Archiv für die Kategorie: “Allgemein”

Zwei Comiczeichner, einer davon Protagonist JB, wollen in der Buchhandlung ihr erstes Heft verkaufen.
Sie lernen Alexia kennen. Die lädt sie auf die Sylvesterparty ein von Leuten, die ein
ComicKollektiv gründen wollen.
Minute 5: üblicher Künstler-Milieu-Saft.
Sparkling-Effects initiieren Liebesgeschichte zwischen Laura und JB.
Sie hat Kind, Oskar. Lässt sich gerade scheiden. Sie ist HIV-positiv.

Ein weiterer HIV-Film. Das Problem hierbei scheint mir, dass der Autor und Regisseur Jean-Philippe Amar das gezielt als Problemfilm aufgebaut hat. Nach zehn Minuten schon hat der Comiczeichner und Hauptdarsteller sich in Laura verliebt und von ihr erfahren, dass sie HIV-positiv ist. Wer jetzt wissen will, wie schwierig das Leben damit ist, der kann das in den weiteren 90 Minuten miterleben. Und sich zusätzlich von der indifferenten, deutschen Synchro abtörnen lassen.

Es gibt ein paar Spielereien, „ich verurteile Sie zu lebenslänglichem Präservativ als Comic“. Und graphische Spielereien dazu. „Geh und wasch dir den Schwanz schnell“. Hygieneanleitungs-, Aufklärungsfilm für Sex mit HIV-infizierter Frau. Das könnte man witziger machen, gerade wenn man eine Comiczeichnerfigur als Protagonist hat.
Ansteckungschance wie die, gleich einem weißen Nashorn zu begegnen. Gezeichnetes Nashorn erscheint sofort auf Mauer.

Vor allem wirkt die Liebe zwischen den beiden nicht besonders glaubwürdig. Die Liebesszenen wirken angestrengt.

„Manchmal schläft die Krankheit, manchmal ist sie wach“.
Nach 45 Minuten kommt es zum Familienknatsch, weil Oskar die Pillen nicht nehmen will.

Nach 50 Minuten: Aufklärung Eltern von JB.
Statt das künstlerische Element in die Figur zu nehmen und sie dadurch interessant und spannungserzeugend zu nutzen, werden Comics eingeblendet; der Filmemacher spielt den Zeichner.

„Sie müssten selbstverständlich immer sehr aufmerksam Ihr Glied kontrollieren“.
Nach etwas über einer Stunde: ein Kind ist unterwegs; es wird ein Mädchen, Elise.

Kaiserschnittproblematik. Und dann noch blöde Verwechslungsszene im Spital, frische Eltern halten ihn für den Doktor.
Nach drei Monaten: „Mach, dass sie (Elise) nicht krank ist“.

Ausdauernd ausgewalzte Autogrammstunde für JBs Comicbuch, wie um Zeit zu schinden.

Schließlich die komplizierte Freude, dass Elise negativ ist.
Und schon setzt Oskar zum Sprung in die Pubertät und zum ersten Sex an.

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Brutalster Härtetest für eine koreanische Idealfamilie gehobenen Lebenstandards.
Sie wohnen in einem eleganten, hochgesicherten Wohnhochhaus, Vater Sung Soo, seine Frau, ein Mädchen und ein Junge. Er betreibt ein kleines Restaurant. Alles läuft bestens, alles ist durchorganisiert. Da bricht ein uralter, beinah arachaisch zu nennender Bruderzwist aus der Vergangenheit in dieses glückliche, familiäre Leben hinein.

Die Familie, die Sung Soo mit sechs Jahren aus dem Waisenhaus adoptiert hatte, hatte bereits einen leiblichen Sohn. Sung Soo aber wurde von den Adoptiveltern zum Alleinerben bestimmt. Die Brüder hatten lange keinen Kontakt mehr. Jetzt wird nach diesem Bruder geforscht. Das zieht Sung Soo aus dem feinen Milieu in ein prekäres Milieu hinein, denn der Bruder soll in einem heruntergekommenen, vermüllten, verwinkelten Wohnblock gelebt haben oder noch leben.

Mit dem Thema des Gegensatzes der Milieus treten im Film vermehrt Männer auf, die Ganzgesichtsmotorradhelme aufhaben und gerne einen Schirm in der Hand oder gar ein blutiges Messer, gerne stehen sie wie Säulen still und bedrohlich da. Sie werden sich schnell als bedrohliche Stalker entpuppen. Sie sind ein Element, was die Ängste und Angstträume der Protagonisten schon nach wenigen Begegnungen in Hochform bringt.

Eine so hochgesicherte Wohnanlage ist sowieso ein süperber Ort für das Gedeihen von Ängsten. Jedenfalls wird durch den Gegensatz der Wohnstandards ein erstaunlich realistische Grundlage für eine Geschichte behauptet, die nach etwa einer Stunde für eine Weile aus dem Ruder zu laufen droht, fast wirkt wie Horror um des Horrors willen, Geisterbahn-Spuk. Aber dann wird klar, dass das Bruderproblem ein zweites Handicap in den Film einziehen lässt: der Gegensatz Prekariat und wohlhabende Klasse, der Kampf um den Wohnraum.

Im Sog der Suche nach dem Bruder bäumt sich nämlich das Prekariat gegen die Wohlhabenden auf, gegen die gut Versorgten, gegen die vornehm Eingerichteten. Das Prekariat fürchtet (in der Person der Nachbarin des gesuchten Bruders), dass ihm auch noch seine armselige Bleibe genommen wird („Das ist keine gute Gegend hier. Man muss ständig auf alles gefasst sein“). Denn im Zuge der Recherche nach dem Bruder stößt Sung Soo auf diese Nachbarin. Die wird immer merkwürdiger. Hält Sung Soo zuerst für den neuen Besitzer der Wohnanlage, die abgerissen werden soll.

