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Eigentor des Ulrich Wilhelm.

Als ARD-Sprecher fordert der BR-Intendant Ulrich Wilhelm eine Erhöhung der Haushaltszwangsgebühr zur Finanzierung des Gemeinschaftswerkes öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Mit diesem schludrig hingerotzten Serienteil „München Grill“ grätscht er selbst diametral gegen seine eigene Forderung. Mit so einem Belanglos-Gebührenabzockteil kann er keine Glaubwürdigkeit für seine Forderung herstellen. Im Gegenteil, er entzieht ihr den Boden, wenn er des Schauspiels unkundige Kabarettisten (eh schon die Manchester-Kapitalisten unter den Künstlern) als Schauspieler lausig dilettierend (und einem Stadtpfarrer als Laiendarsteller) und schlecht geprobt noch dazu (wird sogar thematisiert!) Zwangsgebühren abkassieren lässt. Solche minderwertigen TV-Produkte schreien förmlich nach Zwangsgebührenreduktion. Sie bieten Nahrung jenen Stimmen, die die gänzliche Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verlangen. So eine Sendung rechtfertigt keinerlei Zwangsgebühren mehr.

Nervende Zupfmusik, abgelutscht, weil nicht ein Hauch der Energie davon im Spiel. Einfaltseinfälle. Schauspielerisch: das, was man unter schlechtem Bauerntheater versteht, Überbetonungen, Fehlbedeutung, übertrieben dargebotene kleine Sätze.

Gar nicht begründeter Konflikt zwischen zwei Frauen (die ansatzweise natürlich spielende Christine Eixenberger als Fanny, die steif agierende Christine Neubauer als Toni). Dann Promis, denen man beim Abgreifen von Zwangsgebührengeldern zuschauen darf.

Weil das Stück so schwach geschrieben ist, sollen Kabarettisten Zuschauer anlocken oder als bekannte Gesichter wenigstens die Zuschauer am Wegsterben hindern. Christian Springer, der offenkundig Mühe hat, sich selbst zu spielen und Pfarrer Schießler, der in seiner Gemeinde genügend Familien kennen dürfte, denen es schwer fällt, von einem mageren Haushaltsbudget den sozial unfair erhobenen Zwangsgebührenbeitrag abzuknapsen, sie greifen hier herzhaft zu. Als weitere Zwangsgebührenabgreifer sind angekündigt: Marianne Sägebrecht, Andreas Giebel, Uschi Glas, Max Schmidt und Sigi Zimmerschied. Die denken sich wohl gar nichts dabei – oder nur ans Geld.

Der verschlossene Hermes macht dieses ganze Augenzwinkerspiel mit dem Zuschauer nicht mit und kommt in solchen Momenten glaubwürdig rüber, hat aber mit Banalsätzen wie „Pass auf...“ seine Mühe.

Kabarettist Springer sagt seine Sätze dem Schauspiellaien Schießler besonders deutlich, damit der reagieren kann. Das Ensemble stolpert sich durch TV-Banalsätze.

Der Zuschauer darf hier einem Pfründen-Establishment, das Vitamin-B-Beziehungen zur BR-Redaktion (Elmar Jaeger) hat, beim holprigen, künstlerisch und demokratisch wertlosem Abgreifen von Zwangsgebührengeldern zuschauen; das Zwischengeschäft macht eine Firma namens mecom fiction (Produzentin Heike Richter-Karst).

Das Produkt macht erschreckend deutlich, dass München durch den Wirtschafts-Boom und die Vertreibungen dank hoher Mieten künstlerisch-kreativ am Ausbluten ist.

Dann eine hochdramatische Szene über die Herkunft von Hermes.

Kaum ein natürlicher Ton, Blick oder Geste.
Weitere Folgen schauen wäre Masochismus.

Es geht um Festplatte und Speicher und eine Lokalrenovierung. Auch soll ein Regisseur zu einer Besprechung kommen – der wird an der Tür abgewimmelt: das spart eine Schauspielergage.

Die Kripo kommt.

Immerhin gibt es eine Anleitung, wie Daten auf Handy und Computer in der Küche effizient gelöscht werden können.

Künstlerisch ist so ein Machwerk in keiner Weise zu rechtfertigen.
(Zu sehen war vorab eine Rohfassung ohne Titel und ungemischt – in der Sendung dürfte es weichgewaschener daherkommen).

Franz Xaver Bogner hat seinen Zenit deutlich überschritten. Dass er sich so einen unerträglichen Abgang leistet. Sieht und hört er überhaupt noch richtig?

Kabarettisten ohne Gewissen kassieren Zwangsgebühren ab, als ob ihnen nicht bewusst sei, dass diese ungerecht zu Lasten einkommensschwacher Schichten erhoben werden; bereichern sich an der Armut. Und der Pfarrer Schießler ebenso.

