Archiv für 10. August 2017

Eine Ladung gefühlvoller Filme, Traumkost fürs Gemüt und als Gegenstück eine hellwache Atomkraftrenaissance-Doku. Dalida, Sängerin einer Generation und eines Kontinents. Weinbau in Frankreich und eine Familiengeschichte. In Berlin schreckt die Begegnung mit ADHS-Geschwistern ein Paar aus seiner Routineliebe auf. Von der Kohabitation von Katzen und Menschen in Istanbul. Scheinwerfer auf einen entscheidenden Moment der indischen Geschichte. In Finnland bauen Deutsche und Franzosen an einem todsicheren AKW. Ein Deutscher lässt ein Vater-Sohn-Nichtverhältnis in Skandinavien absehbar sich zur Beziehung entwickeln. Auf einem Berliner Campingplatz improvisieren sich Schauspieler um familiäre Themen rum. Ein kalifornisches Mädchen erlebt auf einer Hochzeit in Bombay Dinge, von denen es zu träumen wagte. Eher nicht im gefühlvollen Bereich: die Freilegung eines Romanskelettes. Im TV haben ein paar Schlaumeier mit müden Bildern von einem WG-Casting mehrere Euros aus dem gigantischen Gebührentopf abgestaubt.

Kino
DALIDA
Mitten ins Gefühlszentrum: Porträt der Sängerin, die immer aus ihrem Leben sang.

DER WEIN UND DER WIND
Familiensaga aus Frankreichs Weinregion Burgund.

DIE HANNAS
Hans und Anna sind schon so Eins geworden, dass nicht mehr zu erwarten war, dass sie das in Frage stellen würden. Aber die Filmemacherin hat für die Beiden einiges im Köcher, was ihr Selbstverständnis angreift.

KEDI – VON KATZEN UND MENSCHEN
Studien charaktervoller Katzen mitten in Istanbul.

DER STERN VON INDIEN
Viceroy Mountbattan an der Schnittstelle von Kronkolonie und der Gründung von Indien und Pakistan und deren Folgen auf eine Liebesgeschichte.

RETURN OF THE ATOM
Weder Tschrnobyl noch Fukushima kann sie abhalten: die Erbauer neuer AKWs, und wenn sie bis Finnland ausweichen müssen.

HELLE NÄCHTE
Die Bilder aus Skandinavien sind schön, die Stimmung aus Skandinavien ist schön, die Schauspieler stören dabei wenig.

LUCKY LOSER – EIN SOMMER IN DER BREDOUILLE
Hier ist der Campingplatz an einem See bei Berlin schön.

HEARTBEATS
Amerikanischer Traum von der indischen Schnulze und vom Erfolg.

DER DUNKLE TURM
Wer diesen Film nach dem berühmten Roman von Stephen King sieht, der bekommt nordisch-klar eine Ahnung der Grundstruktur des Buches vermittelt.

TV
WER ZIEHT EIN: FELDKIRCHEN
Pony kackt auf den Hof.

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Lerne mit dem Herzen töten!

Selten war ich mir nach einem Film so unschlüssig, was habe ich jetzt gesehen, eine filmische Romanexposition, Skizze der Hauptlinien eines Romans?

Ok, es wird die Grundstruktur des von den Fans heiß verehrten und innig geliebten Buches von Stephen King erklärt. Der dunkle Turm steht als ein weltkonstitutierender Begriff. Ohne ihn gibt es keine Welt. Wenn der dunkle Turm zerstört wird, wird auch die Welt zerstört.

Damit gilt: wer den dunklen Turm zerstören will, ist ein Böser, wer ihn schützen will, ein Guter. Und wenn es einen Bösen gibt, der ihn zerstören will, so muss es einen Guten geben, der den Bösen tötet, damit er den Turm nicht zerstören kann und die Welt erhalten bleibt. Töten als Überlebenslehre.

Nur bestimmte Kinder mit bestimmten übersinnlichen Fähigkeiten können den dunklen Turm zum Einsturz bringen. Deshalb sammelt der Böse, das ist der schwarze Mann (Matthew McConaughey), der ein Zauberer im Auftrag des scharlachroten Königs sei, Kinder, die diese gewisse übernatürliche Begabung haben. Sie sollen den dunklen Turm zum Einsturz bringen.

Der Gegenspieler des schwarzen Mannes ist der Revolvermann, ist Roland Deschain (Idris Elba). Er will alles daran setzen, den schwarzen Mann zu finden und ihn zu töten und damit den dunklen Turm und somit die Welt zu retten.

Jake Chamber (Tom Taylor) ist so ein sensibler Junge mit Ahnung von Übernatürlichem, er zeichnet ständig düstere Zeichnungen vom schwarzen Turm, vom schwarzen Mann, vom Revolverhelden. Deshalb ist er schwierig zuhause und in der Schule zu halten.

Erdbeben spielen in der einführenden Sequenz eine Rolle. Sie machen seine Erkenntnis physisch spürbar, bringen ihm jene weit entfernte, fremde Welt noch näher, machen ihn noch schwieriger für seine New Yorker Kindheitswelt. Deshalb soll er in Therapie. Ein Mann und eine Frau wollen ihn abholen. Jake spürt sofort, dass es sich um Abgesandte des schwarzen Mannes handelt.

