Archiv für 10. Mai 2018

Gewaltige Kräfte gehen aufeinander los. Entfesseltes Gentech gegen die Hochhäuser von Chicago. Die Zentrifugalkräfte von Kino und Liebe. Die Großstadtpolitik gegen die Hunde. Die Geldherrschaft gegen das Buch. Der kleine Mikis gegen das Universum. Die Wachstumsideologie wie ein Fels gegen alles Nachbohren. Der Mensch als ein Teilchen im Kreislauf von All und Natur. Die Körperfülle gegen das modische Schönheitsideal. Kinder gegen Tierdiebe. Horror gegen die Idiotie hinter der Blendfassade der Jugend. Behörden und Naturschützer gegen die Jäger. Taxifahrer gegen einen schwachen Staat. Die erstarrten Genderbilder in Pakistan gegen das moderne skandinavische Frauenbild. Im Fernsehen beeindruckte Natalie Portmann mit ihrem Film über den jungen Amos Oz und eine Wühltischsendung kommt zum Schluss, dass es um den Grant schlecht bestellt ist.

Kino
RAMPAGE – BIG MEETS BIGGER
Endlich wieder über zerlegte Hochhäuser lachen.

MEIN LEBEN MIT JAMES DEAN
Ein Filmemacher am Rande der Falaises.

ATARIS REISE – ISLE OF DOGS
Der Bürgermeister der Megacity verbannt die Hunde wegen der Seuche und will sie ausrotten (er ist Katzenliebehaber) und das Serum gegen die Hundekrankheit muss auch verschwinden.

DER BUCHLADEN DER FLORENCE GREEN
Das Buch als Störfaktor des kapitalistischen Interesses.

DANCE FIGHT LOVE DIE
Miki Theodorakis zwischen Universum und Menschenzerstörung.

SYSTEM ERROR
Unbelehrbares Wachstumsdogma.

DIE AUGEN DES WEGES
Naturmystik lange vor IT.

I FEEL PRETTY
Die überwiegende Zahl der Konsumentinnen von Schönheitsprodukten sind keine Models.

LILIANE SUSEWIND – EIN TIERISCHES ABENTEUER
Sprechen mit Tieren kann ein Verhängnis sein, aber auch von Nutzen. Ein Kinderkrimi.

BLUMHOUSE PRÄSENTIERT: WAHRHEIT ODER PFLICHT
Aufkleberqualitäten zum Widerspruch zwischen Fassade und Idiotie der Jugend.

AUF DER JAGD – WEM GEHÖRT DIE NATUR
Naturschützer im Clinch mit den Jägern (den Hegern).

DIRECTIONS – GESCHICHTEN EINER NACHT
Aufkommende Selbstjustiz in Bulgarien.

WAS WERDEN DIE LEUTE SAGEN
Als Frau aus dem heutigen Norwegen ins pakistanisch, muslimische Mittelalter.

TV
EINE GESCHICHTE VON LIEBE UND FINSTERNIS
Das Unglück, das der Staat Israel mit seiner Gründung in Gang setzte.

ZEFIX HALLELUJA! – DIE KUNST DES GRANTS
Das Grant-Pulver ist aus.

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Fassade der Jugend.

Die Protagonisten sind alles blendend ausschauende und sogar mit Ansätzen von Charakter versehene jüngere Schauspieltalente: Lucy Hale, Violet Beane, Tyler Posey, Hayden Szeto, Sophia Ali, Nolan Gerard Funk, Landon Liboiron, Sam Lerner. Lebendig, frisch, wach, agil und vor allem gut aussehend, das typisch Verführerische paarungsbereiter Jugend portierend.

Regisseur Jeff Wadlow, der mit Jillian Jacobs, Michael Reisz und Christopher Roach auch das Drehbuch geschrieben hat, reißt mit seinem halbwegs amüsanten, vor allem aber rasanten Streifen (Rasanz im Sinne der Unruhe und des seelischen Aufruhrs und der Idiotie der Jugend: schnelle Schnitte, leicht bewegliche Kamera, und fett im Soundrepertoire auch verfremdenden Horrors gewühlt), der Jugend die verführerische Maske in Aufklebermanier weg.

Zum Vorschein kommt der reine Horror, ich schwöre, nichts als der Horror und der reine Horror. Denn charakterlich haben diese Studenten schon alle Eigenschaften, die später Romane und Kriminalgeschichte füllen werden: sie lügen und betrügen, sie haben alle ein Problem mit der Wahrheit und der Opportunismus ist auch nicht fern.

