Archiv für die Kategorie: “Film”

Was damit gemeint ist, dass die Zeit wie ein brüllender Löwe vergehe, das kann dieser filmphilosophische Essay von Philipp Hartmann (Mitarbeit bei Buch und Regie: Jan Eichberg) zwar nicht erhellen, außer dass der Spruch von der Oma stamme, aber er führt den Zuschauer an sicherer Hand durch eine ganze Reihe von Fragen, die alle auf das Thema Zeit fokussiert sind.

Von seiner Machart erinnert der Film an Hellmuth Costard (der sich sowohl mit Prof. Zuse, dem Erfinder des Computers beschäftigte, also hochwissenschaftlich, hochphilosophisch, der aber genauso Freude an den Runden der Spielzeugeisenbahn auf seinem Wohnzimmerboden haben konnte), Costard, der selbst wiederum ein deutsches Echo auf die Nouvelle Vague und da vor allem auf Godard war. Mit Philipp Hartmann meldet die sich hier plötzlich wieder, wenn auch mit wenig Filmphilosophie, bis auf das kurze Statement über die 3 Akte des Films, aber mit der collagenhaften Freiheit von Fotos, schwarz-weiß und in Farbe über Super-8-Filme ebenso, über reine Höraufnahmen, die zu einem anderen Bild geschnitten werden, über nachgestellte Spiel- und Performanceszenen, Interviews und mit Zwischentiteln, die den Geist der Zuschauer gehörig bannen und auf Trab halten und ihm nach dem Kinobesuch durchaus suggerieren sich selbst mal wieder zu dem Thema zu befragen.

Thema Zeit und Tagebuch. Ein solches führen sicher viele von uns. Was habe ich heute gemacht, wen habe ich getroffen, „es ist zwar nicht groß was passiert, aber es war Struktur da“. Das ist ein naheliegender alltäglicher Nexus zum Thema Zeit.

An die Grenzen von Wahrnehmbarkeit, Erinnerung und Geschichte stößt der Film gleich zu Beginn mit einer Serie von schwarzweiß Fotos, deren halbe Seite überbelichtet war, die Anfänge der Filmrollen, die beim Einlegen in die Kamera Licht abbekommen haben, wodurch das bisschen Motiv, was erkennbar ist, eine eigentümlich Freiheit und Losgelöstheit bekommt. Später wird diese Grenze deutlich unheimlich und gibt zu denken, das Thema Zeit frontal angegegangen: der Alzheimer-Test: auf einem vorgegebenen blattgroßen Kreis soll der Patient versuchen, das Ziffernblatt einer Uhr einzuzeichnen und dabei die Uhrzeit 5 vor 11 angeben. Viele Beispiele zeigen, wie leicht offenbar einem Menschen die Zeit entgleiten kann. Das macht schaudern.

Hartmann bringt auch eine kleine Genese über die Bewusstwerdung von Zeit und damit auch der Fähigkeit zur Narration bis zur gesetzlich fixierten Erwachsenheit über einen langen Bogen seinskonstituierender Parameter von der die Zeit manipulierenden Atomuhr über einen Pseudoanarchisten, eine Super-8-Erinnerung an eine familiär-gesellige „Reise nach Jerusalem“, Waldspaziergänge mit dem „Wittihäuser“, über Chronophobie, mit der überzeugenden Nina Petri als Patientin Christiane (von der Psychiatrie in die Neurologie) über mehrere Extempores nach Lateinamerika, die Anden, die Eisenbahn und die Zeit (kommt vorbei und vergeht), die höchst gelegene Salzwüste oder über die aztekischen Zeitalter von 52 Jahren, nach denen alles neu gemacht wurde, über einen Ampelstoppjux, die Bilder vom toten Vater, die nie einer angeschaut hat, über Verwandte, das Thema Vater über ein bemerkenswertes Statement eines chronischen Spielers, der im Leben alles verspielt hat, bis zu einer minutenlangen Sesselbahnfahrt, bei der die Kamera nur den Schatten des Sessels mit dem Kameramann verfolgt, wie dieser über die Almwiesen nach oben gleitet und dabei Gedanken über das menschliche Ende frönt. Immer ist man kurz davor, dass sich einem die Nackenhaare sträuben.

Hartmann ist ein Zeitgrübler, ein Zeitgründler, mit dem Zeit zu verbringen ein inspirierendes Geschenk ist. Nun, so ganz vergebens scheint die Nouvelle Vague doch nicht gewesen zu sein, denn ein Enkel zumindest lebt.

Am diesem Wochenende zeigt das Münchner Werkstattkino zu diesem Film noch zwei Kurzfilmprogramme von Philipp Hartmann, eines auf Deutsch, eines auf Englisch.

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Ein Film, der weit über das darin beschriebene Einzelschicksal hinausweist.
Deprimierende Einsicht: auch 100 Jahre Kino haben die Welt nicht besser gemacht. Daher die Hommage ans Kino in diesem Film doch eher fragwürdig, wenn sich das Elend auf der Welt überhaupt nicht mindert – denn genau dies zeigt der Film.

Leider auch im noch nicht allzu alten 21. Jahrhundert eines der dominierendsten Themen: Unterdrückung, Diskriminierung, Aussonderung, Verfolgung und Vertreibung nach religiös-rassistischen Motiven. Das 20. Jahrhundert scheint noch nicht vorbei. Im Gegenteil: wie die Pilze im Herbst vermehren sich zur Zeit die Krisenherde und damit die Flüchtlingsströme.