Denn der schwarze Mann braucht die hellsichtigen Kids für sein Zerstörerwerk. Er hat eigens eine Art Abschussrampe gebaut. Hier werden die Kinder in Schleudersitze gefesselt und dann – irgendwie – ins Weltall geschossen. Ganz habe ich nicht kapiert, wie das den dunklen Turm angreifen soll.

Jake jedenfalls entwischt seinen Häschern, steigt aus dem offenen Fenster, rennt über Feuerwehrtreppen und Dachvorsprünge. Es kommt zu einer Verfolgungsjagd in New York, die er für sich entscheidet.

Er schafft es sogar wie einsten Alice im Wunderland in jene andere Welt einzudringen. Dort trifft er auf Roland, den er schon von seinen Ahnungen her kennt. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, den schwarzen Mann, der des Jungen habhaft werden will, ausfindig zu machen, denn Roland will ihn töten.

Der Lehrsatz, den der Revolvermann Roland bei einer Schießübung dem Jungen auf den Weg gibt, lautet, er müsse nicht mit der Hand, nicht mit dem Finger zielen, wer das tue, habe das Angesicht des Vaters vergessen, sondern er müsse mit dem Auge zielen, er müsse mit dem Verstand schießen; die Litanei der Revolvermänner, die weiterfährt, er töte nicht mit der Waffe, wer das tue, habe das Angesicht des Vaters vergessen, sondern er töte mit dem Herzen. Diese Revolvermann-Doktrin wird Jake zugute kommen, wenn er vom schwarzen Mann gekidnappt wird und bereits auf den Schleudersitz gefesselt ist.

Ab hier setzt dieser Film von Nikolaj Arcel auf viel Schießerei. Arcel hat gezeigt, dass er als Drehbuchautor von Erlösung, Schändung, Erbarmen, Antboy, Ronal der Barbar sowie zusätzlich als Regisseur: Die Königin und der Leibarzt für ein taugliches, internationales, heutiges Kino steht. Hier hat er mit Akiva Goldsman, Jeff Pinkner und weiteren am Drehbuch mitgeschrieben.

Tom Taylor als Jake ist eine prima Besetzung für den Jungen, der mehr spürt als die anderen, der einer anderen Welt verbunden ist. Wobei mir das Verhältnis zu Roland merkwürdig neutral scheint, dabei müsste es doch eine Art Vater-Sohn-Verhältnis spiegeln, nicht nur im Hinblick auf den Revolver-Satz, besonders im Hinblick auf das Verhältnis eines Halbwüchsigen, der Orientierung sucht an einem erwachsenen Vorbild.

Als Referenz zur Verwandtschaft zum Spaghetti-Western steht auf einer Kinoleuchtreklame: Spaghetti Week at the Majestic.

Möglicherweise kommt die nordische Klarheit von Regie und Drehbuchmitarbeit dem Film gar nicht so zugute, weil bei Kings Buch wohl diese Grundstruktur nur ein Skelett ist, während hier dieses Skelett säuberlich herausgearbeitet wird, aber das Fleisch darum herum fehlt – siehe die Bemerkung im vorvorletzten Absatz zum Vater-Sohn-Verhältnis.

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Hellwache, spannende Doku über eine offen-schwärende, aber durch Schlagzeilen wie Terror, Flüchtlinge, Klimawandel, Währungsvolatilität, Automobilabgasskandale, Wohnungsnot, Arm-Reich-Spaltung fast vergessene und in den Hintergrund gedrängte Wunde einer energiehungerbasierten modernen IT- und Industriegesellschaft: dem Versuch zur heimlichen Renaissance der Atomenergie zu verhelfen am Beispiel Okiluoto 3 in Finnland.

Jussi Eerola und Mika Tsanila, die beiden Dokumentaristen, jammern nicht, beklagen sich nicht, sie lassen ganz subtil die Atomindustrie sich nach allen Regeln der Kunst selbst desavouieren und blamieren.

Sie kanns nicht lassen, die Atomindustrie, weder Tschernobyl noch Fukushima kann sie daran hindern, diese Energie, die keine Abgase ausstößt und den Klimawandel aufhalten soll, weiter zu produzieren, Atommeiler zu bauen, wo und wie immer es geht, auch wenn sie weit suchen muss, bis tief nach Finnland hinein, wo es wenig Bevölkerung und damit wenig Widerstand gibt, bis Eurajoki.

Aber Atomkraft ist ja sooo harmlos, so sicher, einer ihrer Manager hat mehr Angst vor einem Meteoriteneinschlag als vor einem GAU, dessen Chance hält er für vernachlässigenswert, für praktisch gleich Null. Und für den Weltfrieden steht die Atomkraft auch noch.

Die Hersteller sind nicht die Finnen, es sind Industriekonglomerate aus Frankreich und Deutschland, Areva und Siemens, die vom Atom nicht lassen können, obwohl Deutschland längst die Energiewende eingeleitet hat.

2002 wurde für Eurajoki, die ‚elektrische Stadt‘, ein weiterer Reaktor bewilligt. Inzwischen sind es noch mehr und ein ‚absolut sicheres‘ Endlager dazu, da wird leicht übersehen, wie viele Generationen lang Atommüll noch gefährlich ist und nicht mit Wasser in Berührung kommmen darf.

Kein gutes Zeichen ist es, dass in der Gegend um Eurajoki Erdbeben beobachtet werden, von den Behörden verschwiegen, von einem Geologen in eindeutigen Sedimentverwerfungen nachgewiesen. Mit ihm hat sich über diesen Beweis der unsicheren Basis für das Endlager am meisten jener Aktivist gefreut, der selber jahrelang Stahlbetongießer beim Bau des AKWs war und der seit 8 Jahren wegen Krankheit beurlaubt ist.

