Archiv für 5. Oktober 2017

Zwei intensive Stimmungsbilder aus Afrika: ein Thriller aus Kairo, ein Frauen- und Stadtporträt aus dem Kongo. Aus Skandinavien ein Fotoalbum-Biopic über den schwulen Zeichner Tom of Finland. Drei ansprechende Eigengewächse aus regionalem Anbau, eine Politsatire aus Bayern und zwei deutsche Musikfilme mit ganz eigenem Couleur, ferner, auch aus deutschen Landen, eine Putzfrauenkomödie; für die Kinder gibts aus dem Hasbro-Stall einen Einhorn-Ballon mit Eigenleben. Auf DVD einen Beitrag zum Allgemeinwissen über unsere Ernährung. Im Kinder-TV haben sie es sich mit Nils Holgersson billig gemacht.

Kino
DIE NILE HILTON AFFÄRE
Perfekter Thriller als Vorwand zur Schilderung der Atmosphäre im Kairo der arabischen Revolution.

FELICITE
Porträt der Sängerin Felicité ist auch Anlass, das Leben im Kongo zu schildern.

TOM OF FINLAND
lüftet das Geheimnis um das weltberühmte Pseudonym.

AUSTRETEN
Wenn der bayerische Ministerpräsident spricht, passt die Medienmeute mit spitzer Feder auf und interpretiert urmenschliche Bedürfnisse zu Staatsaktionen.

IMMER NOCH JUNG – 15 JAHRE KILLERPILZE
Persönliche Selbstreflektion einer Band, die als Teenie-Band zwei rauschhafte Erfolgsjahre erlebt hat.

DER KONZERTDEALER
Fotoexperiment und Porträt eines Big Players im Konzertgeschäft.

UNTER DEUTSCHEN BETTEN
Mit dem Stoff hat Frau Ferres einen guten Riecher, beim Regisseur-Casting eher weniger.

MY LITTLE PONY: DER FILM
Mit großer Kelle angerührte Spielzeug-Produktpräsentation um das Thema Freundschaft im Rokolonial-Bohème-Stil.

DVD
WHAT THE HEALTH
Deine Nahrung soll Deine Medizin sein: nicht nur leben: aufblühen!

TV
NILS HOLGERSSON
Die Berühmtheit des Buches wird es schon richten, spekulieren die Macher.

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Magie des abgebrochenen Einhorns.

Ein abgebrochenes Einhorn ist mehr als nur ein Schönheitsfehler. Das kann so ein Fabelwesen direkt in die Schattenwelt verweisen. Deshalb heißt das Pony der Spielzeugserie aus dem Hasbro-Stall denn auch Tempest Shadow (Sturm Schatten).

Sie ist mit dem Sturmkönig auf dem Weg zur lauschigen, niedlichen Ponywelt, die sich unter der Regie von Twilight Sparkle daran macht, ein großes Freundschaftsfest zu feiern. Ponys aus aller Welt oder aus allen Regalen von Hasbro haben sich bereits auf den Weg gemacht.

Doch der Himmel verdunkelt sich, aus ist es mit der pinken Schnuckeligwelt. Große Schiffe senken sich auf das Festgelände. Tempest Shadow betritt dieses und hinter ihr taucht der finstere Sturmkönig auf. Er möchte das Ponyland erobern und wenn Tempest es schafft, ihren Prinzessinnen-Freundinnen die Magie zu entreißen, dann soll sie ihr Horn zurückbekommen. Denn der Hornstummel steht auch für eine verstümmtelte Magie, mit rechteckig zuckenden, nicht zielführenden Blitzen.

Dieses Unternehmen artet in eine Abenteuergeschichte aus, denn Twilight will sich das nicht gefallen lassen, sie flieht und die Freundinnen stehen ihr bei. Es geht also um Freundschaft und was diese bewirken kann.

Auch bei der Begegnung mit einem piratenhaften Kater, der an denjenigen mit den Siebemeilenstiefeln erinnert, geht es darum, ob Vertrauen angebracht ist oder nicht. Er ist mit einem Piratenschiff zugange, Luftschiff wohlverstanden, die Piraten, das sind verkleidete Papageien. Spielzeugwarenland.

