Archiv für November 2017

Heute geht es oft um Nichtvorhandenes. Die Abwesenheit von Verständnis der Politik für das AIDS-Thema. Die Abwesenheit von aufgeklärtem Handeln im holländischen Western. Das Nichtvorhandensein eines Lebenspartners in Argentinien. Die Abwesenheit von Stille in unserer Zivilisation. Die Abwesenheit von Musik in einer mexikanischen Familie wegen eines absurden Tabus. Die Abwesenheit von Optimismus im modernen Amerika. Das mögliche Nichtvorhandensein der Schwester in Germanien. Die Abwesenheit von Leben im menschlichen Körper in Amerika. In Japan geht es um nicht vorhandene Erinnerung. In Deutschland um die Nichtwahrnehmung eines vorhandenen Gorillas. In einer französischen Komödie ist der Witz abhanden gekommen. In einer amerikanischen hat ihn der Absinth ersetzt. Und beim Mann aus der Eiszeit fehlt die Geschichte. Der BR-Hörfunk setzte einen überflüssigen Podcast in die Welt.

Kino
120 BPM
Munterer Mix aus Reportage- und Aktivistenlehrfilm bringt eine berührende Liebesgschichte hervor.

BRIMSTONE
Der Film zu Martin Luther und zu Harvey Weinstein.

SENORA TERESAS AUFBRUCH IN EIN NEUES LEBEN
Das Leben allein zu bewältigen, erhöht den Stellenwert von Zärtlichkeit.

ZEIT FÜR STILLE
Lieber verdrängen wir das demokratisierende Element der Stille.

COCO – LEBENDIGER ALS DAS LEBEN
Ein Tabu in der Familie zu durchbrechen, kann zu einem Gang in die Schattenwelt führen.

GENAU SO ANDERS WIE ICH
Meisterliche Romanverfilmung über eine selten Freundschaft, die in Amerika für Furore gesorgt hat.

DIE VIERHÄNDIGE
Ein traumatisches Kindheitserlebnis kann zu einem gespaltenen Erwachsenenleben führen.

FLATLINERS
Durch die Tür schreiten – und wieder zurückkommen, wie ist das?

HAPPINESS
So ein Titel muss eo ipso konterkariert werden, denn ein Erinnerungsapparat kann auch Unschönes zu Tage fördern und zum Quälinstrument werden.

WHATEVER HAPPENS
Hier versucht einer das zu inszenieren, was dem konditionierten Testbetrachter nicht auffällt.

MADAME
Autorin planscht im seichten Klassenunterschiedskomödienpfuhl.

GIRLS TRIP
Von der Zote über den Absinth zum Pfingsterlebnis.

DER MANN AUS DEM EIS
Was würde Ötzi zu diesem Machwerk sagen?

Hörfunk
EIN MANN FÜR MAMA
Hörfunk finanziert Anbandeln für Mama.

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60 Sekunden post mortem – fetter Horrburger.

Flatline, die flache Linie, das ist Medizinersprech und meint jene Linie, die auf dem Monitor die Lebensaktivitäten eines Patienten anzeigt, in dem Moment, wo diese zuende ist, da gibt es nur noch eine gerade Linie, das wird hier oft zu sehen sein, Synonym für tot.

Das Forschungsfeld, um das es den Medizinstudenten Courtney (Ellen Page), Ray (Diego Luna), Marlo (Nina Dobrev), Jamie (James Norton) und Sophie (Kiersey Clemons) – die Namen spielen in der Art, wie Niels Arden Oplev die Geschichte von Peter Filardi nach dem Drehbuch von Ben Ripley inszeniert, eine austauschbare Rolle, da es ihm um den Fakt und die Horroreffekte und nicht um menschliche Schicksale geht – ist das Leben nach Erreichen der Flachlinie.

Die Studenten haben eine Vermutung, dass es nach dem Tod noch Aktivitäten im Gehirn gibt. Dieses möchten sie erforschen.

Nach schnellbunter Schilderung des hektischen Klinikbetriebes, folgt Oplev seinen Studenten in einen tiefen, verbotenen Keller der Klinik, in dem die Experimentierapparaturen stehen. Sie haben die Arbeitspläne von Wachen und Reinigungspersonal studiert und wissen also, wie lange sie unentdeckt sich ausprobieren können.

