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Heute ein angenehmes Übergewicht europäischen Kinos, aber auch die beiden amerikanischen Filme brauchen sich nicht verstecken. Polnisch-französisch ist eine extrem ziselierte Holocaustaufarbeitungsgeschichte, knallhart die Erfolgsstory eines amerikanischen Burgerbraters, doppelbödig ist der skandinavische Beitrag, zwei komödiantische Bearbeitungen des Migrationsthemas kommen aus Frankreich und ein sensationelles Boxer-Comeback aus den USA.

PARADIES
Eine hochkünstlerisch-ästhetisch-akademische Variante der Holocaustaufarbeitung, die zu denkendem Betrachten zwingt.

THE FOUNDER
Am Anfang der Erfolgsstory von McDonalds steht eine Bestellung von 8 schweren Mixern aus San Bernadino nähe L.A.; später geht es wenig zimperlich weiter.

ROSEMARI
Eine doppelbödige Stand-in-Geschichte über die Lebenslüge einer Nordländerin.

EIN DORF SIEHT SCHWARZ
Es spricht für eine geglückte Integration, wenn sie so humorvoll erzählt werden kann.

ALLES UNTER KONTROLLE
Ein gradliniger Polizist, der auf Beförderung hofft, droht in den Krümmungen der Flüchtlings- und Abschiebepolitik hängen zu bleiben.

BLEED FOR THIS
Comeback eines Boxers nach Genickbruch: it is a gamble.

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Aus der schauderhaften Holocaust-Geschichte pickt Andrey Konchalovskiy, der mit Elena Kiseleva auch das Drehbuch geschrieben hat, drei Schicksale heraus, die miteinander Verknüpfungen aufweisen und breitet diese drei hypothetischen Figuren in der Art eine Dokumentation, in der sie bis nach ihrem Tod Interviews in eine Super-8-Kamera geben, vor uns detailgenau aus.

Der Untertext, die Alltäglichkeit oder Banalität des Bösen, ist bekannt: jeder ist ein Mensch und ist nur ein Rädchen in einem monströsen Vernichtungswerk.

Konchalovskiy dreht den Film in Schwarz-Weiß, so dass die Spielszenen, die Situationen aus dem Leben der drei Personen zeigen, ebenfalls dokumentarischen Charakter erhalten, dazwischen geschnitten die Interviews, die Monologe, die direkte Ansprache ans Publikum im Sinne der eigenen Handlungsbegründung. Es handelt sich durchs Band um Menschen, die in einem bestimmten Bereich reflektierte Menschen sind.

Die Spielszenen sind mit großer Meisterschaft und ruhiger Kamera verhalten aufgenommen; was da passiert, ist teils grauenhaft genug und begründet schon aus sich heraus, dass das Thema immer wieder erinnert werden muss.

Konchalovskiy bietet einen erstklassigen cineastischen Beitrag, der sich deutlich von der üblichen deutschen Holocaust-Verarbeitungsindustrie abhebt und der nachhallt. Er hat für die drei Figuren Schauspieler ausgesucht, deren Gesichter nicht kinoverbrannt sind und zwar aus drei Ländern.

Olga (Yuliya Vysotskaya), exilrussische Aristokratin, Moderedakteurin bei Vogue, die in Paris verhaftet wird und im KZ landet, weil sie zwei jüdische Kinder versteckt hat. Helmut (Christian Clauss) ein deutscher Adeliger, der in preussischer Diszipliniertheit das KZ Dachau auf Vordermann bringt, der aber Olga aus Goldenen Zeiten aus Italien kennt. Jules (Philippe Duquesne), ein französischer Polizeiinspektor, der unter der deutschen Besatzung brav weiter Dienst schiebt, gut lebt, sich chauffieren lässt und ein herrschaftliches Haus sein eigen nennt, nebst Frau und Sohn, mit dem er gerne Ausflüge in den Forst macht.

Jules ist als erster mit Olga beschäftigt, soll sie ins KZ schicken. Er hat allerdings keine Skrupel, sich von ihr verführen zu lassen, sie zu einem Nachtessen einzuladen. Sein patriotisches Herz muss in einer kleinen Kammer schlagen. Aber er ist stolz darauf, kein Nazi, sondern Polizist zu sein.

Im KZ entdeckt Helmut sie. Er kämpft dort gegen die allgegenwärtige Korruption. Die ist nicht zu bekämpfen; das wird deutlich in der Kleiderkammer, in welcher die Gefangenen Häftlingskleidungen und -gegenstände sortieren müssen, was die sich alles selber einstecken, es dürfe nur nicht auffällig viel werden.

