Ein nicht ganz klassischer Tanzfilm.

Er fängt so an, lässt erst ein klassisches Tanzmärchen erwarten, dem Ballet und der Kunst zugeneigt, Mädchen aus bescheidenen Verhältnissen arbeitet sich in den Balletthimmel am Bolschoi-Theater, dem „Symbol, der Herrlichkeit Russlands“, (in Bolschoi Babylon wird das Symbol allerdings weniger herrlich gezeigt).

Polina ist tanzbegabt. Ihr Vater stammt aus einer armen Familie aus Georgien, ihre Mutter aus Sibirien. Sie wohnen in einer Siedlung mit öden Wohnhochhaussilos in der Nachbarschaft von stets dampfenden Kraftwerksmeilern.

Als Hindernis für die Bolschoi-Karriere erweisen sich die finanziellen Verhältnisse zuhause, sie können es sich gar nicht leisten. Der Vater ist in dubiose Geschäfte verwickelt. Aber Polina wird von ihren Eltern unterstützt. Das hindert sie nicht, Konzentrationsprobleme zu haben im Widerspruch zum geforderten ‚Streben nach Vollkommenheit‘.

Polina nutzt jede Gelegenheit zu tanzen. Auch im Freien, in verschneiter Landschaft vor den dampfenden Kraftwerktürmen.

Auf ihrem Weg in den Ballethimmel trifft sie Adrien (Nils Schneider). Sie selbst wird jetzt von Anastasia Shevtsova dargestellt. Sie verliebt sich in Adrien. Der Film tendiert zur BallettRomCom.

Aber die Graphic Novel von Bastien Vivès, die Valérie Müller und Angelin Preljocaj als Grundlage ihre Filmes diente, hat genügend Volten in petto, dass die Angelegenheit weder kitschig noch süßlich wird, dass sie andererseits nicht nur schöne Ausschnitte aus Proben und Vorführungen klassischen Balletts einfügen, eingeschlossen die nötigen Imperative von harter Arbeit, Verzicht und Disziplin (Motto: die Leichtigkeit muss zu sehen sein und nicht die Anstrengung), sondern ihren Weg mitgehen über Misserfolg, der mit Knatsch in der Liebe einhergeht.

Polina büchst aus nach Belgien. Ein selbst entschiedener Bruch in ihrem Leben. Und ein Neuanfang. Hier muss sie sich erst mal durchschlagen, muss jobben, bis sie schließlich bei Juliette Binoche einen Zugang zum modernen Tanz und damit zur Kunst findet, der ihr bisher fremd war.

Damit wird die Leinwand frei für den modernen Tanz, was sich auch auf der Tonspur in Form von Techno (nicht nur in der Disco) niederschlägt.

Ein Tanzfilm für den anspruchsvollen Tanzfan. Polina geht den Weg von der Verbohrtheit der Kunstansicht des klassischen Ballettes zur Offenheit eines modernen Tanzverständnisses.

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