Tommy Wirkola dreht auf.

Sein Hänsel & Gretel: Hexenjäger war eine amerikanische Produktion mit stupid German Money.

Diesmal hat er nicht selber das Drehbuch geschrieben, dieses stammt von Max Botkin und Kerry Williamson. Und diesmal ist die Produktion mit einem starken europäischen Gewicht aus England, Frankreich, Belgien versehen und gedreht wurde in Bulgarien.

So viel Kalt-Kriegs-Thrill gepaart mit High-Tech-Überwachungs-Techniken lässt sich vielleicht nur dort so bedrohlich filmen. Die Idee ist smart, ist verrückt. Zuerst schildert der Film sämtliche von Menschen gemachten Bedrohungen für die Erde und dass diese mit der rasanten Vermehrung der Menschen noch viel dramatischer werden.

So ist der Boden für das Argument der Einkindpolitik bereitet. Die ist auch bereits durchgesetzt und wird streng kontrolliert. Es kann einen schaudern. Die Vernetzung der Menschheit und des Individuums schreitet in Meilenschritten voran. Andererseits sind dieses Sicherheitsdispositiv und dessen brutale Überwachung bereits gut in unserer Gegenwart verwurzelt.

Nicolette Cayman (Glenn Close) ist die grand old Lady, die diesen Kurs politisch verficht und öffentlich vertritt und hintenrum grausam umsetzt: zu viel geborene Kinder werden in den Cryschlaf versetzt, ein typisch politisches Schlagwort, ein Euphemismus wie das Wort „Euthanasie“.

In der Familie Sattmann hat das Vielkindschicksal zugeschlagen: Siebenlinge, alles Mädchen. Opa Terrence Settman (Willem Dafoe) zieht sie listenreich groß in einer Wohnung in einem ehemals prunkigen Bürgerhaus, das Ostblockscharme ausstrahlt. Portier Eddie (Tomiwa Edun) beobachtet, wer wann ein- und ausgeht.

Das Juwel dieses Filmes jedoch ist Noomi Rapace.
Sie spielt alles sieben Töchter Settman, die in der Öffentlichkeit nur als eine erscheinen dürfen, als Karen; es ist ihre verbindende Rolle, obwohl sie zuhause durchaus verschiedene Charaktere zeigt, die durch Kleidung und Frisur, Haltung und Stimme prima differenziert sind.

Um nicht aufzufliegen hat jedes der Mädchen einen Wochentag als unterscheidenden Vornamen, das ist der Tag, an dem es in die Öffentlichkeit geht, an welchem es einem Job nachgeht. Am Abend findet die Schulung statt. Durch die Hightech-Armbänder, die kleine Computer, Aufnahme- und Wiedergabegeräte sind, können die anderen sechs den Tag der siebten nachvollziehen, sich Gänge und Personen merken, Vorgänge.

Ein sophistische Element schimmert immer wieder durch, eines, was sich einen bitteren Spaß aus den Konsequenzen aus der Grundkonstruktion macht. In einer der Rückblenden, die die Mädchen noch im Kindesalter zeigt, macht eines einen unerlaubten Ausflug zum Skateboarden und verliert dabei eine Fingerkuppe. Die Gelegenheit, die grausamen Folgen für die anderen Mädchen zu zeigen, lässt sich ein Tommy Wirkola nicht entgehen.

Und wie ist es, wenn sich jemand, wie der gutherzige Adrian (Marwan Kenzari) in eine Variante von Karen verliebt? Auch in den Folgen davon stochert Wirkola genüsslich rum.

Bis die siebenfachen Geschwister auffliegen und die Securidade, hätte man früher in Rumänien gesagt, hier „das Büro“, Stasi oder was auch immer, anfängt sie zu verfolgen.

Dabei kann Noomi Rapace ihr sportliche und Kampffitness überzeugend zur Schau stellen. Action ist angesagt, geballert wird auch; aber auch die Situation lässt sich Wirkola nicht entgehen, den Zuschauer am Schadenfreudestachel zu löken, wenn Karen den schwer bewaffneten Sicherheitsapparat austrickst.

Das Muster für so einen Film, einen totalitären Apparat zu knacken, hier geht es noch darum, die Kandidatur von Cayman zu verhindern und ihre brutalen Maßnahmen auffliegen zu lassen, ist bewährt und bewährt sich auch hier: nur die Liebe ist stärker als der Totalitarismus.

Und das ist neben den Science-Fiction-Einträgen, die gar nicht mehr so Fiction sind, die doch substantiellere Aussage, die eine Allgmeingültigkeit hat und die auf jede Zeit und jedes System, wenn es auch noch nicht so ausgeklügelt totalitär ist, gilt.

Bannend ist auch der Zwangszusammenhalt der Geschwister, dass sie auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind, sich aufeinander verlassen können müssen wie Bergsteiger in einer Steilwand, ein Fehlgriff und die ganz Mannschaft kann abstürzen. Das Schöne an einer Schauspielerin, wenn man sie denn mag, die Siebenlinge spielt, ist, dass wenn ein Exemplar sterben sollte, sie in immer noch genügend Varianten überlebt.

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