Kurz vor der Jahrtausendwende, die Bundesrepublik erstarrt im ächzenden Schatten von 16 Jahren Helmut Kohl. Gleichzeitig die Glanzzeit eines Christoph Schlingensief oder des Humors eines Bully Herbig (Bullyparade) – die zehren wohl von der Erstarrung der Republik. Gegen Kohls Schwere brauchte es leichten, wildwest- oder zirkushaften Humor.

Hier wird der Zirkus dokumentiert, derjenige des Christof Schlingensief, aus dem sich das politische Statement „Chance 2000“ entwickelt, das die Guckkastenbühnenkunst, den Kunstrahmen verlassen will, das real werden will, ins wirkliche Leben eingreifen, den damals 6 Millionen Arbeitslosen eine Stimme und ein Gesicht geben will. Die Kunst möchte Wirkung zeigen. Sie gründet eine Partei für den Bundestagswahlkampf 99 – flankiert von operettenhafte Zirkusdienern.

Schlingensief kann reden wie eine Wasserfall, schwierig, die Essenz rauszuziehen und vor allem die Frage, ob diese Aktivitäten von Parteigründung und Wahlkampftour etwas gebracht haben oder nur den Stimmenanteil der „Sonstigen“, die nicht in den Bundestag kamen, erhöhte. Schlingensief hatte die Schnauze voll vom Theater und wollte die Welt umkrempeln.

Schlingensief sagt zwar, jeder solle sein eigenes Volk sein, ist aber selbst der Medienmagnet und der Star in seinem Zirkus. Seine Follower, wobei er im Internet topvorne ist und auch ein Satellitentelefon hat, aber die Sozialen Medien gibt es noch nicht, seine Verehrer und Bewunderer und wohl auch Unterschreiber, sind dann doch vornehmlich das Kulturpublikum, das das Theater vor den Türen des Theaters weiterverfolgt oder mit seinem Schlingensief publikums- und medienwirksam in den Wolfgangsee zum lustigen Bade mit viel Gejohle und Geschrei hüpft. Schlingensief will damit die Bilder der Welt verändern, die Arbeitslosen sichtbar machen.

Die Absicht war, den Pegel des Sees soweit zu erhöhen, bis es Helmut Kohl, der für die Künstler offenbar so etwas wie einer negatives Naturereignis darstellt, nass eini ging. Es hätte, wären die 6 Millionen Arbeitslosen reingesprungen, immerhin gereicht, Kohls Umkleidekabine unter Wasser zu setzen.

Interessant ist die Gemeinsamkeit der Situation damals vor der Wahl und heute – siehe den aktuellen Film „Das schaffen wir schon“ -, dass offenbar die Arbeitslosenzahl nach wie vor hoch ist, dass die Arbeitslosen auch heute nicht zu mobilisieren sind, dass die Künstler das aber versuchen, damals mit zirzensischen Mitteln und heute bei Andreas Arnstedt mit schlagkräftigem Genrefilm.

Das scheint die Entwicklung von Kohl zu Merkel zu sein, dass inzwischen das Verbrämen der Schwachen der Gesellschaft, jener Millionen, die von ihrem Job nicht leben können, weiter fortgeschritten ist und von der Kunst heute entsprechend härter angegangen werden muss (hier kriegt die Arbeitsministerin einen schwarzen VIP-Plastiksack für die sterblichen Überreste – Schlingensief provozierte mit dem Satz „Tötet Kohl“, den er zum Satz „Wir helfen Helmut Kohl“ im Sinne der Sterbehilfe abwandelte).

Vor fast 20 Jahren hatte noch ein realer Langzeitarbeitsloser, der mit knapp über 100 Mark Stütze pro Woche überleben musste, genügt. Heute ist die Kunstfigur Susanne Kleinke bei Arnsted deutlich rabiater in der Verfolgung ihrer Ziele, obwohl doch HartzIV die Empfänger vermutlich mehr einlullt als die damalige Sozialhilfe.

Interessant an dieser Doku, die Kahrin Krottenthaler und Frieder Schlaich aus Archivmaterial von Sibylle Dahrendorf, Christoph Schlingensief, Alexander Grasseck, Stefan Corinth und Erhard Ertel zusammengesetzt haben, ist, dass Schlingensief mit seinem Zirkus Sperlich schon den späteren Merkel-Satz in Variation vorwegnimmt: Du kannst es schaffen, wenn du willst, um dann mit dem Scheitern als Chance fortzufahren. Interessant, dass der Satz von ihr erst kürzlich und just zu demselben Thema an einem Parteitag wiederholt worden ist.

Neckisch ist ein Archivschnipsel aus einer Talkrunde bei Bio: da wird gepafft, was der Tabak hergibt.

Schlingensief mit seinen oktoberfestreifen Hupf-Präsentationen, wie beim Schichtl, der aber einen intellektuellen Hype im Lande erzeugt hat. Nachwirkungen?

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