche, die mit der Seele kommuniziert – oder schlicht das Interesse für den Menschen, für das Gegenüber?

Das ist nicht die Frage, die sich in diesem Film von Jana Kalms in Co-Regie mit Piet Stolz und Sebastian Winkels stellt. Das ist die Frage, die ich mir stelle bei der Verwunderung darüber, wie spannend und ruhig dieser Film gemacht ist, wie überhaupt nicht fernsehversaut.

Er berichtet von einer zum Zwecke der Dokumentation arrangierten Begegnung von psychiatrieerfahrenen Menschen in einem beinah abstrakten Raum, zu dem es eine Tür gibt, Fenster sind nicht zu sehen, die Wände mit kaum Struktur und der Boden sind in einem neutralen Grau mit kaum farblichem Einschlag gehalten ohne Ablenkungswirkung.

In einem Kreis stehen einfache Klappsessel ohne Handlehnen, schlichtes Design. Hier treffen sich in drei Sitzungen an die 20 Menschen, solche, die unter Psychosen leiden oder gelitten haben und Medikamente nehmen oder sich davon befreit haben, und Angehörige, Krankenpfleger, Nervenärzte, Psychotherapeuten und -analytiker.

Das Arrangement nennt sich Trialogforum. Solche Orte der Begegnung gibt es in mehr als 120 deutschen Städten. Der Austausch scheint sehr offen zu sein, auch die Bereitschaft zuzuhören. Patienten erzählen von den Beengungen, die sie angesichtes chronischer Medikamenteneinnahme empfinden, wie sie loskommen wollen davon, wie sie Angst davor haben, ohne Medikamente anfälliger für Psychosen zu werden.

Von der behandelnden Seite her ist zu hören, dass es besonders im Klinikbetrieb Situationen gibt, wo nur Ruhigstellung und Medikamenteninjektion helfen. Auch für die Ärzte kann das eine extreme Belastung sein. Das halten nicht alle aus. Andererseits können sie von den Pflegern lernen, dass je mehr sie auf die Patienten eingehen, desto geringere Medikamentendosierung nötig wird. Der Patient will als Mensch wahrgenommen werden will und just das hilft ihm.

Schon zwei Tropfen eines Medikamentes können die Wahrnehmung extrem verändern, gerade bei einem Menschen, dem ständig so viel durch den Kopf geht. Es braucht Mut, sich von den Medikamenten lösen zu können. Über die Macht der Medikamente und das Problem, dass sie nicht heilen und das bedrückende Gefühl der verschreibenden Ärzte. Aber es gibt auch Patienten, die der Umgebung das Leben schwer machen; das kann bis zur physischen Bedrohung durch Patienten gehen. Kranke können ihre nähere Umgebung mit reinziehen.

Angenehm an dieser Dokumentation ist der Verzicht auf erklärende Texttafeln, die Schubladen wie Beruf und Funktion und Namen der Personen aufzeigen. Die Namen kommen lediglich im Abspann vor. Anfangs weiß man in der Runde gar nicht, wer ist Patient, wer Arzt, wer Pfleger, wer Angehöriger; das ist durchaus reizvoll. Einige Beziehungen kristallisieren sich allmählich heraus.

Wie hochsensibel so ein Nervengerüst sein kann, macht das Beispiel eines Patienten klar, der sich von Fremdkörpern angegriffen fühlt. Der Arzt ersann die List von dem Gift zu deren Vernichtung, gab dem Patienten eine geringe Dosis davon; die Wirkung sei frappierend gewesen. Dann macht ein Oberarzt in einer Behandlungsrunde den dummen Fehler, von Schizophrenie zu sprechen, worauf der Patient nimmer mehr gesehen ward, bis er irgendwo obdachlos aufgefunden worden sei.

Es geht um Sensibilitäten, die aufzuzeigen die Leinwand ein ausgezeichneter Ort ist, wobei das unspektakuläre Äußere diese frappierend real macht.

