„Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind“ – Die Momentaufnahme einer bürgerlichen europäischen Familie.“

Das bürgerlich europäische Kino des Michael Haneke möchte uns bürgerlich europäischem Kinopublikum die Augen öffnen für die extra zu diesem Behufe erfundene und inszenierte Kaputtheit einer bürgerlichen europäischen Familie.

Das ist die Interpretation der zu dieser Review als Titel zitierten Synopsis des Filmes aus dem Presseheft. Falls diese, meine Lesart der Synopsis zutrifft, so kann das Unternehmen nur schiefgehen, da die Erfundenheit dieser großbürgerlichen Familie allzu sehr nach zweckdienlicher Erfindung riecht und somit einzig geignet ist, exquisite Langeweile zu verbreiten.

Diese bürgerlich-europäische Bauunternehmerfamilie mit Opa Georges (Jean-Louis Trintignan), der zwischen Demenz, Rollstuhl und Selbstmordabsichten gezeichnet wird, mit der Teflonmutter Anne (Isabelle Huppert) als aktiver Krisenmanagerin, dem nicht geratenen Sohn Pierre (Franz Rogowski) und vielen weiteren Verzweigungen über vier Generationen bis hin zur knusprigen 13-jährigen Enkelin Eve (Fantine Harduin) inklusive Hauspersonal hat akut Probleme mit dem Teileinsturz einer Baugrube.

Den Baugrubeneinsturz zeigen die wirklich schön aus einer Elfenbeinturmperspektive, also von weit weg und von hoch oben, damit auf die Position des Filmemachers referierend, und nichts markiert deutlicher Filmemachers Sehnsucht, ein Stück realen Lebens zu erhaschen – und doch zu abgehoben davon zu sein.

Wobei es doch ziemlich unwahrscheinlich scheint, dass bei einem wohl eingesessenen und angsehenen Bauunternehmen so ein kapitaler Fehler wie das mangelhafte Errichten von Spundwänden passiert. Haarscharf am Leben vorbei. Wie manch andere Szenen auch.

Dieses aber wird von Haneke mit einem handverlsenen Ensemble, das den Modus performativer Glaubwürdigkeit beherrscht, in Szene gesetzt.

Am besten hat mir der Anwalt der Familie gefallen mit seinem dünnen Strich von Mund, der es schafft, selbst wenn er spricht, so auszusehen, als öffne er den Mund nicht. Vielleicht verhält es sich mit diesem Film ebenso?

Mit diesem performativen Realismus versucht Haneke zu vertuschen, dasss er die Distanz zur realen Welt just nicht überwindet, dass er mit seiner Kunst außen vor bleibt.

Weitere Elemente des Versuches zur Glaubwürdigkeit sind der Liebeschat der Huppert, der Videochat der Youngsters über Frisuren, erst recht und raffiniert der Einsatz des allgemeinen Vorurteils gegen großbürgerliche Clans, dass sie dazu neigen, unangenehme Wahrheiten zu vertuschen wie die gezielte Fahrt des Opas gegen einen Baum.

Dadurch kommt allerdings die Modellhaftigkeit von Familienkaputtheit als erfundenem Anlass für Hanekes Moralpredigt noch krasser zur Geltung. Genauso wie durch das Hauskonzert einer Cellistin. Auch damit will er Glaubwürdigkeit für seine Modellfamilie erzeugen, denn das ist Allgemeinwissen: solche kaputten Familien organisieren klassische Konzerte für einen kleinen Familienkreis oder einen kleinen Kreis Eingeladener. Und wenn sie das in einem Film tun, dann ist der Beweis für den Wahrheitsgehalt ihrer Filmexistenz erbracht.

Wahrheits- oder Realitätsbelegsszenen, die einen Moralanspruch untermauern. Mit dieser Versuchanordnung, die ausschließlich auf bekannte Vorurteile Unternehmerfamilien gegenüber basiert, will uns Haneke die Augen öffnen, für etwas, was er vor unseren Augen um der Öffnung dieser Augen willen künstlerisch herstellt; will uns mit dem, was wir immer schon wussten, beweisen, dass wir blind sind. Damit befriedigt die Kunst wohl in erster Linie sich selbst mit diesem Genre des geschmackvollen moralischen Filmes.

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