Archiv für die Kategorie: “DVD”

Denkpausenmacher als Pausenfüller – die KiKa-Nachtschleife, das mimiklose Kastenbrot Bernd mit den für den Joystick zu kurz geratenen Armen und der imaginären Fußkette, die es vor dem White-Screen fesselt – nach dem Buch von Tommy Krappweis und Norman Cöster und in der Regie von Tommy Krappweis und Erik Haffner.

Bernd das tägliche Nachtbrot, das mit seinem 4.0-Dadaismus aus den ultramodischen Begriffen rund um die virtuelle Welt aus Games und Internet und Chat und Videoclips und Kommentarfunktionen nüchtern reflektiert und bestens unterhält und nicht mal beabsichtigt, witzig zu sein.

Dieses bemitleidenswerte Zeichnergeschöpf Bernd soll nun mit seinem pferdegebissigen Praktikanten Bob, der den Drehplan falsch herum hält, auf Tournee gehen, soll auftreten und singen. Sonst droht ihm eine Rolle als Komparsen-Brösel in Hänsel und Gretel – das Schicksal dieser Brösel darf als bekannt vorausgesetzt werden.

Bernd wundert sich, warum ihm überhaupt jemand zuschaut, da doch nix passiert. Das ist vielleicht das Geheimnis dieser reduzierten Zeichenkunst, dass mehr reflektiert und wortverdreht und wortverspaßt als agiert wird. Dass die Figur über die neuen Wörter stolpert. Dass sie über ihre neue Rolle als Follow-Me skeptisch spricht.

Die Serie Follow-Me, in der Bernd mitspielen soll, behandelt witzig kurz das Thema, was der Film The Circle extensiv macht, dass die ganze Welt teilhaben soll an Bernds Leben unter Ausbeutung des privaten Aspektes, dass Bernd in ständigem Chat-Austausch mit seinen Followern steht, was wieder eine Kette von absurd-witzigen Dialogen nach sich zieht; wodurch er aber auch preisgibt, dass er täglich seinen Schimmelblocker brauche, damit ihm aufgrund von Schimmel kein Haar wächst und aus der Netiquette wird die Berndikette.

Aber die Drehabeiten sind hart, der frühe Vogel ist auch saumüde; immerhin bekommt Bernd eine eigene Garderobe und das ist doch besser als im Recycling-Container zu landen. Seine Verträge hat Bernd mit Fußabdruck besiegelt. Und so wortspielt sich Bernd brillant durch seine Aphorismus-Brösel-Existentialismus-Abenteuer.

Auf der kurzweiligen DVD sind außerdem zu finden; Videoclips ICH SAGE NEIN und SINGT DAS BROT! – Hinter den Kulissen WIE EIN BROT – Singt das Brot! (Videoeffekte) und SINGT DAS BROT! (Outtakes)

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Grusel vom Feinsten.

Und so nah am Alltag.

Der Halleysche Komet spielt eine Rolle in diesem Film von Sebastian Hofmann, der mit Julio Chavemontes auch das Buch geschrieben hat. Wobei der Komet eher der Illustration einer kosmologischen Begründung des Menschenbildes gelten dürfte, das den Menschen in existenzieller Verlorenheit einordnet. Darauf wird in der ausgiebigen Schlusssequenz des Filmes nochmals wortlos referiert.

Die Haupterwägung gilt allerdings der Frage, wo denn der Unterschied zwischen Mensch und Zombie liege, auf welch dünnem Grat der Alltagsbewältigung sich das entscheidet.

Das Auge der Kamera von Matias Penachino denkt mit. Es versucht, sich in diesem Zwischenbereich festzuhalten an geometrischen Strukturen wenn immer möglich, wobei diese schnell und gerne verschwimmen in einer Überbelichtung.

Die Figur, die so eine Verwandlung durchmacht, ist Alberto (Alberto Trujillo). Er ist Wachperson in einem Fitnessstudio. Er ist mit sich beschäftigt, ein ruhiger, aber durchaus beobachtender Mensch.

Das Insektenmotiv lässt andeuten (Insekten in einem Glas gefangen, das nicht gleich als solches erkennbar ist), dass er möglicherweise eine Verwandlung durchmachen wird wie der Gregor Samsa.

Aber Sebastian Hofmann bleibt näher am Leben, am Alltagsleben. So wird das gruseliger. Nach und nach offenbart sich Alberto, fächert seine Existenz vor uns auf. Er hat eine penibel sauber gehaltene Sammlung von Porzellantellern an der Wand und von Kaffeetässchen in einer Vitrine.