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Let’s go get our daughter. Stay strong, wir holen dich raus. Oh, this is no good, this is not over. Get down. We have to move. I am going after her. I’ll get you out. Hold on, hold on. Got to get out of here. We have to keep moving. Get out of the way. What now? We got to go – now!

Viel schwierigeren Text hat der Katastrophencast, also der Cast, der durch ein nicht enden wollendes Erdbeben in Kalifornien überleben soll, nicht zu lernen. Hyperventilieren, das müssen die Darsteller können, ein Wunder, dass ihre Köpfe nicht rot anlaufen dabei. Aber durch die dicke, immer wieder aufgefrischte Schminkschicht dürfte das Rot kaum durchdringen.

Erdbeben-Katastrophentext von sich geben, etwas laufen oder schreien, dann ab in die Maske und frisch zurück ans Set zum Hyperventilieren, so dürfte die Arbeit für die Schauspieler ausgesehen haben.

Die Ausstattung hat dafür zu sorgen, dass der Held, der stereotype Held, der viele der oben zitierten Sätze im Drehbuch hat, in jedem Moment irgendwo ein Auto findet, einen Helikopter, einen Privatjet, ein Boot, denn er muss, ein Katastrophenfilm soll ja Optimismus verbreiten, diese vom Computer bis zum Erbrechen durchexerzierten Erdbeben-Katastrophenszenarien alle heil überstehen, sonst wäre er ja kein Supertyp.

Er, und seine originale Familie. Vor der Katastrophe stand noch die Scheidung an. Nach der Katstrophe weiß mans besser. Die kathartische Wirkung eines Megaerdbebens im Westen der USA auf das kleine Glück einer Familie, die nicht von besonderem Interesse ist. Es fängt mit dem nicht recht plausiblen Brechen des Hooverdammes an, so dass selbst ein Wissenschafter geschockt ist und mit der kranken Miene deutscher TV-Pharma-Werbemänner die Zuschauer vor weiteren Beben eindringlich warnt. Allerdings nicht vor dem Tsunami, den die Postpro noch auf dem Computerprogramm drauf hat und der sogar die Golden Gate Bridge mittels eines kenternden Containerfrachters gerade soweit zum Einstürzen bringt, dass in der heroischen Stille nach der endlos langen, im Kino fast zwei Stunden dauernden Erdbeberei die amerikanische Flagge von einem Pfeiler ausgerollt werden kann. Lets move out of the cinema – now!

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Einen so massierten Einblick in ein Stück Deutsche Kinogeschichte dürfte es im Kino noch selten gegeben haben.

Allerdings: der Zuschauer wird pausenlos zugextet mit Begriffen, Kategorien und Kontexten, dass er gar nicht dazu kommt, selber nachzudenken.

Deutsche Filmgeschichte von ca. 1920 bis ca. 1930 durch den Fleischwolf gedreht und an feuilletonistischer Sauce serviert. Das sind fast zwei Stunden ohne Pause Überschüttung des Zuschauers mit hervorragend retaurierten Filmschnipseln der Epoche, mit dokumentarischem Material aus der Zeit und einigen Einsprengseln, Interviews mit Filmemachern wie Volker Schlöndorff, Fatih Akin und mit Wissenschaftlern und Journalisten wie Thomas Elsaesser, Elisabeth Bronfen und Eric D. Weitz orientiert am Buch des berühmten Filmkritikers Kracauer, der dem Kino eine tiefere, psychologische Deutung zusprach. Aus heutiger Sicht wirkt es allerdings so, als sei es keine besondere Kunst, das Heraufziehen des Dritten Reiches in Filmen aus der vorausgehenden Zeit zu sehen.