Diese Nachbarin wird sich zum wahren Biest entwickelt, das sich gewaltsam zur noblen Hochsicherheitswohnung Zutritt verschafft. Hier wird es jetzt definitiv blutig, und das im inimsten Bereiche einer so ordentlichen Familie mit Kindern. Die Parameter sind so krass, dass dafür keine aufwändige Computeranimationen nötig sind. Wie die Menschen sich suchen, sich blutig oder bewusstlos schlagen, sich am Boden in einander verkeilen, Überlebenskampf pur. Da ist der Eindruck von Horror um des Horrors willen längst verschwunden. Ja, der Film könnte selbst zum Alptraum für Besitzende und Vermögende und nobel Wohnende werden.

Wer diesen koreanischen Horror-Film gesehen, wird künftig einen Bogen um dunkle Gestalten mit Ganzgesichtsmotorradhelmen machen (das zeigt, wie leicht ein Film Vorurteile pflanzen kann) und wird vermutlich wacher Türschilder, Türglocken und deren Umgebung auf unauffällige Zeichen hin absuchen, die etwas über die Bewohner verraten könnten.

Die deutsche Synchro kann, einmal mehr, mit der übrigen künstlerischen Qualität des
Filmes hinten und vorne nicht mithalten, ist schnelle Industrie- Routine.

Der Film zeigt, auf wie dünnem Eis eine vermeintliche, psychische Stablität errichtet sein kann, und wenn sie sich noch so sehr in einer Hochsicherheitswohnanlage verschanzt.

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Ein Film, der vor allem zur intellektuellen Rezeption gemacht und geeignet scheint, kopfig sozusagen, der sich aber mit einer höchst brisanten, höchst delikaten Bruchstelle der deutschen Geschichte beschäftigt, direkte Nachkriegszeit, und der die peinlichen Kostüm- und Mimik-Fallen des üblichen Naziploitation-Förder-Genres geschickt umgeht, luzide seine Message rüberbringt, wobei gerade die Luzidität die Moral der Geschichte als simplizistisch deutlich macht: eine reine Erbschleicherstory.

Nina Hoss als Lene hat das Pech gehabt, einen miesen Typen zu lieben, einen Pianisten, der sie zuerst verraten hat und nach dem Krieg sie, weil er sie nicht wiedererkennt, auf ihr Original hin trimmen will, um Erbabzockerei zu begehen. Das ist so eine oberflächliche Sache, die in eigenartigem Gegensatz steht zur genauen Arbeit von Christian Petzold (der beim Drehbuch mit dem inzwischen verstorbenen Harun Farocki zusammengearbeitet hat), zu seiner minimalistischen Vorgehensweise.
Wobei ich meine Probleme mit der Besetzung von Johnny habe, so kurz nach dem Krieg schon so einen Wanst zu haben. Auch ist es schlicht nicht spielbar, dass er seine frühere Frau nicht erkennen soll – hier geht der Film lange auf dünnstem erzählerischem Eis, und erst recht nicht, wie Johnny am Schluss erkennt, dass sein Double wirklich das Original ist. Diese Szene ist wunderbar inszeniert, lässt aber Fragen zum Spiel von Johnny offen. Für die Rolle hätte man ein klein wenig auf den Typus achten müssen; diese unverfrorene, ungeschminkte Heutigkeit macht die Rolle zum Fremdkörper.

Wobei die Dünne-Eis-Geschichte womöglich beabsichtig ist, doppeldeutig, das dünne menschliche Eis symbolisierend, auf dem sich die Menschen nach solch grauenhaften Erfahrungen bewegen. Dass Menschen, die sich geliebt haben, sich nicht wiedererkennen; das scheint mir jedoch ein hochtheoretisch, hochsophistischer Rettungsversuch.

Filmische Erzählung hingegen ist die Frage nach dem Erhalt des Gesichtes, der Identität nach den furchtbaren Gräueln und KZ-Torturen. Das schildert Petzold in seiner Exposition eindrücklich. Das nicht kenntliche, auch kaum gezeigte Gesicht von Nina Hoss als Nelly Lenz, die von Nina Kunzendrof als Lena Winter in einem schicken Schweizer Wagen mit Genfer-Nummer in Deutschland einfährt. Die Personenkontrolle durch die Amis gibt die Chance für die ersten Rahmeninfos des Filmes, Rückkehr nach KZ-Aufenthalt. Auch die Gesichtschirurgie, ob sie ein Gesicht wie Zarah Leander … . Irre Parallelität zum heutigen massiven Einsatz der Gesichtsveränderungs- und somit identitätsverändernden, plastischen Chirurgie. Vor der Gesichts-OP, Countdown bei der Narkose wie die „Frau im Mond“ neun, acht, sieben …

Die Bilder des bandagierten Kopfes, die sind symbolhaft gespenstisch. Thema: Schönheitschirurgie und Rassenforschung, Rassenreinheit, Schönheitsideal….. ein heißes Thema, aber nur angetupft, so wie mit einer leicht wegwerfenden Handbewegung und so einem Aushaucher durch einen etwas schmäler gemachten Mund.

Nina Hoss dürfte der einzig richtige Filmstar Deutschlands sein. Sie hat die Disziplin und das gewisse Etwas, obwohl sie ausgerechnet in diesem Film an einigen Stellen dieses leicht verwirrte Tütschelchen trutschig spielt, was sonst eher schwache Schauspielerinnen von sich geben.
Schöner Satz, Seitenhieb auf viele neuere deutsche Filme: kann keine deutschen Lieder mehr hören, der Song „speak low when you speak love“ wird den Film beenden.

