Archiv für Oktober 2017

Mitten in den europäischen Schmerz.

Hof hat den Film nicht genommen – das ist unverzeihlich. Zürch schon. Andere Festivals werden folgen. Im HFF-Abschlussfilm von Alexandra Wesolowski geht es um grundsätzlich Demokratisch-Europäisches.

Alexandra Wesolowski hat ihre Tante Danuta in Warschau besucht, die sich anschickt mit ihrem Mann Maciej die goldene Hochzeit zu feiern. Die beiden sind 50 Jahre verheiratet. Eheschließung 1966 tief im Kommunismus. Es sind gebildete Leute. Die Berufe haben sie hinter sich gelassen, darum spielen diese keine Rolle mehr.

Sie wohnen stilvoll, mehr als nur bürgerlich in einer vornehm eingerichteten Villa. An den Wänden großformatige Ölgemälde, auch Danuta als junge Frau. Sie spielt meisterlich Klavier. Die Figurine einer Balletttänzerin erzählt von mindestens einem Faible für diese Kunst.

Danuta ist eine resolute, höchst gepflegte Dame. Nicht vorstellbar, dass sie, ohne sich hergerichtet zu haben, aus dem Haus gehen würde. Sie übt als strenge Regisseurin mit dem Enkel den Begrüßungstext für die Gäste. Damit fängt der Film an.

Die Vorbereitungen auf das Fest, zu dem auch eine kirchliche Feier gehört, sind der äußere Plot dieses Dokumentarfilmes; soweit handelte es sich vorerst um eine reine Privatangelegenheit. Die europäische Dimension meldet sich eruptiv in heftigen Diskussionen mit der informierten und engagierten polnischen Verwandtschaft. Alexandra ist bundesrepublikanisch sozialisiert, spricht fließend polnisch und hat ihre liebe Mühe mit den rechtslastigen Ansichten ihrer Verwandten.

Dabei offenbart sich ein unerwartet politisches Bewusstsein der Polen, andererseits ein abgrundtiefer Skeptizismus allem linken Gedankengut gegenüber, das dem Ideologieverdacht ausgesetzt ist wegen der Schnittmenge zum leidvoll Jahrzehnte lang erlebten, unterdrückerischen Kommunismus. Gleichzeitig wird eingeschränkt, man reagiere vielleicht naiv, intuitiv und sowieso mit einem natürlichen Reflex gegen alles von Außen, was einem Vorschriften machen möchte wie die EU.

Gerade in der kommunistischen Zeit wurde in der heute rechts sich verordnenden Schicht die politische (private) Diskussion gepflegt – und Danuta meint, da war man wengistens einer Meinung.

Es wird aber auch die Angst vor der europäischen Verordnungswut spürbar (Sexunterricht im Kindergarten? Genderthema). Auf den Einwand gegen den Euroskeptizismus, Polen profitiere doch finanziell von der EU, kommt stracks zurück, ohne zu überlegen und wohlformuliert, dass die französischen Bauern doch mehr EU-Subventionen erhalten würden als die polnischen.

Als eingefleischter Westeuropäer muss man sich bei diesem Film an der eignen Nase nehmen, ob wir uns nicht, bloß weil wir wirtschaftlich und lebensstandardmäßig erfolgreicher sind, nicht hochnäsig aufführen und ob wirtschaftlicher Erfolg wirklich das einzige Kriterium für die Wertigkeit und Wertschätzung eines anderen Landes darstellen darf.

Denn es kommt auch der Vorwurf, dass gegen die jetzige polnische Regierung sofort ein Aufschrei durch Europa gehe wegen verfassungsrechtlicher Fragen, während bei den früheren, linken Regierungen die EU die dort herrschende Korruption mit Stillschweigen quittiert habe.

Der Film sollte Pflichtprogramm werden für jeden Politiker, der seinen Mund zum Thema Europa und Polen aufzumachen gedenkt.

Da er gerade mal 75 Minuten lang ist, könnte er im Kino durchaus mit dem deutlich behaglicheren „Death is so permanent“ als Vorfilm gezeigt werden. Der hatte gleichzeitig mit Wesolowskis Film Premiere. Es ist der HFF-Abschlussfilm (ca. 25 Minuten) von Moritz S. Binder, der hintersinnig das an der HFF Gelernte zum Thema Filmemachen und Drehbuchschreiben reflektiert anhand eines Fotos, das den Vater des Filmemachers anno 1952 als Knirps mit dem „12-Finger-GI“ auf einem Schwarz-Weiß-Foto zeigt. Dieses soll Dreh- und Angelpunkt für den Film des Studenten werden, damit er diesem voranstellen kann: nach einer wahren Geschichte.

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Verjuxt.

Ein taffe Stimme befiehlt: „Stehen bleiben!“, macht eine pointenschwangere Gedankenpause und fügt dann mit kleiner, fast flehentlicher Stimme hinzu: „Bitte“. Lacher im Publikum.
Auf einem langen Steg, der an die Zufahrt zu Key West erinnert, will ein Höllenhund den Exodus von Menschen, die ein Raumschiff als rettende Arche erreichen wollen, zum Halten bringen. Aus dem Weltall fällt ein Riese direkt vor diesen Hund, ist zur Größe eines Hundekuchen geschrumpft. Lacher im Publikum.

