Archiv für die Kategorie: “Film”

Es passiert nur selten, dass man als Filmkritiker einen Film zu sehen bekommt, der es in Folge nicht mehr auf die Leinwand schafft. In diesem Fall “The Interview” von Sony Pictures.

Im Film – auf den wir wegen einer Sperrfristklausel an dieser Stelle nicht eingehen – geht es um einen TV-Talkshow-Master und seinen Produzenten, die es schaffen, ein Interview mit Nordkoreas oberstem Führer Kim Jong-Un versprochen zu bekommen.

Schon im Sommer diesen Jahres wandte sich Nordkoreas Führung an die UN, um sich gegen den (zu diesem Zeitpunkt noch in Arbeit befindlichem Film) zur Wehr zu setzen. Ein Hackerangriff auf Sony im Spätherbst sorgte nicht nur für massiven Zwiespalt zwischen betroffenen Personen in der Branche, sondern enthielt auch terroristische Drohgebärden rund um den Release von “The Interview”. Die Attacke wird nun Nordkorea zugeschrieben, Sony sagte daraufhin die für heute (18.12.2014) geplante Premiere in New York ab. Etwas später wurde der Film komplett zurückgezogen.

Ein Hoffnungsschimmer bleibt: Laut Wikipedia ist die Veröffentlichung in anderen Länden nicht betroffen. Mal sehen, was Sony Deutschland sagt.

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Ob ausgegoren oder nicht, der wichtigste Konflikt in diesem Film von Susanne Bier nach einem Drehbuch von Christopher Kyle auf Grundlage des Romans von Ron Rash ist der einer Frau, die nach einer Totgeburt keine Mutter mehr werden kann. Ihr Ehemann hat aus einer Beziehung vor dieser Ehe einen Jungen, Jacob.

Allerdings tun weder Buch noch Regie sich groß mit Konfliktbewältigungsstrategien auseinandersetzen oder tüfteln. Sie orientieren sich am tierischen Beispiel, mit dem der Film anfängt und auch aufhört, bei der Jagd nach dem Puma, bei der es heißt, vorsichtig zu sein, damit der Puma nicht den Jäger jage. So viel Verlass, das zeigt die Inszenierung von Anfang an, ist auf Susanne Blier. Es kommt nichts Unerwartetes hinzu. So wirkt die Inszenierung eher wie auf Stelzen, immer einen Tick zu überdeutlich, zu lang der Blick von der Frau, die keine Mutter mehr werden kann, zu der Frau, die bereits den Sohn hat.

Hier gibt es keinen Spielraum für Nuancen, für Interpretationen, für Verhandlungen; entweder erledigst du den Puma oder er dich. Damit diese etwas einfache Moral, die sich nicht tiefer mit den Charakteren, die ihr Vorspiel tragen, beschäftigt, doch einigermaßen verdaulich wird, hat Frau Bier am Anfang des Filmes und zwischendrin Stimmungsbilder aus den „Smoky Mountains“ in Nordcarolina eingefügt, das Setting als Entschuldigung.

Bradley Cooper ist der erfolgreiche Unternehmer George Pemberton, der Holz abbaut und hochfliegende Pläne zum Raubbau in Brasilien hat. Sein Erfolg ist allerdings bedroht durch Aktivisten, die in diesem Gebiet einen Nationalpark ausweisen wollen, und durch einen verräterischen Mitarbeiter, der die häufigen Todesfälle beim Baumfällen und durch Klapperschlangen ans Licht der Öffentlichkeit bringen will.

Gegen die Klapperschlangen hat die bei einem Pferderennen als Teil der feinen Gesellschaft aufgetauchte Hollywood-Vamp-Blondine Serena (Jennifer Lawrence) die Idee mit dem abgerichteten Adler. Auch weiß sie sehr genau, wo der Schlag gegen einen zu fällenden Baum zu führen ist, um nicht zu viel Abfallholz zu produzieren. Das ist ein neckischer Gegensatz, einerseits vollkommen kitschiges Püppchen von Frau, die so überhaupt nicht in die raue Holzfällergesellschaft hineinpasst, die andererseits geschäftlich schnell die Hosen anzieht. Mit so einer attraktiven Frau und dem entsprechenden Hauptdarsteller müssen alle Viertelstunden kleinere Sex- und Liebesszenen eingefügt werden, das verlangt vermutlich das Kommerzdepartement einer solchen Produktion.

Gut zu wissen: Pumas fressen von ihrem Opfer das Herz zuerst.
Auch eine Jagdunfallgeschichte.