Der Effekt der Gesamtkonstellation jedenfalls ist der, dass es mir etwa ein Stunde, nachdem der Film vorbei ist, ergeht wie dem Reiter über den Bodensee, der erst, wie er das sichere Ufer erreicht hat, erfährt, dass er eben über den Bodensee geritten sei. Jener ist tot vom Pferd gefallen. Mein Schock war dann doch eher nur eine kurzzeitige Idee eines solchen.

Die Titelwahl kommt mir vor wie eine Verlegenheitslösung: Phoenix heißt das Tanzlokal, das in den Nachkriegstrümmern schon wieder floriert, wo Sing- und Showgirls auftreten und wo Nelly ihren Johnny wieder findet.

Problem mit Johnny: seine Nichterkenntnis von Nelly passt nicht zu seiner sonst gemimten Wachheit, die im Nachhinein allerdings höchst skeptisch in Frage gestellt wird, ist es gezielt die heutige Wachheit des Menschen, eine gezielte Besetzung von Petzold, der heutige Mensch tut so wach und erkennt doch: gar nichts. Das wäre doch reichlich belehrhaft.

Durch dieses analytisches Konstrukt und die klaren Bilder kommt mir der Film vor, so leicht wie kaum einer, der die Nazizeit behandelt, schon nicht in den Pfründenlanden, so leicht und dünn wie das Eis, über das er geht, irgendwie kann ich mir im Nachhinein ein Schmunzeln nicht erwehren, weil auf jeglichen Schuld- und Betroffenheitsbeifang verzichtet wird, weil ich direkt etwas Schalkhaftes daran sehe, an dieser delikaten Stelle der deutschen Geschichte eine plumpe Erbschleicherstory zu inszenieren. Petzold muss sich einen abgegrinst haben dabei; er ist kein Missionar. Er hat die Narrenfreiheit, seine Spielchen zu spielen.

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Es geht um den Stellenwert der Kinder.

Vielleicht sollten „falsche“ Männer, also solche mit künstlichen Haarteilen und die beim Gesichtschirurgen waren und die Karriere machen wollen, gar nicht erst eine Familie gründen, zumindest keine mit Kindern. Das ist möglicherweise eine recht zwingende Interpretation der Moral dieses Filmes. Einen Hinweis darauf gibt eine brillant inszenierte Miniszene. Der Protagonist, Masaharu Fukuyama als Ryota Nonomiya, ein erfolgreicher Architekt, verheiratet, ein Sohn, Keita, sechs Jahre alt, telefoniert mit seiner Mutter. Sie ist ganz belustigt (er ist gerade sehr ernsthaft drauf) und sagt, sie erwarte jetzt ein unterhaltsames, leicht blödelndes Gespräch über Männer mit Perücken und mit Besuchen beim Gesichtschirurgen. Er findet das gar nicht lustig. Aber der Zuschauer ist fasziniert und findet möglicherweise einen Schlüssel.

Denn die Geschichte, die der japanische Meisterregisseur Hirokazu Kore-eda in grandioser, stilistischer Einfachheit und Klarheit erzhält, ist natürlich eine ganz, ganz andere. Sie erzählt von zwei ungleichen Familien, einerseits den Nonomiyas, die in einem teuren Wohnhochhaus in Tokio residieren, alles vom Feinsten, Bübchen lernt Klavierspielen. Man wäre sehr glücklich. Nur hat Vater vor lauter Karriere so gut wie keine Zeit. Aber Keita ist ein Musterbub. Beim Elternabend erzählt er, und er macht dabei den Eindruck, er könne kein Wässerchen trüben, ja, mit dem Vater würde er in der Freizeit campen. Was überhaupt nicht stimmt. Vater hat keine Zeit. Vater ist allerdings erleichtert über diese Aussge, fragt nachher den Buben, wie er überhaupt darauf gekommen sei.

Die andere Familie sind die Salkis. Er ist ein mechanischer Tüftler, hat einen kleinen Laden, Handel mit Elektrogeräten und reparieren tut er alles. Die Familie wohnt einfach, hat drei Kinder, darunter den sechsjährigen Buben Ryusei. Der hat mit Keit von der Architektenfamilie das Geburtsdatum gleich. Das wird von entscheidender dramaturgischer Bedeutung werden. Denn an jenem 28. Juli vor genau 6 Jahren ging es einer der Krankenschwestern im Spital, wo die Geburten stattgefunden haben, nicht gut und sie hat die beiden Säuglinge mutwillig vertauscht.

Wie die Geschichte bekannt wird und wie die beiden Familien damit umgehen, das erzählt uns Hirokazu Kore-eda nun in atemlos ruhigen Bildern. Als gelegentliche Musik gibt es etwas Klavierbegleitung, ziemlich ungeschickt und unmusikalisch, wenn Keita, der es lernen soll, spielt, kindergenial bei der Vortagsübung, wenn ein jüngeres, hübsch rotgekleidetes Mädchen spielt und manchmal professionell als Backgroundmusik gekonnt sparsam eingesetzt.

Die Info ist für die Familien anfänglich ein Schock. Immerhin kommen sie bald überein, die leiblichen Söhne jeweils an den Wochenenden zu tauschen. Der Karrierevater setzt die Justiz in Bewegegung. Da sind alle Menschen ganz dunkel und feierlich gekleidet. Die Justiz kann nichts zur Entwicklung eines Kindes beitragen, auch nicht zu Lösung des Problems.

Ryota versucht sich in Vatertum, schöne Szene, wenn er mit dem Sohn auf dem Balkon mit Fischerruten ohne Faden und Angel das Angeln übt, Luftangeln so skurril wie Luftgitarre. Oder wenn er versucht eine Kamera zu reparieren.

