Archiv für 3. August 2017

Ponykacke.

Hier wird vorgeblich dokumentiert, wie eine Julia mit Hilfe ihrer Freundin Christine zwei Mitbewohner für eine frisch renovierte 220-m2-Wohnung in einem Bauernholzhaus in Feldkirchen bei München sucht. Es ist das Haus ihres Vaters, der ihr diese Wohnung zur Verfügung stellt.

Eine Sendung von ätzender Langeweile. So eine Sendung hat nichts im undemokratisch zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu suchen. So einen Bericht kann heute jeder selber aufnehmen und auf youtube oder vimeo oder jeder Menge sozialer Netzwerke posten. Und käme bestimmt spontaner, ehrlicher und unterhaltsamer rüber.

Hier erfährt der Rundfunkzwangsfinanzierer, der sich die Zwangsgebühr womöglich von einem kargen Haushaltsbudget abknapsen muss, einmal mehr gar nichts über die Rahmenbeindungen der Sendung, darüber, ob diese Szenen im Nachhinein nachgestellt worden sind, ob die Kandidaten ein Geld dafür bekommen, ob wirklich alle Kandidaten, die sich gemeldet haben, hier vorkommen, überhaupt, wie Kandidaten und Vermieter ausgesucht wurden. Das Publikum mal wieder für dumm verkauft, Fernsehen nach einer Ideologie aus den 50er Jahren.

Fernsehen, das überhaupt nur in einem Pfründenstadel zustande kommen kann. Das an den Haaren herbeigezogene Sendeformat wird von den Produzenten redaktionsmundgerecht formuliert, um an die begehrten Pfründengelder zu kommen. Es geht hier nur um das Abschöpfen von Geld aus dem 8-Milliarden-Zwangsgebührenpot. Mit dem demokratischen Grundauftrag des Fernsehens – und auch nicht mit einem allfälligen Unterhaltungsauftrag – hat dieses Format nichts am Hut.

Das Stroh der dummen Kommentare würde besser dem Pony unterlegt, das auf den für die Fernsehaufnahmen sauber gewischten Hof kackt, statt es den eh erwartbar wenigen Zuschauern vorzudreschen.

Drehbuch und Kommentare lassen nicht auf einen Ansatz kritisch-geistiger Durchdringung der Materie schließen, dieser Subventionsauswuchs bewegt sich in einer Region geistiger Kalmen – für die Demokratie fatal.

Die Pfründenconnection besteht hier aus dem Namen Gernstl (Jonas), bestens implantiert im BR, die redaktionelle Verantwortung für diese überflüssige Investition von Zwangsgebührengeldern trägt ein Redakteur namens Ulrich Gambke (der kürzlich schon bei Bayern erleben als verschnarcht aufgefallen ist), für dessen Lohn und üppige Altersversorgung wir auch noch aufkommen müssen.

Die Redaktion sollte offen Auskunft geben über das Zustandekommen dieses Sendeformates und warum der Auftrag an Jonas Gernstl vergeben worden ist; ob das Format vorher ausgeschrieben worden ist bei interessierten Produzenten, ob es einen Wettbewerb gegeben hat, um dem Zuschauer, wenn schon, die bestmögliche Sendung zu bieten.

Abgesehen davon, dass WG-Zimmer für 370 und 350 Euro dem Münchner Mietmarkt Hohn sprechen, das ist eine Zuschauerverarsche sondergleichen. Hallo, wo bleibt da unser von uns super bezahlter Herr BR-Intendant, fällt ihm sowas nicht auf?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers.

Comments Keine Kommentare »

Ein Schweizer Überraschungsfilm mit einer allgemeingültigen Emanzipationsgeschichte führt die Liste der Reviews an. Es folgt ein Film über den Perfektionismus eines Schweizer Bildhauers in Paris aus der Sicht eines Amerikaners. Amerikanisch ist die Überlebensgeschichte der Affen in einer ruinierten Welt. Britisch ist die Geschichte einer Familie mit ihren eigenen Gesetzen. Aus Frankreich kommt eine Gebrauchskomödie zum schnellen Ablachen. Und ein Produkt von regionaler Bedeutung gibt es aus Bayern. Ins Kino verirrt hat sich außerdem ein Emotikonsgetümmel mit Koordinationsproblemen aus Hollywood. Zum Schluss ein Überraschungsdokuzückerchen aus der Schweiz über einen sensationellen Kulturvermittler zwischen China und dem Westen und als kurzzeitiges Kinoevent kündigt sich indische Liebessuche auf Europatrip an. Im Fernsehen setzte sich Terence Hill auf ein Pferd in den Bergen und strahlte.

