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Terror als ein Element von Emanzipation.
Die Taten, um die es sich im deutschen Titelzusatz handelt, sind astreine Terrortaten. Aber der Zuschauer akzeptiert sie wohlwollend, denn sie dienen einem guten Zweck, der Ebnung des Weges zum Frauenstimmrecht in Großbritannien anfangs des letzten Jahrhunderts.

Abi Morgan (Drehbuch) und Sarah Gavron (Regie) haben sich dieses Kapitels der Frauenemanzipation angeommen und daraus einen traumhaft schön süffigen Kinofilm in der leicht pastellenen Bildgestaltung eines einem lieb gewordenen Fotoalbums hergestellt, wozu die Kamera von Edu Grau einen bemerkenswerten Anteil geliefert haben dürfte – er hatte schon beeindruckt bei Buried Lebendig begraben.

Die Geschichte wird erzählt am Beispiel der jungen Büglerin Maud Watts, fabelhaft gespielt von Carey Mulligan. Sie stellt den Idealfall einer entrechteten jungen Frau dar; ist idealtypisch bereits verheiratet mit einem drolligen, politisch schläfrigen jungen Mann, mit Sonny, mit dessen Verkörperung Ben Wishaw betraut worden ist.

Maud ist praktisch in der fabrikartigen Wäscherei aufgewachsen; denn schon ihre Mutter wurde dort brutal ausgebeutet; und dem Chef hatten beide gefällig zu sein, wie inzwischen bereits das Töchterchen von Maud, die das erzählttechnisch just in dem Moment mitbekommt, wo sie eine Entscheidung fällen muss, nämlich, sich den Suffragetten anzuschließen, die 1912 bereits sehr aktiv sind und unter deren Chefin, der wie immer großartigen Meryl Streep als Emmeline Pankhurst, die Wende zu Gewalttat und Terroraktionen vollziehen.

Auslöser dafür ist eine Anhörung von Arbeiterinnen vor dem Parlament, die für die Frauenbewegung erfolglos verläuft: das Stimmrecht wird den Frauen weiter verweigert. Das nährt die Wut gerade auch in Maud, die anstelle der misshandelten Violet, Anne-Marie Duff, aussagt und die grauenhaften Arbeitsbedingungen offenbart.

So ist auch sie bereit, den Kampf zu unterstützen, die junge Kinoheldin, das ist auch traumhaft schön – und traurig zugleich. Denn ihr Mann kann das nicht nachvollziehen, gibt den kleinen Buben zur Adoption frei, verstößt seine Frau; Spirale der Radikalisierung.

Aber, nicht ganz unbekanntes Phänomen, die Presse, die mit der Politik unter einer Decke steckt, verschweigt die Attentate, die Frauen kommen ins Gefängnis, das trägt zur weiteren Radikalisierung des Kampfes bei.

So müssen die Frauen zu noch extremeren Mitteln greifen, um endlich in die Schlagzeilen zu kommen. Was ihnen bei einem bekannten Reitturnier, wo auch der König anwesend ist, schließlich mit einem Menschenopfer gelingt.

Britische Filmkunst at its best; ars cinematografica britannica; und ganz schön britisch, dass in diesem Zusammenhang der Terror einiges an seinem Schrecken und seiner Sinnlosigkeit verliert in der Form eines warmherzigen Frauenfilmes, der vermutlich besonders ein weibliches Publikum ansprechen dürfte – was interssieren sich die Männer für die Entwicklung der Rechte der Frauen. Die rationale Begründung für die Terrorakte lautet, dass die Männer eben nur Gewalt verstünden. Die Geschichte hat den Frauen in diesem Fall recht gegeben.

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Nach all den Horror- und Terrormeldungen und den Phantomterroristen ist dieser amerikanische Horrorfilm nach allen Regeln der Kunst, der in Japan spielt, von Jason Zada nach einem Drehbuch von Nick Antosca, Sarah Cornwell und Ben Ketai, eine richtige Entspannung, umso mehr als die Handlung immer wieder in sattgrünem, japanischem Bergwald spielt.

Hier soll es den Todeswald geben. Wer da hingeht, der kommt nicht mehr zurück, der will nicht mehr zurückkehren, der hat mit dem Leben abgeschlossen. Es gibt zu diesem Sachverhalt eine Vorgeschichte aus früherer Zeit, als Japan arm war und alte und kranke Mitbürger, die es nicht mehr ernähren konnte, in diesen Wald geschickt hat auf Nimmerwiedersehen. Das Motiv kommt schon bei Ozu vor, der Sohn, der seine Mutter auf den Schultern in den Sterbewald hinaufträgt.