Rüdiger Suchsland hat tief in den Filmen der Weimarer Republik gewühlt und schafft es, mit den Filmausschnitten klar zu machen, welch schöpferischer Reichtum und welche Fantasie da am Werk gewesen sind, welch Talent, wie mit Film sowohl spielerisch als auch realistisch, surrealistisch oder expressiv, utopistisch oder sozialkritisch umgegangen worden ist; eine Filmkultur von einem Reichtum und einer Vielfalt, bei dem man sich fragt, wo ist das alles hin, wieso wirkt unsere heutige, hochsubventionierte Filmkultur wie eine arme Kirchenmaus dagegen. Das sind aber nicht die Fragen, denen der Filmemacher nachgeht.

Suchsland stellt in periodischen Abständen immer wieder die Frage, „Was weiß das Kino, was wir nicht wissen?“. Diese Frage verleitet mich allerdings nicht zu weiterführenden Gedanken oder Überlegungen. Auch aus dem Grund, weil Suchsland in seinem von Katja Dringenberg hervorragend geschnittenen Bilderfluss keinerlei Verdauungsphasen eingebaut hat; schier ohne Atem zu holen plaudert er selbst, muss noch jedes Bild, jede Szene kommentieren, einen kategorisierenden oder differenzierenden Begriffsschleier drüber legen, was ihm selbst zwar Gebildetheit attestieren mag, aber die Rezeption der Bilder nicht unbedingt erleichtert, noch weniger die Herstellung eines Gesamtbildes, eines Gesamtzusammenhanges oder gar des Herauskristallisierens einer These zum Kino aus heutiger Sicht anhand des alten Materials; da scheint er selbst an der Überfülle des Materials und dessen Vielfältigkeit vor lauter Bäumen den Wald oder vor lauter Filmschnipseln und kommentierenden Drüberstreutexten gelegentlich die Thesen Kracauers nicht mehr zu sehen.

Das Plus dieses Filmes ist sicher dies: er gibt durch die Originalausschnitte aus filmgeschichtlichen Musts und unbekannten Raritäten einen Einblick in eine kinematographisch höchst aufregende Zeit und es juckt einen gewaltig nach dem Film, die Filme ganz und ohne Kommentar, womöglich sogar ohne Musik zu sehen und sich ihrer Wirkung zu stellen. Kommentierter Musterkatalog (mit Wahrheitsanspruch?) zu einer Filmepoche, der sich mit dem Namen Kracauer einen filmkritischen Anstrich verleiht.

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Der Weltstar Ryan Gosling berichtet uns hier als Regisseur und Drehbuchautor von seiner Suche nach der Kinomagie oder, das ist ebenfalls Interpretation, mit welchen Kinobildern er die Wände seines eigenen Zuhauses schmücken würde.

Vorwand für diese Aktion ist so etwas wie ein Plot, eine Story: in einer Ruinenstadt, aus der immer mehr Menschen ausziehen, bleiben einige zurück, eine Mutter, die in finanziellen Schwierigkeiten steckt und ihr Sohn, der aussieht wie ein 60er Jahre Hollywood-Filmstar. Sie entscheiden sich, zu bleiben. Das hat einige Abenteuer zur Folge, beschreibt aber auch einen Stillstand, der genau dazu angetan ist, in versinkenden Welten nostalgisch schöne Bilder, Kinobilder zu suchen, zu erzeugen und zu finden.

Denn Strom ist noch vorhanden. Also sind viele Lichtquellen und die Spiele mit denselben möglich, die verlassene Tankstelle als ein klassisches Filmbild, weil da oft Weite einerseits, Einsamkeit und gezwungenes Zusammentreffen von Menschen andererseits, Neonlicht und Spiegelungen im öligen Boden sowie Horizontlicht auf einandertreffen und genügen Platz ist für filmnostalgische, traumhaft schöne amerikanische Limousinen vergangener Zeiten.