Kino
DIE GÖTTLICHE ORDNUNG
Nicht alles, was sich als göttliche Ordnung gebärdet, stammt auch von Gott, deshalb können sich Frauen durchaus wehren gegen die Vorenthaltung des Stimmrechtes.

FINAL PORTRAIT
Der Perfektionismus als Selbstverhinderungsmechanismus eines besessenen Künstlers aus der Sicht eine gutwilligen Modells.

PLANET DER AFFEN: SURVIVAL
Können die Affen den Planeten vor der zerstörerischen Wut der Menschen schützen? Die Umgangssprache der Affen ist sanft.

DAS GESETZ DER FAMILIE
Wenn eine Familie ihr Gesetz für das oberste hält, sind Konflikte mit dem Rest der Gesellschaft programmiert; aber auch innerhalb der Familie, wenn einer sich für das Gesetz der Gesellschaft öffnen will.

ALIBI.COM
Da der Mensch seine kleinen Geheimnisse braucht, die Lebens- und Liebesbeziehung aber nicht gefährden will, ist ein Start-Up wie Alibi.com, das hieb- und stichfeste Begründungen für scheinbar nicht zu rechtfertigende Abwesenheiten liefert, eine gut nachgefragte Sache.

GRIESSNOCKERLAFFÄRE
Die titelgebende Affäre der Oma schwimmt wie ein Rahmfleckerl auf einer deftigen Suppe à la bayerische Art.

EMOJI: DER FILM
Vielleicht lachen sich ja die alten Ägypter ob diesem Hieroglyphen-Verhau kaputt.

THE CHINESE LIVES OF ULI SIGG
Allein die Anekdoten aus China! Aber sie dienen nur der Verzierung der extraordinären Kulturvermittlung des Schweizers Uli Sigg.

JAB HARRY MET SEJAL
Starvehikelfilm für Shah Rukh Khan; Bollywood auf Europareise auf der Suche nach einem verlorenen Ring. Oder: wird es was aus dem Reiseführer und der Diamantenerbin?

TV
DIE BERGPOLIZEI
Unter wohlgescheiteltem Resthaar gucken immer noch die berühmten blauen Terence-Hill-Augen hervor.

Comments Keine Kommentare »

Ich habe eine Schwäche für Frauen.

Europa als Spielplatz für Verführung und Liebe, das Bollywood-Kontrastprogramm zu Eleanor Coppolas Paris kann warten, einer Amerikanerin erotischer Ausflug mit einem Bekannten von Cannes nach Paris.

In diesem Film von Imtiaz Ali muss Bräutigam Rupen in Indien warten. Auf der vierwöchigen Europatour, die er mit seiner Braut Sejal (Anushka Sharma) gebucht hat, hatte er ihr in Amsterdam bei einem Dinner den Heiratsantrag gemacht.

Sejal ist eine indische Schönheit und stammt aus einem Diamantenhandelshaus. Der Ring war zu groß. Der sollte nach ihrer Rückkehr in Indien angepasst werden.

Aber bald schon hat sie den Ring verloren. So kann sie nicht zurückfliegen. Sie verlässt die Reisegesellschaft und den Bräutigam, will unbedingt den Ring wiederbeschaffen. Sie tritt aus dem Flughafengebäude. Da kommt Harinder ‚Harry‘ Singh Nehra (Shah Rukh Khan) zupaß.

Der war froh, seine Mespoke von Touristen losgeworden zu sein. Auf der Tonspur singt er des Fremdenführers Einsamkeit, dessen Heimatlosigkeit und Leere. Harry ist dabei, das Flughafengelände mit seinem Cabrio zu verlassen. Da gestikuliert sich Sejal auf ihn zu, er müsse ihr helfen, den Ring wiederzufinden.

Er hat die Nase gestrichen voll von den Touristinnen, will sich auf nichts einlassen. Sie aber terrrorisiert seinen Chef so lange telefonisch, bis er aus Angst um seinen Job drauf eingeht, einwilligt, sie wenigstens in das Lokal zu begleiten, wo sie den Ring verloren haben will.

Dort ist der Ring nicht. Harry will einen Kollegen an seiner Stelle hinschicken. Nützt nichts. Er greift zur letzten Notwehr, um die Dame abzuschütteln, er sagt ihr, er müsse ihr etwas ehrlich und offen gestehen, er sei ein schlechter Charakter, er habe eine Schwäche für Frauen, Frauen seien bei ihm nicht sicher.

