Archiv für die Kategorie: “Film”

Frühherbstliche Blüten machen das Kino attraktiv: aus Amerika ein reicher Fischzug aus dem Provinztümpel, aus Portugal eine Städte- und Liebeshommage, aus Skandinavien ein feminines Haarwuchsproblem, aus Südafrik das Schwulenthema, aus Japan eine Annäherung an das Thema Sehen, Blindheit und Kino, ebenfalls aus Ostasien der Alltag eines untergetauchten Profikillers, aus Deutschland Ernährungsphilosophie, lockerflockig aus Frankreich die komödiantische Behandlung der Ausschließlichkeit des Muttermechanismus, aus Amerika als knallig-giftige Herbstzeitlose ein Horrorstück über den Musenverschleiß eines Autors. Das deutsche, subventionierte Kino dümpelt mit einer Babyverwechslungsgeschichte über die Leinwand. Auf DVD unterhält uns der Bernd Channel mit einer virtuellen Tournee und viel Bröselaphorismen. Im TV sind Menschen auf Zwangsgbührenzahlers Kosten als Deppen dargestellt worden und zum Titel „Weltherrschaft“ wurde geistige Konfusion serviert.

LUCKY LOGAN
Die Provinz und die Provinzialität Amerikas als ergiebiger Fundus für Soderberghs messerscharfe Beobachtungen.

PORTO
Stil- und geschmackvolles Porto-Porträt über die Bande einer ebensolchen Liebesgeschichte.

DAS LÖWENMÄDCHEN
Was, wenn eine Frau mehr Haarwuchs hat, als Professoren und Bahnvorstände an Bärten und Brusthaar aufbieten können?

DIE WUNDE
Der Film wirft ein scharfes Licht auf die Doppelmoral zwischen Männlichkeitsdenken am Beispiel der Beschneidung und Schwulität.

RADIANCE – HIKARI
Filmliebe nicht nur für Blinde.

MR. LONG
Weil ein Job schief geht, taucht Profikiller im fremden Land unter und baut sich eine Kleinbürgerexistenz auf.

THE END OF MEAT
Das Verschwinden von verarbeitetem Fleisch aus Massentierhaltung vom Speisezettel des Menschen könnnte schneller kommen als gedacht.

WIE DIE MUTTER, SO DIE TOCHTER
Wenn sich der Muttermechanismus der Mutter und der Muttermechanismus der Tochter wegen gleichzeitiger Schwangerschaft in die Quere kommen.

MOTHER!
Furioses Gemälde über den Autor als inspirationssüchtigen, hybrisgetriebenen Drecksack.

HIGH SOCIETY
Wenn das Thema der Babyverwechslung ernsthaft und gekonnt behandelt würde, läge sozialer Sprengstoff drin. Wird hier billig veralbert.

DVD
BERND CHANNEL – DIE HÖLLE IN BUNT
Bernd, das Kastenbrot, muss sein Leben im Internet in der Follow-Me-Serie offenbaren. Er lebt uns aufs Härteste vor, was das Internet mit uns anstellt.

TV
FALSCHE SIEBZIGER
Rentenbetrug deppert angegangen und eine Posse ist das schon grad gar nicht.

WELTHERRSCHAFT
Hochtrabender Titel kaschiert geistige Bewölkung um Verschwörungstheorien.

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In flagranti

ertappt der Initiierte Kwanda (Niza Jay), ein frecher Schnösel aus der Stadt, in idyllischem Grün zu Füßen eines Wasserfalls seinen persönlichen Initiations-Betreuer Xolani (Nakhane Touré) nackt und eng umschlungen beim schwulen Sex mit dessen verheirateten Jugendfreund Vija (Bonile Mantsai).

Und in flagranti ertappt dieser Film von John Trengove, der mit Malusi Bengu und Thando Mgqolozana auch das Drehbuch geschrieben hat, die scheinheilige Moral Südafrikas im Umgang mit Schwulität.

Das wiederum hat früheren europäischen Kolonialmächten so gut gefallen, das sie den Film vielseitig förderten. So hinterlässt er ein postkoloniales Geschmäckle, was allerdings mehr als wettgemacht wird durch die filmerzählerischen und inszenatorischen Qualitäten von Trengove. Er schafft es, diesen Schleier über dem Thema mit Verve transparent zu machen.

Seine Hauptfigur ist der schwule Xolani. Er arbeitet in der Stadt als Gabelstaplerfahrer in einem Lagerhaus. Zu den Initiationsriten kehrt er jeweils zu seinen Heimatvolk, den Xhosa, in die Berge zurück und arbeitet als Betreuer. So gelangt auch das Thema Beschneidung in den Film.

Diesmal soll Xolani sich um einen einzigen zu Initiierenden kümmern, um den rebellischen Kwanda aus reichen Verhältnissen in der Stadt, das „Weichei aus Johannesburg“. Der ist somit auch unter den Initiierten ein Außenseiter – was seine direkte und freche Zunge nicht zähmt.

