Archiv für 5. April 2018

Spannende Filme aus Italien (enorme Konflikte eines Coming of Age), Argentinien (ein argentinischer Schauspieler sucht sein Glück in New York), dem Irak (Liebeskonfliktverstärkung durch Kriegsumstände), Schweden (eine Gefühlssuche), England (Diva bis zuletzt), Schweden (diskriminierte Minderheit), D/F (Fluchtgefühle), den USA (ein sympathischer Außenseiter), Frankreich/Canada (der Alptraum der Meisterhorrorautorin). Aus Hollywood gibt’s Schönschreibkino mit Avatar sowie ein im Universum verschwundener Papa und im Subventionsland ist die Liebe fürs Leben das Thema. Im TV gab es Eigenwerbung des BR mit dem Einblick in eine ungewöhnliche Karriere.

Kino
PIO
Coming of Age und Roma-Ehre, semidokumentarisch beklemmend.

NOBODY‘ S WATCHING
Unbeobachtet in New York – für einen Schauspieler nicht der Traum.

RESEBA – THE DARK WIND
Als ob die Gefangennahme durch den IS für eine jessidische Frau nicht schon Verletzung genug wäre.

EUPHORIA
Aus dem Gefühlspool großartiger Actricen.

FILM STARS DON’T DIE IN LIVERPOOL
Diva, Alter, Krankheit – Liverpool sehen – aber nicht dort sterben

DAS MÄDCHEN AUS DEM NORDEN – SAMI BLOD
Die Samen in Schweden, diskriminiert.

GRINGO
Auf seriösem Wege ist im Kapitalismus nichts zu erreichen.

TRANSIT
Das Fluchtgefühl vor den Nazis ins Heute transponiert.

GHOSTLAND
Wenn die Meisterfantasie der Horrorautorin übernimmt.

READY PLAYER ONE
Spielerfluchtwelten aus Spielbergs Kinoschönschreibatelier.

DAS ZEITRÄTSEL
Aus Hollywoods Süßwarenabteilung.

DIE NACHT DER NÄCHTE
Der eine pikante Moment in 50, 60 oder mehr Ehejahren.

TV
MARIANNE KOCH – ÄRZTIN AUF DEM ROTEN TEPPICH
Und sie sprachen über die Vergangenheit.

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Transit von Anna Seghers, liest sich in der Wikipedia-Zusammenfassung schon kompliziert genug.

Es handelt sich um eine Exil- und Fluchtgeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, die spielt in Frankreich. Christian Petzold hat diese Erzählung als Stoffkiste benutzt, um daraus sein Drehbuch für diesen gleichnamigen Film zu schreiben.

Daraus wird im ersten Teil ein Road-Movie durch Flucht und im zweiten Teil ein Nachhängen manchen Seghers-Gedanken in der Wartesituation von Marseille. Denn von dort aus können Flüchtlinge, wenn sie die nötigen Papiere haben, Schiffe über den Atlantik nehmen, solange die Nazis noch nicht bis hierher vorgestoßen sind.

Petzold bündelt seinen Film um die Hauptfigur Georg (Franz Rogowski). Der soll Briefe eines Schriftstellers namens Weidel an dessen Frau in Marseille überbringen. Bis dorthin geriert sich der Film als Roadmovie im Sinne der Flucht. Die Situation von Flucht und Untertauchen wird Georg dazubringen, selbst die Identität von Weidel anzunehmen, da er nach dessen Tod an seine Papiere gelangt. Eine gewiss nicht allzu ungewöhnliche Fluchtgeschichte.

Die Erzählung von Petzold ist apart. Ganz diskret weisen die Kostüme von Georg und den anderen Akteuren auf die Kriegszeit hin. Aber sie durchqueren das heutige Frankreich und bleiben im heutigen Marseille – als Fremde.

Dieses Gefühl des Fremdseins entsteht ganz stark auf der Leinwand. Und somit möglicherweise die Basis für Mitgefühl mit all jenen Millionen von Menschen, die heute auf der Flucht sind.

Zu dem Thema gibt es aktuelle Dokumentarfilme aus verschiedener Sicht, „Eldorado“ aus Sicht der Auffangnetze und Exodus aus Sicht der Flüchtlinge, die mit ihren Situationen zurechtkommen, sich organisieren müssen, so wie Georg und Marie (Paula Beer), die Frau von Weidel und Richard (Godehard Giese), ein deutscher Arzt, der in Lateinamerika ein Kinderspital errichten möchte, es tun.