Hirokazu Kore-eda hält den Geist des Zuschauers mit seinen großartig inszenierten und mit einfachen Handlungen gefüllten Szenen auf Trab. Was ist wichtiger für die Erziehung eines Kindes: die Blutsverwandtschaft oder die Herzlichkeit und Zuwendung? Kann ein Kind nur als Statussymbol und Beweis für ein korrektes Privatleben benutzt werden? Oder braucht ein Kind das pralle Leben, die Auseinandersetzung und das Zusammenleben mit anderen Kindern? Wie entsteht Identität?

Der Film wirkt wie ein sorgfältig gestaltetes Experiment, das von einem Meisterwissenschaftler vorgeführt wird und manchmal weiß man nicht genau, ob er überhaupt weiß, worauf er sich einlässt, um wiederum von wundersamen Wendungen überrascht zu werden, als hätte er doch alles zum Vornherein gewusst.

Man muss ganz genau folgen als Zuschauer. Die Schauspieler werden von der Regie allesamt brillant geführt, sind in jedem Moment glaubhaft, man kommt gar nicht dazu, sie bewerten zu wollen, denn sie stehen ganz im Dienst des Sache, des Menschenexperimentes, mit dem der Regisseur den Zuschauer beschäftigen will.

Ein anderer Film, bei dem es um einen gezielten Kindertausch ging, auch aus Asien, aus Indien: Mitternachtskinder, dort eher in einer politischen Relation zum Kastenwesen gesehen.

Egoisten sollten keiner Väter werden.

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Ein luftig-lichtvoll-leichtes Sommermenü aus der Provence recht improvisiert angerichtet von Rose Bosch, die damit ein Gegenleichtgewicht zu ihrem sehr ernsten Film Die Kinder von Paris in die Kinos bringt.

Es geht um Versöhnung in der Familie, es geht gegen Verkrustung im Alter und in Einsamkeit, es geht um die erste Liebe, um Sommer und Sonne, Olivenhaine und Stierkampf.

Jean Reno ist Boschs Hauptstar. In einer köstlichen Frisur, einer Mischung aus Lockenkopf und verbiestertem Alterskinnbart, pflegt er beharrlich seine Oliven. Er hat seit 17 Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter, die in Paris 3 Kinder hat und mit ihrem Mann in Scheidung lebt. Seine Frau fährt oft hin. Er hat keinen Kontakt mehr zu seinen Kumpels und Freunden aus der 70-Jahre-Hippie-Rocker-Zeit. Er ist mit seiner Frau damals um den halben Erdball gereist. Freie Liebe.

Das sind die Dinge, die der Film seinen verwunderten Enkeln enthüllen wird. Denn Mutter hat ein berufliches Angebot aus Montreal; die Kinder sind plötzlich allein. Kurz entschlossen nimmt die Oma sie im TGV mit. Empfang in der Provence frostig. Mit Opa ist nicht gut Kirschen essen. Aber es geht Schlag auf Schlag. Wie die Kälte gezeigt wird. Wie sie über den kleinsten Enkel, Theo, der taubstumm ist, ein entzückender Knirps, zu tauen anfängt. Wie die beiden Teens von Enkeln die Atmosphäre auf dem Lande erst hassen, wie sie bald liebeshungrige Zeitgenossen und Zeitgenossinnen in der Ortschaft kennen lernen. Eisschlecken und die jährliche Stierparade erleichtern die Kontaktaufnahme.

Über Facebook organisiert der clevere Enkel Adrien die alten Freunde von Opa, kaum eingetippt in den Computer, hört man sie schon auf ihren Motoren herandonnern, während die süße Enkelin Lea sich noch jungfräulich in das nicht unbeschriebene Früchtchen Tiago unsterblich verliebt. Wie er beim Stierkampf leichtfüßig die schweren Tiere gegen die Bretter rennen lässt, das will gekonnt sein.

Und wer will schon glauben, dass die attraktive Eisverkäuferin Magali seine Schwester und nicht seine Geliebte sei. Aber all diese Konfusionen werden mit einer unglaublichen Leichtigkeit, fast nur skizziert im herrlichsten Provencelicht erzählt und wie Lea mit Tiago in die Camargue ausbüchst, so können Kamera und Regie diesen einzigartigen Reizen nicht widerstehen, lassen sich verführen vom Rausch der Sinne.

Drehbücher müssen nicht das Alleinseligmachende in der Filmwelt sein. Man soll sich vom Prickeln des Lebens und des Geschichtenerzählens ruhig verführen lassen, vor allem wenn man so ein wunderbares Ensemble an Schauspielern zusammenbekommen hat; wobei ein Jean Reno, ein Kaliber von Darsteller, wie es ihn in Deutschland gar nicht gibt, ein ganzes Ensemble mitzureißen vermag.

Wie vom Reiz der Camargue (weiße Pferde, tief stehende Sonne, blinkende Gewässer, unversehrte Natur, liebende Menschen) so lassen sich Kamera, Regie und Tondepartment nicht weniger mitreißen vom fröhlichen Erinnerungsabend mit Klampfe der alten Kämpen an die 70er-Hippie-Jahre, die Musik aus der Zeit ist einfach zu schön: .. und was wäre ein Mensch ohne seine Erinnerungen. Das macht das Menschsein aus, das kann vergessenes Menschsein wieder beleben, das Leben auch im Alter oder der noch hoffenden Jugend lebenswert machen. „In the Summertime“, „Let the Sunshine in“, „I was born“..