Doch der Pirat taugt nicht als Hilfe gegen den Sturmkörnig. Zuviel Vertrauen scheint da eh nicht angebracht. Immerhin erfährt Twilight, dass die Königin der Hippogreifen, ein Mischung aus Pferden und Vögeln, Kentauren, ihr vielleicht helfen könnte. Was es mit dem Land dieser Königin auf sich hat, das ist wieder eine eigene kleine Nebengeschichte mit hellen und dunklen Untertönen.

Mit großer, zeichnerisch-gestalterischer Kelle wird diese Geschichte, diese Lob der Freundschaft, angerichtet in einem wilden Mix aus Süß-Story, Ballonfigurengeschichte, Abenteuergeschichte, Fabelgeschichte, mit Magie und magischen Effekten (was allein Rainbow-Dash für faszinierende Farbgebilde zu zaubern fähig ist), als Musical mit Songs und auch als Comic.

Der Mix wird noch verflixter als ein Stilmix, der beginnt bei Animationen, ausgehend von Luftballons eingebettet in Dekormuster des Jugendstils und streckt sich bis zum Anklang an den Surrealismus und abstrakt-graphische Fantasiespiele aus Licht- und Farbeffekten.

Der Mix stachelt Gedanken an über die Brüchigkeit der Kunst, wenn Tempest ihren Song über das Alleinsein singt und dass das Gebrochene (also das abgebrochene Einhorn) vielleicht auch als Symbol genommen werden kann für die Imperfektion einerseits und die Sehnsucht nach Perfektion, nach einer runden Kunst andererseits; gleichzeitig erfindet der Film selbstironisch für seinen Stil den Terminus der ‚Rokokolonial-Bohème‘, denn auch der Lebkuchenhäuschenstil kommt vor und dann wieder eine weiche Wüstenlandschaft.

Die deutsche Synchro, auch beim Gesang, ist ansprechend, die Musikunterlegung prinzipiell sanft. Ein Fernsehserie bildet die Grundlage für das dichte, vielfältige Figurengefüge dieses Filmes von Jayson Thiessen nach dem Drehbuch von Meghan McCarthy + 5. In der Serie haben die Figuren sicher mehr Raum, sich zu etablieren und somit sich einzuprägen.

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Die falschen Töne, um die es hier geht, beherrscht das deutsche Komödienkino aus dem Effeff.

Die Story, wie sie aus dem Grundstoff des Bucherfolges von Justyna Polanska nach einer Zwischenbearbeitung durch Judith Bonesky und Mira Thiel (beide für Gut zu Vögeln) von Lucy Astner (Der Nanny) zum Drehbuch nach dem Gusto der Mitproduzentin und Kinofilmgröße Veronika Ferres zurechtbearbeitet wurde, vereint Substanz mit Sozialkritik im Hinblick auf das Auseinanderdriften unserer Gesellschaft in Arm und Reich.

Veronika Ferres spielt unverblümt und ungeschönt den deutschen Schlagerstar Helene Fischer, nennt sich hier aber Linda. Ihre Karriere erleidet bei einer missglückten Preisverleihung und einer privaten Schiffbruchstory den totalen Absturz.

Vor ihren Augen vögelt ihr Mann und Manager Friedrich (Heiner Lauterbach ist der überragende Darsteller in diesem Mixed-Pickles Ensemble) eine andere in den Kulissen des Preisverleihungstheaters, keine schlecht gedachte Szene, wie Linda auf einer Rakete über die Bühne gezogen wird und diese durch die Blicke zur Fickerei ihres Mannes das Gleichgewicht verliert und zum unkalkulierten Runterkrachen auf den Bühnenboden bringt.

Durch den Skandal wirft Friedrich sie raus. Sie steht nun da mit gesperrten Bankkarten und ohne Hausschlüssel. Sie landet ganz unten, bei der Schicht der Immigranten, illegalen Putzfrauen und Taxifahrer, die sich von ihren Jobs kein menschenwürdiges Dasein in unserer Gesellschaft leisten können, oft auch keinen Arzt.