Fatih Akin, der sich klugerweise für das Drehbuch der Mitarbeit eines alten Meisters, den er in Amerika ausfindig gemacht hat, Mardik Martin (hat mit Scorsese-Filmen Filmgeschichte geschrieben siehe IMDb), versichert hat, bietet jetzt einen intensiven, hochaktuellen, epischen Bilderbogen von fast 2 ½ Stunden Länge zu diesem Thema.

Es handelt sich um einen Völkermord und eine Vertreibung von vor 100 Jahren, den Genozid der Türken an den Armeniern. Wobei es die armenischen Bewohner im abgelegenen Mardin ganz unvorbereitet trifft. Die leben hier als kleine Handwerker mit ihren Familien ein glückliches Familienleben. Unser Protagonist, Tahar Rahim, als Nazaret Manoogian mit Frau und zwei Töchtern. Das kleine Glück in der Familie und im Beruf, was sich jeder Mensch ersehnt.

Zwar gibt es Gerüchte, dass der Sultan irgendwas plane, aber man sei ja weit weg und nicht betroffen, beruhigen sich die Leute. Doch mitten in der Nacht poltert die Polizei an die Haustür. Alle armenischen Männer werden sofort eingezogen. Bestechung wird zwar angenommen, hilft jedoch nichts. Das ist „the cut“, der Schnitt im Leben von Nazaret. Dem Versuch der Wiederherstellung des plötzlich auseinandergerissenen Familienglücks wird er die nächsten Jahre um die halbe Welt und den Rest des Filmes hinterherlaufen.

Die armenischen Männer werden erst zum Straßenbau eingezogen. Peu a peu kommen Szenen vor, die punktuell ein Licht auf die genozidalen Gräueltaten gegen die Armenier werfen. Nicht parteiergreifend oder anklagend. Nazaret will auch nur seine eigenen Haut retten. Das gelingt ihm kurz vor der Enthauptung (aktueller Flash: das islamische Kalifat und die Enthauptungen); Nazaret kommt mit einem Stich in den Hals davon; verliert aber seine Stimme.

Als Stummer verfolgt und auf der Suche nach seiner Familie. Auf seiner Reise wird er Situationen begegnen, die alle aktuellen Flüchtlingsbilder versammeln: auf die Flucht der Jessiden, ganze Ortschaften armselig zu Fuß unterwegs mit wenig Habseligkeiten, in Aleppo beim Roten Kreuz die Suche nach Vermissten und Verwandten (hier bekommt Nazaret 100 Adressen von Waisenhäusern im Libanon, wo er nach seinen Töchtern suchen könne – dass seine Frau tot sei, hat er inzwischen erfahren); Flüchtlingslager, könnte wie Somalia oder Sudan sein, eindrückliche Szene mit seiner sterben wollenden Schwägerin, Pietá mit brutalem Schluss, im Libanon endlich die Waisenhäuser von christlichen Schwestern betrieben, da fühlt sich der Westler schon fast wie zuhause in dieser Ordentlichkeit.

Aber seine beiden Töchter sind nach Havanna gereist, um dort zu heiraten. Schiffspassage nach Kuba. In einem fremden Land ohne Sprachkenntnis und ohne Stimme. Dort erfährt er, dass die Töchter nach Minneapolis in den USA gezogen seien, bei einem Herrn Edelmann hätten sie als Näherinnen gearbeitet (Assoziation: Billignäharbeit in Bangladesch); Schiffspassage von Kuba rüber in die USA; erinnert an die heutigen Bootsflüchtlinge, die zu Tausenden auf dem Mittelmeer unterwegs sind; in den USA schließlich das Aufspringen auf den Güterzug, das machen in Lateinamerika heute täglich Tausende, um in Richtung USA vorwärts zu kommen. Schließlich wird er Schienen-Bauarbeiter in Nord Dakota. Und es wird dort tatsächlich zu einer Begegnung kommen.

Der Film beeindruckt durch die Konsequenz des epischen, kommentarlosen Erzählens, des nie das Ziel aus dem Auge verliert; da wirkt die deutsche Synchro, besonders wenn auf der Leinwand eine orientalische Sprache gesprochen wird, als nicht mit der Mühe gemacht, mit der der Film gemacht ist.

Die düstere Leidensgeschiche Vertriebener ins Heute fortgeschrieben. Ein Gang durch die Welt heutiger Flüchtlingsströme in der Verkleidung und Etiekttierung von vor 100 Jahren. Geändert hat sich an Rassismus, Diskriminierung, Tötung, Vertreibung, Todesmärschen offenbar gar nichts.

Und eine subtile Referenz an die neueste Geschichte in den USA. Nazarets Weg führt über Talahassy. Das ist der Ort, an welchem Bush Junior den Wahlbetrug begann, der ihm die Präsidentschaft verschaffte, mit der er den Hass anfeuerte, mit dem Krieg gegen den Terror in Afghanistan und im Irak, die heute Millionen Menschen zur Flucht oder in den Tod treiben.

In Aleppo gibt es eine direkte Referenz an die Kinogeschichte: hier wird Charly Chaplin gezeigt.

Es gibt vielleicht noch eine andere Schlüsselszene: wie die Welt bei Nazaret noch in Ordnung ist, beichtet er in der Kirche, er hätte gesündigt, er hätten geneidet. Der Neid, der viel Unglück in Gang setzt, jeder will nur sein kleines Glück, aber wenn der Nachbar etwas mehr davon hat, so kann das bereits zu Ungleichgewichten führen, die im großen politischen Spiel ganze Nationen gegeneinander aufbringen und die Sündenböcke, schwarze Schafe brauchen: die Juden, die Griechen, die Armenier. Ein nie endender Kreislauf?