Später im Film wird er noch gekündigt. Denn er weiß zu viel und bringt an den Tag, was Staat und Medien vertuschen wollen, die ein Interesse an diesen Atommeilern haben. Deren Verteidiger schwärmen von der Atomenergie wie Eltern über ein Neugeborenes und die Ingenieure halten die neuen Meiler für architektonische Wahrzeichen wie den Eiffelturm oder mittelalterliche Kathedralen und Basiliken.

Allerdings haben die Arbeiter und die Baufirmen offenbar längst die Sicherheitsstandards vergessen oder das Unternehmen Areva und Siemens ist zu groß geraten, so dass zu viele Kollisionen passieren. Im Film wird dieses Statement eines Managers mit einem hübschen Beispiel ironisiert, wie ein Zug einen Personenwagen erfasst und vor sich herschiebt.

Beim Bau der bisherigen Blöcke gab es eine einzige Aktivistin, die sich dagegen gewehrt hat, Ritva, sie wurde derart gemobbt, dass sie weggezogen ist.

Der Film ist abwechslungsreich gemacht, hat Zugang zur Baustelle, zu Projektleitern, zum Bürgermeister, hat immer ein schalkhaftes Auge, beispielsweise auf den Bürgermeister bei einer Katastrophenübung, wie er einen Blick auf den Monitor ‚wirft‘ oder mit seiner Brille kämpft, dazwischen gibt es imponierende finnische Landschaftsaufnahmen im Wechsel zu faszinierenden Bildern von Kohorten von Starkstromleitungen in graphischem Rhythmus, Archivmaterial und Werbefilme der Atomindustrie, Gemeinderatssitzungen, Führungen, Bauarbeiten, Bilder direkt nach dem Unfall aus Tschernobyl und Fukushima – die sprechen für sich.

Erstaunlich, dass Siemens nach wie vor eine angesehene deutsche Firma ist. Die einzige Hoffnung die bleibt: dass sich die Bauzeit weiter verzögert und verzögert und verzögert – wie beim BER. Und die Bauherren treffen sich inzwischen vor Gericht. Der Reaktor sollte 2009 ans Netz. Jetzt heißt es: 2019.

Nachsatz: vor etwa einer Woche ging die Mitteilung durch die Presse, dass in den USA zwei neue Atommeiler nicht fertig gebaut werden sollen, weil die Kosten nicht mehr tragbar seien, obwohl bereits 9 Milliarden verbaut seien.

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Fragmente einer Suche, einer Selbstvergewisserung des Lebens- und Liebeszustandes ein paar Jährchen nach den ersten Aufregungen des Coming-of-Age.

Wenn Kino etwas aus unserem Leben erzählt, aus unserer Zeit, wenn es genau hinschaut, dann hat es bereits viel erreicht. Und es braucht nicht mal einen riesigen Aufwand dazu, besonders mit den heutigen Kameras und dem elektronischen Aufnahmeverfahren, vermutlich auch kein überbordendes Budget, obwohl mehrere Fernsehsender mit an Bord sind bei diesem Film von Julia C. Kaiser, die mit einem ihr großteils vertrauten Ensemble (aus ihrem früheren Film „Das Floß“) sich eine Phase im Leben vorgenommen hat, in der die ersten Liebesschmetterlinge im Bauch sich längst verflüchtigt haben, in der die Liebe eine vertraute Gewohnheit geworden ist, hier die Liebe von Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach); sie sind so eine Einheit, dass sie nur die Hannas genannt werden.

Im Unbewussten rumort die Frage bei Beiden, ob es das denn schon gewesen sei im Leben.

Durch ihren Job als Masseurin kommt Anna in Kontakt mit den Schwestern Nico (Ines Maria Westernströer) und Kim (Julia Becker). Deren Extrovertiertheit und Aufgedrehtheit fängt bald an, das ruhige Fahrwasser der Beziehung der Hannas gehörig aufzuwirbeln und in Frage zu stellen.

Julia C. Kaiser inszeniert das mit einfachsten Mitteln, kein Wert wird auf komplizierte Beleuchtung oder Ausstattung gelegt, sie interessiert, was mit den Menschen vor sich geht, sie lässt sie viel improvisieren. Es geht ihnen recht natürlich von den Lippen.

So entsteht ein spannendes, fragmentarisches Bild um die Grundfrage, ob es das schon gewesen sei. Der Nachteil dieser Unaufwendigkeit ist allein, dass am Rechner zu Hause manche Szenen sehr dunkel sind – geschenkt und mehr als kompensiert durch zum Teil für einen deutschen Film ungewöhnliche Sinnlichkeit, welche wiederum durch Gedanken ihren tauglichen Gegenpol erhält.

Mit dieser Methode nah an den Ereignissen schafft Julia C. Kaiser es, den Zuschauer mit der Frage bei der Stange zu halten, wo das hinauslaufen soll, denn das ist ja das Besondere bei den Hannas, dass kein Grund für eine Veränderung besteht – es gibt keine Krise (Anna ist „im Kompromiss glücklich“) – weil sie sich so gemütlich und kuschelig in ihrem Leben und Liebesleben eingerichtet haben (und nur fahrlässig schier die Wohnung abfackeln) und der Mensch von Natur aus Veränderungen gegenüber abhold ist.