Sie wollen diese flache Linie überschreiten, sie wollen sich von den Kollegen in den Todeszustand versetzen lassen, um nach 60 Sekunden wieder zurückgeholt zu werden. Selbstversuche des Ganges durch die bestimmte Tür.

Sie entwickeln einen Sport daraus, nachdem die erste Überschreitung gelungen ist. Jeder will die Erfahrung machen, denn die erste Studentin zeigt daraufhin auffallende Verhaltensänderungen, sie kann plötzlich wieder klavierspielen und im Seminar benennt sie schwierige Krankheitssymptome, die noch gar nicht behandelt worden sind.

Jeder will die Erfahrung etwas länger machen als der oder die vor ihm.

Überraschend ist allerdings, aber vielleicht hängt das mit der Inszenierung zusammen, dass diese Nachtod-Erlebnisse wie aus dem üblichen kinematographischen Horrorbaukasten zusammengesetzt scheinen, insofern ziemlich überraschungsfrei und zur Bestätigung der These, dass kurz vor dem Tod das ganze Leben nochmal in Bildern ablaufe.

Das dürfte auch Oplev bewusst gewesen sein. Deshalb versucht er diesen Mangel an Substanz mit einer enormen Materialfülle aus dem Standardhorrorbrevier und in schnellem Tempo und durchaus professionell kompensieren zu wollen, ein Film, vollgestopft mit rasant aneinandergeschnittenen Horrobildern und die Flatline-Idee dahinter lässt einen schönen Eindruck davon entstehen, was verschiedene Bewusstseinebenen im Gehirn auf das Handeln des Menschen für einen Einfluss haben können, so dass von unerwünschten Nebenwirkungen der Experimente gesprochen werden muss. Diese sind zwiespältiger Natur.

Es gibt aber auch positive Nebenwirkungen – wir sind im amerikanischen Kino – es gibt Entschuldigungen für frühere schlechte Taten.

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Ein Film des Mitgefühls für Teresa und gleichzeitig für das Alter und das Alleinsein.

Die Filmemacherinnen Cecilia Atán und Valeria Pivato bezeugen mit ihrem Film Respekt vor der Schauspielerin Paulina Garcia, die schon in Gloria als großartige Actrice zu sehen war.

In Deutschland würde ein ähnlicher Film wohl primär als Seniorenfilm den Fernsehredaktionen schmackhaft gemacht werden müssen, um dann aus einem Pool von am Hofe der Subvention genehmen „Namen“ einen möglichst hochdotierten auszusuchen.

Hier scheint es eher so, als hätten die beiden Filmemacherinnen sich von der Schauspielerin inspierieren lassen, aus Verehrung für sie das Drehbuch geschrieben. Es ist somit auch eine Verneigung vor dem Alter und vor einer Künstlerin genau so wie vor einer Frau, das ist jetzt die Geschichte im Film, die ihr Leben als Haushaltshilfe im Leben ihrer Herrschaft hat aufgehen lassen.

Der wunderschöne Song am Schluss besingt das Alleinsein, singt von einem Menschen, der allein ist, der seinen Weg geht, allein, der fliegt, allein.

Teresa ist so ein Mensch. Sie wird in diesem Film eine ganz besondere Erfahrung machen. Wie einschneidend dieses kurze kleine Erlebnis ist, wird klar durch die Erzählung. Diese ist, wie oft in Lateinamerika, geprägt von einem Übermaß an Zeit, die die Filme sich nehmen, sich ihren Figuren zu nähern.

Teresa hat Jahrzehnte lang in derselben Familie als Haushaltshilfe gearbeitet. Wenige Rückblenden geben im ansonsten linear erzählten Film den biographischen Rahmen.

Das Verhältnis zu den Herrschaften ist familiär – Dienerschaft/Herrschaft ist ein typisch lateinamerikanischer Filmtopos. Aber die Familie muss ausziehen, kann die Hausangestellte nicht weiter beschäftigen. Sie vermittelt ihr eine Stelle bei den Eltern eines der Ehepartner.

Diese wohnen 1000 Kilometer entfernt. Die Reise führt durch die Anden, durch Wüste und Steppe und lässt so die Konzentration auf das kleine Ereignis deutlich werden, das das Leben von Teresa verändern wird.