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Jeder zieht seinen Schuh durch: Der Respeunt sein Überleben mit der mobilen Beatmungsmaschine (gegen die Schulmedizin). Die UNESCO die Umsiedlung der Bewohner der schwimmenden Dörfer. Der Tibeter seine Identität im Exil. Der integre Spitzenanwalt die Anklage gegen sich selbst. Der Staat seine Sturheit gegen die Psychiatrierevolution. Der Spuk sich selbst. Die finnische Flunkerfamilie das Flunkern. Die turbokapitalistische Geschäftphilosophie gegen baskische Starrköpfigkeit. Das russische Ärzte-Ehepaar die Ehe. Mit dem Rolls Royce von Elvis auf den Spuren des amerikanischen Traums. Der Doku-Weltreise-Tourist seine Suche nach Nachhaltigkeit. Die Amis ihren Patriotismus gegen den Terror. Die Erinnerung das Coming-of-Age in Sacramento. Die freie Pädagogik die Vorschule im Wald. Der Autor seine Sexpraktiken. Im Fernsehen hat die Kommissarin Kopf und Verstand verloren.

Kino
SOLANGE ICH ATME
Ein herber Schlag für die Schulmedizin: der Patient atmet und atmet noch Jahre, nachdem er nach deren Diagnose längst hätte tot sein müssen.

FAREWELL HALONG
Die vietnamesische Regierung hält die Umsiedlungspolitik für erfolgreich. In der Dokumentation sieht es anders aus.

PAWO
Eine Doublette zu Petzolds Transit.

ROMAN J. ISRAEL, ESQ.
Klasse Figurstudie eines unangepassten Anwaltes.

SPK KOMPLEX
Lange noch nicht in trockenen Tüchern!

GHOST STORIES
Very british, very sophisticated – die Moritat vom Monstermann.

MATTI & SAMI UND DIE 3 GRÖSSTEN FEHLER DES UNIVERSUMS
Fehler des Universums ist eine Umschreibung für Schwindelei; aber der Nachwuchs lernt schnell.

DIE PARISERIN – AUFTRAG BASKENLAND
Erfolgreiche Geschäftsfrau beißt im Baskenland auf Granit.

ARRHYTHMIA
Lieben wir uns, lieben wir uns nicht? Besser nochmal nachfragen.

THE KING – MIT ELVIS DURCH AMERIKA
Auf der Suche nach Amerikas Größe.

ZEIT FÜR UTOPIEN
Überall auf der Welt gedeiht der Genossenschafts- und Nachhaltigkeitsgdanke.

STRONGER
Der Patriotismus überwuchert bald schon ein anfänglich physisch-dichtes Kino zum Boston-Marathon.

LADY BIRD
Der Film wird wegen der „Me-Too“ und weil er von einer Frau ist, überbewertet.

KINDHEIT – BARNDOM
Waldkindergärten haben etwas Faszinierendes; aber wenn die Dokumentaristin zu unruhig mittendrin ist, verändert sich etwas.

DIE HAUT DER ANDEREN
Deutsch-elitäre In-Menschen und ihre gestörten Sexleben.

TV
TATORT: ICH TÖTE NIE
Dass die Kommissarin gar nichts vom Gesinnungsumfeld ihres Loverboy-Kollegen mitgekriegt haben soll, lässt sie dumpf aussehen.

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Russische Ärzteehe.

Oleg (Aleksandr Yatsenko) und Katja (Irina Gorbacheva) sind Ärzte in einer russischen Provinzstadt und sind miteinander verheiratet. Sie arbeitet im Spital in der Notaufnahme, er ist der begleitende Arzt bei einem Krankenwagenteam. Sie wohnen gemeinsam in einem Plattenbau.

Irina stammt selbst aus einer Ärztefamilie. Der Geburtstag ihres Vaters Mischa auf einer Datsche lässt das vermuten, denn in der Laudatio auf ihn ist die Rede von viel Blut (und Scheiße), die er in seinem Beruf ertragen müsse.

Oleg liebt es, dem Alkohol zuzusprechen. Und da ist er nicht der einzige in seinem Team. Seine Behandlungsmethoden sind „robust“ zu nennen. Bei der ersten Einsatzszene ist nicht ganz klar, ob es sich möglicherweise bei diesem Film von Boris Khlebnikov, der mit Natalya Meshchaninova auch das Drehbuch geschrieben hat, um eine Satire oder Persiflage handelt.

