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Über diesen Polizeiruf hatte ich keine Review geplant, da ich den Versuch, ihn zu schauen, schon nach 5 Minuten abgebrochen habe. Folgende Zeilen eines passionierten Fernsehbetrachters, die inzwischen bei mir eingegangen sind, möchte ich niemandem vorenthalten:

„Gestern ein paar Takte Polizeiruf 110. Nervig! Auer und Brandt markieren Tiefgründigkeit. Was aber so rüber kommt, dass die Zwei sich bei jeder Banalität belauern. Das wird dann so dargestellt, dass man den anderen dauernd anglotzt und seine Sätze wegnuschelt. Und die Regie macht auf „Dehnen“, wenn ein Kaffee aus dem Automaten gezogen wird, geschieht das in Echtzeit. Nervig!“

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Heute fängt das Filmfest München an. Einige der Filme aus dem Programm des Filmfestes habe ich schon vorab an regulären Pressevorführungen sehen können. Das ist jetzt etwas viel geworden und da auch noch Programmwechsel in den Kinos ist, kommt noch mehr hinzu; deshalb hier eine kurze Übersicht über die neuen Reviews, die Titel sind weder in alphabetischer noch in gewichtender Reihenfolge, diese ist arbeitstechnisch bedingt, so sieht es beim Runterscrollen aus:

Filmfest München:
Das Märchen der Märchen – Il Racconto dei Racconti
Broadway Therapy
Learning to drive – Fahrstunden fürs Leben
Den Menschen so fern – Loin des hommes
Heil
Der kleine Rabe Socke 2 – Das große Rennen
Slow West
Escobar Paradise Lost
Coconut Hero
Boy 7
Becks letzter Sommer
Amy
Men & Chicken
Ooops! Die Arche ist weg
Die Liebe seines Lebens – the Railway Man

Reguläres Kinoprogramm:
Atlantic
Ted 2
Dior und Ich
Underdog – White God Feher Isten
Freistatt
Täterätää! – Die Kirche bleibt im Dorf 2

stefe

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Der Film zum Queen-Besuch.
Genese und Erhalt des Adelstandes und von damit verbundener politischer Macht als eines brutal usurpatorischen Vorganges im Zusammenwirken mit dunklen Mächten.
Das erzählt uns Matteo Garrone, der mit Edoardo Albinati, Ugo Chiti, Massimo Taudioso auch das Buch nach der Märchensammlung von Giambattista Basile aus dem 17. Jahrhundert geschrieben hat. Der Film ist vielleicht nicht ganz so auf lustvollen Konsum aus, nicht ganz so geschmeidig und wohllüstig gemacht wie der Decamerone von Pasolini, dieser hier wirkt eher lustvoll-hinterlistig-bösartig im Sinne eines Röntgenbildes von Machtmenschen, des Adels im Besonderen.

Sich fortzupflanzen und die Familie und die Macht erhalten, das ist eine der vornehmsten und wie wir hier erfahren werden, auch dreckigsten Pflichten des Adels. Mit so einer Szene fängt die erste der drei ineinander erzählten Geschichten an. Gaukler unterhalten den Hof mit Kapriolen, die zufälligerweise auch eine Szene mit einer Frau haben, die plötzlich als Schwangere geoutet wird. Das erträgt die Königin, die die ganze Zeit nur starr und stier zugeschaut hat, gar nicht. Nicht einmal kommt ein Lachen über ihr Gesicht. Nach dem Schwangerenouting verlässt sie aufgebracht die Vorstellung, denn sie kann offenbar ihrer elementarsten Aufgabe, schwanger zu werden und das Königsgeschlecht fortzupflanzen, nicht nachkommen. Der König geht ihr besorgt nach.

Da taucht in Mönchskutte ein Orakelmann mit großer Ähnlichkeit zum Gevatter Tod und gibt den dunklen Rat: wenn der König im Meer ein Ungeheuer erledige, diesem das Herz herausreiße, es von einer jungfräulichen Magd kochen lasse und seine Gattin dieses esse, so sei sie vom Moment an hochschwanger. Das ist denn genau auch die Inhaltsangabe der nächsten Szenenfolge.