Das ist schon ein großes Können, das in einem Film festzuhalten, wie aus so einer Situation heraus ein Prozess entsteht und Dinge in Bewegung versetzt werden, die eben noch wunderbar geschlummert haben.

Ein Kino, das zeigt, wie vielleicht in Deutschland wieder ein spannendes Kino gemacht werden könnte, eines, das sich ganz auf die menschlichen Vorgänge konzentriert, das die Freude am Kinematographischen – auch das Sounddesign kann sich hören lassen – nicht auslässt und sich zuallererst forschend versteht. Und somit einen Touch von elegant geschnittenem Undergroundfilm als einer wunderbaren Kinoblüte erhält.

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Wer einen Widerspruch gegen eine Wohnungskündigung wegen Eigenbedarfes erhebt und diesen nicht per Einschreiben und Rückschein abschickt, sondern dem Besitzer höchst persönlich in den Briefkasten steckt, der muss doof sein und nicht für diese Welt geschaffen. Damit fängt die Inkosequenz in der Figur von Mike (Peter Trabner) an.

Mike verliert auf diese Art zu Beginn dieses Filmes von Nico Sommer (Familienfieber, Silvi) seine Bleibe. Die Lehre für den Zuschauer kommt deutlich rüber, so etwas nie zu machen.

Im Rest des Filmes verhält sich Mike dann relativ normal und gar nicht so weltfremd. Das ist ein Bruch in der Figur von Anfang an. Aber um Figuren geht es Sommer gar nicht, wie Menschen, die einen bestimmten Charakter haben, in gewissen Situationen und Krisensituationen reagieren.

Mike ist offenbar nicht nur strohdummweltfremd, er wehrt sich auch gar nicht und lässt sich problemlos rausschmeißen. Insofern reagiert er wieder wie jeder andere Normalo, indem er einen Ersatz sucht, nach allgemeiner Vernunft.

Mike ist von der Mutter seiner Tochter seit Jahren getrennt. Diese Tochter Hannah (Emma Bading) lebt bei ihrer Mutter (Annette Frier – unglücklich, wer gerade tags zuvor einen anderen Film mit ihr gesehen hat, in welchem sie exakt das gleiche, maskenhaft germanische Muttertier spielt) mit ihrem neuen Macker, einer faden Figur.

Um Figuren geht es Sommer nicht. Er will einen Film drehen, der auch gefördert wird. So richtet er sich nach den Kriterien von Förderfunktionären. Die sind offenbar glücklich, wenn – für sie nachvollziehbar – gewisse, moralisch korrekte Themen behandelt werden wie das Verhältnis zu Deutschen mit schwarzer Hautfarbe mit Eltern aus Ghana oder der Hinweis mit erhobenem Zeigefinger, dass für Sex (vor der Mündigkeit) unbedingt Kondome benutzt werden müssen.

Diese moralisch einwandfreien und klaren Messages hat der Autor vermutlich in seine Exposés oder Treatments rot markiert. Und die Förderfunktionäre haben verstanden: hier will einer sein Publikum belehren und sie haben den Geldhahn aus dem Zwangsgebührenhaufen geöffnet. Man könnte von Zwangsgebührenabzocke sprechen.

Die Story wäre bei gründlicher Arbeit vielleicht plausibilisierbar. Ausgerechnet jetzt, wo der Vater keine Wohnung hat, will die Tochter zu ihm ziehen und das auch noch mit ihrem Freund Otto (Elvis Clausen).

Lebensgeschickter als im Umgang mit der Wohnungskündigung ist dieser Vater mit der Beschaffung von Ersatz, einem Wohnmobil, was verwahrlost orginell ausschauen soll. Hier zieht er mit der Tochter ein und bald kommt Otto hinzu.

Das konstruierte Konfliktdispositiv will nun, dass die Mutter die Tochter vermisst und sich Sorgen macht, dass sie das Wohnmobil auf dem Campingplatz in Brandenburg ausfindig macht und dass dort ihr Ex-Gatte mitten zwischen Tochter und schwarzem Otto eng aneinander liegen, wo die Mutter doch auf gar keinen Fall von dieser Liaison erfahren dürfte. Aber da hat den Filmemacher seine Courage verlassen: das wäre vielleicht ein Schreier im Kino, wenn die Mutter den Wohnwagen öffnet und reinschaut, dann könnte knallige Komödie draus werden.

Aber deutsche Komödie muss hirnig und moralisch sein. Wodurch sie gerne eher unlustig und lebensfremd wird. Hier gibt es nun statt Knaller-Situation unbeholfen verkrampfte Dauerimproversuche, um die Mutter über das Unvermeidliche hinwegzutäuschen. Immerhin sind See und Campingplatz nette Drehorte.

Die Szenen mit diesen konstruierten Menschen sind, was ein Ansatz für einen spannenden Film sein könnte, auf Konflikt hin konstruiert. Dem kommen die Darsteller beflissen nach und ein Dialog braucht nur wenige Sekunden, bis er in unnatürliches (professionell schauspielerisches) Geschrei ausartete. Wäre alles ganz schön, wenn es denn plausibel wäre. Ist es aber nicht, da die Grundlage der Plausibilität fehlt, da nämlich die Grundkonflikte der Figuren nicht mal angedacht sind.

So scheint es sich mir bei dem Projekt mehr um ein sich selbst belustigendes Abgreifen von Förder- und Zwangsgebührengeldern zu handeln, denn um einen Kinofilm, der diese Bezeichnung verdient. Auch der Musikmix drüber wirkt wie aus dem Ärmel gesaugt.

