Archiv für 1. September 2017

RuSciFiction nach allen Regeln der Kunst.

Über den kleinen Spielraum, den der Mensch in einem schier übermächtigen, politischen System mit einer ausbeuterischen Herrscherklasse doch hat.

RuSciFiction, Russische ScienceFiction, nicht ohne Reiz.

Nach einem Atomkrieg gibt es in einer ansonsten verseuchten Welt einen Pool von Überlebenden. Die Welt hat sich gegen die Menschen gerächt. Junger Mann in ruiniert-verwahrloster Gegend, heldischer Typ, spielt mit Kindern, Kreisel, Atmen üben. Kostja soll Filter verkaufen. Schwarzhandel in Trümmern. Wird bedroht. Hängt mit den Füßen an der Decke. Er hat es mit Verbrechern zu tun. Der Filterbesitzer meldet sich. Nennt Kostja einen Robin Hood. Das ist erst der Anfang.

Nach allen Regeln der Kunst ist das Drehbuch von Andrey Zolotarev, von dem schon Attraction stammt, der hier sogar in die Kinos gekommen ist.

Nach allen Regeln der Kunst ist auch die Regie von Andrey Volgin. Vielleicht klarer und übersichtlicher als ähnliche amerikanischen Blockbuster, dadurch sogar genießbarer, Bissen für Bissen – der Zuschauer muss sich nicht verschlucken an einer Überdosis von Bildern.

Die Stadt sucht Helden, die bereit sind, sich auf dem Altar zum Schutze der Stadt zu opfern, um die Stadt vor weiteren atomaren Wolken- und Sturmkatastrophen zu schützen. Denn eine solche hat die Stadt in ein Trümmer- und Elendsfeld verwandelt. Nur der „Bunker“, das Hochhaus für die herrschende Elite ist merkwürdigerweise vollkommen intakt geblieben.

Um der Stadt Verschnaufpausen zu gönnen, sollen wie im ehemaligen Rom Kämpfer um ihr Leben kämpfen; das sind öffentliche Spektakel in der Arena. Dieser Raum ist der Architektur von alten Monumentalfilmen nachempfunden, jedoch hat die Arena auch etwas von einer Techno-Disco. Ein DJ dreht keine CDs, sondern Stromhaufen, die die Tanzfläche, auf der die beiden Duellanten stehen, unter Strom setzt. Einer von beiden muss jeweils sterben. Für eine Kampfphase treten sieben Männer an, diesmal sind ausnahmsweise auch Frauen dabei. Und nur einer/eine wird überleben und der Held sein, der das Überleben der Stadt verlängert hat.

Souverän setzen die Filmemacher viele bekannte Motive zusammen, die einen attraktiven RuScienceFictionMix ergeben: Gladiatorenmotiv, Arenamotiv, Urchristenmotiv, Motiv des Sündenpredigers mit Hirtenstab und in Lumpen, Mutter-mit-Kind-Motiv, Sektierer-Motiv, Spektakelmotiv, das Motiv des Dilemmas des Herrschers zwischen Despotendoktrin und Familiendoktrin (die Tochter des „Bestimmers“ ist plötzlich eine der Kämpferinnen), Motiv der apokalyptischen Stimmung mit atomarer Wolke, Motiv der feinen Gesellschaft, Transformationsmotiv, Campmotiv, Buddy-Motiv, Motiv des umgebauten Buses als Rückzugsort (hier die Küken als Hoffnungsmotiv), Freundschaftsmotiv („Wir müssen hier verschwinden“ – „Immer wenn wir uns treffen, hast Du irgendwelchen Ärger“ / Freundschaften anfangen mit Morituri?), Motiv des halsbrecherisch-waghalsigen Ausbruches und der Flucht, Motiv der Technologie, die dem menschlichen Körper Energie entzieht, Motiv des Kampftanzes und des Massenspektakels, Bunkermotiv, Razziamotiv, Chip-unter-der-Haut-Motiv, Kreiselmotiv, Schergenmotiv, SEK-Motiv, Intrigenmotiv auf der Herrscheretage, Motiv des geschlossenen Sektors, Motiv des Zuviel-Wissens (Anja ist in der Herrscherclique aufgewachsen und wehe, wenn sie auspackt), Opfermotiv (sein Leben für die Rettung des Erdkernes geben und zur Bremsung des Ausstoßes der Tetateilchen), Hohepriester- und Ritualüberwachesmotiv (der weise Mais), Motiv des niederträchtigen Usurpators und schließlich das Motiv des Triumphes der Liebe.

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