Die Kamera übernimmt seine Sicht. Figuren in der S-Bahn oder im Fitnessstudio gemahnen plötzlich an Zombies. Das hängt mit der raffinierten Kamera zusammen.

Alberto selbst kommt beim Verlassen des Studios an Silvi (Luly Trueba) vorbei. Er sagt ihr, er könne nicht mehr länger arbeiten, er sei krank. Sie bittet ihn, noch eine Woche auszuharren. Seine ‚Krankheit‘ hat es in sich. Das ist nicht gerade appetitlich, was es zu sehen gibt. Subtiler Grusel, nah am Leben.

In etwa der Hälfte des Filmes erleidet er seinen Tod, landet in der Pathologie. Der Angestellte dort (Hugo Albores) wundert sich nicht sonderlich über einen Toten, den er eben noch gewaschen hat und der jetzt wieder aufwacht und sich aufsetzt. Er hält ihm einen Monolog und mampft dabei Suppe.

Der weitere Verlauf des Filmes wird jetzt noch merkwürdiger, insofern, als Hofmann alle äußerlichen Zombieelemente auf ein Mininmum reduziert. Alberto geht etwas verlangsamt, mühsamer. Das Leben läuft weiter ohne besondere Zombieauffälligkeiten.

Silvi möchte sich am letzten Abend von ihm verabschieden, verschleppt ihn in einen Imbiss und später in ihre von Stofftieren überquellende Wohnung. Hier wird der Halleysche Komet zum Thema. Aber die Frage, wer sind die Lebenden, wer sind die Lebend-Toten, die kann auch nicht weiter beantwortet werden, allenfalls die nach der Einsamkeit des Menschen, der Ureinsamkeitn(?): Silvi fragt Alberto: Red ich zuviel? Er antwortet: Nein, Du fühlst dich nur einsam.

Qualitäten und Elemente: Hofmann lässt sich viel Zeit für seine Figuren und für kleine Vorgänge, wie das Herausschneiden von Haaren aus der Nase oder den Tropfen einer Infusion oder eine kleine Menge Rotzblut, das in den Ausguss gespült wird, Wasser, was Alberto aus einem Schöpfer über seinen Körper laufen lässt als spannender Vorgang für sich, immer sieht Hofmann die Strukturen, sieht sie als philosophische Hilfe, als Rahmen, er setzt Alberto gerne in einen Rahmen, in ein Geflecht aus geometrischen Strukturen, nimmt durch eine Überdosis Licht viel vom Realismus, – zuviel Licht führt zu Ununterscheidbarkeit, zu Wahrnehmungsverlusten, lässt Realität und Dinge in eine symbolische Dimension gleiten.

Wodurch auch der Mensch, der im Mittelpunkt steht, in den Verdacht des gleitenden Realitätsverlustes gerät. Demgegenüber führt Hofmann auch das Thema Blindheit ein im Rahmen eines Gottesdienstes für Blinde, das Leben in Dunkelheit. Symbole veränderter Perzeption.

Über einen Menschen, der langsam aus der menschlichen Gemeinschaft ausscheidet, in der er nie richtig drin gewesen ist. Der fast bildlich aus einem stinknormalen Alltag herausgelöst wird, resp. der ’stinknormale‘ Alltag löst sich allmählich auf für ihn. Übergangswelten.

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Ein Humanismusfilm, der die Chancen einer humanen Existenz des Menschen trotz seiner zwiespältigen Konstruktion aus Monster und Mensch, auslotet.

Der Mann in seiner existentiellen Schizophrenie zwischen Monster und Bürger/Zivilist als Dae-su Oh (Min-sik chi). Anlass für diese harte Auseiandersetzung ist der, dass Dae-su 15 Jahre in einem Appartement eingesperrt war, ohne zu wissen warum, dass mit ihm möglicherweise Experimente gemacht worden sind, manchmal ist Gas zu einer bestimmten Melodie reingesprüht worden (er erzählt seine Geschichte in gepflegter deutsche Synchro und oft als voice-over), das er mit bekannten Vorgängen in der Geschichte assoziiert und mit einem Bodycheck an Russlands Tschetschenien-Politik verbindet (der Film ist von 2003).

