Der Kapitalismus und die Finanzwirtschaft mit ihrer Wachstumsgläubigkeit sind hochkkomplexe Systeme, die in einem anderthalbstündigen Kinofilm weder gründlich zu analysieren, zu erklären oder gar fundamental zu kritisieren sind.

Umso anregender wirken die Nachfragen von Florian Opitz, der uns intelligente, gebildete Kapitalismus- und Finanzwirtschaftsakteure vorstellt und befragt im Hinblick auf das Wachstumsdogma, das sich als unerschütterlich herausstellt.

Zwischendrin blendet er Zitate von Karl Marx ein, der hellsichtig die Mechanismen und Folgen der kapitalistischen Geld- und Reichtumsvermehrung gesehen und beschrieben hat mit hochaktueller Gültigkeit.

Opitz geht es nicht um billiges Kapitalismusbashing; er fragt nur immer wieder, verhalten und vorsichtig nach. Ob denn dieser Wachstumsglaube, der sogar mit dem physikalischen Gesetz der Schwerkraft gleichgesetzt wird, gerechtfertigt sei und wozu das irgendwann führe, allein im Hinblick auf die Umweltzerstörung, die der Kapitalismus nach sich zieht.

Es ist eine leise, skeptische Stimme. Denn vorläufig geben die Resultate dem Kapitalismus recht. Einer meint gar, dass ihm enorme Selbstheilungskräfte innewohnen würden. Ohne den Kapitalismus, denkt sich hier der Zuschauer, wäre wohl unsere aktuelle Lebens- und Wohlstandsweise undenkbar, wären wir wohl ohne Autos, Flugzeuge, Kühlschränke, Lebensmittel aus aller Welt, Computer und Internet – hm, vielleicht auch ohne Kino.

Opitz begegnet kultivierten, ernsthaften Menschen, meist in weißen Hemden, die begeistert sind vom Umbau einer Autofertigungslinie zu Robotern, in der die schweren körperlichen Arbeiten von Maschinen übernommen werden, dem Börsenjournalist, der die Börse genau beobachtet, der nach einem geglückten Börsengang eines indischen Solaranbieters von Emotionen gepackt wird, dem Rinderzüchter in Mato Grosso in Brasilien, dem größten Rinderzuchtgebiet der Welt, auch er muss wirtschaftlich denken und Wachstum ist selbstverständlich und Brandrodungen gibt es nicht in seinem Weltbild. Oder der Geldverwalter eines großen Versicherungskonzerns, der eine bestimmte Rendite für seine Kunden sicherstellen muss und deshalb Geldströme in die Schwellenländer lenkt, der Airbus-Manager in China, der angesichts der immensen Wachstumsmöglichkeiten in einen Taumel gerät, der Börsen-Hochfrequenzhändler, der trotz Algorithmen und künstlicher Intelligenz die Bildschirme seines Büros ständig im Blick hat.

Der jetzige amerikanische Präsident als junger Immobilienhai, dessen Begeisterung darüber, an Orten mit zerfallenen Häusern neue Türme hochzuziehen und alles sofort zu verkaufen, keine Grenzen kennt.

Opitz arbeitet viel mit Archivmaterialien. Die gehen zurück bis zur Ölkrise, zu Reagan, der Liberalisierung der Finanzmärkte und dem darauf folgenden Casino eines entfesselten Finanzkapitalismus. Der aber Krisen wie die Lehmann-Pleite oder den Flash-Crash in diesem Jahrtausend spielend weggesteckt zu haben scheint, ja daraus direkt Antrieb für noch mehr Casino genommen hat.

Der Film vereinnahmt, weil keiner schlecht gemacht wird, keiner sich moralisch über den anderen erhebt: lauter ehrenwerte Mitglieder unserer kapitalistischen Welt erzählen recht persönlich aus ihrem Nähkästchen und Opitz bringt sie dazu, sich ganz unverfälscht zu geben.

Wobei es ausschließlich Männer sind, die an wichtigen Positionen in diesem Bereich agieren oder zumindest sich überhaupt vor die Kamera getrauen. Das steht auf einem anderen Blatt, ob Männer und Frauen unterschiedlich zum Finanzkapitalismus stehen.

Ganz aktuell wird Opitz nicht. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, sich Gedanken zu machen dazu, was in Europa gerade vor sich geht mit der endlosen Gelddruckerei eines Herrn Draghi und den Billionen an faulen Krediten. Andererseits sind Schulden der Grundantrieb des Kapitalismus.

Faszinierend sind die Einblicke in Büros der Finanzwirtschaft, die hockonzentrierten, ordentlichen, gepflegten Mitarbeiter und ihre Hingabe an die Bildschirme. Die können doch bestimmt nichts Böses tun. Untermalt wird der Film von einem Musikscore, der immer wieder ein paar diskret alarmierend warnende Takte einfließen lässt.

Hinterlasse einen Kommentar