Diese und viele standardisierte Dialogpointen sind das Feld, auf welchem diese Comic-Verfilmung von Taika Waititi nach dem Buch von Craig Kyle, Christopher Yost, Erica Pearson, nach dem Marvel von Stan Lee, Larry Lieber, Jack Kirby weidet und auch seinen Ertrag einfahren wird. Waiti schaltet auf bewährten Joke-Modus.

Titelheld Thor (Chris Hemsworth) ist ein Leidensmann, aber er hat Humor. Er sieht in manchen Momenten aus wie der Christus. Darauf referiert auch ein Wandgemälde in einem kirchlich anmutenden Monumentalraum. Das Bild ist nachempfunden der frühen christlichen Kirchenmalerei, als die Heiligen und die biblischen Figuren noch mit viel Gold umgeben waren. Thors Blick wohnt ein Hauch Abenteurertum inne.

Thor ist ein Held, auch ein Muskelheld, viele Bilder setzen ihr Augenmerk auf seinen besonders großen rechten Oberarmmuskel; das kommt vom Schwingen des Hammers. Aber just den vermisst er und den braucht er, um aus seiner misslichen Lage am anderen Ende des Universums sich befreien zu können.

Als Leidensmann wird er in der ersten Szene eingeführt, in Ketten verpackt und hängend ; aber schon hier zeigt sich, dass der Inszenierungsstil es auf Pointen und Witz abgesehen hat, auf Lacher durch Dialoge. Die sind professionell hergestellt und dürften im Kino ihren Widerhall finden.

Auf dem Weg zurück in seine Heimat Asgaard stellen sich Thor zwei Stunden lang alle erdenklichen Hindernisse, böse Machtfiguren, Kämpfe und Vertrauensprobleme in den Weg.

Heerscharen von Computeranimateuren hatten alle Hände voll zu tun, um die Leinwand keinen Moment fad oder öde erscheinen zu lassen (an die kürzlich veröffentlichten Bilder von Gravitationswellen kommen sie meiner Meinung nach nicht heran).

Eine Gegenspielerin ist Thors eigene Schwester Hela (Cate Blanchett – sie kann sich auf jenen klassischen Duktus von Prologsprecherei verlassen, wie sie ihn in „Manifesto“ exzessiv praktiziert).

Der Film springt von den Sujets hin und her zwischen den verschiedenen Welten und Planeten von klassizistisch über naturnah über Schrott- und Mummenschanzwelten bis futuristisch, hat im Klassizismus jene Szenen in den großen architektonischen Symbolen der Macht, wie auch der Monumentalfilm sie liebte. Und macht eine lange Zwischenlandung in Gladiatorenwelten wie aus dem alten Rom und dem entsprechenden Massenspektakel.

Damit solche Filme im Kino spannend bleiben, denn sie werden ja in Serie hergestellt, müssen die Computeranimationen immer wilder werden. Das verändert aber auch die Wahrnehmung des Zuschauers. Und wenn die Geschichte nicht extra spannend exponiert wurde – den Eindruck verstärkt lustigerweise die gelungen durchgeführte Pointenintention der Inszenierung – so sehe ich, gerade wegen der Überfülle der Effekte, inzwischen immer häufiger die Darsteller vorm Blue- oder Greenscreen auf leerer Bühne agieren, quasi als Umkehreffekt der Effekte.

Viel Show- und Spektakelraum nimmt der Grandmaster (Jeff Goldblum) als der Direktor der Gladiatorenkämpfe ein. Ein anderer wichtiger Gegner und besonders zwielichtig ist Thors adoptierter Bruder Loki (Tom Hiddleston). Wie überhaupt ein Kern dieser Geschichte die Familiengeschichte ist, dazu gehört auch Thors Vater Odin (Anthony Hopkins), wobei Thor der Erstgeborene ist.

Voluminöse Musik beugt vor gegen allfällige Schwachstellen von Story oder auf der Leinwand. Ansonsten ist das Leben hier ein ewiger Kampf und noch ein Kampf und noch ein Kampf und immer geht es um das Überleben. – Fast wie im richtigen Leben.

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Liebe im Gesamtschulchaos, Liebe in Britannien, Liebe und Kunst in den USA, Kunst und Überleben in Frankreich, unsichtbares Überleben in Berlin, Vampirstories im Familienurlaub, Unvollendetes einer Afrikreise, Kindheitsreminiszenzen ohne Story aus München und ein Bilderwasserschwallbefall aus Bayern. Auf DVD gab es einen eleganten Thriller und im TV das Biopic einer Holocaust-Überlebenden.

Kino
FACK JU GÖHTE 3
Gesamtschule ist kein Zuckerschlecken.

GOD’S OWN COUNTRY
Je britisch kühler die Gegend, desto heißer die Liebe.

MAUDIE
Geburt der amerikanischen Folk Art aus dem Schoss einer eigenbrödlerischen Liebe.

DJANGO
Die Nazis verfolgten auch in Frankreich die Zigeuner, wollten aber Django Reinhardt für ihre Zwecke einspannen.

DIE UNSICHTBAREN
Die Kunst, als Jude im Naziberlin übersehen zu werden.