Helmut kommandiert Olga zu sich als Haushaltshilfe und pflegt das Verhältnis zu ihr. Er trifft seinen früheren Kumpel Vogel (Jakob Diehl), den der Krieg lädiert hat und der schier durchdreht. Mit ihm schaut er gemeinsam Fotos an in einem Fotoalbum vom Ukraine-Feldzug. Vogel selbst hat die Bilder geschossen.

Ds gibt auch Fotostrecken im liebevollen Album von Krause (Peter Kurth), der die Scheusslichkeit im KZ, Leichenberge, festhält. Krause regt sich auf über defekte oder schlecht funktionierende Öfen.

Ganz ohne Hoffnung entlässt uns Konchalovskiy nicht aus seinem bannenden Film, es kommt eine Flucht für Olga ins Gespräch und es nahen schon die Flugzeuge der Alliierten.

Auch nach ihrem Ableben im Film erzählen Olga, Jules und Helmut weiter aus ihrem Leben. Ein Faszinosum dieses Filmes, was ihn uns allerdings nicht unbedingt leicht zugänglich macht, ist die Mischung aus synthetischer Figurkonstruktion (die sich aus gründlichen Recherchen über die Zeit ergeben habe) und dem dokumentarischen Erzählduktus; das gibt dem Film eine wie schwebende, non-aggressive Künstlichkeit zur Erhellung dieser Details aus dem Holocaust, erhebt sie in einen reinen Erkenntnisbereich noch vor dem Impetus, im Zuschauer Schuldzuweisungen oder Gegengefühle hochkommen zu lassen. Konchalovskiy will den Geist beschäftigen und nicht die leicht entzündbare Emotion.

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Es gibt die Tüftler und die skrupellosen Unternehmer. Für einen Erfolg wie die Schaffung der Fast-Food-Welt-Marke McDonalds mit Milliardenumsätzen braucht es beides.

Dieser Film von John Lee Hancock (Saving Mr. Banks) nach dem Drehbuch von Robert D. Siegel (Turbo) ist keine Werbung für die Fast-Food-Kette.

Der Film beansprucht, und dürfte es grosso modo auch sein: die illustrierte Nacherzählung dieser Erfolgsgeschichte, die bereits zur Zeit des 2. Weltkrieges 1940 beginnt.

Die beiden Brüder Mac und Dick McDonald (John Carroll Lynch und Nick Offerman), zwei liebenswürdige, aber anspruchsvolle und reelle Tüftler, erfinden das erste Schnellrestaurant. Nicht länger als 30 Sekunden soll es dauern, bis die Bestellung eines Hamburgers, einer Portion Pommes und eines Softdrinks über die Theke geht.

Diese Entwicklung schildert der Film als ein spannendes Stück Erfindergeschichte, wie die Beiden auf einem Tennisplatz mit Kreide die Dimensionen des Verkaufsraumes markieren und genau überlegen, was wo anzuordnen ist, wie sie die Bewegungsabläufe des Personals, damit es aneinander vorbeikommt, tänzerisch ausprobieren.

Der Laden wird ein Hit. Doch der Film heißt „der Gründer“ und zielt dabei auf Ray Kroc (mit Michael Keaton als Spitzenbesetzung), der zu dem Zeitpunkt ein mehr oder weniger erfolgloser Handelsvertreter von Mixern und vom Klappstuhl über Pappbecher mit allem, was sich anbietet, zugange ist.

Kroc ist irritiert, dass ein Kunde in San Bernadino in der Nähe von L.A. erst sechs und dann sogar acht dieser unförmigen, schweren Mixer bestellt. Es dürfte sein Geschäftsinstinkt sein, der ihm rät, schnell mal dort vorbeizuschauen. Seine Überraschung und Begeisterung sind enorm. Das ist 1954 und er selbst um die 50.

Sein Geschäftsgeist erwacht, die Idee der Franchise ist geboren. Aber, die Tüftler davon zu überzeugen wird nicht einfach, sie wollen die Qualitätskontrolle nicht aus der Hand geben. Gleichzeitig ist der Vertrag für Ray, den er mit den Brüdern schließt, nicht besonders gut, sein Haus muss er verpfänden und trotz steigenden Erfolges der Kette und ständigen Neugründungen steht ihm das Wasser bis zum Hals.