Gosling zeigt uns in dieser seiner Liebeserklärung ans Kino, in dieser seiner verspielten Kinoträumerei, dass er Unschärfe-Effekte liebt, Schlaglichtfotografie der Stars, Farben, die an die berühmten Cinemascope-Filme erinnern, einsame Figuren in Ruinen, malerische Ausstattung, das Zerbröseln, der Zerfall, hoffnungsvolle Jugend in ruinöser Umgebung, Inspiriert vielleicht durch den Zustand von Detroit, welches schon mehrfach im Kino Eingang gefunden und Filmemacher angetörnt hat.

Denn nur aus den Ruinen kann Neues erblühen. Gosling hat über weite Strecken eine Musik über die Bilder gelegt, die sich anhört, als stürze sie durch den Weltraum und verzerre sich leicht. Musik im freien Fall.

Romantisch-nostalgische Kinosehnsucht, auch sentimentale, spricht aus diesem Film, Sehnsucht nach einem verflossenen Kino, wie es vielleicht nie wieder herzustellen ist, als das Kino noch groß war und eben: voller Magie bis hin zur Horrorstimmung.

Ein anderes Thema ist für mich aus all den Lichteffekten und Spielereien nicht ersichtlich; denn das Narrative interessiert Gosling offenbar wenig. So wirkt der Film auch sympathisch versponnen, privatistisch, eine Weltverlorenheits-Zelebration. Oder er verbringt „a bloody good time“, wie es an einer Stelle heißt. Und der Satz „about basic human needs“, der hängt doch merklich in der Luft, es sei denn, er meine damit das Kino.

Eine Offenbarung kann so ein Film nicht sein und ein Muss sicher auch nicht. Der Film wäre auch vorstellbar als lebendes Wandbild in einer Disco, als Dauerschlaufe.

Anselm Kiefer hatte in Over your Cities Grass will grow seine eigene Ruinenlandschaft gebaut, sich seine eigene Archäologie erfunden – ein bisschen scheint mir in dieser Hinsicht Gosling mit Kiefer verwandt, Gosling ein Kino-Kiefer?

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Nicht nach meinem Geschmack; dieses Menü aus Facelilift- und Botox-Gesichtern schmeckt mir nicht, schmeckt wie Gen-Food.

Das Thema „gute und schlechte Ernährung“ wird in dieser Kochsendung, pardon, in diesem Koch-Film der noch eine dünne Familiengeschichte als Einlage hat, nicht behandelt.

Der Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller in einem, Jon Favreau als Carl Casper, betreibt ein Sternelokal. Als Regisseur lässt er den Kameramann Kramer Morgenthau die Leinwand fugendicht mit Essensbildern vollklatschen, wie dick Ketchup über alles. Als Darsteller bekommt er vom Restaurant-Kritiker eine schlechte Kritik, was in einen handfesten Krach mündet. Dieser findet per Handyfilm seinen Weg ins Internet und löst einen Shitstorm aus. Er bricht die Zelte ab. Der Ex seiner Exfrau in Miami ist ihm behilflich dabei, einen Imbisswagen zu erstehen. Er bringt ihn mit seinem Buben Percy, einem roboterhaften Jungdarsteller, der prima ins fade Menü passt, wieder auf Vordermann, das wird ellenlang im Film gezeigt.

Und die Ex schaut wohlwollend zu. Sein früherer Souschef schließt sich ihm an, um das Geschäft mit dem Imbisswagen in Gang zu setzen. Da ihm hier nicht mehr der Restaurant-Besitzer wie in L.A. dreinredet, kann er das Futter nach seinem Gusto anrichten. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten unter taträftigem Twitterwirbel, den Percy auslöst.

Den Regisseur Favreau scheinen an diesem Filmgemälde lediglich die Kinobilder zu interessieren, die er drauf hat wie ein Sternekoch, aber die Konflikte unter den Figuren, die führen das Leben von Statisterie, werden dramaturgisch nicht zur Spannungserzeugung eingesetzt, weshalb die mangelnde Würze dieses Null-Sterne-Gerichtes besonders auffällt.

