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In Riesentempo baut die Drehbuchspinne ihr dichtes Netz auf und nimmt den Zuschauer in diesem Politthriller gefangen. Wenn der deutsche Tatort oder Polizeiruf sonntagabends wie das Sandmännchen die vor dem Fernseher versammelte Bevölkerung vor dem Hintergrund eines Sozialgemäldes mit dem Statement beruhigt, dass die deutsche Polizei noch funktioniere und man also beruhigt sich zu Bett begeben können, so wird hier mit großer Härte und voller Risikobereitschaft die Frage nach dem Funktionieren des demokratischen Systems in Zeiten der Megakonzerne, der Macht der Banken und Lobbies und deren geldgieriger Rücksichtslosigkeit gestellt.

Die rasante Exposition dieses britischen TV-Vierteilers, von Robert Jones und Chris Mullin geschrieben und von Ed Fraiman inszeniert, fängt mit einem Hammer an. Der britische Vizepremierminister, Gabriel Byrne als Tom Dawkins, die Hauptfigur, besichtigt, begleitet von einem Pulk von Männern in schwarzen Mänteln, die Folgen einer Explosion in einer Ölraffinerie in der Grundschule im angrenzenden Scarrow-Park. Tote Kinder, Trümmer in schwarz-weiß und leicht koloriert gezeigt bewirken einen schaurigen Effekt.

Der Vizepremier besichtigt den Ort des Grauens, weil der Premierminister gerade im Ausland weilt. Dieser ist zu Besuch ausgerechnet bei jenem amerikanischen Konzern Petrofex, dem die Anlage, die jetzt die Katastrophe ausgelöst hat, gehört. Es soll schon einmal in einer Anlage in Amerika zu einer ähnlichen Explosion gekommen sein.

Kaum hat der Zuschauer diesen ersten Teil der Exposition zur Serie verinnerlicht, folgt die zweite Katastrophe. Das Flugzeug des Premierministers, merkwürdigerweise eine Maschine von Petrofex, verschwindet auf dem Rückflug über den Atlantik vom Himmel. Mitten in einem Gespräch mit Dawkins bricht der Kontakt ab. Es wird sich herausstellen, dass das Flugzeug über dem Meer abgestürzt ist. Die Suche nach der Blackbox wird eine Frage sein, die immer wieder auftaucht. Interessant: die Firma Petrofex gehört der Royal Caledonian Bank, die wiederum, man fasst es kaum, der britischen Regierung gehören soll.

Zwei große nationale Tragödien also am Anfang dieser Serie, deren Aufarbeitung resp. Versuche zur Vertuschung, die Serienmechanik auf Hochtouren bringen werden.

Aber nicht genug der Konflikte. In Kürze steht die Wahl einer neuen Regierung an. Es gibt mehrere Figuren, die nach dem Posten des Premierministers streben. Alle wollen sie den beim Volk beliebten Dawson als Vize behalten und der möchte auch gar nicht Premier werden. Nicht unbedingt aus Bescheidenheit, auch wenn er beim Volk so ankommt, sondern weil auch er eine (belastende) Vergangenheit hat, wie die meisten prägnant gezeichneten Figuren in diesem Netz oder bei diesem riskanten Ritt über den Bodensee, wo jederzeit das Eis einzubrechen droht. Der Held hat eine schwache Stelle.

Weitere Mitspieler von Dawkins der kommenden Verwicklungen dieses Tanzes auf dem Vulkan sind verschiedene Geheimdienste, sein alter Freund Anthony Fossett, Alkoholiker, aber ganz fit in Geheimdienstsachen, Abhörstationen der Geheimdienste, das Gewusel an Personen um den Premierminister herum, Militärs, die Medien, besonders die Journalistin Ellis Kane, die gewillt ist, tief in der Vergangenheit von Dawson, der inzwischen Premier geworden ist, zu bohren.

Ein Polit- und Machtthriller der brillanten Art verblüffend nah am Puls der Zeit. „Was ist das für ein verkacktes Spiel?“. Wenn man ihn gesehen hat, schaut man TV-Auftritte von Politikern vielleicht mit etwas verändertem Bewusstsein an. Ferner wirken die in Deutschland so umstrittenen Drohnen, auch das Töten damit, und ein geheimnisvoller, nicht ungiftiger Treibstoff für sie, PFX44, als Spannungsantreiber mit.

Es gibt nichts, was den Fortgang der Handlung bremst, die Szenenfolge ist rasch, aber wirkt nicht aus Prinzip TV-mässig kurzatmig, sondern der Spannung geschuldet. Die aber eher noch gefördert wird mit einem Satz in der Pathologie „Es ist eigenartig friedlich hier“. Dabei hat der Pathologe ein ziemlich aufregende Entdeckung gemacht.

Zwischendrin eine kurze humorige Szene in einem Club, wie der alte Freund Fossett den Premier trifft, ihn fragt, wer von den umstehenden Figuren, die so tun als ob sie Billard spielten, vom Geheimdienst sei; daraufhin macht Fossett eine Angriffsbewegung auf Dawkins und die Geheimdienstler entlarven sich.

In der zweiten Folge fällt vor allem auf, wie Dawkins als Premier Ausbrüche aus dem strengen Gespinst, was seine Entourage um ihn legen will, versucht und Dinge direkt an die Öffentlichkeit bringt, riskantes Spiele, indem er zeigen will, dass er nicht korrumpierbar sei, nicht manipulierbar. Wobei auch er trotzdem wirkt, als sei er nicht nur die integre Figur und die Infos dazu mehren sich ja auch. Im Wahlkampf hatte er versprochen, gegen die Exzesse der großen Konzerne zu sein. Und steckt doch mitten in der Zwickmühle einer solchen Auseinandersetzung, denn er soll die „Freunde“ der Regierung nicht vergessen, wird ihm zugeflüstert; er will aber auch nicht vergessen, wer ihn und seine Regierung gewählt hat.

Zusätzlicher Spannungsanheizer am Ende der zweiten Folge, die die ganze Geschichte ins weltpolitische Spannungsfeld rückt: die Information, dass der Angriff der Drohne auf die afghanischen Taliban auf iranischem und nicht auf afghanischem Boden erfolgt sei.

„Sie kommen an der Spitze an und dann müssen Sie erkennen, dass Sie gerade in der Mitte sind“, so Dawkins. Oder wie die Demokratie sich von der Demokratie entfernt.