Der Nachteil der kristallklaren Erzählweise von Susanne Blier ist der, dass sie ebenso die Untiefen der Erzählung glasklar zum Ausdruck bringt wie den Kitsch. Als ob sie uns das Buch in großen Lettern durchbuchstabiere und und zusätzlich noch unterstreiche, ohne einen Unterschied zu machen zwischen Billig und nicht Billig dieses intendierten Gefühlskinos.

Zum Ende wird mehrspurig Horror-Action eingeführt, in parallelen Strängen sind Leute mit Waffen hintereinander her oder auf der Flucht voreinander. Da spielt der Knautschgesicht-Sheriff, Toby Jones, mit.

Philosphieren könnte man ausgehend von diesem Film vielleicht zum Thema Mutterschaft, Herrschaft, gnadenlose Herrschaft.

Und wenn sie alle tot sind, dann ist das Drama aus.

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Ein Film von lakonisch-stoischer Größe und Erhabenheit um ein Urgewicht und ohne auch nur mit einer Faser dem Zuschauer eine Message aufs Auge drücken zu wollen. Gleichwohl fehlt es an Weisheitssätzen nicht. Dass, wenn man das Leben kapiert habe, es schon zu spät sei oder dass nichts schwerer zu tragen sei, als wenn man nichts zu tragen habe. Da mache mal einer einen Film darüber.

Bent Hamer aus Norwegen tut es. Von ihm wurde hier schon Home for Christmas besprochen. Hier lässt er sein Auge kaum von der natürlich-schönen Ane Dahl Torp als Marie. Wie sie trotz desolater, privater Lage ihren Job macht. Ihr Freund, ein Pilot zieht gerade aus dem gemeinsamen Haus aus. Dieses starrt leer bis sinnentleert. Marie hat noch ihren Vater. Der ist ein angesehener Mann und arbeitet wie sie im norwegischen Eichamt. Er hat einen Bauernhof geerbt, bewirtschaftet den aber nicht.

Anderer Zugang: um Requisiten können sich Geschichten ranken. Hier ist das Kernrequisit das norwegische Referenzkilo zum Urkilo in Paris und dessen Verpackung in einem Lederkoffer für die Reise zur Kalibrierung desselben in Paris. So ein Requisit scheint die skurrilsten Geschichten magisch anzuziehen. Allein, bis der Tresor geöffnet ist, in dem das heilige Teil steckt. Bis es dann in Anwesenheit von stummen Zeugen reisefertig verpackt ist, die Probleme beim Zoll, die merkwürdige Ansprache eines Herrn vor lauter solchen Kilotransporteuren aus aller Herren Länder, bei der die meisten Zuhörer einnicken, der Gänsemarsch der Kiloträger unter Schirmen zur Kalibrierungszeremonie, dann, oh Schreck der Unfall in Norwegen, immerhin ist das Kilo nicht kaputt, Grund zur Reparatur, wieder ein entscheidender Schritt zur angepeilten und doch immer noch so fernen Liebesgeschichte. Kommen Sie meine Herrschaften, schauen Sie, staunen Sie, treten Sie ein in diese Welt der alltäglichen Merkwürdigkeiten und Wunder, des immer wieder überraschend Erwartbaren, das Bent Hamer uns mit diesem Film vor Augen führt.

Frage: wie kann man über so einen Stillstand, denn ein Kilo bleibt ein Kilo, einen so großartigen Film machen, in dem sich im entscheidenden Moment doch das Entscheidende im Leben tut? Auch wenn der Anlauf dahin einen Film lang dauert, in dem wir gebannt dem Stillstand zugeschaut haben, aus dem das Entscheidende erwächst. Die beiden Liebenden fahren nämlich beide Elektroautos, das ist vielleicht das Geheimnis. Nein, ist es natürlich nicht. Paradox dazu, dass Marie durch ihren Job an Benzinzapfsäulen die Eichgenauigkeit nachprüfen muss.

Präzisionsatmosphäre, die keine Privatheit zulässt. Extensive Erzählweise, in der kaum was passiert, und die doch bannt.

Das Kiloseminar des BIPM (Bureau Internationale de Poids et Mesures).
Der Professor, der beim Institut in Paris eine Halbtagsstelle als Gärtner angenommen hat.
Weisheit: Welcher Mann weiß, wie spät es ist? Der mit einer Uhr und nicht der mit zwei Uhren.

Wichtige wissenschaftliche (sophistische!) Frage: soll man das Kilo vor der Kalibrierung in Paris reinigen oder nicht? (die norwegische Schule verneint diese Frage).

Und dann noch das Vogelforschexperiment: die Untersuchung der Veränderung des Gesanges der Distelfinken mit zunehmender Nähe zum Stadtzentrum.

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Eine vereinnahmende Parabel über die Sehnsucht des Menschen nach Liebe und die Deformationen, die deren Nichterfüllung sowohl durch menschliche Ablehnung als auch durch die ökonomischen Umstände (und in deren Gefolge Krankheit wie Diphterie) herbeiführen können, angesiedelt in den Weiten Nebraskas und Iowas im Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts.