Zum Behufe der Stoffwerdung seines Ansinnens ersinnt Wadlow eine letzte „Spring-Break“-Reise der Clique aus dem Studentenwohnheim Serra Appartments nach Mexiko. Dort schickt er ihnen Carter auf die Fährte, der sie in eine abgelegene Behausung mitschleppt, man möchte doch den letzten Abend noch feiern, und sie ins Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ hineinzieht, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Denn es verfolgt die Clique bis in die USA hinein, den Rest des Semsters, es wird brutale Realität. Wenn einer nicht die Wahrheit sagt oder die Pflicht nicht erfüllt (generell eine grausame, wie mit der Dienstpistole auf den Vater zielen, mal aber auch nur betrunken an der Dachrinne entlang wanken), so muss sie oder er sterben.

Als Plot ist das ungefähr so ergiebig, wie „Zehn Kleine Negerlein“ oder die „Reise nach Jerusalem“. Aber durch die prima Auswahl der Jungakteure wird der Gegensatz zwischen Fassade und Innerei bemerkenswert deutlich, eben, wie es im Film selber heißt, die Idiotie der Jugend oder der Wahn oder die Halluzination von Jugend als eines ganz besonderen Zustandes, der leichtsinnig im Gefühl von Kraft und Stärke und Erwachsensein so tun kann, als bräuchte es weder Charakter noch Pflichterfüllung dazu. Die deutsche Nachsynchronisation passt deckungsgleich zu diesem Jugendbild.

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Have some class, dude!

Wir verstehen uns bestens, aber anzügliche Gesten, bei aller Freundschaft, das gehört sich nicht; selbst wenn wir eine treffliche Gebärdensprache zur Verständigung entwickelt haben. So könnte treffend das Verhältnis von Davis (Dwayne Johnson) zu George (Jason Liles) charakterisiert werden. Davis ist der George-Flüsterer, denn George ist ein Gorilla und Davis der Primus inter Pares.

Davis hat ein bewegtes Leben als Primatenforscher hinter sich und greift im Film erst so richtig ein, nachdem ausführlich exponiert worden ist, was zu den Katastrophen führt, die er mit Hilfe des wild und riesig gewordenen George beenden soll.

Der Film nach dem Buch von Ryan Engle + 3 in der Regie von Brad Peyton greift dazu weit aus, fängt mit einer Katastrophe im Weltall an. Dort in einer Raumstation laboriert die Firma „Energyne“, die genetisches Engineering am Rande der Legalität und drüber hinaus im Weltall betreibt, gentechnisch mit CRISPR an Tieren rum. Etwas geht schief, die Raumstation gerät außer Kontrolle, das Raumschiff stürzt ab.

Die Forscher haben ein Gen isoliert, was bei Versuchstieren zu rasantem Wachstum führt und zu ernormer Aggressivität. Ein Kästchen mit diesem gefährlichen Material landet mit dem Absturz auf der Erde. Unverglüht. Und infiziert George.

Mit Dr. Kate Caldwell (Naomie Harris), die vor zwei Jahren von Energyne rausgeschmissen worden ist, wird – und muss – Davis versuchen, die Katastrophe zu verhindern. Das werden sie nicht können. Denn nicht nur George fängt an, zerstörerisch zu wirken, es sind noch zwei Katastrophenfilm-Drachenwesen los. Sie machen aus Chicago Kleinholz. Bestes King-Kong-Kino, unterhaltsames Jahrmarktvergnügen. So lustvoll dürften Hochhäuser seit 9/11 in den USA nicht mehr auseinandergenommen worden sein.

Mitten in der sich schnell steigernden Katastrophe bewahrt Dwayne Johnson als Harris die Ruhe und läuft zu Bestform auf. Dazu gehört diese Coolness, im härtesten Stress noch einen kessen Spruch auf der Lippe zu haben, das Menschliche nie aus dem Auge zu verlieren, kumpelhaft, allenfalls mit gut merkbarer, einfacher Gestik untermalt, die Zuschauer zum Nachahmen ermuntern dürfte.

Gegen das Amerika Trumps ist das Auseinandernehmen von Hochhäusern nun wirklich ein Kinderspiel und ganz gut erträglich – dieser hat ja mit Hochhäusern sein Vermögen gemacht.