Das Warten auf die Passagen dauert, das auf die Papiere, auf die Visa. Hier fängt der Film an, reichlich akademisch zu werden. Mitten in bürokratischen Alltagssituationen wird die Frage diskutiert, wer trauriger dran sei, der oder die Verlassene oder derjenige oder diejenige, die andere verlässt, wer sich in die größere Einsamkeit manövriere (dabei weht ein Hauch pessimistischen Moralins durch den Film).

Georg freundet sich mit dem Buben Driss an. Der will mit seiner taubstummen Mutter über die Pyrenäen fliehen; Georg will über den Atlanktik. Marie freundet sich mit Richard an, beide mit unterschiedlichen Auswegen aus ihrer Lebenssituation, wobei Richard über den Atlantik setzen will.

Der amerikanische Konsul, der hervorragend Deutsch spricht, interessiert sich für das Wesen des Schriftstellers.

Es gibt sich wiederholende Begegnungen von Migranten, von Flüchtlingen, denn sie haben alle die gleichen Anlaufpunkte, die Konsulate, die Behörden oder Hotels, in denen sie unangemeldet unterkommen und wo sie ihre Geschichten austauschen können.

Auch wenn sich der Film zusehends in lyrisch-literarischem Geäst verfängt, können sich Schauspieler, die von Christian Petzold engagiert werden, glücklich schätzen. Sie kommen gut bei ihm. Bei ihm kann sich ein Franz Rogowski großartig weiterentwickeln. Es gibt eine Erzählerstimme, von der in manchen Momenten nicht klar ist, ob das nun der Wirt einer Kneipe oder Georg ist.

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Ein Zukunftsfilm?

Der Film spielt im Jahre 2045 in Columbus Ohio. Das sieht nicht mehr so aus wie heute. Aus den Trümmern unserer Zivilisation gibt es wild ineinander getürmte Wohnsiedlungen, erinnernd an lateinamerikanische Favelas, sie heißen „The Stacks“ Stapelspeicher.

Protagonist Wade (Tye Sheridan) muss eine wahre Klettertour bewältigen, um aus seinem Container hoch oben in so einem wild gestapelten Turm auf die Straße zu gelangen. Er flüchtet als Spieler in die geniale Spielewelt „Oasis“ des verstorbenen Entwicklers James Halliday. Dagegen ist Las Vegas nichts oder es ist so wie hundert oder tausend Mal Las Vegas nur noch viel größer.

Die Menschen können in der Oasis alles finden, was sie glücklich macht. Wade fungiert dort als sein Avatar „Parzival“.

Halliday hat ein Spiel hinterlassen, dessen Gewinner erhalten nicht nur enormen Reichtum, sondern auch die Kontrolle über Oasis. Die Aufgabe besteht darin, 3 Schlüssel zu finden.

Wade ist nicht allein, mit ihm kämpft Samantha als Artemis (Olivia Cooke). Ihr Gegenspieler ist Nolan (Ben Mendelsohn).

Steven Spielberg (zuletzt mit Die Verlegerin pressepolitisch hervorgetreten) inszeniert nach dem Drehbuch von Zak Penn nach der Geschichte von Ernest Cline in seiner vorbildlich klaren Cinema-Ortographie. Die einzelnen Vorgänge sind hervorragend nachvollziehbar, ob Autorennen und tollkühne Action dabei, ob Auseinanderbröseln einer Figur, ob sich Abgründe auftun oder Balanceakte gefordert sind.

Die Schauspieler sind prima geführt, zeigen verständliche menschliche Regungen, haben stets einen Bezug zueinander und der Blick in ein Familienleben und zu einem Jungen als Träumer (Halliday) als Andockpunkte für den gemeinen Zuschauer fehlen ebensowenig.

Was mir allerdings nicht viel dabei hilft, die verschiedenen Spielorte näher zu identifizieren und deren Relation zueinander. Dies sind Unmengen von Fantasiesettings, immer spielt die Holographie mit, alles kann im Raum hergestellt werden, das ist 2045 und Drohnen sind omnipräsent. Wobei es eine besondere Lust macht, zu sehen, wie Parzival eigenhändig eine Drohne erwischt und unschädlich macht. Denn auf uns kommt noch viel von diesem Gesumse zu.

Fantastisch ist das lebendige Archiv von Halliday und beeindruckend, wie Spielberg „Shining“ von Kubrick virtuell reanimierend ausschlachtet. Wie der Film überhaupt wimmelt von filmgeschichtlichen Zitaten beginnend mit King Kong, der über Hochhäusern seine Turnübungen macht. Damit gibt Spielberg aber auch zu verstehen, dass vieles von der Zukunftsstadt Oasis in der Vergangenheit liegt.