Mary Bee Cuddy, Hilary Swank, 31, kämpft alleinstehend um ihr Überleben als Farmerin. Sie sehnt sich nach einem Mann. Macht auch ungeschminkt Angebote. Aber sie wird abgelehnt als zu dominant, zu autoritär. Das Leben hat sie hart gemacht. Immerhin arbeitet sie. Drei andere Frauen aus der Nachbarschaft haben auf die Nichterfüllung der Liebessehnsucht, wenn auch verheiratet aber missachtet, misshandelt, dadurch reagiert, dass sie verrückt geworden sind. Die Dorfgemeinschaft entscheidet, die drei Frauen zu einer befreundeten Methodistenkirche in Iowa zu bringen, damit sie in zivilisierteren Umständen genesen mögen.

Der Film nimmt sich anfangs viel Zeit, gemächlich-bedächtig der Gegend und der Zeit angemessen legt er die Bestandsaufnahme der Happiness der Bewohner der kleinen Stadt dar und wieso jemand die drei Frauen nach Iowa bringen soll und wer das sein wird: Mary Bee Cuddy, die anstelle eine Mannes, der das sicher nicht könne, am Losverfahren teilgenommen hat.

Mary wird diese gefährliche Strecke allerdings nicht allein mit den drei Frauen bewältigen. Weil sie George Briggs, Tommy Lee Jones, vom Strang errettet, kann sie ihn erpressen, sie zu begleiten. Er stellt sich selbst als alles andere, denn einen Homesman, einen verlässlichen Mann dar; er war bei den Dragonern desertiert und die Frau, die er geheiratet hat, hatte er eines Tages einfach sitzen lassen und ist abgehauen. In einer der anrührendsten Szenen des Filmes wird Mary Bee auch ihm einen Heiratsantrag machen. Vom Verstand, von der Vernunft her spricht doch alles für sie: sie hat eine Farm, sie hat Land, sie hat Tiere, sie ist jung und kräftig, sie hat Geld auf der Bank of Loup.

Briggs konnte sie ködern für die Fahrt mit der Aussicht auf 300 Doller. Er spricht anfangs nur abschätzig von der Fracht, die er nur des Geldes wegen möglichst schnell durch die Wüste bringen will.

Tommy Lee Jones spielt hier nicht nur die Rolle dieses Außenseiters, der sein menschenverachtendes Verhalten selbstverständlich nicht den ganzen Treck lang durchhalten kann, er hat auch mit Kieran Fitzgerald und Wesley A. Oliver das Drebhuch nach dem Roman von Glendon Swarthout geschrieben und die Regie geführt. Außerdem versammelt er eine beachtliche Schauspielerriege um sich und hat auch hinter der Kamera, bei der Ausstattung, Musik ein beachtliches Team zusammengestellt; und Meryl Streep als Frau des Methodistenpredigers: mehr Methodistenglück und -strahlen in einem einzigen Gesicht geht nicht.

Einmal mehr garantiert auch hier der Produzentenname Luc Besson für ungewöhnliches Kino, hier spröd-episch und überhaupt nicht anbiedernd erzählt, was den Zuschauer erst allmählich Teil werden lässt der sonderbaren Reisegesellschaft, die sich durch das Ödland in Richtung Iowa bewegt.

Für diesen etwa zweistündigen Film sollte man sich eine Auszeit gönnen, die zu einer intensiven In-Zeit werden kann.

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Kinderanimation in 3D aus Deutschland. Der Traum vom Fliegen, überhaupt, sich sicher zu bewegen auf einem Boden, der hoffentlich nicht auseinanderdriftet oder plötzlich Löcher bekommt, in das der Mensch, das Kind, hinabgesaugt werden kann, wie in die Inenreien eines Polypen, in welchem die Verdauungssäfte bedenklich näher kommen.

Unser Road-Trip-Grüppchen aus Kokosnuss, das ist der kleine Feuerdrache, der gerade noch nicht so richtig fliegen kann, das ist Stachelschwein Matilda und der Drache Oskar, haben auch in so schwieriger Situation eine Lösung. Schon mal was von Antiperistaltik gehört? Nun, der Begriff kommt so nicht vor, aber der Vorgang wird unser Road-Movie-Team wieder ausspucken.

Das Trio ist nämlich auf der Suche nach dem Feuergras. Das ist wichtig für die Feuerdrachen, denn wenn sie solches verzehren, bleibt ihnen die Fähigkeit zum Feuerspucken erhalten. Opa hat anfangs des Filmes ein ganzes Bündel davon für die gesamte Feuerdrachenbevölkerung, je ein Gras pro Drache, auf den immer dünner werdenden Weiden eingesammelt, ein kostbares Gut.

