Nathan und Sean. (Oder: eine präzise Anleitung für Aktivisten.)

Vom Allgemeinen zum Einzelfall. Das ist der Weg, den dieser Film von Robin Campillo unter Drehbuchmitarbeit von Philippe Mangeot nimmt. Aus dem munteren Mix von fiktionaler Doku-Reportage über die AIDS-Aktivisten-Gruppe Act up in Paris und den Einschüben von Aktivisten-Schulungsfilm kristallisert sich die Liebesgeschichte von Nathan (Arnaud Valois) zum Gründungsmitglied Sean (Nahuel Pérez Biscayart) heraus, auf die sich der Film immer mehr konzentriert.

So erinnert der Film in der ersten Phase an die Dokumentation aus Ungarn Demokratie auf Ungarisch, die wie eine Anleitung zum Aktivistentum wirkt mit detaillierten Tipps.

Die Gruppe Act up wird in allen Situationen vorgestellt. Bei ihren regelmäßigen Meetings/Vollversammlungen in einem Hörsaal mit genauen Diskussionsregeln, der Simultanübersetzung in Gebärdensprache und dem stakkatohaften Fingerschnipsen anstelle von Applaus. Hier werden Projekte, Themen, Ideensammlung, Aktionen vor- und nachbereitet. Oder auch Statements zu öffentlichen Meinungen zum Thema, zu Büchern abgegeben und ob und wie darauf reagiert werden soll.

Es geht um medienwirksame Auftritte, die die Öffentlichkeit auf Desinteresse der Regierung und das Zurückhalten von Forschungsresultaten bei Medikamenten gegen AIDS aufmerksam machen sollen; es geht auch um Aufklärung an den Schulen, die zögerlich bis gar nicht praktiziert wurde: der Sinn des Nutzens von Kondomen, nie ohne. Insofern sind dem Film selbst aufklärerische Elemente eigen.

Der wichtigste Gegner ist im Moment die Melton Pharma, deren Direktionsetage erst gestürmt und mit dem Sprayen von Blutfarbe verunziert wird. Später kommen die Aktivisten mit den Herren von Melton Pharma ins Gespräch.

Insofern vorbildliches Vorexerzieren von bürgerlichem Engagement unter strikter Ablehnung von Gewalt. Das Werfen von Blutbeuteln gehört aber dazu. Auch über die Herstellung von Kunstblut gibt es eine kleine Lektion. Keine Bange, es ist abwaschbar.

Pikant ist, dass alle in der Gruppe offiziell sagen müssen, dass sie HIV-Infizierte seien. Das wird brisant in der physischen Auseinandersetzung mit der Polizei, wenn sie Demonstranten von einem Auftrittsort entfernen will. Da trägt sie Gummihandschuhe.

Zwischen den engagierten Debatten, Aktionen und Emotionen lernen sich Nathan und Sean kennen und lieben. Sean ist positiv, Nathan nicht. Bei Sean geht es darum, mit Medikamenten zu leben. Eine neue Reaktion zu dem Thema ist vor zwei Wochen ins Kino gekommen: Pushing Dead aus San Francisco.

So wird aus dem Themen/Reportage/Schulungsfilm-Mix ein berührender Liebesfilm. Der Film spielt einige Jahre nach Ausbruch der AIDS-Epidemie noch im Frankreich des Francs und von Francois Mitterrand anno 1989. Die Erzählhaltung ist heutig. So wird dem Thema Schrecken, Verteufelung und Verbissenheit genommen. Der Film wendet sich an das Publikum von heute; denn immer noch gibt es Informationsdefizite und Sorglosigkeit.

Als Drüberstreuer über das piekfeine Büffet bei einem feinen Empfang ihrer Gegner haben sich die Aktivisten etwas ganz besonders Feinstaubiges ausgedacht.

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