Ihre polnische Putzfrau Justyna (Magdalena Boczarska) fängt sie auf. Sie trietzt Linda nun, da sie in ihr Haus zurückmöchte, um für ein Comeback einen Song aufzunehmen. Jetzt muss Linda selber putzen. Sie lernt die Welt aus dieser Perspektive kennen.

Ein Stoff voll explosiver Komödiantik, da Justyna, hier kommt die originale Justyna Polanska ins Spiel, Tagebuch über ihre Herrschaften und Haushalte geführt hat.

Veronika Ferres beweist mit dem Griff nach diesem Stoff einen guten Instinkt. Weniger gelungen ist ihr der Griff nach dem Regisseur Jan Fehse. Der war Kameramann bei Die Trappfamilie – Ein Leben für die Musik, Nicht mein Tag und Regisseur bei Storno und Jasmin.

Fehse scheint nicht der richtige Mann für die bestmögliche Umsetzung des Stoffes zu sein. Ihm fehlt es schlicht an Können (Komödie hat mit Können zu tun, hat mal jemand in Abwandlung zum Satz über die Kunst gesagt). Ihm geht jedes Gefühl für Timing und Tempo ab, überhaupt für nachvollziehbares Inszenieren genauso wie für Dialogregie. Diese Schwächen versucht er mit interruptiven und schusseligen Schnitten, die die Perzeption des Stückes nicht vereinfachen, zu übertünchen.

Fehse hat Frau Ferres (zB im Gegensatz zu Dietl), der an sich gut zuzuschauen ist, nicht gefordert, hat sie an der langen Leine gelassen. Er hat ihr durchgelassen, dass sie vor einem Korrektursatz an Justyna – schöne Eigenschaft, dass sie immer deren Deutsch verbessern will – zweimal äh sagt, äh, äh, das heißt Hausfriedensbruch, das ist ein schlimmer Komödienbremsklotz.

Fehse hat Frau Ferres durchgelassen, dass sie bei ihrem glanzvollen Comeback-Auftritt auf der Bühne mit den Fingerspitzen aneinanderreibt, und falls es von ihr gewollte Privacy ist, so ist das nicht als solche erkennbar und auch nicht sinnig.

Bei einer brauchbaren Regie würde der Weisheitssatz von Frau Ferres, dass der Mensch Freunde brauche, nicht so kommen, dass er in der Pressevorstellung zu einem unfreiwilligen Lacher führt.

Pfuschig inszeniert ist die Geschichte mit dem Türknallen, der Augenverletzung und der Tuckerselbstbehandlung des Taxifahrers, der in Wahrheit ein libanesischer Arzt ist. Ebenso ist Lindas Rausschmiss durch ihren Friedrich verhuscht erzählt, zu flüchtig oder undeutlich, dass sie nicht mehr rein kann, muss man sich theoretisch zusammenreimen. Oder der Gag mit dem Trimmgerät, von dem Linda im Hintergrund hintenrunterfällt: verschenkt und also vergebliche Inszenierungsmühe.

Die Besetzung des Regisseurs: Eigentor der Ferres.

Oft wirkt die Linda-Figur so einfältig wie das Drehbuch. Das ist bei so einem knalligen Stoff unverzeihlich.

Viele Ansätze, die vom Stoff szenenergiebig was hergäben, werden inszenatorisch ins Nirwana geschickt, die Story mit dem Koj, der die Farbe verliert, mit der Bekannten, die in die Wohnung kommt, die kleine Revenge-Geschichte der Putzfrau, generell die Umkehrung der Welten durch die Rollentauschsituationen, nichts macht richtig Spaß beim Zuschauen, weil man es erst herausdröseln muss.

Gegen Schluss kennt die Gefühlsuddeligkeit der Schauspieler keine Grenzen, hier wirkt die Komödie aufgeschwämmt, um überschnulzig zu werden mit „Das Glück ist dort zuhause, wo sich zwei Herzen berühren“.