Hier sind die beiden Protagonistinnen Amerikanerinnen, Zwillinge, die ein ganz besonderes Verhältnis zu einander haben. Gespielt werden sie von Natalie Dormer. Sara spürt immer was mit Jess los ist. Jess ist besonders gefährdet, denn sie schaut dem Düsteren ins Gesicht, während Sara sich davor bewahrt.

Jess unterrichtet in Japan Englisch und Sara spürt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Sie reist ihr nach. Sie erfährt, dass Jess sich in den Todeswald begeben hat. Bei ihr findet sie Tabletten. Sie spürt, dass ihre Schwester noch lebt.

Also auf in den Todeswald. Bis hierher ging der Film recht wohl dosiert mit bewährten kurzen Schockmomenten und Fantasieängsten um und er wird auch im wunderschönen Grün des Waldes das gute, erträgtliche Maß nicht verlieren.

Dort gesellt sich zu Sara noch ein australischer Journalist und ein Japaner, die Sara nicht ganz einsam dastehen lassen. Wodurch die Einsamkeit schmerzhafter wird, wenn sie sich trennen.

Bald schon finden sie das Zelt von Jess. Zu diesem ordentlichen Konfektionsprodukt mit klarer Problemstellung, das aber mit Liebe gemacht ist, passt die deutsche Synchro wie angegossen. Der Wald heißt Aokigahara, der Selbstmordwald. Und der Satz „wir schaffen das“ kommt auch vor und erinnert an ganz andere Weltgegenden.

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Dienstag ist nicht Freitag und Robinson ist nicht gleich Robinson.
Gagsinn ist nicht gleich Tiefsinn. Man kann aus dieser Vorlage auch ein spaßiges Abenteuer konstruieren. Man kann den Robinson auf einer Insel anlanden lassen, die sehr steinig ist, aber bereits von einem kleinen Zoo der verschiedensten Animationstiere besiedelt ist, die alle ganz neugierig und ängstlich sind auf den angelandeten Robinson mit seinem bunten Papagei Dienstag, den er schon auf dem Schiff dabei gehabt hat, das nach dem Sturm am felsigen Ufer der Insel gestrandet ist.

Hat den Vorteil, dass bis zu einem Globus ein riesiger Fundus an Ausstattungsgegenständen da ist und nicht alles mühsam selbst gezimmert werden muss, dass sich die Frage, die sich sonst beim Robinson existentiell stellt, was ist der Mensch ohne seine Einrichtungsgegenstände und ohne menschliche Gesellschaft, gar nicht erst stellt. Dass also mehr Zeit bleibt für Verfolgungsjagden und Stolpereien und Hänge- und Rutschpartien und Ausrutschereien und rasante Fahrten.

Zu der schnell angefreundeten, bunte Gesellschaft fallen den Trickfilmmachern Vincent Kesteloot und Ben Stassen pausenlos Gags und Situationskomik und Slapsticks mit den Tieren ein, nicht enden wollend und 3D meistern sie leidlich mit ein paar kleinen Schockern fürs Auge.

Dummerweise haben den Schiffbruch auch zwei böse Katzen überlebt, die sich heimlich auf der Insel eingerichtet und dann stolz vermehrt haben, bis sie auf der Suche nach Nahrung zur Plage und Gefahr werden, wodurch wieder jeder Menge listenreiche und artistische Trickverfolgungsjagden mit allen den Waghalsigkeiten, die sich an Gestängen und Rohren und Schiffstakelagen in schwindelerregender Höhe ereignen können.

Traumhaft schön ist in diesem Zusammenhang der Gleitflug des Chamäleons unter einem grünen Blatt über der Bucht, ein Rettungsflug. Sowieso kann das Chamäleon seine klebrige Zunge zu allerlei Nützlichkeit im Überlebenskampf des Biotopes anwenden. Und bevor der Chose der Actionschnauf ausgeht, schafft es Robinson, an Bord eines Piratenschiffes mit Männern von ungepflegter, rüpelhafter Sprache zu gelangen. Hier kann er gelassen vom Teetrinken in London träumen.

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Das Kind im Mann, das will spielen – und jagen, das gilt wenigstens für einen der älteren Herren, die Hendrik Löbbert in seinem Dokumentarfilm portraitiert.

Dieser Herr sitzt am Fensterbrett, auf welchem eine Reihe von Tierfigurinen stehen, und er erzählt, wie er den Wisent auf den Bären losgehen lässt, denn beide hätten noch einen Rest von Widerstandswillen.