DER KLEINE VAMPIR
Antons Kinder- und Urlaubsträume von Vampiren.

UNTITLED
Der Dokumentarfilmer wollte die Welt so filmen, wie er sie antrifft. Eine filmische Hinterlassenschaft.

SOMMERHÄUSER
Deutsche Nachwuchsregisseurin bastelt sich ungenau – das verraten die Dialoge – Kinderheitserinnerungen zurecht.

BAYERN SAGENHAFT
Ein kinematographischer Wolpertinger aus Bayern.

DVD
THE HUNTER’S PRAYER – DIE STUNDE DES KILLERS
Der Killer heißt Lucas, hat eine Tochter, die er nicht kennt, und soll eine junge Frau im ähnlichen Alter töten.

TV
CHARLOTTE KNOBLOCH – EIN LEBEN IN DEUTSCHLAND
Biopic.

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Bora Dagtekin, der Erfinder dieser Reihe, Autor, Produzent und Regisseur und sein Zugstar Elyas M’Barek, der Exknasti und Gesamtschullehrer Zeki Müller, sind sich treu geblieben und werfen einen dritten und letzten Teil als pubertätsgrelle, temperamentvolle Klamotte vor ernstem bis schmerzhaftem gesellschaftlichem und bildungspolitischem Hintergrund auf den Markt.

Nicht Stringenz und Konsequenz von Story und Drama interessieren sie primär, wie es mit dem Zeki Müller weitergeht, dessen Situation wird inzwischen als gegeben angenommen. Vielmehr spielen sie lustvoll magazinhaft, gegen die political Correctness auf einigen Baustellen in unserem Bildungs- und Gesellschaftssystem.

Am bittersten dürfte das Thema der Berufswahl sein. Was sind die Zukunftsaussichten dieser Schüler, viele mit Migrationshintergund, und einer überschaubaren schulischen Bildung? Eine hervorragende Corinna Harfouch arbeitet im BIZ hart an der Desillusionierung. Wie hier schwere, anstrengende Berufe mit niedriger Zugangsschwelle in Imagefilmen doch schön geredet werden, wie wunderbar es sei, alten Menschen zu helfen oder Müll zu entsorgen (fragt sich nur, warum es Mühe macht, für diese Traumberufe Interessenten zu finden?)!

Das Thema des Klauens der Examensaufgaben wird eher locker durchgesponnen, da geht es ja auch auf das Ende dieses letzten Teiles zu (ein fettes Happy End, wer will das monieren, wir sind im Kino, die gesellschaftliche Realität wird die Menschen alsbald wieder einholen).

Man wird sie vermissen, die Schüler und Lehrer der Goethe-Gesamtschule. Diese ist nicht sehr gefragt, ihr drohen harte Konsequenzen, wenn sich nicht genügend Schüler für den nächsten Jahrgang bewerben. Das führt zu einem Schüler-Anwerbe-Extempore in einer Grundschule.

Ein Thema ist das Mobbing. Extrem, zu welchen Handlungen solches führen kann am Beispiel des dicklichen Justin (Anton Petzold). Immerhin wird das vor einer Vollversammlung der Schule in der Turnhalle verhandelt, geleitet von Katja Riemann als Schulleiterin Gudrun Gerster, die zum Vorteil des Filmes wieder mehr Platz eingeräumt bekommt. Bei der Vollversammlungsszene schrammt der Film allerdings knapp am Muster des amerikanischen Weltverbesserungsfilmes vorbei.

Für Uschi Glas ist bei einem weiteren Themenseitensprung, einem Besuch in einer Pinakothek, für eine weitere groteske Szene (nach ihren Selbstmorddauerversuchen im ersten Teil) als Opfer eines Schülerstreiches gesorgt; sonst repräsentiert sie als Pars pro toto wunderbar den „Lehrkörper“. Dem Drogenthema ist ein anderer, kleiner Seitenstrang gewidmet. Ebenso der Todessehnuscht (Fahrt in den Hades der „Suizidfotzen“).

Für die Teens unter den Fans wurde eine kleine Lovestory eingebaut. Dann das Thema der Schülerzeitung („Klassenfurz“). Daneben gibt es Einblicke in die Themen Lehrprobe (zu Homo Faber für Müller, der von sich behauptet „ich habe die Arschgesichter an der Backe und muss ständig improvisieren“), Schulinspektion, Zustand der Schule, Impfung.

Turbulent geht es zu und die Musik knallt in Discolautstärke. Treu sind sich die Macher zu ihrem und des Filmes Vorteil bei den Besetzungen geblieben. Besonders der Wutschüler Danger (Max von der Groeben) hat hier einen grandiosen Lauf. Wobei eine Sandra Hüller als Lehrerin nicht an den verbiesterten Perfektionismus einer Karoline Herfurth herankommt, da schwingt Toni Erdmann noch zu locker mit.

Bei einigen Zubesetzungen entsteht der Eindruck, dass nicht zu viel Geld in Casting und Darsteller investiert werden sollte. Was soll’s, solche Mäkeleien können dem kraftvollen, engagierten Gesamteindruck nichts anhaben.

