Archiv für 1. Februar 2018

Muse mit Fallstricken. Das Fest als solches. Familiärer Zugang zu einem charismatischen Politiker. Gespaltenheit eines Künstlers. Über wirtschaftlichen Antidarwinismus. Aufgemotztes Darwinismus-Relikt. Der Kinderfilm als Gebrauchsartikel. Das Kino als Teleprompter. Faszination durch Kultfilm garantiert nicht einen ebensolchen. Bescheidene Paramater ans Mannsein in L.A. Auf DVD eine der schönsten Altersliebesgeschichten des letzten Jahres. Und im Fernsehen die harten Bandagen im Ballett-Alltag.

Kino
DER SEIDENE FADEN
Wenn des Modemeisters Musenpraxis nicht funktioniert.

DAS LEBEN IST EIN FEST – LE SENS DE LA FETE
Das wahre Fest ist nicht planbar.

MEIN GROSSVATER SALVADOR ALLENDE
Der familiäre Zugang zu diesem berühmten Opa ist spannend, weil er nicht leicht ist.

FREDDY/EDDY
Genre vom Tegernsee, so rein wie bayerisches Bier, lässt sich faszinieren von der doppelten Künstlernatur.

FREE LUNCH SOCIETY
Ein Thema, was unter den Nägeln brennt.

MAZE RUNNER – DIE AUSERWÄHLTEN DER TODESZONE
Die Helden werden älter – und konventioneller.

DIE KLEINE HEXE
Märchen-Gebrauchsartikel.

LICHT
Allenfalls die Psychologie des Sehens an historischem Objekt doziert.

THE DISASTER ARTIST
Im Schatten eines Kultfilmes ist kaum Licht.

CRIMINAL SQUAD
Muskeln, Tatoos, grimmig schauen, Fuck sagen und nicht überdeutlich sprechen, das sind die Eckpunkte des hier propagierten Männerbildes.

DVD
HAMPSTEAD PARK – AUSSICHT AUF LIEBE
Mehr Senioren-RomCom mit so wunderbaren Schauspielern geht nicht.

TV
BOLSCHOI BABYLON
Vom Ehrgeiz zerfressene Menschen machen sich die Kunst zur Hölle.

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Die Schizophrenie des Künstlers.
(Kachelmann oder Wedel?)

Schönes Genre. Genre aus Deutschland. Reinstes Genre aus Bayern, vom Tegernsee, so rein wie bayerisches Bier. Wann gibt es das schon. Über die Persönlichkeitsspaltung. Eines Künstlers. Eddy (Felix Schäfer) macht alles, was Freddy (ebenfalls Felix Schäfer) sich nicht traut.

Der Künstler hat noch einen Bruder, David (Alexander Finkenwirth). Der ist Assistenzarzt. Freddy ist Maler und erfolgreich mit expressiven, emotionsschürenden Bildern. Was ist mit Eddy? Hat der die üble Tat begangen und Freddys Ruf ruiniert? Wahrheit? Erfindung? Was meint der Psychiater dazu? Was meint ein Genabgleich dazu?

Das Problem von Freddy ist, dass er angeklagt wird und dass seine Frau mit seinem Sohn abhaut. Der Skandal vom Tegernsee wird öffentlich. Freddy wird überall gemobbt. Er wird Opfer einer medialen Kampagne. Seine Galeristin will seine Bilder nicht mehr ausstellen, weil die Leute ihn wegen seiner Tat, er habe seine Frau geschlagen, nicht mehr mögen, mögen sie auch seine Bilder nicht mehr, sagt die Galeristin. Rufmordkampagne?

Aufspaltung eines Künstlers in zwei widersprüchliche Wesen. Problematisch wird es, wenn dieser Eddy wirklich existiert. Und auch noch alles sammelt, was es über Freddy zu lesen gibt. Freddy möchte Eddy loswerden. Aber dann taucht er wieder auf. Vergeht sich am süßen neuen Nachbarsmädchen Mitzi (Greta Bohacek).

Aber Freddy war es nicht. Er hat auch die neue Nachbarin Paula (Jessica Schwarz) nicht auf dem Schlitten den Hang runtergestoßen. Verkomplizierend oder erhellend, je nach dem, kommt noch ein wirklicher Bruder von Freddy dazu, David.

Eddy ist für die Abgründe zuständig, die abgrundtiefen Abgründe, die dunklen Abgründe – die ein Künstler kennen muss. Reines Genre, das sich mit den blutigen Abgründen und deren künstlerischer Kompensation beschäftigt. Stimmungsvoll ergänzt von schnell zusammengeschnittenen Flashbacks und dann wieder Blicken in die Berge und das Tegernseer Tal mit Drohnenflügen wie Drachenfliegen.