Bei den Riten trifft Xolani regelmäßig seinen Jugendfreund Vija. Seinem Initiierten erzählt er, sie hätten als Buben zusammen Vögel gefangen. Als Erwachsene vergnügen sie sich bei diesen Treffen anders und Xolani gibt ihm auch Geld dafür. Das darf aber niemand wissen, denn Vija ist verheiratet.

Über das Beschneidungsritual weist Trengove schön auf die Schwanzfixiertheit dieser nichtschwulen (wie sie behauptet) Männer-Gesellschaft hin. Erst müssen die Jungs, die Männer werden wollen, ihre Schwänze den Dorfältesten zeigen. Diese luren wie Geier auf die Objekte, die sie intensiv begutachten, denn Mann oder Nicht-Mann, das ist hier die Frage.

Es kommt der Beschneider und zack zack sind die Vorhäute weg. Die Initiierten sind weiß bemalt, tragen ein Tuch um den Körper und sollen jetzt zwei Wochen lang in einem Camp zusammenbleiben, bis die Wunde verheilt ist.

Kwanda lebt abgesondert. Die Angst von Xolani, dass seine Liebesbeziehung zu Vija auffliegt, führt dazu, dass diese auffällig wird. Xolani verbietet Kwanda den Kontakt zu Vija, was ihn nur noch neugieriger macht. Es gibt Gerüchte, Gerede und selbstverständlich ist keiner der neuen Männer schwul. Aber die Betreuer nehmen auch Inititierte her.

Kwanda ist die treibende Kraft, die das Thema zur Sprache bringt. Er kommt dahinter. Er selbst erlebt es ja passiv auch. Er soll bei seiner Rückkehr in die Stadt den Mantel des Schweigens weitertragen. Dass er das nicht tut, ist für Xolani und Vija die größte Gefahr.

Nicht nur die Beschneidung ist eine delikate Wunde – auch das unausgesprochene Thema der Homosexualität.

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Musenverschleiß.

Der Künstler und die Frauen. Der Künstler und seine Inspiration, seine Muse, seine Hybris, der Künstler, dem sein Erfolg, seine Anerkennung über alles wichtig ist, der dafür Frau und Kind opfert.

Das ist der Topos, den Darren Aronofsky (Noah, Black-Swan) furios, versiert und atemberaubend mit den Mitteln des Horrorkinos, die sich in Motive eines Terrorkinos auswachsen, bebildert.

Der Künstler, der Autor ist, wird dargestellt von Javier Bardem, ein Mann, der weltstarmäßig gut im Saft und entsprechend attraktiv ist. Er ist mit einer jungen Frau zusammen, mit Jennifer Lawrence, in den Credits als die Hauptrolle ‚Mother‘ erwähnt.

Sie möchte das großzügige Holzhaus mit den Dielenböden nach ihrem Geschmack einrichten. Viele Möbel sind abgedeckt, es gibt an den Wänden Ansätze von neuer Farbe. Sie ist eine junge naive Frau, wirkt kleinmädchenhaft gegenüber Bardem, dem man ansieht, dass er schon dies und das hinter sich haben muss.

Sie möchte sich ihr Paradies einrichten. Er leidet unter Schreibhemmung, kommt mit seinem geplanten, neuen Stück nicht in die Gänge. So nutzt er das Ansinnen eines Arztes, der ein Zimmer sucht, den bei sich einzuquartieren.

Aronofsky setzt die Kamera konsequent als Horrofilmkamera ein. Oft ist die junge Frau bei ihren Gängen durch das Haus zu sehen, die fast leeren Räume vor ihr. Diese sind immer so aufgenommen, dass zu befürchten ist, dass jederzeit etwas passieren kann. Horroroptik pur.

Es passieren auch Missgeschicke mit einer Pfanne, mit dem Feuer. Auf der Tonspur überspitzt Aronofsky die Geräusche wie im meisterlichen Horrorfilm und noch etwas mehr, nimmt, was sich dazu anbietet, schneidend, kreischend, scherbelnd, flirrend (the sound of humanity, wie es an einer Stelle heißt?).

Sein Bildermix wirkt wie eine gekonnte Jonglage mit bewährten Horrorelementen, wobei kurzzeitig ein Hauch von Salonkomödie aufkommt, der sich aber gleich wieder verflüchtigt. Der Gast, der als ‚Man‘ in den Credits firmiert, Ed Harris, ist Raucher, worauf ‚Mother‘ ihn sanft zurechtweist. Auch hat er einen unnatürlichen Husten.

Bardem betont zwar, dass der Gast Arzt sei, aber ‚Mother‘ kann nicht recht verstehen, wieso er ihn ins Haus nimmt. Er meint ganz pragmatisch, sie hätten doch genügend Platz. Es gibt auch ein kostbares Dekorstück im Haus, eine Art Diamant (könnte einer sein, der aus den Aschenrückständen einer Kremation hergestellt wurde).

Am nächsten Morgen kommt noch „Woman“ dazu. Das ist die Frau des Arztes, dargestellt von Michelle Pfeiffer. Es folgen die Söhne. Und das ist erst der Anfang. Bis zur Halbzeit füllt sich das Haus mit immer mehr Anhang der Gastfamilie. Ihr Verhalten artet aus.

