Archiv für 3. Mai 2018

Es lebe das eigensinnige Kino! Es gibt ein die Afghanen einendes Kino. Sich am eigenen Haarschopf aus dem Psychomedikamentenzwang befreien. Detektiv- mit Zwergenwelten vermischen. Mit Musik und Fußball gegen die Gewalt. Eigensinnig in Paris. Den Gewaltzyklus gegen Frauen durchbrechen. Lebe dein Leben – und wenn’s auf der einsamen Insel ist. In Chile ist das Anders gar nicht so anders. In Italien gründen Akademiker eine Drogenbande, dazu brauchen sie gleich drei Filme. Das Geheimnis einer Undurchdringlichen. Eigensinnig Surrealstisches aus Luxemburg. Reparaturanstrengungen gegen die schiefe Bahn. Das Herrschafts-Dienerschaftsthema im sich in Arm/Reich spaltenden Deutschland und ein deutscher Krimi, der glaubt mit Sci-Fi-Elementen sich aufplustern zu müssen. Plumpes Propagandakino dagegen passt nicht unter dem Begriff „eigensinniges Kino“. Zum Thema „Deutscher Filmpreis“ hat sich stefe einen Kommentar erlaubt.

Kino
MEISTER DER TRÄUME – LE PRINCE DE NOTHINGWOOD
Kino in Afghanistan – das schafft nur einer, der in jeder Provinz, bei jedem Stamm, auch bei den Taliban, eine Mutter hat.

ELEANOR & COLETTE – 55 STEPS
Epischer Kampf um ein elementares Patientenrecht in der Psychiatrie.

SHERLOCK GNOMES
Gartenzwergdiebstahl hält alten Engländer und seinen Assistenten auf Trab.

REGGAE BOYZ
Der deutsche Trainer verlangt von der National-Fußballern in Jamaika „Männer mit Eiern“ – dazu gibts genügend Reggae.

BONJOUR PARIS – JEUNE FEMME
Eigensinn dieser junge Frau bedeutet: eruptiv und nicht nach dem comme-il-faut sich selber suchen.

MONIKA HAUSER – EIN PORTRAIT
Stop der Gewalt gegen Frauen, die sich über Generationen fortpflanzt.

WER HAT EIGENTLICH DIE LIEBE ERFUNDEN
Ehekrisenmeisterung dank plötzlichen Ausbruchs und mit Hilfe eines selbsternannten Seelenklempners mit Leuchtturmwohnsitz.

RARA/MEINE ELTERN SIND IRGENDWIE ANDERS
Wenn es mit den Eltern nicht klappt, so kriegen die Kinder das dicke ab.

MORGEN IST SCHLUSS – DER ANFANG
Mit einem Thriller das Arbeitsplatzprobelm von Akademikern skandalisiert.

MORGEN IST SCHLUSS – MASTERCLASS
Wo bilden sich Verbrecher besser als im Gefängnis?

MORGEN IST SCHLUSS – AD HONOREM
Die Auswüchse der italienischen Wissenschaftspolitik sind so enorm, dass für Zinni und seine Bande ein Freigang nötig wird.

DIE SANFTE – KROTKAYA
Eine sanfte Frau auf einer Reise durch ein korruptes Russland, von dem sie auch noch träumt.

GUTLAND
Was Gutland heißt, kann Schlechtes nicht haben – oder die Jauchegrube.

THERAPIE FÜR GANGSTER
Vorbeugen wäre billiger als diese exklusiven Therapien für Knastis – und dann noch Muslime.

HERRLICHE ZEITEN
Literarische Dekadenzkompetenz paart sich mit Niedrigenergiekino.

REWIND
Nachwuchsfrüchte aus dem Subventionstümpel.

7 TAGE IN ENTEBBE
Plumpes Propagandakino für einen Unrechtsstaat, der behauptet, die einzige Demokratie in Nahost zu sein.

Kommentar
zur problematischen Legitimation des Deutschen Filmpreises.

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Ehrgeize
zeigen sich in diesem Film von Johannes F. Sievert.