Für mich der bewegendste und bemerkenswerteste deutsche Kinofilm seit langem, der weit über den Tellerrand des Pfründenlandes hinausschaut und von diesem in keiner Weise beeinträchtigt scheint.

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Der Titel dieses Filmes von Joel Hopkins (Buch und Regie) verspricht Nostalgie-Input und der Film hält, was der Titel verspricht.

Der Hallux und die Prostata, Katzenallergie wie Blumenallergie, meine Frau, ähm, meine Ex-Frau, das sind die verbindenden Elemente zwischen Kate und Richard, zwischen Emma Thompson und Pierce Brosnan und ihren Kindern, die unter der Trennung leiden, aber in diesem Film weiter keine Rolle spielen, außer dass der Jüngste den Eltern, wie die in diesem Film sie wieder verbindende Aktion losgehen soll, Stichwörter für Computerhackereien verschafft.

Diese erwähnten Dinge, die sind alltäglich, die dürften vor allem vielen der älteren Zuschauer durchaus bekannt sein. Der Verbindungsdraht zur Realität ist gelegt. Richard will seine Firma aufgeben und in Ruhestand treten. Allerdings hat er das Firmenvermögen einem dubiosen Finanzmakler aus Paris anvertraut. Es hat sich in Nichts aufgelöst. Auch solche Betrügereien sind auf unserem News-Radar alltäglich.

Jetzt kommt der eigentliche Teil der Komödie, der Gaunerkomödienteil, der Teil, in welchem die beiden Protagonisten versuchen, sich ihr Geld vom Gauner wieder zurückzuholen, und sie und auch ihre Mitspieler haben sichtlich Spaß daran, Erwachsene zu spielen, die zum Überrempeln eines Concierges Tricks aus ihrer Studentenzeit anwenden, die sich in einen Junggesellinnenabschied in feinstem Milieu reinschleichen, die mit ihren Nachbarn texanische Ölmagnaten erst mit k.o.-Tropfen außer Gefecht setzen und dann als selbige beim rauschenden Hochzeitsfest auftauchen, um das „Auge des Regenbogens“, das Brautcollier, zu klauen und sich mit diesem millionenschweren Teil gütlich zu tun am Finanzganoven. Denn dessen Braut soll eben diesen raren Diamanten tragen.

Bis es soweit ist, passieren allerlei Aktionen, die wie aus 70er Jahre Ganovenfilmen zusammengelesen scheinen, als Konstrukt von Geschichte wirkt es merkwürdig abgestanden und altbacken, nostalgisch. Luxushotels und Yachten, Limousinen und Bodyguards, Mittelmeer und Palmen. Dagegen gesetzt die zwei-Sterne Pension für die Geneppten, die auf Verfolgungsjagd sind und dort eben von der Rezeptionistin wieder zusammengebracht werden wollen.

Oder die Freunde aus England, die nachreisen müssen zwecks Spielen eines der Texaner-Paare, Jerry und Penelope, wobei Jerry eine recht dubiose Vergangenheit hat, es fallen Reizworte, die an Vietnam erinnern und der Ganzkörperscanner findet merkwürdigere Hinterlassenschaften in seinen Innereien.

Da es eine Feelgood- und Frotzelkomödie sein soll, unterhaltsam, macht die Geschichte noch einige Windungen und Wendungen, auch ein junger hübscher, superreicher Franzose, der auf alte Frauen steht, spielt eine Rolle, bis die Erzählung zum guten und schnell zusammengeflickten Ende kommt.

Die deutsche Synchro trägt zum Spaß nicht bei. Aber Brosnan fühlt sich wohl und überträgt dieses Wohlgefühl, schmackhaft wie ein runzliger, reifer Boskop und Emma Thompson, die findet, auch wo das Buch es nicht vorsieht, Zwischenfarben, die ihre Figur über die reine Komödienmechanik hinaus bereichern. Gekrönt wird dieses 70er Jahre-Aufguss mit einer hitchcockschen Suspense-Szene über einer Klippe.

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Ein lustiges Interieur- und Ausstattungs-Belebungs-Theater, was uns hier Ursula Gruber, Buch, und Wolfgang Groos, Regie, bieten.
Da bleiben die Augen hängen, wie die Räume ausgestattet sind, wie die Leute kostümiert sind. Wie der Nachbar Dirk van Kombast mit einer Art provisorischem Bauzaun, aber sehr hoch, die ganze normative Ästhetik der niedlichen Einfamilienhaussiedlung kaputt macht, denn es sind nicht nur dicke Holzlatten sondern auch noch mit Stacheldraht drum herum und zum Tür öffnen braucht es eine ganze Kaskade von Knöpfen, die gedrückt werden müssen, bis er endlich seine Geliebte, Krankenschwester Ursula, Diana Amft, ein Wonnepfopfen von rundlichem Glück, einlassen kann.

Ins Krankenhaus gerät er, und damit in Kontakt mit der Schwester, weil mit seinem Knobilator, einem Augenfang von Requisit, dem von ihm erfundenen Gerät zu Vertreibung der im Nachbarhaus vermuteten Vampire, ein Unglück passiert. Staubsauger sind immer auch Staubbläser, aber nicht nur das, der hier ist auch noch ein Knoblauchmixer und Hundeansauger dazu, arme Nachbarin. Die hat ja immer gesagt, er solle sich eine Frau zutun.