Es gehe nicht ums Gewinnen, sondern ums Spielen, das ist die Moral von der Geschicht. Dabei ist schön, dass es Extraleben zu gewinnen gibt. Oasis: Realitätsfluchtwelten, aber auch die Wortspielerei, dass Spiel die Realität sei. Ober der Zuschauer dadurch einen realistischeren Zugang zur eigenen Realität, die ja Spiel sei, findet?

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Sympathischer Außenseiter.

Ein Nigerianer namens Harold (David Oyelowo), ein sympathischer Außenseiter, wie er einmal genannt wird, aus Chicago wird in Mexiko als Gringo bezeichnet. Seine Vorfahren in Nigeria waren von jener Sorte von Prinzen, die ein enormes Millionenvermögen erben, aber nur mit Hilfe von aus dem Telefonbuch ausgewählten Europäern oder Amerikanern an dieses rankommen können, wenn diese bereit sind, einen beachtlichen Spesenbeitrag vorzuschießen.

Eigentlich ist er gar kein Außenseiter, scheint mir, in diesem Film von Nash Edgerton, der nach einem Drehbuch von Anthony Tambakis und Matthew Stone die Regie geführt hat in einer Art, die wie besonnenes Autorenkino wirkt, das sich genau Zeit nimmt, Handlungsstränge und Figuren zu entwerfen, damit kein Klischee aufkommt, damit niemand nur böse oder brav ist.

Alle Figuren sind Außenseiter im kapitalistischen System und versuchen, anständig zu überleben, was aber mit anständigen Mitteln gar nicht geht. So steht es auch für die Firma von Richard (Joel Edgerton), in der Harold arbeitet, nicht zum Besten; hier droht eine Fusion mit personellen Konsequenzen. Sie handeln mit Pharmazeutika, die in Mexiko hergestellt werden und für allerlei gut sind.

Harold ist in Mexiko die Bezugsperson. Sein Ansprechpartner ist Sanchez (Hernán Mendoza). Er soll aus Richards Firma rausgeschmissen werden, das erfährt er nur verklausuliert. Aber auch die Position der Partnerin von Richard, Elaine (Charlize Theron, als ganz harter und mit allen Wassern gewaschener Kapitalistinnen-Vamp) wackelt bei der geplanten Übernahme.

Es soll sich auch in Mexiko etwas ändern. Denn dort hat Harold mit einem Drogenhändler einen Deal, dass der unter der Hand etwas von dem Rauschmittel abbekommt. Harold soll dem Oberchef Black Panther (Carlos Corona) klar machen, dass die Quelle für ihn versiegt.

Dazu reisen Richard, Elaine, Harold kurzfristig nach Mexiko. Zudem hat die Frau von Harold, Bonnie (Thandie Newton), ihm eröffnet, dass sie ein Verhältnis mit einem anderen habe.

Harold, der liebenswürdige Außenseiter, sieht sich in Mexiko an den Rand einer Klippe gedrängt, nach der nur noch der tiefe Absturz, gar der Tod folgen kann. Denn ein Black Panther lässt sich nicht abservieren. Dessen Running Gag zum Testen seiner Besucher ist ein Anmerkung zu den Beatles.

Zur Erhöhung der dramatischen Vorgänge in Mexiko ist das nette, harmlose Paar Miles (Harry Treadaway) und Sunny (Amanda Seyfried) auf dem Weg zur Drogenfabrik. Sie arbeiten in einem Musikladen, auch sie kommen im kapitalistischen System auf keinen grünen Zweig und Miles lässt sich von einer frühern Freundin überreden, als Kurier einer kleinen Menge jener Superdroge zu agieren. Er kann der verlockenden Bezahlung nicht zu wiederstehen.

Alles rennet, alles laufet hinter dem Gelde her und gegen die Gesetze an. So auch der Bruder von Richard, Mitch (Sharito Copley, ein Weltabenteurer mit allen Wassern gewaschen, aber auch er aufs Geldverdienen aus), den Richard in seiner Verzweiflung über die Entwicklung der Dinge aus Nepal herbeibittet.

Ein schöner, symbolischer Running-Gag sind die verschiedenen Geschichten von den Gorillas, die in angewandten Geschäftsberatungsphilosophien immer wieder eine Rolle spielen. Und dass ein eingespritzter Elektrochip auch sein Gutes haben kann und nicht nur für Negativansichten von Überwachung taugt, das gibt der Film ebenfalls zu bedenken. Und sogar eine kurze AT/NT-Diskussion findet noch Platz.