Dawkins fängt als Halbschuh an. Und wie er sich hält an der Spitze, das ist spannend zuzusehen wie Artisten im Zirkus auf dem Hochseil oder wie einer Figur, die versucht auf dem Kulminationspunkt eines Geysirs sich zu halten, auf einem sich stets kraftvoll erneuernden Energiestoß aus persönlichen Ehrgeizen einzelner Figuren, Konzernen, Geheimdiensten, Kriegsdrohungen, Interessen an Kriegsbegründungen, von sich übergangen Fühlenden, merkwürdigen Thesen vom übergeordneten Wohl und deren Interpretation, Wirtschaftskrieg, Drohung von Sanktionen oder von Produktionsverlagerung ins Ausland, Währungsspekulation, Fraktionszwängen, Vertuschung und Fehlinterpretationen von Informationen, Forschen in der Vergangenheit (er war in Bosnien) und der Aussicht auf einen Ölpreisanstieg weltweit.

Wie Dawkins die Strecke oben überstanden hat, Ende Teil vier, da schwingt er sich zu einer famosen, brillanten Rede vor dem britischen Parlament auf, das kurz davorsteht, einen Krieg gegen Iran zu beschließen und welches davon das Überleben des Premiers abhängig macht, einer Rede, die die Maßstäbe der Demokratie, natürlich wirkt das hoffnungslos idealistisch, wieder ins Zentrum des Handelns verlegt. Ein bisschen wie Schröder und sein Nein gegen den Eintritt in den Irakkrieg. Das dürfte hier durchaus reflektiert sein. Da hat Dawkins den Rat des Seniors im Parlament wörtlich genommen (so dass es diesem dann zu viel wird): Fossett würde wollen, dass Sie ihren Mann stehen und hohe Wellen schlagen.

Für das dreckige Geschäft, das in dieser Serie beschrieben wird, ist die industrielle deutsche Nachsynchronisation passend.

Dawkins Rhethorik-Coup: Bin ich mir sicher, dass …? Nein, bin ich nicht (hier lachen die gegen ihn gestimmten Parlamentarier noch; hier gibt er ihnen recht in einem Punkt, von dem sie auch nicht überzeugt sind); dann stellt er die Frage zu weiteren Punkten, nach demselben rhethorischen Muster „Bin ich mir sicher, dass…? wobei jetzt das Nein der Antwort ihre Mienen gefrieren lässt.

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Ein cowboylockerer AIDS-Film nach einer wahren Begebenheit von Jean-Marc Vallée nach einem Drehbuch von Craig Borten und Melisa Wallack inszeniert oder Solo für einen nicht-schwulen, aidsinfizierten Cowboy, eine Soloshow für den Schauspieler Matthew McConaughey als Ron Woodroof.

Um ein AIDS-Symptom glaubwürdig dazustellen, nämlich die Abmagerung, hat McConaughey richtig gehungert. So wirkt er authentisch. Dabei ist er so schon eine Type mit seinem markanten Gesicht. Man nimmt ihm jedenfalls den Rodeoreiter, den Trinker, den Weiberhelden, Raucher und Kokser problemlos ab. Ein Typ ohne Kompliziertheit, direkt, der keinen Wert auf Benimm-Regeln legt. Abgemagert ist er wie ein Krebspatient (gegen Ende des Film bessert sich das dann wieder).

Der Arzt stellt die deprimierende Diagnose AIDS, er habe noch 30 Tage zu leben. Diese Tage verbringt Ron nun nicht als braver Patient, der untertänigst die ärztlichen Vorschriften befolgt und gebannt und erstarrt seinem Tod entgegenblickt. Ron macht sich in einer Bibliothek selber kundig (Cowboy mit Intellektuellenbrille) und misstraut dem Medikament AZT, das zu der Zeit als einziges verschrieben wird.

So wie er ohne Hemmung sich aufs Rodeopferd setzt, so setzt er sich direkt auseinander mit den Strukturen zwischen Medizin und Pharmaindustrie. Fängt auf eigene Faust, aber auch in Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen an, sich andere Medikamente zu beschaffen, auch wenn er dafür bis Japan jetten muss. Er tut sich mit dem schwulen aidskranken Rayon zusammen (allen seinen Schwuchtelvorurteilen zum Trotz, aber auch das letztlich unkompliziert) und macht sogar ein Geschäft mit alternativen Heilmethoden, mit andern Medikamenten, die er sich auf illegalen Wegen beschafft; Mitgliederbeitrag ist 400 Euro.

Die Schulmedizin und die Pharmaindustrie können solche Eigeninitiativen nicht abhaben, sehen ihr Geschäftsmodell gefährdet; sie setzen die Staatsgewalt gegen Ron in Bewegung.

Bei all der Kämpferei und den Versuchen mit anderen Heilmitteln, setzt Ron sein Leben immer weiter fort. Aus den 30 Tagen werden über 2000, die er noch lebt und sich für sinnvolle Heilmittel gegen AIDS einsetzt.

Der Film ist ein chronologischer Bilderbogen mit gelegentlichen Zeitangaben, Tag 1, Tag 7, 6 Monate später, 30 Tage später, 2 Jahre später. So locker wie der Umgang mit diesen Zeiten, so locker wirkt Inszenierung, Szenenauflösung, Dialoge und Montage. Wie ein von Cowboys frisch und munter in der Freizeit an einen Stall gemalte Betrachtung ihres Lebens, bunt, lebendig, unpingelig, unverbissen, cowboyaffines Kino mit anderem Thema, ohne hinterlistiges Kalkül auf Erfolg, ohne Zurückhaltung der Energie oder deren raffinierte Zügelung, frisch von der Leber weg, ein plastisch physisches Kino. Es wirkt wie muntere Impressionen einer Aktion einer NGO, locky-flocky Erzählweise und noch ein sich anbahnendes Verhältnis zu der Ärztin mit den unnatürlich breiten Lippen.

Buntes AIDS-Drama in einfachen Pinselstrichen, was nicht versucht hinter die Dinge zu schauen, sondern sie eher naiv aber mit unverstelltem Blick nachzeichnet, hastig zwar, denn die Zeit läuft, aber sich durchaus wiederum an einem Tinnitus-Effekt im Subjektiven verlieren kann.

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Tragisch an diesem Film ist nicht der Film selber. Tragisch daran ist, dass während hier begabte filmische Jugend, die sich ihre ersten Erfolgssporen längst verdient hat und also gut selbstbewusst und mit Elan sich ihren nicht ganz stromlinienförmigen Film bastelt, der sich um ihr eigenes Thema, die Vaterschaft dreht, dass währenddessen die Politik in Berlin sich an den Renten dieser hoffnungsvollen Generation vergreift.

