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Ein irres Filmteil von Peter Weir. Das Drehbuch hat Paul Schrader nach einem Roman von Pau Theroux verfasst. Da sind Kaliber am Werk. Der Film stammt von 1986.

Ein zivilisationsphilosophischer Abenteuerfilm. Mit einem Wahnsinn teils vergleichbar mit Werner Herzogs „Fitzcarraldo“, der ein paar Jahre vorher gedreht worden ist. Der Wahnsinn der Kirche im Widerstreit mit dem Wahnsinn der technischen Tüftelei und Forschung.

Harrison Ford ist als Allie Fox ein Erfinder und egomanischer Familienvater von vier Kids, der älteste, Charlie, wird gespielt vom blutjungen River Phoenix, seine Frau von Helen Mirren, die hier nur „mother“ genannt wird.

Der Film fängt brillant inszeniert in Amerika an. Ford ist ein Energiebündel von Mensch, ein pausenloser Redestrom, dem nichts, aber auch gar nichts mehr an Amerika gefällt. Andererseits wird er gewiss keine japanische Schaumstoffdichtung kaufen für seine Kühlmaschine, die er gerade am Erfinden ist für seinen Nachbarn, einen Spargelbauern, lieber wühlt er auf einem Schrotthaufen, um das entsprechende Ersatzteil zu finden. Die Maschine, die Eis produziert zum Frischhalten des Spargels, ist eine Ausgeburt an Tüftlerprodukt.

Der politpessimistische Fox befürchtet, dass Amerika bald an der Atombombe zugrunde gehen wird. Die Folgen der Zivilisation, der Beherrschung des Planeten durch den Menschen. In einem Impuls vom Bruchteil einer Sekunde entscheidet sich Fox, mit seiner Familie nach Mosquitia auszuwandern. Es bleibt nicht mal Zeit, das Geschirr fertig zu spülen. Ein atemlos rasanter Vorgang.

Auf dem Schiff in Richtung Dschungel gibt es die Begegnung mit dem Missionar Spellgood, eine nicht weniger verrückte Type, der zwei Gemeinden hat, eine in Balitmore und eine im Dschungel. Fox steht geistig auf Kriegsfuß mit den Missionaren und ihrer Einstellung zur Welt, die gar nichts ändert. Er ist allergisch gegen das Helfersyndrom.

In Mosquitia kauft er genau so schnell, wie er aus Amerika aufgebrochen ist, ein Stück Land im Dschungel. Es folgt die erste Robinson-Geschichte, die Einführung der Zivilisation im Dschungel, die Urbarmachung und der Bau einer riesigen Eisfertigungsanlage und der missionarische Wunsch, Eis selbst an die entlegensten indigenen Völker zu liefern.

Eine Expedition nicht unähnlich jener von Fitzcarraldo bei Werner Herzog. Leider sind die Eisbrocken bis zur Anfkunft beim Stamm, der Tagesmärsche ab von der Zivilisation lebt, geschmolzen. Immerhin kommt Foxens Expedition mit dem Lebern davon.

Zurück in ihrem Reich erhalten sie von drei unangenehmen, bewaffneten Typen Besuch, die sich ohne jeden Anstand bei Foxens einquartieren. Jetzt gibt es für Fox nur noch eine Lösung, Abbruch von Hausteilen. Nachts will er die drei Halunken in ihrem Zimmer einsperren und sie vereisen. Das misslingt insofern, als sie ein Loch zur Maschine schlagen können, worauf diese in Flammen aufgeht.

Jetzt hat Familie Fox alles verloren. Auf einem Boot fährt sie flussabwärts, denn der Fluss selbst ist verseucht mit dem Ammoniumhydroxid der Eisproduktionsstätte. Am Ufer zum Meer lassen sie sich wieder wie Robinson an einem vermüllten Strand nieder. Fox fühlt sich frei. Das reiche ihm zum Leben. Jetzt wird wieder aufgebaut. Aber der Meeresspiegel ist nah.

Es folgt zivilisationsphilosophisch noch ein Kapitel über den steigenden Meeresspiegel, resp. das Hochwasser bei Regen, wovon die Ärmsten der Welt am meisten betroffen sind, eine Warnung von einem Einheimischen und eine vorausschauende Tat von Charlie.

Der Film wird aus der Sicht des ältesten Sohnes Charlie erzählt, der ab und an seine Gedanken voice-over spricht, seinen Vaterkonflikt, die Enttäuschung über den Vater, der den Kindern vorgelogen hat, Amerika sei untergegangen, wegen der Atomgefahr und dass sie deshalb in den Dschungel gezogen seien. Es folgt kurz vor Schluss noch ein apokalyptisches Unwetter, worauf die Familie wie in einer Arche Noah erneut flieht, flussaufwärts suchen sie die Zukunft. Und es ist klar, dass es kurz vor Schluss noch zu einer finalen Begegnung mit dem Missionar kommen wird. Charlie leidet unter diesem widersprüchlichen Vater.

Die Widersprüchlichkeit des Allie Fox: einerseits bedingungsloser Forscher- und Technikglaube, missionarisch sogar, andererseits macht er den ganzen Erfolg von Amerika mies („Amerka ist eine Kloake“ „Dieses Land geht vor die Hunde“), ist wiederum Nationalist, schimpft über die Missionare und ist selbst missionarisch besessen. Forschungsfanatismus, Rücksichtslosigkeit. Eine höchst unterhaltsam, höchst widersprüchliche Figur. Er hält sich für mutig, in den Dschungel zu gehen.

Dieser Harrison Ford in seinem blumigen Haiwaihemd und mit einem unglaublichen Abenteuerpower ist ein Powerbündel, ein Energiebündel, ein Dauerdenker, Dauertheoretiker, sprudelt nur so von Plänen.
Erfindungstheoretiker, den Nutzen einer Sache klarstellen und vergrößern, Gott hat die Welt unvollkommen geschaffen (die Missionare lehren, sich damit abzufinden, darum hasst er sie).

Seine Modellgesellschaft.
Diese Kerbe im Dschungel, eine überragende Zivilisation. Genauso hätte Amerika sein können.

Eine erbärmliche Konstruktion der menschliche Körper.
Ich werde von nun an auf allen Vieren gehen.
Die Natur ist krumm. Ich wollte rechte Winkel. Gerade Linien. Du schneidest dich beim Öffnen einer Thunfischdose und stirbst.

Der Sohn: Jetzt, wo er gegangen war, hatte ich keine Angst mehr, ihn zu lieben und die Welt schien grenzenlos.