Die Kühe furzen und machen Löcher ins Ozon, so beschreibt Reno die Ansicht der veganen und umweltschützerischen Städter – liebenswürdig, nicht? Für ihn ist allerdings fair, was nicht zu viel kostet. „Ich habe immer die Natur verteidigt, aber nie gesagt, ich will in ihr leben.“

Stierereignis: Capelado

Wie leicht dieser französische Provence-Film ist fällt besonders auf, wenn man jüngere, deutsche Provencefilme zum Vergleich bemüht: Stiller Sommer und Halbschatten.

Ein familien- und publikumsfreundliches Sommer-Feelgood-Film, provenzalisch fein gewürzt. Kleines Trostpflästerchen für einen meteorologisch unerfreulichen Sommer 2014 bei uns. Hier in den Alpillen gibt es keine landwirtschaftliche Mühsal.

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Eine sanft verführerische, geschmackvoll gekonnte Bild- und Story-Meditation zum Thema Ursprung, Determination, Kreativismus, Vorherbestimmung, Klon, Individualität und Seelenwanderung.

Ian Gray gespielt von Michael Pitt ist die Hauptfigur. Ein Biologieforscher, der über Tierversuche sich mit der Entwicklung der Iris des Auges befassst. Und der seine Forschung noch intensiviert, nachdem seine Freundin Sofi mit den schönen Augen bei einem furchtbaren Liftunfall ums Leben gekommen ist. Sie hat er über den Umweg seiner Forschungen kennengelernt. Er war immer an Augen fasziniert. Bei einer Halloween-Party ist diese maskierte Frau direkt auf ihn zugesteuert. Die Augen waren durch die Sehschlitze zu sehen. Diese hatten ihn total fasziniert. Sie wurden auch gleich auf dem Klo intim miteinander. Dann ist sie ohne Hinterlassen einer Adresse mit einer uneinholbaren Taxe verschwunden.

Wo in New York diese Frau mit diesen Augen wieder finden? Die Augen haben ihn nicht mehr losgelassen. Sie hatten ein paar besondere Merkmale. Eines Tages entdeckt er auf einer großen Plakatwand auf einer Devonne-Werbung diese beiden Augen. Somit kann er sie finden. Sie werden ein Paar. Schöne Liebesszenen. Im Labor hat Jan inzwischen die Mitarbeiterin Karen. Sie wird seine Muse nach dem Tod von Sofi. Womit weiterer Anlass gegeben ist für sophisticated kinematographische Träumereien über Liebe, Forschung und Reflexion über die Verbundenheit der Dinge, die Suche nach Beweisen oder für Hypothesen für die Existenz Gottes als eines intelligenten Entwicklers. Gedanken anlässlich einer Liebesnacht über die Kremation, was mit den Teilen passiert und die Möglichkeit des Klonens vor dem Hintergrund berühmter italienischer Liebesarien.

Eine Unachtsamkeit während einer Liebesszene im Labor führt zu einer Augenverätzung von Jan: das Bild seines um die Augen eingebundenen Kopfes erinnert in gewisser Weise an das Plakat von der Devonne-Werbung.

7 Jahre später ist Jan längst mit Karen zusammen. Er ist gerade in einer TV-Show und präsentiert ein Buch, das sich über die Iris und ihre Matrix auslässt. Seine Frau ist schwanger. Alles auch hier in geschmackvollen, gehobenem Ambiente und Arrangement gezeigt.

Jetzt kommt Indien ins Spiel. Dort sucht er ein Mädchen, das dieselbe Iris hat wie die verstorbene Sofi. Mittels eines riesigen Plakates findet er sie. Alles in gepflegtem Bildarrangement.

Seine Frau erwischt ihn einmal, wie er vorm Computer vor einem Film von Sofi onaniert. To find in India that part of his life…. Über einen Skype-Test mit seiner Frau in Amerika, will er das Mädchen testen, es besteht allerdings nicht alle Fragen; wie er aber mit dem Mädchen Salomina das Hotelzimmer verlässt und den Lift nehmen will, kriegt das Kind einen Weinanfall, in dem Moment, wo die Lifttür aufgeht und es sträubt sich mit Händen und Füßen dagegen, den Lift zu betreten. Jan hat verstanden, geht zu Fuß die Treppe hinunter, vielleicht geht es doch mehr um Seelenwanderung.

Ein Wissenschaftsmystery-Film, angenehm wenig esoterisch, wenn auch nicht ganz ohne Rätsel. Und vor allem: gediegen. Und auch das Thema der Erkennung von Autismus im frühkindlichen Alter. Genetische Determination.
Die wissenschaftliche Story ging für mich gelegentlich in zu viel Aesthetizismus unter.

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Was Erwachsene über Kinderfilme schreiben und sagen, das zählt nicht und wieweit solche Filme geschmacks- und geistbildend sind, das mag woanders diskutiert werden. Fakt ist, dass Kinder manche Geschichten immer und immer wieder hören oder sehen wollen, zum Beispiel die Märchen der Gebrüder Grimm oder die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz. Ob dieser Film dazu gehören wird, mag ich zu bezweifeln. Mein unmaßgeblicher Eindruck ist der, dass hier von den Autoren Bernd Eilert, Harald Siepermann, Sven Unterwaldt Jr., Daniel Welbat, Douglas Welbat und in der Regie von Boris Aljinovic und Harald Siepermann versucht wurde, mit enorm kompliziertem, deutschen Förderaufwand, die Hollywoodrezepte für erfolgreiche Kinderanimationsblockbuster zu kopieren. Die selbst wieder die Gebrüder Grimm nur zu gerne als preiswerten Wühltisch benutzen.