Dae-su hat in seinem Gefängnis nur einen Fernseher – als Schule, Religion, Freund, Geliebter; das erinnert an den Film „Willkommen, Mr. Chance“ mit Peter Sellers. Er trainiert Selbstverteidigung gegen eine Männersilhouette, die er an die merkwürdig kleinbürgerliche Tapete gemalt hat. Es werden ihm möglicherweise auch ab und an Frauen geschickt. So genau weiß er es nicht, denn es werden ihm auch unbekannte Ingredienzien in die Venen gespritzt.

Aber für jedes Jahr, das er in dieser Gefangenschaft verbringt, tättowiert er sich einen Strich auf seine Hand. Irgendwann kommt er frei. Ein fast absurde Szene, aber es ist ja eine Geschichte, die er als seine Geschichte vorgeblich in ein Tagebuch schreibt. Er entsteigt einem massigen Reisekoffer, der auf eine Wiese fliegt.

Er hat Jahre an einem Loch in der Wand des Gefängnis-Appartments gebohrt, nicht wissend, ob er sich möglicherweise in einem Hochhaus befindet und falls ja, auf welcher Etage.

Kaum in Freiheit, macht er sich auf den Pfad der Rache. Erst muss er herausfinden, wer überhaupt sein Quäler war. Bald merkt er, dass er ständig überwacht wird. Audio-Bänder werden eine Rolle spielen. Und Frauen lernt er kennen und weiß doch nicht, wie weit er ihnen trauen kann.

Alles, um herauszufinden, das ist jetzt ein kleiner Spoiler, dass es, wenn ich das richtig verstanden habe, lediglich mit einer flapisgen Bemerkung aus leichter Zunge in der Jugend einem Altersgenossen gegenüber zu tun hat.

Womit Meisterregisseur Chan-wook Park, der ein Buch von Garon Tsuchiya nach dem Comic von Nobuaki Minegishi verfilmt hat, zeigt, an welch dünnem Faden die Differenz zwischen Mensch und Tier/Monster hängen kann. Und weil der offenbar schicksalshaft immer wieder reißt, stellt sich für Dae-su die berechtigte Frage, „auch wenn ich schlimmer bin als ein Tier, habe ich nicht ein Recht zu leben?.

Der Mann kommt nicht zur Ruhe, das Monster treibt ihn um, er kann von der Rache nicht lassen (und die kann in einem asiatischen Film wie hier aus Korea besonders blutig, fleischlich und schmerzhaft sein) und hat gleichzeitig Angst davor, was er machen werde, wenn er die Rache erledigt hat, so ist er angefixt von dem Schmerz, der ihm zugefügt wurde.

Eine Gegenmeinung spricht davon, dass dann erst recht der Schmerz hervortreten würde. Vielleicht versteht sich der Film auch als eine Illustration des Satzes: „Lache – und die ganze Welt lacht mit Dir; weine – und Du weinst allein.“

Freiheits- und Menschenbegriff werden relativiert. „Sei ein Sandkorn – oder ein Stein – im Wasser gehen sie beide unter“ oder dass die Freiheit nach dem Weggesperrtsein nur als ein größeres Gefängnis beschrieben wird; wie verführerisch das Monster ist, zeigt Dae-sus Bestellung im Fischrestaurant: etwas Lebendiges; es gibt auch andere Situationen, die klar machen, dass sein mentales Training nicht von Nutzen ist.

Über dieser Ebene gibt es noch jene der Manipulation dieser Existenzparameter zwischen Monster und Mensch. Das zeichnet ein noch widersprüchlicheres und nicht allzu erfreuliches Menschenbild – und wenn man auf die Kriege schaut, die aktuell auf der Welt von den verschiedensten Interessengruppen betrieben werden, so kann man nur sagen, wie zu recht skeptisch Chan-wook Park den Menschen entwirft.

Ein hochaktuelles cineastisches Meisterwerk, das sich raffiniert und bildstark mit der menschlichen Natur beschäftigt. Gegen das Bild des bürgerlichen Mannes als Vater, Ehemann und mit einem Familienalbum. Wozu Menschen Menschen bringen können.

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Zwei aufregende Filme in einem: der Irrweg des Buben Lion, der durch unglückliche Umstände verloren geht, und von zuhause in Indien bis nach Australien zu einer Familie gespült wird, die ihn adoptiert und dann die Suche des inzwischen erwachsenen Australiers und studierten Lion über Google Earth und verschwommene Kindheitserinnerungen nach seiner Herkunft im Slum in Indien und nach einem Bahnhof. Zwei auf ihre je eigene Art anrührende Geschichten mit je einem überzeugenden Protagonisten (Lion jung und Lion erwachsen).