Die Goethe-Skulptur vor der Schule mit dem Che-Guevara-Kopf und der Zigarette im Mund, die entschädigt allein dafür und Schulleiterin Gersters Begründung ist herrlich genug, dass die Leute eh nicht übers Knie schauen, dass es so billiger war und dass sie die Zigarette für einen Schreibstift halten würden. Auch der Streich mit der Sprinkleranlage ist ein tauglicher Schülerstreich. Schüler, die Streiche machen, die sind noch nicht tot – so wenig wie Filmemacher, die sich der Schulstreiche annehmen.

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Viel von der ruhigen Stimmung in diesem Film von Sonja Maria Kröner ist der Kamera von Julia Daschner geschuldet. Sie ist rücksichtsvoll. Sie erzählt allein durch ihr Verhalten viel über die Atmosphäre in diesem Stück Garten mitten in einer Stadt in den 70ern, auf welchem drei unterschiedliche Gartenhäuschen stehen und in dem sich eine Familie ohne Familiennamen aber in mehreren Generationen sommers zum Entspannen einfindet.

Die Kamera tut so, als spiele sie Mäuschen, als wolle sie keinesfalls in das Geschehen eingreifen, als wolle sie auf gar keinen Fall stören, sie schummelt sich sozusagen unsichtbar in Lücken des Geschehens. Nie greift sie in die Handlung ein. Sie stellt sich auf Positionen, in denen sie niemandem im Wege ist. So kommt sie oft hinter die Protagonisten zu stehen, schaut ihnen zu, wie sie einen Nagel in die Wand schlagen, in der Hollywoodschaukel sitzen, eine Sammlung von kleingerahmten Fotos anschauen oder etwas mit der Elektrizität basteln. Denn ein Blitzeinschlag hat für Störungen gesorgt.

Auch ist Oma gestorben. Ihr Kleiderschrank muss ausgeräumt werden. Die Kinder haben Baumhäuser und in der Nachbarschaft wurde in Kind entführt.

In den besten Momenten erinnern die Bilder an Theateraufführungen von Tschechow. Die Menschen liegen relaxed auf Gartenmöbeln. Der Text kommt ungezwungen. Er könnte der Text eines Stückes sein. Das ist eines der Verdienste der Regisseurin, die mit zu dieser Sommeratmosphäre beitragen, dass sie die Akteure zu ruhigem, sachlichem Sprechen anhält.

Wodurch ein privatistischer Eindruck entsteht. Was allerdings auch das große Manko der liebevollen Detailarbeit an einzelnen Szenen deutlich macht, die sich gerne um 70er Jahre Requisiten herum kondensieren: das Fehlen einer Geschichte, der Grund, weshalb es sich lohnen würde, den Film zu sehen, der Grund, warum man den Film sogar unbedingt sehen müsste – der fehlt.

Der Film bleibt im Reminiszenten hängen, durch und durch, es wirkt, als habe die Regisseurin vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen und vor lauter Alltagsbewältigungstexten die Herausarbeitung einer inhaltlichen These glatt übersehen.

Das wird an deutlichen Drehbuchmängeln sichtbar. Da sind Sätze drin, die sind zwar alltagsnötig, bringen aber eine Geschichte normalerweise nie weiter, es sei denn, man hängt im Fernsehrealismus fest. Sätze wie.:
Vorsicht, Vorsicht!
Was soll ich denn machen, die ist doch schon tot, da kann ich nicht viel machen.
Polly, was machst du da, lass doch die arme Frau Fischer in Ruhe.
Seit wann trägst Du Lippenstift?
Aber ich habe Ihnen noch gar keinen Kuchen angeboten.
Ich bin nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.
Wenn der Opa den Sack nicht fallen gelassen hätte.
Ihr geht da nicht mehr drüber, solange kein Geländer dran ist.
Meint der wirklich, das reicht für so viele Leute?

Solche Sätze habe generell keine storybildende Funktion, noch wirken sie storyfördernd, storyvorantreibend, sie bleiben lediglich Nacherfindung, die womöglich aus Unschärfe der Erinnerung oder Beobachtung entstanden ist, um Erinnerungslücken zu überbrücken, die dann mit diesen hypothetischen alltagspraktischen Sätzen gefüllt werden, was ‚man‘ eben in der oder jener Situation sagen würde. Ein krasses Missverständnis von Storytelling und Creative Writing.

Aber der hochkulturelle Mensch wird begeistert sein, denn der Titel lässt diese Saite anklingen mit der Assoziation zu Gorkis Sommergästen.

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Voller Leidenschaft und ungefilterter Begeisterung für den Augenfang Bayern hat Joseph Vilsmaier auf eigenes Risiko und ohne jede Förderung und in Zusammenarbeit mit Hannes Burger (Texte) und Monika Gruber (Textperformance) seinen ganz privaten und individuellen Werbefilm für Bayern über einen Zeitraum von 4 Jahren hergestellt und damit das Genre des filmischen Wolpertingers, was ja super zu Bayern passt und den nötigen Humorinput liefert, kreiert (Mix aus SciFi, Spielfilm, Doku, persönlichem Präferenzfilm, Brauchtumsfilm, Begeisterungsfilm, Bayernfilm, Werbefilm für Bayern).

