Ein elementares und profundesThema einer jeden Gesellschaft: der Umgang mit Behinderten.

Dieser ist Gradmesser für das Maß an Humanität, das herrscht. Extremes Negativbeispiel war die Euthanasie-Politik in der Nazi-Zeit. Heute beißt sich das Land am Thema Inklusion die Zähne aus (Ich. Du. Inklusion.) Das ist nicht überall leicht, zum Beispiel sind die Fußgängerzonenvorschriften in München nach wie vor diskriminierend für Mobilitätseingeschränkte, die dürfen sie allenfalls befahren, wenn sie sich vorher gegen Bezahlung eine Ausnahmegenehmigung holen. Sic!

Stoff also für große Kinofilme. Sicher auch der Stoff von Marie-Aude Murail. Aus dem Wikipedia-Eintrag ist ersichtlich, dass das Buch ‚Simpel‘, das Dirk Ahner zu einem förderungswürdigen Drehbuch umgeschrieben hat, 2008 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury ausgezeichnet worden ist.

Im Film sieht das so aus: Simpel (David Kross) ist von Geburt an hirngeschädigt wegen eines Sauerstoffmangels, wobei der Film nicht klar macht, ob er und sein Bruder Ben (Frederick Lau) Zwillinge sind und das Problem daher rührt, dass Simpel nicht schnell genug nach seinem Bruder zur Welt gebracht worden ist. Diese Frage bleibt im Film offen.

Simpel lebt mit seinem Bruder Ben und der Mutter in einem Häuschen am Meer. Sie kümmern sich um Simpel, der ein selbständiges Leben nicht führen kann, dem rationales Denken schlicht abgeht, der immer voll in der Gegenwart lebt.

Der Vater (Devid Striesow) hat sich aus Scham über die Behinderung abgesetzt. Auch das gibt es.

Es ist eine traumhafte Urkinoszene, wie Simpel malerisch gekleidet nur mit Slip, Umhang und Regenbogenfarben-Boots eine Blechwanne an einer Schnur hinter sich her durch den Schlick zieht, in der Wanne seinen Stoffhasen – und die Polizisten schauen besorgt. Weite, Meer, Sand, Menschlichkeit, Verrrücktheit bildhaft einfangend.

Und da man sieht, dass Kross den Behinderten ‚mimt‘, werden auch viele sagen, er mache das prima. Aber er spielt den bloß vor, er verzichtet auf ein Studium des Charakters der Figur, das ist vielleicht das größte Manko an seiner Darstellung, die somit lediglich pantomimisch bleibt. Wie die Mutter stirbt, entscheidet der ferne Vater über den Kopf von Ben hinweg, dass Simpel in einem Heim untergebracht werden soll.

Die Flucht vor der Umsetzung setzt das Roadmovie der beiden Brüder in Gang, das nach Hamburg führt, wo der Vater lebt.

Der Anfang ist TV-actionhaft. Ben kann es doch nicht ertragen, wie Simpel von der Polizei abgeholt wird. Er hält das Auto auf, drängt sich hinein, kickt einen der Polizisten raus und später bei voller Fahrt den anderen.

Dadurch wird ihr Fluchtgrund triftiger, jetzt werden sie polizeilich gesucht. Es folgen typische TV-Actionszenen in einer Tanstelle, wo die Brüder Konsumartikel klauen, die junge Frau Aria (Emilia Schüle), die insofern auffällt, als sie immer perfekt geschminkt ist und vor allem schön aussehen will, unterstützt sie dabei – sie ist sofort kumpelhaft mit ihnen und nimmt sie anschließend in ihrem Auto mit, wirft ihren Freund aber raus. Holterdiepolter.

Je länger der Film und die Abenteuer laufen, destomehr stoßen mir allerdings die oft verhetzte Inszenierung auf, die just auf die Eigenschaft von Simpel, dass er ein Mensch ist, der sich keinem rationalen Zwang beugen kann, der gezielt, gesteuerte und gewollte Vorgänge aufhält, keine Rücksicht nimmt, als ob auf Biegen und Brechen durchinszeniert (und vom Autor vorher schon durchgeschrieben) werden muss, ohne sich die Zeit zu nehmen, sich mit den Charakteren zu befassen. So wirken die emotionalen Ausbrüche von Lau wie aus der Konserve und nicht sich aus der Situation ergebend, wie er überhaupt zusehends nur noch das Nervenbündel spielt.