Hier ist die Review von stefe.

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Cecilie (Clara Rosager) will im Kino Scala lieber Fast & Furious schauen, Jeppe (Nikolaj Groth) würde Amour von Haneke vorziehen.

Aber sie bestimmt wo’s lang geht. Sie erklärt ihm, worum es in Bellinis Oper Romeo und Julia geht. Sie hat ein dunkles Geheimnis, hat ein Malbuch mit düsteren Motiven, und einen größten Wunsch. Er träumt davon, in der amerikansichen Basketballliga ein Star zu werden (dafür müsste er allerdings noch lernen, aus dem Bauch zu spielen).

Die für einander, für die Liebe bestimmt sind, Cecilie und Jeppe, lernen sich im Svendborg Staatsgymnasium (Dänemark) kennen. Sie ist neu und statt sich vor der Schülerschaft vorzustellen, singt sie ein Lied.

Liebe auf den ersten Blick, die keine Grenzen kennt. Und die an Grenzen kommt, die die Themen Leben, Liebe, Tod virulent werden lässt.

Barbara Topsoe-Rothenborg inszeniert diese Liebesgeschichte nach dem Drehbuch von Thorvald Lervad nach dem Roman von Jesper Wung-Sung zart, zurückhaltend, voll sanften Schmelzes, mit leichter, nordischer Humanselbstverständlichkeit.

Eine Geschichte, die ganz nebenbei zur Ausbüchsgeschichte wird und in gewissem Sinne ein Hochzeitsfilm plus Mittelmeerurlaub.

Es geht um die Liebe, die Flügel verleiht, eine Liebe, die aus dem Heute ihre Kraft nimmt und nicht aus Zukunftsplänen, eine Liebe, die das eigene, kleine Karrieredenken zurückstellt, die Schuldgefühle und Selbstvorwürfe hervorruft.

Eine Liebe mit Wirkungen und Nebenwirkungen. Eine Liebe, die Themen wie Angst vor dem Tod und Genuss des Lebens aktiviert. Die Zeichengeschichte, ihre düsteren Zeichnungen: Edward Munchsche Düsterheit.

Es geht um das Es-Schaffen, auch ums Siegen und Verlieren, aber auch um Trauer, Verzweiflung – und irgendwie doch um Pläne zugleich um die Unfassbarkeit der Liebe.

Eine schön-traurige Liebesgeschichte mit einem prima ausgewählten und spielenden Ensemble und mit einschmeichelnder deutscher Synchro. Wie viel Leben hat der Mensch?

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Anregende DVD zum Thema „achtsame Organisation“ angesichts horrender Arbeitsausfälle wegen psychischer Erkrankungen im Turbokapitalismus. Ist der Mensch für diese Arbeit geschaffen? Siehe Review von stefe.

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Wie schon im Film über Pepe Mujica ist die Dokumentaristin Heidi Specogna zurückhaltend mit dem Auffahren von belastbaren Fakten, hier über Zentralafrika, über den Kriegsverbrecher Jean-Pierre Bemba, der Jahre nach den Verbrechen, die unter seinem totalitären Kommando 2001 begangen worden sind, vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag gestellt wird.

Bemba sieht man auf indirektem Wege. Die Verhandlung vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag wird vor einem Bildschirm in einer Kirche in Zentralafrika mitverfolgt. Nachher gibt es eine Diskussion. Die Teilnehmerinnen sind beunruhigt, wie steht es um die Sicherheit der Opfer, wer sorgt für die Sicherheit der Zeugen und ein Mann regt sich auf, wie der Verbrecher im Gefängnis offenbar gut ernährt wird, so dick wie er ist.

Es gibt ein Dokument, das dem Film den Titel gibt, das ist das afrikanische Heft, es ist ein Schulfheft. Darin haben die Opfer von Bemba Passfotos von sich hineingeklebt und in Schülerschrift sind Vermerke über Alter und die begangenen Verbrechen drin. Es sind vor allem Frauen und Mädchen, aber auch Männer, die vergewaltigt worden sind.