Teresa ist mit einem Bus unterwegs. Es gibt technische Probleme, was zu einem ungeplanten Zwischenhalt bei einem Sanktuarium führt. Hier kommt Teresa wegen eines Sturmes die Tasche abhanden. Die Suche nach der Tasche bringt sie zu „El Gringo“ (Claudio Rissi). …

Cecilia Atán und Valeria Pivato nehmen sich den größten Luxus, den Filmemacher sich leisten können, nämlich Zeit für eine einfache Erzählung. Das macht sie einmalig und erinnerungswürdig, eine sanft-herbe Geschichte zu einem urmenschlichen Thema: dem Alleinsein.

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Von der Zote über den Absinth zum Pfingsterlebnis.

Ich greif dir in den Arsch und reiße dir die Eier von innen heraus. Der Satz steht für die Zoten. Der Absinth der darüber gegossen wird, ist 200 Jahre alt und lässt selbst die Kamera delirieren. Das Geisterlebnis kommt, nachdem die vier Damen, die in New Orleans als Flussy Pussy sich ihrer Jugendungezügeltheit erinnern wollen, sich Unrecht zufügen oder über ihre Beziehung lügen und zur Ehrlichkeit finden und das in aller Öffentlichkeit. Das ist der Schlingerkurs der Dramaturgie in dieser vorgeblichen Komödie von Erica Rivinoja, Keny Barris + 3 und in der Regie von Malcolm D. Lee.

Die Zoten sind derb, geschmacklos, unterste Schublade, bringen den Film von Anfang an aus dem Takt. Aber er muss über zwei Stunden lang werden, darum wird giftiger Alkohol drüber gegossen, damit im Vollrausch die Erkenntnis tagen möge.

Die Protagonistinnen sind Ryan (Regina Hall, mit ihrem sie betrügenden Gatten eine Vorzeigeprominenz zum Thema „wir schaffen das“), Sasha Franklin (Queen Latifah), Klatschbloggerin, Lisa (Jada Pinkett Smith) und Dina (Tiffany Haddish).

Um die Schmiere erträglicher zu machen, gibt es zwischendrin Songs oder Showauftritte, ab und an zuckelt eine süße altmodische Straßenbahn durchs Bild oder es gibt einen New-Oreleans-Umzug gegen die diversen Rhythmusprobleme.

Das Essence Festival in New Orleans spielt eine Rolle.

Gesichtsoptimierte Frauen sagen Sätze wie:
Chillen, nicht schillern.
Ich stecke Drogen in mein Arschloch.
Pass auf, was du in den Mund nimmst.
Dein Mann poppt mit der lüsternen Schlampe.
Lass das dümmliche Grinsen, ok, willst du eine aufs Maul haben.
Und schieß ihm mit dem Ding auf die Eier, falls er aufmuckt.

Später gibt es Bedröppeldialoge als Vorbereitung für das Erkenntniserlebnis auf dem Weg zum guten Menschen und zur Einsicht, was wahre Freundinnen wert sind, dass man sich seine Träume von niemandem zerstören lassen soll und dass man nur noch sich selbst sein soll.

Am schönsten ist die diskrete Cola-Werbung. Die müssen eine richtig kreative Filmwerbe-Abteilung haben.

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Die Befürchtung, die sich nach ein paar Minuten einstellt, es könnte sich über einen Laberfilm zum Thema Stille handeln, verflüchtigt sich zusehends in einer geschickten Mischung aus meditativen Bildern mit Dezibel-Angabe aus der Natur, aus Innenräumen und konterkarierend dazu aus Zivilisationslärmbildern und dazwischen immer wieder Äußerungen von Lärmforschern, Wissenschaftlern, einer Umweltpsychologin, Psychiatern, Medizinern, Mönchen, Autoren, Musikern, eines Bioakustikforschers, eines Umweltforschers, mit Menschen, die sich professionell mit dem Thema befassen, die zu einer inspirierenden filmischen Fibel werden zum Thema Lärm, Geräusch und Stille.

Sicher könnte Patrick Shen auch 81 Minuten lang nur ein meditatives Bild auf die Leinwand projizieren bei niedrigstmöglicher Dezibelzahl, aber im Kino macht selbst eine noch so gut abgedichtete Klimaanlage einen Dauerlärm; der fällt in einem Film zum Thema Stille besonders auf.

Die Statements der Fachleute sind jedoch nicht so, wie es in Ausschnitten aus Fernsehshows zu sehen ist, nämlich im Stil des Individualismus, der anderen seine Meinung aufdrücken will. Es sind zurückhaltende Bemerkungen, die anregend wirken.

