Archiv für 9. November 2017

So gar nichts 9.-Novemberfeierliches. Was der Film mit den Bildern oder die Bilder mit dem Film machen. Edirne oder Neukölln? Dann doch Neukölln. Befreiung durch Tantra und FKK in Argentinien. Mit AIDS in San Francisco ist es auch heute nicht leicht. Ein Bump in Großbritannien, der den Kalten Krieg erzeugt. Filmschule im Flüchtlingslager. Verschrumpfung des American Dreams in den USA. Kinderfreundliche Weihnachtsrettung aus Wien. Mord im Orientexpress. In Deutschland den Life- und Karrierestyle unter die Lupe genommen. In Japan ist Pokémon der kinderfreundliche Ideenerzeuger. Dreckige Herstellung sauberer Textilien in Indien. Komplikationen mit Behindertem in Deutschland. Die vorweihnächtliche Überraschung für den Schluss aufgespart: mit Komödienpointen prall gespickt kommt sie aus Hollywood, eine Weihnachtsgeschichte und temperamentvolles Family-Entertainment. Im TV gab es dünne Lebenslinien zum Aufpolieren des Images eines Superweibes und ein eindrückliches Biopic über einen großen Klassikmusiker.

Kino
WERNER NEKES – DIE WELT ZWISCHEN DEN BILDERN
Die Avantgarde ist nicht tot – sie ist erst am Anfang!

DIE GEISTER, DIE MICH RIEFEN
Porträt eines Freundes zwischen Neukölln und Edirne.

DIE LIEBHABERIN – LOS DECENTES
Ein verwunschener Park mit nackten Menschen in der Nachbarschaft des herrschaftlichen Anwesens weckt tiefe Sehnsüchte in der Zugehfrau.

PUSHING DEAD
Den Tod mit Pillen vor sich herschieben und über die Infektion reden. Der Name des Protagonisten ist Schauble.

AUF EDITHS SPUREN
Tante Edith war Fotografin, ehrenamtliche Spionin und aus Ansicht der Armut überzeugte Kommunistin.

LIFE ON THE BORDER – KINDER AUS SYRIEN UND DEM IRAK ERZÄHLEN IHRE GESCHICHTE
8 Kurze von heimatvertriebenen Nachwuchstalenten.

SUBURBICON
George Clooney stutzt den American Dream auf den Traum von Aruba zusammen, und selbst so scheint er nur auf kriminellem Wege erreichbar.

HEXE LILLI RETTET WEIHNACHTEN
Der Knecht Ruprecht ist zu schwerfällig deutsch in dieser Wiener Kindergeschichte.

POKEMON – DER FILM: DU BIST DRAN!
Pokémon Pikachu als untentbehrlicher Helfer und Retter auf Ashs Heldenreise.

MORD IM ORIENTEXPRESS
Kenneth Branagh verwechselt Agathe Christie mit Shakespeare und Leonardo da Vinci (das letzte Abendmahl).

JETZT. NICHT.
In dieser cleanen, sterilen Geschäftswelt ist Altern nicht vorgesehen. Was, wenn es trotzdem passiert?

MACHINES
Der Filmemacher stammt aus einer Textilfabrikantenfamilie und hat so freien Zugang zu indischen Produktionsstätten, die nicht unseren Vorstellungen entsprechen.

SIMPEL
Hier ist die Absicht löblicher als das hochsubventionierte, deutsche Kinoprodukt.

BAD MOMS 2
Dem Mutterproblem erst gnadenlos und krass komödiantisch auf den Zahn gefühlt, um festzustellen, dass jede Mutter eine Tochter ist.

TV
LEBENSLINIEN: HERA LIND – DAS SUPERWEIB WAR ICH NIE.
Hier will das öffentlich-rechtliche Zwangsfernsehen Klatschspaltenrelevanz beweisen.

DANIEL BARENBOIM ODER DIE KRAFT DER MUSIK
Ein verbindlicher Mensch und Musiker.

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Agatha Christie ist sicher eine der bekanntesten und beliebtesten Kriminalschriftstellerinnen überhaupt.

Kenneth Branagh ist einer der bekanntesten Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren, spezialisiert auf Shakespeare-Verfilmungen.

Judi Dench ist ein Weltstar, eine der besten alten Darstellerinnen, der wir immer wieder im Kino begegnen dürfen. Michelle Pfeiffer ist eine der großartigsten Schauspielerinnen unserer Zeit im Kino. Penelope Cruz ist ein Weltstar. Johnny Depp ist ein Weltstar. Willem Dafoe ist ein Weltstar. Und der Rest des Castes ist auch nicht von schlechten Eltern.

Bei so illustrer Besetzung und so berühmtem Stoff müsste einen ein überbordendes Filmfest erwarten.

Warum mich der Film aber nicht gepackt hat, warum er den Eindruck erweckt, diese feine Gesellschaft würde sich darauf einigen, den Mord im Orientexpress regelrecht zu erdolchen, so wie die Zugsgesellschaft es unterwegs macht, das versuche ich mir klar zu machen.

Es scheint mit einem krassen Inszenierungsmissverständnis von Branagh zu beginnen. Er spielt außerdem noch die berühmte Rolle des Hercule Poirot – wobei sein Running Gag, die Aussprache Herkules auf Hercül zu koorrigieren in der merkwürdig deutschen Nachsynchronisation schon beim ersten Mal eher ein Gähnen denn ein Grinsen entlockt.