Vilsmaier selbst untertitelt den Film als ‚kurioser Reigen‘. Wäre Vilsmaier 2 Jahre früher dran gewesen, hätte die bayerische Staatsregierung als Imagegeschenk an die Staatschefs bei der G7-Tagung in Elmau auf diesen Film zurückgreifen können und wäre nicht mit dem entsprechenden Auftrag an Hans Steinbichler leer ausgegangen, denn jener Film sei bis zum Gipfeltreffen nicht verfügbar gewesen und es ist auch nicht bekannt, ob er inzwischen fertiggestellt worden ist.

Diesen Film hingegen habe die Ministerin Ilse Aigner bereits über den grünen Klee gelobt und auch 100 Kinos in Bayern wollen ihn spielen. Vilsmaier wird selber den Film immer wieder präsentieren und so den Kontakt zum Publikum pflegen. Das sagte Vilsmaier bei der Pressepräsentation des Filmes im Filmtheater Sendlinger Tor, einem passenden Ambiente mit einer über 100 jährigen Filmvorführtradition und mit einem schnieke hergerichteten kleinen Foyer-Café.

Hannes Burger erklärte anschließend die Doppeldeutigkeit des Titels, dass in Bayern viele Bräuche (und das Brauchtum ist ein Hauptaugenmerk des Filmes) auf heidnische Rituale des Vertreibens des Bösen zurückgehen, welche sich auf Sagen beriefen. Andererseits gelte das Wort im heutigen Sprachgebrauch: sagenhaft. Und Sagenhaftes gibt eine Fotosafari durch Bayern allemal her.

Die Bilder, die aus 24 Stunden Material zu einem 90-Minüter montiert worden sind, orientieren sich grobmaschig am Ablauf eines Jahres und an der Thematik, die immer wieder angesprochen aber nicht vertieft wird, der Vertreibung des Bösen, des Kampfes gegen das Böse.

Für das Publikum aus Bayern dürfte für alle etwas dabei sein – und das gehört ja auch zur Kultur, die Abbildung der eigenen Aktivitäten, der eigenen Landschaften, der eigenen Stadt und der Kirche und der Gegend, der Berge und der Kulturlandschaft vom Wein- bis zum Hopfenanbau.

Aber es wird auch klar, Bayern in 90 Minuten gänzlich zu erfassen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der Film ist eher ein kursorischer, subjektiver Parcours durch dieses schillernde Land, das, wie der Text sagt, erst durch die Atomkraft aus dem Agrarstaat zum modernen Industriestaat geworden ist.

Der Film streckt sich vom heidnischen Brauch der Vertreibung von Winter und Wölfen durch Glockenlärm und Peitschenknallen über die Mönchskultur, den Barock und das Rokoko und dessen höfische Pracht, das Steinheben in der Tradition des Steirer Hans aus Giesing über Trümmerfrauen aus dem Archiv, dem Wirte-Napoleon oder jüdisches Leben auf dem Bauernhof, über das Bullenrennen, kirchliche Prozessionen, den Himalaya-Park und die Zugspitze, den Weltrekordsemmelknödel bis hin zur ultramodernen Nuklearmedizin und Gehirn-OP mit Robotertechnik.

„Bayern kompakt“ aus der subjektiv-begeisterten Sicht und mit vielen Bekannten des Joseph Vilsmaier. Wenn nur der Hauch einer Prise Karl Valentin beigemengt worden wäre! „An die Klunker merkt man, dass man alt wird“ lässt ein Weltall an Spielraum für jene bayerische Existenzzwidrigkeitphilosophie klaffen.

Tendenz: volkstümelnd. Ein fröhlich-sorgloser Mix an Bilderbegeisterung. So ein Film spielt damit, dass der Zuschauer vor allem darauf achtet, ob seine Gemarkung, seine Region, ob Bekanntes aus seinem Leben darin vorkommt; eine legitime Absicht, die den Radius der Wirksamkeit des Filmes entsprechend eingrenzt.

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Die Liebe ist ein zerbrechlich Ding. Erst recht zwischen zwei so unterschiedlichen Menschen wie Johnny Saxby (Josh O’Connor) aus England und Gheorge, ebenfalls Bauernsohn, aus Rumänien. Liebe ist so selten wie ein bunter Schmetterling. Und der kann bald tot sein – aber dieses Bild ist nur ein schneller Huscher, ein Hinweis auf die Fragilität dieser Liebe.

Aber vielleicht wird ja auch ein Märchen aus der Liebe zwischen Johny und Gheorge, das enden könnten, „und so lebten sie glücklich und in Frieden und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch“.

Johnny, ein schmaler, in sich gekehrter Brite, lebt mit Oma (Gemma Jones) und bewegungseingeschränktem Papa (Ian Hart) auf einer Farm in Yorkshire, Schafe, ein paar Kühe. Er hat ein dröges Leben ohne Perspektiven und Liebe vor sich.

Im Umgang mit dem Vieh zeigt Johnny, dass er zu Zärtlichkeit fähig ist, im Umgang mit Menschen nicht. Man spricht wenig. Karge Landschaft. Ab und an fährt Johnny nach Bradford zum Viehmarkt oder in die Bar. Besäuft sich. Hat schnellen Sex mit anderen Jungs. Unverbindlich. Kommt sturzbesoffen nach Hause, übergibt sich.