Oder sein Kollege, der über eine ausführliche Geschichte vom Kollegen Rolf, den es nach Australien verschlagen habe, auf weltweiten Umwegen auf den Punkt kommt, dass der ihm einen Wolfsschädel geschenkt hat, den er bei der Präsentation der Jagdstrecke als eigenen Abschuss ausgegeben habe, um die Funktionäre zu narren, das erzählt er mit trocken-kindischer Freude. Denn der Wolf ist geschützt, darf nur abgeschossen werden, wenn er krank ist, dann muss der Jäger das sogar tun wie bei allen anderen kranken Tieren auch.

Das Jagdrevier dieser Herren wird bald wegfallen, weil aus dem Gebiet eine richtige Wildnis werden soll. Auch dazu hat Löbbert kernige Kommentare eingefangen, die er zu einem unterhaltsamen Potpourri aus Jagdbildern, Jagdbesprechungs- und Vorbereitungsbildern, Gängen durch die Natur, die Jäger oft von hinten, Wartesituationen, Streckenbegutachtung, Halali und Weidmanns-Heil nebst großartigen Naturaufnahmen des Kameramannes Hajo Schomerus zusammengestellt hat.

Gerade die Naturaufnahmen kommen faszinierender rüber als in so manchen vom Ehrgeiz zerfressenen, modernen Naturfilmen, denen das Auge für die Schönheit und die Ruhe des Waldes verloren geht, die nur auf Sensationenjagd sind mit immer hochauflösenderen Kameras.

Hier ist der Mensch im Mittelpunkt und um ihn herum die Natur, die die Jäger, es sind vor allem ältere Herren, die Löbbert vor die Linse holt, aufmerksam betrachten und die aus einem Sandboden ganze Geschichten von Wildwechseln mit wenigen Blicken ablesen können.

Sie sehen sich als Heger der Natur – mit einem lachenden Auge sogar mit ihren Mithegern, den Wölfen – und es besorgt sie, dass hier Wildnis entstehen soll ohne Jagderlaubnis, denn dann wird sich hier vor allem das Rotwild, was viel Verbissschaden anrichtet, unkontrolliert vermehren und in die nahen Jagdreviere ausbreiten.

Was der Film definitiv nicht ist: ein Infofilm über die Jagd, über die Jagdtraditionen, über die politischen Auseinandersetzungen zwischen Jagd und Naturschutz, obgleich er einen Kommentar zum Zusammenhang zwischen Legislaturperiode und Wolfsschutz für den Zuschauer bereithält.

Das spielt zwar alles mit hinein; aber im Mittelpunkt geht es um ein bis an die Grenze der Skurrilität gehendes Portrait dieser älteren Herren, die viel Lebenszeit in dieser Jägergesellschaft verbracht haben, vor ihren Trophäensammlungen, die die Natur lieben, auch die Einsamkeit im Ansitz und die sich schon seit Jahrzehnten kennen.

Es geht dem Dolumentarfilmer auch nicht darum, die Geschichte einer Jagd als Fachvortrag quasi von den Vorbereitungen über das Halali zur Verteilung der Positionen, dem Schießen, dem Ausnehmen der Beute, dem Ausstellen der Strecke, der Entgegennahme einer kleinen Anerkennung zu zeigen. Das kommt zwar alles vor, aber als Bestandteil eines eigenwilligen Bildnisses einiger durch die Jagdpassion miteinander verbundener, älterer Mitbürger. Ein gesellschaftliches Leben, das von der modernen Zeit wie nicht infiziert ist, obwohl die Herrschaften moderne Autos fahren, Handys haben. Es ist das wache Verhältnis zur Natur, die Zuneigung zur Natur statt zum iPhone, was den Unterschied macht.

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Spannend und sorgfältig geschrieben und inszenierter Justizirrtumsfilm aus Holland nach einer wahren Geschichte um eine Serienmörderin und wie gierig und wie leicht wir bereit sind, so einen Fall zu glauben und als Newsmaterial zu verwursten und zu konsumieren.

Kaum etwas vermag unsere Fantasie mehr anzukurbeln als die Vorstellung von Serienmördern, erst recht, wenn es sich um Pfleger oder Krankenschwestern handelt, die ihnen anvertraute Patienten, Säuglinge, Greise vom Leiden erlösen und hinterhältig mit Medikamenten ins Jenseits befördern.

Es scheint einen regelrechten Hunger nach solchen Geschichten in der Öffentlichkeit zu geben. Zuletzt als Spielfilm Die Vorsehung, wo zur Erhöhung der Spannung hellseherische Fähgkeiten eine Rolle spielen.