Branagh scheint dem Irrtum zu unterliegen, er filme Bühnengeschehen ab und dort werde Shakespeare gegeben und in der großen Aufklärungsszene ein Stück aus der Bibel – Motiv „Das letzte Abendmahl“ nach Leonardo da Vinci: alle Verdächtigen sitzen an einer langen Tafel an einem Tunnelausgang, so ist der Bogen über dem Gemälde gesichert und Fackeln erhellen die Situation.

Aber Agatha Christie ist griffiger Krimi, der von der Intransingenz der Figuren und nicht von der Bibel lebt. Auch bei der Abendmahl-Szene fällt auf, wie merkwürdig künstlich die Computeranimationen der Landschaft im Hintergrund wirken, auch vorher schon in Jerusalem oder Istanbul; eher befremdlich oder nachher in Brod der rote Himmel.

Einen weiteren Messerstich zum Killen des Stückes führt die Kamera aus, einen heftigen. Die fliegt und tanzt so wild um die Szenen herum, dass man glauben könnte, sie wäre von der Tarantel gestochen; sie ist überehrgeizig oder sie übt leicht distanzierende Kumpanei zur statisch-staatstheaterlichen Inszenierung, will diese durch ihre Kapriolen verlebendigen; das geht grauenhaft daneben.

Wen interessiert eine Kameraambition, die ohne Schnitt durch einen ganzen Zug hinter Poirot mit geschmacklos geklebten Bart herläuft oder die die ganze Zuglänge von außen abschreitet ohne Schnitt oder die das Zugdach auffräst, um das Innenleben eines Abteils von oben zu zeigen, weil offenbar kein Platz mehr für sie im Inneren wäre – wobei just das ein Problem ist, das heute leichter denn je zubewältigen wäre mit einer GoPro beispielsweise; da braucht es nicht neben 3 Akteuren im Abteil noch ein Dutzend weiterer Teammitglieder, die sich überall verschlaufen und verknoten; oder die Kamera kippt vom Dach außen rüber auf die Seite.

Vielleicht führt auch das Drehbuch von Michael Green einen tödlichen Streich allein schon mit der ausgewalzten Exposition an der Klagemauer. Hier kann Poirot eine Actionszene vorausberechnen. Er steckt seinen Stock in eine Ritze der Klagemauer und Minuten später bleibt ein Bösewicht nach einer Verfolgungsjagd dran hängen. Ein groteskes Rollenmissverständnis, wohl auch von Branagh. Denn Poirot fasziniert dadurch, dass er aufgrund kleinstes Spuren Handlungsmuster von Menschen kombinieren kann.

Ein weiterer tödlicher Streich sind die oft vielen toten Flächen auf der Leinwand im Falle statischer Kamera bei Dialogen oder selbst wenn sie nicht nachvollziehbar ran- oder wegzoomt, vorangeht oder entgegenkommt.

Mir fällt der FC Bayern ein, ein Fußballclub der Top-Klasse edelster Spieler. Beim einen Trainer gibt es Pleiten und Unentschieden und kaum kommt Jupp Heynckes wieder, ist die Mannschaft wie ausgewechselt, obwohl es die gleichen Spieler, die gleichen Spielregeln, die gleiche Fußballplatzgröße ist. Hier beim Mord im Orientexpress fehlt ein Yupp Heynckes.

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Christm-As

Jede Mutter ist auch eine Tochter. Das zeigt den Widerspruch der Beziehung. Das zeigt aber auch den Weg zu einer möglichen Versöhnung im christlichen Sinne, die dieses erstklassige amerikanische Family-Entertainment zu einer traditionell schönen Weihnchtsgeschichte macht.

Anfangs schildern Jon Lucas und Scott Moore, die Macher dieses Filmes, die Katastrophe. Die ist nüchtern kalkuliert, analysiert, beobachtet, systematisiert und hochgekämmt, wie Mütter nicht loslassen können, wie sie das Glück für ihre Töchter organisieren wollen, ja wie sie sogar beim GV diskret zuschauen wollen.

Wenn die Mütter der Familienmütter mitten im Vorweihnachtschaos auftauchen, dann wird aus Christmas Christm-As, dann ist Weihnachten im A. Weihnachen ist für Mütter sowieso eine Katastrophe. Sie müssen alles vorbereiten, alles muss perfekt sein. Wochenlang stressen sie sich mit dem Backen von Plätzchen, Einkaufen von Geschenken, der Weihnachtsdekoration, um den schönsten Weihnachtsabend zu organisieren. Alles außengesteuert.

Die drei Mütter, die der Fim begleitet, sind, die Namen sind passend ausgesucht, Amy (Mila Kunis), die weich-mollig-schönaugig-sinnliche, Kiki (Kristen Bell), das blondierte Püppchen und Carla (Kathry Hahn), die harte. Jede entwickelt in ihrer Begrenzung ihren eigenen Charme. Zum Vorweihnachtsstress kommt hinzu, dass sich deren Mütter zu Weihnachten anmelden, einladen oder einfach vor der Tür stehen.

