Hellwache, spannende Doku über eine offen-schwärende, aber durch Schlagzeilen wie Terror, Flüchtlinge, Klimawandel, Währungsvolatilität, Automobilabgasskandale, Wohnungsnot, Arm-Reich-Spaltung fast vergessene und in den Hintergrund gedrängte Wunde einer energiehungerbasierten modernen IT- und Industriegesellschaft: dem Versuch zur heimlichen Renaissance der Atomenergie zu verhelfen am Beispiel Okiluoto 3 in Finnland.

Jussi Eerola und Mika Tsanila, die beiden Dokumentaristen, jammern nicht, beklagen sich nicht, sie lassen ganz subtil die Atomindustrie sich nach allen Regeln der Kunst selbst desavouieren und blamieren.

Sie kanns nicht lassen, die Atomindustrie, weder Tschernobyl noch Fukushima kann sie daran hindern, diese Energie, die keine Abgase ausstößt und den Klimawandel aufhalten soll, weiter zu produzieren, Atommeiler zu bauen, wo und wie immer es geht, auch wenn sie weit suchen muss, bis tief nach Finnland hinein, wo es wenig Bevölkerung und damit wenig Widerstand gibt, bis Eurajoki.

Aber Atomkraft ist ja sooo harmlos, so sicher, einer ihrer Manager hat mehr Angst vor einem Meteoriteneinschlag als vor einem GAU, dessen Chance hält er für vernachlässigenswert, für praktisch gleich Null. Und für den Weltfrieden steht die Atomkraft auch noch.

Die Hersteller sind nicht die Finnen, es sind Industriekonglomerate aus Frankreich und Deutschland, Areva und Siemens, die vom Atom nicht lassen können, obwohl Deutschland längst die Energiewende eingeleitet hat.

2002 wurde für Eurajoki, die ‚elektrische Stadt‘, ein weiterer Reaktor bewilligt. Inzwischen sind es noch mehr und ein ‚absolut sicheres‘ Endlager dazu, da wird leicht übersehen, wie viele Generationen lang Atommüll noch gefährlich ist und nicht mit Wasser in Berührung kommmen darf.

Kein gutes Zeichen ist es, dass in der Gegend um Eurajoki Erdbeben beobachtet werden, von den Behörden verschwiegen, von einem Geologen in eindeutigen Sedimentverwerfungen nachgewiesen. Mit ihm hat sich über diesen Beweis der unsicheren Basis für das Endlager am meisten jener Aktivist gefreut, der selber jahrelang Stahlbetongießer beim Bau des AKWs war und der seit 8 Jahren wegen Krankheit beurlaubt ist.

Später im Film wird er noch gekündigt. Denn er weiß zu viel und bringt an den Tag, was Staat und Medien vertuschen wollen, die ein Interesse an diesen Atommeilern haben. Deren Verteidiger schwärmen von der Atomenergie wie Eltern über ein Neugeborenes und die Ingenieure halten die neuen Meiler für architektonische Wahrzeichen wie den Eiffelturm oder mittelalterliche Kathedralen und Basiliken.

Allerdings haben die Arbeiter und die Baufirmen offenbar längst die Sicherheitsstandards vergessen oder das Unternehmen Areva und Siemens ist zu groß geraten, so dass zu viele Kollisionen passieren. Im Film wird dieses Statement eines Managers mit einem hübschen Beispiel ironisiert, wie ein Zug einen Personenwagen erfasst und vor sich herschiebt.

Beim Bau der bisherigen Blöcke gab es eine einzige Aktivistin, die sich dagegen gewehrt hat, Ritva, sie wurde derart gemobbt, dass sie weggezogen ist.

Der Film ist abwechslungsreich gemacht, hat Zugang zur Baustelle, zu Projektleitern, zum Bürgermeister, hat immer ein schalkhaftes Auge, beispielsweise auf den Bürgermeister bei einer Katastrophenübung, wie er einen Blick auf den Monitor ‚wirft‘ oder mit seiner Brille kämpft, dazwischen gibt es imponierende finnische Landschaftsaufnahmen im Wechsel zu faszinierenden Bildern von Kohorten von Starkstromleitungen in graphischem Rhythmus, Archivmaterial und Werbefilme der Atomindustrie, Gemeinderatssitzungen, Führungen, Bauarbeiten, Bilder direkt nach dem Unfall aus Tschernobyl und Fukushima – die sprechen für sich.

Erstaunlich, dass Siemens nach wie vor eine angesehene deutsche Firma ist. Die einzige Hoffnung die bleibt: dass sich die Bauzeit weiter verzögert und verzögert und verzögert – wie beim BER. Und die Bauherren treffen sich inzwischen vor Gericht. Der Reaktor sollte 2009 ans Netz. Jetzt heißt es: 2019.

Nachsatz: vor etwa einer Woche ging die Mitteilung durch die Presse, dass in den USA zwei neue Atommeiler nicht fertig gebaut werden sollen, weil die Kosten nicht mehr tragbar seien, obwohl bereits 9 Milliarden verbaut seien.

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