In Holland war es die Krankenschwester Lucia de Berk. Ariane Schluter spielt sie als eine verschlossene Person, die sich nicht mit ihren Kolleginnen auf der Säuglingsstation gemein macht, die von einem Leben geprägt ist, was nicht so direkt und einwandfrei abgelaufen ist, sie soll sogar auf den Jugendstrich gegangen sein – außerdem liest sie Bücher wie „In der Haut des Serienmörders“ oder „Der Fluch“, schlimmer noch, sie hätte einmal ihre eigene Todesanzeige aufgegeben, um ihr Mutter zu erschrecken; es fehlt ihr jedes Element der Anbiederung an andere Menschen. Sie gibt sich voll der Pflege der Säuglinge hin. Niemand weiß Näheres über sie.

Und klar, auf Intensivstationen sterben immer wieder Patienten. Wenn allerdings der Verdacht aufkommt, es könnte jemand nachgeholfen haben, dann ist der, das zeigt dieser Film von Paula van der Oest nach dem Drehbuch von Moniek Kramer und Tijs van Marle grausam, kaum mehr aus der Welt zu schaffen, zu sehr bietet sich Lucia als Projektionsfläche an, zu wenig wehrt sie sich, zu fassungslos ist sie über solchen Verdacht und wer ihn einmal erfunden hat, der wird alles daran setzen, ihn auch wahr werden zu lassen, schließlich gibt es in der Justiz den Indizienbeweis.

Vermutlich ist diese Geschichte verfilmt worden, weil sie letztlich ein halbwegs gutes Ende nimmt, weil es Menschen gibt, die den Indizien allein nicht trauen, denen Unstimmigkeiten auffallen und die sich auch mal eines Kniffes bedienen, um an ein Beweisstück zu gelangen.

Wobei sich die Medien, nachdem sie zuerst den Skandal um die Serienmörderin groß gebracht haben inklusive gnadenloser Vorverurteilung mit den entsprechenden Folgen für die Betroffenen, sich im Handkehrum auf den Justiskandal stürzen und diesen zur Schlagzeile ummünzen.

Auch beim Publikum kann die Welle der Ablehung in eine förmliche Explosion der Solidarität umschlagen (ein Phänomen was demnächst auch im Film „Der Kuaför aus der Keupstraße“ zu beobachten sein wird, auch der nach einem wahren Fall), auch das zeigt der Film sehr schön.

Es gibt auf der DVD noch Bonusmaterial von den Dreharbeiten und Statements von Regie und Darstellern. Die deutsche Nachsynchronisation ist sachdienlich, die Musik ist aufgeweckt vorwärts drängend. Nichts kann irritierender sein als der Schein des Eindeutigen.

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Verknüpfung von biblischer Geschichte, die Kain- und Abel-Story, mit dem Tierfilm, der Versuch, aus atemberaubenden Tier- und Bergaufnahmen anhand eines Geleges von zwei schlüpfenden jungen, männlichen Adlern die Geschichte von zwei Adlerkindern, -brüdern zu erzählen, von denen der Erstgeschlüpfte der Kronprinz sei und also von den hütenden und fütternden Eltern gnadenlos bevorzugt behandelt wird und der Jüngere zieht den Kürzeren, wird vielleicht die Aufzucht nicht überleben, je nach Nahrungsangebot. Hier geht es vorerst schlecht aus für den Jüngeren.

Die Filmemacher Otmar Penker und Gerardo Olivares, die nach einem Drehbuch von Penker und Joanne Reay nach einer Geschichte von Gerald Salmina (Streif: One Hell of a Ride) arbeiten, inszenieren nach einem Rabenbesuch im Horst, der noch glimpflich abläuft, den Sturz des Jüngeren aus dem Nest, nachdem vorher bereits der Vater bei einem Luftkampf mit einem Rivalen sein Ende gefunden hat und das Nest jetzt zeitweilig ungeschützt da ist, weil die Mutter auf Futtersuche ist.

Jetzt ist der Kleine, den die Filmemacher mit leidend-routinierter Sprecherstimme Abel nennen lassen, weil er nicht der Thronanwärter ist, auf sich allein angewiesen, Dutzende Meter auf einem Felsvorsprung unterhalb des Horstes. Und kann noch nicht mal fliegen.

Zeit, die Menschen ins Spiel zu bringen, denn wir wollen eine Geschichte, von der zwar oft nicht gewiss ist, wie sie ausgeht, die aber am Ende gut ausgeht. Zwei einsame Männer leben in der Gegend: Jean Reno ist der Gute, ist der Förster und Tobias Morettti ist der Böse, der Wilderer, der außerdem gemeinsam mit seinem Lockenkopf von Sohn Lukas einen eigenen Schicksalschlag zu verkraften hat, der den Sohn stumm und den Vater gesprächsunfähig hat werden lassen.