Nicht allzu diskret im Hintergrund werden die Haupthelden nach waghalsiger Flugzeugabsturzrettung unterstützt von Russell (Jeffrey Dean Morgen), der nur grinsen kann über die unbeholfene Welt um ihn herum. Gar nicht so realitätsfern, die Figur. Well, that sucks. I like you.

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Wie eine Vulkaneruption

schleudert Asteris Kutulas, der mit Ina Kutulas auch das Drehbuch geschrieben hat, 40 Jahre aus dem Wirken und Werk von Mikis Theodorakis auf die Leinwand.

Kutulus orientiert sich am Chaos, dem Theodorakis sich selbst nahe fühlt, kurz davor, kurz darnach, mittendrin, er der schwer kategorisierbare Musiker, Sänger, Dirigent, Komponist, der mit Musik zu Alexis Zorbas 1964 weltberühmt wurde.

1980 begann die Zusammenarbeit von Asteris Kutulus mit Mikis Theodorakis; er hat Griechisch studiert, als Übersetzer gearbeitet, über 30 CDs mit Theodorakis produziert und über 150 Konzerte organisiert. Dabei hat er wohl immer selbst auch gefilmt.

Aus diesem Material und vielem Archivfootage zwischen 1987 und 2017 hat er diesen Film montiert, mit kurzem Schwarzbild wie beim Seitenumblättern zwischen einzelnen Episoden. Ein System ist kaum zu erkennen, es herrscht die Anarchie der Bilder aus historischem Archivfootage aus dem Krieg, von Ausnahmezuständen, Kunstfilmen mit Opernmusik von Theodorakis, Hinter-der-Bühne-Aufnahmen, Footage von Konzerten als Sänger, als Dirigent, Experimentelle Filmelemente, Ballettproben, Studioaufnahmen und auch wie Theodorakis griechisch feiert und singt und zecht und raucht.

Es gibt Ausschnitte aus Filmen zu Opernmusik von ihm. Wie bei einem Feuerwerk schießt eine Aufnahme nach der anderen auf die Leinwand, erzählt vom unergründlichen Fundus an Musikideen, die vor künstlerischen Experimenten nicht zurückschrecken (Air Brush), die immer auch Krieg und Holocaust und Militärdiktatur und die griechisch-türkische Versöhnung, den Kalten Krieg thematisieren. Es sind wie Eruptionen aus dem Zusammenprall des Universums mit der Destruktivität des Menschen.

Es gibt keine Statements von zugewandten Orten, kein Blabla, keine Erklärungen nur die Titel der Werke, die Musik immer von Theodorakis, und die Orte, den Rest kann man bei Wikipedia nachlesen.

Einzig ein Interview führt der Filmemacher mit ihm, aus welchem einige Philosopheme stammen. Wie Theodorakis als kleines Kind es als eine Anomalie der Natur betrachtete, dass er nicht fliegen konnte, es trotzdem tun wollte und sich dabei die Arme brach. Wie er sich mit dem Universum einig fühlt und sich doch im Stich vorgelassen vorkommt. Wie er sich immer am Rande des Chaos sieht. Dass er sich weder dem Wasser noch der Erde verbunden fühlt, sondern der Luft. Wie er die Welt schön findet, wenn nur der Mensch nicht da wäre, der alles zerstört und zunichte macht.

Die Ausschnitte, die dieser Leinwandvulkan aussprüht, stammen aus vielen Teilen der Welt und einmal tanzt Theodorakis Jahrzehnte nach Zorbas mit Anthony Quinn auf dem Königsplatz in München Sirtaki. Ein andermal schwärmt er von sowjetischer Alpenschockolade, die er aus einem ‚tollen‘ Schrank hervorholt. Und wenn seine Hände nicht gerade Schockolade aus dem Schrank zaubern, dann sind sie gerne am dirigieren und komponieren. Er ist eine Wucht, dieser Mann.

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Wie schon in Judgment – Grenze der Hoffnung offeriert Stephan Komandarev, der mit Simeon Ventsislavov auch das Drehbuch geschrieben hat, eine Häufelung von bulgarischen Problemen.

Für sein Erzählmuster dürfte er sich von zwei Filmen inspiriert haben lassen. Als Grundstruktur, nämlich die sozialen und gesellschaftlichen Problemes eines Landes, eines Orts zu zeigen, die Fahrt in einem Tax wie in Taxi Teheran von Jafar Panahi.