Eine Eigenschaft, die mir bei Behinderten extrem aufgefallen ist, dass sie gerne Standardsätze haben, die sie immer wiederholen – ohne jede Rücksicht auf die Situation, zum Beispiel „was darf man nicht in der Kirche?“ oder „sind Sie auch schon geflogen, fliegen Sie gerne?“, dass der Geist, der ja vorhanden ist, ständig um bestimmte sich wiederholende Themen kreist.

Das ist hier in die Simpel-Figur nicht eingebaut. Auch nicht, wie er möglicherweise über seinen Hasen mit der Umwelt kommuniziert, speziell mit Leuten, die er neu kennenlernt. Über solche Dinge, die meines Erachtens erst Glaubwürdigkeit von Spiel und Inszenierung herstellen und die dem Film dadurch Gewicht verleihen und ihn wichtig machen, ist schlicht hinweggegangen worden.

Insofern kann ich als Zwangsgebührenzahler, der das Projekt zwangsmitfinanziert, nicht damit einverstanden sein. Der Film mag zwar Themeninteressierte ins Kino locken, aber da er sein großes humanistische Kapital vergeigt, weil er es nicht gründlich genug studiert, dürfte er über die nationalen Grenzen hinaus kaum Beachtung finden, einige Festivals vielleicht, aber sein Potential fürs Weltkino, das verschenkt er, weil sich die Macher es sich zu einfach gemacht haben.

Der Autor hat das französische Buch, das auf wahren Begebenheiten beruhen dürfte, in Küchentischmanier in ein Drehbuch umgeschrieben, ohne sich das Prinzipielle an so einer Figur- und Figurenkonstellation und der Eigenheiten des Kinos bewusst zu machen. Dadurch wirkt das Spiel von Kross, da ihm ja auch das Szenenfundament fehlt, oft kasperlhaft.

Auch die Begegnung mit dem Vater, wie der gerade zuhause eine Party feiert, ist schlecht durchdacht, kommt mir künstlich zurechtgebogen vor, rein theoretisch sozusagen, aber empirisch schwer nachvollziehbar, für Striesow auch kaum zu spielen, wie er vorher in seinem Autohaus die erste Begegnung mit seinem Sohn Ben viel zu brav ab Blatt gespielt hat und sich mit den schwachen Texten dadurch schlecht verkauft.

Um den Tod der Mutter herum gibt es einige typische deutsche Themenfilmszenen mit der Bürokratie. Höchst ungenau und dadurch nicht so richtig glaubwürdig ist auch die Flucht in den LKW inszeniert, verhetzt.

Das sind handwerkliche Probleme, die auf ungenügende Vorbereitung schließen lassen und die den Wirkkreis des Filmes begrenzen. Der Zwangsgebührenzahler ist ob solcher Arbeitsweise not amused, weil sein Geld für ein gutes Thema schlecht investiert ist.

Die Dialoge sind zu schwach gearbeitet:
Warst Du schon mal im Hafen?
Und wenn Ihr Hilfe braucht, hier arbeiten wir.
Ich habe anderes zu tun. Ihr müsst Euch um den Jungen kümmern.
Mach mal die Motorhaube auf.
Dein Bruder hat hier fast die ganze Bude abgefackelt.
Ich zähle bis drei, dann rufe ich die Polizei.
Er braucht jemanden, der bei ihm ist, jemanden, der sich um ihn kümmert.

Antwort vom Angesprochenen mit abrufbereitem Ausbruch: Ich kümmere mich das ganze Leben um ihn. Egal, was passiert, du bleibst hier sitzen.
Hallo Ben, ich bin Klara.
Mein Sohn ist für mich wie ein Fremder. Geh raus, Barbarossa!

Die Inszenierung lässt sich keine Zeit. So bleiben Poesie und Melancholie, die dem Stoff innewohnen, auf der Strecke. So bleibt der Film vor allem eines: Absichtserklärung. Und der freundlich gesinnte, tolerante Zeitgenosse nimmt sie für bare Kinomünze und lobt sie.

Striesow spielt doof geschriebene Szenen bürokratisch exakt.
Simpel ist eine verdammt schwere Rolle und noch schwerer bei diesem Drehbuch und dieser nicht psychologisierenden Regie, die die Schauspieler auflaufen lässt.

Der Regisseur Markus Goller hat mit dem Überraschungserfolg Friendship begonnen. Weitere Filme:

Alles ist Liebe


Frau Ella
Eine ganz heiße Nummer
Jetzt ist er in der Regie-Routine gelandet.

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