Bis ein junger Mann, der ein Gespräch mit seinem Bankberater mithört, auf die Idee kommt, mit dem Kauf von Gründstücken und dem Errichten und Vermieten der Filialen ein Geschäft zu machen. Von da an geht es rasant bergauf. Die Ehe geht in Brüche. Das Vertrauen zu den McDonalds auch. Es zeigt sich, dass Kroc ein mit allen Wassern gewaschenes Arschloch, ein professioneller Blutsauger ist, nur Geschäft, Geschäft und scheiß auf einen Handschlag. Bis er den beiden Brüdern sogar den Namen abluchst, für diese ein wahres Drama (Er ist ein Fuchs im Hühnerstall und wir haben ihn reingelassen).

Das Amerika, was Träume vom Reichtum und Erfolg wahr werden lässt, was aber auch einen Trump ermöglicht. Nicht zum Bewundern. Der Film zeigt das in schöner Klarheit. Die deutsche Synchro ist dem Fast-Food-Prinzip angepasst.

Schön, ja museal, und detailreich sind im Film die damaligen Kommunikationstechniken geschildert, allein, was an Münzeinwurf für ein Telefongespräch an die Westküste nötig ist. Auf seinen mäßig erfolgreichen Vertretertouren hat Ray eine Schallplatte dabei, die von der Kraft des Positiven als einem Mittel zum Erfolg handelt.

Nicht nur Ray, auch alle anderen Schauspieler sind prima Besetzungen und spielen sachdienlich. Einmal im Film geht Ray ins Kino und schaut sich Die Die Faust im Nacken von Elia Kazan an; wobei der Film wohl eher als historische Wegmarke zu sehen ist. Die Erzählung wird mit weich-lüpfiger Musik unterlegt, so, wie die Mayo zum Hamburger gehört.

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In diesem Spielfilm von Sara Johnson erhält der Begriff Stand-In plötzlich eine doppelte Bedeutung und in dieser existenziell schalkhaften Tiefgang, wie ihre zweite Protagonistin, die Journalistin Unn Tove (Tuva Novotny), eine Dokumentation über die hier zu recherchierende Geschichte machen lässt.

Bei ihrer Hochzeit mit ihrer nicht biologischen Liebe findet die Journalistin als Braut auf der Toilette ein eben entbundenes Baby. 15 Jahre später ist sie selber Mutter von zwei munteren Töchterchen, ist aber etwas frustriert; Bronté Wuthering Heigths, wie vielseitig empfohlen, kann ihr nicht helfen. Midlife-Crisis.

Da taucht ein Mädel vor ihrem Haus auf (Ruby Dagnall), ob sie ein Gärtnerpraktikum machen könne. Es wird sich herausstellen, dass es sich um eben jenes Findelkind von Unn Toves Hochzeit handelt, Rosemari. Die sucht nach ihren wahren Eltern, nach ihrer Geschichte.

Die Filmemacherin Sara Johnson benutzt dieses Leitmotiv, um in unspektakulärer Weise in der Art eines Homevideos, das den Figuren Zeit zu sein und bei sich zu sein lässt, dieses aber auch keinesfalls zelebriert, schräge Spots auf existentielle Grundkonstanten wie Zeugung, Identität, Liebe, Pornographie, (und wohl auch den Sinn des Lebens wie seiner Lächerlichkeit und zufälligen Beliebigkeit) zu werfen. Denn Rosemari ist keinesfalls das Produkt echter Liebe, ist alles andere als ein Wunschkind. Es sind immer wieder überraschende Entdeckungen, die das burschikose Mädel, das keine Jungfrau mehr ist, macht.

Die Chefredakteurin des Lokalsenders, Hilder (Laila Goody), die hält den Laden, der diese Recherche-Produktion stemmt, die weit über den Bereich des norwegischen Lokalsenders hinausgeht, mit einer Art mütterlicher Jovialität zusammen.

Vermutlich ist es kein Zufall, dass Rosemaris Adoptivvater, der mit seiner Frau eine Gärtnerei betreibt, stumm ist. Die deutsche Synchro hört sich an, als habe sie vorher Halsschmeichler genommen, zu vermuten, dass sie bei der unaufgeregten Schrägheit dieser Perspektiven, was ist das Leben, was bin ich, keinen Lachanfall bekommen haben, also die haben sozusagen zusammengehalten mit dem Vorbild.

Trotzdem wirkt der Film wie breitfüßiger Watschel-Alltag; dadurch aber umso mehr als eine ganz persönliche, intime Geschichte, bei all ihrem Erfindungsreichtum. Hier begegnen sich das Messer einer Hochzeitstorte und eine nicht gekappte Nabelschnur mit einer Selbstverständlichkeit, als seien sie füreinander konstruiert und bestimmt.