Allerdings hat Komandarev das Verfahren aufgelockert. Es kommen bei ihm eine ganze Anzahl Taxifahrer vor und die Kamera verlässt auch das Innere des Autos.

Der zweite Film dürfte der ebenfalls bulgarische Film Sofias last Ambulance von Ilian Metev sein, der eine Nacht lang mit einem Sanitatäswagen und seiner Mannschaft unterwegs ist, eine atemberaubende Dokumentation. Auch Komandarevs Film spielt in einer Nacht in Sofia.

Hier handelt es sich allerdings um einen Spielfilm, der das Prinzip der Nachtfahrt übernimmt, aber ein Episodenfilm ist, wobei die Episoden von unterschiedlicher Qualität, Brisanz und Realitätsnähe sind.

Bemerkenswert, dass einige darunter sind, die das Prinzip der Selbstjustiz, offenbar zunehmender Selbstjustiz in Bulgarien, thematisieren. Die erste Episode, die vor den Titeln, ist gleich die aufregendste. Ein knalliger Überlebenskämpfer, der in seiner Taxe heftige Auseinandersetzungen führt, wenn er über die holprigen Hauptstraßen von Sofia donnert und sich weigert eine 17-jährige Schülerin in ein Hotel zu fahren, damit sie sich dort prostituieren kann. Er selbst hat eine erblühende 13-jährige Tochter.

Gleich die erste Szene ist dramatisch. Es geht darum, dass sein bulgarischer Kreditgeber Popov Geld von ihm fordert, was er ihm seiner Ansicht nach nicht schuldet. Denn sein kleiner Kabelladen, den er neben dem Taxifahren betreibt, musste dichtmachen. Er kann einen europäischen Kredit bekommen, wenn ein bulgarischer Geldgeber ihm auch einen Kredit gibt. Das ist der unbescholtene Popov, der jetzt seine Forderung plötzlich verdoppelt. Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit und ein Grund für Selbstjustiz. Ein Thema: Korruption, Erpressung, Umgang mit europäischen Geldern, was sicher vertieft werden könnten, hier aber muss es für die Szene vor dem Titel reichen.

Thema Selbstjustiz wird akut bei einer Taxifahrerin, die am Flughafen einen ehemaligen Funktionär aus der Zeit des Kommunismus mitnimmt, der ihr das Leben vesaut hat, Knast damals. Offnbar haben bulgarische Taxifahrer immer eine Knarre dabei. Ohne Knarre will sich ein Anwalt bei einem Taxifahrer Gerechtigkeit verschaffen, der heimlich die Taxiuhr manipuliert und für die Routinestrecke 13 Ley statt der üblichen 5 verlangt.

Manche Gespräche wirken erfundener, manche Szenen auch. Die Anfangsstory spielt immer wieder hinein über Radiosendungen, die in Taxen gehört werden. Auch wird wegen der erste Szene ein Herz zur Transplantation frei.

Der Film wirkt allerdings auch so, als wolle er vor allem auf Missstände und die Kaputtheit im Lande hinweisen, dass keine Sanitätswagen verfügbar sind, wenn einer dringend ein Herz erhalten soll, der Dreck überall, die Korruption, der Brain Drain, dass die besten Leute auswandern, die Prostitution von Schulmädchen – verdammt hübsch sind sie allerdings. Dass der Staat keinen Zugriff auf die Ordnung im Lande habe.

Allerdings belässt es Komandarev beim Negativbefund zu Bulgarien. Außer hübschen Frauen hat das Land offenbar nichts zu bieten. Und über das Kino beklagt er sich auch.

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Kino-Liebes-Clique.

Irgendwo in der Normandie liegt Le Treport am Ärmelkanal. Wie von Gott vergessen. Es gibt sogar ein Kino. Und das Hotel Le Calais.

Hier wird Géraud Champreux (Johnny Rasse) untergebracht. Er will im örtlichen Kino seinen Film „Mein Leben mit James Dean“ zeigen. Über den Film sagt er, er sei ein bisschen anders, etwas Besonderes, also nicht ein üblicher Liebes- oder Actionfilm. Es ist ein Kinoträumerfilm. Ein James-Dean-Träumer-Film. Vielleicht sogar eine LiebesDiebesFilm.