Der Film ist in drei Kapitel eingeteilt. Sie entsprechen den Dokumentationsphasen. 2008 ist Heidi Specogna auf das Heft aufmerksam geworden. Das erste Kapitel handelt von Wunden und Narben und umfasst den Zeitraum 2011 – 2012, das zweite von Kugeln und Schubkarren, 2013 – 2014, und das dritte handelt von einem neuen Tisch von 2015.

Die durchgehende Figur, aber nicht dominant präsent, ist Amzine, die in dem Heft die jüngste war und ihre Tochter, die den Vater nicht kennt, Fane. Sie betreiben anfangs einen kleinen Kramerladen auf dem Dorf. In der zweiten Phase kommt es wieder zu Unruhen, Schießereien, Plünderungen, Flucht. Amzine muss ihre ganze Habe, die schon verpackt ist, zurücklassen.

Der neue Tisch ist das wichtigste Requisit der dritten Phase nach gelungener Flucht in den Tschad in ein Lager der UN. Dort haben die Flüchtlinge einfache Strohhütten, sie bekommen ein Stück Land und Amzine plant, so schnell wie möglich einen Laden zu eröffnen. Aber Fane will sie nicht sagen, wer ihr Vater ist, Fane ist jetzt eine junge Frau, wachen Blickes und hilft der Mutter bei der Bewältigung der alltäglichen Dinge. Irgendwann wird sie wohl die Geschichte der dreifachen Vergewaltigung ihrer Mutter erfahren.

Über das wichtige Dokument des Oktavheftes mit den Aussagen der Opfer bleibt ungewiss, ob es in den Archiven von Den Haag verrotten oder doch noch einen Auftritt ins Licht der Weltöffentlichkeit erhalten wird.

Die hier geschrieben Geschichte ist eine, die immer wieder auftaucht in verstörenden Bildern der Zustandes der zentralafrikanischen Republik, vom Hauptort Bangui kaum geteerte Straßen, eine absurde Wahl einer Übergangspräsidentin, die im knallroten Kleid wie einer Kasperlfigur wirkt und in einer schweren Limousine mitten im Elend davon braust.

Bilder einer internationalen Armee, die die Stadt schützen sollen, Flüchtlingskarawanen auf total überladenen LKWs, ein provisorisches Flüchtlingslager direkt am Flughafen, weil hier Truppen sind. Krasser Gegensatz, wenn ein High-Tech-Airbus landet und direkt neben der Piste ein Elendslager von Tausenden von Flüchtlingen sich befindet.

Die Geschichte vom Mädchen, das ein kaputtes Knie von einem Schuss hat, das endlich in Berlin operiert werden kann. Und bei der nächsten Unruhewelle wieder aufs Knie fällt. Es sieht alles so aussichtslos aus. So trostlos.

Kaum gibt es eine muslimische Rebellentruppe, stellt sich ihr eine nicht minder radikale christliche Rebellentruppe in den Weg, die Moschen zerstört, den Imam grausam lyncht. Auf der Straße liegen Leichen, kaputte Gesichter. Aber Kinder finden immer wieder Dinge zum spielen.

Es gibt eine weitere Figur, die mehrfach auftaucht. Es ist die fiktionale Figur Jamal, der hier aus juristischen Gründen und zur Sicherheit der Person nicht individualisiert wird, dessen Gesicht nicht gezeigt werden kann. Das ist der Ermittler des ICC aus Den Haag, er muss geschützt werden. Er ist bei der zweiten Vertreibungswelle schnell vor Ort und richtet ein provisorisches Verhörzimmer ein, um an die Zeugenaussagen zu kommen, so lange sie noch frisch sind. Er transportiert das Oktavheft mit den Details über die Vergewaltigungen unter Bemba wie ein Hochsicherheitsgut nach Den Haag. Das wirkt fast wieder grotesk.

Der Film ist eine erschütternde, verstörender Schilderung zentralafrikanischen Alltags.

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Galliger Geschlechterhumor
(eine filmische Besonderheit aus Deutschland).

Der Horroralptraum vom Kuraufenthalt einer traumatisierten Frau, die Schlechtes mit Männern erlebt hat.

Oder ein Vorwand für den Filmproduzenten Luggi Waldleitner, den Regisseur Zbynek Brynych nach einem Drehbuch von Manfred Purzer nach einer Idee von Igor Sentjurc ein zeitgenössisches Frauenbild schwelgerisch zu entwerfen – ein Hauch Fellini. Da sind die exklusiven Traumfrauen, deren Existenzsinn sich erschöpft im Frausein im Sinne des Schönseins in neckisch mondän-elegantem Outfit und denen daraus psychische Probleme erwachsen, die Nerven, die Nerven; diese lassen sie im bayerischen Voralpenland in der feinen Klinik von Dr. Barbara behandeln (Frauen mit Neurosen).