Darum geht es in einem Vampirfilm. Um die Liebe und auch um die erste Liebe. Unsere beiden Schwestern und Protagonistinnen, Silvania und Dakaria Tepes, sind im hübschesten, aufregendsten Alter und sie sind Halbvampire, können fliegen, vertragen das Tageslicht nicht, schlafen in Särgen und sind sowieso kunterbunt und grotesk eingerichtet.

Dakaria verliebt sich bei einem Vampirkonzert der weltbesten Vampirband Krypton Krax in den Leadsänger Murdo. Dieses Konzert ergibt eindrückliche Aufnahmen aus einer gespenstisch erhellten Kirche angefüllt mit viel Rhyhtmus und Stakkatobewegungen. Gegen die Liebe von Dakaria und Murdo stehen Hindernisse. Denn der Vater von Dakaria ist auf den Vater von Murdo gar nicht gut zu sprechen. Ihn spielt jener österreichische Schauspieler mit dem herrlich schmierigen Rollentypus, den er immer in deutschen Filmen spielt (Georg Friedrich hier als Xantor), der österreichische Strizzi im deutschen Dienst.

Der Vater Tepes der Vampirschwestern ist eine auffällige Besetzung mit so schmalem Gesicht, fast hohlwangig, markant, filmwirksam großen Augen, schmalem Mund. Und seine Frau, das ist Christiane Paul, die scheint es zu genießen, einmal in langem Rock, folkloristisch-modern-traditionell und mit langen, weichen Haaren eine für sie ungewohnte Feminität spielen zu dürfen. Sie ist Künstlerin und möchte ein Atelier mieten. Der Nachbar, auch ein Künstler, ist so angetan, dass er ihr rote Rosen schenkt. Das führt zu naheliegenden Missverständnissen mit Vater Tepes.

Nach einer misslungenen Entführung zwecks Vampirschwestern-Inititation durch den alten Sack Xantor geht der herrliche Vampirismus über in ein gemütliches Lagerfeuerleben, wo alle sich treffen und happy sind.

Lustige Bilder ergeben die Vampire auch, wenn sie wie Fledermäuse von der Decke hängen und meditieren. Und weiteres süß-symbolisches Detail: die beiden pfurzenden Blutegelschleimtiere Karl und Karlotta, die Dakaria und Murdo gehören, und die das Symbol ihrer Liebe oder Liebessehnsucht darstellen.

Stimmungsbilder versuchen die fehlende Story-Spannung zu ersetzen. Der Nachbar heißt Richard und ist English speaking. Inszenieren und Filmemachen heißt hier: Belebung der Ausstattung, das ist ja auch eine Art Magie. Zum Beispiel die sogenannte “Wildnis”, die sich als Streichelzoo entpuppt, der Brunnen als Wasserfall. Grotesk. Und, blaue Lagune, die zarte Liebesszene zwischen Jakob und Silvana am idyllischen Steg: sie gesteht ihm, dass sie Halbvampir sei und fliegen könne; er guckt entsetzt. Er habe Flugangst, meint er kleinlaut.

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Zwei Dinge, die die Amerikaner im Kino aus dem Effeff beherrschen, das sind einmal die Gerichtsstories, auch ergiebiger als bei uns wegen der Geschworenen-Gerichte, und zum anderen die Familie, die nicht weniger Gewicht hat als das Recht. Hier werden die beiden bewährten Äcker zusammen bearbeitet.

Der erste Eindruck ist der einer Anwaltsstory. Robert Downey jr. ist als Hank Palmer ein höchst erfolgreicher Anwalt in Chicago. In einer Piss-Szene während einer Verhandlungspause lernen wir ihn kennen. Sein Gegener trifft ihn auf dem Pissoir und quatscht ihn an, Palmer dreht sich um, sein Strahl trifft den Gegner. Schmutz und Recht. Wieder im Saal gibt’s noch ein paar schnell gelieferte Argumente in knappster Sprache. Die Verhandlung scheint an einem schwierigen Punkt zu sein. Palmer verlangt eine Unterbrechung, weil er eben erfahren habe, seine Mutter sei eben gestorben. Alle halten das für einen Verhandlungstrick. Aber er kann es dem Richter beweisen.

Bis dahin sind wir längst informiert über die wirtschaftliche Seite seines Erfolges, hübsche Villa, Frau mit einem Po wie eine Basketballspielerin und einen Ferrari in der Garage. So erfolgreich kann nur sein, wer Rechtskunde mit allen Tricks der Rechtsverdrehung zu interpretieren weiß.

Kurz vor der Abreise erfahren wir noch, dass er am Rande der Scheidung steht und ein hübsches kleines Mädchen, Laura, hat. Ab in die Provinz nach Cadinville in Indiana zur Trauerfeier für Muttern.

Hier wendet sich die Gerichtsstory immer mehr zur Familienstory. Hier gerät Hank sofort mitten in die Verquickungen seiner Familiengeschichte. Das Verhältnis zum Vater ist gestört, seit 20 Jahren haben die kein Wort mehr miteinander geredet. Zwei Brüder gibt es noch. Die Mutter ist gestorben beim Gießen der Hortensien, die als hübsches Symbol stehenbleiben.