Lediglich für einen Provinz-Lokal-TV-Sender produziert. Auch das kommt 100pro stimmig rüber, nicht der geringste Ansatz, dass Sara Johnson sich in den Himmel der Filmkunst verirrt hätte. Wodurch sie diesem noch einen Schritt näher kommt. Im Film selber kommt auch ein Filmpreis vor, auch der in merkwürdigem und nicht intendiertem Zusammenhang. Noch so ein schalkhafter Spot auf die Hochkultur, auf das aufgeblasene Vorgeben von Größe und Wichtigkeit, und dabei die elementare Frage, was ist der Mensch, das Produkt wovon? – das Produkt eines doch reichlich banalen Vorganges.

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Nur keine Panik.

In robuster Machart im Sinne kinderzeichnungshaft vereinfachender Erinnerung erzählt Kamini Zantoko eine Geschichte aus seiner Kindheit in einem Dorf im farblosen, monotonen Norden Frankreichs.

Seine Erlebnisse sind eingegangen in das Drehbuch von Julien Rambaldi und Benoît Graffin. Rambaldi hat auch die Regie geführt. Zantoko gibt sich erst gegen Ende per voice-over als der Ich-Erzähler zu erkennen.

Es ist die Geschichte einer schwierigen Integration, die aus der Tube „Glück- und guter Ausgang garantiert“ erzählt wird, die den realen Verzweiflungen dahinter komödiantisch die Schärfe und das Unangenehme nimmt.

Im Zentrum seiner Erzählung steht Vater Seyolog, der in Marc Zinga eine vereinnahmend positive Besetzung gefunden hat. Dieser stammt aus Zaire, macht 1975 seinen Abschluss in Medizin in Lille und erhält gleich ein Angebot, am Hofe von Mobutu Leibarzt zu werden.

Seyolo kann das nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, einem korrupten Diktator zu dienen und dafür mit einem luxuriösen Leben belohnt zu werden. Er nimmt das Angebot des Bürgermeisters von Marly-Gomont an, dort die Stelle des Arztes zu übernehmen, in dem Dorf, in dem die Trottel prächtig gedeihen, wie der Bürgermeister an einer Stelle sagt. Denn kein Franzose will da hin.

Allerdings haben die Einwohner bis anhin noch nie einen Schwarzen gesehen. Dass er sich als Arzt bewähren muss, hat mit der politischen Situation zu tun; die Wiederwahl des Bürgermeisters (Jean-Benoît Ugeux) hängt davon ab, dass endlich die medizinische Versorgung im wenig begehrten Ort sichergestellt ist.

Insofern hat sein Herausforderer Lavigne (Jonathan Lambert) allen Grund, Interesse am Scheitern dieses Versuches zu haben.

Seyolo holt sofort seine Familie aus Zaire nach, seine Frau Anne (Aissa Maiga) und seine beiden Kinder Sivi und Kamini. Für diese ein Kulturschock – sie haben Paris verstanden. Es türmen sich vor der Familie die erwartbaren Hindernisse und das Misstrauen auf. Allerdings wird das nicht klischiert erzählt, sondern beruhend auf den Dingen, die sich zugetragen haben, wodurch die Geschichte Individualität gewinnt.

Es kumulieren sich die schwierigen Situationen, die Dorfbewohner boykottieren den neuen Arzt trotz seiner Anbiederungsversuche mit Slang-Fetzen, Dart-Spielen und Trinken, er arbeitet sogar bei einem Bauern, um Geld zu verdienen.

Es muss jetzt ein Wunder pasieren, dass sich für ihn etwas ändert. Ein Notfall. Eine Frau bekommt eine Frühgeburt. Ins Spital zu fahren, ist es zu spät. Seyolo, der nur selten die Contenance verliert, muss ran. Das wird eine groteske Nummer, wie die misstrauische Frau voller Trotz und Schimpf dem Arzt gegenüber ist und er versucht, diese Negativ-Energien in Pressenergien umzuwandeln.

Die Erzählweise, die in jedem Moment klar macht, dass es gut enden wird, ist vielleicht selbst ein Mittel, die Schmerzen dieser Geschichte rückblickend zu lindern, gerade auch das Komische und das Groteske zu sehen.

Wenn die Verwandtschaft der Zantokos aus Brüssel (vornehmlich aufgedonnerte Arbeitslose!) ins Dorf einfällt wie ein fremdes Heer und den Weihnachtsgottesdienst aufmischt, ist schwarze Komik garantiert. Richtig böses Blut entsteht nicht. Das macht glaubhaft, dass die Geschichte dieser Integration gut ausgegangen ist, indem sie entgiftet erzählt werden kann, dass das Anekdotische sich verselbständigt, dass die Geschichte als eine Geschichte sichtbar bleibt ohne die Widerhaken des Realismus zu zeigen, dass die Zantokos mit ihrer Geschichte und Integration versöhnt sind und daraus kein Revenge- oder Opferkapital schlagen wollen.