Dieser Film von Tini Tüllmann (Buch und Regie) fängt mit einer Reflexion über den Künstler und die Kunst an, über den Maler, denn ein solcher oder ein doppelter solcher ist die Hauptrolle, eben Freddy und Eddy. Über die unendlichen Möglichkeiten auf der leeren Leinwand etwas zu entwerfen, wozu menschliche Abgründe sicher eine Fundgrube bilden dürften; und die sind hier eben nicht nur auf der Leinwand zu sehen, sondern auch in der Geschichte von Freddy, der gerade Furchtbares hinter sich hat, seinen Ruf verloren hat, in der Öffentlichkeit gejagt wird.

Schuld war wohl sein imaginärer Freund Eddy. Der Psychiater (Burghart Klaußner) versucht zu helfen mit der Schizophrenie-Erklärung, mit dem Verrückterklären.

Oder: Psychogramm eines Sensiblen. Über einen Menschen, der in die Enge getrieben wird (auch das Konto abgeräumt). Aber typisch für so einen Film ist selbstverständlich, dass er auch ein paar Rätsel offen lässt. Und dass er schon gar nicht die menschliche oder die künstlerische Natur erklären will, dass er sich eher wundert darüber oder zu verstehen gibt, dass solches erwägenswert sei.

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Kultsache.
Trommeln und Sensation gehören zum Movie-Handwerk. Es gibt den sogenannt schlechtesten Film aller Zeiten, der als solcher Kult geworden ist. James Franco hat diesen Film von Tommy Wiseau zum Anlass genommen, einen Film über die Herstellung dieses Kultstreifens zu machen, fast so unabhängig und selfmade wie um die Jahrtausendwende Tommy Wiseau. Franco hat Regie geführt und spielt die Hauptrolle, Scott Neustadter und Michael H. Weber haben das Drehbuch verfasst nach dem Buch „The Disaster Artist: My Life Inside The Room, the Greatest Bad Movie Ever Made“ von Greg Sestro und Tim Bissell.

Kollegen wie Seth Rogen firmieren als Mitproduzenten. Die Rechte muss Franco sich von Wiseau gesichert haben, denn im Abspann lässt er parallel Szenen aus dem Original und nachgestellte Szenen aus seinem Film ablaufen, die sind fast bis auf die Einatmer und die Blicke der Darsteller identisch kopiert. Und James Franco hat eine zum Verwechseln ähnliche Maske wie Wiseau.

Es ist eine Filmbusiness-Insider-Geschichte. Aber Francos Hommage als Teilduplikat des schlechten Vorbildes dürfte nicht der Erfolg vergönnt sein wie dem Original.

Die Geschichte ist einfach, erzählt eine Variante des Traumes eines jeden Schauspielers, ein Filmstar zu werden und immer noch am liebsten in Hollywood, auch wenn dessen Glanz dramatisch am Bröckeln ist. Starvorbild ist James Dean.

Bei einem Vorsprechen in New York lernt Tommy Greg (Dave Franco, der jüngere Bruder von James) kennen. Greg ist beeindruckt von der Hemmungslosigkeit, mit der Tommy sich auf dem Boden wälzt und Wut rauslässt und scheinbar keine Grenzen kennt auf der Bühne. Er selbst gibt sich verhaltener.

Da es in New York nicht funktioniert, entscheiden sich die beiden, nach L.A. zu fahren. Tommy besitzt einen schönen Mercedes und in L.A. erstaunlicherweise eine Wohnung. Gute Startbedinungen für beide.

Tommy sieht sich als Förderer von Greg. Seine Zuneigung ist platonischer Art. Da die beiden viel Ablehnung erfahren, fängt Tommy an, sein eigenes Drehbuch zu schreiben. Das ist das Hauptstück des Filmes, die gegen 60 Drehtage zu „The Room“. Das ist allerdings nur möglich, weil Tommy offenbar über unbegrenzte Mittel verfügt.

Eine Szene belegt sowohl die Zweifel an Tommys Finanzkraft als auch die Überraschung, dass die Zweifel unberechtigt sind: Sandy, der Studioaufnahmeleiter oder Studioregisseur will einen Lohnscheck einlösen, seine Überraschung, dass der Scheck gedeckt ist, sieht man ihm an.

Der Film wird fertig, feiert seine Premiere, in der Franco übertrieben zeigt, wie enorm unfreiwillig gelacht wird. Der Rest ist Kino-Kultgeschichte.