Wobei die Patientin eindeutig eine eingebildete Kranke ist, die wegen jeder Kleinigkeit den Notarzt ruft. So muss das Team erfinderisch sein, um sie wenigstens für einige Tage ruhig zu stellen. Oleg gibt ihr eine Kugel für eine Spielzeugpistole, die sie zwei Tage lang unter der Zunge halten müsse. Und er will sie ein Formular unterschreiben lassen, dass sie damit einverstanden sei, bei Einlieferung ins Spital kahl rasiert zu werden.

So kann er wenigstens diese überflüssige Massnahme verhindern. Dafür gibt es eine Beschwerde. Beschwerden werden offenbar im russischen Gesundheitssystem ernst genommen. Er wird zu seinem Chef zitiert. Der drückt alle möglichen Augen zu, muss aber der Form halber etwas Schriftliches haben. Zu Olegs Gunsten.

Gleichzeitig kriselts in der Ehe von Oleg und Katja. Katja will die Scheidung einreichen. Sie informiert Oleg per SMS. Oleg nimmt das nicht so richtig ernst. Er glaubt sich ihrer sicher zu sein und nimmt sie für selbstverständlich. So klebt er an ihr. Sie ist nicht brutal, sagt, er könne vorerst in der Wohnung bleiben, müsse aber in der Küche schlafen und sich eine neue Bleibe suchen, auch sie werde ausziehen.

Einen neuen Impuls in die schleifende Situation bringt einer neuer Chef. Er will frischen Wind ins Ambulanzwesen tragen, will die Vorschriften durchsetzen, überaus bürokratisch, die längst schon in Kraft sind, hier aber nie praktiziert wurden. Der Dispatcher soll die Einsätze optimieren. Die Teams sollen nicht mehr nach dem gesunden Menschenverstand arbeiten. Das führt zu Konflikten, zu absurden Situationen – und auch zu möglicherweise vermeidbaren Todesfällen. Das wird am Thema „der menschliche Faktor“ diskutiert.

Katja ist zunächst konsequent in ihrem Willen, sich scheiden zu lassen. Bei einer augelassenen Fete in ihrer Wohnung mit den Arbeitskollegen, kommen sie und Oleg sich wieder näher. Und ein, zwei Twists später erkennen sie, dass sie sich brauchen und lieben; das Leben ist sonst eh traurig genug, das Leben in der russischen Provinz.

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Brisant. Brisant.

Das ist ja alles nicht erledigt. Da gab es 1970 an der Uni Heidelberg einen Dr. Wolfgang Huber, der Medizin und Philosophie studiert hatte und der – im Schwunge der 68er Bewegung – neue Wege in der Psychiatrie suchte, und dabei den Philosophen Hegel einsetzte (welcher einem abhörenden Verfasssungsschützer Kopfweh verursachte, wie dieser heute lachend gesteht).

Raus aus den Irrenanstalten, weg von der grundsätzlichen Situation des Patienten als eines Gefangenen hin zu einer partnerschaftlichen Beziehung. Dies wurde modellhaft im sozialistischen Patientenkollektiv SPK ausprobiert, ein vielversprechender und bisherige Hierarchien in der Psychiatrie in Frage stellender Ansatz.

Zu revolutionär wie sich herausstellte. Das SPK hatte ein Gebäude in Heidelberg besetzt. Dieses lag direkt der Polizei gegenüber (aktive gegenseitige Beobachtung). Es kam allerdings zu einer Vermenung politischer Aktivitäten und revolutionär- psychiatrischer Ansätze. Es scheint, dass der Innere Kreis der SPK an der Entstehung der RAF nicht unbeteiligt war, der Umwandlung des studentischen Protestes von Sit-In’s, Teach-In-’s, Hausbesetzungen und den Straßendemos zum bewaffneten Kampf.

Eine unselige Allianz. Die schließlich dazu führte, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Razzien, Verhaftungen, Prozesse speziell gegen Wolfgang Huber und seine Frau. Diese endeten mit langjährigen Haftstrafen und Aberkennung der Approbation. Seine Frau sei 2013 gestorben. Wolfgang Huber scheint noch zu leben, unbekannten Aufenthaltes. Ober er seine Forschung weiterbetreibt? Ob er Bücher schreibt?

Das ist in Kürze das Bild, was sich in diesem sorgfältig recherchierten und zusammengefügten Film von Gerd Koske ergibt. Man muss sich zuerst dran gewöhnen, dass er seine Interviewpartner, die er heute aufsucht, alles Akteure von damals rund um das SPK, nie mit diesen Hinweisschildern, die Name und Beruf angeben, versieht. Man muss sich also darauf konzentrieren, was Sache ist, was diese Leute sagen. Es sind ehemalige Polizisten, SPK-Mitglieder, RAF-Mitglieder, Patienten, Journalisten, Gefängnismitarbeiter, Anwälte, Richter. Dazu Ausschnitte aus Originalprotokollen, Zeitungstexten, Flugblättern, Tonmitschnitten sowie Bildmaterial: Film, Fotos und Dias.