Was bedeutet, hier versuchen sich Deutsche daran, Märchen aus eigenen Landen per amerikanischer Methode filmisch nutzbar zu machen. Und sicher hat eine Rasselbande von sieben in der physischen Konstruktion ganz ungleichen Zwergen etwas Faszinierendes, wenn sie auf einem Gefährt durch die Gegend fliegen oder wenn sie in Einerkolonne marschieren und dabei noch einen Song singen, wie wir ihn aus amerikanischen Militärfilmen kennen („Hej Zwerge, go, go, go, go“). Aber wenn solche publikumswirksamen, sicheren Effekte mehr als 5 Minuten haltbar bleiben sollen, so wäre es nicht schlecht, wenn die Figuren auch charakterlich unterscheidbar wären und nicht einfach einer ein langweiliges Synchronhochdeutsch spricht, ein anderer ein gequältes Hessisch und der kleinste, der Bubi, ganz klar als Otto Waalkes in einem nicht allzu brillanten Sprecherauftritt erkennbar ist. Die Tonspur ist schwach, ist schlecht gearbeitet, bringt die Dezifizite des Charakteranalyse der Figuren voll zum Tragen.

Hinter den Amerikanern hinken die Deutschen sowieso hinterher im zeichnerischen Aufwand, in den Effekten, in der Geschmeidigkeit der Aneinanderreihung der Bilder. Vergleichen wir nur einen der neueren, Die Eiskönigin wie hier die Vereisung mit faszinierenden Effekten als Ereignis gezeichnet wird; im 7bten Zwerg wirkt die Vereisung lediglich wie anskizziert.

Die Grimmweiterentwicklung der Dornröschen-Geschichte und die Vermantschung mit der Siebenzwergengeschichte, die mag angehen, die könnte durchaus tragen. Dornröschen, die hier Rose heißt, steht kurz vor der Feier ihres 18. Geburtstages. Über den Roten Teppich marschieren ganz witzlos und ohne Inspiration Figuren aus anderen Märchen, vom Gestiefelten Kater über Schneewittchen und den Froschkönig. Rotkäppchen moderiert mit dem Wolf die Klatschreportage, auch die vollkommen ironierfrei.

Die Böse Fee heißt Dellamorta, gegenüber dem neuen Maleficent aus Hollywood ein Aschenputtel. Sie stellt die Uhren vor, denn Punkt Mitternacht ist Dornröschen vom Bösen Zauber befreit und wird sich frei fühlen, also angreifbar werden. Der böse Plan von Dellamorta funktioniert. Dazu trägt auch Bubi bei. Nur Jack, der Küchenjunge kann sie retten, kann sie und den Hof aus dem Eisschlaf, aus der Erstarrung erlösen. Dazu kommen noch die sieben Zwerge ins Spiel und ein guter Drachen, der kein Feuer speien kann.

Die Deutschen sollten nicht versuchen mit vergleichbar armseligen Mitteln (garantiert kein Budget von 180 Millioen wie bei Maleficent laut IMDb) den Amerikanern nachzueifern, sie sollten sich auf ihr eigenes Kino, was nicht in gigantischen Hollywoodmaßstäben denkt und handelt, besinnen; das kann wunderbar funktionieren, nehmen wir ein etwas älteres Zeichentrickprodukt wie „Die drei Räuber“. Sonst kommt es bleifüßig daher und der Musikverhau auf der Tonspur ist auch nicht hilfreich, die Songs sind simpler geht es nicht, so dumm sind unsere Kids doch nicht! Nichts Verführerisches, nicht Ohrwurmhaftes in den Songs.

Und dann noch vollkommen nutzloses 3D und die entsprechende Düsternis, also mit so gut wie keinem 3D-Bewusstsein gedreht. Außerdem: die Delamorte ist zu hexenhaft, wie Hänschen-und Gretchen gesprochen.
Einer für alle und alle auf einmal (Witz?).
Die diversen Slapstickeinlagen, die werden den Kleinen garantiert gefallen, dabei kann man ja nichts falsch machen.

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Drei wunderhübsche, junge Frauen, geschaffen für die Liebe und sonst nichts, verbringen ihre Zeit in einem Haus, das noch beherrscht wird und vollgestellt ist mit den Möbeln und der Dominanz der vor zwei Jahren verstorbenen Oma. Nur, wo ist hier Platz und Raum für die Liebe?

Stefes Review anlässlich des Filmfestes München.

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Die Schwestern Taylor, Hannah Arterton, und Maddie, Annabel Sholey, verlieben sich im Sommerurlaub in Apulien innert dreier Jahre je in denselben Beau, in Raf, Giulio Berruti, triefend vor Schönheit, Männlichkeit und Makellosigkeit. Taylor, meist T. genannt, hatte allerdings ihre heiße Sommeraffäre vor drei Jahren auch wieder beendet, um sich ihren Studien zu widmen. Sie hat ihrer Schwester Maddie Apulien zum Urlaub empfohlen, da diese immer Unglück mit den Männern hatte; zuletzt war es ein gewisser Doug. Jetzt allerdings hat sie sich Hals über Kopf unsterblich in Raf verliebt und will gleich heiraten. Ihre Schwester soll anreisen für die Hochzeit, nicht ahnend, dass Raf der Bräutigam sei.

In knappen, einfachen Dialogen wie bei einer Fotoromanze werden Exposition und die daraus sich ergebenden Verwicklungen dargelegt. Doug kann Maddie nicht loslassen und zwischen T. und Raf funkt es erneut.

Die Hauptidee aber von Drehbuchautor Joshua St. Johnston und den Regisseuren Max Giwa und Dania Pasquini (Street Dance 2) scheint ein Revival von Liebesstimmungen aus den 80ern zu sein; viele Songs aus jener Zeit werden eingespielt und dazu erwachen die Szenen zu flashmobähnlichen Choreographien.