Das Problem bei diesem Film scheint mir, dass Franco versucht, seinem Gegenstand möglichst nahe zu kommen, einem sogenannt ’schlechten‘ Film, und das bewältigt Franco so gut, dass nicht mehr zu unterscheiden ist, was ist jetzt gut und was schlecht, es passt kein Blatt mehr zwischen die beiden Merkmale. Franco selbst kann aber nicht diese rührende Naivität herbeizaubern, die für so ein Einzelstück Kino unerlässlich ist. Er stellt eher den Typen heraus, der das vom Augenschein her gar nicht bringen kann.

Dadurch aber fehlt dem Film seine elementare Würze, die ihn zu etwas Besonderem machen würde. Er stellt auch kein Verhältnis zum ’schlechten‘ Film her, das die besonderen Qualitäten dieses Filmes neu beleuchten und spannend machen würde.

So entsteht vielmehr der Eindruck, und insofern bleibt er meiner Ansicht nach ein Branchen-Insider-Film, einer liebenswürdigen Hollywoodveranstaltung eines erfolgreichen Schauspielers.

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Erstellen eines Familienalbumes einer Familie der chilenischen Elite.
Das ist das Resultat der Arbeit von Marcia Tambutti Allende, einer Enkelin des berühmten Salvador Allende. Ein Bericht über lateinamerikanisches Familienleben.

Am Schluss sitzt eine kleine Anzahl noch lebender, direkter Nachfahren des charismatischen chilenischen Präsidenten an einem Tisch und blättert das Familienalbubm durch, das die Macherin dieses Filmes als Resultat der Filmarbeiten zusammengestellt hat, in dieser schönen Art mit schwarz-weiß Fotos, die auf schwarzem Untergrund aufgeklebt und mit weißem Stift beschriftet werden. Das ist gleichzeitg für den Abspann nochmal ein Schnelldurchlauf durch den Film.

Der Film berichtet von einer Recherche der Enkelin. Denn in der Familie wurde wenig über den berühmten Opa geredet, überhaupt über die Familienverhältnisse.

Salvador Allende selbst war ein attraktiver, charismatischer und charmanter Mann, schnell im Geist, beschlagen im Dialog, mit Humor gesegnet, verführerisch für Frauen. Er hat seit den 30er Jahren in Chile Politik gemacht und ist 1970 zum Präsidenten gewählt worden.

1973 setzte ein Militärputsch seiner Regierungszeit ein Ende. Er selbst hat sich umgebracht. Darüber gab es lange Zeit Spekulationen, das Thema wurde auch in anderen Film behandelt. Die Familie, 3 Töchter teils wiederum mit Kindern, mussten fliehen. Tochter Beatriz wurde in Kuba eine öffentliche Person. Sie beging dort ebenfalls Selbstmord.

Der Film der Enkelin wagt nun eine Annäherung aus dem Blickwinkel der Familie. Die Filmemacherin ist nach und nach fündig geworden, hat Fotos und Filme zum Vorschein gebracht. Wodurch die Figur Allende an schillernder Vielseitigkeit gewinnt. Auch seine diversen Affären kommen zur Sprache.

Allendes Witwe Tench, die Oma der Filmemacherin, erinnert sich immerhin noch, dass es nicht immer leicht war; aber sie sei nie Opfer gewesen. Sie habe nur einmal die Scheidung ins Gespräch gebracht. Zu erfahren ist auch, wie engagiert er seine politischen Kampagnen geführt hat, und dass diese die Familie immer wieder an den Rand des Ruins gebracht hätten.

Der Film strömt eine Familiarität aus, die nie befremdlich wirkt, die einen mit lateinamerikanischer Herzlichkeit umfängt. Wobei interessanterweise wieder kaum über Politik geredet wird. Es gibt lediglich das Material von den Aktivitäten von Chico, wie die Familie den Papa oder Opa liebevoll nennt, oder dann von der Rückkehr der Familie, von der Exhumierung und auch vom Begräbnis der Oma Tench, die im Laufe der Dreharbeiten gestorben ist mit 95 Jahren, was zu einem Riesenbegräbnis geführt hat. Wobei sie sich zu Lebezeiten Allendes öffentlich zurückgehalten hat; erst nach ihrer Rückkehr aus dem Exil hat sie sich geäußert.

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Darwinismus-Relikte.

Wenn ich die Maze-Idee richtig erinnere, so müssen Jugendliche an der Grenze zum Erwachsensein durch irre Gefahren hindurch sich kämpfen (Die Auserwählten im Labyrinth, Die Auserwählten in der Sandwüste). Vergleichbar den Überlebensläufen von Schildkörten nach dem Schlüpfen über den Strand ins Meer oder der Leguane auf Galapagos durch eine Schlangengrube (wie demnächst eindrücklich zu sehen sein wird in UNSERE ERDE 2). Nur der Stärker oder Schnellere, überlebt – Darwinismus pur.