Kein Wunder kommt diese ältere Generation im Film kaum oder nur halbsenil vor. Es ist dies der Papa der beiden ungleichen Brüder Felix, Matthias Schweighöfer, und Henne, Friedrich Mücke als schauspielerischem Salz in der Suppe.

Die simpelste Erwartung an den Titel „Vaterfreuden“, Windeln, Babybrei und Kinderwagen, wird gleich zielbewusst konterkariert. Sie machen ein richtiges Kinofass auf, sie die Autoren Christian Lyra, Murmel Clausen, Sebastian Wehlings und Andrea Willson und der Regisseur Matthias Schweighöfer mit der Exposition ihres Begriffes von Vaterfreuden: mit Frettchen, was auch als Wischmob missbraucht werden kann, Honig, Sado-Maso-Fesselung und einem zerbissenen Skrotum schaffen sie die Voraussetzung für die Unfruchtbarkeit von Felix. Zum Glück war er Samenspender, logo, dass die Jungs sich ein paar Witzchen zum Thema nicht verkneifen wollen. Es geht jetzt im konventionellen Teil des Filmes darum, dass Felix die Trägerin seiner Spende herausfindet, ihr nachstellt und so, wer weiß, doch noch den Traum realer Vaterschaft erfüllen kann, das perfekte Glück, so wie es für das bisherige Schweighöfer-Universum in der Hülle des lächelnden, begehrenswerten Schwiegersohnes ausgedrückt wurde.

Als Helfer, und gelegentlicher Vermassler in der Sache agiert sein Bruder Henne. Friedrich Mücke tastet sich mit der Rolle behutsam in jene Region von Filmkomik vor, in der aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird. Im Gegensatz zu Alexander Fehling, der selbiges neulich bei „Buddy“ versucht hat, gelingt es Mücke im verhaltenen Rahmen so, dass bei Weiterentwicklung noch einiges zu erwarten wäre in dieser Hinsicht.

Die Trägerin der Samenspende ist eine Moderatorin bei Sky, Maren. Mit Produktwerbung geht diese Generation ganz sorglos und vermutlich finanziell sich lohnend um. Auch wenn der BR mitproduziert hat. Maren hat diese Maske, an der alles abperlt und eine Stimme, die nie eine Verletzlichkeit zeigen würde, wie sie erfolgreiche Moderatorinnen auszeichnet. Und ist leider schon liiert. Aber mit einem ziemlichen Waschlappen von Typen. Den Rest kann man sich denken.

Das Thema dieser Generation dreht sich also munter nach einem Drehbuch, das wie aus Krümeln aus Vorbildfilmen zusammenklamüsert scheint, um sich selbst, um ihr Glück. Und Schweighöfer ist klug genug, nicht durchgehend sein Schwiegersohn-Strahlen, das ihm bislang einigen Erfolg beschert hat, aufzusetzen. Was das Ganze aber doch wieder auf das Format einer gehobeneren Buddelkastenübung reduziert, das ist die völlige Absenz einer Welt jenseits dieser Filmambition, die Abwesenheit jeglichen Blickes auf die gesellschaftliche Realität drum herum, die reduziert sich auf X-Games, Samenbank, und fette Spermawitzchen, inklusive Hochzeitskleidstottermonolog, und bald schon wird der Frettchenhumor mit dem Herz-Schmerz-Topos aus Glücks-, Sehnsuchts- und Missverständnisfetzen ersetzt. Ein Weltkino scheint nach so einem Film zu beurteilen, nicht zu existieren. So bleibt die Chose doch sehr deutsch-provinziell.

Drehbuch: kunterbunt wie ein Kuhwiesenteppich. HappyMeal-Kino
Lebensweisheitssprüche wie den von den angewachsenen Ohrläppchen oder warum haben wir eigentlich nie Zeit für das, was uns wichtig ist und dann noch über die Wichtigkeit der Träume.

Zwischen, was hier ist und dem was ein großer Kinotraum ist, da gibt es allerdings noch genügend Spiel- und Entwicklungsraum; am krassesten fehlt leider eine ältere Generation, an der die Kids sich reiben könnten. Aber die ist mit Rentenraffen beschäftigt und die Jungen scheinen mit sich und ihrer Welt zufrieden und sich bestens zu amüsieren.
Insofern machen sie also nichts Dümmeres, wie zum Beispiel in den Krieg ziehen.

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Stilvoll, bedeutungshaft inszenierte, deutsche Tumor-Befindlichkeit.
Hier wird über dem Untertext, dass es um die Nouvelle Vague heute beschissen stehe, viel Moral gepredigt. Dieser Befund lässt sich im Film von Lars Kraume nach einem Drehbuch von Esther Bernstorff durchaus ablesen. So weit der Film auch als eine Beschäftigung mit Kino gelesen werden möchte.

Gab es in der Nouvelle Vague noch den waghalsigen Kurzfilm eines ihrer Protagonisten in einer einzigen, zehnminütigen Einstellung, wie ein Lover in einem roten Ferrari durch das frühmorgendliche Paris rast, zum Glück ist niemand zu Schaden gekommen, ohne Absperrung, ohne Drehgenehmigung, und traf sein Date pünktlich auf Montmartre, so stochert bei Kraume Ernst Stötzner in einem grauen Maserati durch den täglichen Parisverkehr, um auf Montmartre die abgängige Protagonistin aufzufinden. Sie steht ihrem eigenen Tod bereits sehr nahe. Kein Tumorfilm zwar, aber einer, der wenig Hoffnung, auch wenig Hoffnung auf ein neues Kino macht. Der eher deprimiert festzustellen scheint, heute ist mit den größten Actricen außer „wir müssen aufstehen“, „ich muss nach Hause, ein paar Sachen holen“ „Wir wollen nach Tatin fahren“ kaum mehr Dialogstaat zu machen, auch wenn die fabelhaften Schauspielerinnen nicht verhehlen, dass sie allesamt die Medea spielen könnten oder ebenso gut „Drei Schwestern“ von Tschechow. Aber das sind Tempi passati. Heute sind die Texte beschissen alltäglich und auch das Wort „Scheiße“ aus solch kostbaren Mündern darf nicht fehlen. Vielleicht die Erkenntnis, dass Kunst heute nichts zu bieten hat, selbst wenn sie es kunstvoll tut. Dass das einzige, was ihr geblieben ist, die Geste, der Duktus des Kunstvollen ist.