Es geht um die Funktion der Töne, des Gehörs, das als Sinnesorgan ursprünglich überlebenswichtig war für den Menschen, der in der Natur gelebt hat, und so Gefahren erkennen konnte und auch darum, dass moderner Großstadtlärm diesen Sinn abstumpft, dass er krank machen kann oder dass er, wie am Beispiel einer Schule gezeigt wird, an der alle paar Minuten auf Fensterhöhe eine S-Bahn-vorbeirauscht, zu deutlichen Lernverlusten bei den Schülern führt.

Oder dass die Ruhe in der Natur, im Wald das Immunstystem stärkt, weniger empfänglich für Krankheiten macht.

Ein kleiner durchgehender Handlungsfaden ist der junge Manne, der zu Fuß und ohne ein Wort zu sprechen, Amerika durchquert. Er teilt sich mit Schreibtexten mit und erinnert an das Experiment der drei Schwarzwälder Jungs in Drei von Sinnen.

Es gibt Einblicke in das Leben von Mönchen, die mit der Stille arbeiten, Benediktiner oder Zenmönche in Japan. Beeindruckend sind die Bilder von einer Gedenkminute in einem mehrere Etagen hohen Büro- und Shoppingkomplex, auf dem überall und auch dicht auf den Rolltreppen die Menschen sich zu einer Schweigeminute einfinden.

Das berühmte Stück von John Cage 4.33 Sekunden. 4.33 Sekunden gibt ein ganzes Orchester mit Dirigent keinen einzigen Ton von sich.

Beim Verlassen des Kinos wird mir, wie ein LKW mit bemerkenswerter Dezibel-Zahl an mir vorbeibraust, bewusst, wie ich mich als Stadtmensch gegen solche Geräusche immunisiere, sie verdränge, indem ich so tue, als nehme ich sie gar nicht wahr.

Interessant ist auch der Befund anlässlich der stummen japanischen Teezeremonie, dass das Nichtsprechen die sozialen Unterschiede der Menschen aufhebt. Also: in der Stille sind wir alle gleich. Das Ohr eröffnet uns den Reichtum des Seins, schafft eine wichtige Verbindung zur Welt. Fazit: wir sollten öfter schweigen und uns Stille erlauben.

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Niels Laupert, der hier für Regie und Buch steht, möchte uns zeigen – ja, was will er uns denn zeigen?

Er will ein Wort von John Lennon illustrieren, dass das Leben just da passiert, wo nicht unsere Pläne sind „Life is what happens while your are busy making other plans„.

Im Film selber kommt in einer Business-Schulung das Bild vom Gorilla vor. Der Seminarteilnehmer soll bei einer Ballspieleszene einer schwarzgekleideten gegen eine weißgekleidete Mannschaft auf die Anzahl gespielter Bälle achten. Derweil tanzt hinten ein Gorilla durchs Bild. Wer hat ihn gesehen? Es scheint, als wolle Laupert diesen Gorilla inszenieren.

Vielleicht eine arg theoretische Fundierung für einen Spielfilm. Das zeigen, was man gerne übersieht. Dann verpatzt Laupert auch noch den Einstieg.

Die erste Szene ist eine reine Illustrationsszene: eine Wohnungsauflösung, ein Umzug, vieles ist schon gepackt. Es stehen noch leere Umzugskartons einer Speditionsfirma herum. Es ist Hannah (Sylvia Hoeks), die am Boden kauert. Julian (Fahri Yardim) kommt dazu.

Die nächste Szene geht darum, wer, was mitnehme und was wem gehört. Das wird nicht ausdiskutiert. Wie Laupert sowieso lieber die Andeutung, den kurzen Wischer über eine Szene bevorzugt, als dass er ein nachvollziehbares Handlungsgerüst aufbaute. Logisch, er will ja den unsichtbaren Gorilla inszenieren.

So ist der Zuschauer mit einem Weichtier, einer Molluske von Drehbuch konfrontiert, ohne Skelett, ohne Handlungsskelett. Viel Filmförderung und wenig Konflikt.

Die Erzählung hupft 7 Jahre zurück, wie die beiden sich bei einer Wohnungsbesichtigung kennenlernen. Wie sie sich spontan als Paar ausgeben, da der Vermieter Paare bevorzugt, weil die nicht so viel Party machen.