Auf den Sitzbänken und in den Gassen des Kurortes finden sich verbrauchte Hausfrauen. Es gibt suffragettenhaften Feministinnen, die im Kurpark Randale veranstalten; ihr geistiger Leitfaden ist im MÄRZ-Verlag erschienen, die Bücher mit den gelben, knalligen Umschlägen: „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“. Sie veranstalten Demos mit BH-Verbrennungen und entsprechender Augenweide für das männliche Publikum. Auf ihrer Spruchwand rufen sie das Ende der Stiefellecker-Kultur aus und dass der Mann eine unvollständige Frau sei.

Uschi Glas ist das Zugpferd, damals schon hübsch und vor allem aufgedonnert von Maske und Make-Upe, literweise Wimperntusche und Lidstrich, ganz gestylt nach italienischen Filmgöttinnen wie Sophia Loren oder Claudia Cardinale und den entsprechenden Klamotten sowie dem Bewegungsablauf und mit groß ummalten Augen fotogen in die Welt schauend; ein Leinwandstar der Zeit.

Uschi Glas heißt hier Eve und ist traumatisiert. Sie hat Schwindel und ist mit dem Zug unterwegs zu einem Kurort; wobei ihr Trauma gar nicht als solches realistisch dargestellt wird; sie ist vor allem Filmstar.

Die Bahnfahrt filmt Brynych wie mit dem Fischauge, merwürdiger Kreiseleffekt. Mit kecken Sperenzien hat es die Kamera von Charly Steinberger überhaupt, bei der Frauendemo, in der sich die Frauen befreien und ihre BHs ins Feuer werfen, da kreist die Kamera wie berauscht.

Ingeborg Bachmann ist im Film angeführte Referenzliteratur neben Frauenemanzipationsbüchern aus dem Märzverlag. In einer hochstilisierten Buchhandlungsszene möchte sich Eve über das Phänomen der Gottesanbeterinnen kundig machen; die Buchhändlerin antwortet ihr mit einem kleinen, literarisch-virtuosen Solo über Insekten.

Bei dem enormen Frauenüberhang im Kurort, Männer kommen kaum vor bis auf den verkrüppelten Gärtner und den kartenhäuserbauenden Kommissar, müssen begattungsfähige Männer mit defektem Sportwagen stranden (sie sehen: lauter reifes Obst), um das in Frage gestellte Geschlechterrollenverhalten zu aktivieren.

In Ansätzen tendiert der Film hier in Richtung der seichteren Softsexfilme der Zeit (Regieassistent Sigi Rothemund hat dieses Wissen hungrig aufgesaugt als Basis für eine ganze Reihe von solchen Filmen, bei denen er unter dem Pseudonym Siggi Götz firmierte: „Drei Schwedinnen in Oberbayern“, „Griechische Feigen“ …)

Männer müssen auch her, damit es, das Horrorgenre bedienend (im Booklet zur DVD kommt das Wort Kreißsäge vor), Leichen geben kann für die wundersame „Requisiten“sammlung in Formalin.

Um gar nicht erst auf eine thematisch verbissene Auseinandersetzung zum Thema Frau zu kommen, untermalt Brynych den Film wild mit Bahngeräuschen, mit gar nichts, mit Jukebox- und Zirkusmusik bis hin zu ungezügelten Jazzimprovisationen, damit den leichten Spott in der Betrachtung des Themas sekundierend.

Vorbemerkend heißt es: Personen und Schauplätze seien frei erfunden und ausschließlich Produkte der Fantasie; wohlverstanden und durchs Band: männlicher Fantasie.

Eine internatioale Koproduktion, die auf Italienisch „Femmine Carnivore“ heißt, was fleischverschlingende Frauen meint in Anspielung an die Gottesanbeterin, die ihre Männchen nach dem Geschlechtsakt tötet und auffrisst. Eine männliche Antwort auf die Emanzipationsbewegung der Frau?

In der hübschroten Kassette sind zwei DVDs und eine Hintergründe beleuchtende Broschüre. In dieser ist einiges zu erfahren über die Restauration dieses Filmes und es gibt ein Interview, das Stefan Ertl und Rainer Knepperges 1994 mit dem tschechischen Regisseur Brynych geführt haben; der war mit einigen Wassern der Menschenbehandlung gewaschen und listenreich.