Kokosnuss soll darauf aufpassen und niemand in die Scheune lassen, in der das wertvolle Gras aufbewahrt wird. Opa packt ihn an seinem Ehrgeiz, dass ihn keiner ernst nehme, weil seine Flügel noch nicht richtig gewachsen sind und sowieso, weil er noch recht klein ist. Wenn jetzt nicht die entsprechende Ablenkung käme und das Gras geklaut würde, dann hätten wir gar keinen Anlass, diese entzückende Geschichte zu erzählen, die auch viel von den Träumen vom Fliegen erzählt und der Unbeschwertheit und zu der Mark Slater und Gabriele Walther das Buch geschrieben und welches Hubert Weilan dund Nina Wels inszeniert haben.

Sie erzählen die Geschichte in der Sorglosigkeit, wie Kinder sie auf dem Weg zum Größerwerden noch haben, selbst die Fressdrachen, die Kokosnuss und Matilda bereits in ihrem Kochtopf köcheln haben, erscheinen nicht furchteinflößend böse, sie wollen ja auch nur sich redlich ernähren, sind leider keine Vegetarier wie die Feuerdrachen. Aber auch aus dem Kochtopf, resp. mit ihm gibt es eine fantasievolle Rettung und die Kühe, die plötzlich in wilder Stampede auf die Feuerstelle zurennen, weil das Feuergras sie narrisch gemacht hat, tragen das ihre dazu bei.

Wie überhaupt das Feuergras eine enorme Wirkung entfalten kann. Die Fressdrachen werden dadurch immun gegen Feuer, das hat zur Folge, dass ihre Pupse brennend hinten raus kommen.

Es sind einfache Zeichnungen, auf unnötigen Firelfanz wird zugunsten der Geschichte verzichtet, die Musik ist schlagerhaft leicht und singt am Schluss vom Fliegen. Die Figuren sind in ihrer Ungelenkigkeit mehr skizziert, so dass sie die Fantasie der Kinder anregen statt diese zuzudröhnen. Und wenn Kokosnuss in der Flugschule Anlauf nimmt und vorn am Kliff plötzlich absackt, so stellen sich die Kinder in ihrem Vorstellungsvermögen vor, wie er jetzt ins Meer, das vorher dort gezeigt worden ist, fällt und der akustische Plumps bestätigt das zu ihrem Wohlgefallen.

Die deutsche Sprecherei ist frech, frisch und fröhlich. Das Büschel Feuergras wird zielbewusst als die Aufmerksamkeit leitendes Requisit eingesetzt.
Schlusssong: auf Wolke 7.
Vorsicht in Grönland: da gibt’s gefährliche Schlucklöcher, die in unvorstellbare Abgründe führen.

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Ein Schauspielerinnenfest angerichtet von Olivier Assayas, ein Schauspielerfilm, auch ein Schlüssellochfilm hinter die Kulissen von Stars von großem Kaliber, ein Film über künstlerisches Überleben und Altern, über Liebe und Tod sowieso.

Juliette Binoche ist als Maria Enders der Star, die moderne Diva und Kristen Stewart ist ihre Assistentin Valentine. Sie sind in einem altmodischen Zug unterwegs in Richtung Zürich. Dort soll Maria Enders am Abend einen Preis entgegennehmen.

Allein die Szenen im Zugabteil, die beiden Damen von Welt in irrer Hektik ständig am Telefonieren, Termine und Interviews. Sie spielen das grandios. Dummerweise stirbt der Donator des Preises, der Autor Wilhelm Melchior. Der residiert in einem Chalet über Sils-Maria. Stirbt just am Tag dieser Verleihung. Seiner muss jetzt in Abänderung des Programms gedacht werden.

Der wichtigere Grund, warum die Diva mit ihrer Assistentin auf dem Weg in die Schweiz ist: sie möchte den Autor in Sils-Maria besuchen. In London soll nämlich eine Wiederauführung ihres Durchbruchstückes, das er geschrieben hat, inszeniert werden, in dem es um den Machtkampf zwischen einer Diva und ihrer Assistentin geht. Damals spielte sie die blutjunge Sigrid, die Assistentin, die versucht, die ältere Helena in ein Vakuum einzuschließen, um sie zu beherrschen. Ein Machtkampf zweier Damen von Karat. Helena wird sich mit Selbstmord aus der Affäre ziehen.

Ein deutscher Regisseur wird die Aufführung in Lond inszenieren. Die Enders soll jetzt die Helena spielen und ein sensationelles, junges, idealhollywoodgesichtiges Sternchen, dem Assayas einen patzigen Talkauftritt voller Satire gönnt, soll die Sigrid spielen.