Das inszeniert Laupert so, dass vollkommen klar ist, dass jetzt die Partys richtig losgehen. Aber Hannah muss für ihren Magister lernen. Sie braucht Ruhe. So richtig wird der Konflikt nicht ausgetragen. Schon nach einer halben Fimstunde ergeht der Film sich in Liebesszenen der beiden. Sie wird schwanger. Kurz die Geburt. Und schon ist das Kind 7 Jahre alt.

Es ist eine erfundene, typische Klischee-Beziehungskiste, die Details interessieren nicht – und somit auch die Geschichte nicht; es geht ja um den Gorilla im Hintergrund. Hannah arbeitet irgendwie international, ihr Traum ist New York. Die Psychologie der Beziehung geht nicht über Lieschen-Müller-Level hinaus. Sie bleibt kleinkrämerisch. Er spielt den Hausmann. Er ist Fotograf. Im Haus zieht eine neue Frau ein. Sie hat ein kleines Lokal. Seitensprung. Dabei sind Hannah und Julian gar nicht verheiratet.

Die Rahmenhandlung, die alles andere als stringent und spannungserzeugend gebaut ist, spielt vor dem Polterabend des Freundes Georg (David Zimmerschied). Hannah und Julian müssen bis Mitternacht, es ist der Sylvesterabend, im Smoking und im Abendkleid nicht nur die Reste packen, wobei es auch keine richtige Übersicht darüber gibt, wieviel da noch zu tun ist – wer große Gedanken wälzt hat keine Zeit, sich mit Kleinigkeiten zu beschäftigen, wer den Gorilla sucht, verpasst die Handlungsstränge – und auch streichen wollen sie Wohnung noch.

Wobei es peinlich ist, wenn Hannah in mehreren Szenenschnitten immer an der exakt gleichen Stelle den Farbroller auf und ab führt.

Das Gegengewicht gegen diese elementaren Defizite von Storytelling und Konfliktbuilding, das noch verschlimmert wir durch eine maximale Überschminkung der Gesichter, was den offenbar inszenatorisch beabsichtigten TV-Realismus noch komischer ausschauen lässt, das ist der dominierende Charme und die Darstellerlässigkeit von Fahri Yardim, der auch die Mitspieler ansteckt. Fans von ihm haben das Glück, ihn an die 100 Minuten auf der Leinwand sehen zu können, auch nackt momentweise – aber zu schön geschminkt ist auch er, das wirkt süßlich.

Schwerfällige Story. Drehbuchschreiben missverstanden als das Erfinden von illstrierenden Szenen zu einer behaupteten, nicht nachvollziehbaren Story. Gorilla-Ablenkungssätze?: Ich geh dann mal unter die Dusche. Ich hab in 8 Wochen Examen, vorher schaff ich das nicht (wieder auszuziehen). Der Job ist ne Riesenchance für mich. (selbstreferentiell zum Film:) Was passiert, wenn Kommunikation nicht klappt, dann passiert nämlich gar nichts. Ich hab noch die Schlüssel, ich werf die kurz ein.

LeadershipWorkshop (dem Regisseur wäre ein Drehbuchworkshop zu empfehlen). Die Musik dümpelt im Kielwasser von John Lennon, nostalgisch.

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Klassenunterschiedskomödie. Dienstmädchenträume.

Der Traum vom Dienstmädchen Maria (Rossy de Palma) von der Liebe zum internationalen Kunsthändler David (Michael Smiley) ist nicht des Dienstmädchens Traum, sie würde sich das gar nicht zu träumen wagen.

Er entspringt der Fantasie der Autorin und Regisseurin Amanda Sthers. Sie findet es offenbar pikant, in den Untiefen des Klassenunterschiedsdenkens zu wildern. Sie scheint unreflektiert angefixt vom Superreichtum, in welchem zur Deckung von unerwarteten Unkonsten auch mal ein Caravaggio für 50 Millonen Euro verhökert wird.

So weit, so groschenroman-, klatsch- und kitschspaltenaffin. Dann bedient Sthers sich eines an sich tauglichen und bewährten dramaturgischen Kniffes, um Bewegung ins erstarrte Reichen- und Dienstbotenleben zu bringen. In dieser Welt ist der Seitensprung für die Reichen selbstverständlich, fürs Gesinde ist er tabu.

Madame Anne (Toni Collette) hat Gäste, eine Tafel für 12 ist gedeckt. Unangemeldet stößt Stiefsohn Steven (Tom Hughes) dazu. 13 Gedecke. Unerträglich für die abgergläubische Anne. Ein 14. Gast muss her und wenn es ein erfundener Gast ist.