Kraume zeigt aber auch, dass wir in einer künstlerisch-ästhetisch armseligen Welt leben. Kein Tschechow möglich. Bei Tschechow pflegte man sich gepflegter zu langweilen. Tschechow braucht keinen medizinisch prognostizierten Tod, um eine Figur sich langweilen zu lassen.

Nach einem Buch von Esther Bernstorff verkünden in der Regie von Lars Kraume großartige Darstellerinnen, dass es Scheiße sei, mit dreißig zu wissen, dass man bald stirbt.

Ein Film aus dem Jenseits, denn der erste Erklärmonolog spricht eine bereits Verstorbene, die Hauptfigur Linda, die mittlere der drei Schwestern, die im Hauptteil des Filmes ihre letzten Tage miteinander verbringen. Das Bild dazu ist biederes, deutsches Fernsehen. Krankenpersonal schiebt ein Bett mit der zugedeckten Toten in die Kühlräume des Spitals, der nackte Unterarm eines der Pfleger ist stark tätowiert. Die Leiche wird ins Kühlfach geschoben. Es folgen die Titel und die gesprochene Erklärung, dass alles anders komme als man denkt und am wichtigsten sei, was vorher war. Alltagsweisheit und Biedermeierphilosophie?

Es folgt ein engagierter Kirchenchor. Im Moment der schönsten Musikemotion erfolgt ein Schnitt. Die Hauptdarstellerin, die im Ehebett neben ihrem Mann liegt, kotzt in einen Eimer. Der deutsche Alltag, das Dozieren desselben mit herrlichen Medea-Figuren, die diese Alltagssätze sagen müssen, kann nun beginnen.

Halt, vorher erfahren wir noch in Voice-Over die Charakterisierung der drei Schwestern. Die älteste, große, die immer stark sein muss, die jüngste, die Behütete, die üblichen Klischees halt und die mittlere, Linda, die hat von Geburt an einen Herzfehler. Erklärkino. Sie wird den Film nicht überleben.

Um die Zeit vorher noch zu genießen, will sie mit ihren beiden Schwestern nach Tating bei St. Peter-Ording in Nordfriesland fahren. Auch über das Glück in der Jugend in Tating gibt es eine rein-sprachliche Erklärung, im Bild dazu sieht man zwei der Schwestern im Fond einer Taxe Semmeln essen. Nach verkrampftem Gelächter beim Inspizieren der bekannten Räumlichkeiten von Vater Abraham (auch dieser Name zeigt, in welcher Dimension der Film denkt – oder bewusste Groteske?) wird als inhaltlicher Input in einer Kneipe in Tating eine Frauengruppe, die in schwarzen Lockenperücken einen Jungesellinnenabschied feiert, den Spruch in den Film einbringen „heute hau ich auf die Kacke“, eine verlängerte Version wird ganz am Schluss des Filmes als bedeutungsvolle Botschaft auf einem Zettel von einem Krankenhausmitarbeiter an die wartende, kleinere Schwester übergeben werden. Nachts geistern die drei Schwestern im Speisesaal herum.

In dieser Region des Filmes gibt es voice-over auch einen literarischen Hinweis zur Message des Filmes, mit dem Merksatz über glückliche und unglückliche Familien, die sich ähneln – oder auch nicht – eines namentlich nicht genannten, berühmten Autors, das innere Dozierneed des Filmes offenbarend.

Es folgt wieder eine symbolhaft aufgeladene Szene in der Kirche zu Orgelmusik, die in den drei Schwestern die Idee einer Reise nach Paris weckt. Unterwegs ruft der Papa an und die Tochter am Handy gibt vor, ihn schlecht zu hören, denn die Familie ist eine der unglücklichen und die Töchter hören den Vater, der nur Erfolgsmeldungen will, nicht gern.

Ab und an bricht Linda zusammen, beispielsweise während die Schwestern in der Bäckerei Brötchen kaufen wollen oder beim schweren Treppensteigen auf den teppichbelegten Stufen in der Absteige in Paris; was jedes Mal Szenen zur Folge hat, die zeigen, dass in Deutschland unbedingt mehr Erste-Hilfe-Kurse angeboten werden müssten, immerhin weiß dann doch jemand „aufs Bett, aufs Bett!“.

In Paris folgt bei Ernst Stötzner, den die drei Schwestern aufsuchen, ein pseudoseelsorgerliches Gespräch auf dem Balkon mit der Todeskandidatin und anschließendem heftigem Lippenkuss der beiden. Worauf Linda in die Pariser Nacht hinaus und die Treppen zum Montmartre hinaufstürmt.

Bald darauf erfolgt die eingangs erwähnte verschämte Referenz an die Nouvelle Vague: hier klappt das Date am Montmarte auch insofern, als das Innere des Montmartre wieder sehr viel getragene Messdieneratmosphäre kreiert und das Kuppelbild mit dem auferstandenen Christus lenkt kurz ab von der filmischen Tristesse der Lebenszeichnung eines deutschen Filmes.

Von Angela Winkler wird in diesem Film in Erinnerung bleiben dass sie präzise platziert vor der Anrichte rote Paprika schneidet und ein andermal ganz genau auf einer Position im Salon hingestellt mit der Polizei telefoniert und einmal noch kniet vor einer Szene als sei sie in der Kirche.

Das war es mit dem Dozieren drögen deutschen Alltags im deutschen Kino mit wunderbaren Schauspielerinnen, für die diese Texte reine Talentverschwendung bedeuten.

Deutsche Seele, schwer und bedeutungsvoll, voller Scheiße.

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Von diesem Film von José Padilha nach einem Drehbuch von Joshua Zetumer, dem das Drehbuch des Filmes von 1987 zugrunde liegt, fühle ich mich ganz gut ernst genommen und angeregt. Behandelt er doch brennende Themen der künstlichen Intelligenz, der Drohnen und auch jederzeit allumfassend zugänglicher Information (eine Ahnung davon könnte vielleicht die Google-Brille liefern). Er behandelt diese Themen teils zwar, wenn auch erstklassig, nach gewohntem Action-Schema, Kampfsimulationen wie beim Videogame und explodierenden Autos, aber auch mit künstlerischem Flair.

Die Gemäldetriptychen an den Direktionswänden der Firmen Omnifoundation und Omnicorp könnten von Francis Bacon sein; im ersten Fall sind es ähnlich reduzierte Körper, wie ihn unsere Hauptfigur, es ist Joel Kinnaman als Alex Murphy nach dem überlebten Anschlag noch übrig haben wird, und um welchen Dr. Norton ein Exoskelett konstruieren wird, was aus Alex Murphy Robocop macht.