Wie aus der Preisverleihung in Zürich eine Totengedenkfeier wird, taucht plötzlich Hanns Zischler als Henryk Wald auf. Mit ihm hatte die Enders als blutjunger Star ein Techtelmechtel, das sich aus den Drehbarbeiten eben jenes Durchbruchfilmes ergeben hatte. Er wird vorher von bösen Zungen beschrieben als ein Darsteller, der je weniger er ein Stück begreife, desto besser sei, spitzenmäßig spiele er, wenn er gar nichts kapiere. Zischler kommt diesem Rollenprofil ideal nahe.

Der Hauptteil des Films spielt in den Bergen, vorgeblich Sils-Maria (filmrealiter leider unter Verzicht auf die Einzigartigkeit des Engadins woanders gedreht aus Fördergründen oder wieso auch immer; musste man den insofern falschen Titel unbedingt beibehalten?). Hier entstehen im Haus des verstorbenen Autors die Spannungen zwischen den beiden Damen Binoche und Stewart, weil die Binoche ja den Text der Rolle Helena lernen muss. Hier verquirlen sich Realität und Spiel. Sie üben auf Spaziergängen in den Bergen. Ein ständig schwankendes Gleichgewicht zwischen Rolle und persönlicher Beziehung.

Köstlicher Gag dabei ist die Ausschau nach der Schlange von Maloja, einem seltenen Wetterphänomen, bei dem die Wolken wie Schlangen durch die Gebirgstäler schleichen, die titelgebenden Wolken.

Der Regisseur des Stückes ist der deutsche Klaus Diesterweg. Lars Eidinger spielt ihn wunderbar. Wie überhaupt Assayas ein Händchen nicht nur für die Schauspielerauswahl wie auch Schauspielerführung hat, auch vom Anekdotischen her lässt er sich nicht lumpen, siehe die Bemerkung über Henryk oder wie im Epilog die Aufführung des Stückes in London kurz bevor steht, kriegt die ältere der beiden Damen plötzlich Angst vor der jungen Konkurrentin und bittet sie, an einer bestimmten Stelle, ihr einen Blick zu schenken. Aus der Befürchtung heraus, dass ohne denselben das Publikum nur noch am Abgang der jungen hübschen Frau interessiert sei. Der umwerfend rotzige Star aus Amerika, Chloe Grace Moretz als Jo-Ann Ellis, ist allerdings um eine respektlose Antwort nicht verlegen.

Auch das Papparazzitum um solche Kaliber von Stars bezieht Assayas in sein Stück ein. Denn das junge Bijou aus Hollywood ist mit einem berühmten Autor zusammen, mit Johnny Flynn als Christopher Giles, der verheiratet ist und dessen Affäre mit Jo-Ann Ellis auf keinen Fall auffliegen darf. Das wird, welch Zufall, gut getimt zur Premiere die nötigen Schlagzeilen liefern. Klatsch belebt das Geschäft. Der wird heutzutage durch das Internet und Google noch zusätzlich angeheizt, auch die Möglichkeit, sich vorher schon über neue Kollegen zu informieren, auch die setzt Assayas genüsslich ein, es fängt gleich mit einem Anruf bei Google an, die Enders möchte einen Eintrag gelöscht haben.

Last not least: Angela Winkler hat wenige, bemerkenswerte Auftritte als Witwe Rosa Melchior. Und die Enders begründet ihre Zusage für die Rolle, denn richtig wohl fühlt sie sich nicht dabei, mit dem simplen Satz, I need the money.

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Die Belustigung des Publikums, die die Filmemacher mit diesem Streifen bezwecken, ist das Prinzip einer verkehrten Welt, einer Knopfdruckwelt wie bei einem mechanischen Kabinett oder Glockenspiel, dass Totes lebendig wird, dass das tagsüber tote Museum nachts zu Leben erwacht; ist die Katz oder sind die Besucher aus dem Haus, tanzt die Maus.

Dazu kommen viele Jokes, die ich mir alle nicht merken kann und an denen Heerscharen von Autoren gewerkelt haben, so da sind: David Guion, Michael Handelman (beide Drehbuch und Story), Mark Friedman (story), Thomas Lennon und Robert Ben Garant (letztere beiden für die Charaktere zuständig), dazu hat Shawn Levy eine quicklebendige Regie geführt, lässt die Darsteller lieber einen Tick zu viel machen, Diskretion als Spielprinzip würde als Schwäche ausgelegt.

Protagonist ist Ben Stiller, der richtigerweise immer todernst bleibt, lachen soll schließlich das Publikum, und der, das ist mehr formelhaft und garantiert nicht gravierend eingeführt, Probleme mit seinem Sohn hat, welcher durch diesen Film und alptraumhafte Kämpfe, die er im Britischen Museum zu bestehen hat, einen Schritt in Richtung Erwachsenheit tut.