Leider wird zu oft deutlich, dass die Darsteller nur playback singen, nur den Mund bewegen ohne dass die innere Emotion rüber käme. Es wirkt, als versuchten die Filmemacher hinter etwas Vergangenen hinterherzujagen und erwischten es nicht ganz. Ein Gute-Laune-Tanz- und Singfilm aus dem letzten Jahrhundert. Schön sind die Songs „She’s got it“, „It mus have been love“, „If I can turn back time“.

Großartig am Film ist Apulien als Kulisse, viel römisches Gestein, was oft einen wunderbaren Hintergrund abgibt, sowieso die Sommeratmosphäre, die ist da, wie eine warme, gelegentlich etwas zähe Dusche, Abheben wie Peter Pan, wie es im Film heißt und gezeigt wird: an Seilen gezogen.

Aber auch das Prinzip: und heute Abend möchte ich viele Fehler machen (Motto der erfolgreichen Erotik-Autorin für den Jungesellinnenabschied); diese Haltung scheint positiv bei den Filmemachern durch; sie killen ihr Produkt gewiss nicht mit Perfektionismus.

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Wieder einer dieser hochgeförderten deutschen Filme, bei dem einem alle Beteiligten leid tun könnnen, denn ihr ganzer Einsatz, ihre Energie, ihr Können: praktisch umsonst (außer dass Fördergelder umverteilt wurden), weil das Buch an allen Ecken und Enden löchrig, nicht plausibel genug ist.

Das Buch. Das Buch. Das Buch. Dabei ist die Grundidee bestimmt reizvoll (aber eine Idee ist eben noch kein Drehbuch): junger, einsamer Computerfreak, der seit früher Jugend darunter leidet, nicht wahrgeommen zu werden, will in der Hackerwelt groß rauskommen, um auf sich aufmerksam zu machen, um endlich zu existieren. Dabei gerät er in Konflikt mit den Behörden.

Sehr früh schon im Film sind die Verhöre mit einer dänisch-stämmigen Kommissarin dazwischen geschnitten, dieses aus der Sicht von Benjamin erzählten Filmes. Dabei hat Baran Bo Odar, der mit Jantje Friese auch das Drehbuch geschrieben hat, ein paar Dinge im Gegensatz zu seinem ersten Film Das letzte Schweigen besser gemacht, hat sich für eine Hauptfigur entschieden. Und dafür klugerweise den Tom Schilling besetzt. Der eben das Glück hatte, eine ebensolche Hauptfigur in einem der seltenen deutschen Filme, die das auch durchziehen, spielen zu können, in Oh Boy.

Allerdings reicht es für einen soliden, dramaturgischen Handlungsaufbau nicht aus, sich auf den Ich-Erzähler zu verlassen und dann das, was er erzählt, nachzuverfilmen, sondern es muss in jeder Szene ganz genau exponiert werden, warum sie nötig ist und warum der Protogaonist, so wie er charakterisiert ist, sich so und so verhält. Es gehört zur Exposition einer Szene auch ihr Ziel. Wenn das Ziel aber nur vokal eingesprochen wird, so wird es nie empirisch nachvollziehbar und also auch nicht empathisch belegbar. Es fehlen damit die Elemente, die die Spannung erzeugen, das Interesse des Zuschauers bei der Stange halten.

Schafft er es auf den Olymp der Hacker oder nicht? Dies ist hier nicht so vorbereitet worden, dass wir als Zuschauer gespannt wären, denn die emotionale Basis für ein emphatisches Verhältnis zur Figur ist nicht hergestellt worden. Die wurde simpel mit den Erläuterungen gegeben, einsam, Mann, Anerkennung suchend, Hacker. Und irgendwann heißt es, wir haben den Olymp geschafft. Dem perplexen Zuschauer ist das praktisch entgangen, weil die Mühe, den zu erreichen, nicht gezeigt worden ist.

Dazu wäre zum Beispiel in einem Hackerfilm ein Minimum an Bildschirm- und Tastatur-Info hilfreich. Baran Bo Odar will sich aber nicht in technischem Kleinkram verlieren. Darum unterlässt er es ganz, dem Zuschauer auf einen minimalsten Weg mitzunehmen mit der Info beispielsweise, dass ein Drücken dieser oder jener Taste, diese oder jenes Resultat zeitigen müsse; was im Sinne oder nicht der Absichten der Hauptfigur ist. Ebenso schwammig bleibt der Eintritt ins Darknet.

Wenn der Zuschauer wüsste, wenn denn das grüne Männlein kommt, dann hat der Protagonist freie Bahn, dann hat er den Einstieg in den Olmyp oder ins Darknet geschafft. Und er muss es vorher mitbekommen haben, dass das das befreiende Signal ist, dass sich also die Mühe gelohnt hat oder eben nicht.

Es würde vielleicht reichen, am Ende einer Szene, nachdem Benjamin einen inneren Kampf gehabt hat und jetzt weiß, wo er hin will, ihn kurz in die Richtung blicken lassen, ihn das Ziel avisieren lassen und somit den Zuschauer mitzunehmen. Dergleichen passiert hier leider nicht. Baran Bo Odar nimmt den Zuschauer nicht mit, er spielt ihm eine kleine, teils durchaus wirbelige Zaubershow vor.

Oder es werden lustige Hacker-Popkulturmüsterchen vorgetragen, NeonaziPropagandafilm-Bashing, FinanzweltHackerverarsche oder Einhacken in die Pharmazie-Industrie und dem gehackten Gewinnspiel wird so viel Platz eingeräumt, um einen Porsche einzführen und die absolut klischeehafte Frauengeschichte mit Hannah Herzsprung als Marie, die ist mit der behaupteten Einsamkeit von Benjamin überhaupt nicht in Übereinstimmung zu bringen ist, nicht nachvollziehbar, möglicherweise richtig gedacht von den Machern, aber nicht plausibel erzählt.