Im extremen Kampffall wird er sein Visier runterlassen, dann schaltet das Skelett auf den Automatikmodus, nach welchem es programmiert worden ist. Dann ist der Robocop eine reine Kampfmaschine. Ohne Emotion, voller Sachlichkeit und kann so der Menschheit helfen, den Traum von Sicherheit und damit geschützter Familie zu erfüllen. Ohne dass dafür wertvolle Polizisten sterben müssen. Das ist exakt die Begründung der problematischen Drohnenpolitik von Obama.

Stellt euch vor, ihr habt so einen Roboter, der geht durch die Stadt oder steht vor einer Versammlung, er screent die Menge und weil er das ganze Archiv aller Daten von Detroit, hier spielen wichtige Teile dieses Filmes, gespeichert hat, erkennt er in Bruchteilen von Sekunden, ob der Mensch, den er vor sich hat, sauber ist oder ein gesuchter Verbrecher. Im letztern Fall wird Robocop sofort seine Action starten, ihm befehlen, stehen zu bleiben, Waffen niederzulegen, andernfalls schießt er gleich.

Aber kein Computer ohne Mensch. Der Mensch stellt ihn her, der Mensch programmiert ihn, der Mensch stellt ihn an und ab. Wobei beim Menschen das Leidige seiner Subjektivität dazu kommt, die Emotionen aber auch die Bestechlichkeit, Korrumpierbarkeit und im Amerika der kaum zu bändigende Hang zur Selbstjustiz.

Entwickelt wurde Robocop von Dr. Dennett Norton. Gary Oldman spielt ihn voll wissenschaftlicher Nüchternheit und gleichzeitig Engagements. Er hat um das, was von Alex Murphy nach dem Attentat übrig geblieben ist, ein rudimentärer Torso, der Kopf ohne Gehirnschale und eine Hand, den Robocop entwickelt. Menschliche Überreste als steuernde Elemente eines Roboters- diese Menschenrestenfetzen erinnern an Francis Bacon.

Alex hat als Undercover-Agent gearbeitet, um den Obergangster und Drogenproduzenten Antoine Vallon auffliegen zu lassen; was nicht so richtig gelang, den Gangster aber zu dem Attentat auf den Cop veranlasst hat. Daran wird sich Robocop oder ist es Alex?, später erinnern und so werden wir diesen Automaten in Situationen von Krise und Entscheidungsproblem erleben, wenn er mit seinem ultraschnellen, eleganten, grauen Motorrad durch Detorit braust.

Immer schwingt die Frage nach der Definition des Menschen mit, was ist der Mensch, was ist seine Identität. Kann er diese effizient schützen? Und sowieso, ist der Mensch doch nicht erst Mensch, wenn er Familie hat, hier die Frau von Alex Murphy, Clara Murphy, sie wird in einem großen Gestus von Allgemeinverbindlichkeit der Figur von Abbie Cornish dargestellt und Sohn David ist das süße Pfannkuchegesichtskind, das noch in jedem Zuschauer die Elterninstinkte wach werden lässt. Denn Familie ist im amerikanischen Film das höchste Glück.

Schöner Rahmen für die Geschichte: die News-Show „The Pat Novak Element“ mit einem perfekten Moderator, bei dem man auch nicht ganz sicher sein kann, ob er noch Mensch oder schon Moderationsmaschine ist; so wie er mit einem Wischer mit der Hand einen zur Sendung hinzugebeamten Gst, der steht wirklich wie im Raum, wieder, zack, wegwischt, sieht nicht nach Zögerlichkeit oder großer Wahrnehmung des Menschen als Menschen aus. Aber das sind Fragen, die ich mir als Zuschauer nach der Sendung, also das heißt, nach dem Film stelle. Einer der ersten News-Beiträge, die ins Thema einführen, sind Szenen aus Teheran, wo amerikanische Roboter Raids durchführen, ohne dass amerikanische Soldaten zu schaden kommen. Tja, wie wäre es, wenn das so in Detroit wäre? Wenn man Leben retten könnte, ohne welches aufs Spiel zu setzen. So scheint die ganze Story auf dem Kitschwunsch zu basieren, den Militärs mit Heiligem Ernst vortragen: dass ihre Soldaten zwar töten sollen, aber bittschön nicht dabei das Risiko eingehen, selbst getötet zu werden. Das Töten wird heimtückischer, hinterhältiger.

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Früher haben mich Gerhard-Polt-Texte oft fasziniert und begeistert, weil sie einem abenteuerlichen Tauchgang durch die Denkwindungen rechtslastigen Alltagsdenkens im ländlichen Bayern gleichkamen. Heute und mit diesem Film versucht der in Ehren und hoher Anerkennung ergraute Mime sich in den Gefilden von Filmphilosophiererei. Damit scheint er glücklich und mit sich zufrieden im weltabgeschieden Schlierseener-Bauerntheater-Himmel zu residieren. Ob der Rest der Welt sich für die Botschaft interessiert, das wird sich zeigen.

Der Film stellt eine Art Exploitation-Versuch von Eichingers „Untergang“ dar. Eichinger war ein Filmvollprofi mit einem Riecher für Ware und Geschäft und hat mit dem Film die Leute in Massen ins Kino gelockt. Polt spielt den lokalen Internet-Film-Produzenten Hans Pospiech, einen Bürger von Neufurth. Der hat ein ausgestelltes Bewusstsein für seine Provinzialität und teilweise Unzeitgemäßheit. Er betreibt ein Garagen-Filmstudio mit veraltetem Equipment und produziert da seinen lokalen Blog; er arbeitet noch mit VHS-Kassetten. Irgendwie muss er weltverschlafen sein, dass die kameratechnische Entwicklung so an ihm vorbeigegangen ist; hier spricht er vor einem gemalten Prospekt mit Bauernlandschaft, die neben der WC-Tür aufgehängt ist, seine Texte. Manchmal deckt der Prospekt das WC-Schild zu, manchmal nicht. Was will uns Polt damit erzählen. Manchmal ist es Scheiße, manchmal nicht?

Trotz veraltetem Mobiliar und Gerät spielt der Film in der Heute-Zeit, denn Pospiech hat ein Handy, auf welchem ein Wolf / ein Schäferhund erscheint, wenn seine Frau anruft, und das gleich zweimal dick aufgetragen, denn in Neufurth muss man eine deutliche Filmsprache sprechen. Soll der Film aber im Gegensatz zum darin dargestellten Lokalblog über Neufurth hinaus wirksam sein?