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Scumeck Sabottka ist einer der Big Player der hiesigen Konzertbranche. Er ist dazugekommen, weil er Musikfan ist, weil er immer Musik gehört hat. Eine Krankheit hat ihm indirekt den Weg geebnet. Eine diagnostizierte Gelbsucht hat ihn davon überzeugt, keinen Alkohol zu trinken. Deswegen war er gut geeignet als Fahrer für Bands. So hat er den Veranstaltungsbetrieb kennengelernt, konnte am Steuer weiterrauchen, Musik hören und im Kartenlesen war er auch gut.

Zum Sprung ins selbständige Veranstalten war es dann nicht mehr weit. Sein Name ist ihm wichtig als Qualitätsname. Sicher verdient er gut Geld, ein kleiner Blick in seine Garage mit Oldtimern bestärkt diese Vermutung. Aber sein primäres Interesse gilt der Musik, Bands, die er liebt, zu promoten und herauszubringen.

Sobo Swobodnik hat dieses filmische Porträt über Scumeck Sabottka gedreht. Er umklammert es mit Bildern vom Boxtraining des Managers. Swobodnik wird sich überlegt haben, wie er einen Mann aus dem Hintergrund, der doch primär organisatorisch aktiv ist, spannend auf die Leinwand bringen könnte. Er hat sich für einen schwarz-weiß Film entschieden und der Fotografie Spiel- und Experimentierraum eingeräumt, manchmal vielleicht etwas zu viel mit Stop und wieder zurück.

Swobodnik hat sich entschieden, vieles aus der Sicht der Protagonisten zu zeigen, weil er oft unterwegs ist im Flugzeug, im Auto, mit dem öffentlichen Nahverkehr oder gar mit dem Motorrad.

So ergeben sich kunstfotographische Städtimpressionen bei Tag und bei Nacht. Oder man sieht den Protagonisten in Büros, Studios, Arenen, bei Besprechungen, beim Entspannen, bei der Massage, in der Badewanne, beim Tätowiertwerden, beim Auspacken von Merchandising-Artikeln, Taschen mit aufgedruckten Zitaten aus dem Buch „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ von Svetlana Alexievich (um im Kopf was anzuschubsen).

Musikalisch geht der Dokumentarist ganz auf seinen Protagonisten ein, der Film ist untermalt von Musik von Dinos Chapman (welche er seit zwei Jahren fast ausnahmslos hört), von Yasmine Hamdan und Kedi Mina. Wobei Swobodnik auch auf der Tonspur gerne mitexperimentiert mit Verzerrungen und Überhöhungen oder mit Dimmen von Sprache oder anderem O-Ton.

Eine durchgehende Story ist ein längeres Radiointerview in dem immer wieder, wie auch in anderen Szenen, gut verdaulich einige Infohäppchen über das Musikmanagement verarbreicht werden. Es gibt private Einblicke in sein rührendes Verhältnis zu seiner rüstigen Mutter oder beim Kochen mit seiner Lebensgefährtin. Er ist ein Eierkopf, kahlrasiert mit schwarzumrandeter Brille, ein Kopf, der so schon das Bild eines Intellektuellen oder eines Künstlers abgibt und sich dem Fotografen geradezu anbietet, umso mehr als Swobodnik eine sehr ruhige Figur ist, die ja den Überblick braucht.

Der Film fügt sich wunderbar ein in eine Reihe neuerer Musikfilme: Kraftwerk, Denk ich an Deutschland in der Nacht, Immer noch jung – 15 Jahre Killerpilze, Magical Mystery, Conny Plank – the Potential of Noise.

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Staatskrise in Bayern wegen Bieselns.

Wie die Meerjungfrau sitzt sie auf einem bayerischen Gipfelstein, dann platscht’s und sie sagt als erstes Wort im Film: Scheiße. Das Notdurftthema wird den Film noch durchgängig beschäftigen, gewollt, ungewollt.