Klar, dass der Adler auch positiv auf das Vater-Sohn-Verhältnis einwirken wird. Lukas findet Abel, versteckt ihn in seiner Ruine von Alphütte, wo er Vogelfedern zärtlich sammelt. Er ist im knackigen Stadium kurz vor der Mannwerdung. Unter der Anleitung vom Förster wird er Abel trainieren, wird um ihn leiden und bangen, wenn er die ersten Ausflüge allein unternimmt, wenn er tagelang verschwunden bleibt.

Die Kamera enthält uns das nicht vor: gewaltige Action ist ein erster Jagdversuch von Abel, der sich auf einen Steinbock, einen viel zu großen stürzt, sich in ihm festkrallt und an ihm festgehakt sich ein übers andere Mal überschlagend über einen langen, steilen Fels- und Geröllhang hinunterrollt. Ein Wunder, dass er das überlebt. Oder wie er einen Fuchs schlägt, der ihm aber in einen Fluss fällt, ob er ihn da wieder rauskriegt? Jagen will gelernt sein.

Otmar Penker firmiert laut IMDb als Kameramann bei der TV-Serie „Die Alpen – Im Reich des Steinadler“; daher könnte einiges an Footage stammen; faszinierend sind immer auch die Flüge mit Kameras, die an Steinadlern befestigt sind. Solches Bildmaterial eingebaut in eine neue Story, und fertig ist ein weiterer Naturfilm, hier mit nicht allzu viel Beifang von Murmeltieren, Steinböcken, Füchsen und Schneehasen, sind das doch Beutetiere für die Steinadler. Aber das Grundproblem des Naturfilmes, wie ohne zusammengestocherte Menschenstory auskommen, das wird auch hier lieber mit dickem Kinosound zugedeckelt statt gelöst.

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Erhöhter Kinogenuss – andererseits wie aus der Zeit gefallen – gegen das dominierende Fertiggerichtskino, das den Zuschauer mit Sound- und Bilderstürmen niederringt, sturmreif schießt, erlebnisübersättigt und erledigt, fertig macht, weil er weder mit Atmen, Schauen oder Denken noch nachkommt.

Schwarz-Weiß, Cinémascope und ruhige, lange Einstellungen ohne aufgeregte Hin- und Herschneiderei. Der Zuschauer muss aktiv mitgehen wie selten heutzutage, denn Philippe Garrel, ein Kinokönner durch und durch, der seinen ersten Kurzfilm bereits 1964 geschossen hat, ist hier in der geistklaren Tradition von Eric Rohmer zu sehen und hat mit Jean-Claude Carrière, Caroline Deruas und Arlette Langmann ein Drehbuch vom Feinsten geschrieben, er weitet mit seinem Kameramann und auch auf der Tonspur den Wahrnehmungsrahmen für den Zuschauer weit über die Kadrage der Kinoleinwand hinaus aus.

Garrel entwickelt, noch dazu mit dem Mut zu gelegentlichem Schwarzbild, einen bindenden Sog dieser kurzen und knappen Dreiecks-Geschichte, die am Schluss eine wunderbare Pointe zum Thema Aufarbeitung und Wahrheit im Dokumentarfilm bereit hält.

Pierre, Stanislas Merhar, die männliche Hauptfigur, die definitiv nicht aus dem Schatten der Frauen hinaustreten kann (auch nicht aus dem seiner gerne unheilvoll unkenden Mutter), ist dabei, mit seiner Lebensgefährtin und Assistentin Manon, Clotilde Courau, einen Dokumentarfilm über den Widerstandskämpfer Henri, Jean Pommeier, „Der Geist der Résistance“ zu drehen.

Pierres persönlicher Anknüpfungspunkt zu dem Thema ist sein Vater, ein Amerikaner, der bei der Landung in der Normandie dabei gewesen ist. Manon ist für Pierre die selbstverständliche Frau in seinem Bett. Er nimmt das mit wie einen angebotenen Kaffee.

Wie er Elisabeth, Lena Paugam, kennenlernt, die auch beim Film arbeitet, fängt er schnell eine Beziehung mit ihr an. Manon gegenüber verrät er sich sofort, indem er ihr ohne jeden Grund plötzlich Blumen mitbringt, was diese auch prompt so analysiert.