Als filmbewusster Garagenproduzent macht Pospiech sich ein paar Gedanken über das Kino, die sich in bewusst laienhafter Allgemeinplätzigkeit von Allgemeinbildungswissen (darauf lassen die Filmplakate an den Wänden des Studios schließen) angereichert mit Wirtschaftskauderwelsch schnell erschöpfen, dass beim Kino Geld Genie sei und Film ein Geduldstheater und der Zusammenhang von Sein, Bewusstsein und Kino in einem nicht weiter rekapitulierenswerten, weil nicht weiter vertieften Satz oder dass der Filmer einsam sei, ein einsamer Kinosaurier, so kommt einem der Film auch vor; wie ein Beweis, dass ein Filmer eben kein einsamer Mensch sein darf, dass das Kino in den Pool der Menschen gehört und nicht in die Einsamkeit. Niemand verbringt gerne Zeit mit einer einsamen Seele, die unter dieser Einsamkeit leidet und sie filmisch sogar ausstellt.

Da solche Filmphilosophiererei nicht abendfüllend ist, muss eine kleine Geschichte, Szenen zu einer Geschichte her. Paste & Copy bei Bernd Eichinger, ein Film über Hitler privat, um zu zeigen, was für aufregendes Material der immer noch hergibt, wie präsent und verehrt dieser größte deutsche Star des letzten Jahrhunderts noch sei. Stalingrad macht sich auch immer gut; also noch ein paar Szenen aus dem Krieg.

Ein merkwürdig feucht-wohlig-heimeliges Gefühl stellt sich nach etwa einer Stunde ein, wie Pospiech mit seinen Leuten anfängt zu drehen; da rieselt ein lauwarmes Gefühl durch die Hose, als liege man noch in den Kinderwindeln und könne laufen lassen. So vertraut sind wir alle noch mit Adolf. Und der Kurzfilmabend zu Neufurth, der anfangs und am Ende vorkommt, so stelle ich mir einen Bauerntheaterabend in Schliersee vor.

Müde wirken Geschichten wie die vom Wettbewerb um die netteste Bedienung und dass Grete, Gisela Schneeberger, die Wahl nicht gewinnt oder der Castingauftritt der Vollbusigen für die Rolle der Eva Braun oder der Witz mit der indischen Bedienung, dass der Herr Suk kein Nazi sei und den Goebbels spielen soll. Oder Neufurth liege nicht in der Provinz, sondern in der Provence, womit die Provinzialität sich selbst die Krone aufsetzt. Diese nicht allzu vifen Einsprengsel wirken umso ermüdender als sie nicht Teil eines wenigstens filmdramaturgisch pfiffig durchdachten Konzeptes sind. Und wenn schon über Film nachgedacht werden soll, so müsste ja in Deutschland das Thema Förderung, und zwar bissig bittschön, angesprochen werden. Dann noch ein lahmer Seitenhieb auf Bruno Ganz: ich werde nie eine Ikone von Hitlerdarsteller. Mixtur aus Schultheater, Bauerntheater, Copy + Paste. Regie: Frederick Baker.

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Was sollen wir noch für Animationsgeschichten erfinden? Welche Tiere hatten wir noch nicht? Richtig, Truthähne. Die sind dankbar. Die sind die Opfer von Thanksgiving. Ein ur-amerikanisches Thema schon mal. Und der berühmteste Truthahn jedes Jahr ist derjenige, der vom Präsidenten der Vereinigten Staaten begnadigt wird.

Wie konstruieren wir nun so mechanisch wie möglich, mit so bewährten Erfolgselementen wie möglich eine Geschichte? Ok, ein Außenseiter muss her. Ein blauer Truthahn. Der soll ausgerechnet vom pinken Mädchen vom Präsidenten für die Begnadigung auserwählt werden. Dann muss er auf die Idee kommen, die Tradition des Truthahnessens zu Thanksgiving zu beenden m Sinne der TFF, der Turkey Freedom Front.

Genau, Jack wird den Begnadigten im Weißen Haus aufsuchen, Weißes Haus kommt immer gut im Film, und dazu überreden. Dann gibt es eine Sci-Fi-Zeitreise-Trickserei und Durcheinander und endlich landen die beiden Helden im Jahr 1621, in dem Moment, wie Siedler vor lauter Hunger einer Truthahnkolonie den Hals umdrehen wollten und damit die Tradition von Thanksgiving begründeten.

Hier gilt es, das Rad der Zeit zurückzudrehen, diese verhängnisvolle Entwicklung zu jahrhundertelang immer wiederholtem Schlachten von Truthähnen zu Thanksgiving zu verhindern. Das wird Schlachten und Verfolgungen und Zuflucht des Truthahnvolkes unter einem riesigen Baum auf einem Bergvorsprung zur Folge haben.

Zu so einem Storyrezept gehört selbstverständlich eine Liebesgeschichte und auch 1621 hat es einen blauen Truthahn gegeben, aber es war eine sie, eine blaue Truthenne. Auch diese Geschichte wird so absehbar wie möglich ablaufen, das erspart viel Storyentwicklungsaufwand.

Ferner setzt es Krieg wie im Wildwestfilm mit Zündschnüren und Explosionen und bösen Hunden und wilden Fluchten und dazwischen wieder Zeitreisen mit den Zeitreisemobil “Steve”, das auch sprechen kann.

Berühmte, good-selling Location: Camp David im Truthahnfilm.
Exakt: Zeitreise in die Zeit, 3 Tage vorm ersten Thanksgiving. Und, um die Spannung nicht unerträglich zu machen, hier ein kleiner Spoiler: Hauslieferpizza kann Wunder wirken, wenn sie über die Zeitmaschine ins 17. Jahrhundert gebeamt wird. Die rückwirkende Wirkung von Hauslieferpizza, die ist wirklich phänomenal. Da sind selbst die Indianer platt. Aber auch alle anderen Trickfiguren mit ihren Kartoffelköpfen.

Vielleicht haben sich die Autoren ihre Geschichte statt von einem Pizza-Service von einem Fast-Food Story-Liefer-Service frei Haus schicken lassen. Lustig ist der Zeitreiseeffekt da, wo die Truthähne die bös lefzen-fletschenden Hunde mit einem roten Laserpunkt foppen.
Noch Marktlücke: der Wolpertinger als Subjekt eines animierten stereotypen Tierfilmes.

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Hier wird in über zwei Stunden die Geschichte des berühmten französischen Pferdes Jappeloup erzählt, das mit seinem Reiter Pierre Durand (Guillaume Canet) 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul im Springen Gold für Frankreich geholt hat.