Filmförderwürdige Textstücke:
Ein Scheißhaus auf Rädern.
Wenn wir nebeneinander pinkeln, schreib ich dir.
Wie wärs mit einem Hallo, mit wem flirt ich denn, wenn sie nicht mehr hier sind – wieso kriegt er nen Kuss und ich nicht – ich bin Privatpatient.
Was ist das für ein Fest.
Das darf man nicht sagen.
Das darf man nicht sagen.
Auf was Frauen stehen …. die wollen spielen und weißt du, was Frauen am meisten mögen?
Den lachenden Verlierer.
Jetzt renn doch nicht wieder weg
(einer der förderwürdigsten Sätze überhaupt).

Angesichts des im Maisfeld umgekippten Wohnwagens dürfen die Schauspieler, die dazukommen, laut und deutlich „Scheiße“ sagen.

Dieser bemühten Impro-Schauspielerei ohne Charaktergrundlage kann ich nichts abgewinnen. Ich dürfte damit nicht allein dastehen.

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Einen wunderschönen Norwegen-Naturbilderbogen hat Thomas Arslan hier zusammengestellt und dazu Musik montiert, die von Unterbewusstem schwanen lässt.

Auch die beiden Protagonisten vermögen den meditativen Musseblick, den das erfordert, kaum zu stören. Es sind dies der chronische Österreicher und Miespeter Georg Friedrich und als sein Sohn Luis, das auch nicht mehr unbeleckte Nachwuchstalent Tristan Göbel.

Thomas Arslan schickt die beiden nach Norwegen, damit sein Film die Sprachlosigkeit ihrer Vater-Sohn-Beziehung, also vor allem die Sprachlosigkeit des Vaters, knacken kann. Das ist das Problem bei der Geschichte, dass es eigentlich gar keine Geschichte gibt.

Es gibt nur die Behauptung einer entfremdeten, gestörten Vater-Sohn-Beziehung. Weil der Vater ein Arschloch ist, weil er noch fremdgegangen ist, wie seine erste Frau schon schwanger war mit Louis, und er sich auch einen Dreck um den Sohn gekümmert hat.

Das ist das Problem, dass es sich dabei lediglich um ein Konstrukt handelt, welches mittels des Roadtrips durch Norwegen als falsch, als unnötig erwiesen werden soll. Es gibt keine Geschichte. Es gibt keine weiteren Charakterisierungen der Figuren.

Es gibt bloß einen äußeren Anlass für die Norwegen-Reise. Der Opa von Louis, also der Papa von Michael, ist gestorben. Der ist erst vor 5 Jahren nach Norwegen in ein Häuschen auf dem Lande gezogen.

Erstaunlich ist, dass Michael sich überhaupt auf den Weg macht. Seine Schwester jedenfalls, die wir als sehr bestimmte Telefonstimme kennenlernen, weigert sich, da wohl auch dieser Vater schon ein Arschloch gewesen sein muss. Noch mehr verwundert vor diesen Hintergründen, dass Michael im Moment zu Leyla, Marie Leuenberger, ein gutes Verhältnis hat – er muss sich verändert haben, na, das geht sich schon mal von Besetzung und Spiel grad gar nicht aus.

Einen Beruf hat er offenbar auch keinen. Er ist eben nur da, um den sich wandeln zu habenen Miesepeter zu spielen. Das tut er genau nach Regieanweisung. Wenn er ein Stück Weg geht, ist ihm von weitem anzusehen, dass er das jetzt halt tut, weil das sein Job ist, weil der Regisseur Arslan, der schon mit Gold weit jenseits eines größeren Publikumsinteresses inszeniert hat, ihm gesagt hat, er soll jetzt von da nach da gehen, schneller oder langsamer.

Der Sohn hat sich zu der Beerdigungsreise hinreißen lassen, weil er, wie er behauptet, mal das Haus von seinem Opa sehen wollte. Der hatte ein Manuskript geschrieben. Dessen Titel nuschelt Friedrich weg und die Kamera enthält ihn dem Zuschauer ebenfalls vor.

Erst haben sich Vater und Sohn gar nichts zu sagen. Gut, das muss man auch inszenieren können. Aber alles ist absehbar, dass es zu Vorgängen kommt, die die Zunge lockern, die Vater und Sohn einander näher bringen, zu Auseinandersetzungen, auch physischer Art, zu Anschreierei, zum Weglaufen.

Alles schön nach Plan. Weil das die Vorsätzlichkeit dieses an sich schönen, aber irgendwie auch schön leeren Kinostückes ist, welches aus diesem Grund wohl nur wenige Zuschauer interessieren wird. Weil es nur ein Modell vorführt, was sattsam bekannt ist, und wenn die Vorführsprache noch so schön und gediegen ist.

Insofern besteht kein Grund, Zwangsgebührengelder in so ein Kino zu versenken über den WDR und über diverse Förderanstalten, nur um absehbar über eine zu durchbrechende Sprachlosigkeit zu erzählen, die genau so erzählt wird, dass ihr Existenzsinn in deren Auflösung besteht.