Zurück im heimatlichen Gefilde im Tal deuten die ersten Dialogfetzen auf die Unterscheidung zwischen Bayerisch und Preussisch hin. Es ist Kathi, die jetzt zur Schule muss. Traktoren, Jeeps, Kirchen, gestandene Bayern, Flugaufnahmen um die Kirche, die mitten im Agglomerationsort steht, das sind die Bilder. Ratespiel mit Zettel am Kopf. Song: i bin a Bayer, an echter Bayer.

Mediensatire, Politsatire, Bayernsatire und alles nur, weil der Ministerpräsident bei einer Konferenz mal muss, da hat grad einer die Frage gestellt, was er zu machen gedenke, „austreten“ murmelt er vor sich hin. Das löst einen Mediensturm, politische Zerwürfnisse aus, hetzt ihm eine Pressemeute auf den Hals, Papparazzi. Das abstrakte Wort verleitet zu den gegenteiligsten Interpretationen. Wie geht es weiter mit Bayern?

Schelmisch, frisch von der Leber weg, unbekümmert und in den herrlichsten bayerischen Mundarten – und andere bis hin zum Österreichisch kommen auch vor, man ist ja tolerant – erzählen Andreas und Tanja Schmidbauer dies und die sich daraus ergebenden Verwicklungen.

Der ganze Clan des Ministerpräsidenten Hans Reitmayer (Markus Böker) wird involviert, Ehefrau, Kinder (ein Sohn und eine Tochter), die leben in WGs, haben Kumpels, Freund, Freundin. Der Medienzirkus sucht die Eltern und die Schwiegereltern heim. Die wohnen verstreut in Bayern auf einer Alm oder in Franken.

Reitmayer kann sich dem Angriff nur durch Flucht im Auto eines Paketzulieferers entziehen. Aber die moderne Kommunikationswelt von Handys und Blogs deckt das Inkognito schnell auf.

Der Film ist in dieser lockeren Story wie eine Ansammlung bayerischer Anekdoten und Sprüche, ein Spiegel der feinhumorigen Abteilung dieser Lebensart vermengt mit einem Schuss derber Bauernschläue und viel Herzlichkeit.

Er nimmt ganz unverbissen und in keiner Sekunde bösartig oder beleidigt, sondern mehr mit einem Augenzwinkern ’so sehen wir unser Land‘ die bayerische Lebensart auf die Schippe. Biedert sich in keiner Weise an, ist nicht auf Schenkelklopfer bedacht.

Der Nachteil des Urigen, das recht unverfälscht rüber kommt, ist vielleicht für den Nicht-Bayern ab und an, dass es mit dem wörtlichen Verstehen nicht ganz so leicht ist, akustisch-sprachlich. Aber da das Motto eh ist „Ma sagt ja nix, ma redt ja bloß“, spielt das keine relevante Rolle.

So ein Film kommt jedenfalls pfiffiger, sympathischer und glaubwürdiger rüber als so manch bayerischer ZwangsgebührenFernsehkrampf wie Hindafing oder Falsche Siebziger.

Das prächtig aufspielende Ensemble versammelt gleichberechtigt bekannte Namen und weniger bekannte: Christine Eixenberger, Peter Rappenglück, Barbara Weinzierl, Thomas Kress, Stephanie Liebl, Hubbi Schlemer, Eisi Gulp, Uli Bauer, Lena Apelroth, Constantin Merk, Robert Ehlis, Roland Hefter, Volker Heißmann, Saskia Vester und last not least legt Veronika von Quast einen remarkablen Auftritt als österreichische Politikerin hin (eine reife Altersrolle für die ehemalige Kanal-fatal-Lady; Caster: aufgemerkt!).

Mit Musik von Deschowieda, Django 300, die Spritbuam, Anzwies Muse, Mundwerk Crew, Heischneida.

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Tom of Finland ist das Pseudonym des finnischen Zeichners Tuoko Valio Laaksonen. Seine knackigen Zeichnungen von Männern sind reduziert auf die manifesten Sexmerkmale in Uniformteilen – unter Leder oder nicht. Sie haben die amerikanische Schwulenbewegung in den 70ern angetörnt und angeheizt.