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So sieht es aus, wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen Zuschauern (Durchschnittszuseheralter über 60!) Leihmutterschaften in Indien madig machen will (Drehbuch: Andreas Kleinert und Florian Hanig, Regie: Andreas Kleinert, Redaktion; Cornelia Ackers).

Im Folgenden stehen am Zeilenanfang die ungefähren Minutenzahlen im Film.

1 – 5 Stimmungsbilder aus Kalkutta: Indien ist laut, chaotisch und lärmig. Chaos. Nina und Mark in diesem Chaos.
5 Das Thema Leihmutterschaft wird in einem Gespräch des Ehepaares Nina und Mark mit indischer Ärztin, die in Heidelberg studiert hat, eingeführt.
7 Das Paar erklärt in einem Gespräch, was es alles versucht hat, um Kinder zu kriegen. Casting der Leihmütter.
10 Probleminfo: in Indien ist Voraussetzung Heirat. Darauf Heiratsantrag von Mark an Nina im Pool.
13 Samen- und Eierentnahme.
15 Indische Heiratsfolklore. Minutenlang.
17 Warten während Transfer. Nina: Man muss mindestens 5 Liter Wasser trinken am Tag bei der Hitze (und kurz darauf) ich hasse meinen Körper.
19 Nina: ich hoffe, das ist das letzte Mal, dass das passiert ist. Befruchtung über Monitor. Ein Berg Bargeld wechselt den Besitzer. Muss vom Klinikchef nachgezählt werden.
20 Leihmutter bekommt ein Ticket. Ärztin zu Spendern: Sie können jetzt Ihre Flitterwochen machen.
21 Folklore. Nina und Mark beobachten eine glückliche Familie. Tourismusfilm. Minutenlang.
Nina und Mark liegen nackt im Bett und träumen vom Kind.
23 Besprechung mit Frau Doktor: herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger. Julia Jensch, sie spielt die Nina, probt den ersten Gefühlsausbruch.
24 Folklore: Markt (zuhause erzählen wir nichts); so wird unser Kind riechen, voll nach Indien. Indischer Bub läuft durchs Bild.
25 In Deutschland mit Mama und Familie vorm Computer. Fotos von Hochzeit.
26 Info Schwangerschaft an die Familie.
27 Mark hat zum Vortäuschen der Schwangerschaft Monatsbäuche besorgt. Ehekrach, Nina will nicht so tun, als ob sie schwanger sei. Ich zieh so einen Faschingsscheiß nicht an.
28 Foto aus Indien.
29 Nina probiert den falschen Bauch an. Ehekrach wegen Bauch zieht sich minutenlang hin; sie fängt an zu saufen, betrinkt sich öffentlich, wird auffällig.
32 Nina offenbart sich der Kollegin; indische Frau bekommt mit meinen Eiern geschwängert vom Samen meines Mannes ein Baby. Aufklärung über Verbot in Deutschland, Strafbarkeit. Kollegin: Warum hast du mir das nicht gleich erzählt. Heulanfall von Nina, weil ich Angst hatte. Muss ausdiskutiert werden. Minutenlang. Theatralisch übertrieben. Ich will kein fremdes Kind, ich will mein Kind.
35 Nina mit dem Bauch an der Hand durch die deutsche Nacht, dazu Zitharklänge.
36 Trautes Gespräch von Nina und Mark über die Vergangenheit und die Beziehung im Bett. Minutenlang. Vielleicht kann man auch glücklich sein, wenn man nicht alles bekommt, was man sich wünscht.
38 Da schau her: Mark hat einen Beruf, arbeitet in einer Schreinerei. Die haben Ärger, stecken in der Scheiße.
38 Jetzt singt Julia Jentsch „der Mond ist aufgegangen“ am PC (immer müssen sie singen „Der Mond ist aufgegangen“, wenn sie nicht mehr weiter wissen in der Hochkultur).
39 Nina möchte zum ungeborenen Baby zurück nach Indien.
40 Skype mit der indischen Doktorin. I cannot hear you.
41 Nina besucht ihren Papa im schicken Landhaus, Architekturprunkstück aus Glas und Beton. Mir fehlt nur das Geld für die Reise. Beide hocken am Computer.
42 Nina mit ihrem Vater über das Geheimnis. Wiederholung: Gegensatz zwischen Kalifornien und Kalkutta in Bezug auf Leihmutterschaft.
43 Skype, Nina kann nicht mit der Leihutter sprechen. Ich hab keine Lust zu kochen.
44 Besprechung mit Mark, dass sie nach Indien zurück will. Ausgeschlossen, Geld verdienen, Arbeit machen. Ich hab das Geld. Du warst bei deinem Vater. Wir hatten eine Abmachung. Minutenlange Auseinandersetzung mit Mark über Reise nach Indien und die wirtschaftlichen Probleme. Theatralisch.
46 Nina verreist.
47 Nina ist wieder in Indien im Verkehrschaos, Taxe, Hupen, Stimmung, Hotel. Stromschlag.
49 Nina bringt Geschenke und einen Regenmantel in die Klinik und begegnet Shanti, der Leihmutter.
50/51 Shanti möchte gehen. Misstrauen. Shanti sei eine gute Leihmutter, sie möchte ihren Sohn sehen, sagt die Ärztin, die in Heidelberg studiert hat. Die Leihmutter wirkt verstört, unglücklich. (Das ist ein Culture-Clash, die reiche Deutsche mit ihren Geschenken und die verstörte Shanti, kurz wird der Film interessant.) Vielleicht könnte ich mich nützlich machen, ich bin Krankenschwester. Wir können immer Hilfe gebrauchen.
52 Nina arbeitet jetzt in der Klinik. Folkloreeinsprengsel. Shopping. Ein Fahrrad.
53 Nina auf dem Fahrrad im indischen Verkehrschaos.
54 Nina beobachtet Leihmütter, im Hintergrund, Tonspur: „der Mond ist aufgegangen“. Verkehrschaos. Tourismus-Folklore.
55 Nina hilft bei der Geburt von anderem Leihkind. Übertrieben. Viel Geschrei. Die Spender-Eltern schauen zu.
56 Glückliche Eltern halten ihr Kind von Leihmutter.
57 Folklore, Rikschas, Nina spaziert, Folklore, Tempelklänge, minutenlang und Flirt mit badendem Inder. Lehnt Anruf ab.
60 Telefon von Nina in Indien mit Mark in Deutschland über eine indische Göttin, die mit dem Thema zu tun hat, Menschenopfer. Sag mal, wo treibst du dich eigentlich rum, das gefällt mir gar nicht, dass du um diese Zeit alleine durch Kalkutta streifst. Keine Ahnung wo ich bin. Orientierungssinn abhanden, seit sie ihn kennt, er verfolgt ihre Handyortung am Computer, hilft ihr das Hotel suchen. Minutenlang.
63 Shanti wird vor Spital von ihrem Mann geschlagen. Nina greift ein. Ehekrach in indischem Straßenlärm. Folklore durch Verfolgung. Nina hinter Shanti und Mann her. Slum-Folklore. Müllfolklore. Minutenlang Elendsfolklore und Familiendrama in Slum.
65 Shanti hat Unterschrift von Mann gefälscht, er weiß von nichts.. Großer Gefühlsausbruch von Nina. (Da kommt immerhin ein Problem an den Tag, das ist kurzfristig spannend; ein Gewissenskonflikt deutet sich an). Wenn er es erfährt, wird er sie verstoßen und das Geld ist weg. Dann müssen wir jetzt zur Polizei gehen. Wir müssen sie als vermisst melden. Weiterer, gekonnt abgerufen gespielter Gefühlsausbruch von Julia Jentsch. Sie können jemanden nicht als vermisst melden, der noch nicht geboren ist. (Julia Jentsch hat immer den perfekten Gefühlsausbruch parat. Denn vom Film her sind die gar nicht vorbereitet.) Dann muss sie wieder ins Telefon heulsusen.
68 Und ich heul, weil ich nicht weiß, wo unsere Tochter ist.
69 Mutter von Mark möchte wißen, was los ist. Nina sucht Shanti gegen Trinkgelder. Folklore.
71 Mark trifft Nina in Indien mitten in Kalkutta. Wir müssen sie suchen. Lass uns mit ihrem Mann reden. Wir können nicht hier rumsitzen und nichts tun. Minutenlang.
73 Ich weiß jetzt wo Shantis Mann arbeitet. Suchen, Textilidustrie-Folklore, das sind zu viele.
74 Verfolgungsjagd Mann vonn Shanti.
75 Die Polizei im Haus von Shanti. Der Mann liegt am Boden und wird von Polizisten brutal mit den Füßen getreten.
76 Bakshish für den Polizisten.
77 Eisenbahnfahrt ins Dorf der Leihmutter, Folklore. Weißt du, was ich die ganze Zeit gedacht habe, was wenn unser Kind hier aufwachsen würde, wenn wir hier aufgewachsen wären. Minutenlang, Zug, Boot, Dorf.
78 Sie haben Shanti gefunden. Sie liegt krank auf dem Bett; Untersuchung durch Frau Doktor, die in Heidelberg studiert hat.
79 Notversorgung; Fruchtblase vor zwei Tagen geplatzt. Minutenlang, Shanti schreit.
80 Das Kind lebt noch (und wie füllen wir die letzten zehn Minuten des Filmes?)
81 Messer für Kaiserschnitt, drastisch,
82 Nina vor Hütte hält Baby in Arm.
83 Baby waschen, Baby schreit.
84 Die tote Mutter wird auf Boot gefahren; am Ufer sitzen Nina und Mark wie Maria und Josef mit Kind. Besinnliche, indisch angehauchte Musik setzt ein.
85 Auf deutschem Konsulat in Kalkutta Kind anmelden wollen. Plumpe Belehrung durch Konsularbeamten.
86 Kein Stempel. Leben Sie doch einfach weiter als Familie in Kalkutta.
87 Taxi, will nach Hause.