Der König steigt in einen Taucheranzug, wie es ihn wohl schon im 17. Jahrhundert gegeben hat, taucht ab, kämpft. Das Orakel hat allerdings auch zu bedenken gegeben, dass für jedes neue Leben ein altes gehen müsse. Also stirbt der König, kaum an Land. Nach den weiteren Prodzeduren, die Garrone in ganz klarer, ausführlicher Bilderbuchkinoschrift, die auch viel Wert auf Ausstattung legt, erzählt, ist bald schon das Büblein auf der Welt. Nicht zu übersehen ist allerdings, dass auch die jungfräuliche Magd, die das Herz kochte, plötzlich einen dicken Bauch hat.

Bei so okkulten Rezepten kann auch mal was schief gehen. Der Film lässt die nächsten 16 Jahre aus. Springt zu zwei fast identisch aussehenden Freunden, Blondschöpfe, zierlich und edel. Es ist der Königssohn Elias und sein Pendant von der Magd, Jonah, die sich dick angefreundet haben. Das sieht die Mutter gar nicht gern. Die Macht des Schicksals oder der Versuch der menschlichen Macht gegen die Macht des Schicksals anzukämpfen wird hier ein weiteres Beispiel erleben.

Inzwischen hat Garrone auch die anderen beiden Königsgeschichten in seinen Film eingefädelt. Jede spielt auf einem extrem abgehobenen Schloss. Location ist alles und wurde sorgfältig gesucht. Eines sieht aus wie eine Zitadelle, ein anderes wie das Schloss von Graf Dracula.

In der zweiten Geschichte spielt ein Floh die entscheidende Rolle. Er springt auf des Herrschers Hände während einer Gesangsdarbietung am Hofe. Der Herrscher, dem Blute zugeneigt, fängt diesen Floh und lässt ihn an einem Blutstropfen seines Fingers saugen. Der Floh wird ein großes Ungeheuer, bis zu seiner Erkrankung und Tod. Die Tochter Violeta möchte heiraten. Aber beim Adel geht das nach dem Herrscherwort und nicht nach Gefühlslage. Ausgerechnet ein Oger, der in jedem Raum, den er betritt, erst tief schnieft und die Gerüche filtriert, ist derjenige, der die ausgebuffte Kandidatenfrage beantworten kann. Hier wird es darum gehen, dass Violeta sich aus seinen Fängen befreit.

In der dritten Geschichte ist der Herrscher ein Lüstling, lässt keine Orgie, keine Frau aus, wird ganz geil, wenn er nur schon eine Frauenstimme singen hört, pocht an die bescheidene Hütte. Aber Dora und Imma sind alte runzlige Weiber und lassen den Herrscher erst gar nicht rein, später darf er an einem Fingerchen, das durch ein Loch in der Tür gesteckt wird, sich erregen und den Beischlaf gestattet ihm Dora nur, wenn er nächtens und ohne Licht in seinem Bette stattfindet. Der Herrscher hält sich nicht daran und nachdem er seines Amtes gewaltet hat, juckt ihn die Neugier. Die Folgen sind katastrophal und horribel und es bedarf grausamst blutig-schmerzhafter Mittel, bis Dora endlich auf dem Thron sitzt (hier wäre ein aktueller Querverweis zu Schönheitsoperationen angebracht). Man könnte jetzt 1001 Nächte weiter erzählen, die Geschichten weiterspinnen. Aber ein Kinofilm sollte nicht allzulang sein. Drum schnürt Garrone nach etwa zwei originellen, grausamen Stunden den Geschichtensack recht unvermittelt zu. Über allem lässt er einen Seiltänzer auf einem brennenden Seil spazieren.

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Ein beliebtes Sujet im Film und auf der Bühne sind Stücke oder Drehbücher, in welchen das Leben und das Leben im Film, im Stück sich vermengen, in welchen die Kunst und das Leben sich reflektieren und ineinandergreifen, somit die These untermauern, Theater und Kino seien Spiegel des Lebens.