Da es schon zwei Mazefilme gegeben hat, die wohl ordentlich Geld eingespielt haben, folgt hier der dritte (Drehbuch: T.S. Nowling nach dem Roman von James Dashner, Regie: Wes Ball) und muss entsprechend aufgebauscht werden. Er wird zum Darwinismus-Relikt oder -Kompensat in Form eines Actionfilmes mit gut braungebrannten, ordentlich aussehenden Jungdarstellern, die hier viel zusammengemixte Erwachsenenaction durchführen müssen. Konventionelle, hübsche junge Helden, ohne Macken, ohne Widerstand, ihrem Abenteurertum und der Weltrettung verpflichtet.

Der Film fängt mit respektablen Actionszenen an, Eisenbahnzug in Wüste mit gefangenen jungen Menschen in zwei Waggons. Verfolgt wird der Zug von zwei Schrottautos und die Szenerie wird weiter von einem bulligen Flugzeug belebt; die Kamera selber saust in irrer Drohnenfahrt um das beliebte Actionsujet.

Einen Waggon können die Verfolger mit atemberaubender Action befreien, es gibt noch eine gelungene Verarsche des jagenden Flugzeuges. Der andere Waggon mit den jungen Leuten bleibt unbefreit. Sie werden in die einzige noch funktionierende Stadt auf einem dystopischen Planeten verbracht. Die Stadt hat sich eingemauert.

Die anderen fliehen vor den Verfolgern, während die Metropole eine typische Hochleistungs-, Hochglanzmetropole ist. Später wird sie zu einem Metropolis erweitert, wenn verelendete Massen in den Untergeschoßen den Aufstand wagen.

Um der Dystopie die Krone aufzusetzen, gilt es, ein gefährliches Virus zu besiegen, das die Menschen in Zombies verwandelt (im WCKD Virus Prevention Center).

Nach bekannten Erwachsenen-Actionfilmmustern werden die jungen Leute mit ihrem Haupthelden Thomas (Dylan O’Brian) an der Spitze in die Hochsicherheitsmetropole eindringen und auch versuchen, Teresa (Kaya Scodelario), die die Seiten gewechselt hat, wieder zurückzugewinnen.

Das ist dicht inszeniert, lässt jedoch die Maze-Idee in einem Gewirr zeitgenössischen Actionfilmes verschwinden. Die Nachwuchs-Helden stehen sauber da und wachsen über ihre Möglichkeiten hinaus. Opfer wird es geben (auch welche in Memoriam 9/11, so als kleiner Schlenker zum US-Patriotismus) und in einer idyllischen Finalszene am Meer wird ihrer würdig gedacht. Dazu fällt der Satz, dass der Hauptheld Thomas es verdient habe, glücklich zu sein. So wie der Zuschauer auch, wenn es nach den Machern ginge – was ich so nicht bestätigen kann.

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Kinolustverweigerung.

Mit diesem Film von Barbara Albert (Die Lebenden) habe ich meine Schwierigkeiten.

Was will uns Frau Albert damit erzählen, warum hat sie diesen Film gemacht?

Es geht um Maria Theresia Paradis, die im 18. Jahrhundert in Wien eine berühmte Pianistin und blind war. Frau Albert hat sich aus der Biographie die Episode der Behandlung beim Arzt Franz Anton Mesmer herausgepickt. Der konnte sie vorübergehend sehend machen, wodurch ihr aber ihr Pianistentalent abhanden gekommen ist. Dann nahmen sie die Eltern von diesem Arzt weg und Blindheit und Pianistentalent kehrten zurück.

Der Film wirkt auf mich wie ein Dozierfilm, wie ein Abrisskalenderfilm. Die Regisseurin vor der Klasse, mit einer Art großem Wandblattkalender. Jedes Bild wird einzeln behandelt. Während es zu sehen ist, sagen die auf historisch kostümierten Darsteller ihre lebensunpraktischen Sätze. Dann wird das Blatt heruntergerissen und das nächste erscheint.

Bevorzugt werden halbnahe Kameraeinstellungen, vorzugweise in Frontalposition. Die Montage sucht keinerlei Eleganz oder Smartheit, sie bleibt hackelig.