Dieser Fernseh-Themenfilme kann nicht glaubwürdig darstellen, warum eine gnaze Filmcrew für längere Zeit auf Kosten des Zwangsgebührenzahlers nach Indien fliegen muss, um dann jede Menge die Geschichte des Filmes und die Gedankenentwicklung zum Thema in keiner Weise förderndes Bildmaterial zu schießen.

Wenn es nämlich dem Sender allein um die Brisanz des Themas gegangen wäre, so wäre das viel billiger im Studio zu haben gewesen. Statt Reisen nach Indien hätte eine kurze Comciskizze oder eine Bildtafel genügt: Indien. Und die Gespräche von dort, die Szenen von dort hätten auch hier gespielt werden können, von mir aus im Sari. Dann hätten sich die Autoren auch gründlich mit den Figuren ihrer Portagonisten befassen und diese untersuchen und spannend gestalten können. Billiger und bequemer ist es aber, Indien-Folklore zu fotografieren statt Charakteranalyse von Hauptfiguren zu betreiben.

Oder sie machen einen richtigen Spielfilm draus, der in seiner Handlung, möglicherweise als ein Spannungsmittel eine Leihmutterschaft enthält.
So aber ist es halbe halbe und gar nichts, es wird viel zu viel überflüßig, stereotyp Bekanntes aus Indien erzählt, minutenlang, was mit der Thematik gar nichts zu tun hat, was nur erzählt, dass man auf Gebührenzahlerskosten in Indien gedreht habe.

Moral: hütet Euch vor Leihschwangerschaften in Kalkutta, es ist zu laut, zu folkloristisch, zu chaotisch, zu stressig dort, darum spende nie Deinen Samen oder Deine Eier einer indischen Leihmutter, denn diese sind unzuverlässig; sie betrügen ihre Ehemänner.

Fette Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers, der nicht nachvollziehen kann, warum er sich von seinem knappen Budget für derlei noch den Rundfunkbeitrag absparen soll.

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Ein SciFi-Roadmovie mit attraktivem, handverlesenem Team in das innerste der Gewissenheiten oder in eine zugemauerte Vergangenheit in einem unteridischen Stollen.

Anlass für diese filmkünstlerisch rundum stimmig erzählte Geschichte ist ein Vorfall von vor über 50 Jahren in der Schweiz, ein Unfall bei einem unteriridschen Atomversuch. Dort soll heute Jeanette Hain als Frau Dr. Marta Alina Recherchen anstellen im Auftrag eines Dr. Abramowitsch, Heinrich Rolfing mit schlohweißem Haar in einem utopischistisch-futuristisch gestylten Büro.

Wie überhaupt die Installationenen der Innenräume an Kunstinstallationen erinnern. Der Weg durch die verlassenenen Räumlichkeiten, Stollen, Experimentierräume, Lagerhallen ist wie eine Führung durch die Abteilung einer Dokumenta, die immer wieder unterbrochen wird von den Erinnerungen von Marta, oft ist sie dann ganz in signalrot gekleidet. Bei ihr müssen sich beim Aurora-Experiment vor zwei Jahren durch einen Sauerstoffmangel bedingt gewisse Differenzen zwischen der Wahrnehmung der realen Welt und der Echos, der Erinnerungen, entwickelt haben.