Imogen Poots als die Hauptfigur Isabella Patterson will am Broadway für die Rolle einer Nutte vorsprechen. Als solche hat sie bei einem Escort-Service gearbeitet. In diesem Job hat sie den Regisseur Arnold Albertson kennengelernt hat, den so wahnsinnig gedehnt sprechenden Blondschopf Owen Wilson. Just dieser Regisseur, der sie mit 30’000 Dollar aus dem Nuttenleben befreien wollte, ist nun gar nicht amused, dass sie bei ihm vorspricht, denn auch seine Frau Delta, Kathryn Hahn, spielt mit. Ausgerechnet mit ihr als Vorsprechpartnerin legt Isabella eine Superzene hin. Der Bühnenautor Josh, Will Forte, um dessen Stück es geht und der beim Vorsprechen dabei ist, ist spontan überwältigt von ihr, lädt sie umgehend zum Abendessen beim Italiener „Nick“ ein.

An diesen Abend treffen beim Italiener Isabella und Josh auf Arnold und Delta und noch weitere Figuren, die in verzwickten, verheimlichten Beziehungen zu einander stehen, aufeinander, was den Abend viel zu schnell und unerquicklich enden lassen wird. Es spielt ja auch noch eine Psychotherapeutin mit, Jennifer Aniston als Jane Clarement. Ferner gibt es den anderen Protagonisten des Stückes, den abgebrühten Mimen Seth, Rhys Ifans, der mehr mitkriegt als anderen lieb ist und der in London ein Techtelmechtel mit Delta gehabt hat. Ferner taucht auf ein Richter voller Obsession für Izzy (diese Abkürzung von Isabella bedarf psychotherapeutischer Interpretation), der diese durch einen Detektiv überwachen lässt. Das ist in etwa die Grobbehauptung der Verfahrenheit menschlicher Beziehungen in diesem Stück.

Dieses Aufeinandertreffen beim Nobelitaliener der verwickelt-verwinkelten Beziehungen führt nun gemäß Opas erprobtem Boulevard-Theater-Schmea zu Verrenkungen, Versteckspielen (hinter Speisekarten) oder plötzlichen Bedürfnissen, die das Publikum erheitern sollen. Wenn Bühne und Leben sich verquirlen, haben Leute auf einmal andere Namen, denn wenn Männer sich ein Girl auf ihr Hotelzimmer bestellen, müssen die ja nicht den richtigen Namen kennen und den Girls geht es ebenso. Und wenn sie sich plötzlich in einem Theaterproduktionszusammenhang über den Weg laufen, so kann das zu unerwünschten, dramatisch bestbewährten Überraschungen führen.

Im Stück geht es wiederum genau um die Dinge. So verquicken sich Kunst und Leben. Peter Bogdanovich hat mit Louise Stratten das Drehbuch nach bekanntem Muster und ohne besondere Originalität geschrieben und inszeniert, wobei ihm Ausstattung, Beleuchtung, Szenenfolge vielleicht wichtiger waren als Rhythmus und Leben der Szenen, die kommen manchmal arg eingeübt daher. Bei all dem Altbekannten suche ich den Punkt, den man für diesen Film als unique selling point verkaufen könnte, warum man ihn unbedingt sehen müsste. Es wird von der Magie der Lüge geredet, das ist vielleicht ein Hinweis. Trotzdem: ein Sud, der gemütlich in einem gar nicht so schlechten Hollywoodsaft vor sich hinschmort, der aber die Aufwändigkeit der Filmapparatur drum herum immer bedrohlich spüren lässt.

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Ein hochkultivierter, angenehm unaufdringlicher Mutmacherfilm, ein Lebenshilfefilm für Frauen. Wenn der Ehemann alle sieben Jahre den Rappel kriegt und fremd geht, so ist das dreimal in 21 Jahren, und wenn er dann noch die Scheidung einreicht, weil ihm eine Studentin den Kopf verdreht hat, kein Problem, die Gattin Wendy, die zierliche Schauspielerin Patricia Clarkson, lässt den Kopf nicht hängen.

Wenn Wendy später eine Nacht mit einem Banker verbringt, der sich auf tantrischen Sex ohne Ejakulation spezialisiert hat, so kann auch das geändert werden, am Donnerstag schafft er es.

Wenn im Supermarkt eine fette, arrogante Verkäuferin sich weigert, der indischen Kundin zu sagen, wo sich die Damenbinden befinden, so muss man nur etwas laut werden und dann erfährt man es ganz schnell.

