Sex gehört zum Leben,

kann aber auch unangenehem sein und viel Ärger bereiten.

Ein Sound, den es durch den Windkanal haut, erzählt schon überm ersten Bild, dass es Amat Escalante (Heli), der mit Gibran Portela auch das Drehbuch geschrieben hat, nicht um eine realistische RomCom oder um einen Abenteuerfilm geht, sondern dass er radikal um das Phänomen der Liebe über die Mitteilung des Sextriebes kreisen will, wie ein Geier um seine Beute.

Und wie sich wohl für das Geierauge rund um seinen Zielpunkt in Unschärfen quasi Naturelemente versammeln, so sind auch hier immer wieder Symbole für die Ur- und Schöpfungskraft der Natur zu sehen, Symbole für die männliche Sexkraft in furchteinflößender Schlangenform oder im kulinarischen Blick in die Küche oder im im Auge des Wissenschaftlers Sr. Vega (Oscar Escalante); der sei sensibel wie ein Stück Stein, kommentiert Martha (Bernarda Trueba) ihren Mann. Die beiden leben in einer Waldhütte mit Solaranlage und sind nicht nur an Singvögeln interessiert, auch wenn sich darüber, das ist ein Moment reinster Romantik, beim familiären Picknick am Fuße eines Baumes trefflich reden lässt.

Die beiden Wissenschaftler interessiert die Naturgrundlage von allem (Sein, menschlichem Sein, kann wohl hinzugefügt werden). Es stößt eine Freundin, eine Patientin zu den beiden. Für sie gibt es das Schlangenzimmer, eindrücklich fotografiert mit viel Dunkel, einer Matraze und dem Getier – malerisch.

Die Patientin ist Veronika. Sie muss anschließend in die Klinik, denn sie blutet aus ihrer Seite. Den freundlich strahlenden Arzt Fabian (Eden Villavicencio) lässt sie im Glauben, ein Hund hätte sie gebissen. Sie offenbart ihm auch offen, dass sie auf Männersuche sei.

Er aber hat ein Verhältnis mit seinem Schwager Angel (Jesús Meza). Der ist mit Fabians Schwester Alejandra/Ale (Ruth Ramos – eine ebenso schöne Frau wie Veronika) verheiratet und hat mit ihr zwei muntere Buben.

Eine Konstellation, die schnell auffliegen kann und dann eine am lockeren Faden erzählte Kriminalgeschichte in Gang setzt. Denn Fabian will nicht weiter Versteck spielen. Er muss bluten dafür. So lernen sich auch Ale und Vero kennen. Auch da liegen Liebe und Triebe nahe.

Escalante schreibt diese Filmbilder in großzügig lateinamerikanisch international verständlichem Bild- und Erzählgestus, greift zielsicher in den Kinofbilderfundus von Tier- und Natursymbolik, benutzt diese zu Schilderung der Emotions- und Trieblage, kann sie aber auch mit Opernmusik ganz hintergründig untermalen.

Er erzählt so, dass der Zuschauer sich mit ihm wie ein Wissenschafter über sein Objekt nur wundern kann, was der Lebens-, Liebes- und Sextrieb mit den Menschen veranstaltet, wie er ihn treibt und ihm immer wieder in die Quere kommt und wie es ohne ihn doch nicht auszuhalten ist. Escalante erzählt das aus gebannter Faszination und Verwunderung, nicht um sich daran aufzugeilen.

Auch das soziale Element bleibt nicht ausgespart, die Schande am Ort, an dem Angel mit Frau und Kindern lebt. Die Eltern betreiben eine Konfiserie und die Schwiegertochter darf in der Fabrik mitarbeiten, ganz großzügig, womit auch gesellschaftliches Gefälle Eingang in den Film findet.

Escalantes Film zeichnet sich aus durch Fasziniertheit von dem Zusammenhang von Sex, Liebe, Schmerz, von Verwunderung darüber, scheint mehr getrieben denn erträumt und sieht: Beziehung geht schon gar nicht. Verwunderung, wie abgründig die Sexsache ist, wie geheimnisvoll, wie aus dem Düstern kommend, wie aus einer Horrgegend aus Ungergründlichem. Es kommt einfach. Verwunderung, wie mächtig die Sexgeschichte doch immer wieder ist und wie wenig zügelbar. (Vielleicht auch ein Fingerzeig an alle jene, die zur Zeit mit dem Finger auf Weinstein, Spacey & Co. zeigen…).

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