Schön, dass der Film von der Verleihfirma „Realficiton“ in die Kinos gebracht wird, besser könnte wahrscheinlich ein Film seinen eigenen Verleih nicht charakterisieren. Oder der Verleih seinen Film.

Der Film von Fosco Dubini, der mit Barbara Marx, Donatello Dubini und Heike Fink auch das Drehbuch geschrieben hat, fängt mit einem enormen Sog an, mit einem Kameraflug über einen Gletscher, der sich wie magisch dem Objekt des Interesses, dem Nabel dieses Filmes sozusagen, nähert, einer Gletschermühle, mit Öffnungen ins Innere der Erde, in ein Höhlensystem. Darunter sind Geheimnisse verborgen, eingemauert.

Was ist Realität? Wie wird Realität gebildet? Ist die Abbildung schon die Realität? Ist der Sohn von Marta nur Einbildung? Was hat es mit der Russin Natascha, Lilli Fichtern, und dem Forscher Dr. Cappa, Nikolai Kinski, auf sich?

Zwischen all der Philosophie, der Irrealität und Künstlichkeit meldet sich das Kreatürliche. Das Mann-Frau-Verhältnis wird virulent. Es wird wie nebenbei erledigt. Eine Kunstinstallation, die um die Frage dessen, was Realität ist, kreist, darum, was es mit vergrabenen Geheimnissen auf sich hat, wie der Mensch die Welt zerstört oder schützt, ob Verdrängung in dieser Hinsicht funktionieren kann.

Die Machart ist großes Kino, große Oper, aber in der Manier des Schweizer Understatements präsentiert, die zeigt, wie man auch mit bescheidenen Mitteln und mit einem exqusit ausgewählten und behandelten Ensemble, mit den ebenso gesuchten und gefundenen Locations, der Musik, der Sprachregie, einem sich ums Thema konzentrisch kreisenden Buch und der Charakteristisk der Figuren einen spannenden Film machen kann, dessen Bilder auch nach dem Screening einem noch durch den Kopf gehen und einen mit den philosophischen Fragen zurücklässt.

Oder handelt es sich doch mehr um eine stilistisch elegante Erörterung und reizvolle Spekulation vor brisantem Hintergrund?

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Anne Fontaine, die mit Pascal Bonitzer auch das Drehbuch nach dem Cartoon von Posy Simmonds geschrieben hat, hat sich schon mit Tage am Strand, Mein liebster Alptraum als gehobene, leicht satirische Gesellschaftsbetrachterin einen Namen gemacht; Ernsthaftigkeit ja, aber gegen den tierischen Ernst, ohne jede Vergötterung der Klassik, müsste man heute hinzfügen, denn „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert dürfte zum Autochthon zumindest der europäischen Literatur gehören, unverrückbar, immer wieder lesbar, immer wieder anregend.

Anne Fontaine versucht gar nicht erst den Klassiker mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Sie begibt sich auf die Ebene des Konsumenten, des Verehrers, des Literaturanbeters, der sich seines tristen Alltags enthebt, indem er in literarischen Höhen schwebt, alles um sich herum Literatur werden lässt – und ist doch ein ganz einfacher Bäcker und Brötchenbacker in der Normandie, Martin Joubert. Ihn spielt Fabrice Luchini, der schon beim Moliere auf dem Fahrrad http://www.filmjournalisten.de/2014/04/03/moliere-auf-dem-fahrrad/ sich in die Normandie zurückgezogen hat; man könnte fast von einer Rollenkontinuität sprechen; auch dort war er von der französischen Literatur begeistert, allerdings von Molière.

Neue Nachbarn bringen Abwechslung ins Leben der Jouberts. Das Ehepaar hat einen Sohn, der mit der Schule nich so viel anfangen kann. Schnell sieht der literaturbegeisterte Joubert in der hübschen Nachbarin aus England, Gemma Arterton als Gemma Bovery, Madame Bovary.

Gemmas Ehe ist langweilig; ihr Mann ein braver Restaurator. Mit dem Jungsproß aus dem benachbarten Schloss funkt es schnell und gewaltig. Joubert beobachtet das fassungslos. Er sieht großes Unglück auf Frau Bovery zukommen, denn im Roman endet es bitter und tödlich mit Arsen. Insofern ist der Begriff des Mäusegiftes, wenn er angesichts einer Ratte ins Spiel kommt, sofort gefährlich aufgeladen oder wenn Joubert Frau Bovery zeigt, wie man den Teig in der Bäckerei walkt, so ist das herrlichstse Bäcker-Literatur-Erotik, die uns Anne Fontaine augenzwinkernd serviert.

Das ist überhaupt ihre Grundhaltung in ihrer Erzählung: ich seh die Wirkung eines alten Klassikers selbst heute noch, aber möglicherweise nicht so, wie der Autor es beabsichtigt hat, ich möchte Euch vielleicht ermutigen, ihn mal wieder zu lesen, indem ich euch eine populärcinéastische Einführung gebe. Na ja, und an der Einsamkeit menschlicher Seelen ändert sich nicht viel, ob in der hohen Literatur oder in der Normandie.

Wenn Madame Bovery von einer Biene unter ihrem kurzen Sommerkleid gestochen wird und Monsieur Joubert in die aufregendste Verlegenheit kommt, ihr den Rock hinten aufzuknöpfen und wenn dann noch der Freund dazustößt, so erinnert das Bild an französische, erotische Karikaturen aus dem 18. Jahrhundert. Obwohl das ernste Thema, Tod als Resultat der Sehnsucht, dahinter steht.

Eine zugereiste Engländerin wünscht sich von Bovery, die Künstlerin ist, eine Wandbemalung zwischen Gianni Versace und Geisha-Style.

Die Literatur auf die Ebene der Alltagspraxis heruntergeholt. Da kann schon mal ein schöner Cupido in Brüche gehen.
Oder auch die Frage: imitiert jetzt das Leben die Kunst?

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Dass ich mich nach dem Screening dieses Filmes von Sebastian Dehnhardt (Klitschko) mehr für Basketball interessieren würde, kann ich nicht sagen. Trotzdem geht mir der Film noch durch den Kopf. Er zieht einen hinein in eine merkwürdige Doppelwelt, die Doppelwelt des Dirk Nowitzki, dessen Herkunft, sportlich wie privat im Fränkischen gründet, in Peutendorf im Pinzental und in Rattelsdorf in der Turnhalle, wo er früh als von niemandem trainierter Basketballspieler aufgefallen ist.