Die perfektest perfektionistische der Mütter ist Ruth (Christine Baranski) und ihr Muttermechanismus lässt der Tochter keine Freiheit, sie übernimmt Dekoration, Organisation, das Weihnachtssingen und lädt außerdem 187 fremde Gäste an Heiliggabend zu einer Weihnachtsparty ein – sie klotzt ihre Tochter hollywoodmäßig das Haus zu. Aber sie leidet unter einer noch viel härteren Mutter. Das wird gekonnt als Komödie mit bitterem Witz serviert. Auch das Verhältnis dieser Muttter Ruth zum Latinofreund von Amy Jesse (Jay Hernandez) lässt an Herablassung und Abschätzigkeit nichts zu wünschen übrig.

Bei Carla taucht Mutter Sandy (Susan Sarandon) auf, eine Spielerin und Rockerbraut, die die Tochter immer um Geld anhaut. Und Mutter Isis (Cheryl Hines) von Püppchenblondine Kiki kauft sich gleich das Nachbarhaus neben dem der Tochter. Mehr Nähe geht kaum.

Die Töchter wollen sich diese instinktlosen Auftritte, Einmischungen und Annäherung ihrer Mütter nicht bieten lassen. Sie blasen zum Angriff. Das bringt die geregelte Weihnachtsvorbereitung turbulent durcheinander. Aber immer wieder wird der Fortgang der Entwicklung auch besprochen. Die Figuren handeln nicht geistlos, sie haben Gründe für ihr Tun, das immer wieder zu grotesk widersprüchlichen Situationen führt und scharfe Pointen abwirft.

Der Beruf von Carla im okole-Spa bringt das prickelnde Element nicht nur der Intimrasur (Waxing Vaginas), ins Spiel, wie sowieso auch zur Familie die latente Anzüglichkeit gehört, hier dicht gebündelt im Slip des Strippers Mike (David Walton), die – gar nicht besonders diskret – drauf hinweist, worin Familie letztlich gründet.

Mike ist in einer unterhaltsemen Männerstripgruppe, die als Nikolausmänner auf Stelzen im Meehans in Chicago auftreten. Hier bahnt sich eine Liebesbeziehung zu Amy an. Während bei Kiki das Thema der psychologischen Beratung gestreift wird, auch das in einer gekonnt unterhaltsamen Szene mit viel Wahrheit über Mütter-Töchter-Beziehungen, den Pefektionismus, das Loslassenkönnen.

Strukturiert wird der Film locker in Kapiteln, die sich ab 6 Tage vor Weihnachten dem Fest nähern.

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Über die Astronomie zum Kino.

Ein Muss für jeden jungen Filmemacher, Filminteressierten, für den Fan des Deutschen Kinos und seiner Geschichte sowie der Mediengeschichte, wie Bazon Brook hinzufügen würde, dieser Einblick in Leben, Werk und Sammlung des Experimentalfilmers Werner Nekes, der in den 60er Jahren angefangen hat Filme zu machen. Der schnell ein Professor war. Der sich radikal und fundamental damit auseinandergesetzt hat, was Kino ist, wie das mit den Bildern vor sich geht.

In seinem Atelier/Museum, einer früheren Lagerhalle, finden sich Maschinen aller Art und aus jeder Zeit, mit denen schon der Eindruck von Bewegtbild erzeugt werden konnte. Damit fasziniert er den Nachwuchs. Er lebte (er ist dieses Jahr gestorben) in Mühlheim an der Ruhr, hat früh mit Helge Schneider gearbeitet.

Dieses anregende Biopic von Ulrike Pfeiffer ist durchzogen von einem Interview, das Alexander Kluge mit Werner Nekes geführt hat, und stellt Ausschnitte aus seinen Filmen vor, von denen es Hunderte gibt, viele Kurze darunter.

Er fragte sich früh, wie die Welt mit anderen Augen zu sehen sei. Er trieb seine optischen Spielereien mit einfachen Bewegungsbildern, die er nach unergründlichen Prinzipien erst auseinanderschnitt und dann nach einem Zufallsprinzip wieder aneinander montierte, so eine filmische Realität herstellend oder die Landschaft nach dem Prinzip des asiatischen Rollbildes (im Film Makimono von 1974) als Gemälde erscheinen zu lassen.

Nekes hinterlässt eine riesige Sammlung von Büchern, die sich mit Bildern befassen und mit optischen Täuschungen, die eine Landschaft anthropomorph erscheinen lässt, oder jene Rarität aus dem 16. Jahrhundert, einem Lehrbuch für Augenchirurgie mit den übereinanderliegen Schichten des Augenaufbaues, die weggeklappt werden können. Ihn interessieren Zerrspiegel. Sein Sammlung umfasst jegliche Art von Apparaten und Apparaturen, die als Vorgänger zur Kamera gelten.

Nekes sieht sich als Avantgarde. Heute noch. Sie wird nicht aussterben. Sie ist erst am Anfang.

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George Clooneys fröhliches Bashing des American Dream in der Verschrumpelung zum Traum von Aruba, dem holländischen Protektorat, wie immer wieder betont wird. Das Subjekt, an dem sich das zeigt, ist Matt Damon als Gardener, messerscharf seziert als die Mittelstandsversion des Ugly American, der verkrampft und verknurzt versucht, sich seinen Traum zurechtzubiegen und wenn er dabei einen Standardkriminalfall von Versicherungsbetrug durchspielen muss.