Brisant, brisant ist auch ein Besuch in der JVA Stuttgart. Beim Hofgang und mit Blick auf die Zellenwaben schallen laute Männerstimmen über den Hof, ein Radau wie in einem außer Rand und Band geratenen Zoo. Die Gefangenen rütteln an den Fenstern zum Hof. Sie haben das Filmteam entdeckt, ein Lärm wie aus Urtiefen und „Allahu Akbar“ mittendrin. Menschen wegsperren, hm, saust einem der Gedanke durch den Kopf, hm, moderner Strafvollzug? Wie viele Menschen sitzen allein wegen Schwarzfahrens hinter Gittern?

Brisant, brisant ist der Film auch hinsichtlich eines aktuellen Gesetzesentwurfes in Bayern, laut dem psychisch Kranke wie Strafgefangene behandelt werden sollen, zu lesen beispielsweise bei ze.tt.

Es geht im Film von Gerd Koske um Argumente und Dokumente. Originaltöne von damals spielt er ein, dabei sind Wiedergabegeräte aus jener Zeit zu sehen oder ein leerer Hörsal. Die Studenten wollten die Welt verändern. Sie wollten sie verbessern. Wenn auch sehr pauschal. Schuld an den untragbaren Zuständen (wozu auch unaufgearbeitete Nazizeit sowie Kader von damals, die ungehindert weiter auf Positionen waren, gehörte) war pauschal die Gesellschaft, auch schuld für die Krankheit der Menschen.

Sind wir heute weiter in der Auseinandersetzung? Was macht die junge, wache Generation? Ist die zufrieden mit dem, was sie vorfindet? Sieht sie vielfältigere Chancen im Gegensatz zur Jugend der 70er? Es gibt immer noch Gefängnisse und geschlossene, psychiatrische Anstalten. Lässt die junge Generation ihre Energie im Internet ab? Oder findet sie alles paradiesisch? Dabei sei der grundsätzlich solidarische Ansatz von damals heute nicht mehr da.

„Das System hat uns krank gemacht: geben wir dem kranken System den Todesstoß!“ SPK 1970.

„Mit Leuten, die interniert sind, kann es kein therapeutisches Verhältnis geben; nur Machtverhältnisse.“

„Viel gute Arbeit, viel Intelligenz und überbordender Zeitgeist, schade dass sie die Klinik nicht mehr hinkriegten; dafür kriegten alle ihre Rechnung auf ihre Art, alle.“

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Gestörte Sexualität.

In knappen, ballastbefreiten Szenenskizzen präsentiert Thomas Stiller in intellektualistischer Manier modern kaputte In-Menschen und Paarungen aus dem deutschen Kulturbereich.

Marc Deville (Oliver Mommsen) ist Erfolgsautor und Masturbator (holt sich 25 mal täglich einen runter und sei ein mittelmäßiger Schriftsteller in seiner eigenen Diktion). Seine Sexpartnerinnen erträgt er nur über Bildschirmkontakt, sei es über Internet oder dass seine Verehrerinnen, die er auch mal bei einer Lesung aufliest, im Hotelzimmer nebenan sich ausziehen müssen, was er sich per Kamera auf einen Bildschirm in sein Zimmer daneben übertragen lässt; dabei befriedigt er sich selber, rubbelt sich blutig.

Hautkontakt und Hautnähe erträgt er nicht. In seine eigene Wohnung lässt er außer Handwerkern niemanden rein, meint sein Verleger und Lektor. Seine Bücher, das zeigt ein Ausschnitt aus einer Lesung, strotzen vor schleimig-glitschiger, sexualisiserter Provokationsprosa, so dass er es gewohnt ist, dass Zuhörer den Raum verlassen.

Justine (Isabel Thierauch) ist von ihm und seinem Buch „Fleischpfade“ fasziniert. Sie ist elitär mit dem Theaterregisseur und Brutalo (und Imker) Eric (Torsten Michaelis) verheiratet. Ihre Sex-Beziehung beinhaltet Schläge von ihm, Gewalt, gar eine Plastiktüte über den Kopf. Ihr Körper ist mit Blutergüssen übersät.

Justine arbeitet in einer Klinik. Im Garten ihres Bungalows steht ein Stadel. Der ist eingerichtet wie ein morbides Museum für Jagdtrophäen, wobei es sich eher um Fundstücke handelt. Mittendrin ein Ledersessel, auf dem sie sich befriedigt, wenn ihr Mann auf Theaterprobe ist. Ein besonders guter Regisseur scheint er nicht zu sein, wie Probenausschnitte zeigen. Romeo und Julia ist bei ihm auf die erwachende Sexualität reduziert.