Seine heutige Doppelwelt besteht einerseits aus einem Leben als wichtigstem Star in der amerikanischen Basketballliga bei den Dallas Mavericks, die er 2011 nach Jahren des Aufs und des Abs zum Meister geschoßen hat. Eine laute, schrille Welt, in der es um viel Geld geht, um Medienbekanntheit und die sich mit merkwürdig unförmigen Majoretten und dicken Männern schmückt.

Andererseits der Spieler selbst, 2,16 Meter groß, ein Spieler wie ein großes Kind, ein Perfektionist, der übt und trainiert und den eine Niederlage, wie der Nichtgewinn oder frühes Ausscheiden in der Meisterschaft arg beuteln kann. Der privat und geschäftlich wenig Bewusstsein hat, der sich von einer Betrügerin hat die Liebe vorlügen lassen. Ein Artist, ein Künstler, den seine Kunst und wenn er sie perfektioniert, glücklich macht. Einer der nicht über das Später nachdenkt.

Er geht jetzt auf die vierzig zu. Er ist nicht scharf auf öffentlichen Auftritt ist. Aber um ihn wanzen sich die Promis, ob Obama oder Merkel. Alle wollen sie sich dekorieren mit so einem Ausnahmesportler. Der selbst bescheiden bleibt und meint, nun, er beherrsche vielleicht diese kleine Kunst, einen Ball aus verschiedenen Situationen mit großer Sicherheit in ein Körbchen mit Netz zu werfen, es gebe doch viele, viele andere Leute, die mit ähnlicher Sicherheit andere Künste beherrschen und um die nicht so viel Aufsehen gemacht wird.

Nowitzky ist nicht scharf auf Werbeverträge, er lehnt die meisten Angebote ab, er will nicht ein Imperium aufbauen wie vergleichbar berühmte deutsche Sportler. Er muss sich aber auch vom Arzt fragen lassen, er gehe jetzt auf die 40 zu, ob er ihm sagen könne, was an ihm noch intakt sei, welcher Knochen.

Nowitzky hat sogar ein Gagenminderung in Kauf genomme, damit sein Klub passende Spieler fürs Team dazukaufen konnte. Allerdings hat er einen großen Verrat begonnen. Noch ganz jung sollte er in Deutschland schon bei einem wichtigen Spiel mittun, da ist er über Nacht – und da kommt sein künstlerisches Alter Ego, sein Trainer Holger Gschwindner ins Spiel, der mit ihm statt dessen über Nacht in die USA geflogen ist, zum sogenannten Hoop Summit, einer Art Casting für junge Basketball-Talente, Dirk war da gerade 19, und ist dort sofort aufgefallen als Ausnahmetalent und holte sich den Einstieg in die amerikanische Liga. Das ist insofern verständlich, als die in Basketball wohl die besten sind und die Spieler sind auch alle sehr groß.

Dabei erfährt man im Film Interessantes über dieses Auswahlverfahren. Die Clubs können beim Summit Talente aus aller Welt sichten. Die Clubs dürfen dann in der umgekehrten Reihenfolge der Bestenliste sich für einen Spieler entscheiden. Die Dallas Mavericks waren mit Abstand der schwächste Club zu jenem Zeitpunkt – und die entschieden sich für Dirk. Eine Investition die sich über ein Jahrzehnt später mit dem Gewinn der Meistserschaft auszahlen sollte.

Der Background von Dirk ist der, dass seine Eltern sportlich aktiv waren, Vater Handballer, Mutter Basketballerin. Er aber als der kleinste in der Familie durfte sich die ersten Zeiten nur geistig damit beschäftigen durchs Zuschauen. Schauen schult offenbar. Da scheint sich bei ihm schon viel vorbereitet zu haben. Wie später Gschwindner ihn entdeckte und unter seine Fittiche nahm, kam auch die Verbindung zur Basketballtradition in Deutschland zustande, denn Gschwinder selber war einer von ihnen, der wiederum vom Begründer der Tradition in Deutschland geschult wurde. Dieser Lehrer sah eine Verbindung von Basketball und Jazz, er selbst spielte Jazz-Saxophon.

Gschwinder ist ein unkonventioneller Typ, einerseits wissenschaftlich, er hat Physik studiert, kann Flugbahnen berechnen, andererseits querdenkerisch mit dem erwiesenen Erfolg. Gschwindner selber ist clever genug, in diesem Film nicht zu viel von sich preis zu geben. Die beiden scheinen Idealisten zu sein, Geld ist nicht das entscheidende für sie, der schöne Wurf, der ungewöhnliche Wurf aus ungewöhnlicher Lage, der sichere Wurf, das sind die Werte, die sie in Bewegung halten, die sie vorantreiben. Künstler der Kunst und nicht Künstler der Vermarktung. Und als Stars nicht leicht zu kapern, zu korrumpieren und zu vereinnahmen. Das ist, was den Film so vereinnahmend macht.

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Mike Myers konfrontiert uns in diesem Film mit einer merkwürdig widersprüchlichen, in wenigen Szenen auch nachgestellten Hollywood-Realität; mit der kaputten Traumwelt der Erfolgreichen; es wird, obwohl nur 85 Minuten lang, fast unterträglich, das kaputte Hollywood von diesem einzigartigen Menschen Shep Gordon schwärmen zu hören, der offenbar die Menschlichkeit hat, die Hollywood fehlt, die die Kaputten zusammenhält, die ihnen Halt gibt.

Wobei Shep Gordon selber auch nur eine kaputte Kindheit zu kompensieren versucht; er litt unter seiner strengen, jüdischen Mutter, die seinen älteren Bruder gnadenlos bevorzugt hat, der war der Star, dessen Hund durfte in der Wohnung frei herumlaufen und den jüngeren Bruder beißen; wenn der mal ein Geld bekommen hatte, musste er es dem älteren Bruder geben. Shep scheint sein Leben lang versucht zu haben, eine heile Familie herzustellen. Aber er hatte Drogen, Alkohol, Frauen, Luxus; er ist mehr durch Zufall, so wie er es darstellt, zum Manager geworden, obwohl der Punkt, dass er sich in Hollywood ausgerechnet im berühmten Landmark Hotel aufgehalten hat, noch der Erhellung bedürfte.