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Atmosphären- und Stimmungskino mit großartigen Actricen, ruhige Auslegeordnung einer Frau, Lisa Langseth, zum Thema Suche nach Zuneigung und emotionalem Wahrgenommenwerden.

Lisa Langseth, die das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt hat, interessiert sich intensiv und hingebungsvoll für ihre drei Protagonistinnen. Das sind die beiden Schwestern Emilie (Eva Green) und Ines (Alicia Vikander) und als eine Art begleitende Aufsicht, die selber auch Zuneigung und emotionales Wahregenommenwerden sucht, Charlotte Rampling als Marina.

Das kinematographische Drumherum interessiert Langseth nicht besonders, es soll nichts ablenken von dieser Gefühls- und Lebenssinnerforschung, die auch mit der Herkunft zu tun hat, mit der Struktur einer Familie.

Die Ehe der Eltern von Emilie und Ines ist auseinandergebrochen, nachdem der Vater eine andere hatte. Die Mutter ist mit ihrem Unglück allein geblieben. Es scheint, dass Emilie sich um sie kümmern musste, während Ines mit ihrem Künstlerinnen- und Sexleben in Spanien beschäftigt war, fernab von familiäre Triststimmung. Nicht mal zur Beerdigung ihrer Mutter ist sie erschienen.

Jetzt hat Emilie sich bei Ines gemeldet, um einige Tage mit ihr zu verbringen. Sie treffen sich in einer süddeutschen Stadt. Das ist nicht das Ziel. Das ist der Ausgangspunkt für diese letzte Reise der beiden Schwestern. Denn Emilie ist todkrank, hat nicht mehr lange zu leben.

Das Ziel ist eine ungewöhnliche Sterbeklinik in „einem anderen Land“, in der die Sterbewilligen ihre letzten Tage individuell gestalten können und an einem von ihnen bestimmten Zeitpunkt den tödlichen Mix trinken. Eine freie Zone für die letzten Tage.

Es handelt sich um ein herrschaftliches Anwesen in einem endlosen Wald, weit abgelegen und mit riesigem Park sowie zuvorkommendem Personal, aber auch einem Heli-Landeplatz, denn die meisten Gäste würde so herkommen.

Lisa Langseth nimmt sich ausgiebig Zeit für die Vorgänge in dieser Abgeschiedenheit. Es geht immer darum, was ein Leben sinnvoll macht, wie man seine letzten Tage noch genießen, ob man auf die Pauke hauen will, wie der Herr, der eine rauschende Party feiert, ob man sie nackt im Park verbringen will oder noch einmal mit einer Frau zusammenliegen oder an einer nächtlichen Meditation zu einem Text über die Espe und deren Zittern teilnehmen möchten oder im Internet ein paar gefakte, positive Imagebeiträge hinterlassen möchten, “Es muss aussehen, als ob ich einen Flüchtling umarme“.

Sinngebungen erscheinen vor der Folie des nahen Todes immer merkwürdig, erinnern an den philosophischen Satz vom Sein zum Tode, relativieren die täglichen Mühen und das Streben des Menschen, die Alltagsprobleme von Emily in ihrem Atelier, mit der nächsten Ausstellung oder dem aktuellen PR-Foto.

Ein Film, der den Zuschauer diskret und respektvoll Zeuge werden lässt der vielleicht intimsten Angelegenheit eines Menschen, dem Sterben. Ein Schmerzpunkt ist die wenig einfühlsame, deutsche Routinesynchronisation, so bitter wie der letzte Trunk.

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Underwhelmed.

I am underwhelmed“ meint Charles Wallace (Deric McCabe). Der ist ein hochintelligentes Bübchen, der kleinste in der Protagonistenfamilie, er hat so ein Gesicht in einer Mischung aus reifem Greis und Bubenpüppchen. Das macht ihn interessant für die Leinwand. Das ist wie ein Knallbrausebonbon.

Wobei mir die Kinder leid tun und ich immer ein ungutes Gefühl im Magen bekomme, wenn so ein Kleiner zu so einem großen Star mit so einer großen niedlich-süß-sauren Rolle gemacht wird, der gleichzeitig gerne den Advocatus Diaboli spielt. Exploitation of Bambinis.