Der Ehrgeiz, die TV-asthmatische Erzählttechnik auf die Spitze zu treiben, keine Einstellung soll länger als wenige Sekunden stehen bleiben, zehn Sekunden sollen wie eine Ewigkeit wirken.
Ehrgeiz einer Dialogregie, die auf jeden Untertext verzichtet, auf jede Farbe: nüchternes Geradeaussprechen und knapp dazu.
Ehrgeiz, auf Charakterisierung der Figuren zu verzichten, stattdessen Tatsachensätze in die Dialoge einbauen.
Ehrgeiz: Sciencefiction, TV-Krimi und persönliche Involvierung des Kommissars im Kriminalgeschehen zusammenzubringen.
Ehrgeiz, auf establishing Shots zu verzichten, diese dafür mittendrin in die Szenen zu schnetzeln, dazu Illustrativ- und Ablenkungsshots sowie Splitscreen.
Ehrgeiz, lauter Bilder herzustellen, die der Zuschauer glaubt, schon mal irgendwo gesehen zu haben (déja vue statt „jamais vue“).
Ehrgeiz, die Namen der Protagonisten zu vergeheimnissen oder erst sehr spät mit ihnen herauszurücken und stattdessen die Namen von Opfern und Tätern oder Tatverdächtigen mehr als deutlich auszusprechen oder zu schreiben.
Ehrgeiz, möglichst viele Verbrechen in Köln in einen Film zu drücken und zu deren Aufklärung auf eine dubiose Zeitmaschine zu hoffen.
Ehrgeiz, einen Krimi so wenig kundenfreundlich wie möglich zu erzählen.
Ehrgeiz, einen weiteren deutschen Film zu machen, den im Kino wohl kaum einer anschaut? (warum wohl?)
Ehrgeiz, keine persönliche Handschrift erkennen zu lassen.
Ehrgeiz, den Zuschauer möglichst zu verwirren.
Ehrgeiz, den Film nur zu skizzieren, statt ihn Fleisch werden zu lassen.
Ehrgeiz des Regisseurs, Dompteur, Designer und Friseur von Bildern statt Erzähler zu sein.
Knappheits- und Stilwillenehrgeiz – und trotzdem über 100 Minuten brauchen.
(Und was hat Dominik Graf dabei beraten?)

Hier im Copy & Paste-Verfahren, das was der Film laut Presseheft erzählen wolle:
Kommissar Richard Lenders ermittelt in einem Mordfall. Als er und sein Kollege bei der Autopsie des Toten auf einen implantierten Chip im Kopf des Opfers stoßen, werden sie mit der Möglichkeit konfrontiert, dass der Tote eventuell aus einer anderen Zeit stammt. Bei seinen Ermittlungen lernt Lenders ein Team von Teilchen Physikern kennen, die ihm helfen sollen, die komplexen Formeln, die man auf dem Chip bei dem Toten fand, zu entschlüsseln. Und tatsächlich scheinen sich hier Spuren des Verbrechens zu finden. Ein weiterer Mord geschieht, der einem ähnlichen Muster zu folgen scheint. Während die Kommissare versuchen den Mörder zu finden, wächst in Lenders eine Hoffnung: könnte er den Chip nutzen, um die Morde zu verhindern und auch seine eigene Vergangenheit zu ändern?

Dialogsätze:
In meiner Realität geht es nicht um Teilchen, sondern um Menschen.
Mit Hilfe der Formel können wir Teilchen in ein anderes Universum schießen.
Es gibt noch ein reales Leben da draußen, wo reale Menschen reale Dinge tun.
Verdammt, irgendwas läuft hier schief.
Wurmlöcher dienen als Portal.
Dein Kandidat hat wieder zugeschlagen.
Du weißt überhaupt nicht, wie oft ich dir den Arsch schon gerettet hab.
Ich muss da nochmal rein. Wir kommen an die Grenze unserer Belastbarkeit.
Du hast Glück gehabt, ein zweites Mal wirst Du es nicht überleben.
Wir brauchen zuverlässige Aussagen über die Zukunft.
Knallen Sie ihn ab.
Wo ist die zweite Festplatte?
Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber das übersteigt unsere Kapazitäten
(meint auch stefe zu seinen Lesern).

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Angeheizt vom Temperament Jamaikas lässt sich Till Schauder, der mit Sara Nodjoumi, Christoph Senn und Ramin Sabeti auch das Buch geschrieben hat, ein auf die Symbiose aus Fußball und Reggae, die Jamaika zu einem friedlicheren, lebenswerten Ort machen möchte, einem Ort, der nicht mehr an der hohen Kriminalitätsrate leiden soll.

Wobei es ein gewagtes Unternehmen ist, ein Drehbuch für eine Dokumentation des Weges zur Qualifikation zur WM einer Nationalmannschaft zu schreiben. Da wird die Geschichte selbst für Spannungsmomente sorgen – und was für welche!