Damon spielte diese Hartnäckigkeit, die nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann, grandios, diese Verfallenheit der Idee von Aruba, wo er mit der Frau, die er liebt, die Schwester seiner Gattin, auf exotische Genüsse hofft, die aber im sterilen Suburbicon, in dem er lebt, abstrakt bleiben.

Hier ist einzig das in die vertäfelte Holzwand eingelassene Aquarium exotisch, in welchem die Frischluftzufuhr über einen Seemannskoffer am Boden kommt, bei dem sich im Moment der Luftfreisetzung der Deckel hebt.

Nicht weniger symptomatisch für die Ausstattung im 50er-Jahre-Stil ist der in ein Möbelstück eingelassene Fernseher. Denn Suburbicon ist der letzte Schrei im aufkommenden Nachkriegswirtschaftswunder in den USA. Es ist eine Muster- und Traumsiedlung, deren Bau 1947 begonnen wurde, und die schon nach wenigen Jahren 60’000 Einwohner hatte.

Alles in Suburbicon ist piekfein-weiß-rein-säuberlich, die Häuschen und moralisch sauber sowieso. Gerade mal die Differenz zwischen Nazarenern und Episkopalen spielt eine Rolle.

Gegen diese Sterilität setzt George Clooney, der mit den Brüdern Joel und Ethan Coen auch das Drehbuch geschrieben hat, eine massiv oversounded Opernmusik, die der kleinsten Alltäglichkeit Wichtigkeit verleiht.

Der Film kommt schnell zur Sache, nachdem er Ort und Zeit lokalisiert hat. Er fängt mit einem Chloroform-Überfall auf die Gardeners an, das sind der Papa, seine Schwägerin Margaret (Julianne Moore) seine Frau Rose (ebenfalls Julianne Moore) und sein Bub Nicky.

Ein paar Dinge laufen hier seltsam ab und die Ehefrau stirbt dabei. Später werden sie noch seltsamer werden. Es geht um eine erkleckliche Versicherungssumme, mit der Gardner mit Margaret den Traum von Aruba wahrmachen will.

Wie in der griechischen Tragödie hat sich Clooney, dessen Film doch weitgehend wie ein exklusives Liebhaberstück wirkt von einem, der sich die feinsten Zutaten für sein Movie leisten kann, aber letztlich einem Hobby frönt, noch eine Art Chor ausgedacht.

Dies ist der Chor des Rassismus. Er wird gebildet von den Bewohnern Suburbicons. Er ist die begleitende Soundkulisse, die die Weißen von Suburbicon am Nachbarhaus von Gardners veranstalten, denn die Neuzuzügler, Familie Meyer mit der Mutter (Karimah Westbrook), dem Vater (Leith Brooke) und dem Buben Andy, sind Schwarze.

Die Ablehnung der Leute von Suburbicon ist eineindeutig, undifferenziert, lauthals und direkt ins Angesicht. Sie spielen die Trompeten von Jericho vor dem Haus, veranstalten einen Dauerlärm. Auch dieses Geschehen wird eskalieren.

Einzig die Buben Nick und Andy, die verstehen sich, haben eine dünne Verbindung mit einem Konservendosentelefon.

Und wie in der großen Oper, ist das Stück erst zu Ende, wenn das Gros der Protagonisten tot sind, die Dramaaffinität eines Clooneys hervorhebend.

Die Bildsprache ist souverän, erinnert an einfache Kinderbilderbücher, der Erzählfluss flutscht und Clooney stochert lustvoll im Käseglockenmief der 50er. Das hat den Vorteil, dass der Zuschauer sich nicht allzu betroffen vorkommen muss. Und so ein Rassist, wie die hier sind, ist man ja sowieso nicht. Kabarettreif ist die Nummer mit dem Versicherungsdetektiv und Margaret, der schon ganz viele rote Flaggen bei diesem Fall sieht.

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Ein elementares und profundesThema einer jeden Gesellschaft: der Umgang mit Behinderten.

Dieser ist Gradmesser für das Maß an Humanität, das herrscht. Extremes Negativbeispiel war die Euthanasie-Politik in der Nazi-Zeit. Heute beißt sich das Land am Thema Inklusion die Zähne aus (Ich. Du. Inklusion.) Das ist nicht überall leicht, zum Beispiel sind die Fußgängerzonenvorschriften in München nach wie vor diskriminierend für Mobilitätseingeschränkte, die dürfen sie allenfalls befahren, wenn sie sich vorher gegen Bezahlung eine Ausnahmegenehmigung holen. Sic!

Stoff also für große Kinofilme. Sicher auch der Stoff von Marie-Aude Murail. Aus dem Wikipedia-Eintrag ist ersichtlich, dass das Buch ‚Simpel‘, das Dirk Ahner zu einem förderungswürdigen Drehbuch umgeschrieben hat, 2008 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury ausgezeichnet worden ist.