Das Thema Wohnungseinrichtung wird gestreift, ob hell, ob dunkel, das ist so eine Grundsatzfrage. Sowieso ist es vielleicht gscheiter Autofahren zu lernen, auch wenn man schon in vorgerücktem Alter ist, auch das ist bewältigbar, so könnte Wendy ihre Schwester, die die Natur liebt und ein bäuerliches Leben in Connecticut führt, von New York aus besuchen.

New York ist nicht von allen guten Geistern verlassen, selbst wenn der Gatte ein Trottel ist. Aber es gibt den Taxifahrer und Fahrlehrer Darwan, Ben Kingsley, der einen proletarischen Seelenmasseur und Über-Gandhi spielt („Gott will, dass niemand allein ist“).

Der Hormon-Upgrade ist ein weiteres Thema, der Ratschlag stammt von der Schwester aus Connecticut. Auch die „arranged marriage“ wird diskutiert am Beispiel Darwan, dumm nur, wenn die Frau ungebildet ist, die aus Indien geschickt wird, das illustriert eine schöne Vorleseszene; aus dem TV lernt sie beim Wäschebügeln Englisch, glaubt sie, doch Pe – li – Gro ist Spanisch. Aber für Wendy hat Darwan die richtigen Sätze parat, damit sie ihr Leben wieder in Griff kriegt. Und die Bindengeschichte im Supermarkt bringt die ungebildete Gattin von Darwan in Kontakt mit anderen Frauen und löst sie aus ihrer Isolation.

Isabel Coixet hat nach einem Drehbuch von Sarah Kernochan in feiner Staatstheatermanier inszeniert, jedes Wort ist zu verstehen und als Würze gibt es Einsprengsel von indischer Religionsfolklore oder die Rede von der „nostalgie de la bou“, der Sehnsucht nach dem Schmutz.

Die Zupfmusik unter dem Film singt im Kanon: „es ist zu schaffen“.

Wie die Stecknadel in diesem Heuhaufen aus Lebensproblemchen findet sich ganz versteckt eine hübsche Definition von Literaturkritik, denn Wendy ist Literaturkritikerin. Ein Bewunderer meint, wenn er eine ihrer Kritiken gelesen habe, dann habe er das Gefühl, er habe das Buch gelesen.

Wunderschöne Szene wie Wendy zum zweiten Mal zur Fahrprüfung antritt, als ob das „ridicule“ sei, legt sie einen einmalig beschwingten Zwiespalt in ihrem Gang.

Die Moral von der Geschichte, von Wendy zu Darwan: „don’t fuck with me, the trouble is, you’re a good man.“

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Algerien im Atlas 1954. Der Algerienkrieg tobt (der wirkt allerdings mehr wie ein laues Lüftchen, wenn wir an die Informationen denken, die heutzutage die blutigen Gotteskrieger produzieren).

Ein ehemaliger Offizier arbeitet als Lehrer im Niemandsland, ein Franzose, der mit seinen Eltern in Algerien aufgewachsen ist, und dort also als „Schildkröte“ galt, als Algerier französischer Herkunft; ein Mann durchaus mit Identitätsproblem, allein, da ihm seine Frau gestorben ist, und mit pädagogischer Mission. Er will den Kindern Lesen und Schreiben und auch Französisch, die französische Kultur beibringen auf einsamem Außenposten.

Ein Schulgebäude nur von Geröllhängen umgeben. Wo die Kinder herkommen, bleibt außerhalb des Bildes. Ein existenzialistischer Rahmen, den David Oelhoffen als Autor und Regisseur nach einer Kurzgeschichte von Albert Camus baut, eine Atmosphäre, die an andere Camus-Texte erinnert, „La Peste“, die Sonne, die dort als Gewalt empfunden wird. Diese Grundhaltung wird noch ausgeprägter, wie dem Lehrer ein Gefangener (er muss mit gefesselten Händen und an einen Strick gebunden hinter einem Reiter herlaufen) zufällt.

Der Lehrer Daru (so möchte Mohamed ihn nennen), es ist Viggo Mortensen, der den Film auch mitproduziert hat – allein seine hageren Gesichtszüge machen die 50er Jahre schon glaubhaft, Daru also soll den Gefangenen, ein extremer Gegentyp zu ihm, der sehr zu leiden scheint, einen Tagesritt weit weg vor Gericht bringen, wo Mohamed, Reda Kateb, das sichere Todesurteil erwartet.