Maria, das Hausmädchen, soll sich als geheimnisvolle Freundin der Hausherrin ausgeben, wenig reden und trinken. Das Gegenteil wird selbstredend der Fall sein und mit abgestandenen, unanständigen Witzen erobert Maria die Herzen der illustren Gäste, besonders dasjenige von David.

Die Affäre wird ernsthaft. Die Hausherrin versucht, sie zu torpedieren. Harvey Keitel spielt mit als femdgängerischer Gatte Bob von Anne. An ihm werden am deutlichsten Unbedarftheit, Ahnungslosigkeit und Unbeholfenheit von Drehbuch und Regie sichtbar. So spielt er, was er wohl ist: einen Herren, dem es gut geht, der sich eher langweilt in seinem (Rentner-)Wohlstand, der keine besonderen oder größeren Probleme hat und getreulich tut, was die Regisseurin ihm zu tun gebietet, weil er ja so wie das Dienstpersonal weisungsgebunden sein Geld (oder Zugeld zur Rente) verdient.

Insofern ist Rührung angesagt für das darstellerische Dienstpersonal, das sich alle Mühe gibt, den Schwächen von Drehbuch und Regie tapfer etwas entgegenzusetzen und sich dagegen wehrt, ins Bauern- und Laientheater abzustürzen. Sprühendster Witz: Anne: Sie sind Evil. Mann: Nein, ich bin Franzose.

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Bildbehauptung und Bedeutung.

Man kann die Kamera vor eine Ackerlandschaft stellen. Ruhig. Man kann einen Bus auf einer nicht zu sehenden Straße von links ins Bild fahren lassen. Mann kann ihn mitten auf dem Acker zu Anhalten bringen, ihn einige Sekunden so stehen und den Zuschauer überlegen lassen, dass jetzt wohl jemand aussteigt, dann den Bus weiter- und aus dem Bild fahren lassen. Mann kann dann mit der Kamera ganz nah an die Straße rangehen über den Acker, das muss der Zuschauer sich als Vorgang zwischen den Bildern des ersten Schnittes denken.

Dann macht man die Kamera wieder an. Sie ist auf den Mann gerichtet, der ganz offensichtlich aus dem Bus ausgestiegen ist und der einen Koffer in der Hand hält, einen merkwürdig rechteckig und irgendwie von der Requisite auf alt gemachten Koffer. Wenn Dinge so ins Bild einer ruhigen Kamera gesetzt und da stehengelassen werden, so werden sie mit Bedeutung aufgeladen. Der Zuschauer muss sich damit auseinandersetzen. Aha, hier ist ein Mann mit einem Koffer angekommen. Er schaut sich um. Er setzt sich in Bewegung. Schnitt.

Jetzt steht er, wieder voller Bedeutung, vor der Tür eines niedrigen Gebäudes wie einem Schuppen. Er betritt ihn. Es ist eine Art auf alt gemachter Kramerladen. Überfüllt mit Dingen. Von der Decke hängen nicht näher definierbare Packungen in Tüchern herab. Sie könnten die Assoziation zu Gehirnlappen hervorrufen. Alles hat eine Bedeutung, so wie es ins Bild gerückt ist. Auch die alte Frau, die im Laden sitzt. Der Mann wil eine kleine Plastkiflasche mit Mineralwaser kaufen.

Die Frau ist jetzt groß im Bild, sie sitzt, sie sagt, er könne die so haben, denn wenn der Laden leer sei, dann sterbe sie. Alles ist voller Bedeutung. Jedes Bild des japanischen Filmemachers Sabu. Das beherrscht er perfekt, Bilder so aufzuladen durch das Stehenlassen, durch das Geschehenlassen von Vorgängen. Kein Kurzschriftkino.

Jetzt beginnt so etwas wie Handlung. Der Mann kommt zurück, packt seinen Koffer aus, der Glückshelm, der für das titelgebende Glück gedacht ist, kommt zum Vorschein. Es ist ein Helm, aus dem wie die Stacheln eines Igels Schrauben rausschauen in beachtlicher Zahl, die oben aussehen wie die Tasten alter, mechanischer Schreibmaschinen. Bei Sabu hat alles immer eine Bedeutung. Er erweckt nie den Eindruck von Beliebigkeit.