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PR-Hilfe von Donald Trump: der Abwurf der Mutter aller Bomben hat Afghanistan wieder in den Blick gerückt.

Dass das Thema Abschiebung Stoff für eine rabenschwarze Komödie hergeben kann, das lässt dieser Film von Philippe de Chauveron (Monsieur Claude und seine Töchter) spüren.

Karzaoui (Medi Sadoun), der nicht Karzaoui zu sein behauptet, soll nach Afghanistan abgeschoben werden. Der Grund dafür ist der, dass er mit den Papieren von Karzaoui aufgegriffen wurde. Dieser hat Ähnlichkeit mit dem Mann auf den Papieren. Allerdings hat er diese einem Obdachlosen geklaut, der die alte Frau niedergeschlagen hat, weswegen er jetzt ausgewiesen werden soll.

Der vorgebliche Karzaoui ist jedoch ein papierloser Algerier, der sich illegal in Frankreich aufhält. Und der soll nach Afghanistan abgeschoben werden. Das ist allerdings nicht die Perspektive und der Grund, das zu erzählen. Hauptfigur ist der Polizist José Fernandez (Ary Abittan), ein zugewanderter Franzose, der davon träumt, zur Feuerbekämpfung befördert zu werden.

Sein Job mit den Abschiebeflügen wird informativ vorneweg gezeigt. Das führt zu Misstrauen von seiner Frau Maria (Reem Kherici), weil der Kollege Guy Berthier (Cyril Lecomte) die Reisen und Übernachtungen zwischen den Flügen für das Vergnügen mit Hostessen benutzen will. Da kann José, der ein gutaussehender, viriler Mann ist, nicht Nein sagen und versucht, sich mit dem Begrifff „Subliminalbild“ bei seiner Maria herauszureden.

Wobei Josés Hauptcharakteristik die ist, wie der Titel sagt, alles unter Kontrolle zu haben. Er muss nur noch mit Guy zusammen den schwierigen Karzaoui nach Afghanistan bugsieren und dann steht seiner Beförderung zur BRB, der Brandbekämpfungsbrigade, nichts mehr im Wege.

Außer den Problemen mit dieser einen Abschiebung. Turbulenzen kündigt schon der Wetterbericht an. Der Kapitän spricht von „Rock n Roll“, später fällt der Satz „es turbuliert“. Die dadurch bedingte Zwischenlandung in Malta bringt jede Menge weiterer Turbulenzen und Verführungen und Ausbruchschancen für Karzaoui und ein Luxushotel mit Sprachstudentinnen aus aller Welt.

Diese Hindernisse arbeitet de Chauveron schön ab. Das wirkt wie ein Pflichtprogramm, vielleicht nimmt de Chauveron das Thema für eine schwarze Komödie nicht ernst genug, versucht zu sehr die Klamotte zu bedienen, Klamotte vor ernstem Hintergrund, ohne allerdings allzugenau die Charaktere und die Konsequenzen einzelner Vorgänge zu untersuchen.

Wobei Jose überzeugt als der Mann, der alles richtig machen will. Später wird er eine einschneidende Erfahrung macht, indem er als Bootsflüchtling ohne Papiere vor Lampedusa aufgefischt wird und das routinierte Prozedere der Flüchtlingsaufnahme selber erleiden muss. In solchen Momenten entwickelt das Denken des Autorenfilmers abgründiges Komödienpotential, wenn es um das Spiel mit den Identitäten geht, darum, dass Ausweispapiere den Menschen ausmachen und was die Folgen sein können, wenn er solche nicht hat oder die falschen.

Sympathisch wirkt José auch dadurch, dass er unbedingt seine Maria, die ihn längst aus der Wohnung mit dem Buben rausgeschmissen hat, zurückhaben will. Auch da ist er konsequent und ein gradliniger Charakter. Das ist gut gedacht, eine gradlinige Figur in das Zentrum von lauter krummen Handlungen zu setzen.

Drastische Beschreibung der Folgen eines Drohnenangriffes in Afghanistan: Mutter ist platt wie ein Panini. Schöner Satz eines Afrikaners über die Afrikaner: on circule, wir sind immer unterwegs!

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Andockpunkt für mich an diesen Film von Ben Younger war der Schluss seiner stark vereinfachten Close-Up-Nachillustration eines der wohl phänomenalsten Comebacks in der Box- und gewiss auch der Sportgeschichte, die Rückkehr von Vinny Pazienza (Miles Teller) in den Boxring und sogar als Sieger.