Gheorge (Gheorghe Ionescu) kommt aus Rumänien. Sieht traumhaft schön aus wie ein biblischer Prophet in jung. Ist ebenfalls Bauernsohn. Spricht perfekt Englisch, scheint abgeklärt, weise, ist zuverlässig. Er soll helfen, er, den der Brite anfangs abschätzig „Zigeuner“ nennt. Der wird ihn bald ‚Freak‘ und ‚Schwuchtel‘ titulieren.

Die Widerstände gegen die Liebe der beiden sind schnell beiseite geschafft, es ist kein Wehren möglich. Der Film nimmt zielstrebig eine Wendung in Richtung einer schönen RomCom, an der Grenze zu schwülstig in Momenten, wenn die beiden nackten Männerkörper im Stroh und bei Kerzenlicht miteinander zugange sind, heftiges Männerschnaufen und der Wind durch die Ritzen oder beim Lagerfeuer in den Ruinen.

Viel Symbolik auch, die auf Schönheit und Verletzlichkeit der Liebe hinweist. Schöne Blicke auf die weite Gegend und das Meer in der Ferne, ein verheißungsvoller Himmel mit Licht, Gemälde wie aus der Romantik oder die beiden Männer am See.

Auch die Verwundbarkeit, nicht nur bei den Tieren, nebst Totgeburten bei Kuh und Schaf – allerdings gibt es auch Lebendgeburten und Geburtshilfe. Andererseits eine Verletzung in der Handfläche von Johnny, eine ‚Schramme‘.

Gheorge soll nur für eine Woche aushelfen. Aber der Vater stürzt, muss ins Spital, kommt als Pflegefall zurück. Das wäre eine Grund, den Aufenthalt zu verlängern.

‚Gottes eigene Landschaft‘ wird diese karge Gegend in England geheißen, in der dieser Film von Francis Lee spielt. Am Schluss suggeriert er mit Archivaufnahmen aus dem Landleben, dass die Geschichte auf einer tatsächlichen beruht, was sie nur noch märchenhafter erscheinen lässt.

Der Film ist modernisiert. In einem Moment spricht Johnny das Thema Heirat selbstverständlich an. Dass die Liebe den Menschen verändert, zeigt nicht nur sein Verhalten im Alltag, das zeigen auch die Reaktionen der Umgebung, der die Veränderung nicht verborgen bleiben. Ein Film von großer, filmischer Schönheit. Gottes eigene Gegend ist auch die Gegend der Liebe und von deren Geheimnis.

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Sehenswertes Holocaustmuseum, sorgfältig aufbereitet von Claus Räfle, der mit Alejandra Lopez auch das Drehbuch geschrieben hat.

7000 Juden sind im Zweiten Weltkrieg in Berlin untergetaucht. 1500 davon haben überlebt. Vier dieser Überlebenden hatte Claus Räfle befragt zu dieser Zeit im Untergrund und hat die vier Geschichten in trendiger Verzopfmanier ineinandergeschnitten.

Cioma Schönhaus, Ruth Gumpel, Eugen Friede und Hanni Lévy sind die Protagonisten, die in hohem Alter und im milden Lichte der zeitlichen Distanz berichten. Räfle hat viele Szenen illustriert, nachgestellt, aber nicht auf realistische Weise, sondern so, als seien die Figuren Teile einer schön erleuchteten Vitrine und spielten die Szenen zur Erinnerung.

Das Licht ist einerseits mild, andererseits vitrinenkünstlich, vor allem die Gesichter und die Menschen sind gut ausgeleuchtet von eigens installierten Lichtquellen, die weder aus dem Tageslicht noch aus der räumlichen Notwendigkeit erklärbar sind.

Das setzt die Szenen in eine angenehm-nüchterene Distanz, sie führen sich auch nicht als Konkurrenz zu den Erzählungen auf, sie wirken so, als sei ein Simultanübersetzer am Werk, einer fürs Auge. Das gibt der Installation etwas Zeitloses, dürfte sich positiv auf ihre Haltbarkeit auswirken, das meine ich mit dem Begriff Museum, also durchaus positiv gesehen.

Aufgelockert wird diese Erzählstruktur aus Interviews und Nachspielszenen zusätzlich mit Ausschnitten aus Archivaufnahmen, auch Wochenschauen.

Es sind Menschen, die in die Illegalität abgetaucht sind, in einer Zeit, in der die Nahrungsmittel knapp wurden, in der Denunziantentum an der Tagesordnung war und vom Terrorregime direkt gefordert wurde. Auch unter den Juden gabe es Spione, die zum Verrat erpresst wurden. Es herrschte ein Klima des Misstrauens.

Umso erstaunlicher sind doch die vielen Fälle, in denen Mensch selber ihre Sicherheit riskierten, indem sie Juden aufgenommen haben. Für die ‚Illegalen‘ hieß es, sich in Verstellung üben, sich normal geben auf dem Kudamm, im Kino, in der Öffentlichkeit, aber es herrschte auch ständig die Angst, von Leuten aus der früheren Umgebung erkannt zu werden.

Das Untertauchen führte durchaus auch zu komischen Situationen. Mit fortschreitendem Krieg gab es immer mehr Witwen. So bot sich für Frauen die Verkleidung ‚trauernde Witwe‘ geradezu an. So fanden auch die es nicht unkomisch, als solche ins Kino zu gehen.