Durch das Drücken der Tasten bei aufgesetztem Helm kann der Träger sich an Glücksmomente erinnern. Mit dieser Behauptung setzt Sabu offenbar voraus, dass der Mensch ohne Helm das nicht könne, dass der Mensch in dem Provinznest zumindest, in dem er filmt, geschichts- und erinnerungslos in den Tag hineinlebt, eine etwas gewagte Annahme, ein Ansatz von Überheblichkeit?

Sabu braucht das für seine Story. Mit dem Zusammenhang zwischen Bildbehauptung, Bedeutung und Storybuilding, da tut er sich allerdings schwer. Scheinbar hat der Mann eine Mission, er will dem Nest mit dem Helm das Glück bringen.

Bald stellt sich heraus, dass er mit diesem Erinnerungshelm, der auch Unglück erinnern kann, lediglich einen privaten Rachefeldzug plant – der Täter soll sich ständig an seine blutige Tat, eine Übertötung, erinnern (die mit nervöser, subjektiver Handkamera hektisch aufgenommen wird), womit der Plot doch recht hoppladihopp und nicht allzu durchdacht daherkommt, als habe einer, der über den Zusammenhang zwischen Bidlbehauptung und Bedeutungsherstellung Bescheid weiß, es nicht mehr nötig, noch eine spannende Geschichte, eine aussagekräftige, zu erzählen, als könne er es bei einer offensichtlichen Drehbuchschnapsidee belassen.

Als ob Sabu halbwegs bewusst geworden sei, dass er sich verrannt habe, lässt er den schon halbtoten Helmerfinder wieder auf die Beine kommen und den Helm einem Mädchen in einer ernsten Situation aufsetzen, das sich an ein schönes Erlebnis und an ein süßes Hundchen erinnert. So ward aus dem unausgegorenen Geistesblitz Süßzeugs.

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Diese meisterliche Bestsellerverfilmung von Michael Carney nach dem Buch von Ron Hall, der seine eigene Geschichte aufgeschrieben hat, ist nicht Ausdruck des hässlichen Trump-Amerika. Es ist Reminiszenz an ein optimistisches, hoffnungvolles und gläubiges Amerika, eines Amerikas der moralischen Aufrüstung, das in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg aus unserem Planeten eine bessere Welt machen wollte.

Ausgehend von der Erkenntnis, welche „mess“, welch Unordnung und welch Durcheinander und Chaos auf der Welt herrsche. Dazu zählt die Rassentrennung, die heute auf dem Papier aufgehoben ist, aber im amerikanischen Alltag immer noch zu heftigen Verwerfungen führt. Darauf weist der Titel des Filmes hin, der jedem Menschen eine Individualität zugesteht, wobei die Hautfarbe so ziemlich das nebensächlichste Unterscheidungskriterium sein dürfte.

Der Satz stammt von Denver (Djimon Hounsou). Er ist ein Schwarzer mit teils traumatischer Vergangenheit, der in der Jugend noch als Sklave auf Baumwollfeldern in Louisiana schuften musste, während im Norden die Sklaverei schon aufgehoben war. Er flieht, landet im Norden in der Obdachlosigkeit, gilt als schwierig, unberechenbar und auch gewalttätig. Hier lernt ihn Deborah Hall (Renée Zellweger) kennen. Sie arbeitet in der Suppenküche der „Mission“.

Der Film führt allerdings auf anderem Weg dahin. Ron (Greg Kinnear), der ein reicher Kunsthändler ist und entsprechend wohnt, soll für seinen Verlegerfreund Julio (Daniel Zacapa) seine Geschichte aufschreiben. Es ist die Geschichte, die der Film in Rückblenden erzählt, die direkt zwei Jahre und dann weiter zurückreichen. Es ist die Geschichte der anfangs schwierigen und dann über das Buch und zahllose gemeinsame Auftritte berühmt gewordenen Freundschaft zwischen Ron und Denver.

Michael Carney erzählt diese Geschichte mit größtem Respekt und diskreter Zurückhaltung bestens verdaulich und nachvollziehbar, nie langweilig, gepflegt zubereitet, durchaus mit Rührmomenten und einem sensationell zarten, riesigen Grabgebinde nach dem Tod von Deborah.

Carney lässt oft ein weiches Voice-Over die Geschichte vorwärtsbringen. Er hat sich für eine gänzlich unaufgeregte Erzählweise entschieden, die die Vorgänge und die Charaktere, die zu Zusammenstößen wie zum Zusammenraufen führen, ganz genau beobachtet.