Hank will am Tag nach der Beerdigung gleich wieder abreisen. Die Begegnungen mit seinem Vater, Robert Duvall als Joseph Palmer, waren knapp und kühl. Sein Vater war jahrzehntelang der unangefochtene, patriarchalische Richter im Ort. Es gibt noch den älteren Bruder Glen, Vincent d’Onofrio, der wegen einer Verletzung durch einen Unfall, den Hank verursacht hat, nicht Sportler werden konnte und der einen Autoersatzhandel betreibt und den etwas beschränkten Bruder Dale, Jeremy Strong, der als Filmreak die Familienbilder von früher zum Film beiträgt.

Hank sitzt schon im Flieger für die Rückreise nach Chicago, da wird er zurückbeordert. Seinem Vater droht eine Anklage vor Gericht, weil er mit seinem Cadillac, den nur er fahre, einen Radfahrer tödlich angefahren haben soll. Das Opfer war zudem ein Mann, den er wegen eines Prozesses gehasst hat.

Einhergehend mit dieser Anklage fängt im Film faktisch eine Familienaufstellung der Palmers an. Wie es zur Entfremdung von Vater und Sohn gekommen ist.

Sehr komische Szene, die ein herrliches Licht auf die Provinz wirft, ist das Engagement eines Anwalts durch den Vater; denn Dwight Dickham, Billy Bob Thornton, muss sich nicht nur jedes Mal vor einer Verhandlung vor dem Gerichtsgebäude übergeben (Echo auf das Niveau der ersten Szene), sondern ist auch nur Teilzeitanwalt, denn nebenher betreibt er einen Antiquitätenhandel.

Der Verlauf des Gerichtsverfahrens führt zu einem Schälen wie einer Zwiebel der Verhältnisse und der Geschichte der Palmers. Damit das nicht zu dröge wird (wozu eh keine Gefahr besteht) wird noch die Kneipenwirtin Sam eingeführt, die sich als Heldin ihrer eigenen Geschichte sieht, Blondine logisch, gespielt von Vera Farmiga, ein früheres Verhältnis von Hank und wer weiß eigentlich, wer der Vater ihrer bildhübschen Tochter ist, mit der Hank gleich beim ersten Kneipenbesuch anbandelt und rummacht?

Familienbande sind harte Bande und auch hartnäckige Bande, aber Annäherung und Versöhnung sind möglich. Die Palmers seien eine Familie wie ein Bild von Picasso, heißt es an einer Stelle, nicht schlecht beschrieben. Durch dieses Ineinandergreifen von einerseits Gerichtsprozess und andererseits Familienaufstellung ist der Spannungsbogen doppelt solide genäht.

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Burschensommerfreizeit in idyllischer Natur: Lichtung, schlafen in Hängematten, Hüttenzauber, Lagerfeuer, Fackeln, Rangeleien, Gemüseanbau, Abenteuer, idyllischer Wald und ebensolche Wiese.

Dumm nur, dass das friedliche Camp von einem Labyrinth umgeben ist mit unüberwindbaren, meterhohen Mauern und dass dieses nur tagsüber sich öffnet und zum Erkunden eines Ausweges einlädt, dass die Mauern sich nachts mit furchterregenden Geräuchen schließen, wehe, wer dahinter oder dazwischen sich befindet. Die Nacht überlebt keiner.

Auf den Mauern stehen die Namen derer, denen das passiert ist und die nicht zurückgekommen sind. Ungewöhnlich ist an diesem Camp stinkgewöhnlicher Burschen, die vielleicht noch von Heldentum träumen, wie sie auf sonderbarem Wege hierhergekommen sind und dass sie sich an nichts erinnern können, geschichtslose Wesen (es empfiehlt sich bei diesem Konstrukt nicht weiter nachzudenken).

Lediglich einmal im Monat wird von einem knatternden Aufzug zwischen Eisengestängen Lebensmittel und ein Neuzugang angeliefert. Der letzte ist Thomas, der sich an seinen Namen erinnert. Er wird unser Held werden, muss oft mit großen Augen erschreckt gucken und dabei den Mund leicht geöffnet halten. Auch er hat keinerlei besondere Charaktereigenschaft oder Konfliktgrundlage, keine Geschichte. Aber er ist heldisch – oder dumm.

Eines Abends eilt Thomas einem anderen Burschen, der es nicht mehr schafft, das Labyrinth vor Schließung zu verlassen, zu Hilfe. Gemeinsam mit einem verletzten Kameraden verbringen sie die Nacht im Labyrinth. Sie haben spukhafte Begegnungen mit einem Eisenmonster. Aber sie überleben und kehren ins Camp zurück.

Ab jetzt fügt sich zum Abenteuercamp die Spukgeschichte mit den Labyrinthmonstern auf der Suche nach einem Ausgang. Inzwischen ist als neue Monatslieferung eine Frau dazu gekommen. Theresa. Sie will Thomas kennen, er weiß aber nicht woher. Sie benimmt sich erst biestig, dann fügt sie sich in die Heldentruppe.

Irgenwann finden die jugendlichen Sommerfrischler, wie sie den definitiven Ausbruch wagen, einen „Exit“ und da weitet sich das enge Bühnenbild in einen Regieraum, von welchem aus alles überwacht wird; die Orientierungslosigkeit wird um eine weitere Schale erweitert. Kurz vor Schluss wird die Fortsetzung des Filmes angedroht, man stehe jetzt am Anfang der Phase zwei des Experiments.