Es geht um die Qualifikation für die WM 2014. Die Nationalmannschaft von Jamaika, die Reggae Boyz genannt wird, liegt in der Qualifikationsrunde schwer zurück. Die Reggae-Band No Maddz aus dem Ghetto von Kingston, die die Balance von Musik, Leben und Fußball erkundet und auch das Zusammenleben und zusammen Musik machen praktiziert, sind Fußballfans, begleiten diese Runde mit Kommentaren, sehen im Fußball und in der Musik ein einigendes Moment für das Land.

Die No Maddz berufen sich auf die Lehren von Marcus Garvey. Ihre Songs erzählen von Vertrauen und Zuversicht, von Liebe und Frieden, nicht von Krieg, Negativem oder von Gewalt.

Die Hoffnung, es zu schaffen, wird genährt von der Sensation von 1998, als die Qualifikation erst- und einmalig gelang. An jenem Tag habe es keine Verbrechen im Land gegeben.

Auch die Musiker fordern wie das ganze Land den Einsatz des jamaikanischen Ligaspielers Tuffy, eines Eisenschmiedes, in der Nationalmannschaft. Trainer Theodore „Tappa“ Whitmore holt aber lieber im Ausland erfolgreiche Legionäre.

Wie die Lage immer prekärer wird, wird Winfried Schäfer zum neuen Nationaltrainer bestellt. Der denkt nicht daran, auf Jamaika Urlaub zu machen, wie er sagt, er will Männer mit Eiern, er sichtet die Liga und ihre Spieler – und er nimmt Tuffy in den Kader auf.

Aber auch er will sich nicht von der Volksstimmung Tuffy vorschreiben lassen, der habe nämlich Mühe mit der Kondition. Bereits ohne ihn einzusetzen, schafft Schäfer es schon beim nächsten Spiel „die Blutung zu stoppen“, ein Unentschieden. Somit gibt es auf Jamaika wieder Hoffnung auf die Qualifikation.

Das letzte Spiel wird ein innerdeutsches, da müssen die Schäferleute aus Jamaika gegen die Klinsmänner aus den USA antreten. Und immer wieder und das wirkt jedes Mal spontan, reflektieren die Jamaikaner mitreißend ihr Leben und ihre Identität in Rapsongs – hinter denen allen Bob Marley zu spüren ist.

Und sogar die Premierministerin erinnert die Fußballer an ihre historische Verpflichtung mit einem Rückblick auf die Geschichte von Jamaika und die Sklavenherkunft.

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Die Kinder kriegen’s ab,

wenn es mit den Eltern nicht funktioniert, wenn sie mit neuen Partnerinnen und Partnern zusammenleben und in einem Scheidungskrieg sich befinden.

So geht es auch Sara/Rara (Julia Lübbert) und ihrem kleinen Schwesterchen Catalina (Emilia Ossandon). Sara steht an der Schwelle zur Pubertät, schwärmt mit ihrer Busenfreundin Pancha (Micaela Cristi) von der Liebe (Sara hat ihren Schwarm Julian (Nicolas Vigneaux)) und vom Leben in der großen Stadt, wo sie beide hinwollen (Santiago).

Die Situation ist so schon schwierig genug, hinzu kommt bei Sara und Catalina, dass ihre Mutter Paula (Mariana Loyola) mit einer Frau zusammenlebt, mit Lia (Agustina Munoz). Nicht dass es die Mädchen störte, aber an der Schule wird gelästert, dass ihre Mutter in aller Öffentlichkeit eine Frau küsse.

Der Vater Victor (Daniel Munoz) lebt mit Nicole (Sigrid Alegria) zusammen, vornehm – alle Elternteile haben Katzenallergie; Pech für das Kätzchen, das die Mädchen finden. Oma Icha (Coca Guazzini) kommt selbstverständlich bei Tochter Paula zu Besuch.

Handlungsmäßig geht es auf den 13. Geburtstag von Sara zu. Den will sie mit einem Fest feiern. Catalina ist enttäuscht, dass es kein Kostümfest sei; selbstverständlich könne sie kostümiert kommen, meint ihre ältere Schwester, so taucht die Kleine denn als Teebeutel bei der Party in Vaters Haus auf.

Pepa San Martin, die mit Alicia Scherson auch das Drehbuch geschrieben hat, geht mit dem Thema ganz unbefangen um. Sie pflegt einen dokumentaraffinen Stil, indem sie mitten in das pralle und oft auch laute Familien- und Schulleben hinfeinilmt, es so inszeniert, als ob es echt wäre.