Das Statement, was er nach diesem Comback-Sieg einer Reporterin sagt, dass das eben nicht schwierig war, sondern einzig üben, üben, üben und dass all die Leute, die meinten, nach einem Genickbruch, den er bei einem Autounfall erlebt hat, sei ein Comeback gar nicht mehr möglich, dass die den Wiedereinstieg so zum Vornherein verunmöglicht hätten.

Es ist ein Film gegen Abwiegler und Bedenkenträger, gegn Pessimisten und Leute, die Hindernisse sehen und nicht den Weg, speziell in einer Sparte, in welcher hartes und konsequentes Training das A und das O ist.

Ben Younger hat die Geschichte gemäß Vinnys Motto einfach gestrickt, hat ganz auf die kinematographische Darstellung von Konflikten verzichtet, hat das Kino in seiner Eigenschaft als Bilderaneinanderreihung eingesetzt, wodurch der Pfeffer erst am Schluss auf die Geschichte gestreut wird, wenn die Originalfiguren gezeigt werden, das Brennen und der Siegerwillen in den Augen des realen Vinny Pazienza, von dem bei Miles Teller wenig zu spüren ist, auch wenn die Maske ihn gut als sein Original hergerichtet hat.

Während die Figuren um ihn herum, Vater, Trainer, Manager gut mit den einfachen Vorbildern konkurrieren können. Younger zeigt viel Familienleben, eine rege Italianità und da er Spannung mittels Nahaufnahmen zu erzeugen sucht, wirkt es gelegentlich, als befinde sich die Kamera mitten in den Spaghettitellern.

Die Geschichte hat groteske Elemente, das „Halo“, eine Art mittelalterliches Gerüst, wie der Originalarzt am Schluss erklärt, das muss Vinny monatelang um Kopf, Schultern und Oberkörper tragen, damit sein Hals sich nicht bewegt, der Kopf stabil bleibt, und das scheint mit Schrauben am Kopf angepresst und wird bei der Abnahme blutige Stellen hinterlassen. Dass er bei unvorsichtigen Bewegungen damit an Gegenstände anstößt und aufschreit, ist zwingend.

Ebenso sensationell ist, dass er bei seinem Comeback drei Gewichtsklassen höher boxt. Dabei geht die kinoaffine Taktik auf, den Zuschauer zum Parteigänger von Vinny zu machen, indem er Leidensweg und eigenwillige Reha, nah miterlebt, und beim Kampf am stark beschallten Ende mitbebt und hofft, das er gewinnt. It is simple. Nach diesem Motto hat Younger seine Story vereinfacht.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang 1988. Vinny war ein Spieler. Auch das wird lediglich illustriert und nicht thematisiert. It is a gamble, der Satz gilt aber nicht nur für den Spieltisch, sondern auch für den Versuch seines Comebacks. Die Welt als Wille und Spiel.

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Dreimal Politisches: in England vor Gericht einem Holocaustleugner die Show verderben, in den USA die Voraussetzungen zum Civil War schaffen und im Hinblick auf die Bundestagswahl das BGE diskutieren; zweimal Unpolitisches: Abenteurertum und Goldrush in Indonesien sowie eine Franchise aus den USA; eine Hollywood-Gaunerkomödie zeigt, was passiert, wenn die Gesellschaft sich nicht um die Alten kümmert; zweimal versuchen Filmemacher aus dem Schatten ihrer Väter herauszutreten: der Sohn eines Nobelpreisträgers und die Tochter aus einer berühmten Tanzcompagnie; außerdem treibt eine Hollywoodgröße der eigene Schatten, das Nachrufproblem um. Das Fernsehen mühte sich fruchtlos an den Themen Regierungssitz am Obersalzberg und Flüchtlinge ab.

Kino
VERLEUGNUNG
Dem Holocaustleugner vor Gericht richtig schön einschenken.

THE BIRTH OF A NATION – AUFSTAND ZUR FREIHEIT
Tief in die Gefühlsschichten von Unterdrückung und Keimen des Widerstandes im Süden der USA.

FREE LUNCH SOCIETY
Wie viele werden sich bei Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens in die Hängematte legen?

GOLD
Nur die wildeste Spekulation ist für einen Abenteurertyp wild genug.

FAST & FURIOUS 8
Das Vertrauen in die Familie wird auf eine harte Probe gestellt mit kollosalen, kollateralen Autoschäden.

ABGANG MIT STIL
Die Schärfe dieses Hollywood-Repertoire-Stückes liegt nicht in der Verpackung, sondern in der Message, die auch bei uns gilt.