Das Publikum wird es mögen, dass viele bekannte Schauspieler mitspielen und die Rumba-Musik auf der Tonspur, gegen die ist nichts einzuwenden. Der Film disloziert erst nach Miami, dann nach New Orleans.

Vielleicht sollte der Regisseur auch nur seine Hits spielen, so wie er es im Film dem Koch raten lässt, Iron Man und so weiter. Die Bildersosße ist wenig sämig, wirkt abehackt wie aus der Systemgastronomie. Ist auch vom Narrativen her wenig nahrhaft, erzählt die einfachsten Vorgänge viel zu kompliziert und ausführlich. Bis nur schon die Pleite in L.A. endlich da ist. Flächendeckender Bildbefall.

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Das indische Kino macht sich auf den Weg europäischen Denkens.

Hier dürfte ein inspirierendes Vorbild das Kino der Gebrüder Dardennes sein: sich dicht an die Fersen des Protagonisten heften, das ist Shashank Arora als Titli, und mit ihm erleben, was er auf seinem Weg zur Befreiung aus den Fängen seiner „Familie der Hölle“, des kriminellen Vaters und seiner zwei Brüder und aus dem Slum erlebt und wie es ihm hart eini geht.

Das gibt Gelegenheit zu einer drastischen Schilderung indischer Verhältnisse einmal in Bezug auf Armut und das aussichtslose Leben im Slum, andererseits zum Umgang mit den Frauen, der in letzter Zeit weltweit Aufsehen erregt hat, wie sie gar nichts gelten, wie Gruppenvergewaltigungen in Autobussen ein lässliches Delikt sind.

Allerdings erreicht Kanu Behl, der mit Sharat Katariya auch das Buch geschrieben hat, den bei uns gewohnten Standard an Performance nicht. Was er aber bietet, das ist das sture Dranbleiben am Problem und an den Verwicklungen und das wird auch immer wieder diskutiert, mitunter arten die Diskussionen in grobe Rangeleien aus, von uns aus gesehen durchaus mit übertriebenem Spiel.

Es sind die Geldprobleme, die die Figuren zum Handeln antreiben. Der kleine Laden, den der Vater mit seinen drei Söhnen betreibt, wirft nicht genügend ab. Sie verdienen sich mit drastisch und blutig geschilderten Überfällen auf Autofahrer ein Geld dazu.

Titili schlägt aus der Art, obwohl er die beschissene Verbrecherader genau so in sich hat. Aber er will raus. Er ist im Gespräch mit einem Immobilienhai, er möchte für sein sauer Erspartes ein Parkhaus kaufen, wobei mir die Relation zwischen Investitionsbetrag und Preis des Parkhauses nicht plausibel einleuchtet.

Die Sache wird kompliziert dadurch, dass der Bauherr plötzlich 30’000 Rupien mehr verlangt als die verabredeten 270’000, die sich Titli erspart hat. So steht er vor einem dummen Konflikt. Hinzu kommt seine von den Vätern arrangierte Hochzeit mit Neelu, Shivani Raghuvanshi. Die Sache kompliziert sich weiter, dass sie zwar eine schöne Mitgift mitbringt, aber in ihren verheirateten Cousin Prinz verliebt ist und auch eine Liaison mit diesem pflegt. Hinzu kommt, dass der älteste Bruder von Titli, der seine Frau immer wieder brutal geschlagen hat, damit konfrontiert wird, dass sie die Scheidung eingereicht hat und auch noch eine Forderung von 500’000 Rupien stellt.

Jetzt kann nur noch ein großer Überfall helfen. So spitzen sich die Stränge zu.

Die Milieus schildert Kanu Behl einmal über die trostolose Architektur von Hochhausrohbauten, dann der Slums mit einfachster Einrichtung und zugemüllt und im Gegensatz dazu das feine Stadthaus von Prinz.