Es geht um die Liebesbeziehung von Géraud zu Ludwig (Tancredi Volpert), einem verheirateten Schauspieler, seinem Protagonisten. It’s a bit different. Die Ausschnitte, die zu sehen sind, sind – wie dieser Film von Dominique Choisy auch – überaus artifiziell, Liebesverhältnisse, Sehnsüchte, Zueinanderkommen, Auseinandergehen, einander Nachstehlen und Nachstellen sind die Elemente zwischen den Menschen. Immer die Liebe. Die richtige Liebe. Die passende Liebe.

Film und Fiction, Liebe, Kinotraum und Leben werden kunstfertig ineinander verquirlt. Wie Motten ums Licht tanzen ein paar Figuren im Ort umeinander auf der Suche nach der Liebe ums Kino.

Die Kino-Veranstalterin Sylvia van den Rood (Nathalie Richard) kämpft um ihre Freundin Louise (Marie Vernalde), die mit einem Immobilienhai unterwegs ist. Balthazar (Michael Pelissier), der Filmvorführer, der von Männern träumt und noch keinen gehabt hat, verfällt dem Regisseur Géraud. Die junge Frau von der Hotelrezeption Gladys (Juliette Damiens) übt die Nina aus Tschechows Möwe; wie sie erfährt, dass Géraud Filme macht, ist sie hin und weg von ihm.

Es ist eine kleine Traube von Menschen, die nicht loskommen voneinander, das geht momentweise an die Grenze eines zarten Slapsticks. Bald sind sie vercliquet, bald stalken sie einander. Das sind amüsante Bilder im leeren Städtchen, alle 30 Meter einer oder einer, die den anderen oder die andere verfolgt, geheimnisvoll, um nicht aufzufallen, auf leisen Zehen. Liebesreigen. Was treiben die anderen, was treibt der andere, was treibt die andere, auf den oder die die Sehnsüchte projiziert werden?

Die Kamera ist seelenruhig, kann sich vermutlich ab und an ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn die Handlung aufflackernd Schelmenhaftes (Diebe der Liebe?) annimmt; die Settings sind wundervoll ausgeleuchtet und geschmackvoll eingerichtet, viel Monochromes in warmen Farben oder ausgewählte Blumentapetenmusterungen.

Im Zentrum dieser Anziehungs-Kräfte steht der Regisseur, der mit einer gewissen James-Dean-Näher gecastet wurde. Er ist vielfältigen Wünschen und Begehren ausgesetzt mit seinem Film, den freiwillig kaum jemand sehen will oder dann nur aus persönlichen Gründen oder weil Tony (Julien Graux) vom Altenheim ein Nachsehen hat und eine Busladung älterer Menschen zum Kino begleitet. Mit seiner Position und mit dem Thema seines Filmes löst Géraud Wünsche aus. Ständig macht er sich Notizen für seinen nächsten Film, er träumt von einer Mischung aus Bollywood und Möwe; auch sie ist Ausdruck dieses Hauches von fabellhafter Possenhaftigkeit in der Haltung von Dominique Choisy zum Thema Liebe und Kino und den Mühen des Autors.

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Culture Trash.

Dieser Film von Iram Haq, und auch deutsche Förderer unterstützen das, zeigt ausgewalzt das Leiden, der in Norwegen aufgewachsenen Pakistanerin Nisha (Maria Mozhdah) unter der Kuratel überbrachter islamischer Familienehre.

Trash, weil gar nicht erst versucht wird, wie in VOLL VERSCHLEIERT beispielsweise, Differenzierungen herzustellen und auch gar nicht, eine spannende Geschichte zu erzählen.

Der Film behandelt moralthematisch den gnadenlosen Zugriff der Familie auf das Liebesleben, resp. auf die Bräutigamauswahl und sowieso das Eheleben der jungen, im Westen sozialisierten jungen Frau. Unterdrückung durchs Band.

Nisha wird vom Vater erwischt, wie ein Grünhorn von norwegischem Rotschopfjungen, der sich über die Fassade in ihr Zimmer gehangelt hat, und wie sie unschlüssig dabei sind, einen Kuss zu tauschen. Zu einem Geschlechtsverkehr zwischen den beiden kommt es nicht. Sie sind nicht einmal nackt. Der Vater stürzt ins Zimmer, verprügelt heftig den Jungen (später erzählt das kleine Pflaster auf der Wange eine harmlosere Geschichte). Der Rest der Strafe durch die Familie läuft mechanisch ab.