Es schmerzt zu sehen, wie Jennifer Lawrence zusehends überrollt wird von der Ungebührlichkeit des Verhaltens dieser ‚Gäste‘, die sich immer mehr als Hausherren aufführen. Die Inbesitznahme endet in einer mittleren Katastrophe. Ein Sohn der Familie stirbt. Es gibt eine Abdankung.

Arronofsky vermittelt gänsehauttreibend das Gefühl, das man bekommt, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn sicher geglaubte Gewissenheiten sich als nicht tragfähig erweisen.

Dieser erste Teil ist horrormäßig aber erst das Vorspiel. Es gibt eine kleine glückliche Zwischenphase, nachdem ‚Mother‘ ihrem Mann und Autor verraten hat, dass sie schwanger sei. Flugs ist seine Schreibblockade verflogen, er wendet sich seinen Papieren zu.

Aronofsky weiß, dass wenn er den Film zwei Stunden lang werden lassen will, dass er im zweiten Teil mordsmäßig eins draufsetzen muss. Die Bilder, die folgen, werden an Terror gemahnen. Es fängt an mit einer Menge von Autogrammjägern, die Bardem nicht abweisen kann, weil sie ja von soo weit hergekommen sind.

So legt Aronofsky in seinem künstlerischen Furor noch eine Lage drauf an ungezügelter Gewalt und Chaos, schlägt eine Verschnaufpause ein für die Zeit nach der Geburt des Knäbleins, um dann zu seinem endgültigen Vernichtungsschlag gegen die künstlerische Hybris auszuholen; welcher bei der Premiere in Venedig von den Kritikern mit einem Sturm von Buhs quittiert worden sei.

Woraus zu schließen ist, dass Aronofsky wohl einen Nerv getroffen haben muss, denn Kritiker sind ja auch so etwas wie Autoren, inklusive Möglichkeit zur Hybris. Diese Plattitüde so krass und schneidend zu formulieren, das war ihnen wohl zu viel.

Überflüßig zu erwähnen, dass die Schauspieler unter Aronofsky großartig agieren.

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Da kommst du aus dem Kino und stehst erst mal im Regen. Was war das jetzt? Womit hat Viel- und Seichtschreiberin Frau Decker, die schon mit Traumfrauen bewiesen hat, dass sie von Regie nichts versteht und die bei Rubbeldiekatz ihre Schnellschreibe reingehängt hat und oft als Schreiberin bei Til Schweiger Erfolgsfilmen fungiert, öffentliche Förderung für dieses Machwerk verdient?

Frau Decker stehen offenbar breite Türen zu Filmförderern und Redakteuren offen. Die Gelder für egal, was sie schreibt, fließen, auch von uns mühsam aufgebrachte Zwangsgebührengelder.

Vielleicht hat Frau Decker mal von Filmen gehört, die erfolgreich waren mit dem Thema der Babyverwechslung, besonders ein indischer Film, in dem eine Hausangestellte oder eine Hebamme (?) als sozialer Akt ein Baby aus reichem Haus mit einem Baby des Personals gezielt vertauscht, ein Film der aus diesem sozialen Unterschied des Aufwachsens im falschen Umfeld Potential, Substanz und Spannung bezieht.

Aber die Gründe dafür haben Frau Decker nicht besonders interessiert. Sie hat schnell die Idee geklaut. Schnell schnell in Küchenschreibmanier einen Nonsense erfunden, der zu so einem Tausch vor zwei Dutzend Jahren geführt hat, blödelnd erfunden, und das in Möchtegern-Amimanier runtergefimt: zwei aufgebrezelte Babykrankenschwestern machen in einem Schneeballsystem von Spiel mit und hoffen, reich zu werden – damit ist der geistige Gehalt der Komödie von Frau Decker bereits abgedeckt (zum Abdecker mit ihm!), stoßen mit Schaumwein an und verwechseln höchst dusselig die Babys.

Warum das Jahre später, wie die beiden Mädels erwachsen sind, überhaupt auffliegt, ist mir bereits entfallen. Jedenfalls wächst das eine Geschöpf bei einer Berliner Prekariatsdame auf (die die Katja Riemann mit einem guten Ansatz von Berliner Schrulle präsentiert, aber auch sie ist von der Regie verlassen und so ist es lediglich ein Schuh, den sie runterzieht) und das andere in einem Milieu, wie das Deutsche Fernsehen und das geförderte Deutsche Kino gerne als reich zeichnen; hier spielt Iris Berben miserabel schlecht die Dame des Hauses, sie bewirbt sich damit offenbar für eine Nominierung zur Auszeichnung als schlechteste deutsche Schauspielerin des Jahres; so gestikuliert, grimassiert und musprononciert sie (tut so, also ob sie prononicere, aber es kommt Mus raus) die Hausherrin des kalten Palastes mit den pinken Gummienten im Pool.

Um diese Promis herum sind von einer Casterin, die wohl nach dem Prinzip arbeitet, mehr als ein Klick pro Schauspieler wäre zu viel an Informations- und Auswahlarbeit, einige junge deutsche Schmalzdarsteller besetzt, damit die schnulzigen Anika-Decker-Liebeskarruselle in Gang kommen können (ach ja, und weil Fifty Shades of Grey so erfolgreich war, baut Frau Decker eine Sado-Maso-Szene ein und lässt sie auseieren).