Im Film sieht das so aus: Simpel (David Kross) ist von Geburt an hirngeschädigt wegen eines Sauerstoffmangels, wobei der Film nicht klar macht, ob er und sein Bruder Ben (Frederick Lau) Zwillinge sind und das Problem daher rührt, dass Simpel nicht schnell genug nach seinem Bruder zur Welt gebracht worden ist. Diese Frage bleibt im Film offen.

Simpel lebt mit seinem Bruder Ben und der Mutter in einem Häuschen am Meer. Sie kümmern sich um Simpel, der ein selbständiges Leben nicht führen kann, dem rationales Denken schlicht abgeht, der immer voll in der Gegenwart lebt.

Der Vater (Devid Striesow) hat sich aus Scham über die Behinderung abgesetzt. Auch das gibt es.

Es ist eine traumhafte Urkinoszene, wie Simpel malerisch gekleidet nur mit Slip, Umhang und Regenbogenfarben-Boots eine Blechwanne an einer Schnur hinter sich her durch den Schlick zieht, in der Wanne seinen Stoffhasen – und die Polizisten schauen besorgt. Weite, Meer, Sand, Menschlichkeit, Verrrücktheit bildhaft einfangend.

Und da man sieht, dass Kross den Behinderten ‚mimt‘, werden auch viele sagen, er mache das prima. Aber er spielt den bloß vor, er verzichtet auf ein Studium des Charakters der Figur, das ist vielleicht das größte Manko an seiner Darstellung, die somit lediglich pantomimisch bleibt. Wie die Mutter stirbt, entscheidet der ferne Vater über den Kopf von Ben hinweg, dass Simpel in einem Heim untergebracht werden soll.

Die Flucht vor der Umsetzung setzt das Roadmovie der beiden Brüder in Gang, das nach Hamburg führt, wo der Vater lebt.

Der Anfang ist TV-actionhaft. Ben kann es doch nicht ertragen, wie Simpel von der Polizei abgeholt wird. Er hält das Auto auf, drängt sich hinein, kickt einen der Polizisten raus und später bei voller Fahrt den anderen.

Dadurch wird ihr Fluchtgrund triftiger, jetzt werden sie polizeilich gesucht. Es folgen typische TV-Actionszenen in einer Tanstelle, wo die Brüder Konsumartikel klauen, die junge Frau Aria (Emilia Schüle), die insofern auffällt, als sie immer perfekt geschminkt ist und vor allem schön aussehen will, unterstützt sie dabei – sie ist sofort kumpelhaft mit ihnen und nimmt sie anschließend in ihrem Auto mit, wirft ihren Freund aber raus. Holterdiepolter.

Je länger der Film und die Abenteuer laufen, destomehr stoßen mir allerdings die oft verhetzte Inszenierung auf, die just auf die Eigenschaft von Simpel, dass er ein Mensch ist, der sich keinem rationalen Zwang beugen kann, der gezielt, gesteuerte und gewollte Vorgänge aufhält, keine Rücksicht nimmt, als ob auf Biegen und Brechen durchinszeniert (und vom Autor vorher schon durchgeschrieben) werden muss, ohne sich die Zeit zu nehmen, sich mit den Charakteren zu befassen. So wirken die emotionalen Ausbrüche von Lau wie aus der Konserve und nicht sich aus der Situation ergebend, wie er überhaupt zusehends nur noch das Nervenbündel spielt.

Eine Eigenschaft, die mir bei Behinderten extrem aufgefallen ist, dass sie gerne Standardsätze haben, die sie immer wiederholen – ohne jede Rücksicht auf die Situation, zum Beispiel „was darf man nicht in der Kirche?“ oder „sind Sie auch schon geflogen, fliegen Sie gerne?“, dass der Geist, der ja vorhanden ist, ständig um bestimmte sich wiederholende Themen kreist.

Das ist hier in die Simpel-Figur nicht eingebaut. Auch nicht, wie er möglicherweise über seinen Hasen mit der Umwelt kommuniziert, speziell mit Leuten, die er neu kennenlernt. Über solche Dinge, die meines Erachtens erst Glaubwürdigkeit von Spiel und Inszenierung herstellen und die dem Film dadurch Gewicht verleihen und ihn wichtig machen, ist schlicht hinweggegangen worden.

Insofern kann ich als Zwangsgebührenzahler, der das Projekt zwangsmitfinanziert, nicht damit einverstanden sein. Der Film mag zwar Themeninteressierte ins Kino locken, aber da er sein großes humanistische Kapital vergeigt, weil er es nicht gründlich genug studiert, dürfte er über die nationalen Grenzen hinaus kaum Beachtung finden, einige Festivals vielleicht, aber sein Potential fürs Weltkino, das verschenkt er, weil sich die Macher es sich zu einfach gemacht haben.

Der Autor hat das französische Buch, das auf wahren Begebenheiten beruhen dürfte, in Küchentischmanier in ein Drehbuch umgeschrieben, ohne sich das Prinzipielle an so einer Figur- und Figurenkonstellation und der Eigenheiten des Kinos bewusst zu machen. Dadurch wirkt das Spiel von Kross, da ihm ja auch das Szenenfundament fehlt, oft kasperlhaft.