Dieses Biopic in der Regie von Dome Karukoski nach dem Buch von Aleksi Bardy + 6 möchte das Pseudonym lüften und versteht Kino zugleich reduziert auf das Durchblättern eines Fotoalbumes, in welchem aus den Fotos kleine Szenen werden.

Das wirkt so, als zeige uns jemand ein Fotoalbum aus dem Leben von Tom of Finland und gibt immerzu den Kommentar zu den oft schummrigen Bildern ab: hier sehen wir Tom im Krieg (im zweiten Weltkrieg) etc.

Die Fotos sind in der einfachen Art von Souvenirfotos aufgenommen, der Kameramann stellt sich dahin, wos grad passt, so dass er den Protagonisten und allfällige Zweit- und Drittpersonen gut ins Bild bekommt.

Der hypothetische Erzähler fährt fort: und hier sehen wir Tom in der Militärzeit im Park. Hier begegnet er seinem vorgesetzten Offizier. Sie treibens im Park. Hier schenkt der Offizier ihm ein silbernes Zigarettenetui. Hier sehen wir ihn mit seiner Schwester. Hier stellt seine Schwester Kaija (Jessica Grabowsky), es ist nach dem Krieg, den neuen Untermieter, einen Tänzer vor.

Hier sehen wir die erste Annäherung zwischen Tom (Pekka Strang) und dem Tänzer Veli (Lauri Tilkanen). Hier sehen wir eine Razzia im geheimen Club seines ehemaligen Vorgesetzten; denn Homosexualität wurde zu der Zeit in Finnland noch streng bestraft.

Hier sehen wir Tom in einer Pension in Berlin, nachdem er von einem Mann, mit dem er hier die Nacht verbracht hat, beraubt worden ist. Hier sehen wir ihn, Zeichnungen nach Amerika schicken. Hier sehen wir, wie er die ersten gedruckten Bilder davon erhält.

In dieser Form wird das nicht besonders aufregende Leben des aufregenden Zeichners nachbebildert. Das ist immerhin informativ für den, der es noch nicht wusste und erinnert die rigiden Zeiten, als Homosexualität noch strafbar war und im Geheimen blühte, was den fruchtbaren Boden für Toms Zeichnungen abgab.

Ebenso erinnert der Film die aufkommende AIDS-Hysterie, daran soll Tom ursächlich mitverantwortlich gewesen sein. Erinnert an Ausstellungen von ihm, an den Druck des ersten Buches mithilfe von lauter Ledertypen, weil er zu dieser Aids-Zeit geächtet war und keiner ihn drucken wollte.

Das höchste an Humor, was sich der Film erlaubt, ist eine Vorhangkaufszene in einem Stoffladen. Die Verkäuferin fragt Tom und seinen Freund, ob sie den Vorhang mit Ringen wollen, worauf Tom und Veli einer nach dem anderen verschmitzt antworten: Ja, ich will!

Ein merkwürdiger Riss in der Fasssade des Verhältnisses von Tom zu seiner Schwester tut sich nach dem Tod seines Freundes Veli auf. Seiner Schwester zeigt ihm hobbykünstlerische Aquarelle von sich und meint, sie seien ja beide nur mittelmäßige und erfolglose Künstler. Daraufhin öffnet er die Tür zu einem Nebenraum, in dem er die vor ihr bislang versteckte Kunst ausgestellt hat und meint, nein, er habe Erfolg.

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Auf höchst spannende Art erzählt Tarik Saleh etwas über das heutige Kairo, das heutige Ägypten. Er hat zwar an vielen Orten der Welt gedreht, in Marokko, Deutschland, Schweden, nur in Ägypten nicht; aber wie Saleh diese Dauer-Kairo-Atmosphäre von Lärm und Hektik und Enge auf die Leinwand bringt, fast dokumentarisch, das ist ein Kunststück für sich.

Vor dem Hintergrund der Revolution in Ägypten von und den sich steigernden Unruhen am Tahir-Platz erzählt er einen perfekten Thriller, der alle Regeln des Genres beherrscht und befolgt.