Die von ihm als naiv eingeschätzte Frau reagiert unerwartet, überreicht ihm einen Haftungsausschluss, von ihr unterzeichnet, sie sei Anwältin, darin stehe, dass, egal was zwischen ihnen passiere, er auf gar keinen Fall belangt würde.

So weit die Exposition, auf die ein abenteuerliches Roadmovie zu Zweit durch sehenswerte europäische Metropolen (Amsterdam, Prag, Budapest, Lisabon, Frankfurt) folgt mit ständigen Auf und Abs dieser Nicht-Beziehung-Beziehung, mit ständiger Umpolung des Anziehungs- und Abstoßmagentismus.

Der Film ist ein Starvehikel für den indischen Megastar Shah Rukh Khan und seine ihm ebenbürtige Partnerin Anushka Sharma. Ein Film, der Lebensfreude und Optimismus verbreitet und souverän auf der Klaviatur der Unentschiedenheit und schwierigen Entscheidungsfindung bei der nie ruhenden Suche nach Liebe spielt.

Reisen, Kidnapping, Verfolgungsjagden, Disco, Hochzeit eines Kollegen und Songnummern, das schweißt ungeahnt zusammen – aber ob das die Dinge klärt? Denn Diebstahl passiert wie Liebe – und das Diebesgut? (Wie eine chinesische Vase, schön, rein, zerbrechlich).

Comments Keine Kommentare »

Zur Musik von Händel lässt Michael Schindhelm, der Dokumentarist, die Kamera die Stufen zum Schloss Mauensee in der Schweiz emporschreiten.

In diesem auf einer Insel gelegenen Privatschloss findet sich eine sensationelle Sammlung zeitgenössischer chinesischer Kunst. Wie es dazu kam und wie es dazu kam, dass im Jahre 2019 in Hongkong 1500 Exponate dieser Sammlung in einem eigens von Herzog & DeMeuron entworfenen Museum ausgestellt werden, das erzählt Schindhelm in seinem Film im üblichen, modernen Dokumix aus Statements, Archivfootage, neuen Aufnahmen und hier mit dem Blick auf viele Kunstwerke gut verdaulich.

Sein Protagonist jedoch, Uli Sigg und seine Geschichte und Aktivitäten, die haben es in sich, ein ost-westlicher Diwan der Extraklasse, ein Kulturvermittler vermutlich von weltweiter Einzigartigkeit.

Die Geschichte fängt prosaisch an. Sigg war Wirtschaftsjournalist (über seinen familiären Background redet er nicht), hatte einen Job beim Schweizer Liftbauer Schindler. 1979 wollte die Firma das erste chinesisch-westliche Joint-Venture in China eingehen. Dafür schickten sie den Sigg nach China. Volltreffer.

Der kleine Mann erweist sich als Größe, als ein Mensch von Geduld und Weitsicht von Respekt und Menschlichkeit und wird später zum Entrepreneur und Art Collector.

Der Leitfaden für die Doku ist die Icherzählung von Sigg, manchmal sucht er mit dem Dokumentaristen frühere Wirkorte in China auf. Er gibt Anekdoten zum Besten. Er spricht von zehntägigen Auffsichtsratssitzungen, er meint, er habe die rückhaltlose Anerkennung der Chinesen dadurch erhalten, dass er sie immer habe ausreden lassen. Oder von einer 20stündigen Verwaltungsratssitzung berichtet er und nachher sei man zum Karaoke gegangen.

Er schildert die enormen Mühen und die Komplexität des Unternehmens, das schließlich zustande kam. Dass chinesische Mitarbieter in der Schweiz in Ebikon geschult wurden, dass sie mit den erlernten Fähigkeiten in China den Kollegen überlegen waren und sofort befördert wurden an Positionen, an welchen sie diese Fähigkeiten nicht mehr einsetzen konnten.

Er erzählt von den aufkommenden Studentenprotesten von 1989 und dem Tiananmen-Platz, dass die Revolte die Entwicklung um zehn Jahre zurückgeworfen habe, dass China im Westen plötzlich tabu war, dass Schindler nicht mal das zehnjährige Bestehen der Kooperation offiziell feiern durfte, dass er aber weiter an das Unternehmen glaubte und am Ausbau und der Zusammenarbeit festhielt.

Dann das urplötzliche Entstehen der chinesischen Konsumgesellschaft, die das Vakuum der verschwundenen Ideologie füllte.

1995 wird er als Quereinsteiger zum Botschafter der Schweiz in Peking. Als erstes habe er die westliche Kunst aus dem Botschaftsgebäude entfernt und angefangen chinesische Kunst zu suchen, wobei er Untergrundkunst dort offiziell nicht ausstellen konnte.