Wobei das Lösungsmodell von Arslan vermutlich weltfremd und kitschig ist: mit ein bisschen Urlaub in freier Natur solch elementaren Probleme zu lösen. Stellen wir uns vor, Helmut Kohl hätte das mit seinen Söhnen gemacht. Wie verbittert so ein Vater-Söhne-Konflikt sein kann, hat sich doch bei dessen Beerdigungsfeierlichkeiten gezeigt. Gut, werden Sie einwenden, Kohl, das ist kein Mittelmaß. Dann stelle ich die Gegenfrage: will denn Thomas Arslan eine Durchschnittsstörung von Vater-Sohn-Beziehung zeigen und vor unseren Augen die Lösung demonstrieren?

So schön seine Kunst der Bilderaneinanderreihung entwickelt sein mag, inhaltlich beschränkt er sich auf reines Dozieren. Niemand will im Kino belehrt werden. Vielleicht ist das der Grund, warum vorhersehbar ist, dass das Publikum intutitv einen Bogen machen wird um diesen Film.

Hinzu kommt, dass es Friedrich nicht so richtig gelingt, die Arschlochmaske abzulegen, auch nachdem er, wie es von der Regie absehbar gewollt ist, zu seinem Sohn gefunden hat. Vermutlich ist er gerade aus dem Grund ein Besetzungsfehler, weil er als der Prototyp von Arschloch überall durchgeht.

Vielleicht wäre es spannender gewesen, wenn sich ein Schauspieler das hätte erarbeiten müssen, hätte für sich erfinden müssen, warum dieser Michael sich so bescheuert verhält seinen Liebsten gegenüber.

Während für Friedrich, so spielt er es jedenfalls, offenbar gereicht hat, dass er als Typecast ausgewählt worden ist, weil sich dann niemand mehr mit dem Problem, was ja sich als Topthema in den Film drängt, beschäftigen zu müssen glaubt.

Zur Kinomagie fehlt hier die ablenkende Story, in deren Windschatten sich das ‚eigentliche‘ Thema des Regisseurs sich wie nicht erlaubt, wie nicht erwartet, reindrängt, sich Raum verschafft, als Überraschung – und somit Spannung erzeugt.

Ein Film, bei dem man Wetten abschließen kann, wann wird der Vater dem Sohn das erste Mal mit der Hand über die Schulter streifen oder sie kurz berühren, wann wird der Sohn das erste Mal den Vater anlächeln, wann werden sie sich anschreien? Wann wird der Vater das erste Mal besorgt sein über seinen Sohn, der abgehauen ist?

Arslan kann durchaus Bilder, die tragen, filmen, indem er sich Zeit lässt und nichts wegschummelt. Aber er schafft es nicht, mit der Gesamtmontage den Zuschauer an einem Emotionsnerv zu packen. Der kann bestenfalls den Weg der Konfliktlösung mitschreiben. Oder er kann sich ausmalen, was Friedrich bei einem seiner vielen Gänge sich selber denkt, wieviel er gerade wieder verdient mit dem Runterziehen von seinem erfolgreichen Schauspielerschuh. Dass solche Gedanken sich überhaupt einschleichen beim Zuschauen, ist wohl dem doch zu dünnen Drehbuch zuzuschreiben; dass der Zuschauer nicht gefesselt wird durch das nächste angestrebte Ziel der Hauptfigur.

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Kino statt Sachbuch.

Kino zur Illustrierung des Sachverhaltes, der Entlassung der Kronkolonie Indiens in die Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Aufspaltung in Indien und Pakistan, dazu eine frei und kinotypisch erfundene Liebesgeschichte, die die drastischen Folgen dieses schlecht vorbereiteten und übereilten Aktes auf den Einzelnen zeigt; das Paar steht für 14 Millionen Vertriebene; 1 Million Menschen seien bei den Unruhen getötet worden, als Folge dieses von England forcierten Vorganges, denn die Geschichte werde von den Siegern geschrieben.

Zur Vermittlung dieser Geschichtslektion setzt Gurinder Chadha, die mit Paul Mayeda Berges und Moira Buffini auch das Drehbuch geschrieben hat, auf ein konservativ-monumentalistisches Kino, was an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt, dadurch allerdings die Liebesgeschichte entsprechend plakativ hervorhebt, was teils auch dem enormen Prunk geschuldet sein dürfte, in dem der britische Vizekönig (Viceroy) residiert, ein Palazzo mit 500 Angestellten.

Der für die Entlassung Indiens aus der Kolonie extra bestellte Vizekönig Lord Mountbatten (Hugh Bonneville) und seine Frau Edwina (Gillian Anderson) werden bei ihrer Ankunft in Dehli mit königlichem Pomp empfangen.

Parallel dazu fängt die Liebesgeschichte an. Jeet (Manish Dayal) hat sein Vorstellungsgespräch im Palast. Er war vorher Polizist in der Provinz und hat es nicht mehr ausgehalten, Landsleute wegzusperren. Damit wird ein unangenehmes Licht auf die britische Kolonialherrschaft geworfen.

Unter dem vielen Personal entdeckt Jeet bald Aalia (Huma Quereshi), eine Muslima, die er als Hindu geliebt hatte. Sie ist die Tochter des Blinden Ali, den er im Gefängnis betreut hat. Auch ihn trifft er wieder. Aber Aalia ist einem anderen versprochen, der für die Briten in den Weltkrieg gezogen ist.

Wir schreiben das Jahr 1947. Die Gründung Indiens ist mit Problemen verbunden. Gandhi (Neeraj Kabi) schlägt einen Staat vor, in welchem die Minderheit der Muslime die Regierung anführe. Während der Muslim Jinnah (Denzil Smith) die Gründung eines eigenen muslimischen Staates, Pakistan, befürwortet.