Zwischendrin platziert sie kurze Zwiegespräche von Sara mit dem Schulleiter, dem Vater, einer Psychologin, mit der Oma und vor allem mit der Freundin. Ein munterer Bericht aus einem Familienalltag in Chile, der gar nicht so anders ist als anderswo auch.

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Ich wollte bloß einen neuen Geschirrspüler.

Um das Akademikertum in Italien ist es nicht besonders gut bestellt. Das zumindest suggeriert diese Chronik einer Akademiker-Bande von Sydney Sibilla nach dem Buch von Valerio Attanasio.

Der Protagonist Pietro Zinni (Edoardo Leo) schafft es als Forscher an der Universität nicht, über die Runden zu kommen, obwohl seine Frau Giulia (Valeria Solarino) in der Drogentherapie aktiv ist. Anschaffungen liegen nicht drin, Ratenzahlungen für den im Haus neu eingebauten Lift können nicht bezahlt werden.

Pietro kämpft sich mit Nachhilfeunterricht über die Runden. Die Schüler haben eine miserable Lern- und Zahlungsmoral. An der Uni hangelt Pietro sich von Vertragsverlängerung zu Vertragsverlängerung. Er träumt von der Festanstellung. Aber da ist sein Konkurrent Giacometti davor, der sich offenbar bessser auf die Hintenrum-Klüngelei versteht und Parteinähe vorzugeben, kann hilfreich sein. Dabei hatte Pietro mit 24 einen Abschluss in Neurobiologie, einen Master in computerorientierter Neurowissenschaft und einen in Molekulardynamik, kurz, er ist eine Kapazität.

Wie er bei der Festanstellung übergangen wird, steht ihm das Wasser bis zum Hals. Aber er kann nur Moleküle theoretisieren.

Es bedarf keines besonderen Zufalls, dass er auf die Idee mit der Drogenbande kommt. Denn verboten sind in Italien nur jene Drogen, die auf einer ministeriellen Liste stehen. Da kennt er sich aus. Im Handumdrehen kann er neue Designer-Drogen kreieren.

Lustvoll und mit wenig Spotlightsetzungen und in der Spielart inspiriert von der Tradition der Commedia-dell-Arte, die mit Prototypen und ihren Verhaltensweisen arbeitet, erzählt Sibilla in offener Erzählweise (am Anfang steht der Endpunkt der Verhaftung und springt dann vier Monate zurück) die Suche nach Mitgliedern, lauter Akademiker, die Handwerkerjobs machen, ein Archäologe arbeitet im Straßenbau, zwei Lateiner auf einer Tankstelle und einer hat gar keinen Job, weil selbst ein Schrottplatzbesitzer die Nase von den Akademikern voll hat.

Die Entwicklung der Droge, die Beschaffung der Ausgangsmaterialien in Apotheken, Herstellung und Vertrieb und der sofort einsetzende Geldsegen, wie sich das steigert bis Muräne aus Rom (Neri Marcorè) sich bedroht sieht und mit erfahrenen Untergrundmitteln versucht, die Akademiker-Bande zu übernehmen – das alles erzählt Sibilla mit lockerer Zunge und im Huium.

Das ist bester Krimistandard mit einem ernsten Thema, wohl auch bei uns. Auch bei uns gibt es inzwischen qualifizierte Filmkritiker, die als Hausmeister arbeiten oder an der Kasse eines Lebensmittelmarktes, um ihre Familien über die Runden zu bringen oder die Miete für die Wohnung aufzubringen. Ein Thema, das hierzulande unter den Tisch gekehrt wird.

Die besten Köpfe leben am Rande von Italiens Gesellschaft. Und Zenni wird von seiner schwangeren Frau auch noch rausgeschmissen.

Es geht weiter mit Teil 2, der Masterclass – dass die im Gefängnis stattfinden wird, dürfte wenig überraschen.

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Ein Serienteil. Das Zweite von der Bande aus hochqualifizierten Forschern, die im Knast oder im Untergrund landen, weil in der Forschungswelt, obwohl sie Spitze sind, kein Platz für sie ist (Wissenschaftskritik als Basis), weil sie im realen, legalen Leben nicht über die Runden kommen können.