Jedenfalls gehen die beiden Mädels-Geschöpfe kommentarlos zu ihren richtigen Müttern, integrieren sich mit Bagatellproblemen in deren Haushalte, um vermeintliche Pointen zur sozialen Drift im Lande abzusondern, die aber mangels Vorbereitung und mangels gründlicher Drehbucharbeit von Frau Decker nicht zünden.

Zur miserablen Qualität dieses Filmes, der vielleicht im Falle von gewieften, sozial scharfen Dialogen gerade noch als Social-Sitcom durchgehen könnte, tragen eine dioptrinarme Kamera und ein Holzhacker-Schnitt bei.

Um das Desaster zu überdecken, haut Frau Decker phondeckelnde Musik drüber, die dem Irrglauben unterliegt, fetzig und partyhaft zu sein.

Früher hätte man solch Gewöll wohlwollendenfalls als schlechtes Provinztheater abgetan.

Frau Decker soll ruhig ihre Filme machen, aber doch bittschön nicht mit einem einzigen Cent öffentlicher Förderung, wo sind wir denn – die Witze, die Schüler auf dem Klo oder auf dem Pausenhof machen, die werden auch nicht öffentlich gefördert.

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Menschen, speziell Mütter, sind Egoisten.

Zuerst eine kleine Anekdote, beobachtet in der U-Bahn in München: kommt eine Frau mit einem extra breiten, extra hohen Kinderwagen aus dem Lift auf den Bahnsteig. Hier stehen mehrere Mütter mit viel kleineren, teils klappbaren Kinderwägen. Empörter Stoßseufzer der Frau mit dem übergroßen Kinderwagen: lauter Kinderwägen!

Um genau diesen Mutteregoismus geht es in dieser gute-Laune-Komödie von Noémie Saglio. Und daraus sich ergebende Konflikte. Noémie Saglio hat das mit Drehbuchhilfe von Agathe Pastorino ganz raffiniert gedeichselt. Vielleicht hat sie Les Frustrés von Claire Bretécher verinnerlicht: dort ist ein Mutter-Tochter-Verhältnis gezeichnet, das die Mutter mit allen Insignien des Punks und des pubertierenden Teens auszeichnet, während die Tochter die brave, korrekte Hausmutti ist.

Mutter Mado, der Film ist auch ein Starvehikel für Juliette Binoche, die generell etwas größer und besser ausgeleuchete Nahaufnahmen erhält und anfangs sehr viel lächelt, trägt enge Jeans, Lederjacke, kaut Kaugummi, raucht, benimmt sich flegelhaft, kann aber nicht alleine leben, aber auch nicht mit ihrem Ex, dem Dirigenten Marc (Lambert Wilson).

So hockt sie ihrer Tochter Avril (Camille Cottin) auf der Bude. Diese bekommt auch beruflich gezeigt, dass sie nicht gut ist. Sie arbeitet bei Odorora, einer Firma die künstliche Gerüche herstellt. Eben wird Avril von ihrer Chefin Cécile (Olivia Côte) zur Entwicklerin von Klo-Häuschen-Aromen degradiert, von der Wäschefee zur WC-Bedufterin, ein Job, der in so einer Brausetabletten-Komödie nur schief gehen kann.

Glücklich kann Avril immerhin ihrem Mann, der auch ihr Sohn sein könnte, Louis (Michael Dichter) und ihren Eltern verkündigen, sie sei schwanger. So richtig begeistert sind nur die nicht allzu hellen Schwiegereltern. Das ist die Hälfte der Exposition für die Komödie.

Der zweite Teil besteht darin, dass auch Mama Mado eine Schwangerschaft bei sich entdeckt. Qualität so einer Komödie ist es nun, den urplötzlich akut werdenden Mutteregoismus beider Frauen direkt und ungebremst und in aller Deutlichkeit aufeinander loszulassen, die Muttertiere sich fetzen zu lassen.

Die Ausgangslage für heftige komödiantische Situationen ist somit gegeben. Diese entwickeln sich so, dass nach anständigen 90 Minuten und Seitenhiebern nach da und nach dort und nach überallhin selbstverständlich eine Versöhnung zustande kommt, denn so heiß gegessen wie gekocht, wird das alles auch wieder nicht. Entscheidungshilfe beim Thema Abtreibung: Unfall oder Abenteuer?

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Unseren täglichen Tierschutz-Ernährungs-Klimwandel-Film gib uns heute – im Sinne eines stetigen Fortbildungsprogrammes des Menschen. Denn es sind bewusstseinsbildende Filme, die einen Kulturwandel anmahnen im Hinblick auf das stetige Wachstum der Menschheit und dem damit verbundenen gewaltigen Ernährungsproblem. Wobei der Verzicht auf Fleisch das Problem bedeutend lindern könnte, sowohl im Hinblick auf das Klima als auch im Hinblick auf die Verfügbarkeit der Ressourcen, der Schonung des Urwaldes als auch im Hinblick auf die menschliche Gesundheit.