Dass das alles womöglich Imagination ist, die Hackergruppe, die Benjamin um sich versammelt, nicht der Hauch eines Hinweises. Die Gruppe möchte berühmt werden, sie suchen einen Namen, oh je, dass das alles womöglich Einbildung gewesen ist, das müsste doch ein bisschen kenntlich gemacht werden, eher im Sinne einer bezweifelbaren Realität (was sie qua viel zu lauter, theatratlischer Performance in gewisser Weise vielleicht sogar ist).

Statt sich also richtig verbohrt auf die Analyse der Hauptfigur zu konzentrieren, werden lockere Sprüche eingefügt, wie „Hacken ist wie Zaubern“ oder „Im Dark Net konnte ich sein, wer ich wollte“ (auch der Satz ist für mich als Zuschauer aus dem Film empirisch nicht nachvollziehbar, nie hatte ich das Gefühl, jetzt ist Benjamin, was er sein will; weil auch nicht deutlich gemacht worden ist, dass er nicht war, was er sein wollte, jedenfalls nicht empirisch nachvollziehbar).

Statt für die Spannung des Buches auf die Konflikte, die sich aus der Charakteristik und Konstitution der Hauptfigur ergeben, zu verlassen, wird eine Dramaturgie der Chronologie eines Egoerzähler vertraut. Was ungefähr so spannend ist wie der Diaabend bei Müllerschöns.

Die typisch deutsche Drehbuchkrankheit, in Erklärungen, Erläuterungen und nicht in Bildern zu erzählen. (Nimm „Get on Up“, die Biographie von James Brown, die demnächst ins Kino kommt, wie da mit wenigen, eindrücklichen Bildern die Jugend von James Brown inklusive ihres Elendes und Leides erfahrbar gemacht wird, so dass jeder für den Rest des Filmes Verständis hat für James Brown, und wenn er noch so egomanisch wird).

Die Filmemacher möchten großes, internationales Kino machen, aber sie haben es versäumt, zu analysieren, worin dessen elementare Stärken und Qulitäten liegen.

Benjamins Minderwertigkeitsgefühl ist nicht eine Sekunde als Handlungsmotor erkennbar und nachvollziehbar. Man hat lediglich die Behauptung zur Kenntnis genommen.
Aus diesem Grunde fehlt der Geschichte jegliche Folgerichtigkeit.
Stattdessen artet sie zeitweilig in einen Actionfilm aus mit Eindringen in fremde Gebäude, Knacken von Schlössern, Klauen von Autos etc. was als Gegenmittel gegen die behauptete Einsamkeit der Hauptfigur doch etwas skurril anmutet.

Auch der Motto-Satz: „Kein System ist sicher und Dreistigkeit siegt“ bleibt abstrakt. Ja, er macht besonders krass deutlich das Dilemma, das sich beim Schreiben der Geschichte wohl unlösbar aufgetan hat: einerseits einen Film über die Sicherheit von Systemem zu machen, einen Themen-Film also, andererseits einen über Dreistigkeit, welche aber wiederum nicht nachvollziehbar entwickelt wurde, denn diese muss ja an einer Person und ihren Handlungen festgemacht werden.

Die Filmemacher nehmen sich nicht die Zeit, den Zuschauer bei jedem einzelnen ihrer Schritte mitzunehmen. Sie sind zu arrogant oder zu abgehoben oder zu sehr mit sich selbst und ihrer eigenen internatonalen Größe beschäftigt oder kennen den Stoff in und auswendig, als dass sie es noch für nötig hielten, den Zuschauer als anfangs gänzlich unbedarft, unbeleckt zu behandeln und also die Dinge eins nach dem anderen einzuführen, damit er weiß, woran er ist, worauf er sich einstellen muss und freuen kann. Da bleiben die hier viel zu schwammig und erklären lieber voice-over.

Ein überdeutliches Detail, dem im Nachhinein schnell der Zusammenhang verloren geht, ist der Nagel, den Benjamin bei Europol ins Fleisch kriegt. Was hat das jetzt wieder für eine Bedeutung?

Nach etwas 80 Minuten ist plötzlich von einem Zeugenschutzprogramm die Rede. Der Zuschauer bisher im Unklaren gelassen über die Umstände des Verhörs, das sich auch aus sich heraus nicht erklärt. Dann folgt der Kommentar, „Darum geht es hier schon die ganze Zeit“ – und warum durfte der Zuschauer das nicht vorher schon wissen?

Auch die Arztbesprechung schlägt einen Bogen zu etwas, das nie angefangen hat in diesem Film. Persönlichkeitsstörungen, aha, dieser Film handelt von Persönlichkeitsstörungen, gut, dass ich das einige Minuten vor Schluss noch erfahren darf.

Kinematographisch sind nebst allen Originalitätsversuchen doch auch viele Dialogszenen oder Gänge gerade mal im Modus mittlerer Fernseharbeit anzusiedeln.

Man kann das Buch so nicht ernst nehmen. Es beschäftigt einen nicht eine These aus dem Film über die Kinoschwelle hinaus. Es erzeugt bestenfalls einige Bildimpressionen aus dem Hackermilieu und dem Darknet, videocliphaft.

Und dann noch der Joke mit dem Einhacken ins Zeugenschutzprogramm, der belegt erst recht, dass die gar nicht so richtig wussten, was sie uns erzählen wollen, dass sie vielleicht noch dem Studentulkmilieu verfangen sind.

„Du bist ein Niemand“, auch der Satz müsste empirisch ganz anders eingeführt werden; so verkommt er zum reinen Schlagwort, zum reinen Klischee.

Der Widerspruch beginnt schon im Titel: wer bin ich und kein System ist sicher. Das wird nicht als widerspüchliches Egokonstruktionsdilemma nutzbar gemacht.

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