Auch die Begegnung mit dem Vater, wie der gerade zuhause eine Party feiert, ist schlecht durchdacht, kommt mir künstlich zurechtgebogen vor, rein theoretisch sozusagen, aber empirisch schwer nachvollziehbar, für Striesow auch kaum zu spielen, wie er vorher in seinem Autohaus die erste Begegnung mit seinem Sohn Ben viel zu brav ab Blatt gespielt hat und sich mit den schwachen Texten dadurch schlecht verkauft.

Um den Tod der Mutter herum gibt es einige typische deutsche Themenfilmszenen mit der Bürokratie. Höchst ungenau und dadurch nicht so richtig glaubwürdig ist auch die Flucht in den LKW inszeniert, verhetzt.

Das sind handwerkliche Probleme, die auf ungenügende Vorbereitung schließen lassen und die den Wirkkreis des Filmes begrenzen. Der Zwangsgebührenzahler ist ob solcher Arbeitsweise not amused, weil sein Geld für ein gutes Thema schlecht investiert ist.

Die Dialoge sind zu schwach gearbeitet:
Warst Du schon mal im Hafen?
Und wenn Ihr Hilfe braucht, hier arbeiten wir.
Ich habe anderes zu tun. Ihr müsst Euch um den Jungen kümmern.
Mach mal die Motorhaube auf.
Dein Bruder hat hier fast die ganze Bude abgefackelt.
Ich zähle bis drei, dann rufe ich die Polizei.
Er braucht jemanden, der bei ihm ist, jemanden, der sich um ihn kümmert.

Antwort vom Angesprochenen mit abrufbereitem Ausbruch: Ich kümmere mich das ganze Leben um ihn. Egal, was passiert, du bleibst hier sitzen.
Hallo Ben, ich bin Klara.
Mein Sohn ist für mich wie ein Fremder. Geh raus, Barbarossa!

Die Inszenierung lässt sich keine Zeit. So bleiben Poesie und Melancholie, die dem Stoff innewohnen, auf der Strecke. So bleibt der Film vor allem eines: Absichtserklärung. Und der freundlich gesinnte, tolerante Zeitgenosse nimmt sie für bare Kinomünze und lobt sie.

Striesow spielt doof geschriebene Szenen bürokratisch exakt.
Simpel ist eine verdammt schwere Rolle und noch schwerer bei diesem Drehbuch und dieser nicht psychologisierenden Regie, die die Schauspieler auflaufen lässt.

Der Regisseur Markus Goller hat mit dem Überraschungserfolg Friendship begonnen. Weitere Filme:

Alles ist Liebe


Frau Ella
Eine ganz heiße Nummer
Jetzt ist er in der Regie-Routine gelandet.

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Kino in dieser salopp-souveränen amerikanischen Art, die Kino für einen Swimmingpool hält, um sich darin auszutoben, könnerisch und ohne Hektik und ohne falschen Ehrgeiz sich ein Thema vornehmend, das man sauber auf die Leinwand bringt.

Tom E. Brown hat sich das Thema AIDS und das Leben damit vorgenommen. Sein Protagonist Dan Schauble (James Roday) hat schon lange AIDS und muss regelmäßig einen enormen Tablettenmix schlucken. Er lebt in einer WG mit Paula (Robin Weigert), verständnisvoll, kumpelhaft.

Dans Exfreund, mit dem er lange zusammen war, ist gestorben. Ein freundschaftliches Verhältnis besteht zum Betreiber der Kneipe „Club Dot“, Bob (Danny Glover). Bob hat gerade eine Krise mit seiner Frau Dot. Auch Bob scheint AIDS zu haben und muss seinen Tablettenmix zu sich nehmen. Dan veranstaltet in seiner Kneipe einen Poetry Slam, an dem normalerweise außer ihm selbst keiner teilnimmt.

Die Welt in diesem Film ist überschaubar und insofern auch nachvollziehbar. Die Apotheke spielte eine wichtige Rolle, weil Dan hier seine Medikamente abholen soll. Aber er ist grad nicht gut bei Kasse. Und das amerikanische Gesundheitssystem ist jetzt noch schlechter dran unter Trump als zur Drehzeit des Filmes.

Tom E. Brown hat keine Hemmungen vor Szenenwiederholungen, immer wieder müssen die Pillendosen rausgenommen, die Pillen eingenommen werden, immer wieder steht Dan an der Ladentheke der Apotheke. Immer wieder gibt die Kasse eine negative Antwort.

Aber die Amis, der Film spielt in San Francisco, verstehen es, solche Alltagszenen immer lebendig, nie dröge alltäglich zu spielen, immer mit diesem leichten Draufsetzer zu zeigen, dass es ja gespielt ist.

Dan bandelt mit einem blondierten jungen Mann an. Er hätte gerne wieder eine Beziehung. Aber als Infizierter ist das nicht leicht. Allein schon drüber zu reden und selbst in San Francisco, sei auch heute noch schwierig.

Scherzhaft gibt es knallige Werbung für ein Schweizer Knabberprodukt mit Schweizer Käsegeschmack (SWISS UMS). Die wird witzigerweise als fettes Product-Placement eingeführt. Ein grüblerisch-gründlerischer Gag.

Momentweise verliert Dan die Beherrschung, demoliert eine Uhr oder reißt das Telefonkabel heraus. Eine Welt, in der jede Figur ihren ungestörten Auftritt hat und keine sich deswegen stressen muss. Locker unabhängige Behandlung eines Themas.