Im ersten Teil haben sie deshalb eine smarte Droge designt und auch verscherbelt, dass ihnen die Scheine nur so um den Kopf geflogen sind, bis sie aufgeflogen sind und im Knast oder in Übersee landeten.

Da die Welt noch von smarten Drogen überlaufen ist, kommt Kommissarin Giulia (Valeria Solarino) auf die Idee, den Professor Pietro Zinni (Eduardo Leo), der im Gefängnis ist und das Chemie-Ass Alberto (Stefano Fres) mit einem Undercoverauftrag auszustatten: wenn sie 30 der Drogen und ihre Hersteller aufspüren, dann kommen sie frei.

Als allererstes denkt Pietro an seine Bande. Er müsse ein Team zusammenstellen. Das beinhaltet Freiflüge nach Lagos, Bangkok. Und Alberto macht mit, weil er es satt ist, in der katholischen Psychiatrie ständig Madonnen zu töpfern. Die Begründung für die Notwendigkeit zur Schaffung eines Teams lautet: Brain Drain. Wie sowieso die Dialoge mit Trendwörtern aus Wissenschaft und Wirtschaft nur so gespickt sind, wenn nicht sogar lateinisch gesprochen wird.

Erwartbar, dass sich das Team zwar erfolgreich verhält, dass es aber mit der sofortigen Freilassung hapert, weil das wichtigste Moleklül C12 H11 N20, Sopox, noch nicht gefunden ist. Wodurch der Film in die Verlängerung geht mit viel bekannter Action, immer ausgeführt von Wissenschaftlern an der falschen Position. Und parallel geschnitten in bewährter Manier, die Geburt des Sohnes von Pietro, welcher auch dort zu spät kommt und mit einem Ende, das unbedingt nach einem weiteren Teil verlangt.

Erinnert in der Machart an die neue Tradtion der Mafiafilme, die viel Input aus der Realität erhalten und so genug Spannung genrieren. Wobei hier als schräge Sicht auf die Dinge hinzukommt, dass dieses Undercover-Kompetenz-Team („Ihr extistiert nicht!“) aus TopWissenschaftlern, Professoren von internationalem Ruf, die besten Köpfe, zusammengesetzt ist, die aus Verzweiflung darüber handeln, dass sie keine Jobs bekommen oder sie ihnen mit miesen Tricks wegintrigiert worden sind; oder dass sie anderswie zu Opfern der italienischen Wissenschaftspolitik wurden.

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Wenn der Staat sein Wort gehalten hätte, wäre nach dem zweiten Teil dieses Dreiteilers von Sydney Sibilla nach dem Drehbuch von Luigi Di Caua, Francesca Manieri und ihm selbst, bereits Schluss gewesen.

Aber die Blüten, die die desaströse italienische Forschungs- und Wissenschaftspolitik treibt, sind so enorm, dass es nicht gereicht hat, dass die Bande entgegen der Versprechung nicht freigekommen ist. Sie hatte von 30 Drogensubstanzen, die illegal im Umlauf sind und nicht auf der Liste verbotener Moleküle stehen, die Hersteller herausfinden müssen. Die Bande, das ist eine Gruppe von Spitzenwissenschaftlern, die in der Wissenschaft ausgebootet worden sind, jeder auf seine Weise und die aus finanziellen Gründen angefangen haben, Drogen herzustellen und zu verkaufen.

Denn immer noch ist der Sopox-Hersteller auf freiem Fuß und unbekannt und der vormalige Hauptgegner Muräne kann es nicht sein, denn der sitzt ebenfalls im Knast. Der unbekannte Täter muss derjenige sein, der den ominösen Chromatographen bei der halsbrecherischen Eisenbahnzug-Action im vorigen zweiten Teil geklaut hat.

Eine Rückblende erzählt etwas über das Labor, in welchem das Gerät benutzt und Sopox illegal hergestellt wurde. Erzählt einiges über die italienische Forschungspolitik: wie mit beachtlichem Pomp der Ettore Majorano Technologiepark eingeweiht wird (Anfang des Jahrtausends) und dass vom Tag nach der Einweihung an, kein Geld mehr geflossen ist und somit der weitere Ausbau ausblieb, so dass nur die drei Wissenschaftler vom ersten Tag noch werkeln konnten. Aber auch sie mussten mangels Geld improvisieren, sich nach Geldquellen umsehen.

Den nötigen Thrill verleiht diesem Teil eine Eigenschaft von Sopox, nämlich dass es sich um ein tödliches Nervengas handelt und nicht um eine Droge und dass der Übeltäter offenbar einen terroristischen Anschlag damit plant.