Wie auf einem Präsentierteller serviert Stiller fein-säuberlich herausfilettiert die Sex-Verhaltensweisen dieser deutschen Elitemenschen. Und wie die Modelle doch in Frage gestellt werden durch die fühlige Justine, die sich als Fremdgängerin bei Marc nicht mit dem Zimmer nebenan zufrieden geben will. Wobei sich, wenig verwunderlich, das Durchbrechen des Sexverhaltensmusters durch Justine auf den nächsten Roman, den Marc dringend abliefern soll, so auswirkt, dass der Lektor wenig begeistert ist, es sei so wie Fifty-Shades of Grey, Mist, aber es würde sich gut verkaufen.

Treffendes Kunstsymbol, das Marc in sein Schlafzimmer stellt: eine mannshohe Streichholzfigur, die aussieht wie ein verkohlter Giacometti.

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Aus der Bucht des untertauchenden Drachens.

Beispiel für den hemmungslosen und von der UNESCO geförderten Fortschrittsglauben und wie er ein neues Proletariat schafft am Beispiel der Umsiedlung der 1623 Einwohner des schwimmenden Dorfes Bo Nau mit 300 Häusern in der Bucht von Halong. Seit Generationen leben sie hier.

Fischen können die Bewohner direkt im Wohnraum durch Abheben eines Bodenbrettes. Zur Bewältigung ihre Lebens müssen sie achtsam und rege sein. Dieses ruhige und beschauliche Leben schildert der Film von Du Ngo Ngoc im ersten Drittel.

Es ist eine Idylle in dieser großartig pittoresken Buch mit den berühmten Bergen drumherum; allein dies beschert dem Film schon Traumbilder. Seit gut zehn Jahren boomt der Tourismus. Für die Menschen aus dem schwimmenden Dorf eine prima Einnahmequelle.

Mutter Lulu der Protagonistenfamilie verdient sich ein Geld mit einem Bootskiosk, von dem aus sie den Touristen Getränke, Knabbereien anbietet. Touristen, das sind vor allem Tagestouristen in großen Ausflugs-Motorbooten und Kajakfahrer.

Auch als Bootsfahrer können die Menschen aus den schwimmenden Dörfern Geld verdienen. Man müsse nichts können, um ein Boot zu fahren. Viele können auch nicht lesen und schreiben.

Sohn Quiy unserer Protagonistenfamilie geht zur Schule. Dafür lebt er auf dem Festland bei Verwandten. Sein Schwesterchen hat er bei einem tragischen Unfall während der Beaufsichtigung durch die Oma verloren.

Das Leben auf dem schwimmenden Dorf gestaltet sich gesellig, die Menschen sind aufeinander angewiesen, sie müssen sich vor Sturm und Unwetter in Acht nehmen. Sie haben weder Leitungswasser noch Elektrizität.

Die Umsiedlungspolitik der Regierung begründet sich in einer Forderung der UNESCO, dass diese Familien den Strom verschmutzen und da es der Häuser und Bewohner immer mehr wurden, in einer Behinderung des Tourismus.

So wurden auf dem Festland – weit entfernt – putzige Häuser gebaut. Der Film schildert knapp die Umsiedlung, Verwaltungsakte, die dafür erforderlich sind, Erklärungen, Schlüsselübergabe, Erhalt eines Umsiedlungsgeldes. Das ist schnell weg, wenn die Frauen erst Klamotten kaufen und unser Protagonistenpaar ein großformatiges Hochzeitsfoto nachschießen lässt.

Sie haben jetzt Wasser ab Röhre und Elektrizität, Schutz vor Unwetter. Aber die Harmonie der Flusslandschaft ist weg, der stete Strom. Die Kids halten sich auf der Straße auf, brausen nächtens mit dem Motorrad durch die Gegend. Jobs zu erhalten ist schwer. Die Mutter muss weit fahren. Vater Cuong, der früher nur einmal pro Tag trinken konnte wegen dem Bootfahren, kann das jetzt drei bis viermal täglich, er hängt rum, hilft nicht mal bei der Hausarbeit mit.

Die vietnamesische Regierung erklärt die Umsiedlungspolitik für erfolgreich.

Der Film lässt eher das Gegengteil vermuten. Etwa die Hälfte der Bewohner sei bereits wieder auf den Fluss zurückgekehrt. Denn das Leben im Dorf ist teurer, an fixen Kosten kommen jetzt Wasser und Elektrizität hinzu.

Männertalk: Früher gabs keine Unterhosen, da haben die Eier und der Schniedel rausgeschaut – die Menschen waren brüderlich und liebenswürdig.