Die Geschichte wird chronologisch erzählt. Wir erfahren, wie schwierig und temperamentvoll das relativ kleinwüchsige Pferd von Anfang an war. Wir lernen den Reiter kennen, der zwischen Reiten und Anwaltsberuf schwankt. Der erst dem Vater zuliebe reitet. Es dann aber zugunsten der Anwaltsexistenz wieder aufgibt. Dann sieht er, wie es dem Vater schlecht geht. So reitet er wieder. Hat auch Erfolge. Aber auch Misserfolge. Denn so richtig interessiert er sich nicht für sein Pferd Jappeloup. Das wird ihm später die Pferdepflegerin beibringen. Nachdem er das Pferd verkaufen wollte (ein Lieblingsmotiv jüngerer Pferdefilme) und sie aus Wut darüber abgehauen ist. Aber sie kommen wieder zusammen.

Pierre nimmt jetzt das Reiten ernst. Es gibt jedoch Auseinandersetzungen mit dem National-Trainer. Auch das regelt sich. Privat wird Pierre Vater. All diese Geschichten werden mit einer schnellen, beweglichen Kamera erzählt, pseudodokumentarisch, oft die Hintergründe verschwommen, auch um die Mischung aus Spielfilm und dokumentarischem Material von Rennanlässen elegant zu verschmelzen.

Es gibt viele dokumentarische Bilder vom Springreiten. Wer einen Bezug zu diesem Sport hat, erst recht, wer sich in der Geschichte dieses französischen Erfolgspaares aus Pferd und Reiter auskennt, wer schon davon gehört hat, es bewundert, der wird von diesem Film sicher viel haben.

Wem aber der Bezug zur Reiterei und speziell zu dieser Mannschaft fehlt, der bleibt außen vor, weil die Kenntnis der Geschichte vorausgesetzt wird und nur als diese individuelle Geschichte nacherzählt wird und nicht auf die universellen Komponenten hin abgeklopft worden ist, weil die Hauptfigur quasi nur der Chronik dienend, nicht aber als filminteressante Figur mit einem die Dramaturgie antreibenden Konflikt vorgestellt worden ist. Sie wird als bekannt vorausgesetzt. Das ist oft ein erfolgseinengendes Handicap solcher Filme, die glauben, alle Welt kenne ihren Stoff. Insofern in gewisser Weise ein Insiderfilm. Ständig legt der Regisseur Guillaume Canet, der nach einem Buch von Christian Duguay gedreht hat, eine wenig differenzierende, voluminöse Musik darüber, als ginge es andauernd darum, die Olympiade zu gewinnen.
Die deutsche Synchro ist lieblos runtergerotzt.
Nahaufnahmen aus einem Pferdeleben.

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Bischof Blum in München hat ein Problem: er wird von der Presse gejagt, weil ein verurteilter und im Knast einsitzender Mörder (Lars Eidinger als Jan-Josef Geissler) Theologie studieren möchte. Der persönliche Referent des Bischofs (Devid Striesow als Remberg) soll vor Ort abklären, ob Gründe zu finden sind, dem Häftling dieses Ansinnen abzuschlagen, denn Blum hat mächtig Schiss vor den Medien („Sie sind bereit, mich mit in den Abgrund zu reißen“).

Der Verdacht steht im Raum, dass der Verurteilte das nur mache, um Haft-Vergünstigungen zu erlangen. Sich solche zu ergattern, darin sei er Meister, obwohl er deswegen von seinem Mithäftlingen misshandelt wird.

Remberg bleibt in Niederbayern am Ort der Justizvollzugsanstalt, lernt eine Nutte kennen und bekommt Träume aus Gefilden, die er noch nicht kennt. Auch setzt er sich für das Ansinnen des Häftlings ein, will zumindest vorurteilsfrei seine Meinung bilden.

Anlässlich einer Anhörung des Häftlings stellt sich heraus, dass er seine Frau gar nicht getötet habe, dass er wohl zu Unrecht verurteilt ist. Das bringt das Problem des Filmes durcheinander, denn wenn er kein Mörder ist, wenn er zu Unrecht einsitzt, dann muss die Kirche keine Angst vor den Medien haben, muss der Bischof keine Angst um den Ruf der Kirche haben.

Anfänglich schien es, als beame uns der Film unter die geistige Käseglocke der Nachkriegsjahre zurück, in welcher Dramen um Glaubenskonflikte gut gediehen. Kann man darüber heut einen Fernsehfilm machen, der der Frage nachgeht, ob ein verurteilter Mörder Theologie studieren darf? Thomas Berger jedenfalls durfte das und es gibt viele Moraldiskussionen von vielen Funktionsschauspielern mit jener ernsten Betroffenheit gespielt, die die Privat-TV-Gerichtssendungen auszeichnet.

Da 90 Minuten nur für Moraldiskussionen ganz schön lang sein können, muss nebst der unergiebigen Nuttengeschichte des Referenten gegen Ende hin noch ein weiterer Twist in die Geschichte kommen, ein erklärender, der die Entlastung des Häftlings wieder in Frage stellt, bevor der Abspann uns aufklären kann darüber, dass das realistische Vorbild zu diesem Film tatsächlich Theologie studiert habe und dass er in einer kleinen Gemeinde als Pfarrer arbeite.

Allerdings habe ich in der Presse nie über den Fall gelesen, jedenfalls nicht in einer Größenordnung, wie uns hier glaubhaft gemacht werden soll. Auch die Story von Remberg und der Nutte wirkt wie ein billige, schlecht durchdachte Zutat zu der dünnen Hauptfrage für diesen typischen Fernsehthemenfilm ohne Hauptfigur. Wobei Eidinger den Mörder immer auf verdächtig und negativ spielt, vielleicht lässt er sich von der schmierigen Maske, mit der er versehen worden ist, verleiten. Während Devid Striesow von der Maske doch überdeutlich auf reine Seele mit jugendlichem Teint geschminkt wurde, der mehr an einen Putenpopo erinnert.

Striesov und Eidinger sind exzellente Schauspieler. Was da am Fernsehen los sein könnte, wenn die einen brisant gearbeiteten Konflikt hätten.

Ob das Humor ist? Hinter dem VW-Käfer, in dem bei einer Überlandfahrt die Gewissensdiskussion blüht, lässt der Regisseur eine endlose Autoschlange auffahren. Oder möchte er uns demonstrieren, wie ernsthaft die Diskutanten bei dem Glaubensthema sind?

Warum ergreift Remberg gleich Partei für den Angeklagten?

