Der Film zum Luther-Jahr.
Der Film zu Harvey Weinstein.

Der Film verlangt Deutung. Ein Film zu abgrundtief ethischen Fragen, zum Umgang des Menschen mit Ungerechtigkeit, ein Film als Frage der Aufgeklärtheit und Fortschrittlichkeit unserer Welt. Ein Film über die Drecksackigkeit männlicher Herrschaft, über deren Anachronimsus, Archaik, Alttestamentarik, Auge um Auge.

Ein Film, der ganz klar nicht nach einer wahren Geschichte ist, der nicht Bedröppeltheit auslösen möchte. Ein Film, der mit harten Thesen, die sich in entsprechenden Szenen artikulieren, den Geist und den Zustand unserer Zeit auf seine Handlungsfähigkeit hin befragt.

Dass es sich nicht um ein sadistisches Horrormovie um des Horrors willen handelt, dafür ist auch die Kapitelung ein Hinweis. Es gibt vier Kapitel (Offenbarung, Exodus, Genesis, Vergeltung). Sie sind wie durch ein Zufallsprinzip in eine Ordnung gebracht, die nicht dem zeitlichen Ablauf des Lebens von Eli (Dakota Fanning), die später die Identität von Elizabeth Brundy (Carla Juri) übernimmt, entspricht.

Der Film ist auch kein Seelendrama. Das fordert das Köpfchen des Zuschauers, will es aktivieren, damit er sich nicht Gefühlen hingibt, selber womöglich in den Rachemodus verfällt (wobei mir ein Leak bleibt, der Zusammenhang zwischen Joahnna und Liz).

Dieser Film von Martin Koolhoven nach seiner eigenen Geschichte fragt sich auch nicht, wie die Ungerechtigkeit auf die Welt kommt. Diese ist da. Sie passiert, kann bei einer Zangengeburt in einer Kirche passieren, wenn nur eines von zwei Leben zu retten ist, das der Mutter oder das der Tochter. Die Menschen müssen damit umgehen.

Der Reverend (Guy Pearce), der ist der Oberdrecksack. Er züchtigt seine Frau, vergeht sich an den Kindern. Das zieht weiteres Unglück nach sich.

Der Film spielt lange vor unserer Zeit in der Kutschenzeit, in einem wilden Westen, der ganz klar irgendwo in Mitteleuropa liegt. Das ist auch gar nicht wesentlich, wie grün oder gelb, wie bunt oder farblos dieser Wilde Westen ist.

Wichtig ist, dass er leer ist. Bewohnt von wenigen Siedlern. Die Protagonisten sind holländische Siedler. Sie wollen sich das Paradies auf Erden schaffen. Und sie erbauen sich so ziemlich das Gegenteil, eine schier alttestamentarische Welt, herzlos, brutal, rachsüchtig.

Die Frage stellt sich, wieso ein Filmkünstler heute so eine Welt darstellen will. Vorgestellt wird Johanna wie sie bereits stumm ist, ein kleines Familienleben mit Ehemann Eli (William Houston) und den zwei Kindern Sami und Matthew führt. Da taucht plötzlich der Pfarrer auf. In ihrem Blick zeichnet sich Entsetzen ab. Die Vorgeschichte wird in den weiteren Kapiteln aufgedröselt, die ist grauenhaft genug.

Dadurch, dass Koolhoven konsequent sein Augenmerk auf das Handeln der Figuren legt, wie sie mit immer wieder neuem Unrecht umgehen, wie sie offenbar zu keiner Versöhnung fähig sind, bleibt der Film spannend, die Grausamkeiten werden nie Selbstzweck, sondern ergeben sich aus den (voraufklärerischen) Handlungsmustern der Figuren wie zwingend.

Aus diesem Grund erweckt der Film in keiner Sekunde den Eindruck, ein Historienschinken zu sein, eine Hommage ans Western-Genre, eine Reminiszenz, es bleibt immer klar, dass das Genre nur Vorwand zur Erörterung ethischer Grundfragen unserer Zeit ist, dass der Film ein hartes Statement zur Menschenwelt abgibt.

Was für Drecksschweine sind doch an vielen Orten dieser Welt an der Macht. Was hat Putin alles auf dem Kerbholz, was ein Erdogan, was ein Assad, und und und. Es kann einen zum Verzweifeln bringen, was für rückständige Figuren überall am Ruder sind. Offenbar haben uns weder die Reformation noch Hollywood weitergebracht.

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