Die expressive und übertriebene Spielart, häufiges, mit unangenehmen Nebengeräuschen verbundenes Zähneputzen oder auch immer wieder mit den Händen essen sind weitere Mittel der Charakterisierung, die bis zum gezielten Armbrechen gehen, damit Jeelu nicht falsch unterschreiben kann.

Es ist der Versuch von Kanu Behl, sozial engagiertes Kino zu machen, wobei sich die Frage stellt, ob der Film mehr für den internationalen Festivalmarkt gedacht ist oder dafür, in Indien Diskussionen und womöglich Veränderungen auszulösen. Wobei für mich ein Problem ist, dass diese Männer um Titli alle deppert wirken, auch Titli manchmal; da scheint mir kleine klare Figurexposition vorhanden zu sein.

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Dieser Film von Ingo Haeb fällt schon durch seine Fotografie auf. Sie arbeitet mehr wie eine Still-Fotografie. Sie hebt die Darsteller physisch hervor, indem sie als Hintergrund ruhige, meist monchrome Flächen und Gradlinigkeit bevorzugt, wodurch den Darstellern ein graphischer Rahmen gegeben wird, eine pointierte Hervorhebung des Dargestellten bewirkend, diese ein Stück weit in einen Experimentierraum verweisend.

Auch inhaltlich fällt der Film zumindest innerhalb der Produktionen des Pfründenlandes insofern positiv auf, als er im Zentrum seines Interesses eine Person hat, eine geheimnisvolle Frau, Vicky Krieps als Lynn. Was genau es mit ihr auf sich hat, werden wir allerdings auch bis zum Schluss nicht erfahren. Sie hat einen freiwilligen Aufenthalt in der Psychiatrie hinter sich.

Ein Faden der Geschichte, der immer wieder aufblitzt, ist ein Gespräch mit einem unsichtbaren Psychiater, eventuell noch als rätselhafter Hinweis ihre Erzählung von der Meermuschel, in der sie Rauschen des Meeres hörte, ein Effekt, den sie auch bei einem geleerten Glas Wasser festgestellt haben will.

Sie führt telefonische Gespräche mit ihrer Mutter, ist Single und arbeitet als Zimmermädchen im Hotel Eden in einer unbekannten, deutschen Stadt. Sie ist eine hervorragende Putzkraft, putzt selbst Zimmer, die nicht benutzt wurden, denn Staub sammle sich immer.

Tiefer blicken lässt eine andere Eigenschaft von ihr. Sie interessiert sich für Intimes der Gäste, riecht an Rückbleibseln oder zieht sich gar das Negligé eines Hotelgastes an. Eines Tages legt sie sich sogar unter das Bett eines Gastes, bekommt die Gespräche mit dessen Frau mit; das wird noch getoppt durch eine Szene, in der sie so den Besuch eines Call-Girles inkognito miterlebt.

Das sind bannende Aufnahmen, wenn sie klaustrophobisch unterm Bett liegt, während darüber die Begegnung zwischen Gast und Dame stattfindet. Sie treibt es noch weiter, notiert sich, während der Gast im Bad ist, die Telefonnumer der Dame und bestellt diese zu sich nach Hause.

Zwischen Lynn und dem Call-Girl entwickelt sich eine Beziehung mit Sado-Maso-Einschlag. Lynn will mit der Blondine in Urlaub fahren. Das begründet eine surreale Traumsequenz, wie sie mit ihrer Partnerin auf dem Bett durch die Gegend bis ans Meer fährt.

Lynn selbst behauptet am Schluss bei einem Gespräch mit der Mutter, sie habe sich verändert. Das scheint mir aber das Problem bei diesem Film, dass er nicht über das Portrait einer verschlossenen, verwunderlichen jungen Frau hinauskommt. So weit durchaus faszinierend. Leider ist die Handlung nicht so, dass sich Situationen ergeben, in denen es zu Konflikten kommt, in denen sie mehr von sich offenbaren müsste, in denen eine Story zustande käme; in der sie sich wirklich als handelnde Person und Charakter dem Zuschauer eröffnen würde.