Nach seiner Botschafterzeit pflegte er weiter intensive Beziehungen zum Land, wurde immmer mehr zum Kunstsammler, war in verschiedenen Funktionen tätig.

Uli Sigg wird gezeigt als ein Mensch, der keine Show um sich macht, der sich für die Kunst und die Menschen interessiert, einer zu dem der Begriff Karrierist überhaupt nicht passt. So stellt es der Film plausibel dar, wie Sigg zwischen dem Riesenreich China und der hochindustrialisierten westlichen Welt einen wichtigen Kontaktkanal schuf, zum wichtigen Verständigungmedium wurde.

Von den Bildern, die er für das Museum in Hongkong teils geschenkt (1450) oder verkauft (150 für 22 Millionen) hat, verspricht er sich: Öffnung; dass Millionen Chinesen, die Hongkong besuchen wenigstens dort ihre eigene Gegenwartskunst, auch wenn sie nicht immer der Staatsräson entspricht, sehen können.

Ein Vermittler zwischen Kulturen, die sich sicher nicht auf Anhieb verstehen, und zwischen denen ständig weltpolitische Machtspiele knarzend zu vernehmen sind.

Was war das Dauerwellendekret? Das gab es in den 80er Jahren in China: es waren für die Frauen 5 Arten von Dauerwellen erlaubt. Und wie steht es mit der Gurkenverordnung der EU? Die gilt heute noch.

Comments Keine Kommentare »

Ein Mensch, der in der Schule noch das lateinische Alphabet gelernt hat und der jünger ist als die alten Ägypter mit ihren Hieroglyphen und der eine vage Vorstellung von Kino hat, kann hier nur das Stirnrunzel-Emotikon antippen – aber er dürfte auch nicht die Zielgruppe sein.

Ihm kommt es vor, als hätte hier ein ungehobelter Zufallsgenerator unbelastet auch nur von einem Minimum an künstlicher Intelligenz Regie geführt und sich pausenlos vergriffen in einer Wühlkiste aus Plotfetzelchen und Topos-Versatzsplittern, Sammelsuriums-Begriffen aus App-Clouds, Videospielen, Smartphones und dergleichen und bildnerischen Stilen und Surrogaten davon.

Eine Standardstory ist wohl angedacht mit der Hauptfigur Gene, die gesellschaftlich nicht recht funktioniert – der Film wird Gene zum Funktionieren bringen.

Das Beste an diesem „Film“ ist eindeutig die deutsche Synchro!

Comments Keine Kommentare »

Der Mensch ist nicht für Treue, Ehrlichkeit und Offenheit gemacht. Er braucht Geheimnisse, möchte aber trotzdem seine Beziehung nicht gefährden.

Davon geht Philippe Lacheau aus, der mit Julien Arruti und Pierre Dudan auch das Drehbuch geschrieben hat. Er erfindet zur Behebung dieses menschlichen Widerspruches das Start-up Alibi.com. Er selbst spielt den Chef Grégory Van Huffel.

Diese Agentur bietet Menschen ein hieb- und stichfestes Alibi, wenn sie vor ihrer Beziehung ein Geheimnis bewahren möchten, das muss nicht einzig der Seitensprung sein, das kann ein Lottogewinn oder der Besuch eines Fußballspieles statt einer Familienzusammenkunft sein. Für die jeweilige Alibibeschaffung hat Greg Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, auf die er sich verlassen kann.

Bis er selbst in die größte Bedrängnis gerät. Er verliebt sich aufgrund einer Pudelkollission in Flo (Elodie Fontan). Diese ist der Wirksamkeit des Komödienmechanismus zuliebe eine Juristin und auf absolute Wahrheit und Ehrlichkeit aus. Sie kann Lügen nicht ertragen.

Dass ihr Vater Jean-Claude (Didier Bourdon) gleichzeitig Kunde Gérard von Greg ist, um Alibis zu bekommen für seine Eskapaden mit der schwarzhaarigen, gutbusigen Cynthia (Nawell Madani), kann weder er, noch sein Vater wissen.

Perplex sind beide in dem Augenblick, wie Flo Greg bei ihrer Familie einführt. Daraus entwickeln sich bestens einsetzbare Komödiensituationen, ständig muss neu vertuscht werden, ein Pferd muss als Zebra angemalt werden und natürlich sammeln sich alle, die im Moment besser voreinander sich in Sicherheit bringen würden, in Cannes und drohen ständig, sich in verfänglichen und Lügen offenbarenden Situationen einander über den Weg zu laufen.