Deshalb müssen Zinni (Edoardo Leo) und seine Bande, die nach dem missglückten Versuch in Teil zwei alle im Gefängnis einsitzen, wobei Zinni mit Chemieunterricht auf College-Stufe 800 Euro im Monat verdient, wieder aktiviert werden.

Sie sollen innert 72 Stunden bis zu einer wichtigen Anhörung, die Sopox-Gefahr lokalisieren und entschärfen. Das hat zur Folge eine Lektion in Gefängnisausbruch inklusive Basteln von Bomben aus im Gefängnis leicht zugänglichen Materialien. Eine Gangsterballade im Zeitraffer. Um ein wissenschaftliches Symposion vor dem hinterhältigen Sopox-Anschlag zu retten gegen jeden Polizei- und Sicherheitsschutz. Und es ist fraglich, ob die Ehe von Zinni, die anfangs doch glücklich schien und aus der inzwischen ein Junge entsprungen ist, trotz Papas Gefägniskarriere noch Bestand haben kann.

Als kulturelle Delikatesse ist die Gefängnistheatergruppe eingefügt, die den Barbier von Sevilla aufführen will, denn der Direktor ist Opernliebhaber. Es gibt sogar Laban-Bewegungstudien im Gefängnis. Oper kann sehr laut werden und anderen (unerwünschten) Lärm spielend übertönen, was im vorgeblich ausbruchsicheren Rebibbia sehr nützlich sein kann.

Wissenschaftlich mitten in der Under-Cover-Action: Wir haben eine Levi-Strauss-Problem.

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Alles ist gut in Gutland, darum heißt Gutland auch Gutland.

Ein Stück Landwirtschaft, abgelegen, irgendwo im Luxemburgischen in der Nähe der Eifel. Eine Landwirtschaft, die schön ins Bild zu nehmen ist, Bäume, Felder, Maisfelder, abgeerntete Felder, Gehöfte, leichte Hügel, Baumsilhouetten am Horizont.

Govinda Van Maele, die Drehbuch und Regie (als Script-Doktor ist Razvan Radulescu angezeigt) verantwortet, liebt die schöne Fotogafie, bei Innenaufnahmen salonhaft ausgeleuchtet, ölgemäldehaft und in holländischer Bildertradition auch die Außenaufnahmen. Ganz sacht fährt eine Drohne in die Höhe, wenn es zweckmäßig ist, generell verhält sich die Kamera ruhig, sorgt für eine ausgeglichene Kulisse für das Geschehen.

Das Geschehen ist in gewisser Weise ein Nicht-Geschehn oder ein Nicht-Geschehen-Machen. Unangenehme Dinge können auf einem Hof wunderbar in der Jauchegrube abgelegt werden; niemand wird hier nachschauen.

Oder: Ungenehmes kann auch bei der Maisernte zerhäckselt werden. So dass die Polizei, wenn sie selten genug in dem Weiler vorbeischaut, weil im benachbarten Deutschland ein Banküberfall stattgefunden hat und drei Männer flüchtig seien, beruhigt werden kann.

Ja, die rätselhafteste Person vor Ort, das ist der Mann, der auch die Blaskapelle dirigiert, Jos Gierens (Marco Lorenzini). Er kann ruhigen Lächelns sagen, der junge Mann mit den langen Haaren, Jens (Frederick Lau), sei regelmäßiger Erntehelfer seit mehreren Saisons, obwohl er doch eben erst, also viel zu spät und überhaupt erstmals angeheuert hat.

Rätselhaft an Gierens ist, warum er Jens sofort aufnimmt in die Dorfgemeinschaft, ihm sogar den Saisonjob besorgt, obwohl die Erntearbeiten bereits vor zwei Wochen begonnen haben. Und warum er ihn auch weiter protegiert, wie die Polizei kommt und warum er aus ihm einen Trompetenspieler machen möchte im Blasorchester, das er dirigiert, was leicht gelingt, wie das Konzert am Schluss zeigt, obwohl so etwas in einem Gegensatz zu Schwere der Jens-Figur steht.

Bild und Story verraten diesen in Belgien und Luxemburg offenbar geliebten Hang zum Surrealismus, die Bilder nur ganz leicht, die Story gegen Ende deftig.