Auch diese Dokumentation von Marc Pierschel ist Ausdruck dieses rapiden und größeren kulturell-sozialen Wandels im Mensch-Tier-Verhältnis, der im Gange ist, ein extremer Wandel des Bewussteins und der Gewohnheit generationenlanger tierischer Ernährung der Menschen.

Die Argumentation folgt in diesem Filmen dem bekannten, gut nachvollziehbaren Muster: die Bevölkerung der Welt wächst, damit ihr Hunger. Wenn sie ihren Hunger mit Nahrung aus Massentierhaltung stillt, hat das zur Folge, dass mehr Fläche zum Anbau von Mais und Soja als Tiernahrung nötig wird, was zu massiv weiteren Rodungen von Urwald führt, wobei speziell der Amazonas als ein Hort lange nicht vollständig erforschter Artenvielfalt und deren Einfluss auf das Leben auf der Welt zugrunde gerodet zu werden droht. Nebst den klimaschädlichen Effekten der Tierhaltung selber, dem Methanausstoß und dem damit angefeuerten Klimawandel.

Hinzu kommt die Argumentation von Aktivisten- und Juristenseite, dass die Tiere Empfindungen haben, mithin ein Existenzrecht, dass die Domestizierung entwürdigend sei, das geht soweit bis zur Idee des Bürgerrechtes für Tiere, dass Massentierhaltung also gegen ein Grundrecht der Tiere verstößt.

Das sind alles Argumente für eine vegetarische oder vegane Ernährung. Vegetarische im Sinne einer Reduzierung des Fleischkonsums. Hier taucht als Begriff des Wandels, in dem sich die Ernähungskultur der Menschen befindet, der Begriff des Flexitariers auf.

Als Modelle für Tierrecht führt Pierschel Lebenshöfe für Tiere an, auch eine deutsche Aktivistin und Autorin. Auch dies als Ausdruck des Bewusstseinswandels im Hinblick auf Tiere mit Modellcharakter, der noch weitergetrieben wird mit der Vision der Kohabitation von Mensch und Tier.

Dass es mit diesem Wandel schneller gehen dürfte, als es im Moment noch scheint, belegen Gespräche mit Leuten aus der Industrie und dem Handel. Wie in Deutschland die Marktanteile vegetarischer und veganer Ernährung sprunghaft steigen, dass sogar die herkömmlichen Fleischproduzenten inzwischen eine vegane Linie anbieten.

Noch mehr aber lassen die vielfältigen Forschungen im Hinblick auf eine äquivalente Ernährung mit denselben Proteinen wie die der Tiere auf einen rasanten Wandel schließen. Überall auf der Welt wird mit Hochdruck geforscht. Da gibt es Versuche der Nachzüchtung von tierischen Muskelfasern, das berühmte Beispiel des 250’000-Euro-Hamburgers, Versuche, Nahrungsmittel aus Algen zu züchten oder rein synthetisch entsprechende Produkte zu entwickeln, mit Hilfe von Hefe biologisch sauberen Ersatz für Milch gewinnen. Das sind alles junge Start-Ups zum Teil mit beachtlichen Kapital und Kreativpower und mit Schätzungen, dass sie schon in wenigen Jahren mit gleichwertigen Tierersatz-Produkten auf den Markt drängen können. Über die große politische, ideologische und ökonomischer Kraft dieser Industrie.

Es fehlen auch nicht die Undercover-Schockbilder aus Schlachthöfen, die einem für einige Tage zumindest den Appetit auf Fleisch aus Massentierhaltung verderben. Es wird eingegangen auf den Einfluss der Social Media: Toronto Pig Anita Krajnik, Aktivistin. Mahnwachen vor Schlachthöfen oder Wunderschwein Esther in Toronto.

Veganismus ist nicht mehr Nischenphänomen, sondern auf dem Weg in den Mainstream.

Einige Links:
Hilal Sezgin
Erdlingshof Bayern
Hartmut Kiewert

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Dieser Film von Naomi Kawase (Kirschblüten und rote Bohnen, Still the Water) ist keine tiefgründig, eloquent philosophische Abhandlung über das Kino, das Sehen und die Fantasie, über Perzeption und Rezeption von Film, er ist vielmehr eine emotionale Annäherung an den schwierigen Themenkomplex und bietet gleichzeitig einen anrührenden Nähkästchenblick in die Herstellung von Audiodeskriptionen für Blinde – wodurch allerdings auch der Reviewer an einem Schmerzpunkt getroffen wird, nämlich: die richtigen, die treffenden Worte und Wörter zu einem Bildwerk namens Film zu finden.

Der Schmerz wird allerdings von Naomi Kawase maximal gelindert durch eine homöopathischdosiert-zarte Liebesgeschichte, die die Hauptfigur, Misako (Ayame Misaki), die Audiodeskriptionen verfasst und auf die Tonspur einspricht, eingeht.

Der Film im Film, dem dieser Text für Blinde verpasst wird, handelt selbst von der Liebe, von einem älteren Paar, Juzo (Tatsuya fuji) und Sano (Mantaro Koichi). Eine nicht ganz unproblematische Liebe in einem Haus am Meer und vor Dünen.