Auch eine Familienzusammenführung kommt skizzenhaft vor: ein ägyptischer Pharaonensohn, der in New York im Museum aufbewahrt wird, findet in London seine Eltern wieder. Somit sind menschlich-existentielle Themen in das Menue eingebracht.

Auch das hochaktuelle Thema mit den Alten wird gestreift. Um das Problem zu lösen, das sich im Naturhistorischen Museum in New York mit einer korrodierenden Goldplatte aus einem ägyptischen Grab (der Vorspann zeigt, wie diese 1938 entdeckt wurde) ergibt, muss Ben Stiller eine Residenz wohlbestallter Senioren aufsuchen, die gerade munter am Tanzen sind.

Ein reines Klischeevergnügen stellt die Pförtnerin des Naturhistorischen Museums in London dar; so rund und einfältig wie es gerade noch auf eine Leinwand passt. Sie wird später mit dem Steinzeitmenschen turteln, der auf Styroporpocorn steht.

Die Expedition, die sich von New York nach London aufmacht, ist ein bunt historisch gemischter Haufen aus Indianer, Kapuzineräffchen, Ben Stiller und seinem Sohn, letztere beiden für die Realität stehend, dem Steinzeitmenschen, einem Mongolen sowie zwei Minifiguren aus dem Westerngenre und bald gesellt sich noch Lanzelot dazu, dessen Ritterrüstung auch für einige Action gut ist. Denn nachts tobt das Museum.

Erstarrte gusseiserne Löwenwächterfiguren kommen zu Leben und gehen die nächtlichen Besucher bedrohlich an. Sie sind leicht an der Nase herumzuführen mit einem Lichtstrahl aus einer Taschenlampe, der auf den nass reflektierenden Boden gerichtet wird. Da tobt nicht nur der Bär einer kunterbunt zusammengestiefelten Story, denn so kunterbunt so ein Museum ein Sammelsurium an Exponaten ist, so kunterbunt sind die Aktionen, die sich nächtens im Naturhistorischen Museum in London abspielen, zu schweigen vom revitalisierten, furchterregenden Dinosaurierskelett, aber auch ein kleiner, vergoldeter Buddha aus Tibet kann zum ernsten Hindernis für ein nächtliches Eindringerteam werden.

Ziel des New Yorker Teams mit seiner Expedition nach London soll die Reparatur der schadhaften Goldtafel aus dem Pharaonengrab sein; denn ihre Dysfunktion, sie hat angefangen zu korrodieren, und deren Wirkungen haben eine Sponsorenparty in New York ruiniert, indem die wiederbelebten Exponate und die Special Effects der nächtlichen Show plötzlich Eigenleben bekommen haben. Ben Stiller ist darin als Security-Man mit der Abendregie betraut und insofern persönlich involviert, wodurch das Desaster zu seinem persönlichen Makel wird, welchen er mit der London-Tour wieder gut machen will.

Im Londoner Museum gerät der Pompej-Effekt außer Kontrolle und das ist allerdings nicht darauf zurückzuführen, dass der amerikanische Cowboy und der Miniritter in Miniausgabe, der mit seinem Begleiter da hineingerät, den Namen nur von hinten lesen und sich fragen, was ist das: Jepmop?

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Aufwandskino à la Staatstheater von Hermine Huntgeburth mit Radikalverzicht auf prickelnde Sprachregie, wobei das Thema Freiheit die hervorragende Rolle spielt; besetzt mit viel Zwangsgebührenschauspieler-Prominenz ohne sonderlichen Glanz. stefes Review beim Kinostart.

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Eine rasend schnelle, blitzwache Dokumentation von Brad Bernstein (USA 2012) über das Multitalent von Zeichner Tomi Ungerer (Der Mondmann), der Zeit seines Lebens unter dem Kindheitstrauma Vaterverlust, später der Nazischulzeit gelitten hat; der aber Traumata als Auslöser von Kreativität sieht, worüber sollte er sonst nachdenken, und der diese in seinen Kinderbüchern auch behandelt, darin muss das Furchterregende vorkommen, denn die Kinder müssen sich mit der Angst auseinandersetzen.

Tomi Ungerer stieg in New York, wo er 1956 mit 60 Dollar angekommen ist, in kurzer Zeit als Zeichner in die Top-Klasse auf, zeichnete ein Kinderbuch nach dem anderen, erhielt Preise dafür, Elogen in der New York Times. Er brach Tabus, wurde dadurch auch viel angefeindet.