Die Präsentation der Geschichte wirkt sperrig. Albert versucht schon gar nicht, das Objekt des Interesses schmackhaft zu machen, eher dompteurhaft vorzuführen, was beim sensibelsten der Darsteller, bei Devid Striesow als Arzt Franz Anton Mesmer zu häufigem Fingerkuppenreiben in statischen Einstellungen und Impuslableitung über den Daumen führt, wenn er seine linke Hand höfisch vor die Brust halten soll.

Striesow wirkt überhaupt wie ein norddeutscher Fremdkörper in der österreichischen Sprachfärbung und noch grotesker, wenn er Dialektfärbung versucht und statt ’nicht‘ ’ned‘ sagt.

Aber Frau Albert agiert wie die Leiterin eines Figurentheaters, stellt die Schauspieler wie Wachsabgüsse ihrer selbst in die höfischen Räume und lässt sie ihre Text auswendig hersagen. Sie beraubt sie der Spielchancen. Generell bekommt jeder Satz ein Bild, womöglich von vorne.

Frau Albert, die auch Professorin sei, hält es nicht für nötig, auch nur ansatzweise, ihre Geschichte verführerisch zu erzählen mit dem Subtext „ich erzähle Euch ein unglaubliche Geschichte. Es war einmal …“. Nix davon. Seminarraum, Halbnahe, Kostümfez.

In vielen der starren Einstellungen konnte ich mir gut vorstellen, wie die Schauspieler in der Garderobe über dieses steife Inszenierung lästerten. Insofern kommt für mich noch weniger zur Geltung, was das Motiv der Regisseurin und Drehbuchautorin war, diese Geschichte zu erzählen.

In Maria Dragus hat sie zwar eine begabte Darstellerin der Pianistin Maria Theresia Paradis. Aber die Drehbuchlehrattitüde verhindert Empathie.

So wird denn nicht klar, ob Frau Albert für ein historisches Museum arbeitet, das Hofleben wie in Vitrinentheater reanimieren soll, oder ob sie sich für einen Medizinerstreit interessiert, für die Grenzen und Möglichkeiten der Schulmedizin. Wenn sie das mit Emphase hätte machen wollen, dann hätte sie sich den französischen Film Der Tod von Ludwig XIV anschauen sollen, der Film spielt etwa ein halbes Jahrhundert früher; der ist eine bissige Medizinsatire und auch eine über das Hofleben.

Frau Alberts Film will weder das eine noch das andere. Sie scheint eher die Unlust am Kino zelebrieren zu wollen. Bei ihr scheint es sich um eine Exploitation des Stoffes zu handeln, um zu zeigen, wie sie glaubt, dass Filme gemacht werden müssen. Und wers glaubt, der wird selig. Oder auch: Telepromter-Kino der Frau Albert.

Oder hat es am mangelnden Geld gelegen, dass sie nicht in allen Stabbereichen richtige Könner sich hat leisten können, auch solche die eine weniger sperrige Montage und Kamera gemacht hätten.

Auf einen Musiscore verzichtet die Filmemacherin gänzlich. Das macht das Kinovergnügen noch trockener, harziger. Nur wenn ein Instrument gespielt wird im Film, ist auch der Ton da, sonst knarzen Dielen, knarren Türen, lärmt ein Donner oder eine Kutsche, wird Schwanenflug akustisch überhöht oder werden jede Menge Singvögel eingespielt passend zur Tapete, vielleicht waren das ja akustische Tapeten? Womit dem Zuschauer filmisches Trockenfutter serviert wird.

Bei größtem Wohlwollen könnte über die Frage des Sehens der Sehenden und des Sehens der Nicht-Sehenden debattiert werden. Dafür bräuchte es aber gar nicht erst diesen Film. Der Film hat auch keinen Rahmen, er franst irgendwie an den Rändern aus. Frigidkino. Sehlustabtörnkino. Sehunlustkino. Kinolustverderb-Kino für Seminarveranstaltungen. Kino, aus dessen Fehlern ein Kluger lernen kann, wie man es nicht machen soll.

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Muse mit Fallstricken.

Rasant fängt Paul Thomas Anderson (The Master) seinen Film an. Das erinnert an eine Szene aus Lola Montez von Max Ophüls. Am Hofe muss ein Kleid probiert oder adjustiert werden und es fehlen Nadel und Faden. Der mündlich weiter gegebene Ruf „Nadel und Faden“ hallt durch den ganzen Palast und die Kamera folgt dem Weg des Rufes, dem Weg der Hierarchie.

So rasant führt Paul Thomas Anderson in das Atelier von Reynold Woodcock (Daniel Day-Lewis) in einem Londoner Bürgerhaus ein. Er folgt dem Weg der Näherinnen zur Arbeit. Der Film spielt 1955. Entsprechend sind die einfachen Frauen gekleidet. Sie kommen fast in einer Reihe zur Arbeit. Betreten das Haus. Winden sich in militärischem Tempo die Stiegenhäuser hinauf bis ins Atelier unter dem Dach.