Der Vater verfrachtet seine Tochter persönlich und gegen ihren Willen, sie glotzt bloß mit großen Augen, wie ihr geschieht, zur Verwandtschaft im hintersten Pakistan – und keine pakistanische Filmförderung im Abspann.

Dort lebt sie, muss sie leben, ein pakistanisches Frauenleben bei Verwandten. Allerdings bahnt sich eine wilde Liebe zwischen Nisha und Amir, einem filmstarhübschen Pakistani (Rohlt Saraf) an. Die beiden sind dumm genug, sich in einer Gasse nachts eng umschlungen zu küssen.

Polizei kommt dazu, macht sich eine schweinische Gaudi daraus, kassiert bei der Familie Bestechungsgeld. Die Ehre der Familie ist befleckt. Der Vater aus Norwegen reist an, will die Tochter erst dazubringen, sich von einem Felsen zu stürzen, traut sich aber nicht, den nötigen Schubs zu geben. Deshalb nimmt er sie als Retoure mit nach Norwegen.

Dort will die Familie die Tochter vor der Öffentlichkeit praktisch ausschließen. Aber es gibt Jugendschutz und Sozialämter, denen so etwas nicht verborgen bleibt. Die Tochter soll zur Wiederherstellung der Ehre mit einem Arzt in Kanada verheiratet werden. Jetzt steht Nisha vor einer einsamen Entscheidung. Und dann ist der Film nach 107 Minuten aus. Die Protagonistin hat ihre Leidens- und Opfermiene schön durchgezogen.

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Der Kapitalismus und die Finanzwirtschaft mit ihrer Wachstumsgläubigkeit sind hochkkomplexe Systeme, die in einem anderthalbstündigen Kinofilm weder gründlich zu analysieren, zu erklären oder gar fundamental zu kritisieren sind.

Umso anregender wirken die Nachfragen von Florian Opitz, der uns intelligente, gebildete Kapitalismus- und Finanzwirtschaftsakteure vorstellt und befragt im Hinblick auf das Wachstumsdogma, das sich als unerschütterlich herausstellt.

Zwischendrin blendet er Zitate von Karl Marx ein, der hellsichtig die Mechanismen und Folgen der kapitalistischen Geld- und Reichtumsvermehrung gesehen und beschrieben hat mit hochaktueller Gültigkeit.

Opitz geht es nicht um billiges Kapitalismusbashing; er fragt nur immer wieder, verhalten und vorsichtig nach. Ob denn dieser Wachstumsglaube, der sogar mit dem physikalischen Gesetz der Schwerkraft gleichgesetzt wird, gerechtfertigt sei und wozu das irgendwann führe, allein im Hinblick auf die Umweltzerstörung, die der Kapitalismus nach sich zieht.

Es ist eine leise, skeptische Stimme. Denn vorläufig geben die Resultate dem Kapitalismus recht. Einer meint gar, dass ihm enorme Selbstheilungskräfte innewohnen würden. Ohne den Kapitalismus, denkt sich hier der Zuschauer, wäre wohl unsere aktuelle Lebens- und Wohlstandsweise undenkbar, wären wir wohl ohne Autos, Flugzeuge, Kühlschränke, Lebensmittel aus aller Welt, Computer und Internet – hm, vielleicht auch ohne Kino.

Opitz begegnet kultivierten, ernsthaften Menschen, meist in weißen Hemden, die begeistert sind vom Umbau einer Autofertigungslinie zu Robotern, in der die schweren körperlichen Arbeiten von Maschinen übernommen werden, dem Börsenjournalist, der die Börse genau beobachtet, der nach einem geglückten Börsengang eines indischen Solaranbieters von Emotionen gepackt wird, dem Rinderzüchter in Mato Grosso in Brasilien, dem größten Rinderzuchtgebiet der Welt, auch er muss wirtschaftlich denken und Wachstum ist selbstverständlich und Brandrodungen gibt es nicht in seinem Weltbild. Oder der Geldverwalter eines großen Versicherungskonzerns, der eine bestimmte Rendite für seine Kunden sicherstellen muss und deshalb Geldströme in die Schwellenländer lenkt, der Airbus-Manager in China, der angesichts der immensen Wachstumsmöglichkeiten in einen Taumel gerät, der Börsen-Hochfrequenzhändler, der trotz Algorithmen und künstlicher Intelligenz die Bildschirme seines Büros ständig im Blick hat.