Das gehört zum Kerngeschäft von Hollywoods Süßwarenindustrie, aus der dieser Film kommt, denn immer geht es um die Familie. Hier ist der Vater (Chris Pine) seit vier Jahren verschwunden. Er ist ein Wissenschaftler, der – vielleicht in einer hollywoodysierten Nachfolge von Leibniz – davon ausgeht, dass das Universum in jedem Einzelnen enthalten sei und vice versa. Mit der These erntet er zwar Gemunkel und lachende Ungläubigkeit bei einem wissenschaftlichen Vortrag. Er selbst scheint sich in seinem weitläufigen Fantasieuniversum verlaufen zu haben.

Zurück bleiben seine Frau (Gugu Mbatha-Raw), ebenfalls Wissenschaftlerin, die heftig pubertierende Tochter Meg (Storm Reid) und der kleine, große Charles Wallace. Ihnen erscheinen drei Fantasiewesen, das sind Mrs. Whatsit (Reese Witherspoon), Mrs. Who (Mindy Kaling) und Mrs. Which (Oprah Winfrey).

Diese drei Märchenfeen oder -hexen haben die Schlüssel und kennen die Wege zu diversen Hollywood-Zuckerguss- und Dunkeluniversen, in die sie die Kinder auf ihrer Vatersuche hineinschleusen.

Dies sind vorwiegend computergenerierte Fantasieuniversen, vorwiegend auf Blue- oder Greenscreen projiziert. Die Regie besorgte Ava DuVernay (Selma) nach dem Drehbuch von Jennifer Lee und Jeff Stockwell nach der Geschichte von Madeleine L’Engle.

Wundern würde mich aber nicht, wenn es sich bei diesen Namen um Pseudonyme von künstlichen Intelligenzen handelte, von Algorithmen, die von der Marktforschung beauftragt sind, Figuren (Forderung: alles müssen Püppchenmenschen sein) und Universen (sie müssen bunt, farbig und zur Abwechslung düster sein, ein All ohne „evil energy“ wäre zu langweilig) zu kreieren, die sich auf der Leinwand verkaufen lassen.

Dann haben sie herausgefunden, dass zum pubertierenden Mädchen ein halbwüchsiger Junge gefragt sei, also schicken sie den Nachbarsjungen Calvin (Levi Miller – und wie hübsch und zart sie ihm die Lippen schminken!) mit auf diese Universalreise.

Ein weiterer Algorithmus muss die Richtlinie für die Montage des Filmes gegeben haben: immer schön schauen, dass Abwechslung passiert, dass immer wieder was Neues, eine neue Farbe, eine neue Arabeske, eine neue Figur ins Spiel kommt, ein neuer Boden ins Wanken kommt, eine neue Wand aus dem Nichts entsteht, so dass der Zuschauer nicht loslassen oder eindösen kann.

Am Schluss muss die Familie selbstverständlich vereint sein und Meg soll Ansätze zum Glauben bekommen, sie würde nicht allein bleiben, von wegen Familie. I am underwhelmed.

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Rassismus in Schweden.

Ein nordisch behutsamer Film zum Thema Ausgrenzung von Amanda Kernell, die ein weiteres Beispiel dafür liefert, wie hervorragend die skandinavisches Filmkultur ist und wie schön sie erzählen kann.

Jeder Mensch kennt das, wenn er einmal fremd in der Fremde ist und die Leute hören eine Differenz zum eigenen Zungenschlag und sie fragen, woher man komme. Ach, aus Lappland, Sie sind Same, können Sie maljoiken“? heißt es bei Christina.

Wer solche Situationen erlebt hat, kann bestens mitfühlen mit Christina (die faszinierend ernsthafte Maj-Doris Rimpi), die eigentlich Elle Marja heißt. Sie ist aus Lappland. Ihr Vater ist gestorben. Ihre Mutter muss sich um sie und die kleinere Schwester und um die Rentierherde kümmern.

Christina nennt sie sich, wie sie nach Uppsala durchgebrannt ist, weil sie sich Bildung verschaffen will. Lappen war die höhere Bildung verschlossen, das ist einige Jahrzehnte her.

Der Film fängt in der Heutezeit an. Elle Marja ist gegen 80 Jahre alt und kehrt zur Beerdigung ihrer Schwester in die Heimat zurück.

Dann springt der Film zurück in ihre Jugend. Schildert das Leben der Samen, einer ausgegrenzten Volksgruppe. Nomaden, denen gerade mal eine Grundschulbildung erlaubt war. Streng getrennt von den übrigen Schweden.