Sie schwärmen von ihm als einem Menschen im jiddischen Sinne, einem absolut zuverlässigen und honorigen Menschen; andererseits erzählt er, wie skurpellos er vorgegangen ist, um seine Leute berühmt zu machen, um sie in die Schlagzeilen zu bringen; obwohl es doch vor allem Veaudeville-Effekte waren, also eher billige Show-Tricks, mit denen er arbeitete und dass er mit anderen Managern die Angst um den guten Ruf seiner Klienten nicht teilte; abgebrüht kalkuliert – dagegen diese unisono gerühmte Menschlichkeit, wie er viele Dinge ohne Gage getan hat.

Seine zuverlässigen Freundschaften mit den Stars, sein immer offenes Haus in Maui. Mit Menschlichkeit zum Ruhm? Gleichzeitig hat er aber seinen Klienten beim ersten Gespräch gesagt, er könne sie berühmt machen, aber wahrscheinlich würde er sie dadurch umbringen. Er wird als ein Mensch geschildert, der nie ein böses Wort verloren hat. Erst sehr spät hat er eine Rohkost-Apologetin geheiratet und er wollte Kinder, aber sie wollte sie nur natürlich gezeugt haben; das hat aber nicht funktioniert; also ging auch diese Geschichte auseinander; letztlich weiß er nicht, wem er sein offenbar beträchtliches Vermögen hinterlassen soll.

Eine für uns weit abgehobene Welt, eine fremde Welt, in der es offenbar nur um Geld und Reichtum geht – und in dieser einsamen Etage suchen sie unter sich etwas Menschlichkeit und finden sie beim Mephisto. Der das Gefühl hat, immer anderer Leute Leben gelebt zu haben, der sich im Rentenalter anfängt zu fragen, was er eigentlich wolle. Der sieht, dass es keinen Aspekt des Ruhmes gebe, der gesund sei.

Immerhin hat er oft ein erfrischendes Lachen, eine erstaunte Gackerlache, die sich unschuldig über sich selber wundern kann. Aus früheren Jahren gibt es Bilder, die wie ein Flash eine Teilmenge Ähnlichkeit mit dem russischen Oligarchen Fjodorowski suggerieren.

Hollywood hat viel Reichtum aber nicht mehr Menschlichkeit hervorgebracht, Quintessenz vielleicht dieses Filmes.

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Visionen der Realität? Damit meint Gustav Deutsch, der österreichische Filmemacher, zuerst Bildbetrachtung, genauer Nachinszenierung von 13 Bildern von Edward Hopper; als Bühnenbild, diese schier abstrakt reduzierten Formen von Wänden und Möbeln und Landschaften und auch der Menschen darin. Die man ewig anschauen möchte, könnte. Das Bühnenbild zum Film. Das ist meisterlich nachinszeniert.

Wenn man mit einem Führer durch ein Museum geht, so quasselt der ständig, erzählt Hintergründiges und Historisches, kunstgeschichtliche Vergleiche und Anekdotisches. Der kultivierte Betrachter ist also eine Stimme zu den Bildern gewohnt.

Hier betrachtet der Zuschauer 13 Bilder von Edward Hopper. Gustav Deutsch erzählt seine Geschichte dazu. Sie fängt 1931 an und hört 1963 auf. Eine Person geht durch die Geschichte. Es ist die Titelfigur Shirley, Schauspielerin. Sie betritt das Eisenbahnabteil des ersten Bildes, setzt sich hin wie eine Hopperfigur. Es sind richtiggehend Fauteils in diesem Zugabteil. Die Fenster sind milchweiß, undurchlässig. Der Zuschauer empfindet sich wie vor einer bemalten Mauer.

Shirley beginnt zu lesen. Geräusche sind zu hören von einer imaginären Außenwelt. Auch Musik gelegentlich. Sie hat ein Buch mit dem Titel Emmy Dickinson vor sich, wobei die ersten Buchstaben von Dickinson mit ihrem Finger verdeckt sind. Der Titel könnte eine leichte Abweichung sein. Man sitzt vor einem teilbelebten Hopperbild.

Zwischen den Bildern setzt der Österreicher Deutsch Schwarzbild ein. Dann kommt zuerst eine Datumsangabe. Meistens handelt es sich um den 28. August, 1931, 1939, 1952, dann folgt eine Ortsangabe, New York zum Beispiel oder Cape Code. Auf der Tonspur sind aktuelle Nachrichten eingespielt, Nixon eine der ersten.

Innerhalb der Szenen arbeitet Deutsch durchaus mit Lichtwechseln. Das verblüfft, nachdem bei Hopper doch die Beleuchtungen fix sind. Oder eine Tür geht auf, ein Fenster oder ein Schatten vorbeifliegender Vögel fällt auf eine weiße Wand.

Es ist ein dicht gewobener Teppich aus gut gemischten Ton-, Bild- und Spielelementen. Shirley hat einen Freund, Stephen. Der steht auch mal bei ihr. Raucht eine Zigarette. Oder setzt sich zu ihr, die sich lasziv auf das Bett drapiert hat mit sichtbarem Hintern. Er Interessiert sich aber nur für das Buch. Platons Politeia. Darin geht es ums das Sehen und das Licht. Aber den Hintern hinter sich, den sieht er nicht.

Wie immer man so eine Zusammenstellung raffiniert finden oder bewerten mag, es entsteht der Eindruck dieser Höhle, dieser Malerwand vor einem, hinter der sich nur eine Mauer befindet – während das Kino sonst alles andere vermuten lässt von Hoffnung und Leichtigkeit, von Durchblick und Durcheilen der Zeit, von Sichtbarmachung von Unsichtbarem. Hier nicht. Und trotz der systematischen Zeitangaben entsteht ein Eindruck von Zeitstillstand. Wie lange schaue ich ein Hopperbild an. In der Bildbetrachtung kann die Zeit stillstehen.

Und ist doch nicht die geringste dramatische Spannung eingebaut. Wartezeit im Kinosessel mit Shirley, die davon träumt, sich wieder dem Living Theatre, das durch Europa tourt, in Rom anzuschließen. Dazu verlässt der Film die Hopper-Bilderwelt, bedient sich nur noch abstrakter sich nach oben bewegender Schraffuren. Vorher war vom Virus der antiamerikanischen Umtriebe die Rede; Entsetzten darüber, dass Elia Kazan und John Cage Spitzel gewesen sein sollen.

Einmal veranstaltet Steve eine Fotosession mit Shirley. Wir hören nur seine Stimme und sehen ihre Posen. Oder die Szene im Kino in Albany. Es läuft ein französischer Film. Die Vorstellung hat eine lange Pause. Martin Luther King-Rede. Kino wie ein erratischer Block, wie einer Wand, wie eine Mauer, steht da, rührt sich nicht. Aber wenn so einer einem über den Weg läuft oder im Wege steht, muss man sich wohl mit ihm beschäftigen, Schauzwang, wie eingehend, das ist eine andere Frage.