Der jetzige amerikanische Präsident als junger Immobilienhai, dessen Begeisterung darüber, an Orten mit zerfallenen Häusern neue Türme hochzuziehen und alles sofort zu verkaufen, keine Grenzen kennt.

Opitz arbeitet viel mit Archivmaterialien. Die gehen zurück bis zur Ölkrise, zu Reagan, der Liberalisierung der Finanzmärkte und dem darauf folgenden Casino eines entfesselten Finanzkapitalismus. Der aber Krisen wie die Lehmann-Pleite oder den Flash-Crash in diesem Jahrtausend spielend weggesteckt zu haben scheint, ja daraus direkt Antrieb für noch mehr Casino genommen hat.

Der Film vereinnahmt, weil keiner schlecht gemacht wird, keiner sich moralisch über den anderen erhebt: lauter ehrenwerte Mitglieder unserer kapitalistischen Welt erzählen recht persönlich aus ihrem Nähkästchen und Opitz bringt sie dazu, sich ganz unverfälscht zu geben.

Wobei es ausschließlich Männer sind, die an wichtigen Positionen in diesem Bereich agieren oder zumindest sich überhaupt vor die Kamera getrauen. Das steht auf einem anderen Blatt, ob Männer und Frauen unterschiedlich zum Finanzkapitalismus stehen.

Ganz aktuell wird Opitz nicht. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, sich Gedanken zu machen dazu, was in Europa gerade vor sich geht mit der endlosen Gelddruckerei eines Herrn Draghi und den Billionen an faulen Krediten. Andererseits sind Schulden der Grundantrieb des Kapitalismus.

Faszinierend sind die Einblicke in Büros der Finanzwirtschaft, die hockonzentrierten, ordentlichen, gepflegten Mitarbeiter und ihre Hingabe an die Bildschirme. Die können doch bestimmt nichts Böses tun. Untermalt wird der Film von einem Musikscore, der immer wieder ein paar diskret alarmierend warnende Takte einfließen lässt.

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Die Kinderkriminalgeschichte hat Hand und Fuß. Das ist solide Drehbucharbeit von Matthias Dinter, Beate Fraunholz und Betty Platz.

Im Zoo Paradisia werden Tiere geklaut. Die Zoodirektorin Oberst Essig (Meret Becker) ist verzweifelt.

Die Eltern von Liliane (Malu Leicher) müssen immer wieder umziehen, weil Liliane wegen ihrer Fähigkeit, mit Tieren sprechen zu können, andauernd Unheil anrichtet. Eben hat der Esel der Knallcharge von Bürgermeister die Einweihung eines Denkmals für ihn selber verdorben hat. Einmal mehr mussten deshalb die Eltern umziehen.

Ausgerechent die neue Schule will dem Zoo helfen. Ein Konflikt für Liliane, denn sie will, außer mit ihrem Terrier Bonsai, mit Tieren nichts mehr zu tun haben. Wie aber bekannt wird, dass hier Tiere gestohlen werden, muss sie sich auf das Abenteuer einlassen, um dem oder den Übeltätern auf die Spur zu kommen.

Lilianes Mutter Regine (Peri Baumeister) ist Journalistin und wird auch plötzlich im Zoo auftauchen. Noch ein Konflikt. Zuhause unterstützt Vater Ferdinand (Tom Beck), der ein Buch über China schreibt, seine Tochter.

Konfliktfördernd ist eine Rivalität in der Schule mit drei Püppchenmädchen. Das verschafft dem Abenteuer zusätzlichen Schub. Die Kinder müssen ihre geregelten Wege verlassen, um dem Dieb auf die Spur zu kommen und bei einem dramatischen Countdown am Alten Güterbahnhof zu überführen. Soweit die Geschichte.

Wobei das Thema Tierschutz und Zoo gröblich vernachlässigt wird. So wie die Tiere in diesem Zoo gehalten werden, müsste man froh sein, wenn sie geklaut werden, schlechter dürfte es ihnen woanders auch nicht ergehen.

Die Inszenierung von Joachim Masannek (Die wilden Kerle – Die Legende lebt) ist eher grobschlächtig zu nennen, spielt Szenen, in denen Tiere Auswürfe tätigen groß aus, setzt auf Übertreibung noch und nöcher, auf knallbunt und knallschräg, ist eklektisch wie immer, ist geradezu provinziell zu nennen im Hinblick darauf, dass der Film sicher nicht zur Geschmacksbildung der Kinder beiträgt, gleichzeitig aber auch kaum Schaden anrichten dürfe; was jedoch die Reichweite des Filmes auf die deutsche Kulturprovinz beschränken dürfte.