Elle Marja und ihre kleine Schwester Njenna (Mia Erika Sparrok) gehen den weiten Weg von ihren heimatlichen Zelten zu Fuß und im Boot ins Internat, in dem nur Mädchen sind, alle in den Samen-Trachten. Der Rassimus ist schlimm inklusive Vermessung von Körpermerkmalen. In der Schule wird ihre Heimatsprache unterdrückt, sie dürfen nicht joiken, sie müssen Schwedisch sprechen.

Der Film ist auch eine Emanzipations-, eine Rebellengeschichte. Elle Marja interessiert sich für die Lehrerin, für Bücher, sie hört von Uppsala, ihre Augen kommen von schwedischen Soldaten nicht los. Aber die Mädchen in ihren ländlichen Trachten werden mitleidig belächelt, gar verspottet.

Wie Ella Marja/Christina den Ausbruch schafft, das ist eine aufregende Story mit Eigensinn und Grenzüberschreitungen, die Amanda Kernell ganz unspektakulär und vielleicht gerade deshalb umso eindringlicher schildert, mit dem Ernst des Mädchens, das nicht Rebellin sein will, sondern sich lediglich Bildung verschaffen, einen Geburtsnachteil ausgleichen will.

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The Yezdi religion is one of the oldest in Mesopotamia. Their holy pilgrimage site Lalesh ist located near Duhok in the Kurdish region of Iraq. In summer 2014 the terror organization „Islamic State“ attacked the Shingal region in Iraqui Kurdistan and massacred the Yezidi people. The militant Islamists regard the non-Muslim religious community as devil worshippers. During the attack ten thousands of them were killed or forced to convert to Islam. The terrorists took the young Yezidzi women captive and sold them on slave markets.“

Diese Geschichten, diese brandneuen, unfassbaren Geschichten müssen erzählt werden im Kino. Man muss sie anschauen im Kino, erst recht, wenn sie so klar und spannend erzählt werden wie hier im Film von Hussein Hassan Ali, der mit Mehmet Aktas auch das Drehbuch geschrieben hat.

Man muss solche Filme anschauen, um nicht abgestumpft zu werden durch die täglichen Horrormeldungen aus dem Nahen Osten, um sich erneut zu wundern darüber, dass auch der neuen Bundesregierung nichts andere einfällt, als Waffen in diese Krisenherde zu liefern, vorab an die Türkei.

Klar, so einen Film anzuschauen, heißt auch, die eigene Komfortzone zu verlassen, sich für etwas zu interessieren, was erstmal und offensichtlich nichts mit unseren Lebens- und Weltbewältigungsproblemen zu tun hat, mit unserem Lebensschick und unseren kinokulinarischen Ansprüchen, mit unserer Attitüde, Filmjury zu spielen und kenntnisreich darauf hinzuweisen, wie andere das alles schon deutlich besser gemacht hätten. Die machen das gut hier.

So einen Film anschauen, heißt, sich nicht bauchpinseln lasen von der Leinwand, sich nicht in traumhafte Welten entführen lassen, wobei selbst dieser Film ein Liebesfilm, ein Hochzeitsfilm ist.

Die Sprachlosigkeit ist situationsbedingt. Diese Situationen sind kaum zu bewältigen. Der Film postuliert sogar den Ansatz zu einer schnellen Heilung vom IS-Trauma mit dem Traum einer romantischen Liebe mit Liebeserklärung auf einem Ruderboot. Aber Stammes- und Ehrendenken sind tief verwurzelt.

Der Film fängt mit einer traditionellen Szene im friedlichen, friedvollen Lalesh an; wie der Vater des jungen Mannes Reko (Rekish Shabaz) für seinen Sohn um die Hand von Pero (Dimen Zandi) anhält. Ein Streiflicht auf kurdische Folklore. Und schon nimmt der IS mit seinen Jeeps und schwarzen Fahnen die Ortschaft im Handstreich.

Wer fliehen kann, flieht auf den Mount Shingal. Die Frauen, die die Eroberer gefangennehmen, werden aufgeteilt. Die jungen Frauen zum Verkauf auf dem Sklavenmarkt. Pero ist darunter. Das wird nicht besonders blutig gezeigt – im Internet kursieren ganz andere Videos über die Gräueltaten der IS – es wird vor allem das Überfallartige hervorgehoben, das schockiert, weil es so unspektakulär verläuft.

Der Film springt in ein von der UNHCR errichtetes Flüchtlingslager. Darin finden auch jene Yessiden Aufnahme, die auf den Mount Shingal fliehen konnten. Von hier fängt Reko seine Odysse auf der Suche nach Pero an. Dazu reist er nach Syrien. Dort findet er sie tatsächlich. Aber sie ist traumatisiert, apathisch.