Das Einsprechen passiert in einem Studioraum. Auf der Leinwand läuft die Szene. Eine kleine Gruppe von Menschen um eine Supervisorin hört sich die Texte an, gibt anschließend Feedback. Die meisten sind blind. Der ehemalige, erblindende Starfotograf Nakamori (Masatoshi Nagase) ist dabei.

Verständlich, dass er oft anderer Meinung ist als die anderen in dem Gremium. In den Diskussionen wird ventiliert, wie weit einerseits das Kino, andererseits die Beschreibung der Bilder, die Fantasie anregt, inwieweit es sie einengt, ein Thema das unendlich vertieft werden könnte und das sich auf einem Weg befindet, möglicherweise, das Geheimnis des bewegten Bildes zu entdecken.

Der Film nimmt anfänglich eine Szene aus der Schlussequenz vorweg, wie der fertige Film in einem vollbesetzten Kino gezeigt werden soll und wie ein Blinder seine Kopfhörer für die Audiodeskription aufsetzt und dabei den Test macht, ob das Gerät richtig eingestellt und auf Empfang ist.

Die Liebesgeschichte zu Nakamori entwickelt sich über das Thema der Bilder. Er läuft immer noch mit seiner Rolleiflex-Spiegelkamera herum. Er trifft an einem Stammtisch andere Kameramänner. Einer nimmt ein Magazin hervor. Hier hatte er es endlich auf die Titelseite geschafft mit einem Bild, das Radiance heißt, Strahlung, Helligkeit, Glanz. Nakamori wird auf sein Startum als Fotograf angesprochen, einer ist happy, dass er Bikini- und Sexfotos schießen kann. Einer will ihm auf dem Nachhauseweg seine Kamera klauen, unschön.

Kawase inszeniert in Real-Time-Langsamkeit, wodurch eine Vertraulichkeit und Intimität zum Zuschauer entsteht und er wie zu diesem Prozess dazugehörig gemacht wird.

Die persönliche Beziehung zum Zuschauer wird verstärkt dadurch, dass Misakos Verhältnis zu ihrer Mutter, die ein Fall fürs Pfelgeheim wäre, und deren Haushaltshilfe geschildert wird. Die Mutter ist am Rande zur Demenz. Kleiner Nebenstrang: sie büchst von zuhause aus und Misako sucht sie in dschungelhaftem Wald, findet sie an absturzgefährlicher Stelle wieder.

Und klar: Kino schafft Kontakt zu Menschen, sagt der Film, und wie Kino das überzeugend machen kann, das zeigt er. Vielleicht ein Geheimnis der Regie von Naomi Kawase: sie zieht den Zuschauer mitten hinein ins Geschehen, in die menschlichen Verhältnisse, die sich hier von Berufes wegen mit dem Sehen und den Kinobilder beschäftigen; so entsteht auch keine Sekunde der Eindruck, irgendwer spiele hier irgendwem etwas vor oder wolle uns etwas demonstrieren oder uns gar belehren. Sie bindet den Zuschauer ein in ihre Recherche an dem von ihr erfundenen Modell.

Zum Nachdenken und mit auf den Nachhauseweg: „Nichts ist so schön wie das, was vor unseren Augen verschwindet“ – so wie Kinobilder es tun – oder die Sandskulptur eines weiblichen Aktes von der Brandung des Meeres.

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Kino für Kinogenießer, Kino für Leute, die Kinokönnerschaft schätzen als Art-Work, als kunstvoll Gewirktes.

Wie erzähle ich eine Liebesgeschichte, die gleichzeitig eine fotographische Libeserklärung an die portugiesische Hafenstadt Porto und ebenfall eine Verbeugung vor dem großen portugiesischen Filmemacher Manoel de Oliveira ist, dessen erster dokumentarische Kurzfilm „Douro, Faina Fluvial“ sich mit den Hafenarbeitern und Fischern von Porto am Fluss Doura beschäftigt hat?

Gabe Klinger, der mit Larry Groß auch das Buch geschrieben hat, interessiert sich nicht mehr für Arbeitsbedingungen und Menschenschinderei. Ihn interessiert es, ein Porträt der Stadt in Kombination mit einer Liebesgeschichte zu entwerfen. Wie gehe ich mit der Offenheit dieser Stadt angemessen um, dürfte eine Hintergrundfrage gewesen sein.

Die schützende Hand über der cineastischen Auserlesenheit des Filmes hat sicher auch im Hinblick auf das filmische „Design“ Jim Jarmusch als Produzent gehalten. Dafür garantiert auch die Auswahl der Darsteller: Anton Yelchin als Jake und Lucie Lucas als Mati in den Protagonistenrollen. Es gibt Hinweise auf die Internationalität seiner Figuren.

Mati kommt aus Frankreich, ist Archäologin und hat ihren Prof (Paulo Calatré) geheiratet, einmal besucht sie ihre Mutter in Paris (Francoise Lebrun). Jake ist Diplomatensohn und wollte bei der nächsten Versetzung des Vaters nicht mehr aus Portugal weg. Aktuell jobbt er, er hat keine Karriereambitionen, streift mit seinem Hund Schmitty durch Porto; er hat eine dezidierte Lebensphilosophie.