Im Hilton am Nil wird eine bekannte Sängerin ermordet aufgefunden. Ein reicher Geschäftsmann, Hatem Shafiq (Ahed Selim), wird mit dem Mord in Verbindung gebracht. Zimmermädchen Salwa (Mari Malek), ein Flüchtlingsmädchen, ist die einzige Zeugin, die bestätigen könnte, dass der Geschäftsmann nicht der Mörder gewesen ist.

Polizist Noredin (Fares Fares) wird mit dem Mordfall befasst. Der Fall wird jedoch auf höhere Weisung von seinem Vorgesetzten und Onkel Kamal (Yasser Ali Maher) zu den Akten gelegt. Jetzt ermittelt Noredin selbständig weiter und begibt sich auf vermintes Terrain.

Saleh benutzt diesen Plot, um ein vielschichtiges Stimmungsbild aus dem Ägypten von 2011 auf die Leinwand zu bringen. Es dürfte in vielem vom Heute nicht abweichen. Die Krake Korruption, die mit geschmierter Selbstverständlichkeit sich überall einnistet, die sich auch innerhalb der Polizei bis zur Erpressung mit Fotos mit Nutten ausweitet.

Ständig werden beim kleinsten Begehr von einer Amtsstelle oder in einem Hotel oder von anderen Dienstleistern Notenbündel verschoben und dann öffnen sich die Wege wie von Geisterhand.

Saleh schildert dieses Kairo als ständig hochtourig pulsierende Stadt; darunter setzt er drängend treibende Musik, eine Stadt, die atemlos um ihr Überleben rennt und hastet. Dabei fallen wie selbstverständlich Impressionen von den Demonstrationen mit Prügeleien und Schießbefehl ab.

Mit Fares Fares hat er ein markantes Gesicht von Kommissar, einer dem man das Zuhören und das Interesse für den Fall abnimmt, ein Kommissar, der nachdenkt und der nicht nur „nachdenken“ mimt. Einer, der versucht, klar zu kommen in dieser vorherrschenden Korrumpiertheit, auch wenn er sie, wenn sie ihm nützt, souverän selbst nutzt, aber der das Gefühl hat, sich für ein Einsprengsel von Gerechtigkeit einsetzen zu müssen.

Wie nebenbei ergibt sich dadurch ein Einblick in verschiedene gesellschaftliche Verhältnisse, in die Besitzungen des reichen Geschäftsmannes, eines Abgeordneten oder die kleinen Verhältnisse von Polizisten, Flüchtlingen und dann wieder die internationale Hotelwelt oder die Aufstände auf den Straßen.

Das treibende Dröhngewumme, die dringlich Aufmerksamkeit einfordert, gibt die Aufgewühltheit der Stadt musikalisch wieder, musikalisch-bilhaft-rauschhaft.

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Kongo-Kino nicht aus dem Kongo.

Alain Gomis in Zusammenarbeit mit Olivier Lousteau und Delphine Zingg dreht seinen Kongofilm in Senegal und Frankreich, im Libanon und lässt ihn aus Deutschland mitfinanzieren. Mit einer Handykamera, die sich wie ein Magnet an die Objekte seines Interesse heftet, entwirft er ein zügellos-wildes Porträt der Sängerin Félicité, das gleichzeitig ein Porträt der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa in Handykamerarealität mit ihrem Gewusel, ihren Träumen, Visionen und Schmerzen, mit ihrer Musik und Lyrik ist.

Félicité (Véro Tshanda Beya Mputa) verdient ihren Lebensunterhalt als Sängerin in Musiklokalen mit hohem Lärm- und Energiepegel und latenter Randalenbereitschaft Alkoholisierter, damit ist Platz für das Thema Gewalt.

Félicité ist ihrem Ehemann weggelaufen und schon früh in der Jugend war es schwierig mit ihr. Sie hat einen anderen Namen gehabt, bis man sie wie tot in einen Sarg gelegt hat und ihr dann den französischen Namen Félicité (Glückseligkeit) gegeben hat, krass im Gegensatz zu ihrem Lebenskampf.

