Ein heißes und aktuelles Thema: Rund-um-die-Uhr-Überwachung, Rund-um-die-Uhr-Vernetzung, rund um die Uhr ‚connected‘ sein, online sein, mit Kamera, die rund um die Uhr Privat- wie Berufsleben filmt und von allen anderen, die über den Circle – könnte ein Synonym für Facebook sein – miteinander verbunden sind, mitverfolgt werden kann.

Das Ideal der Circle-Geschäftsleute wäre, dass der Circle die ganze Menschheit erfasst und miteinander verbindet. In den USA wäre damit auch eine Vereinfachung der Wahlen verbunden, indem sich die Mitglieder, die Gruppys, nicht mehr extra in Wahllisten eintragen müssen, sondern automatisch registriert und auch zum Wählen aufgefordert werden.

Die Circle-Bosse träumen von einer Circle-Pflicht (die Bundeseregierung hat da mit ihrem Facebook-Auftritt bereits einen Schritt in diese Richtung getan – und ganz nebenbei liefert sie die Daten der Bürger, die sie anklicken noch frei Haus an die Amis und ihre Geheimdienste).

Zu diesen privaten Kameras kommen beim Cercle noch jede Menge Minikameras überall in der Öffentlichkeit, um präzisere Informationen zum Beispiel über die Voraussetzungen zum Surfen am Meer zu erhalten.

Das erläutert Eamon Bailey (Tom Hanks) mit sicher gesetzten, selbstironischen Pointen an einem „Fantasy-Freitag“, einer Versammlung des Personals seiner Firma, in der es viel Juhu und Bravos und Applaus und Begeisterung gibt, wie die Amis es hervorragend auch im Film rüberbringen.

Allerdings stelle ich mir als Zuschauer die Frage, wie das denn praktiziert werden soll, Milliarden von Sendern, wer kann die alle schauen, Milliarden von Bildern, Milliarden von Alltagen. So weit kann ein Hollywood-Film nicht reflektieren.

James Ponsoldt hat den Roman gleichen Titels von Dave Eggers unter Abstrichen zu einem Drehbuch umgearbeitet und inszeniert und – filmwirtschaftlich vermutlich vernünftig – mehr eine Starstory draus gebaut, denn das Thema bis in seine Abgründe hinein durchleuchtet.

Seine Hauptfigur ist Mae Holland (Emma Watson). Sie lebt bei ihren einfachen Eltern und hat eine platonische Liebesbeziehung zum scheuen Mercer (Ellar Coltrane). Sie arbeitet in einem Callcenter. Ihre Freundin Annie (Karen Gillan) holt sie zur ihrer In-Firma, eben zu Circle, die sich selbst nicht genügend loben kann, deren Campus mehr einem Freizeitpark gleicht – Ähnlichkeit mit bestehenden Internetfirmen sind wohl durchaus beabsichtigt.

Mae macht die Firmenideologie widerstandslos mit. Sie durchbricht sie aber, indem sie nachts einen Kajak klaut, aufs Meer raus paddelt – und kentert. Hilfe ist dank der Überwachung über eine Boje sofort da. Das ist ihr erstes Bekehrungserlebnis.

Jetzt macht sie die Firmenideologie aktiv mit. Sie stellt sich als erste zur Verfügung für die „Transparenz“, das heißt, dass sie rund um die Uhr eine Kamera angesteckt hat und dass jeder im Circle jederzeit mitverfolgen kann, wo sie gerade ist, was sie gerade tut, nur auf dem Klo gibt es drei Minuten Auszeit und ihr Schlafzimmer wird, wenn sie sich ins Bett legt, verdunkelt, dass es nichts mehr zu sehen gibt.

Mae wird zum Liebling der Geschäftsführung und zur Vorzeige-Circlerin, typische Star-Story, die Emma Watson mit diesem leicht angewiderten Gesichtsausdruck und gelegentlichem Mundwinkelzucken stoisch über sich ergehen lässt.

An einem Fantasy Friday soll eine neue App getestet werden: die „Soul-Serarch“; über die Gesichtserkennung soll innerhalb von 20 Minuten weltweit ein Menschen gefunden werden können. Zuerst geht es um eine Verbrecherin. Verbrecherjagd wie bei Aktenzeichen XY – mit Erfolg.

Jetzt hat Bailey noch etwas auf Lager: man kann auch Freunde suchen: die ganze Welt will jetzt Maes verschwundenen Freund Mercer suchen. Das geht gründlich schief und wird für Mae zum nächsten Erkenntniserlebnis, radikalisiert sie soweit, dass sie dem Film mit einer weiteren Drehung an der Transparenz-Politik zu einer schönen Schlusspointe verhilft, die könnte wunderbar auch auf Mark Zuckerberg angewandt werden.

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