40 TAGE IN DER WÜSTE
können ein Vater-Sohn-Problem eindrücklich bebildern, aber nicht lösen.

DANCING BEETHOVEN
Was die Rosette der Kathedrale von Lausanne und Béjarts Choreographie gemeinsam haben.

ZU GUTER LETZT
Auch wenn Shirley McLane es nicht wahrhaben will, ein Nachruf ist und bleibt eine schön geschminkte Mumie.

TV
HITLER UND DIE KINDER VOM OBERSALZBERG
Wühlkiste Nazizeit, immer wieder für Produktionsgelder gut.

TATORT FRANKEN: AM ENDE GEHT MAN NACKT
Das Flüchtlingsproblem ist offenbar auch am Fernsehen nicht in Griff zu kriegen.

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Der Muskelmann und Draufgänger als Familienmensch. Er tut alles für die Familie. Bei ihm heißt, die Familie retten, gleichzeitig auch die Welt retten. Die Welt rettet er nicht aus politischen, sondern aus familiären Gründen. Der Muskelmann ist primär Privatmensch, möchte am liebsten seine Ruhe haben und mit Familie und Freunden auf dem Dachgarten eine gute Zeit verbringen, inklusive Tischgebet.

Der Muskelmann ist kein Weltveränderer, er ist ein Weltretter. Er lebt für den Traum von Balkonien oder vom Schrebergarten, von der intakten Familie. Familie, das heißt Vertrauen und Geborgenheit und für den kleinen Frühstückseinkauf in Havanna ein Baguette und eine rote Rose in der Einkaufstasche.

Just das familiäre Urvertrauen wird in der 8. Folge dieser irrsinnig erfolgreichen Reihe, dieser Franchise, wie das genannt wird, arg strapaziert. Denn die Produzenten wollen nicht nur ein erfolgreiches Produkt auf den Markt werfen, sie wollen auch noch Freude haben daran, sie wollen jeden Anflug von Routine, sprich Langeweile, vermeiden. Dafür sorgen hier Drehbuchautor Chris Morgan (Vatican Tapes) auf Basis der Charaktere von Gary Scott Thompson in der Regie von F. Gary Gray (Straight outta Compton).

Wobei sie auf die Grundelemente des Erfolgsmixes nicht verzichten, diese Mischung aus Familienmenschentum und waghalsiger Action mit rekordverdächtiger Autoschredderei. Aber sie fügen dem bewährten Cast neue Figuren hinzu und sie setzen den Familiengedanken einer harten Prüfung aus. Das wird ihn allerdings am Schluss, und dass es gut ausgeht, darf ruhig verraten werden, nur noch mehr festzurren. Wer Krisen überwindet, findet erst zum Wertvollen und Schätzenswerten.

Die Krise in der Beziehung von Dominic Toretto (Vin Diesel) und Letty (Michelle Rodriguez) wird ausgelöst durch Cipher (Charlize Theron), einer blonden, langrastasträhnigen Sphinx mit dem Auge Gottes. Sie ist ein weiblicher Oberbösewicht, der in einem Palast von Flugzeug um die Welt kreist und Herrscherin der Internetüberwachung und des Hackens ist: kein Punkt im Internet, der ihr nicht zugänglich, keine Überwachungskamera, bei der sie nicht mitschaut, kein Auto mit Elektronik, in die sie nicht eindringen kann.

Cipher sieht sich als das Krokodil am Wassertümpel. Sie strebt aus Verantwortungsgefühl, wie sie sagt, die Weltherrschaft an. Es fehlen ihr dazu drei Komponenten. Die zu beschaffen engagiert sie Dom. Das kapiert nun keiner aus seiner Umgebung oder aus seiner Truppe. Denn er schlägt sich hiermit auf die Seite des Feindes.

Die Beschaffung der einzelnen Komponenten ist nur mit heftigster Action, vor allem Autoverfolgungsjagden aller Arten, zu bewerkstelligen, dem Element des Filmes, das zwischen den Dialogszenen, in denen die Familie explizit immer wieder vorkommt, dem Zuschauer schier den Kinosessel unterm Hintern wegzuziehen drot.

Auch das gehört zur Franchise, dass die Macher sich immer wieder neue Action einfallen lassen; um den Koffer mit den Codes dem russischen Außenminister zu entreißen, wird Cipher den Befehl geben lass es regnen, gemeint sind nicht etwa Frösche wie in Magnolia, ganz so künstlerisch ist der tricky Einfall nicht, eher Symbol einer außer Rand und Band geratenden IT-Vernetzungswelt.