Oma, die im Vietnamkrieg bis auf einen alle Söhne verloren hat, gibt dem Enkel 10’000 Dong (VND) zum Kauf einer Wasserpistole, damit er die Westler abschießen kann.

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Niemand kann eruieren, für wieviel Tote weltweit die Amis allein im Krieg gegen den Terror verantwortlich sind. Aber wenn dieser bei ihnen zuschlägt, dann kommen sie damit nicht klar. Dann leiden sie wie Sau darunter. Dann versentimentalisiert und verpatriotisiert es ihnen noch jeden Film, den sie auf solchen Ereignissen aufbauen. Dann appellieren sie daran, dass sie sich vom Terror nicht niederringen lassen wollen. Dann solidarisiert sich Amerika hinter seiner Fahne. Dann wird’s patriotisch. Dann heißt es, dass man die Terroristen nie gewinnen lassen werde.

Und keiner stellt die Frage nach den Ursachen des Terrors. Heldenfilmschreibung ist einfacher. Das Handwerk beherrschen sie ja. Hier ist es Regisseur David Gordon Green (Die Wahlkämpferin, Prinz Avalanche), der nach dem Drehbuch von John Pollono arbeitet. Dieser wiederum beruft sich auf das Buch von Jeff Bauman, der seine eigenen Erlebnisse beim Boston Marathon zu Buch gebracht hat.

Der Cosco-Hähnchenbrater Jeff steht direkt neben der Bombe und er verliert dabei beide Unterschenkel. Noch patriotischer wird das Ereignis in Boston in Patriots Day mit Mark Wahlberg als heldischem Polizisten abgehandelt.

Hier legt der Film einen ordentlichen ersten Teil hin. Green führt eine Regie wie mitten aus dem Leben heraus, voller Temperament, auch gerne mit heftigen Auseinandersetzungen, aus jedem kleinen Akt kann ein großes Drama werden. Schnell geraten widersprüchliche Meinungen aneinander.

Große Dramen im Kleinen. Wie nach den Operationen die Verbände von den Kniestummeln abgenommen werden. Wie Jeff seine ersten Bewegungen machen will, wie er stürzt. Eine Aneinanderreihung alltäglicher Katstrophen, die zu einem phyischen, lebensnahen Kino werden.

Jake Gyllenthaal ist eine treffsichere Besetzung für den verwundeten Fan – er hält als Zuschauer ein Anspornplakat für seine Ex. Aber je länger der Film dauert, je berühmter er dank der medialen Exploitation des Anschlages wird, desto mehr versinkt der Film in Dankbarkeitsszenen, in Feierszenen, in Gefühlsszenen, die der geschundenen amerikanischen Seele Balsam sein sollen (und dann ist auch noch Nachwuchs in Sicht; es ist nicht alles versehrt bei Jeff). Wie sie ihre Helden im vollen Stadien feiern, wie die Leute ihn ansprechen, wie andere Helden sich melden, wie „dies sternenbesetzte Banner“ beschworen wird.

Da verliert der Film für den Europäer schnell seine Faszination, die er anfänglich durch den dichten Szenenbau und die Kamera wie mittendrin auszuüben vermochte mit der griffigen Inszenierung. Beispiel dafür ist, wie Mutter zum Telefon schlurft, wenn der Katastrophenanruf kommt. Und durchaus passabel, dass der Held als ein nicht allzu zuverlässiger Mensch charakterisiert wird, weshalb seine Freundin Erin (Tatina Maslany) ihm vor zwei Monaten den Laufpass gegeben hat.

Konkretes, nahes Kino ist auch die Szene, wie nach dem Unglück der Chef von Jeff auftaucht und erst misstrauisch beäugt wird und heftige Diskussionen auslöst – dabei hat er gute Nachrichten.

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Ein denkender Mensch, der sein Schicksal hinnimmt, sich bewusst und ohne Schielen auf materiellen Erfolg als Anwalt für Recht und Gerechtigkeit einsetzt. Das ist Roman J. Israel, Esq. ( Denzel Washington).

Aus persönlichen Gründen ist das mit dem Verzicht auf eine eigene Familie verbunden. Wobei der Titelzusatz Esq. für Esquire einen leicht halbseidenen Klang hat. Was aber ganz gut zu seinem nachlässigen Erscheinungsbild in einem viel zu großen, abgewetzten Anzug mit Schlabberhose und auch zu seinem Gang wie ein Bauer passt, ein vergeistigter Junggeselle.

Er ist auch nicht an Ruhm und öffentlicher Anerkennung interessiert. Er arbeitet im Schatten seines Chefs. Er ist ein Ass mit einem elefantösen Gedächtnis. Er wirkt aus der Ferne besehen mit seinem Handwerkerkoffer, den er immer bei sich trägt, wie ein Existenzclown. Die Liebenswürdigkeit in Person ist er außerdem.