Mit dieser Szene hat Paul Thomas Anderson mich bereits vereinnahmt und gewonnen für diese Geschichte, die eine Geschichte des Künstlers und seines Modells sein wird, die aus größerer Distanz betrachtet als geniale Replik auf mother! von Darren Aronofsky gesehen werden kann.

Als eine Replik auch im Sinne der aktuellen Vorgänge in Hollywood, wie die Frauen sich jetzt zu wehren anfangen gegen die selbstverständliche Männerherrschafts-Interpretation der Muse als Liebesobjekt.

Der Job des Modeschöpfers ist anstrengend. Woodcocks engste Mitarbeiterin ist Cyril (Lesley Manville), die typisch strenge Frau, die alles im Blick und im Griff hat und dem Meister seine Wünsche von den Lippen abliest, ihm den Weg freischaufelt und den Raum freihält – störet seine Kreise nicht.

Cyril ist untrennbar mit des Meisters Erfolg verbunden. Aus Sorge um seine Gesundheit hat sie ihm ein paar Tage auf dem Land verordnet, in einem Seebad. Dort stolpert Alma (Vicky Krieps – Das Zimmermädchen Lynn) förmlich in sein Leben.

Sie soll ihm im Hotel die Frühstücksbestellung aufnehmen. Auf dem Weg dahin macht sie einen unziemlichen Stolperer und fängt seine interessierten Blicke ein. Er fackelt nicht lange, lädt sie zum Abendessen ein. Ohne zu zögern lässt sie sich auf das Musenspiel ein, sie, das einfache, scheinbar naive Mädchen vom Lande, großartig gespielt von Vicky Krieps.

So ganz problemlos wie der Meister es gewohnt ist, läuft das allerdings nicht. Dazu hat Paul Thomas Anderson eine schöne Frühstücksszene eingebaut und alle Aktivitäten von Alma deutlich als Störgeräusche inszeniert gegen die Konzentration des Meisters. Er ist das nicht gewohnt. Sie gibt ihm Widerworte, er ist Unterwürfigkeit gewohnt. Einmal erlaubt sie sich sogar zu bemerken, dass ein Kleid, das sie präsentieren soll, ihr nicht gefällt. Man sieht den Meister dabei förmlich in sich zusammenfallen.

Alma ist eine Muse mit Fallstricken, sie gibt sich mit der üblichen Rolle nicht zufrieden, sie fordert Aufmerksamkeit und Liebe. Dabei läuft der Atelierbetrieb mit illustrer Kundschaft weiter.

Anderson berichtet das schöner als es irgend eine Regenbogenpresse zu berichten vermöchte, die ganz reiche Dame, die nicht gerade wie ein Intelligenzpfropfen ausschaut oder gar eine belgische Prinzessin und ihr Hochzeitskleid. Sie kommt mit Luxuslimousinen-Konvoi mit Standarte vorgefahren.

Das ganze Hofgetue am Hofstaat des Modemeisters schildert Anderson mit bissigem Vergnügen. Und eben auch die Missklänge, die Alma hineinbringt.

Alma schreckt nicht vorm Gebrauch von Pilzen zurück, um den Meister aus seiner Konzentration rauszureißen. Sie macht dem Meister einen knalligen Strich durch die Rechnung mit seinem Musenkalkül und verführt ihn zu Dingen, von denen er sich nie hätte träumen lassen, während Ciryl momentweise ihre Herrschaft gefährdet sieht.

Der Film ist eine Augenweide und gerade im Hinblick auf Frauen, die sich wehren wollen, auch eine Seelenweide. Die deutsche Synchro ist exzellent, besonders von Alma, der Luxemburgerin, die sich selber spricht.

Rosinen, wie Daniel Day-Lewis die neurotische Nervosität des Meisters schildert und dessen Reaktion auf Störungen. Ein hochneurotischer Künstler. Seine Abwehr und Fassungslosigkeit angesichts der Ansprüche der Frau, wahrgenommen zu werden, mit ihrem Mann etwas zu erleben, eine Welle zu reißen. Oder: der Meister deplaziert auf der trampeligen Sylvesterparty im Hotel Bellevue des Alpes.

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Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan.

Dieser Film nach dem Buch von Otfried Preußler ist von Uli Putz, Jakob Claussen und Koproduzenten Lukas Hobi und Reno Schaerli produziert worden und wird nach seiner Kinosaison ein ordentliches Einspielergebnis aufweisen.