Die zweite DVD enthält die restaurierte Langfassung des Filmes, die nie in die Kinos gekommen ist, ein Interview mit Protagonistin Uschi Glas, das Domink Graf, Rainer Knepperges und Olaf Möller geführt haben (sie erzählt angeregt von den Kapriolen des phänomenalen Kameramannes Charly Steinberger), Standfotos, Werbeplakate, Aushangfotos, Pressematerial, Fotos des Regisseurs in Cameo-Auftritten in deutschen Krimis und einige Szenen im Vergleich des Zustandes des Filmes vor und nach der Restaurierung – ziemlich verblüffend, wie die Verblichenes auffrischen!

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Keine Anbiederung ans Publikum, kein Fishing-for-Compliments, keine Mitmach-Mitklatsch-Aufforderung, das Werk steht im Zentrum der hohen Konzentration der vier Männer von Kraftwerk (Wikipedia), die uniform gekleidet, roboterhaft, hinter ihren Synthesizern stehen, während der Sound aus Dolby-Atmos von allen Seiten auf die Zuschauer eindonnert und die 3D-computeranimierten Bilder überall im Raum umhersausen über und unter und hinter und vor den Musikern und durch diese hindurch.

Und kein Statement-Blabla, kein Nähkästchengeplaudere, keine Mäuschenperspektiveneinblicke, kein Adabei-Gelabere; das Werk selbst ist die Doku, 12345678 von Kraftwerk (Website), kataloghaft aneinandergereiht, die Clips dieser Computer-, Techno- und 3D-Pioniere, die längst in den wichtigen Museen der Welt Aufnahme gefunden haben. 77 Minuten Kraftwerk pur.

Das veröffentlicht heute Warner Music/Parlophone: „neue Aufnahmen der kompletten Kraftwerk-Meisterwerke 12345678 unter dem Namen Kraftwerk / 3-D Der Katalog auf Blu-ray, DVD, Vinyl, CD und als Download“.

Am vergangenen Dienstag wurde diese Dokumentation in einem halben Dutzend deutscher Städte in je einer Kinovorstellung präsentiert, in München im Cinema.

Kunstwerk ist sicher der richtige Begriff für diese Musikstücke mit Computergraphik, die sich immer um wenige Begriffe um einen brisanten Zusammenhang herum kondensieren. Die Themen waren Reizthemen, Themen der Zeit (Kraftwerk fing in den 70ern an). Über die Autobahn, da fahren, überholen sich, kommen einander entgegen: ein Mercedes mit der Nummer D KR 74 und ein VW mit der Nummer D KR 70 animiert über endlos-monotones Straßenband, aufgenommen aus den verschiedensten Perspektiven und das wichtigste am „Gesangstext“ ist das Wort Autobahn. Es spiegelt sich in dem Clip die Technisierung, am Horizont Industriesilhouetten, die Autobahntrasse, die sich unsensibel in die Landschaft legt, diese durchtrennt.

Wie Kraftwerk sowieso von der Technik begeistert und fasziniert ist, das zeigt sich im Film über den Trans Europa Express, heute ein wahres Museumsstück, damals topmodern oder an der Erfindung des Techno „Poing – Boom – Tschak, Techno-Pop“; wobei auch hier wie neulich bei Romuald Karmakars Denk ich an Deutschland in der Nacht schon erwähnt, sich bereits der „gleichbleibende Rhythmus der niedrigen Wertegemeinschaft einer Party“ sich abzeichnet.

Kraftwerk ist fasziniert von computergenuinen Zahlenreihen (durchaus in der Nähe von Hanne Darboven zu sehen; siehe demnächst die Review über „Timeswings“), von Maschinen und Robotern (Semi Human Being), ist schockiert über die Unfälle mit Radioaktivität (Tschernobyl, Harrisburg, Sellafield, Fukushima), sieht Musik als Transportmittel für Ideen und mixt zum Tape über die Tour de France radfahrerstoßatemdurchdrungenes Archivfootage.

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In der Rapid-Eye-Reihe ‚Freie Radikale“ entwirft der Künstler Phil Collins ein sehenswertes, kaleidoskopartiges Portrait der Stadt Glasgow als einer Stadt, in der die Leute im Heute leben – morgen, das ist zu weit weg! Review von stefe.

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