Handlungssätze: wir konnten ihn doch nicht einfach liegen lassen, wir mussten ihn hochheben. Wir müssen rausfinden, womit wirs zu tun haben. Was zur Hölle ist das? Ich komme jetzt rauf (zu Theresa, die von einem Turm aus mit Gegenständen um sich wirft). Warum sind wir anders? Wir werden nicht ewig hier bleiben. Wir kommen alle hier raus. Hier lang, komm gehen wir hier durch. Wir müssen hier raus. Los, los, los, los, los, los. Da war ich auf der anderen Seite. Du hast ‘n Ausgang gefunden. Wir sind zuhause! Wir werden hier rauskommen und wenn wir drauf gehen dabei. Die haben uns wirklich beobachtet, die ganze Zeit (aus dem Weltchaoskatastrophendepartment). Die Welt draußen wartet auf Euch.

Die Idee hinter der ganzen Chose dürfte die sein: ein symbolisches Bild der Verwirrungen des Coming-of-Age zu entwerfen. Verbesserungsfähig. Das Drehbuch stammt von Noah Oppenheim und Grant Pierce Myers, T.S. Nowling nach dem Roman von James Dashner, für die Regie war Wes Ball verantwortlich.

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Dieser Film umfängt den Zuschauer wie ein seidenausgestatter Alkoven, parfümdurchflutet, in welchem der Künstler Nick Cave stilbewusst und stilsicher sein Rockstartum zelebriert und den Gast im Kinoraum daran teilhaben lässt, wie er sich selbst ein angemessenes Denkmal baut mittels eines gediegenen, impressionistisch-expressionistisch-britischen Design-Kinos, was Iain Forsyth & Jane Pollard ihm huldigend zu Füßen legen.

Dass es sich dabei um dimpfeliges Ikonenbuilding zum 55. Geburtstag des Stars handelt, wird allerdings geschickt verschleiert und getarnt durch die höchst geschmackvoll geschossenen und zusammenmontierten Bilder.

Eine wahre Bilderflut, meist wundervoll beleuchtet, mit Samthandschuhen inszeniert oder so behutsam angefasst, wie der Archivar die „Weather Diaries“ des Künstlers umblättert, die er einsten als Neuankömmling in England verfasst hatte, weil ihn als Australier das englische Wetter nicht kühl gelassen hat.

Es gibt inszenierte Szenen, Gespräche mit anderen Musikern, teils im Auto oder beim Kochen, im Auto wenn der Künstler selber am Steuer sitzt. Oder in Talkshow-Sesseln und portraithaft beleuchtet im Gespräch mit dem Thearpeuten, der ihn über seine ersten Erinnerungen befragt, immer die Frauen oder das Verhältnis zu seinem Vater, der ihm als erstes „Lolita“ von Nabokov vorgelesen habe.

Es gibt, wie in solchen Filmen üblich, die Requisiten, Fotoalben, nennen wir es die Reliquienshow. Aber auch hier nicht platt vor die Kamera gehalten, sondern auf eine unruhige Mauer als Projektion geworfen oder gar auf einer eigens herabgelassenen Leinwand als richtiges Bild projiziert.

Der Star zelebriert sein Künstlertum und was es mit dem Schreiben auf sich habe. Wie die Künstlerwelt etwas ganz anderes sei als der Alltag. Der Rockstar schreitet oft in diesem Film und stets im weißen Hemd und garantiert maßgeschneidertem, elegantem Anzug durch Brighton, auf Häuser zu, zum Auto, durch Studios, durch Gänge oder Flure. Immer im gleichen gesetzten, entschiedenen Rhythmus, der den Titel des Filmes, 20.000 Tage auf der Welt mit seinem federnden Schritt Lügen strafen möchte.

Auch zeugungsfähig ist er, nicht nur anbandelfähig, wie er in Konzerten zu verstehen gibt. Er hat Zwillinge, mit denen er auf einem breiten Sofa vorm Fernseher sitzt oder eine DVD anschaut. Über das Ungewöhnliche des Auftrittes räsonniert er, die Leere oder die komische Situation davor.

Eine prima Anekdote hält er bereit über Frau Dr. Nina Simone, die er bei einem Konzert ansagen musste, wie sie mit völliger Abwehr im Gesicht, mit geballten Fäusten sich gaaanz laangsam der Bühne genähert habe, die mit demselben Widerwillen und ablehnenden Gesicht auch zum Publikum geschaut habe, wie sie sich ans Klavier gehockt habe und anfing allmählich sich zu verändern und das Publikum zu verzaubern. Diese Veränderung, die strebt der Künstler an, wenn er das schafft, dann ist er zufrieden. Er sucht den kreativen Knackpunkt.

Man sieht ihn mit einem Kinderchor üben. Das Finale des Filmes sind Ausschitte aus einem großen Konzert in großer Besetzung mit diesem Kinderchor. Wenn es einen Vatikan der Rockmusik gäbe, dann gehörte dieser Film mindestens in die sixtinische Kapelle. Der Vergleich ist insofern nicht ganz aus der Luft gegriffen, als Cave an einer Stelle meint, er fühle sich gottähnlich, wenn er in einen Song eintauche. Der Kontrapunkt sei ihm wichtig beim Entwickeln eines Songes. Den dürften die Filmemacher vor lauter Devotheit dem Rockgott gegenüber (auch mal im goldenen Hemd) verpasst haben.

Die emotionale Musik lässt Tiefe vermuten durch die Anwendung der Stimme, die mehr Stimme als Artikulation ist, mehr Tonsäulenmodulation, gerne leise und hoch, um dann aus der Tiefe den musikalischen Konter zu führen.

Kunst als Abtauchen, als Eskapismus, to forget who you are; Kunst als ein kulturelles Spa.