Die Schicksalshaftigkeit der Liebe lässt sich aus zwei zufälligen Begegnungen am Ausgrabungsort und am Bahnhof erahnen, auch für die Protagonisten. Jake ist sofort klar, dass er Mati, die er noch gar nicht kennt, im Café Ceuta (die Stadt gleichen Namens ist ein Einfallstor aus Afrika nach Europa – oder das Link des Filmes zu Afrika) folgen würde mit anschließend vorerst definitiven Liebesfolgen.

Erlesenes Arthouse erzählt so eine Geschichte logischerweise nicht gradlinig von A nach B. Erlesenes Arthouse leuchtet anders in die Figuren hinein, gibt ihnen Kontur und Volumen.

Klinger hat sich dafür entschieden, die Figuren erst in ihren Vereinzelungen vorzustellen als je ein Kapitel und als drittes die Liebe und ihre Energien passieren zu lassen.

Dabei wechselt er kunstvoll das Bildformat, schafft zusätzliche Schaureize und -werte durch den Einsatz von Super 8 und dann wieder von vollem Breitwandbild. Musikalisch bekommt jedes Kapitel die individuell angepasste Untermalung von der leicht klimpernden Klavierimprovisation über das Geigenspiel bis hin zum vollen, runden Jazzsound – wobei zwischendrin auch ein Bahnhofgrundgeräusch nicht auf massive Überhöung und Stilisierung verzichten muss.

Durch die Summe all dieser Kunsttricks schafft Klinger einen erstaunlich treffenden Spiegel modernen Lebens in einer pulsierenden Stadt. Vielleicht ist eine künstlerische Nähe zum Kupferstich zu signalisieren, in dem Sinne, dass der Betrachter hier wie dort sich dem Objekt aktiv zuneigt, um ja keine Finnesse zu verpassen, um die ganze Schönheit dieses ästhetisch-poetischen Filmes zu genießen.

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Das Verhältnis zwischen Japan und Taiwan ist ein angespanntes, was auch das Kino speziell im Genre des Gangsterfilmes zu nutzen weiß, was allerdings für uns Westler, die sich nicht tiefer darin auskennen, eher wegfällt als Würzelement (bei den Untertiteln steht dann ab und an „Mandarin“ oder „Kantonesisch“).

So auch in diesem Nicht-Thriller-Killerfilm von Sabu. Es wird sogar sehr, sehr gemütlich wenn sich Mr. Long, der Killer aus Taiwan, in Japan behaglich einrichtet, nachdem sein letzter Auftrag schief geht, er in eine Falle tritt, aus der er sich nur verletzt und blutig befreien und anschließend abtauchen kann.

So landet er in einem Elendsviertel. Aber Sabu hat sich was Schönes für Mr. Long (Chen Chang) ausgedacht. Ein Knäblein taucht in all dem filmmalerischen Elend auf, bringt ihm Essen und Kleidung. Des Knäbleins Mutter ist eine Nutte und drogenabhängig. Das wird Anlass geben für Szenen aus dem Milieu, das Sabu rein klischeehaft in den Film einführt.

Mr. Long baut sich eine kleine Existenz auf mit einem Suppenküchenwagen, in dem er eine leckere, taiwanesische Suppe anbietet. Er spielt unbeteiligt, emotionslos, wer die exponierenden Killerszenen gesehen hat, der versteht warum – und versteht es doch nicht. Wer kann sich schon in so eine Lage hineinversetzen und überprüfen, ob diese Darstellung auch nur eine minime Glaubwürdigkeit hat.

Das kommt aber bei Sabu nicht so drauf an, er versteht unter Kino: Windmachen, Dinge aufregend darstellen, so seine Großstadtbilder aus Taiwan oder ebenfalls die Elendsbilder, die scheinen einen bestimmten Selbstzweck zu erfüllen, Elend um des Elendes willen, Nutten um der Pornographie willen.

Nach diesem Prinzip baut Sabu eine Liebesgeschichte zwischen einer Nutte und einem Gangmitglied ein, die in eine Schwangerschaft mündet („du hast unsere Ware geschwängert“), auch dies wirkt wie reines Klischee. Dabei geht Mr. Long beinah vergessen, der mit seiner Suppe Anklang findet und der Bub hilft ihm dabei.

Überhaupt entwickelt sich ein familiäres Verhältnis zwischen ihm und der Nutte, ganz platonisch, nachdem sie von ihren Zuhältern verprügelt worden ist wegen der Schwangerschaft und aus dem Milieu flieht.

So hat Sabu genügend Zeit – und Filmmaterial ist inzwischen so geduldig wie billig – , das kleine Privatleben ausgiebig zu schildern, wie Mr. Long Tischtennis spielt, wie er mit der Nutte und dem Buben eine kleine Reise gewinnt an einen Erholungsort, wie er den Jungen zum Baseballspielen anhält.