Reko möchte sie weiterhin heiraten. Es gibt sogar eine Art religiöser Schnellheilung. Die Probleme eskalieren in dem Moment, wie bekannt wird, dass Pero schwanger ist. Da bricht der erstarrte Ehrenkodex in dieser Gesellschaft den Stab über sie und die verabredete Beziehung zu Reko.

Doch das Kino darf träumen. Es hat vorher schon eine fast zart anmutende Liebesszene der beiden auf einem See erfunden. Das Kino darf sich daran erinnern, dass es zum Träumen da ist. Und auch das offene Ende ist vielleicht hoffnungsvoller als die Lage in Nahost. Die auch mit deutschen Waffen nach Kräften befeuert wird.

Schlusstext im Film:
At the moment around 500.000 Yezidi who escaped the tortures live as refugees in the secured parts of Kurdistan Regional Goverment, Iraq. Some try to emigrate to Europe.

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Enorme Konflikte

des Coming of Age lebt Pio (Pio Amato) durch.

Pio (14) wächst in seiner Großfamilie in einer Siedlung für sesshaft gemachte Roma im Süden Italiens auf. In der Nähe ist ein Lager von afrikanischen Flüchtlingen. Über die reden die Roma schlecht (die sind gefährlich, die schlagen sich mit Flaschen die Köpfe ein, vor denen haben selbst die Polizisten Angst). Sie sind Polizeirazzien gewohnt. Aber sie leben ihre Lebensmaxime, wir gegen die Welt, beharrlich durch.

Schon die kleinen Buben rauchen, die Kinder reden über Sex, als wären sie erwachsen, über Frauen, die viel zu eng sind. Der Clan überlebt vor allem mit Ungesetzlichkeiten. Pio ist Analphabet, spricht einwandfrei Italienisch, kann Autos knacken, Strom abzapfen, Schmiere stehen. Wenn die Polizei kommt, entwickelt sich eine große Hektik beim Clan.

Pios Mutter Iolanda, beklagt sich, dass sie keine Macht mehr über Pio habe. Wie Pios Bruder von der Polizei abgeführt wird, beauftragt sie Pio, Nana mit der Übergabe eines geklauten Autos zu betrauen. Pio macht das auf eigene Faust. So spart der Clan Geld und für sich holt er 10 Euro zusätzlich raus.

Pio ist befreundet mit Ayiva (Koudous Seihon). Der ist ein Afrikaner aus Burkino Faso und lebt bei den Afrikanern. Er sammelt gebrauchte Gegenstände und will die in einem Container nach Afrika verschiffen und damit Geld verdienen.

Pio steht ständig unter Strom; meist sind viele Menschen um ihn herum, sein ganzer Clan mit Mitgliedern aller Altersklassen.

Jonas Carpignano, der Autor und Regisseur dieses Filmes, ist atemlos hinter Pio her, an die dokumentarische Methode der Gebrüder Dardenne erinnernd. Wobei Carpignano, der schon mit Mediterranea – Refugees Welcome? gezeigt hat, dass er seine Milieus genau und exzessiv studiert, hier als zusätzlich dokumentarisches Element mit der Besetzung aufwarten kann. Grassroot-Reportage aus Reggio im Süden Italiens.

Bereits in ‚Mediterraneo‘ haben Pio und Ayiva mitgespielt. Jetzt macht der ganze Clan der Amatos mit; alle Darsteller der Familie von Pio heißen auch im Nachnamen Amato. Dadurch erreicht Carpignano eine stupende Authentizität.

Trotzdem nimmt Carpignano sich Momente heraus, in denen er Pio nachdenklich, träumend, reflektierend zeigt, wenn er noch im Bett liegt oder im Gras über der verkommen wirkenden Siedlung. Er zeigt schüchterne Momente, in denen er wie ein kleiner Junge rüberkommt, milchbubenhaft, bis zu Auftritten, in denen er schon den harten Mann mimt. Zwischenphasen mit Elementen von allem.

Eine Szene hat Carpignano eingebaut, die schon in ‚Mediterranea‘ vorgekommen ist, ein Mittel der Geldbeschaffung. Pio steigt in einen Zug ein, beobachtet, wie Reisende ihr Gepäck deponieren und noch vor Abfahrt verlässt er mit einem Koffer den Zug. So findet er Gegenstände, mit denen er handeln kann. Liefert aber das Geld aus dem Weiterverkauf eines Laptops brav bei Mama ab, nebst kleinem Trinkgeld für sich.

