Dem Presseheft von Rahul Jain, dem Autor und Regisseur dieser Dokumentation über eine Textilfabrik in Indien, ist zu entnehmen, dass er aus einer Textilmagnaten-Familie entstammt, mindestens erwähnt er seinen Großvater und er erwähnt auch „meine Klasse, meinen Status und meine Identität innerhalb der 1,3 Milliarden Inder“, ist wohl zu interpretieren, dass er aus der Klasse der Besitzenden und Reichen kommt und dass er wohl, das wäre jetzt super gewesen, wenn er das auch im Film gesagt hätte, wegen der Ausbeutung der Arbeiter in den Fabriken sein Filmstudium in Kalifornien finanzieren konnte.

Vermutungen wie gesagt, basierend auf Andeutungen im Presseheft. Seine Herkunft dürfte einen entscheidenden Vorteil für den Film haben: dass er Zugang zu einer Textilfabrik im indischen Gliedstaat Gujarat bekommen hat, wie ihn wohl kaum ein Filmer erhält, unsereins Normalsterblicher und Europäer schon gar nicht.

Verblüffend an dieser Dokumentation, die wohl mehr aus schlechtem Gewissen und sicher auch aus Mitgefühl, mithin also aus Betroffenheit gemacht worden sein dürfte, aus welchem Dreck in so einer Fabrik was für wunderbar bedruckte Stoffe hervorgehen für Saris, für Gewänder von Araberinnen, was das kleine Verhandlungsgespräch vermuten lässt, das auch eingeblendet wird.

Sonst bewegt sich Jain mit seiner Kamera und seinem kleinen Team relativ wahllos durch die dunklen, dampfenden, oft stickig scheinenden Fabrikhallen, hält da auf ein Detail und dort.

An einer Stelle ruft der Chef seine auf Stoffballen schlafenden Jungs zusammen, sie sollen aufstehen, denn das angekündigte Filmteam komme (sie kommen). Womit der dokumentarischen Selbstreflektion pro forma Genüge getan wurde.

Die Arbeiter kommen von weit her, 1500 Kilometer Reise aus armen Staaten, es sind Bauern, die nach Missernten nichts mehr zum Leben haben und hier 12 Stunden täglich schuften, manche sogar zwei Schichten. Sie trauen sich nicht, Gewerkschaften zu gründen, weil sie dann rausgschmissen werden, gar körperlich misshandelt oder sogar ermordet.

Jain geht nicht analytisch oder nach Organigramm vor. Ihn interessiert nicht der genaue Ablauf von frisch gewobenem und vielleicht bereits behandeltem, weißem Stoff, der in endlos langen Bahnen angeliefert wird, über welche Stationen er die farbigen Muster erhält.

Jain bleibt bei einer Farbdruckmaschine mit verschiedenen Stufen stehen, schaut wie die Arbeiter ganz präzise nach jedem Weiterrücken des Stoffes die Schablonen drauf halten, schaut einem Farbmixer zu, Ballenträgern, Heizern, beobachtet Arbeiter, die sich ausruhen oder eine kleine Zwischenmahlzeit einnehmen oder einem Jungen, der in der Schichtarbeit ständig am Gähnen und Einnicken ist, man möchte ihm eine Liege anbieten.

Zur Erhellung einiger Zusammenhänge gibt es wenige, ausgewählte und klar formulierte Statements von Arbeitern über ihre Lebens- und Berufssituation.

Jain vermittelt das Erlebnis eines Fabrikbesuches, wie er normalerweise nicht möglich ist. Aber wir gehen ja auch nicht bei BMW Schichtarbeiter schauen und wie fertig die nach einer Schicht im Bus womöglich noch stundenlang in den bayerischen Wald fahren. Das interessiert uns ja auch nicht.

Der Film kann aber schnell ungeahnte Aktualität gewinnen, wenn direkt nach dem Kinobesuch sich einem in der U-Bahn eine Frau mit Kopftuch und einem bodenlangen Rock mit genau so einem Textilmuster drauf gegenübersetzt, das man eben noch im Kino in Indien wähnte.

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