Der Geschichte wohnt einerseits Magie inne: Deborah hat Denver im Traum gesehen und ihn erst dann bei der Tafel entdeckt. Andererseits ein eigentümlicher Pragmatismus und Umgang mit dem Seitensprung des Gatten; denn die Ehe hat nach 19 Jahren gewackelt, es gibt zwei Teens im Haus; intim sind die Ehepartner 10 Jahre nicht mehr gewesen.

Deborah aber ist nicht nur ein Engel für die Obachlosen, sie rettet die Ehe mit der besonderen „Strafe“, dass Ron ihr beim Essenverteilen in der Mission helfen soll. Wohltätigkeit als Strafe. So kommt die Begegnung zwischen Ron und Denver überhaupt erst zustande. Sie ist anfangs alles andere als erfreulich.

Inhaltlich spielt der Dichter Blake eine Rolle, der Vogel zeichne sich durch das Nest aus, der Mensch durch Freundschaft. Renée Zellweger ist nach wie vor eine hervorragende Schauspielerin. Aber man erkennt sie nicht auf Anhieb; wie sie sich im Gesicht hat verstümmeln lassen, auf eigene Verantwortung.

A lot of messed up things. Ein Film der wunderbaren Herbststimmungen.

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Hochverdichtet komponierter, dunkel-düsterer Bildercocktail mit Motiven aus dem Horror- und Trashgenre zur Illustrierung alptraumhaft traumatischer Folgen eines Kindesheitserlebnisses der Schwestern Jessica (Friederike Becht) und Sophie (Frida-Lovisa Hamann).

Sie müssen mitansehen, wie ihre Eltern in ihrer Wohnung, in der die beiden Mädchen gerade Klavier üben, ermordet werden. Allerdings ist dieser Satz ein Spoiler, denn Oliver Kienle, Autor und Regisseur des Filmes, vergeheimnisst, verhuscht die Erzählung, so dass aus dem Film in der ersten Phase mehr Bilderrätsel denn eine Bildergeschichte wird, ein Film, der erst mal zu versuchen scheint, jede Klarheit zu beseitigen.

Dies und die im Gegensatz dazu präzise Inszenierung der Darsteller erweckt einen akademischen Eindruck. Das erschwert zunächst den Zugang, umso mehr als auch beim Licht kräftig gespart wurde, bewusst nehme ich an.

Nach der kurzen Exposition folgt ein Sprung von 20 Jahren. Die beiden Waisenmädchen sind erwachsen. Sie werden nach allen Regeln der Horrorkunst verfolgt von dem Kindheitserlebnis.

Dabei weist der Titel „die Vierhändige“, als die Einzahl für zwei Personen, die zusammen an einem Klavier spielen, auch auf ein Identitätsproblem hin, das der Autor seinem Horrorcocktail beimischt, welche ist die Gestörte, welche die Normalere, welche braucht Behandlung und Tabletten, welche schlägt brutal zu („Sie sind auf einen Polizisten los, haben rumgebrüllt, es sah nicht nach einem Plan aus“), bei welcher scheitern die therapeutischen Behandlungen, welche versaut sich administrativ ihr Vorspiel in einem schönen Konzertsaal, welche ist auf einem Schrottplatz zugange, welche bandelt mit dem traumschiffschönen Arzt an, welche hört sich immer wieder einen letzten Anruf von welcher an.

Zu viel Beschreibung würde zu viel verraten, zumindest lässt sich sagen, dass es sich hier um distinguierten, fast elegant zu nennenden Bildermix handelt – allerdings ohne jeden Erkenntniswert, wobei sich einem das Wort des Kunstgewerbes auf die Zunge drängt. Oder ein Film, der versucht, die Gestörtheit traumatisierter Wahrnehmung nachzuempfinden?

Einseitiger Weisheitssatz: Trauer sei etwas komplett Egoistisches, weil man versuche, ohne Schuldgefühle weiterzuleben. Der Film scheint auf Schuldgefühle fixiert, denn die Vierhändige fühlt sich schuldig am Tod der Eltern, wohl eine psychologische Konstante in solchen Fällen. Und dann der eher snobistische Text: „Wer ist Verrückter? Die Verrückte oder der in die Verrückte Verknallte“, hm, nicht unbedingt Jahrhundertsätze. Vielleicht doch nur ein Cocktail für Liebhaber des Spezialgrusels.

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