Lacheau inszeniert das in hoher Taktung, locker skizziert und runtergeschnetztelt, zack, zack, hemdsärmelig und grobkörnig zum schnellen Ablachen und die deutsche Synchron versucht nicht, das Original an Feinheiten zu übertreffen.

Der Film wimmelt vor Product-Placement und die Schauspieler scheinen auch in einem Schnellverfahren oder gar mit Würfeln zusammengestellt worden zu sein; da sie aber guten Komödienelan entwickeln, spielt das keine Rolle. Der Film will ja nicht die Wahrheit darstellen, er macht sich lustig darüber, was der Mensch alles unternimmt, um Wahrheiten zu vertuschen, wie weit zu gehen er dazu bereit ist.

Natalie Baye als Mutter von Flo bringt nach dem Aufdecken der ganzen Schwindeleien einen ehrlichen Ton an Verständnis für das allzu Menschliche in diesen Film.

Comments Keine Kommentare »

Bleibts von die offene Gräber weg!

Ein Rat, der wenig nützt, nicht in Bayern, wo die bayerische Art zum Charakteristikum gehört, die bayerische Art, mit der ein Ex-Ministerpräsident einst einen übertriebenen Polizeieinsatz verteidigte.

Dieser Film von Ed Herzog nach dem Drehbuch von Stefan Betz nach dem Roman von Rita Falk stimmt die Kino-Variante als Produkt für den Regionalmarkt des Lobliedes auf diese bayerische Art an.

Als deren typischster Vertreter und als Figur inzwischen nicht nur am Bauch gerundet entwickelt sich Sebastian Bezzel als der unverheiratete Franz Eberhofer und Polizist in Niederkaltenbach. Er lebt noch im Haus seins Vaters (Eisi Gulp), der gerne Joints raucht und in der Musik der 70er Jahre stehengeblieben ist und seiner Oma, die im Vergleich zum ersten Film deutlich derbere – dafür kräftiger pointenschlagende – Enzi Fuchs.

Die Seitenstory der Wiederbegegnung mit Omas aus den Augen verlorenem Geliebten Paul (Branko Samarovski) gibt dem neuesten Film der Reihe den Titel: die Grießnockerlaffäre, weil Paul alters- und gesundheitsbedingt nur Grießnockerl essen kann.

Einmal mehr schafft Franz es nicht, seiner Dauergeliebten Susi (Lisa Maria Potthoff) den definitiven Antrag zu machen – bis es so weit ist, dürften noch viele Folgen ins Land gehen.

In Niederkaltenbach kommt immer was dazwischen, denn alle Figuren, die sich schön weiterentwickeln, wollen ihren Auftritt: Sigi Zimmerschied, der mit Verzicht auf seine Solodarsteller-Allüren an Format gewinnt, genau so wie der Sohn von Metzger Simmerl (Stephan Zinner), Ferdinand Hofer mit seiner Autostory, eine Rosine im traditionell bayerischen Kuchen, der andererseits mit wunderbaren Frauenauftritten verfeinert wird, mit der Dauersphinx Nora von Waldstätten als Thin Lizzy, Ermittlerin aus München, oder der geheimnisvoll leidenden Russin Ivana (Lilith Stangenberg), die den schmierigen Kommissar Barschl (Francis Fulton Smith) geheiratet hat. Der stirbt tragisch eines unnatürlichen Todes.

Leider steckt in der Barschl-Leiche ein Klappmesser, das eindeutig dem Eberhofer Franz zuzuordnen ist, was erst mal, statt zu Aufklärung, zu noch mehr Rechtsbrüchen (auch ulkige, wie der mit dem Blumentrog und dem Verkehrskreisel) verleitet, denn der Franz soll jetzt behinderte Kinder von und zur Schule fahren, kann aber den Verdacht nicht auf sich sitzen lassen, da er es definitiv nicht war.

Die bayerische Volksstück-Tradition wird gewahrt und behutsam modernisiert: ein bayerischer Schlagersänger schwarzer Hautfarbe tritt auf, die Behinderten kommen als lustige Truppe vor und die Kinder von Franzens Bruder, die haben einen kräftig asiatischen Einschlag.

Für das katholische Lourdes-Motiv steht Annemarie Hausladen (Franziska Singer). Zur Beseitiung der letzten Klarheiten trägt Freund Rudi (Simon Schwarz) als Privatdetektiv bei. Es gibt halt Situationen, in denen sich der Gesetzeshüter aus pragmatischen Gründen gezwungen sieht, Gesetzesmacher nach eigenem Gusto zu werden, und wenn man schon ein schönes altes Polizeiauto mit Blaulicht hat, so soll dieses auch ab und an eingesetzt werden.