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Eine Überdosis an kunstvoll gemachtem Comic über genderbedingte Obsessionen, Mann („das Feuer in sich fühlen“, „never let the monster out“), Frau (Engel und Hure bis hin zur Selbstverstümmelung), Macht mit den Insignien Geld, Frauen, Waffen und Gewalt und so was wie Liebe dabei, bei dem sich die Geschichte für den nicht Sin-City-Kundigen allerdings in dem langen Tunnel von über 100 Minuten in Schwarz-Weiß noch verdüsterndem 3D verunklart. So dass der Spaß an der schönen Machart bleibt, an hart herausgearbeiteten Männergesichtern, an nicht-humanem Chauffeur mit zerquetschtem Auge, an Fingerbrechen und rasanten Köpfungen, an brillanten Kartenspielereien, an die Haarfarbe pausenlos wechselnden, attraktiven Frauen und Gogo-Girls und an mit Pfeil und Bogen präzise schießenden Amazonen.

3D immer noch mit Schwierigkeiten, es verschwimmen die Bilder ineinander bei manchen Kämpfen, wenn die Kamera sich über lichtreflektierende Wasserlachen bewegt oder wenn massenhaft Geld aus dem Spielautomaten quillt.

Was machtbewusste Männer gar nicht ertragen können; wenn ein anderer ihn zum Narren macht, beim Spielen zum Beispiel.
Nach dem Einstecken von Schlägen: was du eben erlebt hast, das ist Macht, du wirst dich an mich erinnern. Show me who is the boss. You’d better be off dead Johnny, all you need is money. Something comes behind u, it smells all weary.

Hier geht es nicht um den Spaß an Individualität und Erotik. Hier geht es nur ums Gewinnen und Verlieren, um das Haben von Geld, Frauen, Macht, Waffen. Um ständigen Überlegbenskampf auf dem Hochseil der Macht gegen all die Angreifer. Eine gekonnte graphic Fotoshow, die durch 3D allerdings nicht gewinnt.

Und dann noch eine Träne für die Familie: but he was my son.
Dazu viele schöne, altbewährte Effekte von zersplitterndem, zersplittertem Glas und Spiegeln. Wobei, nicht alle Bilder haben die gleichreichhaltige Qualität an Lebendigkeit von Hintergrund und Struktur. Aber die Kolorierungen, die sind reizvoll und erinnerin an die Anfänge der Filmgeschichte, die rote Fahne in Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin. Insofern ist die Filmgeschichte heute nicht weiter als vor 100 Jahren.

Buch: Frank Miller. Regie: Frank Miller, Robert Rodriguez

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Die Zeiten werden härter. Und mit ihnen offenbar die Kinderfilme auch. Ein Film mit einem Kind in einer der Hauptrollen darf bestimmt ein Kinderfilm genannt werden. Es ist das Mädchen Manon, zehn Jahre alt. Sie lebt in ungeregelten Verhältnissen von Zivilibullen. Vater tot. Sie wird in einer Stierkampfarena, weil sie den Tod des Stieres nicht mitansehen will und vorschützt, Pipi machen zu müssen, Zeugin einer brutalen Exekution von russischen oder serbischen Killern. So wie Killer in mittelmäßigen Gangsterfilmen eben aussehen, so finster. Der Boss, Milan, das lässt auf Serbien schließen, will aber kein Risiko eingehen. Also muss das Mädchen gejagt werden. Und mit ihm die Cops. Das war möglicherweise als Actionfilm angedacht. Mutiert aber dadurch, dass diese Tötereien bald schon mitten ins Leben der Zivil- und Kindergesellschaft geraten zum Katastrophenfilm auf öffentlichen Plätzen, in der Stierkampfarena und im letzten Drittel des Filmes ausführlich im TGV.

Verfolgungsjagden und Schießereien werden von Fred Cavayé, der mit Guillaume Lemans auch das Buch nach einer Idee von Olivier Marchal geschrieben hat, breit exekutiert. Anfänglich in leer geräumten Gassen und Industriehallen. Ein Schauderfilm. Die Vorstellung macht schaudern, was in einem doppelstöckigen TGV zwischen Marseille und Aix so alles passieren kann. Und alles wegen einem Kind, das etwas gesehen hat.

Die Ausführenden sind typische Filmmännergesichter, Gangster- und Copgesichter. Der Hauptcop Simon wirkt wie aus einem altmodischen Film. Er ist im TGV unterwegs, um Manon und seine Freundin in Sicherheit zu bringen. Allerdings haben die Gangster Wind davon bekommen. Denn einer von ihnen hat eine vorhergehende, genüsslich auf schauderhafte getrimmte Szene in einem Krankenhaus überlebt. Er hing dort am Tropf und Simon musste zu rabiaten Mitteln greifen, Luft in die Infusion, um eine Info aus dem Ganoven rauszukriegen. Während der Kollege von Simon die Aufpasser an einem Kaffeeautomaten ablenkt.

Zum Glück hat der Kollege von Simon mitgekriegt, dass die Gangster auch den Zug genommen haben. Und nimmt mit dem Polizeiauto eigenwillig die Verfolgung des TGV auf. Im TGV und nachdem er gestoppt ist, kommt es zu viel Schnauferei und Schießerei und Balgerei. Was ein Kind in so einem Film heutzutage alles aushalten muss. Hier können wir jedenfalls keine deutsche Filmförderung oder Fernsehanstalt für das schwache Buch in die Pflicht nehmen, denn es handelt sich um einen französischen Film.

Dafür, dass der Regisseur außerdem die Schauspieler nicht einen Millimeter über ihnen liebgewordene Berufsroutinen hinaus gefordert hat, auch nicht. Es scheint, er habe beabsichtigt, einen besonders spannenden Action-, Verfolgungs- und Schießereifilm machen zu wollen.

Der Titel scheint mir überambitioniert, spricht er doch von Schuld, von „meiner Schuld“. Das ist die des Kollegen, der vor einer Dienstfahrt noch vergessen hatte, das Geschenk für seine Tochter mitzunehmen. Deswegen sind sie später losgefahren und in einen anderen Wagen geknallt; Resultat 3 Tote, 2 Erwachsene und 1 Kind. Dieser Film soll womöglich eine Art Traumaverarbeitung dieses Crashs sein. Das scheint die Idee dahinter.