Elisabeth spioniert ab sofort Pierre und Manon nach und bringt mit der Entdeckung des Seitensprungverhältnisses die Dramatik in der Dreierkonstellation zum Rotieren und auf Hochtouren.

Laut diesem Film sind Männer in solchen Dingen eher dumm, sentimental, egozentrisch nur auf die eigene Triebbefriedigung aus, während Frauen den totalen Liebesanspruch radikal durchziehen. Das ewig alte Thema, wer mit wem und wie zuverlässig sowie der zuverlässige Reiz des Seitensprunges. Was du haben kannst interessiert dich nicht, während, das, was du nicht haben kannst, umso mehr lockt.

Das Unglück, die Liebe, der Liebeshunger, der nicht abgedeckt werden kann, die Einsamkeit des allein kauenden Mannes, aber auch die Unfähigkeit, gesichertes Glück zu schätzen und die Doppelmoral der Männer, die wohl genau dem Zwiespalt zwischen der Reizlosigkeit des gejagten Wildes und dem Reiz der Jagd nach neuem Wild entspricht, diese Interpretation geht allerdings über die Ikonographie dieses Filmes weit hinaus.

Der Reiz von den Reizen des Unsicheren und die verheerende Wirkung auf das bürgerlich etablierte, festgelegte und auch akzeptierte Liebesleben, welche Begriffe hier ebenso reflektiert werden wie unterschiedliche Zugänge zum Filmemachen, schnell, schnell und ohne Konzept und Drehbuch oder wie hier mit gründlich gearbeitetem Drehbuch, womit der Film auch zur Lektion übers Filmemachen gerät, Filmstudenten, zumal deutschen, ans Herz zu legen genaus so wie eingfleischten Cineasten.

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Der Mensch und das Stofftier wäre ein untersuchenswertes Thema. Vermutlich gibt es mehr Erwachsene, die ein Verhältnis zu Stofftieren haben, die sich richtiggehend unterhalten mit ihnen, als man denkt, eine höhere Form von Bewusstseinsentwicklung à la Kasperltheater vielleicht; und längst nicht nur für Kinder.

Insofern ist ein Film, der Erwachsene mit stoffigen, animierten Backenhörnchen konfrontiert, bestimmt auch nicht nur für Kinder geeignet. Es kommt sogar der Verdacht auf, viele Erwachsene hätten lieber Stofftiere statt Kinder und wenn sie Kinder haben, wäre ihnen lieber, sie wären leicht handhabbar wie Stofftiere.

Solchem Denken schiebt der Film von Walter Becker nach einem Drehbuch von Randi Mayem Singer, Adam Sztykiel, Ross Bagdasarian und Janice Karman einen kräftigen Riegel vor, indem er die niedlich-lustigen Backenhörnchen Alvin, Simon und Theodore mit einem gerüttelten Maß an Eigenwilligkeit und Eigensinn ausstattet; so dass ihr Besitzer Dave, Jason Lee, sie am Ende lieb bekommt wie eigene Kinder, wobei sein anfänglicher, bis dahin konterkarierte Traum „normale Kinder statt wilde Tiere“ heißt.

Diese „Kinder“ handeln aus kindlicher Eifersucht. Sie sind überhaupt nicht begeistert, dass Dave dem Starlet Samantha bei einem Wonneurlaub in Miami einen Verlobungsring mit dem entsprechenden Antrag überreichen will. Das kann sich das Trio nicht bieten lassen.

Außerdem bringt Samantha ihren halbwüchsigen Sohn Miles mit, den Alvin, Simon und Theodore bei heftigem Minigolf-Spiel schon mal unangenehm kennenlernen; den lehnen sie spontan total ab; raufen sich später mit ihm zum gemeinsamen Ziel der Verhinderung des Liebesantrages von Dave an Samantha zu einem Roadtrip zusammen.

Das gekonnte und erreichte Ziel des Filmes ist: Unterhaltung pur. Die bietet er mit bewährten und neuen Ideen, Tricks und Slapstick und auch immer wieder mit Ausflügen in die Glamour-Welt des Showbusiness und mit Musik-Auftritten der Hörnchen.

Folge der Handlungen der Drei ist prinzipiell das Durchbrechen geregelter, etablierter Ordnungen und die Eigeninitiative. Das beginnt mit dem Foppen der Nachbarin, die nicht unbedingt eine Tiernärrin ist, aber auf das Trio während der Abwesenheit von Dave aufpassen soll, indem die Backenhörnchen Eichhörnchen einfangen, sie mit ihren unifarbenen Kleidungsstücken versehen und sie ihr Werk im leerstehenden Holz-Haus verrichten lassen – Eichhörnchen sind Nager.

