Kinolustverweigerung.

Mit diesem Film von Barbara Albert (Die Lebenden) habe ich meine Schwierigkeiten.

Was will uns Frau Albert damit erzählen, warum hat sie diesen Film gemacht?

Es geht um Maria Theresia Paradis, die im 18. Jahrhundert in Wien eine berühmte Pianistin und blind war. Frau Albert hat sich aus der Biographie die Episode der Behandlung beim Arzt Franz Anton Mesmer herausgepickt. Der konnte sie vorübergehend sehend machen, wodurch ihr aber ihr Pianistentalent abhanden gekommen ist. Dann nahmen sie die Eltern von diesem Arzt weg und Blindheit und Pianistentalent kehrten zurück.

Der Film wirkt auf mich wie ein Dozierfilm, wie ein Abrisskalenderfilm. Die Regisseurin vor der Klasse, mit einer Art großem Wandblattkalender. Jedes Bild wird einzeln behandelt. Während es zu sehen ist, sagen die auf historisch kostümierten Darsteller ihre lebensunpraktischen Sätze. Dann wird das Blatt heruntergerissen und das nächste erscheint.

Bevorzugt werden halbnahe Kameraeinstellungen, vorzugweise in Frontalposition. Die Montage sucht keinerlei Eleganz oder Smartheit, sie bleibt hackelig.

Die Präsentation der Geschichte wirkt sperrig. Albert versucht schon gar nicht, das Objekt des Interesses schmackhaft zu machen, eher dompteurhaft vorzuführen, was beim sensibelsten der Darsteller, bei Devid Striesow als Arzt Franz Anton Mesmer zu häufigem Fingerkuppenreiben in statischen Einstellungen und Impuslableitung über den Daumen führt, wenn er seine linke Hand höfisch vor die Brust halten soll.

Striesow wirkt überhaupt wie ein norddeutscher Fremdkörper in der österreichischen Sprachfärbung und noch grotesker, wenn er Dialektfärbung versucht und statt ’nicht‘ ’ned‘ sagt.

Aber Frau Albert agiert wie die Leiterin eines Figurentheaters, stellt die Schauspieler wie Wachsabgüsse ihrer selbst in die höfischen Räume und lässt sie ihre Text auswendig hersagen. Sie beraubt sie der Spielchancen. Generell bekommt jeder Satz ein Bild, womöglich von vorne.

Frau Albert, die auch Professorin sei, hält es nicht für nötig, auch nur ansatzweise, ihre Geschichte verführerisch zu erzählen mit dem Subtext „ich erzähle Euch ein unglaubliche Geschichte. Es war einmal …“. Nix davon. Seminarraum, Halbnahe, Kostümfez.

In vielen der starren Einstellungen konnte ich mir gut vorstellen, wie die Schauspieler in der Garderobe über dieses steife Inszenierung lästerten. Insofern kommt für mich noch weniger zur Geltung, was das Motiv der Regisseurin und Drehbuchautorin war, diese Geschichte zu erzählen.

In Maria Dragus hat sie zwar eine begabte Darstellerin der Pianistin Maria Theresia Paradis. Aber die Drehbuchlehrattitüde verhindert Empathie.

So wird denn nicht klar, ob Frau Albert für ein historisches Museum arbeitet, das Hofleben wie in Vitrinentheater reanimieren soll, oder ob sie sich für einen Medizinerstreit interessiert, für die Grenzen und Möglichkeiten der Schulmedizin. Wenn sie das mit Emphase hätte machen wollen, dann hätte sie sich den französischen Film Der Tod von Ludwig XIV anschauen sollen, der Film spielt etwa ein halbes Jahrhundert früher; der ist eine bissige Medizinsatire und auch eine über das Hofleben.

Frau Alberts Film will weder das eine noch das andere. Sie scheint eher die Unlust am Kino zelebrieren zu wollen. Bei ihr scheint es sich um eine Exploitation des Stoffes zu handeln, um zu zeigen, wie sie glaubt, dass Filme gemacht werden müssen. Und wers glaubt, der wird selig. Oder auch: Telepromter-Kino der Frau Albert.

Oder hat es am mangelnden Geld gelegen, dass sie nicht in allen Stabbereichen richtige Könner sich hat leisten können, auch solche die eine weniger sperrige Montage und Kamera gemacht hätten.

Auf einen Musiscore verzichtet die Filmemacherin gänzlich. Das macht das Kinovergnügen noch trockener, harziger. Nur wenn ein Instrument gespielt wird im Film, ist auch der Ton da, sonst knarzen Dielen, knarren Türen, lärmt ein Donner oder eine Kutsche, wird Schwanenflug akustisch überhöht oder werden jede Menge Singvögel eingespielt passend zur Tapete, vielleicht waren das ja akustische Tapeten? Womit dem Zuschauer filmisches Trockenfutter serviert wird.

Bei größtem Wohlwollen könnte über die Frage des Sehens der Sehenden und des Sehens der Nicht-Sehenden debattiert werden. Dafür bräuchte es aber gar nicht erst diesen Film. Der Film hat auch keinen Rahmen, er franst irgendwie an den Rändern aus. Frigidkino. Sehlustabtörnkino. Sehunlustkino. Kinolustverderb-Kino für Seminarveranstaltungen. Kino, aus dessen Fehlern ein Kluger lernen kann, wie man es nicht machen soll.

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