Mountbatten kommt zur Erkenntnis, dass die Gründung Indiens und eines Staats Pakistans unumgänglich sei und dass das Prozedere beschleunigt werden soll; in die tieferen Interessen Britanniens ist er ganz offensichtlich nicht eingeweiht; dass es dem Kolonialstaat primär um die Sicherung der Ölversorgung geht.

Kino, was für viele sicher genussvoll eine Wissenslücke füllen kann und sich durch seine klare Struktur hervorragend alg Begleitmaterial zum Schulunterricht einsetzen lässt.

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Nichts für Diabetiker.

Kelly (Krystal Ellsworth) liebt den Tanz. Aber ihre Eltern wollen, dass sie Jura studiert. Sie lässt die Eltern im Glauben, dass sie das tut, stattdessen tanzt sie und verheimlicht es ihnen. Mit ihrer Gruppe ist sie dabei, die Hürden für einen Auftritt in einem neu gegründeten TV-Tanz-Kanal zu nehmen.

Kelly hat ein trauriges Schicksal. Ihr Bruder ist vor einigen Jahren gestorben ist. Sie hat aber noch eine kleinere, kecke Schwester. Die Eltern sind zur Hochzeit der Tochter eines Geschäftspartners nach Bombay eingeladen. Die ganze Familie muss mit. In Bombay verliebt sich Kelly in Aseem (Amitash Pradhan), der dort versucht, mit Tanzen Geld zu verdienen.

Wir lernen, dass eine Hochzeit in Indien eine Woche dauert, dass dabei Tänze aufgeführt werden, die die Geschichte des Liebespaares erzählen. Wir lernen auch, dass Mumbai bis 1996 Bombay genannt wurde und dass es keine Beleidigung sei, auch heut noch von Bombay zu sprechen.

Vor allem kommen sich Kelly und Aseem unübersehbar näher, die Erotik flattert und die Freundin von Kelly, Deepike (Aneesha Joshi), bittet diese inständig, Aseem nicht weh zu tun.

Diese Liebesgeschichte, diese Liebesannäherung erzählt Duane Adler in einem irren Wirbel von Tänzen und viel Tanzbeifang satt, eine wogende Bewegung, eine Einführung in indisches Temperament, in indische Leichtigkeit und Schnelligkeit, mit rasanten Schnitten und einer Kamera, die wie ein Insekt elektrisiert von der ganzen Zuckerwatte, in die die Geschichte aufgeschäumt ist, herumjagt und -fliegt und ständig neue Perspektiven findet, die der Geschichte Intensität und Größe und Unausweichlichkeit bescheren.

Vom Tanz her ist es eine Mischung aus indischem Tanz, Hip-Hop und Bollywood. Die angesagteste Disco in Town heißt Club Big Crazy, auf Leuchtflächen wird im Gegenlicht getanzt.

Eine Randstory handelt von den 50’000 Rupien, die der Bruder von Aseem, DJ Basu (Prabal Pnajabi), einem Rikschaverkäufer schuldet, was zu Auseinandersetzungen verschiedener Gruppen führt und, da DJ eine faszinierende Aktivtät ist, scheint sich ein Kompromiss abzuzeichnen, falls Basu den Rikschaverkäufer in die Kunst des DJ einführen würde.

Wie eine Landung auf steinhartem Boden wirkt ein späterer Schnitt zurück in die Küche der Familie Andrews in den USA. Aber gleich geht’s temperamentvoll indisch-kalifornisch auf das Traumfinale der Castingshow zu, nach bewährtem Rezept.

Quickig-quirlig überlaufende Leinwand, rauschhaft-sinnenhaft besinnungslose Welt. Auch die Saris müssen ausgesucht und geschwungen werden. Dagegen werden Jeans-Tanzbeine geschwungen. Lichtgeimpft.

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Clinch bei Weinbauerns.

Cédric Klapisch (Mein Stück vom Kuchen und „L‘ auberge espagnol“), der mit Santiago Amigorena auch das Buch geschrieben hat, lässt seinen epischen Film in Burgund spielen.

Er pfropft und veredelt damit das, was der eindrückliche Von Menschen und Trauben schon dokumentarisch aus der Weinproduktion berichtet hat, noch um einen Ausschnitt aus einer Familiensaga auf.

Die Marmais bewirtschaften ein Weingut im Burgunderland. Sohn Jean (Pio Marmai) ist vor Jahren ausgewandert, er ist mit dem Vater nicht zurechtgekommen, hat sich nicht anerkannt und gerecht behandelt gefühlt. Er ist in Australien gelandet und hat dort mit seiner Freundin Alicia einen Sohn.

Beim Vater auf dem Familiengut zurückgeblieben ist Tochter Juliette (Ana Girardot), die sich als Frau durchkämpfen und Respekt verschaffen muss; während ihr Bruder Jérémie (Francois Civil) mit der Tochter Océanne (Yamée Couture) von Großweingutsbesitzer Anselm liiert ist, mit der er auch ein Kind hat. Sie dürfen gnädigerweise in einem kleinen Häuschen neben dem schlossähnlichen Gut ihres Vaters wohnen.