Mohamed ist in seinem Dorf innerhalb eines Blutrachezyklus des Mordes angeklagt oder auch des Diebstahles von Getreide, das spielt keine Rolle. Es geht um Menschlichkeit, die sich gegenseitig in einem Niemandsland ausgesetzt ist. Indem selbstverständlich erwartbar wird, dass der Lehrer seinen Auftrag ganz bestimmt nicht ausführen wird. Als erstes befreit er den Gefangen von seinen Fesseln. Später kümmert er sich um dessen Gesundheitszustand, er ist zwar wachsam, auf der Hut, erkennt aber, dass der bestimmt nichts Böses im Schilde führt. So wird Daru zum Samariter.

Aber es sind auch marodierende Terroristen unterwegs. Die Gegend ist gefährlich. An ein Bleiben im Schugebäude ist nicht zu denken. Der Lehrer schreibt an die Tafel, dass der Schulunterricht am nächsten Tag ausfallen wird, dass die Klasse geschlossen bleibt. Die beiden ziehen los. Sie erinnern an Westernpaare. Der Existentialismus zieht mit ihnen. Bis zum Moment, wo französische Besatzertruppen ein Massaker verüben nach wildem Schlachtengetümmel. Hier scheint sich der Existentialismus plötzlich aus dem Film verflüchtigt zu haben, auch wenn Daru aus allen Leibeskräften zu Mohamed schreit: du lebst!.

Der Existentialismus schleicht sich erst nach dem Pfuffbesuch der beiden einsamen Reiter wieder ein. Und entlässt den Zuschauer mit einem heutzutage seltenen Kinogefühl aus dem Dunkel: einer Sache beigewohnt zu haben, die in der heutigen Zeit keinen Platz mehr hat: Zeit des Menschen für den Menschen. Schicksalsgemeinschaft in der Wüste. Menschentum als Schicksalsgemeinschaft. Die Regenszene wirkt wie ein Intermezzo in einem Kino mit Pause.

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Brüggemann dreht auf. Dietrich Brüggemann (Kreuzweg, 3 Zimmer, Küche, Bad, Renn, wenn du kannst) lässt auf dem Kampffeld Leinwand durchaus mit veräppelnder Paraphrase einige geistig-politische Strömungen Deutschlands direkt aufeinander krachen und zieht kinematgraphischen Nutzen daraus.

Brüggemann fängt knallig an, kurz Schwarz-Weiß-Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs, kaum zwei Sekunden, dann Texttafel „70 Jahre später“. Also heute. Was tut sich heute auf diesem einstigen Schlachtfeld? Sind die Gespenster von damals verschwunden?

Sind sie nicht. Heute verfangen sich ineinnader der Neonazismus, der Antifaschismus, der Rassismus, das Business, die Medien in Form aufgedrehter, besserwisserischer Talkshows oder eines direkt integer erscheinenden, einzelnen Video-Journalisten, der seinem Sender zufälligerweise aufregendes Material aus Prittwitz zu liefern vermag. Die Polizei ist da und weiß nicht recht wo sie steht, ebenso der Verfassungsschutz, der sich in den von ihm infiltrierten und geführten Organisationen ständig auf die Füsse tritt, und dann gibt es ja auch noch die große Politik. Die zieht es vor in Bayern auf Jagd zu gehen, und das rechte Auge der Justiz ist zerquetscht.

Überhaupt Jagdgesellschaften, die suchen nicht unbedingt die Öffentlichkeit, ziehen lieber in der Abgeschiedenheit ihrer Jagdhütten die Fäden, wie Hanns Zischler, der hier überzeugender agiert als sonst (genau so wie Michael Gwisdeck oder Benno Fürmann als Sven, strammer Neonazi; wohl ein Verdienst der Regie).

Ebenso vermögen zu überzeugen Anna Brüggemann, Liv Lisa Fries und und… und die Hauptfigur, die die gesellschaftlichen Schlachtfelder durcheinanderwirbelt und selber auch gehörig im Kopf verdreht und malträtiert wird von den Neonazis, Jerry Hoffmann als Sebastian Klein, Erfolgsautor, afrikanischer Herkunft und deutsch sozialisiert. Da dauert es im Osten nicht lange, bis er ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowiert bekommt. Aber auch zwischen seiner schwangeren Freundin und seiner Ex ist er hin- und hergerissen.

