Agatha Christie ist sicher eine der bekanntesten und beliebtesten Kriminalschriftstellerinnen überhaupt.

Kenneth Branagh ist einer der bekanntesten Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren, spezialisiert auf Shakespeare-Verfilmungen.

Judi Dench ist ein Weltstar, eine der besten alten Darstellerinnen, der wir immer wieder im Kino begegnen dürfen. Michelle Pfeiffer ist eine der großartigsten Schauspielerinnen unserer Zeit im Kino. Penelope Cruz ist ein Weltstar. Johnny Depp ist ein Weltstar. Willem Dafoe ist ein Weltstar. Und der Rest des Castes ist auch nicht von schlechten Eltern.

Bei so illustrer Besetzung und so berühmtem Stoff müsste einen ein überbordendes Filmfest erwarten.

Warum mich der Film aber nicht gepackt hat, warum er den Eindruck erweckt, diese feine Gesellschaft würde sich darauf einigen, den Mord im Orientexpress regelrecht zu erdolchen, so wie die Zugsgesellschaft es unterwegs macht, das versuche ich mir klar zu machen.

Es scheint mit einem krassen Inszenierungsmissverständnis von Branagh zu beginnen. Er spielt außerdem noch die berühmte Rolle des Hercule Poirot – wobei sein Running Gag, die Aussprache Herkules auf Hercül zu koorrigieren in der merkwürdig deutschen Nachsynchronisation schon beim ersten Mal eher ein Gähnen denn ein Grinsen entlockt.

Branagh scheint dem Irrtum zu unterliegen, er filme Bühnengeschehen ab und dort werde Shakespeare gegeben und in der großen Aufklärungsszene ein Stück aus der Bibel – Motiv „Das letzte Abendmahl“ nach Leonardo da Vinci: alle Verdächtigen sitzen an einer langen Tafel an einem Tunnelausgang, so ist der Bogen über dem Gemälde gesichert und Fackeln erhellen die Situation.

Aber Agatha Christie ist griffiger Krimi, der von der Intransingenz der Figuren und nicht von der Bibel lebt. Auch bei der Abendmahl-Szene fällt auf, wie merkwürdig künstlich die Computeranimationen der Landschaft im Hintergrund wirken, auch vorher schon in Jerusalem oder Istanbul; eher befremdlich oder nachher in Brod der rote Himmel.

Einen weiteren Messerstich zum Killen des Stückes führt die Kamera aus, einen heftigen. Die fliegt und tanzt so wild um die Szenen herum, dass man glauben könnte, sie wäre von der Tarantel gestochen; sie ist überehrgeizig oder sie übt leicht distanzierende Kumpanei zur statisch-staatstheaterlichen Inszenierung, will diese durch ihre Kapriolen verlebendigen; das geht grauenhaft daneben.

Wen interessiert eine Kameraambition, die ohne Schnitt durch einen ganzen Zug hinter Poirot mit geschmacklos geklebten Bart herläuft oder die die ganze Zuglänge von außen abschreitet ohne Schnitt oder die das Zugdach auffräst, um das Innenleben eines Abteils von oben zu zeigen, weil offenbar kein Platz mehr für sie im Inneren wäre – wobei just das ein Problem ist, das heute leichter denn je zubewältigen wäre mit einer GoPro beispielsweise; da braucht es nicht neben 3 Akteuren im Abteil noch ein Dutzend weiterer Teammitglieder, die sich überall verschlaufen und verknoten; oder die Kamera kippt vom Dach außen rüber auf die Seite.

Vielleicht führt auch das Drehbuch von Michael Green einen tödlichen Streich allein schon mit der ausgewalzten Exposition an der Klagemauer. Hier kann Poirot eine Actionszene vorausberechnen. Er steckt seinen Stock in eine Ritze der Klagemauer und Minuten später bleibt ein Bösewicht nach einer Verfolgungsjagd dran hängen. Ein groteskes Rollenmissverständnis, wohl auch von Branagh. Denn Poirot fasziniert dadurch, dass er aufgrund kleinstes Spuren Handlungsmuster von Menschen kombinieren kann.

Ein weiterer tödlicher Streich sind die oft vielen toten Flächen auf der Leinwand im Falle statischer Kamera bei Dialogen oder selbst wenn sie nicht nachvollziehbar ran- oder wegzoomt, vorangeht oder entgegenkommt.

Mir fällt der FC Bayern ein, ein Fußballclub der Top-Klasse edelster Spieler. Beim einen Trainer gibt es Pleiten und Unentschieden und kaum kommt Jupp Heynckes wieder, ist die Mannschaft wie ausgewechselt, obwohl es die gleichen Spieler, die gleichen Spielregeln, die gleiche Fußballplatzgröße ist. Hier beim Mord im Orientexpress fehlt ein Yupp Heynckes.

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