Einer der Protagonisten war unentbehrlich als hervorragender Dokumentenfälscher. Eine kam als Haushalthilfe bei einem Nazioffizier unter in der feinen Villa. Der war selbst im Widerstand gegen Hitler.

Wobei das Thema der Illegalität, auch wenn es hier um einen historischen Bericht geht, nicht aus der Welt ist. Der Satz „Kein Mensch ist illegal“ ist auch ein heutiges Kampfwort. Auch heute sind Dutzende von Millionen Menschen auf der Flucht. Ai Wei Wei gibt ihnen ein Memento in seinem Film Human Flow.

Neckischer Begriff für das Untertauchen: Flitzen.

Eine parallele Erinnerung einer Untergetauchten war kürzlich im BR zu sehen: Charlotte Knobloch.

Details. Die Vorteile der Verdunkelung. Auch die Gefahr der Gastgeber und Retter, dass die verrückt werden könnten mit dieser ewigen Heimlichtuerei und Aufpasserei und Gefahr. Das Pech mit den Ausweisen des Fälschers, die einer irrtümlich verbrannt hat, was Misstrauen erweckte, und der erst wieder rehabilitiert wurde, nachdem er seine Tasche mit dem eigenen Ausweis in einem öffentlichen Verkehrsmittel hat liegen lassen und sofort steckbrieflich gesucht wurde.

Widerstandsrgruppe „Gemeinschaft für Frieden und Aufbau“, die Kettenbriefe versandte – mit einem Freistempel! Teils hören sich die Schilderungen recht abenteuerlich an.

Obwohl das primär kein Schauspieler-Film ist, da die Darsteller sich der Sache zuliebe zurücknehmen müssen, macht der Aufritt von Andreas Schmidt doch melancholisch. Der ist kürzlich gestorben mit erst 53 Jahren und hat immer die Sympathie gewonnen durch seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit der Darstellung.

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Wieso hatte Michael Glawogger das thematische Vorgehen beim Dokumentieren satt? Wieso wollte er nur nach einem ungefähren Plan um die Welt reisen und „sie so zeigen, wie sie dem kleinen Filmteam in dieser zufälligen, maximal offenen Versuchanordnung entgegentreten würde“ (Pressetext)?

Dabei kann er sie ja nur so filmen, wie sie sich ihm darbietet. Rumreisen und draufhalten, das machen inzwischen Millionen, jeder sein eigener Filmemacher heute, sein eigener Reisedokumentarist, die alle können sagen, das können wir auch.

Ein schmaler Grat also für eine Dokumentation, sich der Beliebigkeit des Reisezufalls anzuvertrauen und trotzdem sich vom Laien zu unterscheiden.

Noch schmaler wird dieser Grat dadurch, dass Glawogger nach etwa einem halben Jahr Drehzeit plötzlich in Liberia an der aggressivsten Form der Malaria gestorben ist.

So hat denn die Cutterin Monika Willi aus dem vorhandenen Material den Film in zeitlicher und örtlicher Hin- und Herhüpfmanier zusammengeschnitten, hat entgegen der ursprünglichen Absicht auf Statements, Interviews, Untertitel, Erkärungen zu verzichten, doch Text darüber gelegt, Glawogger-Texte aus seinem Reisblog, die tendenziell erklärerisch sind und auch Ausschnitte aus einem Interview mit ihm.

Wolfgang Mitterer hat einen angenehm skeptischen Sound drüber gelegt.

So ergibt sich eine lose Aneinanderreihung von kleinen und kleinsten Szenen ohne jeden Anspruch auf ein Storytelling. Und das bewusst. Wobei ein solches Dokumentationen generell ja gut ansteht.

In dem Szenenhaufen (oder in den „Flächen“, wie Monika Willi es nennt) finden sich jedoch immer wieder kleine Geschichten, die für sich – so richtig wie wir unseren Glawogger kennen zu glauben (Whores Glory – ein Triptichon, Megacities, Working Man’s Death)- zu fesseln verstehen. Der Eselsparkplatz vor einer Stadtmauer oder einer Karawanserei, der afrikanische Nachtbasar mit Stromausfall, der Abtransport eines Riesenfischfangnetzes, die Fahrt auf einem offenen Güterzug, der Wind, der den Müll einer Deponie in die Steppe bläst, eine serbisch-orthodoxe Beerdigung, Bewohner in einem geschmacklos eingerichteten Protzpalast an staubiger Landstraße, eine von der Weltgeschichte vergessene Stadt im Süden Liberias, einbeinige Jugendliche beim Kicken. Wobei immer die Kamera von Attila Boa ihren Teil zum Reiz dieser Fundstücke beiträgt, so dass sich der Zuschauer vorkommt wie jene Goldwäscher, die immer mal wieder im Sand ein Goldkörnchen finden.

Der Beifang als Fang?

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Keine geleckte Kinoliebesgeschichte.

Selbst der amerikanische Präsident (Nixon) hat von ihr ein Bild bestellt, von Maud Lewis, die ihr Leben lang an arthritischen Erkrankungen gelitten hat, die ihrer Figur ein verkrüppeltes Aussehen verliehen.