Brüggemann lässt alte deutsche Männerträume wahr werden, in andere Länder einzumarschieren; gut wäre es allerdings, wenn die Akteure sich vorher ein bisschen kundig machen täten, welche Flagge so ein Land hat und wo es überhaupt liegt. Orientierung ist eben ein Problem in einem Land mit so widersprüchlichen Strömungen wie Deutschland und mit so einer furchtbaren Geschichte, die offenbar in stetem Zustand der Antiperistaltik sich befndet. Orientierung geistig, geschlechtlich (das machen zwei Hunde vor), symbolisch (da gibt’s es eine denkwürdige graphische Erfndung, die aussieht, wie ein Ermahnungsplakat einer kommunalen Abfallverwaltung, man solle Mülle in den Eimer werfen; die Interpreation dazu ist haarsträubend, natürlich gewollt haarsträubend, wie hier so einiges am Haar in die Länge gezogen wird, um das Haar sichtbar zu machen, auch was man aus Namen leicht für Abkürzungen herauslesen kann).

Brüggemann exdplodiert jetzt förmlich nach seinem hochkonzentrierten „Kreuzweg“ (in dem er radikal die Arbeit mit Schauspielern trainiert hat), lässt die Heutewelt gnadenlos einfahren und zusammenrasseln, eine Explosion zumindest im geförderten, deutschen Kino mit einem prima zusammengestellten und erstklassig geführten Cast. So macht Zuschauen Spaß. Auch wenn man nach dem Bildersturm erst mal verschnaufen muss. Hier gewinnt ein Regietalent entscheidend an Fahrt. Hier wächst einer über das Pfründenkino hinaus – und die Schauspieler mit ihm oder das deutsche Kino mit ihm. Einfach mal die Sau rauslassen. Ist ja nicht anders als wie bei Jagdgesellschaften.

Die weißen Rassisten, also die Neonazis, haben Bildungslücken, sie schreiben „White Bauer“. Bitte. Über sowas macht man keine Scherze. Brüggemann treibt seinen Scherz, gallig. Mit allem und jedem, Talkrunde unter Beteiligung vom Gröfaz bis zur Kuschelpädagogin und zum 100Prozenter und natürlich einem Experten und sogar ein Brüggemann-Double darf nicht fehlen.
Regenstauf Business School.
Die schwangere Freundin mit dem Duftatelier.
Sebastian in der Nachplapper-Phase.
Die ungezügelten deutschen Gegenwartsgeister dürfen auch wieder Panzer fahren und blühen auf dabei.

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Der kleine Rabe Socke heißt so, weil er erstens klein ist – im Vergleich zu vielen anderen Tieren – und zweitens weil er nur eine Socke hat und die ist auch noch rot-weiß gekringelt und die Zehe ist viel zu groß. So kann er mit dieser Sockenzehe, wenn er sich auf ein Bein stellt und das Sockenbein in die Höhe streckt (sollte man als Erwachsener wieder einmal als Turnübung versuchen) Selbstgespräche mit seiner Socke oder seiner Zehe oder seinem Fuß darunter führen, kann nachdenken darüber, ob er denn nun ein Egolist sei oder ein Teammensch.

Frau Dachs wirft ihm ersteres vor, er wolle nur Autorennenfahren und nichts für die Ernte tun, die Vorsorge trifft, damit die Tierwelt im Winter Vorräte hat und nicht Hunger leiden muss. Deshalb bekommt er Fahrverbot.

Jetzt fügen sich zwei Dinge, ein Glück und ein Unglück, dass Socke beweisen kann, dass er teamfähig sein und an alle denken, das aber gleichzeitig mit seiner Rennleidenschaft verknüpfen kann, dass er also wie der Schlusssong die Moral des Filmes auf den Punkt bringt, sein kann wie er ist. Und dabei trotzdem sozial bleibt.