So bleiben die Begegnungen mit Chiara zwar schön gespielt, man denkt momentweise an den aufregenden Film Blau ist eine warme Farbe, geht aber nicht so weit, so tief.

Schön sind immer auch die Szenen, wenn Lynn inneren Monolog führt, wenn sie vor ihrem Tagebuch oder Tagesplan sitzt und auf dem Laptop Filme laufen hat. Den wird sie später allerdings an eine Kollegin verscherbeln, um sich eine weitere Sitzung mit Chiara leisten zu können. Der Sex mit ihrem Chef. Erscheint wie eine fruchtlose These.

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Und dann war doch alles recht dieseitig, ganz im Gegensatz zum Titelversprechen, das uns etwas aus einer Jenseitswelt erzählen will.

Diesseitig ist das biblisch anmutende Ährenfeld, in dem die Menschen rumstehen, ganz diesseitig, einmal mehr im Kino, die Idee der Familie, wenn auch etwas reduziert, George Clooney, der eine Zuneigung zu einem Robotermädchen entwickelt und mit diesem in den Armen von den Computeranimatoren durch den Raum gebeamt wird. Familie auch 1964, wo die Geschichte beginnt, die Damon Lindelof, Brad Bird und Jeff Jensen geschrieben haben und die Brad Bird inszeniert hat, auch hier ein Vater, ein Sohn und ein Töchterchen. Technische Tüftler allesamt.

Töchterchen nutzt diese Fähigkeit, um auf einem Nasa-Gelände nächtens Sabotage zu betreiben. Söhnchen hat den Jetpack entwickelt, der ihn wie eine Rakete durch die Luft jagen kann; Versuche gehen erst mal daneben; das amüsiert am meisten die Frauen im Publikum. Dadurch lernt er den Chef einer Innovationsmesse kennen. Er ist der Bösewicht im Film, der sein Geschäft mit schlechten Nachrichten macht. Dessen Töchterchen wiederum, das Robotermädchen, bringt einen Anheftknopf, Pin genannt, der mehr wie eine Plakette aussieht, und auf der ein T zu lesen ist, ins Spiel, der in den Accessoire-Assoziationsbereich von Uniformen gehört. Damit lässt sichs trefflich reisen, bei Berührung mit der nackten Haut sind Zeitsprünge möglich.

Womit ein weiteres, recht diesseitiges Thema in den Film eingeführt wird, welches eine Irrsinnszeithopserei in Gang setzt, die wirkt, wie ein Trip durch einen Flohmarkt für abgespielte Science-Fiction-Ausstattungen und -Computer- und Hologrammeffekte, alle altbekannt.

Bis vielleicht auf den schönen Gag mit dem Eiffelturm, der sich teilen kann und aus welchem eine Rakete emporsteigt. Vielleicht ist dieses symbolische Bauwerk, das schon über 100 Jahre auf dem Buckel hat und noch steht wie eine Eins, sowieso das, was am ehesten dieses löchrig-schwankende Bewusstsein von Zeitreisen irgendwie nachvollziehbar macht, deren unsicheren Boden zu imaginieren vermag. Und gibt mit dem kleinen Wachsfigurenkabinett im Turmstübchen, was auch ausführlich geschildert wird, einen kleinen Einblick in die Vorgeschichte von Elektrizität mit den Figuren Tesla und Edison, die sich, so wird erzählt, gar nicht gemocht haben. Wie Schulstoff.

Zwischen die Zeitsprünge sind notorische Faust- und Waffenkämpfe eingebaut. Dafür tauchen uniformierte und bewaffnete Figuren auf. Aber auch George Clooney und sein Gegner rangeln im Handgemenge.