Maud Lewis gilt als eine Pionierin der amerikanischen Folk Art, wir würden wohl naive Malerei sagen und sie ist vor allem in Nordamerika bekannt.

Aisling Walsh präsentiert das Biopic über Maud Lewis als Maudie (Sally Hawkins) und ihre Liebesgeschichte mit dem einzelbrödlerischen Fisch- und Holzhändler Everett Lewis (Ethan Hawke) in einer kleinen Hütte von elf Quadratmetern, die auch zu ihrem Atelier wurde.

Nach dem Film über Rodin, der mehr eine hochkulturelle Erurierung des Wesens des Skulptur darstellt, dann Giacometti, ist das bereits in wenigen Monaten der dritte Künstlerfilm, man könnte auch noch die Doku über Beuys dazunehmen und ein Film über Gaugin ist bereits in den Startlöchern. Bei Rodin war das Atelier noch groß fast wie eine Indsutriehalle, Giacometti hat sein Pariser Atelier mit wenig Schritten durchmessen können und wie Maud und Everett in der kleinen Hütte zurechtkamen und dass sie darin auch noch malte, das bleibt ihr Geheimnis.

Wie denn von diesen Künstlerfilmen der mit dem kleinsten Atelier die größte Liebesgeschichte bereit hält. Everett und Maud sind beides gesellschaftliche Außenseiter. Von Everett erfahren wir nicht viel, außer, dass er abseits wohnt in seiner Minihütte, dass er sein Leben bestreitet mit Fischfang, Holzverkauf und Aushilfe im örtlichen Waisenhaus in filmfreundlicher Gegend am Meer in der kanadischen Provinz Nova Scotia.

Maudie gilt als nicht ganz zurechnungsfähig, so wird sie jedenfalls von ihrer Umgebung behandelt. Eigenmächtig verkauft der Bruder nach dem Tod der Mutter das Haus. Die behinderte Schwester, die muss man grad gar nicht fragen. Sie verletzt das schwer.

Sie soll bei Tante Ida leben. Hier steigt Walsh in ihrer Erzählung ein, die wie auf einer Perlenkette über die nächsten Jahrzehnte bis zum Tod von Lewis dieses Leben berichtet, ganz gut angepasst der vermeintlich schlichten Art ihrer naiven Malerei.

Einfache Szenen, die wichtige Augenblicke zum Gesamtbild fügen. Im Lebensmittelgeschäft bekommt Maudie mit, dass Everett eine Haushaltshilfe sucht. Es ist der Moment der Enttäuschung über das Verhalten ihres Bruders und auch von Tante Ida will sie weg. So humpelt sie denn die Meilen bis zu der entlegenen Hütte, nachdem sie sich den Zettel vom Anschlagbrett genommen hat.

Holprig nur kommt die Beziehung dieser zwei Menschen, die vom Schicksal nicht verwöhnt sind, die nicht zu den Glanzfiguren irgend einer Gesellschaft gehören, in Gang, aber von Maudie beharrlich betrieben gegen Everetts Machotum und Misstrauen und auch gegen seine physische Gewalt. Maudie setzt die Beziehung durch. Sie hat nichts anderes.

Irgendwann entdeckt sie einen Farbtopf, platziert einen Klecks auf dem Tisch, auf der Wand. Daraus werden Blumen, Vögel, Bäume, Menschen. Selbstverständlich schlafen beide im selben Bett, aber ans Liebemachen denkt erst mal keiner von beiden. Doch Maudie möchte heiraten.

Eine New Yorkerin entdeckt Motive von Maudie auf einem Zettel, auf dem die Bestellung notiert ist. Sie wird die erste Malkundin und ordert eine weitere Karte. Für 10 Cent das Stück. Das ist der Beginn einer unaufhaltsamen Karriere.

Maudie malt immer mehr, beteiligt sich kaum mehr am Haushalt, den knurrend Everett übernimmt. Zu einer Krise kommt es, wie die Medien sie bekannt machen und Everett dauernd angesprochen wird auf seine berühmte Frau, wobei sie in einer Szene rührend auch mit seinem Namen unterschreibt, denn es sei ja ein Teamwork, was sie leisten.

Das zeigt, wie sehr sich zwischen beiden ein tiefes Vertrauen entwickelt, wie es ganz selten in einer Liebesgeschichte gezeigt wird. Die beiden Protagonisten machen das großartig, auch wenn – im Abspann kommen ein paar Originalarchivaufnahmen der Malerin – die originale Maude etwas quirliger gewesen sein dürfte.

Der seltenen Liebesgeschichte, die nie auf eine solche hinauslaufen sollte, die sich wie selbstverständlich ganz nebenbei entwickelt, tut das keinen Abbruch. Wer wünschte sich das nicht, diese Ruhe zu haben, nur aus dem Fenster zu schauen, die Natur zu beobachten und die Erinnerung arbeiten zu lassen und dann malen, malen, malen, künstlerische Erfüllung finden. „Das ganze Leben zum Greifen nah in einen Rahmen bringen“ (Zitat von Maudie) – das ist auch eines der edelsten Ziele des Kinos – hier in rarer Harmonie mit der Malerei zusammen.

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