Der Film arbeitet pausenlos, vermutlich aus Gründen bescheidener finanzieller Ausstattung mit Halbnahen, die gerne den Geschichtsfaden, der sowieso nur brockenweise und fragmentarisch erkennbar ist, zusätzlich überlagern. Es wird wenig Mühe darauf gelegt, den Figuren klare und unterscheidbare Identitäten (und auch Namen!) zu geben. Der Autor scheint davon auszugehen, dass die dem Zuschauer so bekannt sind wie ihm. Ein garantiert einnahmenmindernder Irrtum.

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Sönke Wortmann ist sich für nichts zu schön. Vor einiger Zeit hat er ohne mit der Wimper zu zucken den Regieauftrag für „die Päpstin“ übernommen, nachdem die Produktion unfairerweise Volker Schlöndorff wegen eines Zeitungsinterviews geschasst hatte. Jetzt macht er aus dem schauderlichen Drehbuchdurcheinander, welches der Produzent (Drehbuchschreiben ist keine Kunst, solange es Bestseller gibt; das ist leicht verdientes Nebenbei-Geld) Oliver Berben zusammengebastelt hat, einen noch schauderlicheren, fettigen FilmStampfMampf, dass einen die Kinoübelkeit übermannt.

Herauszulesen aus dieser fernsehasthmatischen Bienenoptik ist, dass es in Charlottes Roches Roman, der dem Drehbuch zugrunde liegt, durchaus um ernste Themen geht: um Liebe, Tod und Sex, um Verlustängste, Urängste, auch um die Freiheit, sich nichts bieten zu lassen und nebenbei noch um ein bisschen Liebeshygiene und um therapeutische Behandlung, also um all die kleinen Ärgernisse, die das Leben gerade nicht so schön erscheinen lassen, wie man es gerne hätte, die aber Menschen, wie Wortmann sie inszeniert, wirklich nur als Ärgernisse sehen, nie aber existentiell, so ernst wird hier nicht an Figuren gearbeitet. Insofern sind es lauter Herrenmenschen, denen das Leben eh nichts anhaben kann; denn alles ist bewältigbar, auch der Tod.

Ein weiteres, überflüßiges und belangloses Hochförderprodukt, wie es nur im Pfründenland gedeihen kann, wo keiner Drehbüher lesen will noch kann, wo nur die Namen und die Höhe der Gagen der Stars und des Regisseurs als Qualitätsmerkmale blanco genommen werden.

Und jeder Angefragte ist glücklich, in so einem Mampf mittun, resp. mitkassieren zu dürfen. Jürgen Vogel als der Ehemann Georg von Lavinia Wilson als Elizabeth. Er ist immer glaubwürdig, er behauptet mit seinen Rollen die entsprechenden Positionen. Nächster Name, wenn wir schon am Droppen sind, Juliane Köhler. Sie dürfte sich in ihrer Rollenvorbereitung nebst dem Textmemorieren darauf beschränkt haben, für jede Szene, die sie als Psychiatrin abzuliefern hat, eine etwas andere Sitzhaltung herauszufinden, tiefer ging ihrer Recherche ihrer Figur offenbar nicht. Das könnte, wenn es denn preisgegeben würde, eine eklatante Diskrepanz zwischen Resultat und Gage (auch aus Zwangsgebühren) offenbar werden lassen.

Der eindrücklichste Satz, der in diesem fetten Brei aus Sprache und Musik gesetzt worden ist: „Das ist ne Original-Kinderleiche aus dem Schwarzwald“. Da hat einer an seinem Satz gearbeitet. Ob das der Regie bewusst war? Wenn ja, dann dürfte diese sprachliche Herausgehobenheit des Satzes als Ansatzpunkt zur Selbstinterpretation des Filmes gelesen werden.

Die Themen sind ernsthaft. Auf dem Weg zu Elizabeths Hochzeit mit dem Vater ihres Kindes verunglückt Elizabeths Mutter, gerät mit deren drei Geschwistern in eine Massenkarambolage, die Geschwister sterben, die Mutter wird schwer verletzt. Szenen von unmittelbar nach dem Massenunfall, noch bevor der Tanklaster explodiert, erinnern an Kriegsszenen aus dem Nahen Osten.

Dummerweise sieht Elizabeth Fotos von dem Unfall in den Zeitungen. Das löst Ängstträume in ihr aus und auch eine Wut auf die Medien. Das Medienbashing, das eröffnet den Film. Sie sieht sich als Terroristin und ballert eine ganze Redaktion nieder. Jedoch fängt gleich nach dieser verheißungsvollen Eröffnungssequenz der große Storytelling-Verhau an: die Besuche bei der Psychiatrin, beim Anwalt (zum dauernden Ändern des Testaments), die Besuche mit Georg im Bordell (um Sexualität zu Dritt zu erfahren), Würmer im Analbereich, die Flashbacks zu früher, die Zusammentreffen mit dem Vater ihrer Tochter, Robert Gwisdek als Stefan (der einmal mehr als besonders ernsthafter und rollenreflektiert Schauspieler auffällt) und Szenen mit ihrer Tochter wechseln, damit sie sich halt abwechseln.

Als Koproduzenten haben sich bei diesem StampfMampf keinen guten Ruf gemacht: die öffentlich-rechtlichen Zwangsgebühren-Treuhänder
WDR, Intendant Tom Buhrow
ARTE, Präsidentin Véronique Cayla

und die Filmförderer

Film- und Medienstiftung NRW, Geschäftsführerin Petra Müller, Vorsitzende Aufsichtsrat: Dr. Frauke Gerlach
FFF Bayern, Geschäftsführer Prof. Dr. Klaus Schäfer; Vorsitzende des Aufsichtsrates Staatsministerin Ilse Aigner
Deutscher Filmförderfonds DFFF, Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters
Filmförderungsanstalt FFA, Vorstand Peter Dinges
Fette Rote Karte des Zwangsgebührenentrichters (der allmählich gegen das staatlicher Fördern von so schwachen Drehbüchern Guerillakämpferfantasien entwickelt wie Elizabeth im Film).

Die Rosinen im Film dürften einige Orignalsprüche aus dem Roman von Charlotte Roche sein:
Ich habe mehr Neurosen als andere Frauen Schuhe.
Glücklich nur beim Sex.
Der Tod liegt immer zwischen mir und meinem Mann im Bett.
Fick mich ins Leben zurück.
Es ist schwer für mich, Sex zu haben, ohne an Alice Schwarzer zu denken.

Die Heizdecke gibt’s zum Finale.

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