Wobei Masannek offenbar Garant dafür ist, das Drehpensum einzuhalten und dann ist trotzdem was los auf der Leinwand.

Masannek will mit den Kindern großes Theater inszenieren, besonders wenn sie nicht unbedingt mundgerechte Monologe über das Andersein halten oder wenn sei bei einer Diskussion Gänge im Labor von Jess (Aaron Kissiov) machen müssen wie erwachsene Schauspieler im Boulevardtheater.

Die beiden Polizisten hätten vielleicht anders gecastet werden sollen, denn sie begnügen sich damit, die Polizei dümmer als erlaubt darzustellen, statt eine abgrundtiefe Komik herauszuarbeiten, die sich aus der Diskrepanz zwischen Realität und Vorschriften ergibt.

Das Problem bei Masannek scheint mir, dass er sich im hölzern-grobklotzigen Entwurf der Erwachsenen an Kinderzeichnungen orientiert: im Grunde genommen äfft er die vermeintliche Wahrnehmung der Kinder nach (wobei es sich bei Kinderzeichnungen möglicherweise nur um ein noch unterentwickeltes Geschick in der Verarbeitung und Darstellung dieser Wahrnehmung handelt). Was die Kinder unterfordern dürfte. Darum muss er Exkrementen-Auswurf-Aktivitäten überrissen ausstellen. Denn bei Furz, Rülps, Kotz, Scheiß ist das Lachen der Kinder im Saal sicher.

Diese Orientierung der hölzern-grobschlächtigen Menschendarstellung an Kinderzeichnungen ist extremes Anbiedern an die Kinder. Es verbiegt die Erwachsenenwelt nach der unreif zeichnerischen Artikulation der Kinder. Das ist, wie wenn Masannek Theater für Ausländer machen würde und dann alle Darsteller gebrochen Deutschen sprechen ließe. Also nicht so ganz der Hit.

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Einen herzhaften Punch landen Abby Kohn und Marc Silverstein mit ihrem Film in die Magengegend der kosmetikindustriell forcierten Schönheitsideale.

Renée (Amy Schumer), die das Prinzip „dick, das Herz auf dem rechten Fleck, aber etwas ungeschickt“ vertritt, allenfalls mit einer leichten Opferattitütde angereichert, träumt davon, an der Rezeption des schicken Hauptquartiers des Kosmetikkonzerns Lilly Leclaire zu arbeiten, einfach mitten drin zu sein in all der Schönheit und ihr dienen zu können.

Dessen Chefin Avery LeClare (Michelle Willimas) ist als dünnstimmiges Püppchen gezeichnet, aber intelligent oder instinktsicher genug, zu erkennen, dass Renée die Millionen von Kundinnen repräsentiert, die das Geschäft des Konzerns sichern.

Wobei die Drehbuchautoren allerdings das Element, dass gerade der Alltagsmensch von einer nicht erreichbaren Schönheit und Eleganz träumt, jetzt einfach Mal beiseite schieben.

Seinen Reiz bezieht der Film gezielt aus dem Gegensatz der propagierten Schönheitsideale und der elganten Konzernwelt einerseits und der gerne miniberockten Korpulenz der Blondine Renée gegen die lasziv abweisenden Eleganz der Modewelt andererseits.

Die Melancholie bezieht diese Komödie daraus, dass Renée mit dem Höhenflug, den sie im Konzern antritt, überfordert ist, mit Flug im Privatjet nach Boston, mit der Hotelsuite, größer als ihre oberspießbürgerliche Wohnung und vor allem mit der Anmache durch den Bruder von Avery, Grant (Tom Hopper).

Denn treuherzig vergisst sie ihren Ethan (Rory Scovel) den sie bei einem Dry-Cleaner angesprochen hat, nicht; sie kann den Spagat, den dieses Liebeswerben fordert, nicht machen.

Liebevoller Running-Gag in der Inszenierung sind Renées Auftritte im Fitnessstudio Soulcycle mit der Masse sportlicher Frauen am Hometrainer. Hierbei zeigt sich auch ihr Weg zu einem etwas normaleren Dasein, das nicht ständig seine eigene Körperfülle und das Dasein als Gemütselefant thematisieren muss und zur Gefahr für Sportgeräte wird.

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