Das Zielpublikum, wenn ich das richtig einschätze, Kinder bis maximal zum ersten Lesealter, werden voller Eindrücke nach Hause gehen, viel zu erzählen, zu fragen oder zu zeichnen haben. Die Macher werden sich auf die Schultern klopfen und zufrieden feststellen, dass sie alles richtig gemacht haben; der Mohr hat seine Schuldigkeit getan.

Wenn sie das hätten, dann müsste aus dem Film ein Klassiker werden wie die Buchvorlage. Daran habe ich meine Zweifel. Die Begründung dafür liegt im Kinohandwerklichen, in einer nicht gelungenen Balance zwischen den verschiedenen Gewerken, die mich an der Nachhaltigkeit des Filmes zweifeln lassen.

Prinzipiell ist schon die Länge von 103 Minuten viel zu lange für kleinere Kinder. Selbst in der Schule gilt, das habe ich mal gehört, eine Aufmerksamkeitsfähigkeitsspanne von einer dreiviertel Stunde, dann muss Pause sein; 103 Minuten sind für das Zielpublikum viel zu lang. Es ist doch recht unfassbar, dass das keinem der erwähnten Produzenten nicht irgendwie durch den Kopf gegangen sein soll, dass das nicht von Beginn der Produktion an festgelegt worden ist.

Positiv bleiben in Erinnerung die wirklich schöne Ausstattung/Bühnenbild, sei es des Hexenhauses oder die Wald-, Moos- und Farnböden, die sind in weich-milden Farben und auch angenehm beleuchtet und vor allem die Soloshow von Karoline Herfurth und auch die Musik von Diego, Nora und Lionel Baldenweg; diese wühlen sich lustvoll in einen Kinosound, der zu Hexengeschichten passt.

Der Regisseur allerdings scheint mir nicht unbedingt ein begnadeter Schauspielerregisseur zu sein, das zeigen die fast verängstigten Kinder, das wird sichtbar in der Rolle der Hexe Rumpumpel, da scheinen weder Schauspielerin noch Regisseur eine plausible und zudem attraktive Lösung gefunden zu haben.

Karoline Herfurth allerdings hat schon mit SMS für Dich gezeigt, dass sie sehr wohl imstande ist, sich selbst hervorragend zu inszenieren; auch hier ist sie immer makellos geschminkt, traut sich aber die spitze Hexennase mit Vergnügen zu, spielt eine Hexe, der gut und gern zuzuschauen ist.

Allerdings entsteht zu ihrem – eigentlich für Hexen nicht erwünschten – Spielpartner und Raben kaum eine Beziehung. Offenbar ist keinem der verantwortlichen Caster oder Produzenten aufgefallen, dass Axel Prahl grad gar keine gute Besetzung als Sprecher für den Raben ist, weil er kein sonderlich guter Sprecher ist und schon gar nicht den Pfiff und den Witz und die Schlauheit und Durchtriebenheit eines Raben sprachlich vermitteln kann. Das ist weder für das Hörgefühl noch für die Schulung des kleinkindlichen Sprachgefühls von sonderlichem Wert.

Das sind alles Details, die den Wirkkreis des Filmes eng bemessen dürften. Wie überhaupt der restliche Cast, bis auf den Balduin Pfefferkorn (Michael Gempart, der eine zeitlose Grande-Utilité-Leistung erbringt) mehr hoppla-di-hopp herbeigezaubert wurde nach nicht weiter nachvollziehbaren Kriterien.

Ja die Walpurgisnacht-Hexen erwecken den Eindruck der Laienspielschar eines dramatischen Vereins. Die Kamera leidet zu oft unter Sehschärfe, stellt ein Material bereit, das zwar für ein Umblätterbuch, wie ein Kinderbilderbuch tauglich ist, nicht aber für einen Sog, der in einem Film dank der Montage entstehen kann; die Entscheidungen der Kamera für Einstellung, Kadrage und Position bleiben im Obskuren. Egal, kleine Kinder kann man alles vorsetzen, die können ja noch nicht zwischen einem guten und einem weniger guten Kinderkinofilm unterscheiden.

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Was ist ein Fest?

Diese Frage will dieser Film von Olivier Nakache und Eric Toledano (Heute bin ich Samba, Ziemlich beste Freunde) laut dem französischen Originaltitel beantworten: Der Sinn des Festes oder freier übersetzt: vom Sinn des Festes.

Die Antwort ist zweiteilig. Der erste Teil der Antwort schildert ausgiebig das institutionalisierte, durchorganisierte Fest am Beispiel einer protzigen Hochzeit in den Räumlichkeiten eines Schlosses.