Das schildert er so alltäglich, wie die Dinge wohl ablaufen, insofern womöglich kritisch. Ihm gefallen die traditionellen, japanischen Theaterformen NO und Kabuki. So baut er noch eine Theatervorstellung ein. Die kleine Nachbarschaftsgruppe um Mr. Lang herum, die auch auf der Bühne auftritt – es sind Verbrecherfiguren, die sich in gedehnten Lauten und langsamem Rhythmus in Kimonos gekleidet statisch auf der Bühne präsentieren – und nächstes Jahr will die Truppe Mr. Lang als Spiderman einbauen.

Und wenn man es kaum mehr glauben möchte, holt Mr. Long – Sabu weiß wohl, warum er ihn long = lang nennt – endlich, wie es sich für das Genre gehört, die Vergangenheit ein und es sind über zwei Kinostunden vergangen, in denen ich immer grübelte, was jetzt so speziell sein soll an diesem einfach gestrickten Film aus lauter nur allzu bekannten Versatzstücken – das wirkt alles so belanglos. Weil das Leben so belanglos ist?

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Provinz first!

Steven Soderbergh wirft in diesem unabhängig gedrehten Film nach dem Drehbuch von Rebecca Blunt, die aus West Virginia kommt, einen liebevollen, nichtsdestotrotz mit Argusaugen scharf beobachtenden Blick auf Amerika als Provinz.

Ihm schwante wohl, was mit dem neuen Präsidenten auf das Land zukommt. Dass Provinzialität Urständ feiern wird.

Zwei Brüder aus einer vom Pech verfolgten Familie sind die Hauptfiguren. Jimmy Logan (Channing Tatum) und Clyde (Adam Driver). Clyde hat im Irakkrieg einen Unterarm verloren und arbeitet als Barkeeper während Jimmy eine Karriere als Footballstar wegen einem Unfall verpasst, seither humpelt er. Er arbeitet in einem Bergwerk und ist eben gekündigt worden. Versehrte Brüder.

Der Film spielt in Boon County West Virginia und schwappt auch nach North Carolina über.

Aller Provinz zum Trotz, einer der Brüder oder beide zusammen, müssen eine große Portion Hirn haben. Sie, die Einbrecher-Nonprofis, hecken einen ausgetüftelten Bruch aus. Sie nehmen sich die Einnahmen des NASCAR Autroennens am Charlotte Motor Speedway vor.

Dazu setzen sie ein Netzwerk aus Bekannten und Verwandten ein. Alles ebenfalls die wunderbarst beobachteten und inszenierten Provinzfiguren. Ganz wichtig wird Joe Bang (Daniel Craig, der platzt schier vor Spaß, diesen Prolo-Knasttypen wie aus dem echten Leben zu spielen, bis in die letzte Faser glaubwürdig).

Bang sitzt aber im Knast, was zusätzliche Vorbereitungen und Tricks erfordert. Diese lassen bei der Durchführung extrem schön die verschlafene Haltung von Wachpersonal und Verantwortlichen aufscheinen.

Der Knastdirektor lässt, egal was passiert (Ausbruch, Aufstand, Feuer), nur seine monotone Standardformel los, in Monroe Correctional Complex passiert sowas nicht. Sätze, die sich nicht nur aus der Provinz, sondern bis in die Hohe Politik oder bei uns in die Spitzen der Automobilindustrie hinein vertraut anhören.

Ein Vergnügen zum Schauen sind die diversen Pannen, die bei der Vorbereitung und der Durchführung des Bruches passieren, der sich das interne Rohrpostsystem des Veranstalters plus bergmännisches Wissen zunutze macht. Und auch da ist bemerkenswert, wie gelangweilt die Verantwortlichen reagieren, wie zum Beispiel plötzlich Rauch aus einem Lüftungsschacht dringt.

Nach dem Bruch, der grosso Modo erfolgreich verläuft, das darf ruhig verraten werden, gibt es allerdings Probleme für den Veranstalter, der überhaupt nicht sagen kann, wie groß der Verlust ist, der ins Stottern kommt, wie das FBI mit der taffen Agentin Sara Grayson (Hilary Swank) den Tatsachen – und genauen Zahlen – auf den Grund fühlen will.

Ebenso wird ein Team von Rennfahrern charakterisiert, das sich großkotzig gibt, das bei einer Auseinandersetzung, die auch nicht an die Öffentlichkeit soll, zwei der Ganoven begegnet sein will.

Ein Nebenstrang ist die Familie von Jimmy. Seine Frau ist längst mit einem anderen Typen zugange. Aber er ist vernarrt in sein Töchterchen. Dieses will an einem Karaoke-Wettbewerb teilnehmen: hier wirft Soderbergh einen messerscharfen Blick auf das Unwesen des Kinderstartums, das in Amerikas Provinz grassiert. Wobei das Töchterchen unbedingt „Umbrella“ von Rihanna singen will und auch frei herausplappert, wofür das Bild des Schirmes hier steht. Ziel ist es: Miss Pretty West Virginia zu werden. So jung und schon so verdorben. Auch das ist Provinz.

Oder Soderbergh zeichnet genüsslich die Provinzialität des ganzen Werbezirkus um so ein Autorennen herum, mit wenigen Federstrichen. Und was hatte es mit der „Blumenkohl“-Beleidigung auf sich?

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