Dieser neueste Film der Reihe scheint mir der homogenste zu sein, die gut zusamengestellte Truppe hat offenbar an einem Strang gezogen, hat die Geschichte zum Protagonisten erkoren, was zu einem leichtfüßig unterhaltsamen Ergebnis führt.

Comments Keine Kommentare »

Gesetz des Clans.

Der Titel des Filmes beschreibt keine Handlung, er zielt auf einen Zustand. Wobei das Besondere an der Familie Culler ist, dass sie ihr eigenes Gesetz hat, das sie oft außerhalb des im Britischen Königreich in der Grafschaft Gloucestershire geltenden Gesetzes stellt.

Eine Familie, zu der wohl der Begriff Clan besser passen würde, so wie sie sich in einer Wagenburg abschotten. Ein hochaktueller Begriff insofern, als auch in Deutschland immer häufiger und besorgter die Rede ist von ganzen Straßenzügen in Berlin oder im Ruhrgebiet, die in der Hand beispielweise libanesischer Clans sind, in die sich die Polizei kaum hineintraut und in welchem die Gesetze des Clans gelten.

Hier im Film von Adam Smith nach dem Buch von Alastair Siddons ist wohl kaum auf solche Clans refereriert. Hier geht es darum, dem Vorurteil der Gesetzlosigkeit oder dem Sich-außerhalb-dem-Gesetz-Stellen zu begegen und den Gegenwert des Familienzusammenhalts warmherzig und humorvoll zu schildern.

Dafür sprechen die Besetzungen, die keine Antipathie aufkommen lassen, denn sie geben die Familienmenschen überzeugend: Brendan Gleeson als Opa und Oberhaupt der Familie, der schaut, dass die Gesetze des Clans befolgt werden, dass die Maxime, nicht erwischt zu werden, in Fleisch und Blut auch der nachfolgenden Generationen übergeht.

Der nach wie vor blendend aussehende Michael Fassbender als dessen Sohn Chad, der mit Kelly (Lyndsey Marshal) den Sohn Tyson hat, Schulbub, und das ist das Besondere, dass sie ihren Sohn zur Schule schicken, das macht den Opa misstrauisch, lässt ihn spüren, dass Chad den Ausbruch aus dem Clan in die Welt plant.

Ist es eine Falle ist, die der Opa ihm und seinen Einbrecherkumpels stellt, einen Bruch in einem Landhaus zu wagen, in dem kostbare Uhren zu holen sind? Der geht schief, so dass Chad von der zahlreichen, ihn verfolgenden Polizei inklusive Hubschrauber fast erwischt wird, wenn er nicht die Technik gegen Wäremkameras beherrschen würde, sich unter einer Kuh zu verstecken.

Der Boden wird heißer für den Clan. Die ganze Gegend weiß um dessen Tun, nur fehlt es der Polizei an Beweisen. Mit der liefert sich der Clan Verfolgungsjagden, während denen Chad seelenruhig an eine Tanke fährt, um sich Zigaretten zu besorgen.

Erkennbar ist der Filmemacher Sympathie für solches Außenseitertum, die wohl nicht gleichgestellt werden darf mit einer Sympathie für Gesetzesbruch.

Im September kommt „Schloss aus Glas ins Kino“, eine Literaturverfilmung, die auch von so einer Außenseiterfamilie handelt.

Der Film macht auf mich einen unfertigen Eindruck durch eine unglaublich fahrige Kamera, die sich vielleicht selbst vom Gesetz ordentlicher Kinovermittlung gegängelt fühlt. So wirkt der Film lediglich wie eine Skizze, ein Schnell-Schnell-Video, denn auch am Licht wurde kräftig gespart, wenig Aufwand scheint für künstliches Licht betrieben worden zu sein, ja es stellt sich mir durch diese nervös-unkontrollierte Kamera und auch durch das Herunterspielen von Ausstattung und Kostüm teils der Eindruck ein, es handle sich lediglich um ein schnelles Making-Of „Das Gesetz der Familie“, das unterm Strich nichts anderes als den Zusammenhalt der Familie lobt. Die deutsche Synchro ist straff und zweckdienlich.