Auch einen simplen Linienflug nach Miami können die kleinen Viecher gehörig durcheinanderbringen, dass momentweise „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ in Erinnerung kommt. Das führt zu einer Verfolgungsjagd durch den eingebildeten Airmarschall Suggs mit vielen auch bewährten Situationen und einem bunt-musikalischen Zusammentreffen mit der Jazz-Parade in New Orleans, bis sich die Ereignisse in Miami dem turbulenten Höhepunkt nähern.

Tja, so läuft es bei Chimpunks: wenn man schon kein Glück hat, kommt auch noch Pech hinzu. Und was heißt Yoga in diesem Zusammenhang? Verknotetes Hörnchen.

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Wem geht es hier gut? Dem deutschen Film? Ja, dem geht es gut. Er wird gefördert und gefördert und gefördert und muss nicht auf Marktchancen achten; hier wird er gefördert von der Mitteldeutschen Medienförderung (Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Fritz Jaeckel), vom Deutschen Filmförderfonds (Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters), vom Kuratorium Stiftung Junger Deutscher Film (Vorsitzender des Vorstandes Andreas Schardt), von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Monika Grütters und koproduziert vom Bayerischen Rundfunk (Intendant Ulrich Wilhelm).

Was die nur wieder alles in dem Drehbuch gesehen haben mögen, dessen Autor im Pressematerial gar nicht angegeben ist; bei IMDb ist ein Allan Smithee verzeichnet, über den es einen interessanten Wikipedia-Eintrag gibt. Sonst hat Regisseur Henri Steinmetz viele taugliche Kinogewerke um sich geschart in Ausstattung, Kamera, Einrichtung, Kostüme, Maske, Musik.

Auch talentierte Jungschauspieler, die mit Hingabe und Konzentration die von der Regie gestellten Aufgaben erfüllen, gerne auch mit viel Hyperventilation. Sie werden häufig als Gruppenbilder arrangiert, stehen so da.

Eine Figur wird zur Hauptfigur stilisiert, es ist Tubbie, Franz Rogowski, der mit den Menschen und wohl mit sich selber nicht zurechtkommt, der ein Richtlinientyp sein will und andere Figuren, ob Mann, ob Frau, ob jung, ob alt, immer gleich am Gesicht berührt und ab und an auch küsst, wie Gegenstände, die er handhaben muss.

Wie denn die Gruppensituationen, mehrere junge Männer und eine junge Frau, doch primär, wenn auch nicht dezidiert, für eine Youthploitation herhalten müssen, dieses latente Vorhandensein des Triebes, der Erotik, aber auch ihre Zielproblematik, ihre Unterdrückung oder gelegentlich ihr Ausbruch, mal blasen in der Toilette, mal erotische Texte aus Zeitschriften vorlesen über einen Butler, bei dem Sex mit der Herrschaft selbstverständlichen zum Geschäft gehört.

Es ist also alles da in diesem Film, was zu einem Film gehört, bis auf das Entscheidende, insofern ein schönes Abbild der Situation des Kinos in Deutschland, sie haben viele Gewerke, aber Geschichten erzählen können sie nicht. Es fehlt die Story. Das wirkt so, wie wenn einer Statue der Torso fehlt. Gut verständlich, dass der Autor nicht genannt werden möchte.

Es gibt Kapitel, die sind in Weißschrift auf Schwarz zwischengeschaltet. Es sind ganz einfache Sätze über einfache Handlungen von Tubbie. Was er macht, dass er Geld suche, eine Bestellung aufgebe, dass er Marie zum Lachen bringt, dass er mit seinen Leuten das Haus von Fred besucht. Es hört sich an, als seien das die „Themen“ für die darauf folgenden cineastischen Situationsübungen. Die im Rahmen einer Filmhochschule sicher mit guten Noten und Komplimenten gewürdigt werden dürften, die aber mangels Geschichte im Kino dem Untergang geweiht sind.

Es scheint bei diesem vielseitig geförderten Projekt um Streicheleinheiten von Funktionären einem von diesen als hoffnungsvoll betrachteten Nachwuchs zu gehen. Leider hat er nichts zu erzählen, rein gar nichts. Es scheint, als wolle dieser Nachwuchs sich gefällig den Funktionären präsentieren, nicht aber dem Publikum.

In der Situation vor dem großen Wandbild mit dem Stilleben mit der silbernen Teekanne drauf, ein wirklich schönes Tableau, scheint die Aufgabenstellung der Regie an die Schauspieler gewesen zu sein: übt private Acitvity. Und wer es gut macht, erhält ein Bonbon oder ein Fleißbildchen.