Wenn sie gut singt, drücken ihr die Männer Geldscheine auf Kopf und Brust. Zuhause lernt sie den ‚Techniker‘ Tabu (Papi Mpaka) kennen, der soll ihren neuen und bereits kaputten Kühlschrank reparieren.

Bei einem Konzert erfährt sie, dass ihr Sohn Samo (Gaetan Claudia) einen Motorradunfall hatte und im Krankenhaus liegt. Das wird den Film jetzt über eine längere Phase beschäftigen, wie sie versucht Geld für eine Bein-OP aufzutreiben, denn das geht nur gegen Anzahlung und Medikamente muss sie vorher auch besorgen.

Eine Frau, die am Bett eines anderen Patienten sitzt, bietet sich an, für sie die Medikamente mit dem Rezept zu besorgen. Aber Frau und Geld bleiben verschwunden. Gutgläubigkeit hat ihren Preis, auch im Kongo.

Die Geldauftreiberei – kaum jemand lässt sich breitschlagen, ihr Geld zu geben, selbst die Band, bei der sie auftritt, kann sich bei einer Gruppenaussprache nicht dafür entscheiden, und auch beim Vater ihres Sohnes bedarf es handfesten Auftretens und gewisser Laustärke, bis der was locker macht – das dauert alles lange, teils nimmt sie die Hilfe eines bestechlichen Polizisten in Anspruch, bis die Leute Geld rausrücken.

Wie sie mit dem Geld ins Spital zurückkommt, heißt es zuerst, es sei nicht genug und dann ist es insofern zu spät, als der Arzt ihrem Sohn das halbe Bein notamputiert hat, da die Gefahr von Infektionen bestanden habe. So viel zum Zustand der medizinischen Versorgung im Kongo.

Alain Gomis erzählt das nicht protokollhaft. Er vergisst nie das Kinshasa-Porträt, das er auch entwerfen will mit aufwühlenden Impressionen vom Stadtleben, den Märkten, den Straßen, kaum geteert, mit lyrischen Texten, die Félicitas entweder als ob sie übe für sich spricht oder mit Tabu austauscht, wobei auch die Kühlschrankgeschichte immer wieder eine Rolle spielt, mit Visionen und wiederum Einblicken in die Probenarbeit des Symphonie-Orchesters von Kinshasa oder von einem klassischen Chor, dann wieder düster-nächtliche Aufnahmen, schattenhaft, von Félicité im Wasser.

Ganz nebenbei entwickelt sich eine Liebesgeschichte zu Tabu, der in einem kleinen Show-Act den Kühlschrank zum Brummen bringt. Da ist der Sohn, der kaum spricht, schon mit dem Beinstummel aus dem Spital in Mutters Wohnung gebracht worden. Er sitzt nur da, wenn Tabu ihn ins Wohnzimmer auf das rote Sofa setzt, bis sich plötzlich eine wilde Szene zwischen ihm und Soma entwickelt, Hund und Katze spielen sie und kriechen auf dem Boden.

Eine Hautnah-Doku, die dem Puls von Kinshasa mit Handykameraneugier und -leichtigkeit nachspürt genauso wie der Person von Félicité, der ihr Ex vorwirft, sie habe stark sein wollen, sie habe der Welt beweisen wollen, dass sie das Leben meistere, dabei habe sie einen Banditen großgezogen.

Der Fortgang des Filmes ist in seiner Eigenwilligkeit / Unberechenbarkeit durch die freie Wahl verschiedener Elemente zwischen Realität, Impression, Vision, Lyrik und Klassik nicht leicht und nicht auf Anhieb vorhersehbar, was ihm bereits eine bemerkenswerte Qualität verleiht, er erlaubt sich urplötzlich den Freeze-Trick, dass in einer Straßenszene bis auf eine Figur alle Passanten ihre Bewegung anhalten. Kongorealität – gespalten oder der verschiedenen Tempi.

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