Comments Keine Kommentare »

Ein Naturfilm, ein Tierfilm, ein Kriegsfilm, ein Survivalfilm, ein Kommunikationsfilm, der davon überzeugt ist, dass das Unglück auf der Welt vom Menschen stammt und dass die Affen friedlich sind. (Planet der Affen: Revolution)

Das Unglück haben die Menschen mit ihren Experimenten mit dem Simian-Virus ausgelöst. Die Städte sind unbewohnbar geworden. Im Dschungel gibt es überlebende Gruppierungen von Affen und von Soldaten.

Menschen und Affen im Dschungel sind sich spinnefeind, vor allem der Colonel (Woody Harrelson) ist ein Kriegstreiber der miesen Art. Es gibt auch Verräter-Affen, die sich ihm andienen und der Affenresttruppe unter Caesar (Andy Serkis) das Leben schwer machen, sie angreifen und töten oder zum Arbeitsdienst zwingen wollen.

Dieses Sequel in der Regie von Matt Reeves nach dem Drehbuch von Mark Bombak, Rick Jaffa + 2 geht noch weiter, es holt sich Anleihen aus der christlichen Leidensgeschichte, arbeitet mit Auspeitschungen und Kreuzigungen, auch das Exodus-Bild wird es später bemühen.

Caesar dagegen will nur Frieden. Er leidet selber unter den Angriffen, seine Frau und ein Sohn sterben dabei. Nur sein jüngster Sohn Cornelius wird überleben.

Ein Naturfilm: er spielt überwiegend im Dschungel, ein gewaltiger Wasserfall und eine Höhle für die Affen geben allein großartige Kulissen ab, die auch filmisch geschickt eingesetzt werden. 3D ist ganz passabel.

Die Inszenierung von Matt Reeves konzentriert sich auf eine Kommunikation der leisen Töne. Sowieso ist die Kommunikation der Affen untereinander und auch mit dem Menschen von wunderschönen, sorgfältig gearbeiteten Gebärden unterstrichen.

Ein Kriegsfilm, indem speziell in der ersten Sequenz mit Pfeil und Bogen gegen Gewehrsalven gekämpft wird und gegen das sich ziehende Ende hin regnet es Flugzeuge vom Himmel, das ist des Unguten zuviel.

Ein Survivalfilm. Caesar begibt sich mit einer kleinen Truppe von Getreuen, die sich unterwegs noch um ein Menschenmädchen (die verleitet die Filmemacher am Ende zu starker Sentimentalität) und einen ehemaligen Zooaffen als Skurrilfigur, der in der Wildnis überlebt, erweitert. Caesar will den Colonel aufsuchen und eine Lösung finden.

Da die übrigen Affen alle in dessen Gefangenschaft geraten sind und Zwangsarbeit in einem Steinbruch verrichten müssen, wird der Film um eine Variante der Spartakus-Geschichte mit dem christlichen Heilsgeschichte angereichert, wodurch er sich in die Überlänge zieht, vielleicht auch hier eine Vorgabe der Manager, die sich von Überlänge plus 3-D ein besseres Einspielergebnis und damit die bestmögliche Platzierung am Startwochenende versprechen, die wiederum einem Werbeeffekt gleichkommt.

Die Coca-Cola-Werbung auf einem Schrotteisenbahnwaggon mit historischer Patina versehen wirkt raffiniert platziert. Den Begriff des Heiligen Krieges haben die Autoren auch noch zeitgemäß in das Drehbuch reingepackt.

Gute Charakterzeichnungen der Figuren, besonders Caesar überzeugt als redliche Führerfigur. Aber durch das aus dem Plot nicht zwingend sich ergebende storymäßige Zerdehnen der Geschichte wirkt die an sich schöne Machart plötzlich wie selbstgefälliger Manierismus.

Comments Keine Kommentare »

Kinoüberraschung aus der Schweiz.

1971. Schweiz. Auf dem Lande. In einem kleinen Haus. Es ist Abend. Die Mutter liegt im Bett. Ihre beiden aufgeweckten Buben liegen um sie herum arrangiert. Vor ihnen eine drehbare Weltkugel. Die Mutter schließt die Augen. Die Buben drehen die Kugel. Und wenn die Mutter sagt „jetzt“, dann halten sie die Kugel an. Die Mutter tippt blind mit dem Finger auf die Stelle vor ihr. Es ist der Pazifik, der Stille Ozean. Dort leben Fische in großer Tiefe. Die sehen nie das Licht, nie die Sonne.

Eine Szene, die gleich Mehrfaches erzählt, dass es hier um eine Grundsituation des Geschichtenerzählens geht und in der Geschichte selbst um ein Wesen im Dunkeln, das ans Licht möchte, zu verstehen als Symbol von Menschwerdung und Emanzipation, mithin von Freiheit.