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Ich hätte da ein paar Anmerkungen zum Tatort vom Sonntag, “Im Schmerz geboren”. Vorsicht, Spoiler.

Ausnahmsweise hatte der Tatort schon im Vorfeld für Aufregung gesorgt, denn einzelne Medien wiesen darauf hin, dass es diesmal “ganz anders” und sowieso sehr blutrünstig werde. Gut, sowas ist leicht zu behaupten. Doch diesmal stimmte es.

Ich hatte die Ausstrahlung verpasst und den Tatort aufgezeichnet. Erst am folgenden Dienstag konnte ich ich ihn nachholen. Schon kurz nach der Ausstrahlung am Sonntag gingen diverse Meinungen durchs Netz, es war klar: Dieser Tatort polarisierte. Während die einen drohten, dem altgedienten TV-Behemoth abzuschwören, jubelten andere, dass nun endlich frischer Wind Einzug gehalten hätte. Quentin Tarantino! Sergio Leone! Große Namen wurden da geworfen.

Die Handlung des Tatorts ist relativ unwichtig (zum Teil war sie an den Haaren herbeigezogen), die Aufmachung ist jedoch interessant: Ähnlich einem Shakespeare-Theaterstück, wie es in diesen runden Holztheatern aufgeführt wurde (seien wir ehrlich, ohne “Shakespeare in Love” hätte keiner von uns Ahnung, wie es damals so zuging am Theater), gibt es einen Erzähler, der – gänzlich ungewöhnlich für einen Film – das Publikum direkt anspricht, mit direktem Blick in die Kamera. Dieser baut Spannung auf, indem er die Eckpunkte der Geschichte anreißt, dann aber mit “aber seht selbst” oder gleichwertigen Formulierungen in die Handlung überleitet. Das muss einem nicht gefallen, doch es ist ein legitimes Stilmittel, das bis jetzt meines Wissens keine Anwendung fand. Zumindest nicht beim Tatort.

Ebenso der Bezug der Handlung zur Kunst. Immer wieder werden Szenen eingefroren und in einen Ölmalerei-Stil übersetzt. Die Figuren haben starke Bezüge zum Theater, zur klassischen Musik und zum Theater, sprich: Zur Hochkultur. Sehr gebildete Leute treffen aufeinander, können doch nicht aus ihrer Primaten-Haut, empfinden Rachedurst und ähnlich primitives. Was uns der Regisseur damit sagen will, wird mir nicht zur Gänze klar – doch optisch ist auch dieses Stilmittel “mal was anderes” und allein schon deshalb löblich.

Am erstaunlichsten finde ich: Es gibt keinen klassischen Tatort, keine Leiche. Nicht wirklich. Die Toten vom Anfang sind so eine Art Alibi für das Starten des eigentlichen Haupthandlungsstrangs. Normalerweise muss ja ein Verbrechen aufgeklärt werden, und dann wird der Täter überführt, fertig. Hier bahnt sich der Konflikt schon vorher an, als klar wird, wer da am Bahnhof angekommen ist. Die kausale Beziehung des Antagonisten zu den drei Opfern zu Beginn des Films ist lange nicht gegeben, aber nicht im Sinne einer ungeklärten Beweisführung, das wird eher nebenher geklärt, und das auch nur für den Zuschauer. Finde ich gut. Mal was anderes, auch in diesem Bereich.

Dieser Überfall auf das Casino, ebenfalls nur eine unwichtige Nebenhandlung, die eigentlich einen ganz anderen Zweck erfüllt, ist endlich mal etwas, was man hierzulande wirklich mal drehen sollte. Man nehme sich ein Beispiel an “Ocean’s Eleven” oder “The Italian Job” (welche Auflage, soll sich jeder selber selber überlegen), sowas sollte man hier mal drehen! In Deutschland gibt es Geld (zum Stehlen) und epische Kulissen für Überfall und Flucht, und Autobahn, die ausgelegt für Raserei ist, gibt’s auch noch. Hier wird das ganze nur angerissen, weil, wie gesagt, was anderes dahintersteht.

All die Toten und Erschossenen, die in den Medien erwähnt wurden – leider meistens enttäuschend. Der größte Teil der Toten geht auf das Konto einer offenen Schießerei zwischen Cowboys und Indian- äh, Gangstern und Polizisten, das ist meines Erachtens etwas geschummelt. Denn solche Gelegenheitsgangster gehen selbst auf Droge auch instinktiv in Deckung, nehme ich doch an. Aber: Die Toten im Vorfeld, die sind richtig spannend. Normalerweise wird beim Tatort ja eine Person irgendwo bedroht, dann kommt der Retter, und diese beiden, also Retter und Bösewicht, brüllen sich dann eine Zeit lang Falckenberg-Schauspielschulmäßg an, bis man kein Wort mehr versteht, und alle überleben. Doch hier, und das ist wie bei Game of Thrones, wird halt eiskalt und ohne langes drumherum aus dem Weg geräumt, wer für den Plan nicht mehr nötig ist, oder wer nur im Weg steht. Das ist so richtig shocking! Hier wird der Tatort-Fan hinter dem Ofen hervorgeholt, hervorgerissen geradezu, denn es gibt kein Happy-End für alle Beteiligten.