Es scheint der erste Langfilm dieses Regisseurs zu sein, laut IMDb hat er bisher nur Kurzfilme gemacht. Das ist schon bemerkenswert. Und die Symbolfigur des kleinen Mädchens mit den Weisen- oder den Todessprüchen kommt auch vor. Aber so wie Tom E. Brown sich Zeit zur Schilderung von Dans Lebens- und Überlebenswelt lässt, scheint er den Tod nicht zu fürchten.

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Dem Presseheft von Rahul Jain, dem Autor und Regisseur dieser Dokumentation über eine Textilfabrik in Indien, ist zu entnehmen, dass er aus einer Textilmagnaten-Familie entstammt, mindestens erwähnt er seinen Großvater und er erwähnt auch „meine Klasse, meinen Status und meine Identität innerhalb der 1,3 Milliarden Inder“, ist wohl zu interpretieren, dass er aus der Klasse der Besitzenden und Reichen kommt und dass er wohl, das wäre jetzt super gewesen, wenn er das auch im Film gesagt hätte, wegen der Ausbeutung der Arbeiter in den Fabriken sein Filmstudium in Kalifornien finanzieren konnte.

Vermutungen wie gesagt, basierend auf Andeutungen im Presseheft. Seine Herkunft dürfte einen entscheidenden Vorteil für den Film haben: dass er Zugang zu einer Textilfabrik im indischen Gliedstaat Gujarat bekommen hat, wie ihn wohl kaum ein Filmer erhält, unsereins Normalsterblicher und Europäer schon gar nicht.

Verblüffend an dieser Dokumentation, die wohl mehr aus schlechtem Gewissen und sicher auch aus Mitgefühl, mithin also aus Betroffenheit gemacht worden sein dürfte, aus welchem Dreck in so einer Fabrik was für wunderbar bedruckte Stoffe hervorgehen für Saris, für Gewänder von Araberinnen, was das kleine Verhandlungsgespräch vermuten lässt, das auch eingeblendet wird.

Sonst bewegt sich Jain mit seiner Kamera und seinem kleinen Team relativ wahllos durch die dunklen, dampfenden, oft stickig scheinenden Fabrikhallen, hält da auf ein Detail und dort.

An einer Stelle ruft der Chef seine auf Stoffballen schlafenden Jungs zusammen, sie sollen aufstehen, denn das angekündigte Filmteam komme (sie kommen). Womit der dokumentarischen Selbstreflektion pro forma Genüge getan wurde.

Die Arbeiter kommen von weit her, 1500 Kilometer Reise aus armen Staaten, es sind Bauern, die nach Missernten nichts mehr zum Leben haben und hier 12 Stunden täglich schuften, manche sogar zwei Schichten. Sie trauen sich nicht, Gewerkschaften zu gründen, weil sie dann rausgschmissen werden, gar körperlich misshandelt oder sogar ermordet.

Jain geht nicht analytisch oder nach Organigramm vor. Ihn interessiert nicht der genaue Ablauf von frisch gewobenem und vielleicht bereits behandeltem, weißem Stoff, der in endlos langen Bahnen angeliefert wird, über welche Stationen er die farbigen Muster erhält.

Jain bleibt bei einer Farbdruckmaschine mit verschiedenen Stufen stehen, schaut wie die Arbeiter ganz präzise nach jedem Weiterrücken des Stoffes die Schablonen drauf halten, schaut einem Farbmixer zu, Ballenträgern, Heizern, beobachtet Arbeiter, die sich ausruhen oder eine kleine Zwischenmahlzeit einnehmen oder einem Jungen, der in der Schichtarbeit ständig am Gähnen und Einnicken ist, man möchte ihm eine Liege anbieten.

Zur Erhellung einiger Zusammenhänge gibt es wenige, ausgewählte und klar formulierte Statements von Arbeitern über ihre Lebens- und Berufssituation.

Jain vermittelt das Erlebnis eines Fabrikbesuches, wie er normalerweise nicht möglich ist. Aber wir gehen ja auch nicht bei BMW Schichtarbeiter schauen und wie fertig die nach einer Schicht im Bus womöglich noch stundenlang in den bayerischen Wald fahren. Das interessiert uns ja auch nicht.

Der Film kann aber schnell ungeahnte Aktualität gewinnen, wenn direkt nach dem Kinobesuch sich einem in der U-Bahn eine Frau mit Kopftuch und einem bodenlangen Rock mit genau so einem Textilmuster drauf gegenübersetzt, das man eben noch im Kino in Indien wähnte.

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Elementare Filmschule.

8 Kurze von den jungen Talenten Hazem Khodeideh, Basmeh Soleiman, Sami Hossein, Rounahi Ezadin, Diar Omar, Delovan Kanaan, Mahmod Ahmad, Zohur Saeid.

Sie sind zwischen 12 und 15 Jahren alt, sie sind Jessiden, sind vor dem IS geflohen und leben in einem vom UNHCR betriebenen Flüchltlingslager im syrisch-irakischen Grenzgebiet.

Professionelle Filmemacher führen sie ans Filmemachen heran. Das erste, was sie lernen, und was nicht oft genug wiederholt werden kann: was ist das Wichtigste an einem Film? Das Drehbuch, das Drehbuch, das Drehbuch.