Liebesaktivitäten zwischen Lucy (Vicky Krieps) und Jens finden ohne Vorspiel schnell statt nach der ersten Begegnung. Auch Lucy nimmt eine Außenseiterposition ein. Sie hat sich im länger schon verwaisten Hof der Ostermeyers in einem Zimmer eingerichtet („Das ist meine Insel im Pazifik“).

Der Film verführt dazu, sich besonders mit den beiden Protagonisten zu beschäftigen.

Vicky Krieps war neulich in Der seidene Faden zu sehen, einem großartigen Film von Weltklasseregisseur Paul Thomas Anderson. Sie war dort Partnerin in der letzten Rolle von Daniel Day-Lewis (wie dieser verlauten ließ).

Hier im Film von Govinda Van Maele ist Krieps auf sich selber gestellt, sowohl von Buch als auch von der Regie her: aber sie zeigt, dass sie von Natur aus eine putzmunter und unbefangen natürliche Darstellerin ist.

Frederick Lau, der deutsche Star, tut sich schwerer. Er war zuletzt in Spielmacher zu sehen. Er ist zur Zeit einer der angesagten jüngeren Subventionsstars in Deutschland. Hier in diesem Luxemburger-Film ist von deutscher Seite das ZDF beteiligt. Er vermittelt mir allerdings den Eindruck, er habe das Gefühl, er müsse jetzt eine Starrolle ausfüllen. Er versucht, diesen Bauernknecht mit Perücke und Stirnrunzeln schwer, erdenschwer anzulegen, so schwer, dass die Strohballen, die er mit der Gabel auf den Traktoranhänger oder aufs Förderband wuchtet, deutlich schwerer wirken als diejenigen von den Mädels; obwohl die Strohballen äußerlich genau gleich ausschauen.

Lau versucht einen schweren Gang in den Boden hinein, aber das gelingt nicht durchgehend. Es gibt Szenen, das geht er leicht wie ein Stadtmensch über den Hof. Er versucht einen Typen zu spielen, der er nicht ist. Das scheint allerdings schon vom Drehbuch her ein Problem zu sein. Dass nämlich der Surrealismus dem Realismus – also der Glaubwürdigkeit der Figur – diametral dazwischen grätscht. Lau wirkt in dieser Rolle wie in zu großen Schuhen. Wobei diese Differenzierungen nicht davon ablenken sollen, dass er ein prima Schauspieler ist. Und bei Krieps sieht man im Seidenen Faden, was erst aus einer Darstellerin werden kann, wenn sie in die richtigen Hände gerät.

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Großstadtleben.

Von der Schwierigkeit, allein zu sein und von der Schwierigkeit, nicht allein zu sein.

Oder auch: Rätsel Frau. 15 Jahre ist Paula Simonian (Laetitia Dosch) stabil in Lyon aufgewachsen. Stabil heißt auch: langweilig. Mit 30 ist sie in Paris bereits zehn Jahre mit dem Erfolgsfotografen Joachim Deloche (Grégoire Monsaingeon) zusammen, ist seine Muse.

Der Film fängt dort an, wo sie das nicht mehr aushält. Wo sie an die Tür poltert. Wo sie verletzt am Kopf ist. In die Notaufnahme kommt. Befragt wird. Mit ihr ist nicht gut Kirschen essen, das ist der Eindruck. Ein Mensch, der sich nicht fügen, nicht anpassen will. Ein schwer dechiffrierbarer Mensch außer Rand und Band oder am Rande des Nervenzusammenbruchs. Rechthaberisch ist sie dazu: Bloß weil man sich aufregt, ist man nicht krank.

Sie wirkt nicht gerade integrationsfähig. Sie verlässt Joachim. Sie holt noch seine Katze. Dann streunen die beiden durch Paris. Ziellos. Obdachlos. Eine Frau ohne Ziel und Geld. Sie geht Stationen von Geldlosigkeit und Obdachlosigkeit durch. Sie landet auf Partys. Möchte bei der Freundin Anne (Marie Rémond) unterkommen. Sie verhält sich unangemessen, wird rausgeschmissen.

Sie steigt in einer billigen Pension ab, 43 Euro, vierter Stock ohne Lift, Katzen unerwünscht, Rauchen ebenso. Sie kann sich nicht an Regeln halten. Sie telefoniert mit Joachim. Sie sucht ihre Mutter (Nathalie Richard). Die will nichts von ihr wissen. Partout nicht.

Sie findet einen Job als Kindermädchen. Auch da gibt es Probleme, denn irgendwann gewinnt sie das Herz der kleinen verwöhnten Lili, erlebt Unterhaltsames mit dem Mädchen gegen die strengen Regeln der Mutter.

