Entbündelt.

Alice Agneskirchner hat eine gut Art für Kinodokumentation. Sie hat einen unverkrampften Zugang zu ihren Protagonisten und sicher auch ein prima Gespür bei der Auswahl ihres Teams, allen voran der Kameraleute; auch das Thema ist respektabel; diesem gegenüber hat sie eine offene, unvoreingenommene Haltung.

Allerdings braucht sie Geld, Filmen kostet Geld. Ohne Fernsehen geht gar nichts, hier arte und ZDF. Das verlangt Konzessionen. Die gehen auf Kosten des Kinos am Film. Die führen zu einer Zerfaselung der Energien, zu einer Entbündelung zu Lasten des Erfolges im Kino. Wobei ein Kinoerfolg ja nicht unbedingt schlechtes Geld wäre.

Es geht um die Frage des Umganges des Menschen mit der Natur. Ist er ihr Heger und Pfleger? Es geht in diesem Film um nicht domestizierte Tiere in Deutschland, die Jäger und die staatlichen Vorschriften.

Ein konfliktträchtiges Thema. Das blitzt immer wieder durch in den Aussagen der Protagonisten. Das sind Jäger, Berufsjäger und Hobbyjäger, Jagdaufseher, Wildbiologen, Waldbesitzer, Jagdpächter, Holzfäller, Förster.

Es geht um den Wolf, vor allem in Brandenburg, um die Gams in den bayerischen Alpen, um Wildschweine und Rehe.

Der Film hupft in der üblichen Fernsehverzopfung von der Gams zum Wolf zum Elch und wieder zurück und macht noch einen Ausflug in die Lawinenverbauerei und zum Holzfällen (nicht etwa wegen Thomas Bernhard) und dann noch nach Kanada. TV-Melange.

Das macht es dem Kinozuschauer schwer. Er ist zwar angetan vom Jäger, der gerade ein Rehkitz und dann seine Mutter abschießt, ein einmaliger Kinomoment, was in seinem Gesicht ganz aus der Nähe betrachtet vorgeht nach den erfolgreichen Schüssen. Wie er dann zu den toten Tieren rübergeht, vor ihnen stehen bleibt, ihnen ein Tannenzweiglein in den Mund steckt und eines im Blut an der Einschussstelle abstreicht und sich auf den Jägerhut klemmt. Einprägsame Szene.

Oder die ehrenamtliche Wolfsbeauftragte Brandenburgs. Wie sie glücklich ist, wenn sie auf einer Fotofalle Wölfe sieht. Wie sie erzählt vom Geheul eines ganzen Rudels, wie sie 100 Meter von denen entfernt vorbeigegangen ist.

Es gibt viele solcher schönen Momente im Film. Aber es gibt nicht die Geschichte, die den Zuschauer vom ersten Moment an fesselt, so wie es nur im Kino möglich ist. Und die er verfolgen kann. So verpuffen Mühsal und Energieaufwand der Dokumentaristin.

Wenn sie sich auf ein Thema konzentriert hätte, zum Beispiel auf die Gämse, so hätte sie einen spannende Story fast wie einen Krimi draus machen können, denn faszinierend bis erschütternd ist es allemal, wie die Jäger gezwungen werden, die Gämse faktisch auszurotten. Das hätte nähere und detailliertere Betrachtung verdient. Die Jägerrituale, die hinzukommen, die sind zumindest folkloristisch kinoaffin.

Jäger haben einiges zu erzählen. Auch mit ihnen auf Pirsch zu gehen, ist aufregend. Wie sie sich vorsichtig bewegen auf dem Waldboden. Wie sie sitzen und warten, sitzen und warten. Und dann die Seite des Staates und der Vorschriften. Unversöhnliche Kontrahenten.

Nein, aber statt das Thema auszunehmen wie der Jäger seinen erlegtes Wild, muss die Dokumentaristin noch auf Zwangsgebührenzahlers Kosten eine Reise nach Kanada machen. Eine wenig erhellende Reise, weil es da ein eingeborenes Volk gibt, das noch ganz legal jagen darf, ja und den Lockruf für den Elch bekommen wir auch präsentiert – Paralleles zeigen uns auch deutsche Jäger in ihren Revieren. Für diese Info hätte eine kleine Schrifttafel genügt. Das Bildmaterial ist jedenfalls nicht ergiebig, die paar indigenen Frauen in den Tarnanzügen. Überflüssig.

Das hätte den verantwortlichen Fernsehredakteuren schon vom Konzept her auffallen müssen. Es entsteht der leise Verdacht, der sich bei Dokumentaristen nur allzugerne einstellt, dass ein Vorwand gesucht wird zur Finanzierung einer Fernreise. Diese Rechnung geht nicht auf, der Erkenntniswert des kanadischen Beifangs ist gleich Null.

Das wirft ein ungünstiges Licht auf die Filmemacherin. Denn so spricht sie die Konflikte nur punktuell an, verzichtet auf die Dynamik eines konzentrierten Narrativs, das allein die Gäms-Geschichte dicke abgeben würde. So schadet die Filmemacherin sich selber; denn es soll mir keiner erzählen, dass wer Filme macht und sie ins Kino bringt, sich nicht im Tiefinneren Erfolg – und damit auch Geld – verspricht. So wäre dem Thema, dem finanzierenden Sender und auch dem Zuschauer und der Sache sowieso besser gedient.

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