Die Profis packen die Kids bei dem, was sie bewegt, sie sollen aus ihrem Leben erzählen.

Diese Leben sind durch den IS durcheinandergeraten, schwer verletzt worden und nicht nur körperlich wie bei der jungen Regisseurin, die durch eine Mine eine Hand verloren hat oder beim Jungen, dessen Gesicht voller Brandwunden ist.

Ein wichtiges Thema sind die vom IS gefangenen Frauen, ein TV-Ausschnitt aus einem IS-Propagandafilm zeigt, wie respektlos diese Männer sie behandeln und als Sklavinnen verkaufen, gerade mal für 10 Dollar. Auch die Beschaffung von Medikamenten für den kranken Vater ist ein Thema oder das Organisieren einer Brille.

Der Humor fehlt nicht, wenn ein kleinwüchsiger Mann Gymnastikübungen macht und sagt, er hoffe, dadurch zu wachsen und eine Frau zu finden.

Die Angst um die verlorenen Frauen und Mädchen spielt eine große Rolle. Traumatisierung, Depression und (zeichnerisch verfemdete) Alpträume als Folgen. Aber auch Wasser schleppen, leere Konservendosen auf die Straße stellen und sich freuen, wenn die LKWs drüber fahren, Brotkauf, Picknick, die Suche einiger Musiker nach einer Sängerin.

Und dann die Rückkehr in die zerstörte, befreite Vaterstadt. Man ist nur fassungslos, wozu die Menschen auch heute noch fähig sind und fragt sich, wo denn all die Waffen und Minen herkommen, die dieses Zerstörungswerk anrichten – doch sicher nicht aus vorindustriellen Drittweltländern.

Jungs, die mit 13 schon den Gesichtsausdruck von alten Männern haben.
Der Film ist ebenso Dokumentation wie Fiktion.

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Die cleane Sterilität und Stereotypie trendigen Lifestyles in Karriere- und privater Lebenswelt und dass darin kein Altern vorgesehen ist und die Komplikationen, die sich daraus ergeben, faszinieren Julia Keller, die mit Janis Mazuch auch das Drehbuch geschrieben hat.

Julia Keller fängt ihren Film sachlich wie einen Themenfilm, einen Problem-, (gar Lebenshilfe-)film über das Altern an mit Statements von Zeitgenossen, Männern, die feststellen, dass sie keine 30 mehr sind.

Auf der Tonspur verkörpert sie diese Welt mit technoharten Schlägen. Die kündigen vom Jobverlust des Protagonisten Walter (Godehard Giese). Der ist im schönen mittleren Alter mit dem kleinen Bauchansatz. Er hat sich komfortabel eingerichtet mit Nicola (Loretta Pflaum). Sie bekommt parallel eine Beförderung.

Die beiden Protagonisten sind ausgezeichnete Darsteller für diese Themenfilmattitüde und als Repräsentanten der absolut geruchlosen Anpassung an Karrierewelt und den trendigen Lebensstil, als würden sie sich ständig in den entsprechenden Magazinen versichern, richtig gekleidet und fisiert zu sein.

Walters Verlust des Arbeitsplatzes im Marketing eines Verlages setzt einen Paukenschlag zum Themenfilm. Überhaupt hat die Regisseurin bereits angedeutet, dass sie durchaus Spaß hat, diese saubere Welt für die Leinwand genüßlich und mit breitem Kinoatem zu zerlegen. Es wirkt so, als sei ihre Erzählhaltung diejenige einer Person, die einen trockenen Witz macht und anschließend mit einem Finger ein Auge etwas nach unten zieht. Das verbläst einen spröden Charme.

Walter ist der neuen Situation nicht gewachsen. Er war fixiert auf sein Fortkommen, hat nicht mit einer Kündigung gerechnet. Er fällt aus allen Wolken. Er benimmt sich bei einem Empfang daneben, geht einen Trostspruchklopfer („das ergibt doch neue Chancen“) körperlich an.

Walter haut ab und wird eine Nacht durchleben mit krassen Regelbrüchen in der Schnittmenge zur Kriminalität und einem nicht von ihm verschuldeten Toten, dessen Identität er vorübergehend annimmt. Er liebäugelt mit den Fantasien des Typen, der ihn im Auto mitgenommen hat. Und es kommt zur Eisbären-Begegnung.

Die Erlebnisse der Nacht, dieses Hinauskatapultiertwerden aus seiner Komfortzone, führen in Walter zu einer Erkenntnis und zu einer Verhaltensveränderung, womit der Film doch eine wichtige Voraussetzung an ein Drehbuch erfüllt. Walter macht eine Katharsis durch.

Die Dialoge sind knappe und zielführend, wie die geleckt-geschniegelte Geschäftswelt sie im Sinne der Aufwandminimierung und der Gewinnmaximierung liebt.

Ganz schön wird der Widerspruch der hier geschilderten Welt sichtbar im Satz eines Bewerbungsgespräches „nur Leidenschaft führt zum Erfolg“ – trockener war im neueren deutschen Kino wohl kaum Leidenschaft ausgesprochen.

Andererseits wirkt der Film selbst wie ein Produkt aus dieser Karrierewelt, in der Eisbären nie weinen müssen.

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