Gleichzeitig findet sie einen Job in einem Warenhaus in der Dessous-Abteilung. Den erledigt sie erstaunlich korrekt, erstaunlich angepasst. Dort trifft sie auf Ousmane (Souleymane Seye Ndiaye), den Sicherheitsmann im Anzug. Dann braucht Joachim sie wieder. Für seine Vernissage. Inzwischen ist sie schwanger.

Vielleicht holt Paula in diesem eigensinnigen Film von Léonor Serraille Dinge nach, die sie in Lyon und in ihrer Beziehung zu Joachim nicht aus- und erleben konnte. Sie versucht, sich zu finden, oder gar: sich neu zu erfinden, eckt an, probiert aus, versucht, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Der ist vorerst mit dem Dessous-Job und der Kindermädchenstelle gegeben. Das erfüllt sie. Aber Madame sucht schon ein neues Kindermädchen.

Der Film will nichts erklären, er folgt einfach einem unangekündigten Exzess im Leben einer Frau um die 30, die auch noch den Wunsch hat, Literatur zu studieren, eine zufriedenstellende Lebensform zu finden. Sicher: sie sucht die Liebe. Aber was hat es mit der Toxoplasmose auf sich?

Ziemlich neckisch ist der Kunst-Lebens-Einsamkeitszusammenhang zwischen der Einsamkeit von Paula und dem Fotografie-Thema Einsamkeit von Joachim, der nämlich hat das Projekt Barentsburg. Hier geht es um die Isolation von 400 Bergabeitern abgelegen in der Arktis. Das sei ein unglaublicher Ort, meint er. Als ob Paris nicht auch ein unglaublicher Ort sei; das zeigt just der Film über Paula. Immerhin: Menschen mit zwei verschieden farbigen Augen vergisst man nicht.

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Kerstin Polte lässt uns teilnehmen an ihren Wolkenträumereien, einem versponnen skurrilen Blick auf das Familienleben am lockeren Faden eines Roadmovies wie einer kinematographischen Verlebendigung in Wimmelbildern einer Rauminstallation von Pipilotti Rist, (so der Film in Innenräumen spielt, so liebevoll und gesetzt ist deren Ausstattung).

Und die Naturaufnahmen von unterwegs und am Meer und überhaupt draußen sind eh schön.

Es ist das Thema der Freiheit, das Thema, sein Leben zu leben, den Moment zu leben, gegen die Erstarrung in einer Beziehug, die Aufmunterung, frisch und offen zu bleiben. Das Thema wurde neulich schon direkt im Titel im Film Freiheit behandelt, dieser Wunsch, ohne Ankündigung alles hinter sich zu lassen. Die das hier praktiziert, ist Charlotte (Corinna Harfouch).

Durch den Film führt ein selbsternannter Seelenklempner (Bruno Cathomas) im Pfarrerskostüm, ein einsamer Leuchtturmwärter auf der Insel in einem mit Symbolen vollgestopften Funk- und Abhörraum; dort nimmt er die Fernbeichte aus Beichtstühlen ab.

Charlotte ist in einer Ehekrise und betritt, obwohl Protestantin, eine katholische Kirche und beichtet ihr Unglück. Dann fährt sie mit ihrem Mann Paul (Karl Kranzkowski) los, lässt ihn auf einem Autobahnparkplatz einfach stehen. Sie hat noch ihre Enkelin Jo (Annalee Ranft), die eine tote Katze in einem Reiseköfferchen beerdigen möchte, dabei.

Damit setzt sie ein Roadmovie nach dem Glück und einem erfüllten Leben im Sinne des Carpe-Diem in Gang. Darin involviert sind ihre Tochter Alex (Meret Becker), die Fahrlehrerin ist. Zu dem Verfolgerteam stößt schließlich sporadisch die LKW-Fahrerin Marion (Sabine Timoteo), die Paul und Alex als Tramper mitnimmt und mit Alex in den Dünen gegenüber der Insel innige Liebesszenen hinlegt.

Die Kamera zeigt einen schräg-skurril-versponnenen Blick auf die Welt als einer Installation, die Mühe hat mit dem Glück oder sich die Frage stellt, warum verschwinden, wenn man nie da war? Und die Überlegung, dass Gott doch keinen Bauchnabel habe, da er ja, hm, wie bitte? Der Musikscore dazu ist künstlerisch.

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