Und noch ein recht iridisches, heutiges Thema taucht elementar im Film auf: durch die Zeitsprünge, die zwar im Film mit Montage und Computereffekten leicht machbar sind, und die wir aus x Filmen schon bis zum Überdruss gewohnt sind, ist auch ein Blick in die Zukuft möglich: der Planet ist in Gefahr. Die Menschen müssen etwas unternehmen, ihn zu retten. Das ist ein höchst heutiges Topos.

Fazit: viel Welt aus dem Jenseits ist hier nicht gerade drin. This is not: funny.
Auch die Info, dass die Zukunft Angst machen kann, ist very diesseitig.

Deformierende Schläge, die sind lustig für Kicherer, wenn einer eins übergebraten kriegt mit einer Art Stimmgabel und dann verformt sich das Gesicht per Computereffekt.

Die naive Hoffnung, mit Zeitspringerei die Welt zu verändern.

Und ganz heutig, ja direkt altväterlich: die moralische Aufforderung an die Jugend, sie sei die Zukunft und sie solle retten, was die Väter versaut haben.

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Ein vermutlich erlebnisbasierter Themenfilm in fiktionaler Form, der sich mit dem Culture-Clash Westeuropa (Britannien) und Innerasien beschäftigt.

Ben Hopkins hat die Regie geführt und mit Pawel Pawlikowski auch das Drehbuch geschrieben. Die Intention dürfte die einer Komödie sein, wenn auch nicht so bissig, schrill und überdreht wie Sascha Baron Cohens Der Diktator.

Hopkins nimmt das Thema ernst, versucht das Abgleiten in die überrissene Karikatur zu vermeiden, verkauft sein Produkt dadurch allerdings nicht so zugkräftig wie Cohen seinen Diktator.

Hopkins Hauptfigur ist ein Regisseur, Matthew Macfadyen als Emil Forster. Der lebt mit seinem Hund in einem Londoner Loft mit Zugehfrau, die zu bezahlen er ständig im Rückstand ist. Er war mit einer prominenten Schauspielerin liiert. Die Beziehung ist beendet.

Zwei Filme hat er bisher gemacht, einen über ein Thema mit dem Polarkreis und eine Beziehungsgeschichte „Line of Infinity“. Dadurch ist er bekannt geworden, ist von Festival zu Festival gereist.

Jetzt hat er eine Einladung zu einem Filmfest nach Karastan erhalten, einer protoypischen innerasiatischen Diktatur. Was Emil allerdings nicht weiß: der Diktator ist ein Fan seiner Filme und möchte ihn als Regisseur für die Verfilmung des Nationalepos engagieren zur Mehrung des Ruhmes des Diktators.

Dafür wurde auch ein internationaler Star engagiert, Xan Butler gespielt von Noah Taylor, und für die weibliche Hauptrolle hätte der Diktator, der ein äußerst umgänglicher Mensch ist, am liebsten die Ex des Regisseurs, nicht unbedingt ein glücklicher Einfall.

Emil erlebt von der Ankunft in Karastan an die Dinge, die zu erwarten sind in so einem Land, die Korruption, die Überwachung, die attraktive Begleiterin und Betreuerin Chulpan, MayAnna Buring, einen ViP-Service und ein Festivalscreening mit Überraschungen und einen Dreh, in den die politischen Verhältnisse eindringen.

Emil wird als ein seriöser, recht gewöhnlicher Mann dargestellt, der ein gewisses britisches Understatement pflegt, nicht leicht aus der Ruhe zu bringen ist, der sein Projekt von hoher geistiger Warte aus betreibt, der aber auch selber das Land erkunden will, der überhaupt nicht den Haudrauf spielt und der noch dazu von seiner Londoner Zugehfrau ständig genervt wird mit bedeutungslosen Anrufen. Da das alles eh nur ein Spiel ist, das sich zwar aus der Realität nährt, so kann man sich auch einen britisch-snobistischen Schluss einfallen lassen.

Seriöser Erlebnisbericht in Spielfilmform denn Hopkins hat schon Dokumentarfilme in Innerasien gedreht.

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