Nuttenromanze.
Haben Sie Angst, dass man über Sie redet?
Wie haben Sie in meinem Bett geschlafen?
Denken Sie, dass ich einen Ruf zu verlieren habe?
Ich habe ein Appartement in München. Dort lebe und arbeite ich. Ich schlafe mit Männern und sie bezahlen mich dafür.
(selbstverständlich muss im gebührenfinanzierten Fernsehen der jungfräuliche Pastoralreferent mit der Nutte in die Disco).

Hat die Kirche keine dringlicheren Probleme, als Angst zu haben, vor einem verurteilten Mörder, der im Gefängnis Theologie studieren will?

Und wer nicht merkt, dass hier ein ernsthaftes Thema abgehandelt wird, dem suggeriert das die schwere Cello- und Pianomusik.

Zu schweigen von dem rätselhaften Konstrukt der Liebe zwischen Lisa Wagner und Jan-Josef Geissler, sie gibt ihr Leben für Jan, weil ihr ihr eigenes Leben nichts mehr bedeutet – aber Jan bedeutet ihr was? Was ist das für eine Liebe?

Lisa war Geissler egal, er hat sie betrogen, sie hat ihm jeden Kuss geglaubt, aber er hat ihre Liebe gebraucht? Weil jeder sich selbst belügt?

Moral des Filmes, die er selbst formuliert: Manchmal zwingt uns das Leben anzuhalten und einen neuen Anfang zu wagen.
Redaktion: Claudia Simionescu und Bettina Riklefs

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Kino mit Nachhall. Das Grauen, der Horror, das Unfassbare, das Sensationelle kommt in diesem Film gänzlich unspektakulär daher, verpackt in keinesfalls dröge Staatsanwalts-Akteneinleserei und eine unforcierte Liebesgeschichte, die eingesprüht scheint in einen Hauch von Nouvelle-Vague in Steinwang im Allgäu, nicht nur weil die beiden Protagonisten gerade nichts anderes zu tun haben, als sich über den Weg laufen; weil sie auf höchst unterschiedliche Weise das Grauen, das schier Unaussprechliche verbindet (bei der Nouvelle Vague dürfte es das Grauen des Zweiten Weltkrieges gewesen sein, hier der Amoklauf).

Thomas Sieben wagt nach einem Drehbuch von Christian Lyra eine behutsame, fast schon pädagogisch zu nennende (insofern auf jeden Fall für den Schulunterricht bestens geeignete) Annäherung an ein grauenhaftes Phänomen unserer Zeit: Amokläufe von Schülern in der Schule mit vielen Toten im Gefolge.

Hier geht es um einen Amoklauf in Steinwang im Allgäu. Die Annäherung folgt über den sensiblen Schauspieler Friedrich Mücke. Er spielt einen jungen Mann, der sich ein Geld verdient mit dem Einlesen von Gerichtsakten für einen Staatsanwalt, damit der auch beim Autofahren mittels dieser Audio-Dateien Aktenstudium betreiben kann. So findet die Einführung statt. Wir sehen den jungen Mann, Roman heißt er im Film, wie er in seiner kleinen Bude in München vor dem Computer sitzt und Aktentexte zu diesem Amoklauf spricht.

Immer wieder schneidet Sieben den Ausschlag der Tonspur ein, auch ein prima Mittel zur Kunst der Indirektheit. Vielleicht macht es sich Mücke etwas zu schwer, spielt zu sehr noch mit, dass ihn der Text nicht kalt lässt. Aber das dürfte eine Frage der Regie sein. Ob es nicht wirkungsvoller gewesen wäre, das erst mal rein routiniert einzuspeichern. Es ist bei dieser Konstruktion zu erwarten, dass der Fall ihn mehr involvieren wird. So kommt es tatsächlich.

Da noch Akten fehlen, wird Roman vom Staatsanwalt nach Memmingen geschickt, um diese auf der Polizeistation abzuholen.

In Memmingen, wo ihn die Umstände, nämlich dass der Polizeichef die Herausgabe der Akten noch nicht erlaubt hat, länger in einer bescheidenen Pension halten, wird er prompt auf die der Polizei bislang noch nicht bekannte Freundin des Amokläufers treffen und es wird sich ein Verhältnis entwickeln, das dazu führt, dass ihm das der Polizei ebenfalls unbekannte Tagebuch des Täters in die Hände gerät. Das ist ein Meisterstück, wie Mücke aus diesem vorliest. Eine respektvollere Annäherung an einen Menschen, der so Furchtbares getan hat, ist schwer vorstellbar. Das macht die Spannung, dass Mücke das so poetisch liest. Im übrigen joggt er oft. Die happige Kost muss mit Pausen verabreicht werden, in denen der Zuschauergeist kreisen kann.

Konzentrierte, kompakte, signifikante Akten-Textstellen wechseln mit genügend Verschnaufauslauf für den Zuschauer mit diesem Hauch von Liebesgeschichte und Impressionen aus dem Allgäu, Gebirge oder was die Menschen herstellen, Häuser, Infotafeln über den Trachtenverein und den Strickabend oder eine aus Holz geschnitzte Figur.

Wie er diese Akte erhält, fragt der Staatsanwalt ihn, was er sich dabei denke und Roman meint ganz trocken, dass er darüber noch nicht nachgedacht habe. Sein Leben besteht aus Rauchen, Einlesen, Joints, Playstation, Alkohol und Joggen. All die Dinge sind seine Begleiter auch im Allgäu.

Es ist ein einfaches Kino, wie es scheint, das auf cineastischen Firlefanz calvinistisch nüchtern verzichtet, ohne jedoch die Berglandschaft im Allgäu zu übersehen; sorgfältig themenorientiert über die Textstellen, die mal von Mücke gelesen oder von ihm zur Kontrolle gehört werden, die verschiedenen Aspekte eines solchen Amoklaufes bewusst macht; das Zuhause des Täters, seine Weltsicht, die Reaktion von Überlebenden, Ansätze zum Verarbeiten; das wachsende Misstrauen der Ortsbewohner den Medien gegenüber, die Reaktion der Schule (ist jetzt in Containern untergebracht).

Die beiden Protagonisten Roman und Laura wirken gänzlich unverbildet, sprechen sehr natürlich und haben viel Privacy, ein exzellenter Cast und wie es im Allgäu immer mehr Winter wird.

Arbeitskino. Themenkino.
Mücke, einer der angenehmsten Schauspieler der jüngeren Generation, der so gar kein Schauspieler-Getue hat und eine diskrete Privacy spielt.

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