In der aufkommenden Unruhe der 60er verarbeitete er auch politische Probleme, Vietnam („Kiss for Peace“), Rassentrennung. Er malte einprägsame Plakate dazu. Gelernt habe er das bei den Nazis, das Plakat als Faustschlag. Effektvoll. Das war aber auch die Zeit der sexuellen Revolution. Auch die brachte er wach und offen zu Papier, fing an Ideen zu entwickeln und mit den Ideen erweiterten sich auch seine Erlebnisbereiche.

Erfolgreich Kinderbücher zeichnen und gleichzeitig pornographische Zeichnungen publizieren, noch dazu unter demselben Namen, das konnte im prüden Amerika nicht lange gut gehen. Ungerer erinnert sich noch sehr gut an jenen Abend der Vorstellung eines Kinderbuches, wie er in der Diskussion auf diese anderen Werke angesprochen wurde. Das löste wie man heute sagen würde einen Shitstorm der Entrüstung aus, eine richtige Hetze, so dass alle seine Bücher in den Vereinigten Staaten verboten wurden und aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt werden mussten. Er habe dann kurz die Contenance verloren und gesagt, wenn nicht gefickt würde, dann gäbe es ja keine Kinder und dann bräuchte man auch keine Kinderbücher mehr.

Ungerer hat ständig Puppen in Atelier, an denen er rumdoktort, eine habe AIDS, dafür ziehe er für die Behandlungen und Operationen Gummihandschuhe an.

Der Film von Brad Bernstein ist einerseits ein rasender Schnellabriss des gigantischen, zeichnerischen Werkes von Tomi Ungerer, wie schon sein Vater sehr begabt gewesen sei, ist eine Reise zu den Orten seines Wirkens: Straßburg, Colmar (hier hat der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald ihn geprägt; den hat er immer studiert, wenn er auf den Bus warrten musste, denn der Eintritt war frei), New York, Kanada, Irland. Angenehm wenige und kurze Statements von Kollegen, einer Dame vom Tomi Ungerer-Museum, einem Historiker, einer Kinderbibliothekarin, einem Kinderbuchautor, einem Kritiker und Kinderbuchautor, einem Comiczeichner, einem Literaturwissenschaftler und der Tochter des Zeichners.

Der Hauptmasse des Filmes ist ein Interview mit Tomi Ungerer selbst. Er plaudert drauf los, ein unerschöpflicher Quell, kein Geschwätz, immer geht es um die Begründung, das Need zur Kunst, die Widersprüche, die Traumata, der irre Strom an Ideen, der in ihm fließt, so dass er sich manchmal vorkomme wie ein Zahnarzt in seiner Praxis, mit einem Wartezimmer voller Ideen, die er noch behandeln müsse.

Nach der Hetze in den USA hat er 25 Jahre lang kein Kinderbuch mehr gezeichnet. Inzwischen ist der Bann gegen ihn aufgehoben. Und er hat wieder ein Kinderbuch gezeichnet. In Irland scheint er eine gewisse innere Zufriedenheit gefunden zu haben.
Ungerer schaut immer noch aus wie ein Schuljunge, voller Neugier, voller Wachheit, nicht ohne Schlauheit (die haben sie gegen die Nazis gebraucht).

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Ein alter Mann in intellektueller Internet-Mission und zwei einsame Frauen im grandiosen Setting eines entfernten Anatoliens, wo die Häuser zum Teil noch in Fels gehauen sind und Formen haben wir parodierte Doktorhüte.

Aydin, Haluk Bilginer, residiert hier im Hotel Othello, das er auch betreibt. Er schreibt eine Kolumne, seinen täglichen Blog „Stimme der Steppe“. Er ist wohlhabend, ein lokaler Fürst sozusagen. Er hat eine bildhübsche Frau, die sich langweilt und vor lauter Langeweile soziale Aktionen zur Instandhaltung von Schulen unterstützt. Auch seine Schwester wohnt hier. Auch sie langweilt sich. Sie kann sich selber nicht erklären, warum sie von Istanbul hierher zurückgekehrt ist. Tschechowsche Ausgangslage. Auf Kurzgeschichten von Tschechow berufen sich Ebru Ceylan und Nuri Bilge Ceylan bei ihren Drehbuch auch. Nuri Bilge Ceylan (Once Upon a Time in Anatolia) hat auch die Regie geführt bei diesem Film, den man ruhig eine schwarze Komödie nennen kann, die sich kaputt lacht über intellektuell-männliches Sendungsbewusstsein (im fernen Anatolien), durchaus auch zu sehen als Kritik an der türkischen Intelligenzia.