In dieses ruhige, idealistische Rechts- und Geistesleben platzt der Tod seines Chefs. Es stellt sich heraus, dass dessen Familie die Kanzlei finanziell am Leben gehalten hat. Israel möchte aber eine ganze Reihe Fälle zu Ende bringen.

George Pierce (Colin Farrell) übernimmt den Laden, er erkennt die Qualitäten von Israel. George will die Kanzlei auf Vordermann bringen und rentabel machen. Mehr Glanz, höhere Preise, einen neuen Prospekt, mehr Anwälte.

Diese Veränderungen bringen Israel aus dem Gleichgewicht. Und noch mehr die Spötteleien der neuen Kollegen, die sich überlegen fühlen, die ihm fachlich aber unterlegen sind. Das wirft Israel noch mehr aus der Bahn. So dass er selbst den Weg des Rechtes verlässt. Seine eigene Anklage dazu, die ihn wieder korrekt erscheinen lässt, ist die Rahmenhandlung dieses Filmes von Dan Gilroy (Kong: Skull Island, Nightcrawler), der hier einen spannenden Anwaltsfilm liefert mit zwei brillanten Hauptdarstellern, mit dem Gespann Denzel Washington, der dem Naturell der Figur entsprechend vielfältigste Mienen und Gefühle ausdrückt, im Gegensatz zu Collin Farrell, der wie der Inbegriff des modernen Managers daherkommt.

Eine kleine Nebengeschichte, idealistisch und später im Ansatz amourös, ergibt sich mit Maya (Carmen Ejogo), die eine ehrenamtliche Frauenemanzipationsgruppe leitet und seine Unterstützung wünscht.

Jazz vom Feinsten, den Israel auf Schallplatten hört, verweist auf den Anspruchslevel. Aber moderner Sound zeigt gerne auch die Abgrundschichten auf, weist auf die Absturzgefahr, auf das Leben auf wackligem Boden von Israel, der zudem noch privat von einer Dauerhochhausbaustelle (entgegen dem Gesetz) rund um die Uhr genervt wird. Die Kamera kreist das Geschehen wie ein Geier ein und stürzt sich drauf.

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Tibet ist kein aktuelles Schlagzeilenthema.

Die letzte News unter google war vom 9. März 2018 zu finden, „Das verbotene Spiel“ in Zeit Online „Der Sechstligist FV Lörrach wollte gegen Tibet spielen. Bis ein DFB-Verband seine Genehmigung zurückzog. Der Freundschaftskick könnte den Partner China verärgern.“

So ähnlich dürfte es diesem Film von Marvin Litwak mit Sonam Tseten als Ko-Direktor ergehen. Es dürfen Wetten abgeschlossen werden, wir breit unsere Medien über diesen eindrücklichen Film berichten werden.

In der Essenz erzählt der Film genau dasselbe wie Transit von Christian Petzold. Von Menschen, die auf der Flucht sind, die vertrieben sind, die sich an fremden Orten aufhalten, die aufkeimende Beziehungen ihren weiteren Plänen opfern müssen (hier geht es um die Beziehung zu Tenzin (Rinchen Palzom).

Wobei Petzolds Film finanziell sicher deutlich besser ausgestattet war und Petzold mit Stars gearbeitet hat sowie sicher den eleganteren, extravangter designten Streifen (besonders die Mischung der historischen Zeitebene der Flüchtlinge und der Menschen von Heute) präsentiert, während Litwak mit Crowdfunding, Gagenverzicht und Laiendarstellern einen nicht minder beeindruckenden Film zustandebringt.

Bei Litwak kommt ein Thema hinzu, das bei Petzold keine Rolle spielt. Es geht um die Selbstverbrennung von Tibetanern als Protest gegen die chinesische Besatzung und als Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, dem Ende aller Optionen; wobei just diese, wie die Interpretation des Todes eingangs erklärt, wieder zur Option wird, denn die Seele ist nicht aus der Welt.

Im Jahre 2012 sollen es 150 Selbstverbrennungen von Tibetern gegeben haben. Heute ist nichts davon zu hören, entweder haben sie aufgehört oder das Handelsverhältnis zu China ist zu wichtig, um darüber zu berichten und die Wut Chinas zu riskieren.

Pawo heißt auf Tibetanisch „Held.“ Der Vater von Dorjee („Shavo“ Dorjee) war ein solcher. Pawo erlebt, wie er auf dem Feld tot zusammenbricht. So kommt es zu Erörterungen des Themas Tod und was aus dem Menschen darnach wird. Das führt zu einer Auseinandersetzung auch mit seinem Bruder.