Gleichzeitig präsentiert sich uns die wunderbare Protagonistin, Marie Leuenberger als Nora, um die sich die Geschichte dreht, die den Plot aus der Schweizer Geschichte holt.

Der äußere, politische Motor ist die eidgenössische Volksabstimmung über die Einführung des Frauenstimmrechtes. Der private Motor von Nora ist ihr Wunsch, wenigstens halbtags zu arbeiten nebst ihrer familiären Funktion als Hausfrau und Mutter. Sie hat eine Ausbildung als Reisekauffrau hinter sich und möchte nicht als Heimchen vorm Herd versauern.

Ihr Mann Hans, Max Simonischek, ist strikt dagegen. Er sieht das Gesetz auf seiner Seite. Ferner ist er eben in der Schreinerei, in der er arbeitet, von seiner Chefin, Frau Dr. Wipf (Therese Affolter), zum Abteilungsleiter befördert worden, das sind 150 Franken mehr im Monat.

Frau Dr. Wipf ist in diesem Themenzusammenhang eine interessant-groteske Figur: sie selber führt den Sägereibetrieb als Frau und wie ein General, aber genauso generalstabsmäßig ist sie strikt gegen die Einführung des Frauenstimmrechtes – wer weiß, was ihr fehlt im Leben. Aber der Film von Petra Blondina Volpe, die umsichtig das Drehbuch entwickelt und geschrieben hat, macht sich nicht lustig darüber, denunziert in keiner Sekunde, der Zuschauer kann sein Teil denken.

Zur Entwicklung tragen weitere, ausgezeichnet besetzte und geführte Figuren aus der Umgebung dieser Familie bei: die großartige Sibylle Brunner als Ex-Wirtin vom Bären, die immer schon für das Frauenstimmrecht war, die jetzige Bären-Wirtin Graziella (Marta Zoffoli), Theresa (Rachel Braunschweig) und ihre unangepasste, wilde Tochter Hanna (Ella Rumpf), die als „Dorfmatratze“ verspottet wird, der Ehemann von Theresa, Werner (Nicholas Ofczarek), und die mehrbessere Magda (Bettiny Stucky), die jedoch Einfluss hat, weil sie einen Herrn Doktor geheiratet hat.

In klaren Szenen mit storydienlichen Dialogen – nebst gut beobachteten alltäglichen Kleinigkeiten, wie zum Beispiel Vroni bei einer Versammlung einschläft und dann ganz erschrocken aufwacht, ob die Abstimmung schon gelaufen sei – führt Volpe die Entwicklungen vor, die dazu führen, dass die Frauen anfangen, sich auszutauschen über das Thema, dass sie nach Zürich fahren zu einer Demo für das Frauenstimmrecht und gleich noch zu einem Workshop für Frauen zur Entdeckung ihrer Lust, zum Finden der weiblichen Kraft, zum Kennenlernen der eigenen Vagina und deren Varianten vom Schmetterling über den Tiger bis zum Silberfüchslein.

Dem Fortgang der Geschichte kommt auch die Institution der Milizarmee zugute, in der die Männer jährlich einige Wochen zum Wiederholungskurs einrücken müssen. So ist Hans für einige Zeit abwesend von zuhause und die Gedanken der Frauen können ungehindert gedeihen. Gleichzeitig lässt die Filmemacherin den Zuschauer immer spüren, dass es eine Geschichte ist, die gut ausgehen wird.

Gedreht wurde im Kanton Appenzell Außerrhoden in der Gemeinde Trogen, in der bis zum Jahr 1989 noch die reine Männerlandsgemeinde stattgefunden hat (im Youtube-Clip gibt’s noch ein Nein zum Frauenstimmrecht!). Während die schweizweite Abstimmung ein Ja von Ständen und Volk erhalten hat.

Eine ans Herz rührende Lektion in Emanzipation, Ermutigung, sich gegen Unterdrückung zu wehren und wie Mut sich auszahlt gegen Gespött und Mobbing und für die Selbstbestimmung des Menschen, eine allgemeingültige Emanzipationsgeschichte, ein Bericht über das Artikulieren von Rechtsgefühl, wenn es auch gegen das herrschende Gesetz ist, auch ein Votum gegen Vorurteile.

Das ist eine der hervorragenden Qualitäten dieses Filmes, dass der Weg der Selbstbsetimmung prima verständlich und mit Empathie nachvollziehbar ist, sie rührt an Urmenschliches, an die Würde des Menschen, die er nur erlangt, wenn ihm Recht wiederfährt und er dies auch verlangt.

Comments Keine Kommentare »