Der einzige, der rundum zufrieden mit sich selbst und der Welt ist, die sich nur um ihn dreht, ist Aydan. In seinem orangenen Range Rover lässt er sich rumkutschieren in seinem Reich, schaut nach diesem und jenem. Eine Auto-Scheibe wird ihm eingeworfen. Das ist der erste größere Vorfall, der ein paar Sprünge in der Geschichte sichtbar werden lässt. Der Steinwerfer ist ein Schulbub, Ilyas, er ist der Sohn des verkommenen Bruders des ewig breit grinsenden Immams, Hamdi Ismail. Denn der Gutsverwalter von Aydan, Hidayet, hat wegen Mietrückständen den Gerichtsvollzieher vorbeigeschickt. So trägt der Nachwuchs die Wut auf den Groß(grund)besitzer weiter, dieser selbst erzählt an einer Stelle, was ihm hier in der Gegend alles gehöre.

Die Storyline trägt viel dazu bei, einiges über die Lebensweise in diesem Anatolien zu erzählen. Was mich an diesem Film am meisten fasziniert, ist das Missionarische von Aydan, der überzeugt ist, dass sein Blog wichtig sei, wenn auch nicht so viele Reaktionen drauf kommen, und der ihm wichtiger ist als die menschlichen Beziehungen. Intellektuelle Abgehobenheit. Wenn es aber um konkrete Hilfe für Schulen in seiner realen Umgebung geht, worauf ihn seine Frau aufmerksam macht, dann ist er taub und blind oder beides zugleich. Das ist nicht der Bereich seiner höheren Sphären.

Aydan war einmal Schauspieler. Er will eine Geschichte über das türkische Theater schreiben. Über diese seine Mission kommt es nach einem guten Warm-up für die Geschichte zu heftigen Auseinandersetzungen mit seiner Frau und auch mit seiner Schwester, die sich beide fragen, was sie hier eigentlich sollen. Es kommt zu einer erniedrigenden Szene zwischen ihm und seiner Frau, in der er ihr aus intellektuellem Dünkel heraus die schlimmsten Vorwürfe macht. Die Folge dieser Diskussion, die sehr spät im Film ist, wird sein, dass er sich spontan entschließt, den Winter in Istanbul zu verbringen.

Es kommt anders als man denkt. Es folgen Szenen, die wieder an Tschechow denken lassen, wie einsame Männer in abgelegenem Haus im Winter sich mit Alkohol zudröhnen und mit ihrer Einsamkeit und Sinnlosigkeit kämpfen.

Mit Kleinkram wie Mietrückständen und Gerichtsvollzieher will der große Intellektuelle nichts zu tun haben, das erledigt sein Verwalter. Wie Aydin die Auseinandersetzung mit dem Imam hat, die ihn gewaltig stört, schreibt er aus persönlicher Gehässigkeit einige Kolumnen zum Thema Islam, ein, wie er selber sagt, sehr schwieriges Thema. Islamkritik. Islamlob: Islam sei die Zivilisation und die hohe Kultur. Das vor allem in einer Türkei, die von ihrem jetzigen Präsidenten Erdogan systematisch in einen islamische Republik verwandelt werden soll. Der große Intellekt nährt sich von kleinlichen Gefühlen.

Symbolischerweise kommt ein eingefangenes Wildpferd vor im Film, bloß weil ein Gast fragt, ob man hier auch reiten könne. Es gibt noch einen japanischen Gast im Hotel. Auch der wird abreisen, nach dem anderen, dem Crossfahrer.

Die Ilyas-Story. Der Tenor ist, er sei ins Wasser gefallen. Aber der Grund dazu wird nicht erwähnt. Denn er ist ins Wasser gefallen, weil er vor den Verfolgern geflohen ist.

Die zerbrochener Landrover-Scheibe erinnert an das Requsit des zerbrochenen Kruges von Kleist, was sich um so ein Teil doch für eine Komödie ranken kann.

Vorwurf Aydans Gattin: es gelinge ihm immer wieder wie Olivenöl zu sein und an der Oberfläche zu schwimmen. Oder: ich wollte, bei mir wäre die Schwelle zum Selbstbetrug so niedrig wie bei dir.

Sie hat einen Verein gegründet, der sich um die zerfallenden Schulen kümmern soll. Er will Kontrolle über ihren Verein. Sie will nicht, dass er dabei ist, bei der Versammlung, weil er alles kaputt machen würde mit seinem Zynismus.
Er verachtet ihre dilettantische Begeisterung, wobei er nicht zögert, einer Lehrerin und Leserbriefschreiberin seiner Kolumne aus einem entfernten Kaff helfen zu wollen.

Winterschlaf: die Intellektuellen schlafen ihren Winterschlaf (in der Türkei, aber sicher auch anderswo).

Bissiges Bild des Intellektuellen als eines egomanen Maniacs, ein unterhaltsames und lehrreiches Beispiel für einen der alten Männer, die für das Unglück der Welt veranwortlich sind.

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