Da Vater Marmais im Sterben liegt und möglicherweise auch aus wirtschaftlichen Gründen kehrt Jean unangekündigt und überraschend auf das Familiengut zurück. Er führt uns durch die Entwicklungen und Probleme der Familie bei gleichzeitig fast dokumentarischer Inszenierung von Weinlese inklusive Beerenschlacht, Weinverarbeitung und Weindegustationen bis zu Blindverkostungen oder Rodung aber auch die Probleme und Konflikte, die sich durch die Erbschaft ergeben. Der Staat will so viel Steuer, dass dringend an einen Verkauf von Teilen, wenn nicht des ganzen Gutes gedacht werden muss.

Der Film spielt über den Zeitraum von einem Jahr. Er fängt mit der Weinlese an. Die Erntehelfer werden eingewiesen. Es gibt einen Rabbatzmacher, es gibt einen Nachbarn, der in den Reben der Familie wildert, es gibt Feten und eine erotische Spannung zwischen Jean und einer Lesehelferin, während er gleichzeitig über Telefon an seiner ungeklärten Beziehung zur seiner australischen Freundin arbeitet.

Schwester Juliette muss wichtige Entscheidungen treffen, die für die Qualität des Weins von überragender Bedeutung sind, wann mit der Lese beginnen, wie viele der Trauben ‚trappen‚ (gemäß deutschem Untertitel).

Der Großgutbesitzer ist interessiert am besten Rebhang, der eine auserlesene Qualität von Trauben hervorbringt.

Klapisch schafft es mit einer prima ausgewählten Schauspielerschar, glaubhaft diese Weinbauernfamilien zu zeichnen und den Zuschauer immer mehr, wie bei einer Fernsehserie oder einer ausladenden Familiensaga hineinzuziehen, so dass man nicht abgeneigt wäre, noch vom Fortgang der Geschichte zu hören.

Schönes Symbol für menschliches Hin- und Her: die beiden Brüder beobachten ihre Schwester mit dem maskulinen Weinlesehelfer Masmoud und ein ander Mal Anselm im Gespräch mit der Schwester außer Hörweite und erfinden die Texte der beiden nach. So versetzt man sich in das Denken und Handeln anderer Menschen. Nicht anders macht es der Filmautor und -regisseur Klapisch; weshalb die Dinge so glaubwürdig rüberkommen. Und, eh klar, das Thema Liebe und Wein, das muss sein, das macht die Geschichte zu einem feinen Tropfen.

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SARI, die Gaunerin, BENGÜ, die Liebhaberin, ASKAB FARCASI, der Jäger, PSIKOPAT, die Psychopathin, DENIZ, der Schmetterling, GAMSIZ, der Spieler und DUMAN, der Gentleman sind die sieben Protagonisten dieses Filmes von Ceyda Torun.

Es sind dies Straßenkatzen, die in friedlicher Koexistenz und Beziehung zu den Menschen in Istanbul leben. Es sind keine Hauskatzen. Sie sind aber den Menschen bekannt, lassen sich allenfalls von ihnen streicheln und gerne auch füttern. Und leben doch neben ihnen her.

Sie stiebitzen Fische vom Fischmarkt, aber bitte nur den feinen Blaubarsch, sie lassen sich vom Feinschmeckerrestaurant füttern, sie halten vom Hafenlokal die Ratten fern, fahren mit dem Fischerboot raus, streifen durch die Markthallen, wühlen in den Müllcontainern, werfen Junge, verteidigen ihr Revier, klettern auf Bäume und Hausfassaden hoch, legen sich auf bequeme Plätzchen in Läden und Cafés zum Schlafen, hocken auf Dächern und Fassadenvorsprüngen und haben fast so einen Überblick über Istanbul wie die Filmemacherin ihn uns mit Drohnenflügen vermittelt.

Es ist dies ein Film für Katzen- und für Istanbulfreunde. Ein quicklebendiges Potpourri an großartigen Katzenbildern und dabei viele Ecken von Istanbul entdeckend, ganz unsystematisch.

In den Gesprächen mit den Katzenfreunden, es gibt auch solche, die haben es sich zur Aufgabe gemacht, Dutzende von Straßenkatzen täglich zu bekochen, ergeben sich Einsichten in das Verhältnis von Katze und Mensch, dass sich in den Katzen der Mensch spiegelt, dass eine Katze einem Menschenleben Sinn geben kann, dass sie positive Energie verbreiten, dass Katzen ein Bewusstsein von Gottes Existenz haben und Hunde nicht und eine Frau möchte, falls es ein Leben nach dem Tode gibt, dort lieber ihre Katze als ihre Oma treffen. Einer hätte ohne Katzen seine Kindheit wohl kaum überstanden.

Istanbul hat eine jahrhundertealte Tradition mit Straßenkatzen, denn immer wieder sind Katzen, die die Seefahrer aus aller Herren Länder zur Rattenbekämpfung an Bord hatten, beim Anlegen in Istanbul entwichen. Sie haben die Hänge über dem Bosporus erklommen, sind da heimisch geworden.

Heute allerdings wird durch die wilde Bauerei ihr Lebensraum eingeengt. Aber wer ein Verhältnis zu so einem oft zugelaufenen Tier entwickelt, das einfach miaut und an der Tür oder am Fenster kratzt, kann die unterschiedlichsten Charakterzüge feststellen, wie die Schilderungen der Protagonisten eingangs zeigen. Und wehe, wer Wassernäpfe von Katzen stiehlt, der wird, so steht es von Hand angeschrieben, im nächsten Leben verdursten!

Musikalisch unterlegt wird dieses Unikat von Film katzenjazzhaft.

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