Es gibt Rückblenden mit jüngeren Darstellern in der Schulzeit von Dorjee in Tibet. Der Zwang, beim strengen Herrn Hung Chinesisch zu lernen. Die eigene Kultur können sie nur in einer Nebenklasse kennenlernen.

Als Erwachsener erlebt Dorjee Folter durch chinesische Behörden. Die Mutter entscheidet, dass er in die Emigration soll. Die Flucht aus Tibet über Lhasa, Daressalam bis in die tibetische Enklave in Dehli schildert der Film, wie es wohl viele der Flüchtlinge erleben.

Dorjeen jedenfalls schafft es bis Dehli. Er ist ein Büchermensch, bewältigt seine Welt geistig. Sein Mitbewohner und bester Schulfreund aus Tibet, den er in Dehli wieder trifft, Kelsang (Tenzin Gyaltsen) muss ihn richtiggehend überreden, auf ein Bier oder in die Disco mitzugehen.

Dorjeen ist voll damit beschäftigt, sich mit seiner Lage im Exil, mit der Lage der Tibeter, mit dem Thema von Identität und Heimat zu beschäftigen. Er steht für geistige Auseinandersetzung und nicht für Gewalt. Litwak braucht sich vor Petzold nicht verstecken, so wie er dieses existentielle Thema angeht.

Am 24. Mai kommt zum selben Thema eine Dokumentation über den Dalai Lama und gleichzeitig Hommage zum dessen 80. Geburtstag in die Kinos „Der letzte Dalai Lama?“. Auch hier kommen die Selbstverbrennungen als äußerstes Mittel der Gewaltanwendung vor.

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Flunkerfamilie.

Der zehnjährige Matti (Mikke Emil Rasch) und sein 5 Jahre alter Wonnepfropfen von Bruder, Sami (Sami (Nick Holaschke) sind Buben, denen wunderbar zuzuschauen ist, sie spielen mit großer Natürlichkeit.

Sie sind die Kinder von Mutter Annette (Sabine Timoteo) und Vater Sulo (Tommi Korpela). Der Vater ist Finne. Die Familie wohnt in Deutschland. Der Vater ist Busfahrer und in seiner Freizeit tüftelt er an technischem Kram. Die Mutter arbeitet auch. Vater hat wenig Zeit für die Kinder.

Onkel Kurt (Roy Peter Link) bringt die Kinder ab und an mit seiner Taxe zur Schule oder holt sie ab. Eine bunte Familie. Matti ist ein Träumer. Sein Zimmer ist als kleines Weltall dekoriert.

Der finnische Teil der Familie, es gibt noch den Onkel Jussi (Eero Milonoff) und Tane Marja (Eeva Solvio) in Finnland, hat ein gewisses Problem mit der Wahrheit. Das kränkt Matti, wenn er dahinter kommt, dass die Erwachsenen lügen.

Das erste Problem stellt ein Aprilscherz in der Zeitung dar, im Teich würde ein Delfin ausgesetzt. Mit klarer Gegenreaktion antwortet Matti auf die Offenbarung, dass die Eltern gar kein Geld für das Wohl der Delfine gespendet hätten (der kleine Sami lernt dabei, was „spenden“ bedeutet).

Zur heftigsten Gegenreaktion führt die Flunkerei des Vaters, er habe einen gutbezahlten Job in der Schweiz und sie würden dorthin in ein schönes Haus ziehen, so dass Matti das sofort zum Thema eines exzellenten und ebenso vorgetragenen Aufsatzes macht. Alles erfunden, erstunken, erlogen vom Vater.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Auch Matti hat das Gen im Blut, setzt es gewieft ein, so dass die Familie im Glauben, ein Haus in Finnland gewonnen zu haben, die Zelte in Hamburg abbricht und nach Finnland fährt und dann plötzlich ohne irgendwas dasteht.

Glücksspielern ist das Glück auch gewogen, so dass der Film ein gutes Ende nehmen kann.

Stefan Westerwelle hat die heiter-bezaubernde Regie geführt und mit Salah Naoura auch das Drehbuch nach dessen eigener Geschichte geschrieben. Es ist eine freundliche, helle, bunte Welt ohne Aggressivität oder Boshaftigkeit. Es ist eine Welt, in der die Träume und Wünsche der Menschen ihren eigenen Weg gehen, der zu Problemen führt, der sie aber auch wieder daraus herausführt.

Westerwelle hat einen sowohl entzückenden als auch überzeugenden Cast zusammengestellt, dem das Spielen sichtlich Freude macht. Betörende finnische Sommerbilder gibt es dazu. Der filmhübsche Matti ist der Ich-Erzähler der Story; er hat den dicken Schulfreund Turo (Bendix Hansen), der auch eine Verbindung zu Finnland hat. Und der Mensch ist wohl von klein an ein Widerspruchswesen.

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