Die Hauptfigur ist Max Angély (Jean-Pierre Bacri). Er ist ein professioneller Hochzeitsausrichter. Vorgestellt wird er bei einem Verkaufsgespräch mit einem Paar, das es zwar opulent haben möchte, aber doch nicht zu teuer. Das ist smart inszeniert, wie der alte Hase die Pfennigfuchser souverän los wird. Mit Leuten, die glauben, eine Einsparmöglichkeit zu sehen, wenn sei bei den Hochzeitsfotos auf den weißen Rand verzichteten, will er nichts zu tun haben. Er muss sowieso dringend los.

Gerade läuft der Countdown für die Megahochzeit von Pierre (Benjamin Lavernhe) und Helena (Judith Chemla) im Schloss. Auf prima handwerklichem Niveau, sozusagen Pflichtprogramm, temporeich und temperamentvoll, bricht absehbar das Chaos hinter den Kulissen aus mit allen möglichen und unmöglichen Pannen und dazwischen funkenden Lovestories, präsentiert wie eine Delikatesse aus „Pleiten, Pech und Pannen“. Mit schön charakterisierten Figuren, die alle nur ihren Job machen wollen und noch etwas profitieren davon.

Es gibt Einblicke in dieses Unternehmen, auch die Bezahlkultur, die ohne Schwarzarbeit nicht zu leisten wäre, das Praktikantenthema, das Thema der Verpflegung des Personals (beharren auf dem Recht auf das gleiche Essen wie die Gäste), der ausgefallene Musiker, die Wünsche der Gäste, unerwartetes Wiedersehen zwischen einem aus dem Personal und der Braut, der Pakistani, der schwer von Begriff ist, das Elend des Fotografen in Zeiten der allzeit bereiten Handys, ein Ersatzkellner, Manipulation von SMS.

Die Probleme kumulieren sich derart, dass Max seine Firma hintenrum verkauft. Dann geht die sensationelle Attraktion des Abends schief, eine poetische Luftnummer mit dem Bräutigam und katapultiert den Bräutigam noch nicht in den Himmel, aber den Film in seine nächste Zündstufe. Sollte der Zuschauer bis jetzt noch das Gefühl gehabt haben, auf einer fremden Hochzeit zu tanzen (was schon nicht ohne Reiz ist) so haben Nakache und Toledano ihr Pulver längst nicht verschossen, jetzt nach der erstklassig gelungenen Pflicht schreiten sie zur Kür, zur Essenz der Antwort auf die Frage, was ist ein Fest; ziehen den Zuschauer – Widerstand zwecklos – hinein in den Sog dessen, was sie draufpacken, eine Kür, die direkt den Geist aus „Ziemlich beste Freunde“ lebendig werden lässt. Eine Kino menschenfreundlicher Überraschung und die deutsche Synchro kann sich hören lassen.

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Putziges Männerbild.

Dieser Film von Christian Gudegast bezieht seine Legitimation daraus, dass in L.A. alle 48 Minuten eine Bank ausgeraubt werde. Er zeigt dann allerdings einen Fall, wie er sowieso nur im Kino vorkommt.

Männer, die in Bezug auf das Mannsein wenigen Parametern genügen, planen einen Bankraub, der einem Jahrhundertraub gleicht. Sie werden verfolgt ebenfalls von Männern, die in Bezug auf das Männerbild mit ebensowenigen Paramtern auskommen wie die Räuber.

Wobei eine eklatante Diskrepanz zwischen diesem subalternen Männerbild und den Plänen, die sie schmieden, besteht: nach Intelligenzbolzen sehen sie nicht aus.

Die Paramter, denen sie genügen müssen, sind a) immer mal wieder „Fuck“ sagen, b) Muskeln haben, d) grimmig schauen, e) in Kampfsituationen hyperventilieren, f) ihre überwiegend subalternen Positionen mit Tattoos, Uniformen oder Masken kaschieren und g) nicht allzu intelligent daher reden und in Bars Bier trinken. Und das über zwei hoffnungslose Stunden durchhalten.

Rätselhaft bleibt mir, was sich die Macher bei der Chose gedacht haben und warum sie sich offenbar, wie die Geldgeber auch, ein Geschäft davon versprechen – oder handelt es sich gar um ein kriminelles Abschreibeprojekt? Das wäre direkt hinterfotzig.

Wie wenig gut gearbeitet worden ist, zeigt die Count-Down-Szene im Stau. Sie erinnert an eine Szene mit Michael Douglas in Falling Down. Dort war sie erinnerungswürdig gebaut. Hier: Schwamm drüber.

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