Pio treibt sich auch in Discos herum, beobachtet seine Brüder bei einem Einbruch, bei dem sie ihn nicht dabei haben wollen; und klaut, wie sie von der Polizei erwischt werden, sogar das Polizeiauto. Mit seinen 14 Jahren kann er selbstverständlich schon Autos knacken und fahren.

Kritisch wird es, wie er bei einem anderen Romaclan in die Villa einbricht und erwischt wird. Das führt zu harten Aussprachen vor der ganzen Familie und zum Rausschmiss. Was die Familie von ihm fordert, um seine Ehre wiederherzustellen, das wir zu einer Zerreissprobe, die Entscheidung zwischen Clan und seiner Freundschaft zu Ayiva. Nachher wird er als Mann in der Männergemeinschaft aufgenommen, sein Bruder nimmt ihn mit ins Freudenhaus.

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Tage in New York, Nächte in New York.

Nico (Guillermo Pfening) ist nicht direkt der Schauspieler-Typ; noch weniger ist der Argentinier ein Latino-Typ mit seinem blond-rötlichen Haar, seinem eher scharfkantigen Gesicht mit ab und an einem leicht verkniffen-skeptischen Gesichtsausdruck.

In Argentinien ist er ein erfolgreicher Schauspieler in der Serie „Rivales“ (Die Rivalen). Er ist nicht mehr blutjung, irgendwo Mitte dreißig. Aber er will mehr als nur Erfolg in Argentinien. Cannes hat ihn beeindruckt.

Er will in Amerika durchstarten. Er fährt nach New York mit einem zeitlich begrenzten Visum und mit nicht allzuviel Geld. Er will sich um Schauspielerjobs bewerben. Er hat einen Einstellraum gemietet für einige Möbel, die er aus dem Sperrmüll gesammelt hat im Hinblick auf eine eigene Wohnung.

Eine eigene Wohnung hat er noch nicht zur Zeit dieses Filmes von Julia Solomonoff, die mit Christina Lazaridi auch das Drehbuch geschrieben hat. Sie folgen ihrem Protagonisten in New York. Er kann bei der verheirateten Andrea (Elena Roger) unterkommen. Sie ist eine Vertraute aus Argentinien. Ihr Mann ist oft geschäftlich unterwegs. Sie gibt Gymnastik- und Yogastunden. Er hütet ihr Baby.

Nico ist offenbar in Geldnöten. Prinzipiell klaut er im Supermarkt. Er will als Schauspieler arbeiten. Aber anstatt eines Rollenangebotes erhält er von einer Agentin den Tipp, sich erst mal den Akzent abzugewöhnen und die Haare schwarz zu färben; sie empfiehlt ihm einen Dialektcoach, etwas teuer zwar, für 200 Dollar die Stunde, nebst üblichem Caster-Gewäsch.

Aus der Branche hört er, dass niemand seine kostbare Zeit vergeuden wolle. Er jobbt in einem Lokal als Bedienung. Er scheint in den Tag hineinzuleben, unterhält sich auf dem Kinderspielplatz mit den Latina-Nannys, bekommt sogar ein Angebot für einen Fulltime-Nanny-Job. Er sucht Kontakte in Gay-Lokalen, wacht auch mal bei einem anderen Mann zuhause auf.

Während seine Situation in New York immer prekärer wird, versucht er seinen Leuten in Argentinien vorzumachen, wie erfolgreich er sei, dass alles gut laufe; der Mutter macht er über Skype weis, dass sie sich keine Sorgen machen müsse; für den Kollegen Pablo (Marco Antonio Caponi) von der Serie richtet er ein vorübergehend in Beschlag genommenes Zimmer so ein, als sei es seine Bleibe.

Sein Exfreund Martin (Rafael Ferro) besucht ihn. Sie vergnügen sich, bis er wieder zurückreisen muss. Der lebt verheiratet in Argentinien.

Julia Solomonoff schafft ein glaubwürdiges Portrait eines Schauspielers, der irrealen Träumen hinterherrennt; der fundamental Schauspieler ist; mit Guillermo Pfening hat sie einen hervorragenden Darsteller, der diese Existenzprobleme eines Schauspielers ohne Rollen großartig rüberbringt, wie er immer optimistisch von Filmprojekten spricht, und dabei elementar darauf angewiesen ist, dass endlich mal eine Rolle klappen würde. Anders wirkt sein Leben zufällig, beliebig, unzentriert.

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