Mit dem Bären will er im Vorratshäuschen naschen, behauptet aber, sich zu belohnen, weil er mit einem raffinierten Trick, denn schlauer als die anderen ist er, die anderen Tiere dazugebracht hat, seine Strafaufgabe, das Einsammeln der Nüsse, für ihn mit überwältigendem Folg zu erledigen und somit zum Wintervorrat beizutragen. Weil aber diese Hütte schon angeknackst ist, genügt eine unvorsichtige Bewegung und sie kracht zusammen. Alle Vorräte kullern raus, rollen zum Bach hinunter und werden von diesem weggetragen. Ein trauriger Winter steht bevor.

Das Glück, was gleichzeitig passiert, das ist, dass ein Autorennen stattfindet mit einer beachtllichen Preissumme, 100 Goldtaler sollen es sein, wofür Frau Dachs genügend Wintervorrat einkaufen kann für das ganze quietsch-bunt quirlig-fröhliche Biotop, das uns Ute von Münchow-Pohl und Sandor Jesser wunderbar nach dem Drehbuch von Katja Grübel nach der Geschichte von Nele Moost bestgelaunt animiert haben.

Dieses Rennen wird zum überbordenden Action-Teil, die tollkühnen Tiere in ihren rumpeligen Kisten. Waldmeister ist der Rabe schon. Aber bei diesem Rennen nimmt ein echter Weltmeister aus Lateinamerika teil. Es wird ein verrücktes, gefährliches Rennen mit bunt zusammengebastelten Kisten, motorisiert oder nicht, Ruderboot auf Rädern oder ein Bohrer wie beim Maulwurf, der sich Teile der Rennstrecke selber bohrt und doch nicht vor den anderen ans Ziel kommt.

Der Rabe und Eddie, der Bär, bilden ein Team, dazu kommt die geniale Motorhandwerkerin Fritzi, das Bibertöchterchen, die für das letzte, entscheidende Rennen auch die rettende Idee hat.

Unter den Fahrern bildet sich Solidarität heraus. Wenn das Rennfahrsöhnchen aus Lateinamerika von der Bahn abkommt, und obwohl es um Sieg und Überleben im Winter geht, dann retten der Rabe und der Bär, diesen doppelten Unglücksfahrer, der lieber Flöte spielt als Rennen zu fahren. Er ist der Exponent der einsamen Figur, die die Karrierewünsche des Vaters erfüllen soll, während der Sieger, der Rabe Socke, auf eine ganze Riege von Freunden zählen kann. Die Sprecher erledigen ihren Part mit sich übertragendem Spaß und die große Filmmusik bettet die aufregende Geschichte auf weiche Kissen.

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Sympathische, kleine Westernskizze, mitproduziert von Michael Fassbender, Buch und Regie stammen von John Maclean. Fassbender selbt spielt den Kopfgeldjäger Silas Selleck, der immerhin so viel Herz hat, dass er eine menschliche Lektion zu lernen fähig ist, dass Leben mehr bedeutet als Überleben. Diese Lektion verdankt er Jay Cavendish, Kodi Smit-McPhee. Das ist ein junger, schlacksiger, hochbegabter und intelligent aussehender Darsteller. Der reist allein in den Wilden Westen. Er hat lediglich ein Handbuch dabei, wie dort zu überleben. Er reist im Anzug und mit viel unnützem Gerümpel. Er, der Träumer, der Naivling, ist auf der Suche nach seiner großen Liebe, einer noch platonischen Liebe, zu Rose Ross, Caren Pitorius.

Auch Silas Ziel ist Rose und ihr Vater. Denn beide werden steckbrieflich gesucht. Das weiß Jay nicht. Inofern benutzt Silas Jay lediglich, um ihn zu Rose und dem Vater zu führen, damit er seiner Profession nachkommen kann.

Auch die wilde Horde um Payne und noch andere sind hinter den Gesuchten her. Diese haben sich ein hübsches Häuchen gebaut irgendwo im Wilden Westen, der hier in Neu Seeland gedreht wurde. Sie erwarten nicht so viel Besuch auf einmal, wie er dann eintrifft.