Das ist definitiv zu wenig für ein professionelles Kino mit zahlendem Publikum. Bericht aus einem Filmseminar, geeignet für ein Fimfest der Filmhochschulen. Zudem wirkt unangenehm, dass Tubbie sich in den Vordergrund spielt, was der Gruppe nicht gut tut.

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Kind-Hund-Bergfilm, die Fortsetzung des charmanten wie fernverträumten Belle & Sebastian, Lassie-, Heidi- und Flugzeugabsturzkatastrophenfilm in einem.

Der zauberhafte Vorgängerfilm spielte im Zweiten Krieg. Im Dreiländereck Frankreich/Italien/Schweiz ging es darum, Menschen vor den Nazis in die Schweiz zu schleusen. Unser Protagonist Sebastian, ein Gemälde von Bergbub und sein Hund, ein weißer Flokatischaumtraum, haben die Widerstandskämpferin Angelina hoch in den Bergen zur Schweizer Grenze gebracht und damit in Sicherheit vor den Nazis.

Jetzt ist der Krieg vorbei. Angelina fliegt mit einer amerikanischen Militärmaschine zurück und will sich bedanken, stolz will sie auch erzählen, dass sie Nazis getötet habe.

Geschichte und Politik spielen bei Regisseur Christian Duguay, der ein Buch von Juliette Sales und Fabien Suarez als Drehgrundlage hatte, immer einer Rolle, was ein Blick auf seine Filmographie zeigt: von Wilhelm Tell geht es über Jeanne d’Arc, über die Kunst des Krieges und Boot Camp bis zu Hitler, Päpste kommen vor und Anna Karenina. Im ersten Sebastian/Belle-Film um den 2. Weltkrieg und seine Folgen in den Alpen, die mit einem Schneesturm und dem Gang über eine Eisbrücke starke Action entwickelten.

Jetzt nach dem Krieg im September 1945 im Bergdorf Saint Martin muss, da Friede ist, die Action woanders herkommen. Erst kindlich-spielerisch, statt zur Schule zu gehen treibt sich Sebastian bei der Heuernte auf den Alpen herum, nicht helfenderweise sondern mit einer riskanten Schlittenfahrt bis an den Rand eines Felsabsturzes: Belle rettet ihn, womit ihre Topqualität eingeführt ist.

Friedenszeiten schützen vor Katastrophen nicht. Das hat genau diese Gegend Frankreichs im Frühjahr 2015 bewiesen mit dem Absturz des German Wings Selbstmordpiloten und seiner Maschine mit den vielen Schülern aus Deutschland.

Ganz so grausam wird dieser Kinderfilm nicht. Die Maschine, in der Angelina, Margot Châtelier, sitzt, stürzt ab und löst einen Waldbrand aus. Sebastian ist überzeugt, dass Angelina überlebt hat. Er bedrängt seinen Ersatzvater, den knorrigen César, Tchéky Karyo, sich auf die Suche zu machen. Der ist nicht begeistert, denn der einzige, der ihnen helfen könnte, ist „der Andere“, Pierre, Thierry Neuvic, denn der hat ein kleines Flugzeug und sei sowieso ein guter Flieger.

Ein Hindernis für dieses Abenteuer ist nach Meinung von César die Tatsache, dass dieser Pierre der leibliche Vater von Sebastian ist, was dieser aber nicht weiß. Wie die beiden sich durch die gemeinsame Suche einander annähern, das ist psychologisch schön nachvollziehbar geschildert in der Handschrift souveräner französischer Filmkultur.

Überhaupt richtet Duguay seinen Plot mit aller Kunst der filmischen Schönzeichnung von Bub und Alp und Hund und Murmeltier und Hase und alpiner Flora und Flug an, dick schön wie nur geht, aber nie die Grenze zum Kitsch überschreitend und vor allem extrem physischer, also lebendig-glaubwürdiger Figurzeichnung.

Wie zum Greifen lebendig wirken die Menschen auf der Leinwand. Und auch hier gibt es gegen Ende zünftig Abenteueraction, dieses Mal gilt es, einen Feuersturm zu überstehen. Die Suche nach Angelina mit dem Flugzeug artet in turbulente Action aus, wie mehr kaum vorstellbar ist in einem Kinderfilm, denn Sebastian hat sich mit Belle ins Flugzeug geschummelt und ist überhaupt nicht zufrieden mit der oberflächlichen Suche von Pierre und streitet sich mit diesem um den Steuerknüppel mit fatalen Folgen.

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