Mit zum Abenteuerelement gehört, dass die Geheimdienstler bei diesen besonderen Aufträgen immer streng geheim unterwegs sind, dass die Aufträge gar nicht existieren und dass im Falle eines Misslingens mit keinerlei Schutz der Behörde zu rechnen ist. Bezeichnenderweise nennt sich der Chef Niemand (Kurt Russel), sein Assistent wird sein Weniger genannt und die Zentrale inklusive eines einzigartigen Automuseums liegt im Nirgendwo.

Der Film fängt originell und lebenslustig in Havanna an (Autoverfolgungsjagd und Schredderaction mit rotglühenden Motoren; aber auch das passiert für die Familie, für den Cousin), sucht die ganze Erdoberfläche ab, macht Zwischenhalte in Berlin (gut für Abrissbirnen-Autoschredderaction), New York und landet schließlich in Vladovin im eiskalten Sibirien, wo die Filmemacher den Darstellern schöne Ausschnaufräuchlein computeranimiert hinzufügen.

Zum Typischen dieser Franchise gehören auch die immer wieder eingestreuten lockeren Sprüche, dann prügle ich ihm seine 3-Tages-Muschi aus dem Gesicht, oder er will ihm die Zähne so weit in den Rachen hauen, dass er sie über den Arsch putzen muss. Die deutsche Synchro ist der Deezenz solcher Sprüche angemessen.

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In diesem Film von Mark Pellington nach dem Drehbuch von Stuart Ross Fin mag es sich um eine Doppelung von Plot und Intention der mitproduzierenden Schauspielerin Shirley MacLaine handeln: vorsichtshalber schon mal die endgültige Hommage an sich selber inszenieren. Alles im Griff haben über das Leben hinaus.

Das ist die Charakterisierung von Harriet Lauler (Shirley MacLaine), der Protagonistin. Sie hat eine erfolgreiche Werbeagentur betrieben, weil sie immer alles unter Kontrolle hatte, bis auf die menschlichen Beziehungen. Das hatte zur Folge, dass sie zwar reich ist, aber in einem herrschaftlichen Haus mit Personal unterschiedlichster Herkunft einsam da hockt. Leeres, sinnloses Leben einer alten Frau.

Als Hilferuf kippt sie einen Tablettenmix zu Alkohol und wird ins Spital eingeliefert. Ihr fallen Nachrufe von Verstorbenen in die Hände. Sie regt sich auf, wie doch alles gelogen sei. Die sterben, sind offenbar alles nur brave, liebe, unersetzliche, altruistische Menschen gewesen.

Sie sucht das Mädel bei der Lokalzeitung Bristol Gazette auf, das für die Nachrufe zuständig ist, Anne Shermann (Amanda Seyfried). Damit hat sie auch für den Film eine schauspielerisch ebenbürtige Partnerin und somit das Hauptpfund, warum sich der Film anzuschauen lohnt, das ist die Schauspielerei. Mich faszinieren besonders altgewordene Stars, die eine einmalige Souveränität an den Tag legen.

Um aus dem Duo ein Trio Infernal zu machen, wird ein Ausbund an sozialer Vernachlässigung, ein schwarzes Mädel, hinzuengagiert, Brenda (Ann Jewel Lee Dixon). Die drei können sich aufmachen, die Welt zu verbessern, vor allem die Voraussetzungen für einen ehrlichen Nachruf für Harriet zu schaffen: zu all den Menschen, die zu ihr nichts Gutes sagen können, wieder einen Draht aufzubauen: Ex-Ehemann, Tochter, Firma und mit dem Kümmern um das Mädel noch eine gute Tat getan zu haben, die positive Nachrufqualitäten aufweist.

Beim Lokalradio KOXA heuert die Alte als DJ mit ihrer Plattensammlung an, ein altersorigineller Einfall. Im Kino ‚Highland‘ laufen gerade die Filme Gods of Egypt, „Deadpool“ und ein Kung-Fu-Film, was im Zusammenhang mit dem Nachrufthema oder der moralischen Aufforderung „Lebe Dein Leben“ und dass der Mensch Fehler mache und daraus lernen soll, interpretationsbedürftig bleibt.

KitKat und MacDonalds tragen mit prägnanten Auftritten zum Budget des Filmes bei. Das ist sinnig, denn nicht anders als wie Fast-Food oder Schockolade geht die Versöhnung innerhalb der Familie schnell und unproblematisch vor sich, als sei nie was gewesen. Man könnte vermuten: geschönt. Just so, wie Harriet die Nachrufe nicht haben will.

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