Ein Grund dafür, den Film mitzuproduzieren, dürfte für Fassbender zum einen gewesen sein, dass er selbst einmal Westernheld spielen wollte, obwohl die Rolle gar nicht so ergiebig ist für ihn; der offensichtlichere Grund dürfte die Wertschätzung des Talentes des jungen Kodi Smit-McPhee gewesen sein, der im Film selbst auch mal als ein Rohling bezeichnet wird und der in seiner unaufgeregten, intelligenten, aber nicht weniger gefühlvollen Spielart, der jedes Machotum abgeht, ohne weich zu wirken, fasziniert.

So ist denn der Verlauf der Geschichte gar nicht so wichtig, auch wenn die beiden mal schier von einem anschwellenden Fluss mitgerissen werden, dann die nassen Kleider an einer zwischen den beiden Pferden gespannten Leine aufhängen und so durch die Weiten in grober Ganzkörperunterwäsche reiten, ein schräger Anblick diese Mischung aus Westernheldentum und Hausfraulichkeit; das Seil wird sich bei einem Indianerangriff als hilfreich erweisen, während Jay den Pfeil, den er instinktsicher mit der Hand abzuwehren versucht, so dass dieser durch die Handfläche geht, relativ schmerzfrei wegsteckt.

Neuseeland hat als Western-Westen einen schönen Reiz zu bieten in diesem sympathischen Western à la Marke Eigenbau, Western des Liebhabers, der ihn gar nicht neu erfinden will, aber große Wonne dabei entwickelt, einmal wachen Auges durch einen solchen zu spazieren.

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Film aus dem Dunstkreis des kolumbianischen Volkshelden, Drogendealers, Milliardärs, Politikers, Drahtziehers und Sammlers exotischer Tiere, des Aufrührers, Mord- und Chaosanstifters Pablo Escobar (so stefe anlässlich des Dokumentarfilmes des Sohnes von Escobar); hier ein fiktionaler Stoff, der einen jungen, braven, nicht näher charakterisierten Kanadier zu einem Gewissenskonflikt führen möchte.

Nick (Josh Hutcherson), so heißt unser Protagonist, will seinem Bruder Dylen beim Aufbau einer Surf-Station am Meer irgendwo im dschungelhaften Lateinamerika helfen. Dabei verliebt er sich in Maria (Claudia Traisac). Dieser Vorgang wird schablonenhaft unpersönlich aber mit Seifenoperngeschmeidigkeit wie vieles andere in diesem Film von Andrea di Stefan, der mit Francesca Marciano auch das Drehbuch geschrieben hat, aufgezeigt.

Dumm nur, dass Maria die Nichte von Pablo Escobar ist. Das scheint Nick nicht weiter zu stören. Er lässt sich widerstandslos in die gigantische Finca des Drogenhändlers und in seinen Clan einführen. Er bekommt sogar einen Posten in dem Anwesen. Wofür er sofort seinen Bruder fallen lässt. Etwas Kopfschmerzen verursacht ihm lediglich die mögliche, unbeabsichtigte Wirkung einiger Worte an Escobar. Ihm erzählt Nick von den Jungs am Meer, die ihn belästigt und mit einem Hund angegriffen hätten. Bald darauf sind diese tot. Ein Stirnrunzeln vielleicht, ein dunkler Verdacht, der kurz über das Hirn huscht, mehr bewirkt diese Info nicht.

Escobar war bis dahin Politiker. Inzwischen ist aufgeflogen, dass er in den Drogenhandel verwickelt ist. Eine landesweite Jagd nach ihm beginnt. Er will sich der Polizei stellen. Vorher aber möchte er seine Milliarden an Kokain, Bargeld und Diamanten an sicheren Orten verstecken. Auch Nick soll für einen Transport eingesetzt werden. Er erhält detaillierte Angaben zu den Vorgängen und dass er den Bauern, der ihn zum Versteck führt, erschießen soll. Somit ist die Grundlage für den Gewissenskonflikt, von dem nie klar wird, warum der Filmemacher ihn ausgerechnet in so eine Story und ausgerechnet mit diesem Protagonisten verpacken will, gelegt.

Die Angelegenheit läuft aus dem Ruder. Nick wird nun damit konfrontiert, die Schusswaffe real einzusetzen, um die eigene Haut zu retten. Das tut er mit irre viel Hyperventilation und Gesichtsverziehen. Immerhin gibt der Film einen Schlüssellochblick in das Leben der Legende Escobar frei.

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