Die Frage nur: Begibt man sich damit nun auf ein niedrigeres Niveau, wo man, von oben kommend, Eindruck schinden kann? Oder wächst man eher in die Breite, moralisch, begibt sich auf skandalträchtiges Terrain, um zu provozieren? Das ginge dann aber auf Kosten einer möglichen Abstumpfung der Zuschauer, so könnte man befürchten, bis man am Schluss in Hollywood angekommen ist, wo die Gesetze der Physik für die Hauptfiguren schon nicht mehr gelten, nur um noch mehr Action und Wucht in die Szene zu bekommen, als rein technisch eigentlich möglich. Also, kurz: Droht beim Verlassen des Pfads der dramaturgischen Tugend die Abstumpfung und Verrohung?

Kann sein. Langfristig wahrscheinlich schon. Aber ich finde, die Richtung stimmt. Der Tatort eines Verbrechens kann schon auch mal blutig sein, die Aufklärung nicht optimal laufen, Tote und Verletzte fordern. An der Intelligenz der Handlung wurde ja nicht gespart, und das macht das Kraut fett.

Rein stilistisch hat dieser Tatort hier vielleicht nicht jedermanns Kleinhirn gekitzelt – aber das muss getrennt betrachtet werden von den anderen Attributen. Denn dieser Tatort hatte – Gottseidank, endlich mal – so richtig Eier und Brusthaar. Und das ist geil.

Natürlich, Quentin Tarantino lächelt müde, und seine Fans ebenso. Aber der erste Schritt ist gemacht. Mehr davon! Mehr von den jungen Wilden! Ich will Lena Odenthal im Sperrfeuer sehen, mit mindestens zwei Streifschüssen am Kopf und der Hose voll. Ich will Thiel und Boerne nackt im Folterkeller um ihr Leben flehen sehen, mit so einem roten Ball in den Mund geschnallt. Ich will, dass einem der Kollegen vom Bodensee endlich mal das alberne “Konschtanz” im Halse steckenbleibt.

Also: Weiter so. Mehr davon!

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Dieser Film von David Sieveking wirft einen anrührenden Blick nicht nur auf eine demenzkranke Mutter, sondern gibt auch einen spannenden und persönlichen Einblick in das Leben einer deutschen Akademikerfamilie und wie sie mit so einem Thema umgeht. stefes Review anlässlich des Kinostarts.

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Doku über Muhammad Ali, der als er mit Boxen anfing, noch Cassius Clay geheißen hat. Unklar ist mir, was der Anlass für die Doku ist, denn es ist der übliche Mix aus Archivmaterial und Interviews von Zeit- und Weggenossen, von Familienmitgliedern und hier noch, was eine ganz besondere Farbe ergibt, angereichert mit Tonbandaufnahmen von Gesprächen des berühmten Boxers mit seinen Kindern, wie er ein guter Vater sein wollte, wie er sie schulen wollte, wie er sich um sie bemühte. Er hat das alles sehr bewusst aufgenommen, weil es ja Geschichte sei. Diese Tonaufnahmen sind visuell dargestellt als abstrakte Lichtströme oder das Tonbandgerät ist vor dunklem Hintergrund zu sehen, schöner Effekt.

Wenn man Ali in früherem Archivmaterial sieht, besonders bei Interviews, diese geistige Wachheit und Alertheit, so wundert man sich doch warum er er seine Großmäuligkeit, für die er berühmt war, überhaupt nötig hatte. Faszinierend besonders die Bilder aus seinen Anfängen, wie er leicht tänzelt, fast fliegt wie ein Schmetterling, dann zusticht wie eine Biene – so der Text eines Kinderliedes, das er mit einem der Töchterchen übt. Eine seltene Mischung aus körperlicher Leichtigkeit und geistiger Wachheit.

Faszinierend ist die Szene in Harvard, wie er zu den Studenten spricht und damit anfängt, dass er in der Schule eine vier Minus hatte, wobei er das Minus einzig dem Umstand zu verdanken hatte, dass er in Rom 1960 zu dem Zeitpunkt Olympiagold gewonnen hatte.

Der Film von Clare Lewins geht chronologisch vor, lässt Trainer, Anwälte, Bruder, Gattinnen und Kinder, Fotografen und Journalisten zu Wort kommen und auch Gegener.

Beeindruckend ist die Geschichte des Titelfotos auf dem „Esquire“, nachdem er als Boxer gesperrt war. Er, der Mohammedaner, war dort als Märtyrer, als Heiliger Sebastian dargestellt, “The Passions of Muhammad Ali”. Die Sperre als Boxer war eine Folge davon, dass er den Einsatz in Vietnam abgelehnt hat mit der Begründung, er sehe nicht ein, dass er 16’000 Kilometer weit weg fliegen soll, um unschuldige Menschen zu töten. Darauf hin wurde ihm der Weltmeistertitel aberkannt.

So konnte er 4 Jahre lang nicht kämpfen. Da ist er herumgereist und hat Vorträge gehalten. Auch über seine Hinwendung zum Islam erfahren wir. Dass das die Religion seiner Vorfahren gewesen ist.

Schön ist auch die Anekdote, wie er überhaupt zum Boxen gekommen ist. In der Schule wurden ihm und seinem Bruder die Fahrräder geklaut. Auf der Suche darnach oder nach einem Hausmeister sind sie in den Keller runtergegangen und da war ein Boxlokal. Ali muss sofort Feuer gefangen haben und hat dann offenbar kaum mehr was anderes gemacht.

Der Film selbst zieht sich gegen Ende etwas in die Länge. Lädt sich noch ne Menge überflüssiger Lobhudelei auf, was den Eindruck von dieser ungewöhnlichen Persönlichkeit allerdings nicht schmälern kann.

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